Albina, das Blumenmädchen
Caroline Reinhold
Anmerkungen zur Transkription #############################
Der vorliegende Text wurde anhand der 1826 erschienenen Ausgabe möglichst originalgetreu wiedergegeben. Einzelne Begriffe mit offenbar vertauschten (z.B. n/u) oder überflüssigen Zeichen wurden stillschweigend korrigiert. Altertümliche und regionale Ausdrücke wurden beibehalten, ebenso Inkonsistenzen und Wortvarianten sowie eine inkonsequente Groß- und Kleinschreibung.
Im Originaltext wurden die Anführungszeichen "umgekehrt" gesetzt, d.h. öffnend: Anführungszeichen oben; schließend: Anführungszeichen unten. Entsprechend werden in diesem Text «romanische Guillemets» verwendet; alle Anführungszeichen der wörtlichen Rede wurden sinngemäß ergänzt. Die übrige Zeichensetzung wurde nur in den Fällen abgeändert, in denen sonst der Sinn des Textes verfälscht würde.
Die folgenden Passagen wurden korrigiert:
# S. 10: "Dorothe" --> "Dorothea" # S. 23: "Langengenheim" --> "Langenheim" # S. 43: "bemüthe" --> "bemühte" # S. 104: "ein (welcher" --> "ein, welcher" # S. 130: "Z. b." --> "Z. B." # S. 207: "vorgetragen" --> "vortragen" # S. 242: "daß ich ich": doppeltes Wort entfernt
Die Originalvorlage wurde in Frakturschrift gesetzt. Gesperrte Passagen werden in diesem Text von Tilden umgeben (~gesperrt~), Antiquaschrift wird durch Unterstriche hervorgehoben (_Antiqua_).
Albina
das
Blumenmädchen
von
Constanze Reinhold.
Neue, wohlfeilere Ausgabe.
Nürnberg, 1826.
bei Heinrich Haubenstricker.
Albina
das Blumenmädchen
von
Constanze Reinhold.
«Lieber Herr! wollen Sie nicht Blumen kaufen?» rief eine süße Kinderstimme dem Secretair Langenheim nach, welcher mit einem Bund Acten unter dem Arm schnellen Schritts über den Markt eilte, um auf das Rathhaus zu gehen. Unwillig über den Aufenthalt, da ihn schon zu Hause der Schlag der Stunde, die ihn zur Session rief, überrascht hatte, blickte er um, und gewahrte ein liebliches Mädchen von ungefähr 9 Jahren mit einem Körbchen zierlich geordneter Blumen, welche sie ihm wiederholt mit so anmuthiger Freundlichkeit anbot, daß auch Langenheim sie freundlich anhören mußte. Er suchte Nelken, Granaten und jelänger jelieber zu einem sinnigen Strauß für sein junges Weibchen zusammen; indem schlug die Uhr wieder. Er wirft hastig dem Mädchen die Blumen wieder in den Korb, und bestellt sie nach dem Mittagessen in seine Wohnung, die er ihr genau bezeichnet. Halb ausser Athem kommt er in's Session-Zimmer und der Direktor läßt ihn über sein längeres Aussenbleiben so heftig an, daß er -- aus Aerger, bleich bis in die Lippen -- nicht im Stand ist, seinen Verdruß zu unterdrücken.
Der Direktor des Stadtgerichts zu E* war Langenheims erklärter Feind, die Secretairstelle hatte dieser seinem Kammerdiener Haßlieb gewünscht und zugesagt; aber Langenheim erhielt sie durch Stimmenmehrheit, welche ein würdiges Mitglied des Raths, der den jungen Mann schätzte und begünstigte, für ihn geworben hatte. Dies trug ihm Hainau (so hieß der Direktor) immer nach und er und sein ränkevoller Diener warteten sehnsüchtig auf eine Gelegenheit, Langenheim ihre ganze Rache ungestraft fühlen zu lassen; jedoch seine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, sein unbescholtenes Betragen, vereitelten alle deshalb geschmiedeten Plane. Welche bösartige Freude empfand daher Hainau, als er dem Secretair, wegen seines Verspätens recht empfindlich seine Uebermacht fühlen lassen konnte. Er überschritt dabei so sehr alle Gränzen und wurde so beleidigend, daß Langenheim gereitzt, auch etwas heftig sich zu verantworten suchte. Dies war ein großes Vergehen in den Augen des stolzen Direktors; welcher verlangte, daß der Untergeordnete sich, wenn man wolle, mishandeln müsse lassen, ohne zu wiedersprechen. Der Vorgang erregte endlich Spaltungen unter den Gliedern des Raths. Der eine Theil war auf des Direktors Seite, der andere und größere aber, auf der des Assessor Freibergs, welcher Langenheims Gönner war und sich auch diesmal seiner lebhaft annahm. Es entsteht eine allgemeine Bewegung und die Sitzung wird aufgehoben.
* * * * *
Voll trüber Ahnungen kam der Secretair nach Haus und theilte seiner Gattin den Vorgang mit. Therese, welcher das Glück zufällige Reichthümer versagt hatte, besaß dagegen einen weit größern Schatz in Geist und Herzen, und eine unendliche Fülle der Liebe für ihren Albert. Auch jetzt verstand sie es, den Betrübten aufzurichten und das, in ihrem Herzen herrschende Vertrauen auf die Vorsehung, recht lebendig in dem Seinigen zu erwecken; und das einfache Mittagsmahl wurde darauf mit so viel Ruhe und Zufriedenheit verzehrt, als wäre nichts unangenehmes vorgefallen. Nach Tisch kam das holde Kind mit den Blumen. Ihr bescheidener Anstand, ihr kindliches zutrauliches Wesen, so wie die regelmäßigen Züge ihres freundlichen Gesichtchen bezauberten die Gattin. Albina (so hieß das Mädchen) wurde von ihnen mit Liebkosungen überhäuft und für den gewählten Strauß reichlich beschenkt. Sie sollte erzählen: allein sie wußte nichts zu sagen: als daß sie ein Findling und das Pflegkind braver aber unbemittelter Leute sey, welche, aus Frankreich emigrirt, den Garten einer vornehmen, jedoch sehr kargen Herrschaft besorgten. «Noch sechs eigene Kinder und ich machen dem guten Vater Paul viel zu schaffen, und es ist recht traurig, daß ich ihm auch zur Last fallen muß» setzte das Mädchen am Schluße hinzu und dabei füllten sich ihre sanften blauen Augen mit Thränen und der niedliche Mund verzog sich zum schmerzlichen Weinen -- Therese fühlte sich bei dieser Erzählung tief bewegt: denn sie wußte aus Erfahrung was es hieße: arm zu seyn. Mit ihrer Händearbeit hatte sie sich als elternlose Waise mehrere Jahre auch sehr kümmerlich ernährt, bis ihr günstiges Geschick sie in den Dienst einer trefflichen Dame brachte, welche sich auf eines ihrer Güter zurückgezogen hatte, um daselbst den frühen Tod eines heißgeliebten Gattens zu betrauern und hier in ländlicher Stille sorgte sie für die Ausbildung der natürlich guten Anlagen Theresens (welche sie wie eine Tochter liebgewann und mütterliche Zärtlichkeit ihr schenkte) mit der größten Treue. Langenheim, der mit Theresen verwandt, in Familien-Angelegenheiten sie zu sprechen genöthiget war, suchte sein Bäschen auf; er fand in ihr ein so vorzügliches Wesen, daß er sich mit dem festen Entschluß von ihr trennte: ein Amt zu suchen, das ein Paar Menschen, welche ihr Glück nicht in zeitlichen Ueberfluß setzen, ernähren würde und dann Theresen als Weib heim zu holen. Dies geschah als er die Secretairstelle erhielt; denn auch bei ihr hatte der gebildete innige Mann einen bleibenden Eindruck gemacht und sie folgte ihm gerne. Ihre gütige Gebietherin stattete sie reichlich aus und durch weise Sparsamkeit und Fleiß war es ihnen bei der ziemlich unbedeutenden Einnahme des Mannes doch möglich: recht ordentlich auszukommen, ja noch Etwas übrig zu behalten.
* * * * *
Der Nachmittag jenes verhängnisvollen Morgen war einladend schön, Therese bemerkte wieder einige leichte Wolken auf ihres Gatten Stirne; freundlich trat sie daher zu ihm an den Schreibtisch und sagte: «wie wäre es mein Albert, wenn wir ein Bischen ins Freie giengen? In Gottes herrlicher Natur vergißt man leichter die für uns schmerzlichen Folgen der Verirrungen seiner Menschen, als in den engen Mauern!» Langenheim zog die treu besorgte Gattin an sein Herz und dankte ihr mit einem innigen Kuße; packte dann seine Schreibereien zusammen und wandelte mit ihr zur Stadt hinaus. Unterwegs kam das Gespräch wieder auf Albinen und es wurde beschloßen, den Garten aufzusuchen, wo sie sich aufhielt, um auch ihre Pflegeltern kennen zu lernen. Albinens Freude war unbeschreiblich als sie hinkamen und geschäftigt reinigte sie mit ihrer Schürze den besten Stuhl im kleinen Stübchen, um ihn Theresen zum Sitz anzubiethen. Doch sie und ihr Gatte zogen vor, in dem schön angelegten großen Garten zu gehen. Hier erfuhren sie nun in der Unterhaltung mit den wackern Gärtnersleuten: daß Albina als ein Kind in Windeln vor die Gartenthür in einen Korb gesetzt worden sey. «Als meine Dorothea, erzählte der Mann, sie am Morgen entdeckte, machte sie den Besitzern des Gartens die Anzeige davon: allein diese schickten sie höchst aufgebracht mit dem Kinde wieder fort. Mir war es unmöglich, das arme Würmchen weinen zu hören und mich seiner nicht anzunehmen; ich ließ ihr die h. Taufweihe und den Namen Albina geben und zählte sie in Gottesnamen zu meinen Kindern, mit denen ich trotz meines ärmlichen Einkommens noch nicht erhungert bin.» «Gott segnet jede gute That braver Mann!» sagte Langenheim gerührt, «aber, ist denn Albina des christlichen Werks, das an ihr geübt wurde werth?» setzte er fragend hinzu (diese war mit seiner Gattin und mit Dorothea in eine Seitenallee gegangen, um Theresen einen herrlichen Nelkenflor zu zeigen) da glänzten des Mannes Augen vor Freude und er rief aus: «Lieber Herr! mein Lebtage hab ich kein Kind gesehen, das ihr gleichkommt! so fleißig, so einsichtsvoll, so engelgut! -- weil sie sieht, wie wir uns absorgen, getraut sie sich kaum satt zu essen, immer müssen wir ihr zureden. Dabei strengt sie unermüdet ihr bischen Kraft vom frühen Morgen bis an den Abend an, um uns in allem beizustehen, uns alles zu erleichtern. Sehen Sie, vorhin kam sie beinahe athemlos gelaufen und mit einem Gesicht, das die Freude glühroth gefärbt hatte, zählte sie der Mutter und mir das Geld vor, womit sie von Ihnen beschenkt wurde; dann gieng sie in ein Winkelchen der Stube, faltete die Hände und betete stille. Gewiß hat sie für Sie gebetet. Ja, ja, sie ist ein liebes Kind! Gott sey mit ihr!» so endigte Paul und große Thränen träufelten ihm über die braune Wange. Als Langenheim auf dem Rückweg der Gattin das Gespräch mit dem Gärtner mittheilte, sagte diese: «ach, was könnte aus diesem Mädchen bei einer sorgfältigen Erziehung werden! wie glücklich würde ich mich dünken, wenn ich Mutterstelle bei ihr vertreten könnte! doch will ich wenigstens thun was ich vermag mit deiner Beistimmung lieber Albert, Albinen zuweilen zu mir kommen lassen und sie in weiblichen Arbeiten unterrichten.» Langenheim willigte gerne ein und Albina konnte immer die bestimmten Tage kaum erwarten, an welchen sie einige Stunden Theresens gründlichen und liebevollen Unterricht genießen durfte.
* * * * *
Der Direktor Hainau welcher bei der Regierung viel Gewicht hatte, bewirkte durch eine schwarze, durchaus unwahr entworfene Darstellung, in welcher Langenheim als träg, unbrauchbar und anmaßend geschildert wurde, wirklich dessen Amtsentsetzung. Sie kam nach 14 Tagen und beugte jenen tief. Therese mußte ihre ganze Seelenstärke aufbieten, um theils sich selbst zu trösten, theils ihren Gatten vor gänzlicher Muthlosigkeit zu sichern. Nächte vergiengen schlaflos, langsam und düster schlichen die Tage vorüber und Langenheim konnte zu keinem Entschluß kommen. Endlich gab er Theresens Bitten nach, besiegte die ihm eigene Aengstlichkeit und gieng zu seinem Gönner, dem Assessor Freiberg. Mit herzlicher Theilnahme versicherte ihn dieser, daß, sobald er von seinem traurigen Schicksal gehört habe, er sogleich einem bedeutenden Freund an dem Sch*schen Hof geschrieben, denselben Langenheim geschildert und ihn gebetten habe, bei der ersten Dienststelle die sich eröffnen und die er für jenen passend finden würde, sich seiner zu erinnern. -- Die Fürsorge dieses würdigen Mannes, hatte den günstigsten Erfolg.
Die schleunige Rückantwort des Finanzrath Volkmar's (dies war Freibergs Freund) enthielt den Ruf an Langenheim zur eben vacanten Secretairs-Stelle in jenem Fache, und die Aufforderung sich unverzüglich an den Ort seiner Bestimmung zu begeben. Der Assessor eilte mit dieser frohen Botschaft ungesäumt zu seinem Günstling und fand sich für seine schöne That reich belohnt in dem wiederhergestellten Glück der gerührten Gatten, welche keine Worte finden konnten, ihre Gefühle auszudrücken.
Albina war gerade zugegen, als Freiberg den Brief vorlas; ihr entfiel das Strickzeug als sie von Langenheims baldiger Abreise hörte; endlich entfernte sie sich. Als nun der gütige Freund weggegangen und die ersten Ergießungen der Herzen zwischen den Ehegatten vorüber waren, vermißte man Albina. Therese fand sie im kleinen Hofraum, den sie händeringend durchschritt und dabei laut weinte. «Was hast du denn Kind?» frug jene. «Ach ich kann es nicht ertragen, wenn ich Sie nicht mehr sehen soll; antwortete schluchzend das Mädchen, gewiß ich bin recht, recht unglücklich!» «Sey ruhig Kleine, es wird sich geben!» sagte Therese beschwichtigend und führte sie ins Zimmer zurück, nahm ihren Gatten beiseite und das Resultat ihres kurzen Gesprächs war -- Albinen mitzunehmen. Bei der größern Einnahme, zu welcher sie die Aussicht hatten, schien es ihnen ausführbar sich um Albinen auf diese Weise verdient machen zu können. Des Mädchens Entzücken, als ihr dies kund gethan wurde, überstieg alle Beschreibung; sie jubelte laut, fiel einmal Theresen, dann wieder ihren Gatten um den Hals und gelobte eine recht gute Tochter zu werden.
Rührend war Langenheims Abschied von seinem für ihn so treubesorgten Freund; noch rührender Albinens Trennung von Vater Paul und Mutter Dorothea. So sehr beide mit freudiger Theilnahme einsahen, daß jener ein weit glücklicheres Loos zu Theil werden würde, als sie je bei ihnen hoffen konnte, so sehr sie mit Dank erkennen mußten, eine Kostgängerin weniger zu haben: so war ihnen doch das liebe Pflegkind so theuer, daß der Abschied sie recht tief betrübte. Auch Albina war sehr bewegt und konnte nicht aufhören den guten Eltern für alle Wohlthaten zu danken. «Ihr habt mir das Leben gerettet» sagte sie, «ihr habt mich christlich erzogen, und was ich bin, ist Euer Werk!» so war es auch. Die Leute waren von keiner gemeinen Herkunft und so genoßen ihre Kinder, mit ihnen auch Albina, eine bessere Erziehung, als bei andern ihres Gleichen gewöhnlich der Fall ist. Letzteres hatte mit den größern Geschwistern vom Vater Paul in den langen Winterabenden und an Sonntägen fertig lesen, schreiben auch rechnen gelernt und war durch Lehre und Beispiel der wackern Pflegeltern in allem Guten bestärkt worden, wozu sie die natürliche Anlage schon hatte.
* * * * *
Langenheims Aufenthalt in der Residenzstadt D* war äußerst angenehm und vortheilhaft. Die gewissenhafte Pflichttreue, der redliche Charakter und das untadelhafte Betragen des Mannes, so wie die bescheidene Sitte, das ungeheuchelte Wohlwollen und die äußere Anmuth Theresens wurde anerkannt und sie deswegen geschätzt und vorgezogen. Nicht lange, so erhielt Langenheim einen höhern Posten und noch waren nicht ganz 4 Jahre verfloßen, als er mit einer ansehnlichen Besoldung in die Stelle eines abgehenden Finanzraths einrückte. Wohl macht man zuweilen die Erfahrung, daß verbesserte Glücks-Umstände, vermehrter Reichthum und erhöhter Rang einen nachtheiligen Einfluß auf den menschlichen Charakter äussern: doch ist dieß nur ~da~ der Fall, wo man die ~Urquelle~ alles Guten auf der Welt leichtsinnig vergeßen kann und wo ein falscher Wahn herrscht, der jenen vergänglichen Dingen einen Werth beilegt, welchen sie durchaus nicht haben und den sie erst durch die Anwendung erhalten. Bei Langenheims war es anders: sie blieben nicht nur die guten unverdorbenen Menschen, die sie waren, sondern sie strebten vielmehr unabläßig nach einer immer höheren Stufe der Verfeinerung und Vervollkommnung. Ohne sich zuzudrängen nahmen sie die Aeußerungen wahrer Achtung dankbar und aufrichtig erwiedernd an, waren gleich weit von lächerlichem Hochmuth und niedriger Kriecherei entfernt und benahmen sich so wohl gegen Vornehmere würdevoll, als gegen Geringere freundlich. In ihrem Hause fand jeder, der für das Schöne und Anständige Sinn hatte, vollkommne Befriedigung, jeder Besuchende herzliche Aufnahme, jeder Unglückliche Theilnahme und Trost und -- was die Hauptsache war -- ein ~frommer~ Sinn heiligte dies alles, theilte sich allem mit, was mit Langenheims in Berührung kam und zeigte sich auch in der, ohne ängstliche Scheu pünctlichen Ausübung äusserlicher gottesdienstlicher Handlungen. In solchen Umgebungen und unter einer solchen Leitung wurde Albinens Geist und Herz auf die vorzüglichste Weise ausgebildet. Langenheim ließ sie von den besten Lehrern in allen Wissenschaften und Künsten unterrichten, welche einem Mädchen nothwendig sind, die späterhin einen Gatten beglücken, in weiche Kinderherzen den Saamen alles Schönen und Guten streuen, und auch selbst in freundschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen eine erfreuliche und vortheilhafte Rolle spielen will. Therese ließ sie an allen häuslichen Beschäftigungen Antheil nehmen, und konnte ihr bald einen großen Theil der Führung ihres Hauswesens überlassen. Das Beispiel der anspruchslosen und doch so verdienstreichen Pflegemutter leuchtete ihr auf ihrem heitern Jugendweg voran und so wurde sie, ohne daß sie es wußte, eines der vorzüglichsten weiblichen Geschöpfe und glaubte: sie könnte nun gar nicht anders denken, handeln und seyn. Ihre Vorzüge und ihre dankbare innige Liebe zu ihren Wohlthätern ließ diese leichter das Glück verschmerzen, das ihnen die Vorsicht versagte, eigene Kinder zu besitzen.
Langenheim folgte in D* -- wo eigentlich der Sammlungsort der schönen Künste und Wissenschaften so wie ihrer Priester und Jünger ist -- selbst einer frühern Neigung und erhöhte durch häufigen Umgang mit Künstlern und Kunstfreunden sein natürliches Gefühl dafür, schärfte sein Urtheil, verfeinerte seinen Sinn, vermehrte seine Kenntniße und überließ sich oft solcher reiner Genüsse. Sein Haus, das jedem Gebildeten offen stand, bekam den Ruf, daß Virtuosen und Künstler vorzüglich darinnen willkommen wären, und so wurde es von Einheimischen und Fremden fleißig besucht. Nur 2 der holden 9 Schwestern: Melpomene und Thalia konnten sich keiner freundlichen Duldung bei Langenheims erfreuen. Alles, was auf das Theater Bezug hatte, war ihm zuwider und in dem sonst heitern und offenen Wesen des Mannes gieng eine sichtbare Veränderung vor, wenn irgend ein Gespräch oder ein anderer Zufall seine Blicke auf jene Art der öffentlichen Unterhaltung hinlenkte. Therese gewohnt immer den Wunsch ihres Alberts gemäß zu handeln, äusserte nie einen Wunsch nach dem Genuß jenes Vergnügens und so blieb das dortige berühmte Theater von Allen unbesucht.
* * * * *
An einem Abend hielt ein Reisewagen vor Langenheims Wohnung, Baron Volkmar, der Freund des Assessor Freibergs stieg mit seiner Tochter Eugenia aus und kündigten sich als Gäste bei ihnen an. Er war ehedem bei Hof angestellt, und war derjenige welcher auf des Assessors Fürsprache, Langenheim eine Anstellung in D* verschafft hatte, aber noch ehe dieser an seinen neuen Aufenthalts-Ort kam, erhielt jener den Ruf als Präsident in eine entfernte Kreisstadt. Welche Verpflichtung fühlten die Gatten, dem achtungswürdigen Manne ihre innige Dankbarkeit durch das rücksichtsvollste und aufmerksamste Benehmen zu beweisen! -- Am andern Tag kam beim Mittagsessen die Unterhaltung auf das Theater und es sprach sich bei dem Präsidenten und seiner Tochter eine leidenschaftliche Vorliebe für dasselbe aus. Ersterer beklagte sehr, diesen Abend durch eine andere Einladung abgehalten zu seyn ins Schauspiel zu gehen und Langenheim mußte den Pflichten eines gefälligen Wirthes seine Abneigung zum Opfer bringen und Eugenien durch seine Gattin und Albinen ins Theater begleiten lassen. Es wurde Müllners Schuld gegeben. Eine fremde Schauspielerin trat in der Rolle der Elwire auf und rieß durch die Kunst ihres Spiels das Publikum zur Bewunderung hin. Die Leiden eines wunden Gewissens stellte sie mit so furchtbarer Natürlichkeit dar, daß jedes Gemüth und vorzüglich Albinens im Innersten ergriffen wurde. Sie verbarg sich einigemal an Theresens Busen und flüsterte in heftiger Bewegung: «Ach Mutter! Mutter! ich möchte vergehen!» Der Anblick der Schauspielerin erregte ein Gefühl in ihr, für das sie keine Worte hatte. Verließ jene die Bühne so war Albina zerstreut und wünschte sie wieder, ja immer zu sehen; trat sie auf, so war dem Mädchen so wohl, so weh, daß sie mit sich zu kämpfen hatte, um nicht die Aufmerksamkeit Anderer auf sich zu ziehen.
Therese schrieb ihr Benehmen der Neuheit des Gegenstands zu und ermahnte im Nachhausgehen Albina leise: dem Vater nichts von dem Eindruck zu sagen, welchen der erste Genuß des Schauspiels auf sie gemacht hatte, es möchte ihm Verstimmung, und ihr seinen Tadel zuziehen.
Bei dem 2ten Debüt der Schauspielerin ward Langenheim von Volkmar aufgefordert, mit ihm das Theater zu besuchen. Er konnte nicht ausweichen ohne unartig zu seyn. Das Schauspielhaus war gedrückt voll; selbst in der Loge, wo sie sich befanden waren mehr Personen als eigentlich seyn sollte. Auf diese Weise blieb Langenheim ganz hinten an der Thüre stehen: jedoch als die Schauspielerin auftritt und einige Worte spricht, drängt er sich vor, wirft einen Blick auf die Bühne, ergreift die Hand des neben ihn stehenden Barons, die er krampfhaft drückt, sagt ihm ins Ohr: «mir wird schlimm!» und stürzt zur Loge hinaus.
Er traf zu Hause Niemanden. Die Frauenzimmer waren in einer Theevisite. Langenheim schließt sich in sein Zimmer ein und kämpft mit seinem aufgeregten Innern.
«Die Schauspielerin -- ja sie war es -- ich täusche mich nicht -- sie ist Cornelia Bergen» -- ruft er aus und schreitet heftig im Zimmer auf und ab.
Ein Diener, der seinen Herrn sprechen wollte, fand das Gemach verschloßen und säumte nicht, es sogleich Theresen bei ihrer Zurückkunft zu melden. Als sie ihre sanfte Stimme vor der Zimmerthüre ihres Gatten hören ließ, öffnete er dieselbe, aber ach! was erwartete sie hier. Bei dem trüben Schimmer einer lang hinunter gebrannten Kerze, schien sein blasses Antlitz eher einem Todten als einem Lebendigen anzugehören, seine Arme hingen schlaff herunter und sein scheuer Blick vermied den ihrigen. «Gott! was fehlt dir mein Albert?» rief die Erschrockene. Statt der Antwort stürzte er zu ihren Füßen und Therese fühlte den brennenden Fieberhauch seines Mundes auf ihrer Hand. «So sprich doch um Gotteswillen!» fuhr Therese fort und zitterte am ganzen Körper. «Ach! mein Weib wird mich hassen, sie wird mich verlassen -- ich werde grenzenlos elend seyn!» jammerte Langenheim; sprang auf, rang die Hände, warf sich auf das Sopha und verhüllte sein Gesicht in die Kissen. Die bestürzte Gattin hielt ihn fest umschlungen und beschwor ihn mit den zärtlichsten Ausdrücken, sie von dem peinlichen Zustand der Ungewißheit zu befreien und seinen Kummer ihr zu entdecken. «Ich will dir ihn ja gerne tragen helfen, wäre es noch so schwer» setzte sie tief bewegt hinzu. Lange bat sie vergebens. Endlich richtete er sich langsam auf, fuhr mit der Hand über die heiße Stirn und sagte, indem er den Blick finster auf die Erde heftete: «Ich will -- ich muß dir alles sagen Therese! sollte es mich auch deine Liebe kosten. -- Es wird zwar vorüber gehen, was heute mein Gemüth erschütterte -- es ist auch möglich, daß es dir verborgen bliebe und -- die sogenannte feine Welt würde das Ganze vielleicht für unbedeutend halten! -- aber ich, nein ich kann es nicht! in das treue Aug meines geliebten Weibes könnte ich nimmer mit Ruhe blicken, an diesem stillen frommen Herzen würde das Meinige nimmer seinen Frieden finden, wenn ich dir verheelte, was mir heute begegnet ist.» Dabei sank er mit dem Kopf auf Theresens Schulter und preßte ihre Hand an sein laut pochendes Herz. «Du warst im Theater?» frug die Gattin ahnungsvoll um ihm bei seiner Mittheilung entgegen zu kommen. «Ja,» flüsterte Langenheim, «und -- die fremde Schauspielerin.» -- Therese zitterte. -- «Zittre nicht so theures Weib!» fuhr jener fort; «schwach war dein Albert, er ist es noch, aber niedrig konnte er nie handeln; höre, und dann richte mich. Cornelia Bergen war wohl einst der Gegenstand meiner heftigsten Liebe. Sie war von ausgezeichneter Schönheit und Liebenswürdigkeit, besaß einen gebildeten Geist, so wie Sinn und Liebe für die Kunst und Wissenschaften. Der Eindruck, den dies Alles auf mich machte, verstärkte sich durch den Vorzug, welchen sie mir vor allen ihren Verehrern gab und bald waren wir einig unter uns. Meinem Vater, der schon viele Jahre kränklich war, wurde mein Verhältniß zu Cornelien von einer geschäftigen alten Base hinterbracht und er zürnte so heftig darüber, daß ich viele trübe Stunden hatte: Denn ich liebte ihn herzlich, lag aber zu fest in Corneliens süßen Ketten, als daß es mir möglich gewesen wäre, mich hier loszureissen. Ein jäher Tod entriß mir den Vater in dieser Katastrophe und oft schlich sich der reuige Sohn zu seinem Grabe und weinte hier seinen Schmerz darüber aus, daß unversöhnt mit ihm das väterliche Herz gebrochen ist. Meine dadurch oft getrübte Stimmung mißfiel Cornelien, welche immer heiter und fröhlich war und bald bemerkte ich eine Veränderung in ihrem Betragen. Ich forschte nach und erfuhr, daß ein fremder Officier mich bei ihr verdrängt habe, mit diesem verschwand sie auf einmal. Ach Therese! was ich hier litte war unbeschreiblich! Jahre lang kämpfte ich mit meiner Liebe, mit meiner Reue, die mitleidige Zeit zog nach und nach einen Vorhang über die Ereigniße der Vergangenheit und mir wurde das Glück dich mein gutes Weib kennen zu lernen, durch die Verbindung mit dir wurde jede Forderung meines Herzens befriedigt und der Schatten meines Vaters versöhnt: denn oft entwarf er mir das Bild eines Mädchens, wie er es für mich gewünscht, und diesem warst du nicht nur ähnlich, du übertrafst dasselbe. Daß ich nun ganz in der glücklichen Gegenwart lebte, dieß Therese wird dir meine unverstellte, immer gleiche Zufriedenheit und Ruhe gezeigt haben; aber ich wollte nicht frevelnd durch unangenehme Erinnerungen an die Vergangenheit selbst meinen Frieden stören: daher vermied ich das Theater, und alles was darauf Bezug hatte. Heute nun trat ich mit bangem Vorgefühl in die Loge. Nicht lange, so hörte ich die bekannte Stimme, ein Blick und ich erkannte Cornelien -- Alles was ich Trübes und Angenehmes in dem einstigen Verhältniß mit ihr erfahren hatte, stürmte in dem Moment auf mich ein und ich eilte fort, um in meinem häuslichen Asyl mich wieder zu finden. Hier entstand aber erst recht eigentlich der Aufruhr in meinem Innern. Die Schuld, an dir du Treue, durch Verheimlichung meiner frühern Verhältniße begangen, stand riesenhaft vor mir, mich folterte die Angst, wenn und wie du es erfahren würdest -- ich verwünschte meine Schwäche, die mich verhinderte, jenes überraschende Ereigniß männlich zu behandeln und durch welche ich ihm eine Wichtigkeit gab, die es wohl nicht mehr hat -- tausenderlei Plane durchkreutzten mein Gehirn, und ich konnte keinen festhalten. Nun erschienst du Engel! die ruhige Klarheit deines ganzen Wesens vergegenwärtigte mir dein Anblick. Auf einmal war auch ich mit mir im Reinen. Ich fühlte und dachte nichts mehr als die Ueberzeugung, daß ich dir Nichts verschweigen dürfte und nun -- ist es hier leichter,» sagte er, indem er auf die Brust deutete.
Therese hatte während der Erzählung mühsam nach Fassung gerungen, denn der süße Wahn: daß sie ~alleine~ Alberts Herz beseßen habe, war zerstört, ihr felsenfestes Vertrauen auf seine Treue die sie nach der ihrigen maß, war erschüttert und die Aussicht in ihre häusliche Zukunft schien ihr in diesem Augenblick getrübt. Jedoch, wer vermag den Grad der Stärke der Liebe eines edlen Weibes zu bestimmen! -- Schwer ist der Streit eines Helden mit äußern Feinden, ungleich schwerer der, jener weiblichen Heldinen, mit den innern Gegnern! aber -- ihr Panier ist die Liebe! mit diesem kämpfen und siegen -- sie dulden, sie tragen, sie verläugnen sich selbst und ermüden nicht bei den fortwährenden Forderungen ~der~ Pflichten, welche sie aus Liebe übernommen haben. Auch Therese duldete keine andere Empfindung in ihrem Herzen. Sie war bald wieder mit sich ganz einig und strebte nur noch die letzte Regung einer vorübergehenden Wehmuth in sich nieder zu kämpfen, als Langenheim endigte.
Nach einer kurzen Pause sagte sie sanft: «ich will kein Gedächtniß für die Vergangenheit haben, für die Gegenwart will ich mir Kraft von Gott erbitten und die Zukunft wird mich wieder mit deiner Liebe belohnen.» «Herrliches trefliches Weib» rief Langenheim, warf sich vor ihr auf die Kniee und bedeckte ihre Hand mit Küssen.
Therese bat ihn, ruhig zu werden und mit ihr gemeinschaftlich den Plan zu einer übereinstimmenden Handlungsweise für die nächsten Tage und Stunden zu überlegen, um in keiner Hinsicht den äussern Anstand zu verletzen, da seine schnelle Entfernung aus dem Theater, leicht Aufsehen erregt haben könnte.
«Ich werde alles thun, was du willst,» sagte Jener, «handle du für mich, ich kann es nicht. Das Ganze hat ohnehin nicht nur mein Gemüth, sondern auch meinen Körper so sehr angegriffen, daß ich mich recht unwohl fühle.» Besorgt bat ihn Therese, sich niederzulegen und bestand darauf, nach einem Arzt zu schicken. Indem sie über den Vorplatz eilte, um einem Dienstmädchen hiezu den Befehl zu ertheilen, hörte sie die Treppe herauf gehen. Sie blieb stehen und -- siehe da, der Präsident stieg mit einem Frauenzimmer dieselbe herauf, in welcher er Theresen die gefeierte Schauspielerin und dieser, die Dame von Haus: Frau Finanzrath Langenheim vorstellte. Höchst schmerzlich überrascht, war Therese mit sich selbst zu viel beschäftigt, um die Bestürtzung Corneliens bei Erwähnung dieses Namens wahrzunehmen und Volkmar scherzte darüber, da er sie für Schüchternheit auslegte und sie versicherte: Einer Priesterin Thaliens müßte dies Gefühl ganz fremd seyn, zumal in einem Hause, worin der Kunst so sehr gehuldigt würde. Therese fand während dieser Rede Zeit, sich zu sammeln und nachdem sie, den Gatten mit Unpäßlichkeit entschuldigend, die Gäste ins Speisezimmer geführt hatte, entfernte sie sich auf kurze Zeit, schrieb mit Bleifeder auf ein Stückchen Papier: «Ich sende Dir Albina zur Pflege, da unsere Gäste, worunter auch Cornelia ist, mich in Anspruch nehmen; beunruhige Dich nicht! ich werde mich zu beherrschen wissen und hoffe, auch Du wirst Niemanden dein Inneres verrathen. Am wenigsten Albinen.» Mit diesem Zettelchen schickte Therese Albina gleich von der Küche, in welcher sie beschäftigt war, zum Vater, mit der Weisung, ihn nicht zu verlassen, bis sie von ihr abgelößt werden würde. Dann kehrte sie mit dem festen Entschluß: ihr aufgeregtes Inneres zu bemeistern, zu ihren Gästen zurück. «Ganz stille, armes Herz!» sagte sie leise und drückte fest die Hand darauf, «du darfst heute dein Recht nicht geltend machen.» Der gefällig arrangirte runde Tisch lud freundlich zur Abendmahlzeit ein. Volkmar ein feiner Weltmann führte das Wort, Eugenia kramte dazwischen hie und da ein gelehrtes Wissen aus; Therese lächelte, erzählte, hörte aufmerksam zu: doch Alles mit der höchsten Anstrengung und -- Cornelia, ganz gegen die Weise der Schauspieler war ernst, bescheiden und sprach nur, wenn sie aufgefordert wurde, dann aber mit einer Tiefe des Gefühls, mit einer Wärme, und mit einem Reichthum von Kenntnißen, daß Therese sie bewundern mußte. Corneliens ganzes Wesen erregte ihre Theilnahme und ihre angebohrene unaussprechliche Milde löste bald den Zwang, den sie Anfangs ihrem Benehmen anlegen mußte in natürliche Werthschätzung und Freundlichkeit auf. Ihre Geistes-Stärke ging so weit, daß sie, nachdem die Gäste sich entfernt hatten, ihres Gatten heftige Aeußerung über Corneliens Besuch mit vieler Mühe beschwichtigen und ihm von der gehaltreichen Unterhaltung während des Abendeßen manches mittheilen konnte. «Edles, edles Weib! wie hoch stehst du über mir!» rief Langenheim und preßte ihre Hand an seine Lippen. «Ich thue nichts» erwiederte Therese, «als was mich die Liebe zu dir, und die Gerechtigkeit gegen Andere lehrt; ja der Wohlstand erfordert, daß ich morgen Cornelien einen Gegenbesuch mache,» fuhr sie fort; «mein Albert hat doch nichts dagegen?» «Wie könnte ich!» antwortete er, «ich unterwerfe mich ja allen deinen Anordnungen!»
* * * * *
Am folgenden Tag, als sich Therese wirklich anschickte um zu Cornelien zu gehen, sagte Albina, indem sie der Mutter den Mantel umgab und die Schleifen der Haube ein wenig ordnete: «ach, wenn ich dich zu der intereßanten Frau begleiten dürfte, liebe Mutter! welche Freude wäre mir dies! Gewiß, als ich gestern Abend, dem Vater zur Unterhaltung eine Lectüre zur Hand nahm, laß ich wirklich gar nicht hübsch. Ich war so zerstreut, daß er es einigemal bemerkte und unwillig wurde, aber ich konnte mir nicht helfen, ich war immer im Geist im Speisezimmer und nur dein Gebot hielt mich ab bei Euch ein Bischen zuzusprechen, denn unvergeßlich ist mir der Eindruck welchen die Künstlerin auf mich gemacht hat.» «Nun, wer weiß,» erwiederte Therese, «sie verlängert vielleicht ihren Aufenthalt, dann könnte es sich wohl fügen, daß du mich einmal zu ihr begleiten würdest.»
Therese wurde bei Cornelien angemeldet, vermißte aber bei dem Empfang ganz die gewandte Schauspielerin; sichtbar befangen wurde sie begrüßt. Jedoch nach einigen gewöhnlichen Erörterungen des Theaters und Corneliens Kunst, worinn so viel Steifes und Gezwungenes lag, daß es Theresen drückend wurde, begann diese mit wahrer Engelsfreundlichkeit, indem sie Cornelien näher rückte und ihre Hand ergriff: «mein ganzes Gefühl sträubt sich gegen die Art und Weise unsers gegenseitigen Benehmens, ich bin es mir klar bewußt: ~so~ kann und darf es nicht bleiben; von einem wichtigen Ereigniß Ihres Lebens unterrichtet, habe ich ein Recht zu wünschen, daß zwei Herzen, die sich in ~einem~ Gegenstand begegneten, sich nicht fremd bleiben möchten, lassen Sie uns diesen ungestörten Augenblick benützen, sie gegeneinander zu eröffnen, lassen Sie uns von der gewöhnlichen Weise unsers Geschlechts abweichen, wo Eifersucht und Haß vielleicht jetzt trennend zwischen uns tretten würde. O ich kann Sie nicht hassen,» rief sie lebhaft, «ich ~muß~ Sie lieben, mein Albert hat Sie geliebt und -- ich täusche mich nicht -- Sie verdienten diese Liebe!» Cornelia war tief erschüttert und brach in Thränen aus. «Himmlische Güte!» stammelte sie «-- nein -- nein Sie irren! ich war die Liebe eines so vorzüglichen Mannes nicht werth. In dem Feuer des Unglücks geläutert, darf ich mich wohl ~jetzt~, mit einigem Selbstgefühl der Annäherung eines so edlen Wesens freuen -- aber die Vergangenheit reicht mir stets nur des Vorwurfs Wermuthsbecher. Doch dieser Augenblick giebt meinem verweißten Herzen, was es Jahrelang vergebens suchte: Mitgefühl, Theilnahme, Freundschaft! o ich bin unaussprechlich glücklich!» setzte sie im höchsten Affect hinzu und warf sich in Theresens Arme.
Sie glaubte: dieser ihre innige Dankbarkeit durch ein unbedingtes Vertrauen am sprechendsten zu beweisen und in der Ueberzeugung theilte sie der edlen Freundin ihre ganze Lebensgeschichte mit:
Von Schauspielern gebohren, war sie schon als kleines Kind auf der Bühne einheimisch geworden. Ihr Vater gehörte zu den Gebildetern seines Standes und wandte auf die Erziehung seiner einzigen Tochter viel Fleis und Mühe. Ein geschickter ältlicher Schauspieler, der ihr sehr gewogen war, trug auch das Seinige dazu bei und so wurde in ihr nicht nur der Sinn für die Wissenschaft geweckt, sondern auch genährt und vortheilhaft würkte dies auf ihr ganzes Betragen. Ihr Aeusseres zog ihr überall einen Schwarm von Verehrern zu, deren Absichten aber größtentheils unlauter waren, jedoch so leichtsinnig Cornelia schien, so streng tugendhaft war sie wirklich. Ihre Eitelkeit gefiel sich in den Bewerbungen der Männer, allein ihre Würde wußte dieselben in den Schranken der Sittlichkeit zu erhalten. Langenheim näherte sich ihr auf eine Art, welche seinen reinen Sinn und seine Liebe für Kunst und Wissenschaft aussprach, dies machte ihr ihn sehr theuer. Die Stunden, die sie zusammen verlebten, verstrichen nicht blos unter Kosen und Tändeln: sie lasen miteinander die besten englischen, italienischen und französischen Werke, er suchte mit ihr den Geist ihrer Rollen auf und half sie ihr einstudiren, oder hörte ihrem Spiel auf dem Flügel und auf der Guitarre zu. Diese reinen Genüsse wurden indessen bald durch die Unzufriedenheit des Vaters Langenheims gestört. Albert kam nun oft in trüber Stimmung zu Cornelien und als endlich vollends der Vater jäh und unversöhnt mit dem Sohne starb, war dieser einige Zeit ganz tiefsinnig. Ob sich wohl seine Liebe gegen Cornelien immer gleich blieb und ihr Einfluß auf seine Stimmung, wenigstens in ihrer Gegenwart sichtbar vortheilhaft war: so wurde es dieser doch in die Länge peinlich, immer trösten, immer beruhigen zu müssen und zum Unglück lernte sie in der Periode einen Officier kennen, der mit einem sehr vortheilhaften Aeussern die Gabe der Verführungskunst im hohen Grad besaß. Er verstand es, Langenheim zu verdrängen und in Cornelien eine glühende Liebe für ihn zu erwecken. Die Revolution in Frankreich wüthete, die deutschen Fürsten boten ihre Völker auf, auch Romberg (so hieß der Officier) bekam Ordre zum Marsch. Er überredete Cornelien ihm ins Hauptquartier zu folgen. Hier lebte von ihm ein Jugendfreund als Geistlicher. Dieser mußte den ungestümmen Bitten desselben nachgeben und das Paar trauen.
«Kurz war der seeligste Traum meines Lebens!» sagte tiefseufzend Cornelia, «und fürchterlich war sein Erwachen. Was Liebe erfinden kann um zu beglücken, das war mein schöner Theil in den geschloßnen Ehebund und in der noch ~nie~ genossenen, aber in ihrer Neuheit mir unbeschreiblich süßen häußlichen Stille, entflohen mir die glücklichen Flitterwochen. Allein bald entdeckte ich finstre Wolken auf der Stirne meines Gatten. Er wich meinen ängstlichen Fragen aus und half sich mit leeren Ausflüchten. Sein Trübsinn nahm jedoch immer mehr zu und -- an einem Abend, wo er mit einer seltsamen Bewegung von mir schied, da ihn Dienstgeschäfte riefen -- sah ich ihn zum letztenmal! Vergeblich wartete ich zur gewöhnlichen Zeit auf seine Rückkehr. Die Nacht erschien, sie verstrich, ohne Ruhe und Schlaf für mich und -- Romberg kam nicht wieder.» Ein Strom von Thränen unterbrach hier Cornelien, Therese umfaßte tiefgerührt die Trauernde und ihre innige Theilnahme besänftigte den aufgeregten Sturm in dem Gemüth derselben. Nach einer Pause fuhr sie fort: «Ich erfuhr nachher durch meine Wirthsleute, welches gute Menschen und mir in Liebe und Mitleid sehr zugethan schienen, daß Romberg meinetwegen ein Duell gehabt hätte und da dies unglücklich ausgefallen sey, genöthigt worden wäre: mich und den Dienst heimlich zu verlassen. Wer beschreibt meine hülflose Lage! Ohne alles Vermögen, mit jener Gesellschaft, von der ich mich durch Romberg verleitet, selbst getrennt hatte; aus aller Verbindung, hatte ich Niemanden auf der weiten Welt, dem ich näher angehörte und war also auch nicht im Stand irgend eine andere Lebensweise zu beginnen, als mich eben wieder auf eine andere Bühne zu begeben. Mein Hauswirth dem ich mich vertraute und der mich mit etwas Geld unterstützte, erbot sich, mit dem Direktor der Truppe, welche in dem Ort spielt, wo ich mich befand, meinetwegen zu sprechen: allein mir war es unmöglich hier aufzutretten; ich verkaufte einen Ring, das Einige was ich noch von Werth besaß und fuhr mit dem Postwagen nach C* wo ich bei dem dortigen berühmten Theater gerne aufgenommen wurde. Vor Mangel war ich nun wieder geschützt: aber in meinem Innern sah es furchtbar aus. Das Leiden einer Betrogenen, immer noch heftigen Liebe, erkannte ich für eine gerechte Strafe meiner an Langenheim verübten Untreue, der mir, nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Liebe seines Vaters geopfert hatte. Die Sorge um sein Schicksal, welches das Gefühl meines eigenen Glückes verdrängt hatte, trat wieder hervor und verfolgte mich immer, auch wollte mir das Schauspielerleben durchaus nicht mehr zusagen. Ich hatte -- wie wohl nur in kurzen 4 Wochen -- mit meinem Romberg gefühlt, was häusliches Glück ist und mit unaussprechlicher, doch vergeblicher Sehnsucht hing ich den süßen Träumen nach, die mir meine rege Phantasie davon entwarf. Die Zeit nahte heran, wo ich einem armen vom grausamen Vater verlassenen Kinde das Leben geben sollte, ich konnte nicht mehr auf der Bühne erscheinen und in die trübe Einsamkeit, in welcher ich nun lebte, folgten mir die Gespenstergleichen Bilder meines Unglücks.
Endlich vertrieben die Kriegsunruhen unsere Gesellschaft aus jener Gegend. Auf der Reise wurde ich in einem kleinen Oertchen von einer Tochter entbunden. Doch» -- hier schien Cornelia mit einer geheimen Unruhe zu kämpfen -- «doch auch das Kind starb. Für so viele bittere Erfahrungen suchte ich Trost in dem Gebieth der Wissenschaften und durch immerwährendes Studium gelang es mir, mich mit bereichertem Geist aber verarmten Herzen auf den Standpunct empor zu schwingen, auf welchem ich nun stehe, wo ich gewöhnlich rauschenden Beifall einerndte, doch sonst auch Nichts für meine bessere Sehnsucht gewinne. Meine Absicht ist auch, mir nur eine gewisse Summe zu erwerben, dann auf dem Lande mich anzukaufen und dort in der Stille mein vergriffenes Leben zu vertrauern. -- Wohl» setzte sie noch hinzu, «habe ich jetzt viel, sehr viel meinem Verhältniß als Schauspielerin zu danken! ich lernte durch dasselbe ein Wesen kennen, das, wie ein tröstender Engel aus bessern Welten, wieder Ruhe und Stille in das ungestümme Meer meiner Empfindungen gebracht hat. Auch weiß ich, daß Langenheim glücklich ist, ertrage also leichter in Zukunft mein eigenes Unglück. Ach, wie konnte ich mir ~die~ seelige Folge denken, als ich mich gestern entschloß, Ihrem Gast zu folgen, welcher mich nach geendigtem Schauspiel aufsuchte und mir anbot mich in das Haus eines seiner Freunde zu bringen, worinnen Künstler so sehr willkommen wären; ich willigte ziemlich gleichgültig ein, denn erst, als ich vor Ihnen stand, hörte ich den mir unvergeßlichen Namen. Geübt in der Kunst mich, wenn es seyn muß, auf der Bühne anders zu geben als ich bin, war mir doch dies in jenem Augenblick eben so unmöglich als auch vorhin bei Ihrem Eintritt eine Verwirrung zu verbergen. Nur Ihre hinreißende Herzlichkeit und Güte --» «Wie glücklich wäre ich,» fiel Therese hier schnell ein, «wenn ich mir durch mein Benehmen eine Freundin gewonnen hätte!» Cornelia hob das schöne dunkle Aug gen Himmel, faltete die Hände und sprach in Begeisterung: «Gott! mache mich dieses großen Glückes, der Freundschaft dieser Edlen würdig!» --
* * * * *
Mit kurzer Auswahl theilte Therese nach und nach ihrem Gatten aus Corneliens Lebensgeschichte mit, was ihr, ihm zu sagen nothwendig däuchte (auch Albinen erzählte sie manches davon, welches diese mit großem Intereße aufnahm). Vorzüglich blieb sie bei dem, von der Freundin geäusserten Wunsch: vom Theater wegzugehen und sich auf dem Lande anzukaufen -- öfters stehen, und sprach denselben gleich einem Eigenen aus. Zufällig wurde eben ein kleines Landhaus in der Nähe der Stadt feilgeboten und Therese forderte von ihrem Gatten als einen Beweis seiner Liebe für sie: ihr das dazu erforderliche Capital als Vorschuß für Cornelien und seinen Beistand bei den Unterhandlungen des Kaufs zu bewilligen. Langenheim betrachtete sie lange stillschweigend. Er fürchtete durch irgend eine Aeußerung das zarte Gefühl ihres schönen Herzens zu verletzen, das er fähig war in diesem Augenblick ganz zu durchschauen, ganz zu verstehen. Endlich schloß er sie in seine Arme und sagte: «bestimme über mein Vermögen, über meine Handlungsweise! mein edles Weib wird nichts von mir fordern, das ich nicht leisten könnte und leisten dürfte.» Mit inniger Rührung hörte und nahm Cornelia Theresens großmüthiges Anerbiethen an, und es entzückte sie die Aussicht künftig in der Nähe dieser theuern Freundin ein glückliches und ruhiges Leben führen zu können. Sie verlangte und erhielt bald darauf ihre Entlassung vom Theater und fühlte sich durch Theresens achtungsvolle Freundschaft mehr geehrt, als durch alle, noch so vortheilhafte mündliche und schriftliche Urtheile über ihre Kunst, wovon die Zeitschriften erfüllt waren und die gesellschaftlichen Zirkel wiederhallten. O den Besitz eines edlen Menschenherzens wiegt keine Krone auf: sie sey von Gold oder von Lorbeeren!
Therese gieng nun wegen des Kaufs des Landguts öfters zu Cornelien, denn Langenheim hatte jede ~mittelbare~ Hülfe versprochen, aber kein Verlangen gezeigt, sich Cornelien persönlich zu nähern. Die Gattin schien ihn hier ganz ruhig nach eigener Willkühr handeln zu lassen, äusserte keine Besorgniß, daß sich die alten Freunde wieder sehen würden, wollte es aber auch nicht absichtlich veranlassen, sondern überließ Alles dem Gang der Zeit und des Schicksals, welchem auch Cornelia nicht vorgreifen zu wollen schien und Langenheims Haus seit dem ersten Besuch nicht betretten hatte. Therese hatte ihr von dem Eindruck, den ihr Wiederfinden auf Langenheim machte, nichts gesagt, aber sie aufrichtig seiner fortdauernden Freundschaft oft versichert und auf diese Weise ein rein herzliches doch leidenschaftsloses Gefühl in beider Gemüther erregt und unterhalten.
Bei einem jener Besuche, die Therese häufig bei Cornelien machte, erzählte Erstere dieser von ihrer geliebten Pflegetochter Albina. Sie war unerschöpflich in ihrem Lob und fand bei Cornelien eine wunderseltsame Theilnahme. Bei der regelmäßigen Schönheit Albinens erwähnte sie, als eines kleinen Verstoßes gegen dieselbe eines Mal's am Halse, weswegen sie genöthigt sey, ihren blendend weisen Nacken, immer in hohe Chemissetten zu verhüllen. «Wie ist dies Mal gestaltet?» frug Cornelia schnell? «Ganz wie ein natürliches Erdbeerchen» antwortete Therese. «Gott! mein Kind, mein Kind! meine wiedergefundene Tochter!» rief ganz ausser sich Cornelia, stürzte vor Theresen nieder, hob die Hände empor und flehte: «Engel! vollende dein himmlisches Werk! gieb mir mein Kind wieder! Ich will Tag und Nacht sinnen, wie ich deine Liebe dir vergelte! Ja fordre was du willst, ich will Alles thun, nur sey barmherzig und gieb mir meine Tochter wieder!» Therese hob sie tröstend auf und versicherte freudig: augenblicklich Albinen davon zu benachrichtigen und ihr dieselbe zuzuführen. Sie eilte auch sogleich nach Haus und als Albina ihr entgegen kam, umarmte sie dieselbe gerührt und sagte: «Du ahnest wohl nicht gutes Kind! welch ein wichtiger Augenblick dir naht, bereite dich auf eine große Freude vor!» «o Mütterchen! sprich doch,» schmeichelte Albina! «ich bin voll Begierde.» Sie waren jetzt ins Zimmer gekommen und hier entdeckte ihr die bewegte Pflegemutter, daß Albina sich von ihr trennen müsse, um an dem Herzen der eigenen Mutter zu ruhen. Welch eine Fluth süßer Empfindungen goßen diese Worte in des Mädchens Seele. Wie fühlte sie die Stärke der, in den Banden des Bluts begründeten Rechte der Natur! Von welch ganz anderer Art war, was sie jetzt empfand im Vergleich mit dem, was sie für ihre geliebten Pflegeltern fühlte! Mit der ihr eigenen Offenheit warf sie sich Theresen in die Arme und sagte: «so lang meine Lebenspulse schlagen und noch jenseits werde ich mit unaussprechlicher Liebe und Dankbarkeit dich verehren: aber vergieb der Sehnsucht die mich fest mit aller Gewalt zu meiner Mutter hinzieht. O Albina ist nicht mehr heimathlos! Wie viel süßes liegt in diesem Gedanken! und ich habe eine Mutter, die du werth hälst, die ich lieben und achten kann und die auch mich, so, wie ich durch deine treue Fürsorge bin, nicht von ihrem Herzen wegweisen wird. Komm, o komm, daß sie sich mit mir zu dem Dank vereinigt, den ich so tief fühle, für den ich aber keine Worte finden kann!» Therese streichelte die glühende Wange des entzückten Mädchens und sagte: «nur so lange gedulde dich liebes Kind! bis ich den guten Vater von allem unterrichtet habe, es wäre pflichtwidrig dies anstehen zu lassen, ich will mich recht kurz fassen und bin gleich wieder bei dir.» Erstaunt hörte Langenheim Theresens Erzählung und freute sich mit ihr, vom Schicksal auserkohren worden zu seyn, das Kind einer Freundin so zu erziehen, um es ihr nun vorwurfsfrei in die Arme führen zu können.
Unterdessen fühlte Cornelia eine Ungedult, welche bei ihrem leidenschaftlichen Charakter, schmerzlich wurde, sie verwirrte ihre Ideen, daß sie nichts deutlich denken konnte als den Wunsch: wenn sie doch kämen! hundertmal gieng sie ans Fenster und rannte dann, wenn sie niemand erblicken konnte, laut weinend im Zimmer auf und ab. Endlich öffnete sich die Thüre und -- Albina flog in ihre Arme. Für solche heilige Momente besitzt die Feder keine Fähigkeit sie würdig zu schildern und begnügt sich damit, erst wieder nach den ersten Ergüssen heftig ergriffener Gemüther ihre Thätigkeit fortzusetzen; unterdessen entwerfe sie mit einigen Zügen Albinens Bild: Sie stand vor ihrer Mutter in der vollen Jugendblüthe eines 16 jährigen Mädchens, ausgestattet mit jeder äusseren Schönheit und Anmuth. Das reiche blonde Haar umschlang in zierlichen Flechten das schön geformte Haupt, einige Locken umspielten die freie offene Stirn, die feine, fast unmerklich gebogene Nase gab ihrem Gesicht ein regelmäßiges Profil. Die Wangen schienen von sanfter Pfirsichblüthenfarbe nur angehaucht, des kleinen Mundes Korrallen-Lippen verschloßen zwei blendend weiße Reihen Zähne und das Kinn mit einem Grübchen versehen, vollendete die rein ovale Form des Gesichts welches durch ein paar seelenvolle blaue Augen Leben und Ausdruck erhielt. Ihr Wuchs war edel, ihr Gang leicht und schwebend, ihre Sprache tönte melodisch und alle ihre Bewegungen, alles was sie sagte und that trug das Gepräge von Anmuth, von richtiger Bildung erworbener Fertigkeiten und -- von Seelenadel. Wahr und treu im engsten Sinn des Wortes, war sie schon von Kindheit an gewesen und der Reichthum von Liebe in dem Herzen ihrer treflichen Pflegmutter waltend, theilte sich auch dem ihrigen mit und nahm ganz Besitz davon. Es entzündete sich an ihrer Gluth das Feuer der Thätigkeit für Andere. Ja, die Kraft, die schon in ihr lag, sich für die Menschen, besonders für geliebte Wesen aufzuopfern, verstärkte sich durch das edle Beispiel Theresens. Sehr geschickt in allen weiblichen Arbeiten, nicht unbekannt mit den schönen Wissenschaften, verband sie mit all' diesen herrlichen Eigenschaften eine liebenswürdige Bescheidenheit, eine unverstellte fromme Demuth. Auch jetzt als Cornelia, lange in ihren Anblick versunken, endlich in gerechte oder leidenschaftliche Aeusserungen der Bewunderung ausbrach, suchte Albina, hoch erröthend und beinah ängstlich sie dadurch davon abzubringen, daß sie ihren Blick auf Therese als die Gründerin ihres Glücks lenkte. Cornelia verstand sie und ließ nun ihr volles Herz gegen diese in Dank und Wonne ausströmen. «Es ist einer der seeligsten Augenblicke meines Lebens» sagte Therese, «und ich danke der Vorsicht gerührt für den hohen Lohn einer Handlung, welche der Menschlichkeit angehörte; für den süßen Erfolg meines Strebens, die natürlichen Eigenschaften unserer Albina dazu auszubilden, daß sie jetzt die Freude und der Stolz einer würdigen Mutter werden kann und wird.» «Aber Mütterchen, welcher feindseelige Dämon stellte sich einst trennend zwischen dich und dein armes Kind?» sagte Albina, indem sie sich mit thränenvollem Auge an Corneliens Busen schmiegte: diese erwiederte: «ja, ich fühle es, ich bin dir die Beantwortung dieser natürlichen Frage schuldig, so wie auch dir, meiner schwesterlichen Freundin Therese -- setzt euch zu mir ihr Theuern! ich will euch Aufschluß geben so gut ich kann, nur ist mir selbst gar manches dunkel: In der Periode, in welcher ich meiner Entbindung entgegen sah, war wie ich schon erzählte durch die Kriegs-Unruhen, unsere Truppe und ich mit ihr genöthiget, einen andern Aufenthalts-Ort zu suchen. Ich kam auf der Reise in einem kleinen Ort in die Wochen. Eine dem Schein nach gutmüthige Person, die Frau des Leinenwebers, bei dem ich mich eingemiethet hatte, zeigte so viel Antheil an mir und meinem Kinde, daß ich nach 8 Tagen -- (längere Zeit wurde mir von meinem Direktor nicht zur Erholung gegönnt, sondern ich wurde schleunig einberufen) -- ihr den Vorschlag machte: meine Kleine nur so lang zu behalten, bis unsere Gesellschaft wieder einen festen Haltungspunct hätte; ich glaubte sie hier besser versorgt, als sie es bei mir, in meiner unstäten Lebensweise gewesen seyn würde, versprach: sie so bald als möglich holen zu lassen und sie dann reichlich zu belohnen. Auch schon bei meiner Abreise beschenkte ich sie und riß mich mit tiefem Schmerz von meinem geliebten Kinde los. Die damalige Zeit erschwerte und verzögerte eine sichere Unterkunft für uns. Wir entfernten uns immer mehr von jenem Dorf und ich konnte keine Nachricht geben noch hören. Beinah war ein Jahr verfloßen, als es mir endlich gelang einen Kanal auszumitteln, durch welchen ich etwas zu erfahren hofte, was meine sehnsüchtige Sorge befriedigen könnte: allein, was ich erfuhr war nur geeignet, mich ganz niederzubeugen. Jenes Dorf, hieß es, sey ausgeplündert und die Einwohner vertrieben worden. Die Ungewißheit über dein Schicksal meine Albina! die Vorwürfe die ich mir wegen meines Verfahrens machte, war ein neuer Stachel, der sich tief in mein ohnehin wundes Herz senkte und es immer von Neuem unheilbar verletzte. Der Anblick jedes lieblichen Mädchens rief mir das Bild vor die Seele, das sich meine Phantasie von dir ausgemalt hatte. Ueberall sah ich nur dich, forschte genau bei jeder scheinbaren Spur von dir nach, hoffte da und dort etwas von dir zu hören und hatte ich mich wieder getäuscht, dann beweinte ich dich so lange als tod, bis mir wieder ein neuer Hoffnungsschimmer glänzte. Noch ehegestern als ich mich der Stadt näherte, sagte ich zu mir selbst: «sollten diese Mauern dein verlohrnes Kleinod umschließen! und wirklich -- ich habe es darinnen gefunden! ich besitze es und bin nun unbeschreiblich reich!» --
So lebhaft Corneliens Wunsch war, sich nicht mehr von Albinen zu trennen: so billigte sie doch Theresens Ansichten, welche glaubte, daß man, um großes Aufsehen zu verhüten, ein kleines Opfer nicht scheuen sollte. Sie schlug vor: bis das nun gekaufte Landhaus ganz in bewohnbarem Zustand sey, sollte Albina bei Langenheim bleiben, mit Theresen aber die Mutter bei ihren neuen Einrichtungen treulich unterstützen und erst dann ganz bei ihr wohnen. Auf diese Weise wäre die neugierige Welt immer in einer Art Ungewißheit über die Sache, und es bliebe ihr anheimgestellt, was, und wie sie davon denken mögte.
Therese war die beinah ängstliche Scheu vor der öffentlichen Meinung von ihrer ehemaligen Wohlthäterin, der sie ihre ganze Bildung zu verdanken hatte, so sehr eingeprägt worden, daß sie auch in der großen Welt, worinnen sie jetzt lebte, in diesem Punct äusserst streng dachte und besonnen handelte, um durch nichts einen übeln Schein zu verlassen, oder den äussern Anstand zu verletzen. So offen sie sich übrigens benahm, so verschwiegen und geheimnißvoll war sie bei Ereignissen, welche zu falschen Urtheilen Gelegenheit geben konnten. Cornelia ehrte ihre Grundsätze und erfüllte ihren Wunsch. Rasch gieng es nun über die Herstellung und Einrichtung des neuen Wohnsitzes Corneliens her. Ihr erworbenes Vermögen reichte zu, um die nöthigen Meubeln, Garten- und Hausgeräthe, zwar einfach, aber geschmackvoll anzuschaffen und bald schimmerte das Haus in frischem Anstrich von weisgelber Farbe, mit grünen Fensterläden und neu gedeckter Bedachung durch die dunkeln Kastanienbäume die es umgaben und zog Vorübergehende zu näherer Beschauung an. Man gewahrte dann an der einen Nebenseite des Hauses einen Blumen- und Gemüß-Garten, in dessen Mitte ein Delphin seinen Wasserstrahl in ein kleines Bassin sprudelte; ringsherum waren Akkazien-Hecken gepflanzt. An einem Ende des Gartens duftete eine Laube von jelänger jelieber. Ihr gegenüber war ein kleines Treibhaus angebracht. Die Wand des Gebäudes an welche der Garten sich anschloß, war mit hohen, dichtbelaubten Weinreben bedeckt und an den Spalieren prangten reifende Früchte, die andere Seite des Hauses stand frei; ein Fußsteig schlängelte sich an ihr Berg an, durch ein kleines Gehölz zu einem Hügel, der auch mit Wein bepflanzt, in guten Jahren eine ziemlich reiche Erndte versprach. Noch gehörten Wiesen und Aecker zu diesem Gut, welches Alles bei Corneliens Uebernahme vortheilhaft verpachtet wurde; ausgenommen der Garten, den sich Albina zur Bestellung vorbehielt. Hier trat die Kinderzeit mit süßer Magie ganz vor ihre Seele und sie lebte mit ihren ersten Gespielen mit den Blumen wieder in alter Vertraulichkeit, pflegte sie mit großer Sorgfalt und hatte bald in ihrem Glashause Seltenheiten, welche ihr den Besuch vieler Fremden und Einheimischen verschafften, wo sie durch manchen vortheilhaften Verkauf Gewinn erhielt. Vorzügliche Pflege wiedmete sie der Laube, damit das ~Jelänger Jelieber~ in Ueppigkeit an ihr empor wuchs und auf ihren ~Nelkenflor~, der bald jeden andern übertraf, so wie auf einige ~Granatenbäume~, welche mit Blüthen, in die Farbe der Wahrheit getaucht alljährlich in Fülle prangten. Auch in ihrem Zimmer durften in der Blumenwase jene 3 Gattungen ihrer Pfleglinge nicht fehlen; denn Albina ließ sich so gerne durch sie an den Augenblick erinnern, in dem sie Langenheims kennen gelernt hatte und der so entscheidend für ihr Leben war. Doch wir wollen nun auch in das Innere des Landhauses, wo unsere Albina ferner leben soll tretten und es näher beschauen.
Es war eine liebliche, geräumige und bequeme Wohnung, wo überall die höchste Reinlichkeit herrschte, wo die gefällig geformten und sauber gehaltenen Meubeln, die fehlende Kostbarkeit ihres Werthes vergessen machten, und wo man überall die Spuren der feinen Bildung und nützlichen Thätigkeit der Bewohner wahrnahm. So war z. B. im Erdgeschoß ein freundliches Zimmer, durch welches man in den Garten gehen konnte. Hier hielten sich Mutter und Tochter größtentheils in der bessern Jahreszeit auf. Es war einfach meublirt und Tisch und Stühle hatten die Farbe der Bäume und Gesträuche, welche durch die Fenster nickend, liebliche Kühle in dem Gemach schufen. Doch die sinnig geordneten Töpfe mit aufgeblühten Blumen, die Albinens Sorgfalt der brennenden Sonnenhitze entzog, verbreiteten in dem Zimmer herrliche Wohlgerüche und gaben dem Ganzen das Ansehen eines Tempels der Göttin Flora. Im obern Stockwerk war ausser den gewöhnlichen Gemächern ein geräumiger Saal. Ein schöner Flügel, eine Guittarre, ein Bücherschrank, hinter dessen Glasfenster man die Namen der besten Werke, alle in ein gleiches Gewand von englischem Leder gehüllt, lesen konnte, und ausgesuchte treffliche Kupferstiche unter Rahm und Glas waren darinnen zu finden. Auch im Gastzimmer war für die Unterhaltung des gern Beherbergten durch ein kleines Repositorium mit einigen interessanten Büchern gesorgt; schwellende Kissen mit glänzendem Weis bezogen, luden zur behaglichen Ruhe ein; ja auch hier, war Reinlichkeit und Anstand zu finden, wie in jedem Theil des Hauses. Den Hofraum umgaben Oeconomie-Gebäude, nemlich die Wohnung des Pächters, seine Stallungen, Scheuren u. s. w. es fehlte nichts was zur Bequemlichkeit und zum Vortheil der Besitzer gehörte.
Cornelia fühlte sich unbeschreiblich glücklich im Besitz dieses Eigenthums und durch die, von ihrer ehemaligen nun so ganz verschiedenen Lebensweise. Ordnung, Einfachheit und Ruhe, und dennoch hohe Genüsse waren mit ihr verbunden; und an der Seite ihrer Albina erhielt alles noch mehr Werth für sie.
Nur Theresen, der Schöpferin ihres Glücks, gestand sie zuweilen, wenn sie feurig ihre Lage prieß: «daß noch ~ein~ Wunsch in ihrer Seele lebe, nemlich der: von Rombergs Schicksal etwas zu erfahren;» und bei solchen Aeußerungen fielen oft auf Theresens Hand, die sie an ihr pochendes Herz drückte, große Thränen.
Albina war auch hier in ihrer neuen Sphäre wieder unermüdet thätig. Sie wußte, daß die Mutter Langenheims Schuldnerin war und so gerne sie sich den edlen Menschen verpflichtet fühlte: so glaubte sie doch höchst undankbar zu handeln, wenn sie nicht das, was in ~ihrer~ Macht stand anwenden wollte, um von der Güte der theuern Freunde nicht zu lange Gebrauch zu machen, was in ihren Augen Misbrauch schien.
Die Mutter hatte ihr gleich Anfangs das Haus-Regiment übergeben, da sie durch ihre ehemaligen Verhältniße verhindert sich wenig häusliche Kenntniße erwerben konnte und dieselben sich erst nach und nach zu eigen zu machen im Stillen sich vornahm. Albinens feines Gefühl wußte es aber ~so~ zu wenden: als sey es für die Mutter eine Last, die sie ihr freudig abnehmen wolle; sie unternahm nichts ohne Beistimmung Corneliens, verstand es aber immer so vorzutragen, daß Jene gegen ihre klugen Einrichtungen nichts einwenden konnte. Alle zielten dafür ab, zu ersparen, zu gewinnen, ohne zu geitzen, oder es den Dienenden und Hülfsbedürftigen zu entziehen.
Auch schämte sie sich nicht, ihre Fertigkeiten in weiblichen Arbeiten jetzt für sie einträglich zu machen. Sie bemühte sich immer die neuesten Mode-Arbeiten, von deren Erscheinen sie durch Theresen sogleich in Kenntniß gesetzt wurde, schnell nachzufertigen und dies trug ihr viel Geld ein. Cornelia, welche Verstand genug besaß, sich überall bald zurecht zu finden, lernte Albinen ihre Vortheile ab und beide beeiferten sich nun um die Wette, recht viel auf solche Weise zu verdienen.
Therese freute sich, so oft sie ihre Freundinnen besuchte, mit Dank gegen Gott ihres gelungenen schönen Werks und wurde jedesmal von jenen mit der dankbarsten Verehrung und Liebe begrüßt. Durch ihr offenes, kluges und liebevolles Betragen brachte sie es dahin, daß die Scheidewand fiel, welche bisher noch immer trennend zwischen ihrem Gatten und Cornelien stand. Sie näherten sich einander herzlich und ruhig, das gegenseitige volle Vertrauen beugte jedem gefährlichen, leidenschaftlichen Gefühl vor und jedes fand sich befriedigt im ungestörten Besitz einer Neigung, welche Vorzüge und Pflicht einflößten und erlaubten.
Der Ruf von dem freundlichen Landhaus und seinen achtungswerthen Besitzerinnen verbreitete sich sehr bald und sie wurden fleißig heimgesucht. Bald wünschte man Albinens Treibhaus zu sehen, bald ein seltenes Gewächs zu kaufen, bald wurde eine künstliche Arbeit bestellt. Wer nun kam, gieng immer äusserst befriedigt hinweg und erzählte hie und da von der lieblichen Wohnung, von der gebildeten Mutter, von der liebenswürdigen Albina. Auch die Aufmerksamkeit der vorüberfahrenden Fremden (es führte die Poststrasse an dem Garten vorbei) zog das Ganze oft auf sich.
An einem schönen Sommer-Abend saß Cornelia und Albina im Garten-Zimmerchen an einer Stickrahm. Ein Ofenschirm war seiner Vollendung nahe, auf welchem die Kunst einen Korb voll Blumen hingezaubert hatte, von denen jede der Natur abgeborgt schien. «Glaubst du nicht Mütterchen, daß hier noch eine Lücke ist, welche dort jene Moosrose gut ausfüllen würde?» frug Albina, die Stickerei bald näher, bald von der Ferne betrachtend, und das blonde Köpfchen dabei hin und her wiegend. «Sie kann sich zwischen der Nachtviole und der kleinen Rosette gut ausnehmen,» erwiederte Cornelia, «doch pflücke keine von dem Blumentopf,» setzte sie hinzu, als Albina im Begriff war dies zu thun; «im Garten, nahe an der Laube sah ich vorhin eine Blüthe, die noch halb in der Knospe mir malerischer dünkt.» Albina eilte durch die offene Thüre in den Garten und pflückte die Blume. Im Rückweg, als sie an dem schwarzen Gatterthor vorbei gieng, durch welches man von der Fuhrstraße herein kam, erblickte sie an demselben einen Fremden mit zwei allerliebsten Mädchen von 6 und 8 Jahren, alle in Trauer gekleidet, welche den Garten zu betrachten schienen. Albina öffnete sogleich das Thor und erfreute Jene durch das mit ihrer liebenswürdigen Freundlichkeit geäußerte Anerbieten: einzutretten, welches auch sogleich dankbar benützt wurde. «O wie schön ist es hier!» riefen die Kinder und klopften in die Hände. Sehr, sehr schön stimmte der Vater bei, und ihm -- einem großen Botaniker fiel sogleich das Treibhaus in die Augen. Albina führte sie hin und zeigte einige seltene Gewächse, wobei sie sehr geläufig die Namen, so wie die Eigenschaft jeder derselben zu nennen wußte.
Baron Kronthal (so hieß der Fremde) sah und erfuhr hier selbst Manches, was ihm noch unbekannt war und schien so unendlich erfreut darüber, daß Albina trotz seiner Lobsprüche, womit er sie überhäufte, diesmal doch mehr ihrer Gutmüthigkeit, als ihrer Bescheidenheit Gehör gab und alle ihre Schätze ihm vorstellte. Dann führte sie die Fremden zur Mutter und nachdem man sie begrüßt hatte, zogen die Kinder, die schon ganz vertraulich mit Albinen plauderten, dieselbe jubelnd zu einem zahmen Canarienvögelchen, das bald in den nahstehenden offenen Käfig hinein hüpfte, bald wieder heraus flatterte und sich auf den Blumenkronen wiegte; sie waren unbeschreiblich glücklich als Albina etwas Futter in ihr Händchen streute und der zahme Pipi dasselbe wegpickte. Der Baron unterhielt sich unterdessen sehr befriedigend für ihn mit Cornelien. Die kunstvolle Arbeit wurde auch nach Verdienst bewundert und ein auf der Stickrahm aufgeschlagen liegendes Buch (es war: die Bilder des Lebens von Ehrenberg) in welchem Albina Cornelien kurz vorher vorgelesen hatte, bestärkte Kronthal in seiner, von Mutter und Tochter gefaßten vortheilhaften Meinung, denn während Erstere Albinen den Auftrag ertheilte, eine kleine Erfrischung zu holen, konnte er den Reiz nicht widerstehen in das Buch hinein zu schauen und fand von einer niedlichen Frauenhand niedergeschriebene geist- und gefühlvolle Bemerkungen über mehrere intereßante Stellen in dem erwähnten Buch. Die Mädchen baten schmeichelnd, daß sie Albinen begleiten dürften. In der Zeit machte Kronthal Cornelien mit der Absicht seiner Reise bekannt: Er hatte nemlich das Unglück vor einigen Wochen die Gattin, die treue Mutter seiner Kinder durch den Tod zu verlieren und unfähig auf dem einsam gelegenen Gut, das er bewohnte, letztern die gehörige Erziehung geben zu können: wollte er sich in der Residenz nach einer Anstalt erkundigen, welcher er seine Töchter anvertrauen könnte; allein setzte er hinzu: «Was ich ~hier~ sah und hörte wird mein Urtheil, meine Forderungen steigern. Warum; o warum machen Sie Ihr schönes Leben nicht gemeinnütziger? warum sorgt Ihre liebenswürdige Tochter für leblose Pfleglinge, indem Ihre Wohnung eine wohlthätige Pflanzschule für junge Gemüther werden könnte, worin der Natur die hülfreiche Hand geboten und köstliche Früchte gezogen werden würden.» -- Cornelia schien nachdenkend. -- Der Baron fuhr fort. «Könnten Sie sich entschließen, einen bekümmerten Vater die große Sorge für seine geliebten Kinder abzunehmen -- ich würde mit Freuden jede Ihrer Forderungen befriedigen und mein Dankgefühl würde unauslöschlich seyn.» Indem trat Albina mit den Kleinen in das Zimmer. Sie hatten ihr Alles abgenommen, um nur von ihrer Hand geführt zu werden und trugen -- die Eine ein zierliches Körbchen mit Apricosen und Frühbirnen, die Andere einen Teller mit mürbem Brod. «Aurelia! Sidi!» rief der Vater ihnen zu, «wie gefällts euch hier?» «ach so wohl, so wohl» erwiederten beide, «daß wir immer hier bleiben möchten!» -- «überall ist so freundlich, so lieb, ich fühle mich ganz heimisch hier,» sagte Sidi. Aurelia die Aeltere klagte: «So wirds nicht in der Anstalt seyn, wo Du uns hinbringen willst guter Vater» -- sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und fuhr fort -- «dort werde ich viel und lange weinen, wenn Du von uns weggehst, hier aber glaube ich, könnt' es mit ein paar Thränchen vorübergehen; mir ist so wohl, so wohl, als wenn noch die Mutter bei mir wäre» hier lief sie vom Vater weg zu Albinen; barg ihr Gesichtchen an den Busen derselben, und weinte sanft.
«Albina» -- sagte Cornelia -- «dieser Freund hier schenkte uns ein Vertrauen, diese holden Kinder eine Liebe, welches beides unsere dankbare Anerkennung fordert: ich denke aber, wir können jene uns ehrenden und beglückenden Aeusserungen in die Zukunft dadurch rechtfertigen, wenn wir mit gewissenhafter Treue die Erziehung und Ausbildung dieser theuern Wesen übernehmen und besorgen.»
Entzückt küßte Kronthal Cornelien die Hand; die Kinder horchten hoch auf und als ihnen Albina freundlich bestättigte, «ja wir bleiben beisammen!» war ihre Freude ohne Grenzen.
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Die Gegenwart der Kleinen änderte wenig in der Lebensweise Corneliens und Albinens, denn der Vater hatte es nicht nur gebilligt sondern ausdrücklich gewünscht: daß, in Rücksicht der physischen Bedürfnisse und Ausbildung seiner Kinder die höchste Einfachheit beobachtet werden möchte.
Es wurde also wie bisher mit der Sonne aufgestanden, ein Glas frisches Quell-Wasser und etwas später Milch getrunken, dann erhielten die Kinder abwechselnd von Mutter und Tochter Unterricht in wissenschaftlichen Gegenständen, aber auch bei häuslichen Geschäften durften sie, wo sie konnten kleine Dienste leisten. Nach Tisch wurde wie auch Abends ein Stündchen der Blumenpflege gewiedmet, nachher mußten die Mädchen eine weibliche Handarbeit vornehmen und der übrige Theil des Abends gehörte ihren Erholungen, wobei Albina ihre Spiele leitete und überhaupt immerwährend durch Beispiel und Unterhaltung, ohne daß sie es oft selbst wußte, lehrreich für sie wurde, das Mittagessen und die Abendsuppe blieben so einfach wie bisher und bald nachdem die letzte eingenommen war, ruheten auf dem Lager von Roßhaarküssen die durch beständige Thätigkeit ermüdeten Glieder der holdseligen Mädchen sanft aus. Diese ganz einfache und doch herrlich gedeihende Erziehung wirkte so vortheilhaft auf Aurelia und Sidonie, daß nicht nur ihr Geist und ihr Herz eine treffliche Richtung und einen Reichthum von Kenntnißen und zarten edlen Gefühlen erhielt, sondern, daß auch ihr Aeußeres die Spuren der festesten Gesundheit und der Reinheit ihrer Seele trug.
Jeder Blick ruhte mit Wohlgefallen auf ihnen und die Folge war: daß mehrere Eltern ihre Lieblinge Albinen und ihrer Mutter zuführten und sich auf diese Art ein Institut bildete, das, zwar nicht seiner Ausdehnung nach (denn die Zahl der Zöglinge durfte nur bis auf 12 steigen) aber in Hinsicht seiner aufgestellten und befolgten Grundsätze, zu den Vorzüglichsten gehörte. Die befriedigten Eltern entwarfen selbst für Cornelien die vortheilhaftesten Bedingnisse, unter welchen ihre Kinder angenommen werden sollten und so hatte sich auf einmal der Lebensplan von Jener und von Albinen ohne ihren Willen geändert. Sie suchten vorher beinah ängstlich durch den Erwerb ihrer Handarbeit, ihre Verpflichtung gegen Langenheims zu erfüllen und ihre Existenz zu erleichtern, sie wollten dabei nur ihr Gärtchen anbauen und in der Stille leben, jedoch ganz anders gestaltete sich auf einmal ihre Lage. Ein großer segensreicher Wirkungskreis war auf einmal vor ihren Blicken geöffnet. Hier sollten sie pflanzen und pflegen, säen und erndten. Die Sorge für das eigene Fortkommen wurde von der weit edlern Sorge für die geistigen und physischen Bedürfnisse Anderer verdrängt und mit dem Gewinn, den sie reichlich durch die Freigebigkeit der Eltern und Verwandten in klingender Münze erhielten, verband sich der noch weit höhere Lohn, der in dem Gelingen ihres gewissenhaften Strebens: fromme, durch sich selbst glückliche Menschen zu erziehen, bestand.
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So lebhaft es nach und nach in dem freundlichen Landhaus wurde, so stille war es um Theresen, seit sich Albina von ihr getrennt hatte; sie fühlte sich verwaißt: denn die süße Gewohnheit, alle Arbeiten mit dem Beistand des lieben Mädchens vorzunehmen, alle Vergnügungen mit ihr zu genießen, sich an ihren Vorzügen im Stillen zu weiden, dies Alles -- hatte aufgehört. -- Daher kam es ihr sehr erwünscht, als Langenheim mit einem Brief in der Hand in ihr Zimmer trat, und ihr eröffnete: daß Präsident Volkmar, wegen Kränklichkeit um seine Dienstentlassung nachgesucht habe, daß er künftig in der Residenz mit seiner Familie zu leben gedenkt und den lebhaften Wunsch hege: in Langenheims Wohnung ein Quartier zu beziehen. «Kann ich wohl anders liebes Weib! als ihm den 2ten Stock unsers Hauses zusagen? setzte Langenheim am Schluß hinzu, ihm haben wir ja so viel zu danken! und es sind gute edle Menschen!» Therese stimmte ihm bei und traf gleich an den folgenden Tagen alle hiezu nöthigen Vorkehrungen im Haus. Nach Verfluß eines Monats erschien nicht nur Volkmar, mit Gattin und Tochter, sondern auch Guido sein Sohn und Theodor ein Freund desselben kamen mit ihnen nach D**. Die beiden letztern waren eben von der hohen Schule zurückgekehrt und sollten sich in der Residenz um eine Anstellung bewerben. Nun war auf einmal wieder Leben in Langenheims Haus. Es wurden die öffentlichen Vergnügungen mehr genoßen und viele Gesellschaften so wohl gegeben, als auch besucht.
Volkmar wurde, als vertrauter Freund gleich während den ersten Tagen in die Verhältniße Corneliens und Albinens eingeweiht, welche sich bald nach seinem letzten kurzen Aufenthalt zu D** entwickelt hatten und er und seine Familie zeigte eine große Sehnsucht bei Jenen eingeführt zu werden.
An einem schönen Nachmittag überraschte die ganze Gesellschaft die würdigen Vorsteherinnen des kleinen Instituts, als sie eben bei einer Lesestunde in dem Saal unter ihren Zöglingen saßen und sich nebst den andern mit Handarbeit beschäftigten, indeß Aurelia, welche die Reihe traf mit Richtigkeit und Ausdruck in Lossius Gumal und Lina vorlaß. Albina flog von ihrem Sitz auf, als sie Theresen erblickte und wollte in ihre Arme eilen: jedoch sie trat wieder einige Schritte hocherröthend zurück: denn eine schöne männliche Gestalt ging auf sie zu und verbeugte sich mit edlem Anstand. Therese nannte Guido, Volkmars Sohn. Unterdessen waren sie alle in den Saal getretten und die Bewillkommnungsscene erregte sehr gemischte Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden; besonders bei Cornelien. So bald sie konnte flüsterte sie Theresen ins Ohr: «wer ist der junge Mann?» indem sie auf Theodor zeigte. «Theodor Hainau,» antwortete Jene und sah erstaunt die Freundin an, welche ihr wieder in einem leidenschaftlichen Zustand zu seyn schien. Es war keine Zeit zu Erörterungen zu finden und nachdem Garten und Haus mit Allem was dazu gehörte, eingesehen und eine kleine Erfrischung gereicht und genossen war, endete sich der Antrittsbesuch. Man schied zwar sehr befriedigt von Allem, was man gesehen und gehört hatte, indessen freuten sich mehrere der Theilnehmer derselben im Stillen, allein oder in geringerer Anzahl bei den interessanten Freundinnen zuweilen zuzusprechen, wovon man sich einen größeren Genuß versprach.
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Langenheims waren mit ihren lieben Miethsbewohnern höchst zufrieden. Der Baron war ein Mann von seltenen trefflichen Eigenschaften. In seiner Gattin, welche das Bild einer unermüdet thätigen treuen Hausmutter vorstellte, erhielt Therese eine liebende, ihrer Liebe werthe Freundin. Aber in Eugenien fand sie Albinen -- nicht. Sie besaß mehr einen männlichen als weiblichen Charakter, war mehr gelehrt, als gebildet, anmaßend im höchsten Grad und stolz auf ihr Wissen. -- So unzufrieden die Eltern mit ihrer Tochter waren, so sehr beglückte sie der Besitz ihres Guido's. Mit einem Schatz gesammelter Kenntniße, mit einem reinen, unverdorbenen Herzen, den Sitz eines unaussprechlich tiefen Gefühls, mit einem festen Sinn und feinen Sitten -- so kehrte er von der Universität in die Arme der Eltern, dabei war er schön wie Apoll und kühnen Muthes wie Mars. Ihm flogen alle weiblichen Herzen in der Residenz entgegen: doch das Seinige schlug seit dem ersten Anblick nur für -- Albinen. Theodor Hainau wurde überall als Freund Guido's und Verwandter des Hauses vorgestellt, stand aber neben Ersterm im Schatten. Er hatte nichts ausgezeichnetes, als einen höchst schwermüthigen Zug im Gesicht. Auch war er immer ernst und stille, dabei aber nicht ohne Kenntniße und unbeschreiblich sanften weichen Gemüthes. Seine größte Neigung war die Musik; er spielte den Flügel und bließ die Flöte trefflich. Auch ihm schien Albina das vollkommenste weibliche Wesen, das er je gesehen, und er konnte nichts denken als sie. Sie war der Inhalt seiner klagenden Töne am Clavier, denen seine Leidenschaft Worte gab, sie erschien ihm im Traume und oft gieng er vor die Stadt, um nur von ferne die Wohnung zu sehen, wo sie liebend und emsig waltete.
In dem Landhaus hatte jener Besuch auch verschiedenartige Folgen zurückgelassen. Albinens ruhiger Gleichmuth war gestört. Sie mochte es sich noch so sehr selbst abläugnen wollen, die beiden Jünglinge beschäftigten ihre Phantasie mehr als alle männliche Erscheinungen, welche ihr schon auf ihrem Lebensweg begegnet waren. Guido'n mußte sie den Vorzug geben: jedoch wunderseltsam zog sie Theodor an; sie konnte sich durchaus keine Rechenschaft von dem Gefühl geben, das er in ihr erregt hatte. Niemand konnte indessen etwas davon ahnen, was in ihrem Herzen vorgieng; nur in stiller Nacht, oder wenn sie alleine den Garten durchwandelte, hing sie ähnlichen Betrachtungen nach, dann stand sie freilich oft lange gedankenvoll vor ihren duftenden Pfleglingen, ohne sich um sie zu bekümmern, bis ein leiser Lufthauch ihre Zweiglein und Blüthenkronen gegen sie führte, gleich als wollten sie dieselbe an ihr Daseyn erinnern. War Albina aber im Kreise der Kinder oder sonst bei einem Geschäfte, so wieß sie strenge Alles in die Tiefe des Herzens zurück, was sie stören konnte und gegen die Mutter -- ja die Mutter -- war nicht Therese! So sehr sie Jene ehrte und liebte, so schreckte sie ihre Leidenschaftlichkeit zurück und sie fühlte es oft mit Schmerz, daß sie sich ihr weniger zu vertrauen vermögte als Theresen. Auch war Corneliens Betragen seit jenem Besuch so ungleich, daß Albina Mühe hatte, seinen Einfluß auf die Kinder zu verhindern. Oft, ja größtentheils war jene ernst, trübe, heftig. Zuweilen aber blitzte ein Strahl, wie von einer schnell auflodernden freudigen Empfindung des Herzens aus ihrem Auge und Albina sah sehnsüchtig einem Besuch Theresens entgegen, deren Seelenfrieden, wie sie hoffte, auch in ihrer beider Herzen ihn wieder herstellen würde. Nur wünschte sie, daß sie alleine kommen möchte. Dieß geschah nicht; die Baronin begleitete sie und jene wußte es zu veranstalten, daß Albina der letztern den Weinberg zeigen und also sich lange mit ihr entfernt halten mußte. Diese Zeit benützte Therese, um sich von Cornelien Aufschluß über ihre letzthin an sie gerichtete Frage: «wer Theodor sey?» geben zu lassen. «O meine Freundin!» rief diese, und warf sich weinend in Theresens Arme: «Alles was ich mühsam in Schlummer gewiegt hatte, das hat Theodors Anblick wieder mächtig erweckt. Ich fand eine Aehnlichkeit in seinem Gesicht, welche mir das Bild meines Gattens ganz vergegenwärtigte. Vorzüglich in den letzten Tagen unserer Vereinigung, wo Schwermuth, die vorherrschend in Theodors Zügen liegt, auch meines Rombergs Miene aussprach. Doch -- jener heißt Hainau?» «Ja,» erwiederte Therese, «so heißt er, und ist ein Verwandter Volkmars, Theodors Vater war, seiner Aussage nach nicht Officier sondern der Besitzer eines Guts und ist seiner Gattin, welche nach der Geburt des Sohnes starb, bald nachgefolgt.
Volkmars nahmen sich seiner an, und in dieser Familie fühlte sich Theodor so glücklich, daß er sich um seine übrigen Familien-Verhältnisse nichts bekümmerte und ihm dieselben ganz unbekannt blieben. Auch meinen Albert und mich interessirte sein Name und meines Gatten erste Frage war: «ob er mit dem Direktor zu E* welcher auch Hainau hieß, verwandt sey?» jedoch Theodor konnte uns keine Aufklärung darüber geben. Gewiß hat die feurige Einbildungskraft meiner Freundin sie irre geführt und bei öfterem Wiedersehen wenn es ihr gelingen wird, der Phantasie die Zügel anzulegen, wird jene Aehnlichkeit weniger auffallend erscheinen.» Cornelia versprach ihre Unruhe zu beherrschen: allein so oft sie mit Theodor zusammen kam, hatte es immer nachtheilige Folgen auf ihre Stimmung und Theodor begleitete Theresen ~oft~ in das Landhaus; denn ihm war nur wohl in Albinens Nähe: Ihr zu lieb studierte er emsig die Blumenpflege, bereicherte ihren Garten, ihr Treibhaus mit neuen Schätzen, half ihr dann bei allen ihren Beschäftigungen mit demselben und diese Stunden, wo Albina in schwesterlicher Vertraulichkeit mit ihm lebte, waren für ihn die seeligsten. Wenn er noch so tief im Herzen betrübt zu ihr kam, so theilte sie ihm bald ihre sanfte Heiterkeit mit und sein Trübsinn verwandelte sich in die munterste Laune. Albina bemerkte seinen Hang zur Schwermuth und das innigste Mitleid erfüllte ihre schöne Seele. Mit herzlicher Freude wurde sie ihres Einflußes auf seine Stimmung gewahr und es schien ihr Pflicht, ihn immer zu seiner Aufheiterung zu benützen.
Einst wurde Volkmars zu Ehren in der Stadt eine Gesellschaft gegeben, auch Cornelia und Albina waren dazu gebeten. Allein da beide, der Zöglinge wegen, nicht zugleich sich vom Haus entfernen konnten, so schlug letztere die Einladung aus.
Theodors Blick suchte in den gesellschaftlichen Cirkeln immer zuerst Albina. Heute fand er sie nicht, und erfuhr von Theresen die Ursache ihres Nichterscheinens. Nun brannte unter ihm der Boden, nun war nur sein Körper gegenwärtig, er selbst war in dem freundlichen Garten, im Kreise der Kinder, an Albinens Seite. Ein Bedienter kam und rief ihn ab. Welch ein glücklicher Zufall! Im Gasthof zur Rose war ein Universitäts-Freund von ihm abgestiegen und verlangte ihn zu sprechen. In dem Augenblick war Theodors Entschluß gefaßt. Er entschuldigte sich bei der Hausfrau, suchte schnell den Bekannten auf und nach einer kurzen Unterredung, eilte er von ihm weg, zur Stadt hinaus und dem Landhaus zu. Albina trat eben aus der, im Erdgeschoß befindlichen Küche, mit einem Teller Suppe auf den Vorplatz, wo ein armer Greis saß, den die Kinder mitleidig umringten und sich von ihm sein Elend vorerzählen ließen. Theodor blieb in der Entfernung stehen und weidete sich an dem himmlischen Anblick; wie die Kinder, tröstenden Engeln gleich, sich beeiferten, den Armen zu bedienen, jedes ihm eine kleine Hülfe zu leisten sich bemühte, Albina selbst mit milder Theilnahme seine Klagen willig anhörte und ihm Speise und Trank, Geld und freundliche Worte spendete. Theodor blieb noch immer verborgen, um die rührende Scene nicht störend zu unterbrechen. Erst als der Greiß mit heißen Segenswünschen von seiner Wohlthäterin geschieden war, von den Kindern unterstützt und in ihrem Geleite den Berg hinter dem Landhaus mühsam hinauf stieg, trat er hervor und begrüßte Albinen, die, jenen nachschauend unter der Thür stehen geblieben war. Sie schien betroffen und auch ihm entsank beinahe der Muth bei ihrer ganz eigen betonten Frage: «Theodor! was führt Sie ~alleine~ zu mir?» Er blickte ihr bittend ins Auge und antwortete: «der Schmerz, sie bei Regierungsrath W* nicht getroffen zu haben und die schon lang gehegte Sehnsucht: mein von so manchem Kummer belastetes Herz gegen Sie durch vertrauliche Mittheilung zu erleichtern. Darf ich bleiben, oder schicken Sie mich trostlos fort?» Albina vermogte dies nicht; doch erwiederte sie ernst: «Sie bleiben mein Freund! aber Sie erwarten meine Mutter, nur ~dadurch~ wird sich das Unschickliche, das in diesem Schritte lag, vermindern.»
Die Kinder kamen zurück und tummelten sich im Garten. Albina und Theodor nahmen Platz in der Laube und Erstere glaubte, jene von ihrem Freund gewünschten Mittheilungen verhüten zu müssen, da es ihr gefährlich dünkte, seine Vertraute zu werden; sie suchte mit möglichster Unbefangenheit die Unterhaltung auf gewöhnliche Gegenstände zu lenken. Allein Theodor ging wenig darauf ein, war einsilbig und traurig. Endlich sagte er mit einem tiefgeholten Athem-Zug: «Die wohlthätige gütige Albina, welche einem alten Bettler ein williges Gehör für seine Klagen leiht, will durchaus ihrem armen Freund den Trost versagen, den er in der Schilderung seiner betrübenden Schicksale finden würde.» Albina ließ das Strickzeug in den Schoos sinken und in ihrem feuchten Auge laß Theodor die Bewilligung seiner Bitte, dankbar drückte er ihre Hand an seine Lippen und fuhr fort: «Erklären Sie mir, theure Albina! den unwiderstehlichen Drang meines Herzens Ihnen, und nur Ihnen allein Ereigniße anzuvertrauen, welche ausserdem tief in meinem Innern begraben liegen. Auch der edlen Familie, die sich des Verlaßnen annahm, sogar meinem Guido ist manches in meiner Lebensgeschichte unbekannt geblieben. Ja über den wichtigsten Gegenstand in derselben, der so schwer mir auf der Seele liegt, daß ich ihn nicht mehr alleine zu tragen vermag, sind sie im Irrthum. Sie glauben nemlich: mein Vater ist tod -- aber -- er ist nur tod für mich! er lebt Albina! er lebt! doch Gott weiß es, wo jetzt sein Aufenthalt ist!» Auf Albina machten diese Worte einen eigenen tiefen Eindruck und in gespannter Erwartung bat sie nun Theodor selbst, seine traurigen Erfahrungen ihr mitzutheilen. «Das Unglück hat mich von Kind auf verfolgt,» begann er, «schon mein Eintritt in die Welt hatte die schreckliche Folge, daß er meiner Mutter das Leben kostete; einer Mutter, welche nach der Aussage Anderer, unbeschreiblich sanft und gut, der rauhen Behandlung meines Vaters unterlag. Auch ich wurde von ihm mißhandelt und lebte eine harte Jugend. Endlich erlauschte ich einen günstigen Zeitpunct und entfloh. Die kleine Baarschaft, die ich bei mir trug, war bald aufgezehrt; aber als Kind hatte ich auf unserm Gut, das mitten im Wald lag, von den Knaben im Dorf kleine Hirtenflöten aus Lindenholz zu machen gelernt; welche ich, so ziemlich geschickt zu blasen verstand. Mit dieser Kunst, die Instrumente zu verfertigen und durch meinen Vortrag zu empfehlen, erwarb ich mir Freunde und durch sie Brod und Obdach. So kam ich in die Stadt, wo Volkmars lebten. Guido, den ich auf der Strasse begegnete und welcher Gefallen an mir fand, führte mich zu seinen Eltern, und diese rührte mein Unglück. Guido's Bitten bestärkten sie in ihrem großmüthigen Entschluß, mich bei sich zu behalten und ich genoß von diesem Augenblicken an bei ihnen die Rechte eines eigenen Kindes. Mit dem Sohn theilte ich jeden Unterricht und nach geendigten Schulstudien bezogen wir zusammen die Universität. Eine unüberwindliche Scham hatte mich bisher abgehalten, die Wahrheit: daß ich vor meines Vaters Mißhandlungen entflohen sey, zu bekennen; ich hatte vorgegeben: er wäre gestorben, und ich, nach seinem Tod ganz arm und verlassen, hätte mein Glück in der weiten Welt suchen wollen. Oft aber bereute ich diese Unwahrheit: denn in meinem Herzen lebte, trotz der Behandlung, die ich von meinem Vater erfahren hatte, Liebe zu ihm und Sehnsucht etwas von ihm zu hören und doch verschloß mir immer eine gewisse Schüchternheit den Mund, wenn ich meine erste Aeußerung wiederrufen wollte. Als ich zu H* studirte und fähiger war, einen festen Entschluß männlich auszuführen, schrieb ich an meinen Vater alles, was mir ein reuiges kindliches Herz eingab, allein der Brief kam unerbrochen in einem Couvert zurück, worin Jener mit kurzen Worten erklärte: daß jede meiner Bemühungen ihn mit mir zu versöhnen vergeblich seyn würde, indem er seinen Aufenthalt verändern und einen, vor der Welt ganz verborgenen wählen würde. -- Dies ist es nun theure Freundin, was unaussprechlich quälend jede Erdenfreude mir vergiftet, was bisher als lastendes Geheimniß mein Leben trübte und mich zu keiner Ruhe kommen läßt» -- bei diesen Worten löste sich Theodors Schmerz in Thränen auf und Albina weinte mit ihm.
«Armer, armer Theodor!» sagte sie sanft, «wie bedauernswürdig sind Sie! doch, wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie schon längst Ihren edlen Pflegeltern sich anvertraut und ihre Vermittelung erbetten hätten?» Theodor machte eine verneinende Bewegung. «Mein Vater ist unerbittlich» versetzte er, «ich habe auf Alles verzichtet, nur nicht darauf, daß ich in Ihrem edlen Herzen Albina eine Freistätte für meinen verborgenen Kummer finden würde!»
Unfähig sich anders zu geben als sie war, und voll des innigsten Mitgefühls, erwiederte sie mit einem herzlichen Druck der Hand: «Könnte ich Ihnen doch mehr geben als Theilnahme! könnte ich helfen!» Theodors lang unterdrückte Leidenschaft brach hier mit Heftigkeit aus. Er stürzte zu Albinens Füßen und betheuerte ihr: «daß es nur in ihrer Macht stehe, ihm sein Unglück ganz vergessen zu machen, und daß er sie unendlich liebe!» Welche Seeligkeit gab Theodor Albinens Gegenliebe, die der Glückliche unverkennbar in ihrem Auge laß, als er seinen Blick zu ihr erhob! jedoch, indem er von ihren Lippen die theure Versicherung wegküssen wollte, hörte Albina die Haus-Klingel schellen. «Laß uns der Mutter entgegen gehen!» sagte sie, «ihr dürfen und wollen wir uns nicht verbergen.»
Corneliens Scharfblick entgieng die Bewegung nicht, in welcher sie die jungen Leute antraf und als sie beide schweigend und forschend betrachtete, schlang Albina die Arme um ihren Nacken, Theodor ergrif ihre Hand und ohne viele Worte war sie in ihr süßes Verständniß eingeweiht. Allein die schöne Morgenröthe des Glücks an dem Himmel des liebenden Paars verdunkelte bald die trübe Wolke auf der Stirne der Mutter. Sie schien nach besonnener Gelassenheit zu ringen. Endlich zog sie beide an ihr Herz und bat sie ernst und dringend: sich durch kein übereiltes Versprechen unglücklich zu machen. «Ich will den Pfad Eurer Liebe nicht mit Dornen bestreuen,» sagte sie, «aber ich kann meiner Ueberzeugung nach, Eure Neigung für jetzt nicht begünstigen, o Ihr müßt Euch noch näher kennen lernen, wenn Ihr sagen wollt: wir sind für einander gebohren, und um jeder unangenehmen Folge der Oeffentlichkeit Eures Verhältnißes vorzubeugen, verlange ich von Euch, daß Ihr dasselbe vor den Augen der Welt verberget. Nach Jahresfrist könnt Ihr eher auf meine Einwilligung hoffen.»
Die Liebenden gehorchten, begnügten sich mit den zwar spärlich zugemeßenen aber dann desto kostbareren Augenblicken schuldloser Genüße und Albina machte nur Mütterchen Therese zu ihrer Vertrauten.
* * * * *
Guido hatte seine glühende Liebe zu Albinen tief in seine Brust verschloßen; sobald er gewahr wurde, daß Theodor in ihrem Besitz seine höchste Glückseeligkeit setzte. Kein Blick, keine Miene verrieth den Zustand seines Innern. Aber Albinens Zauber feßelte ihn dennoch an den Ort, wo sich ihm öfters die Gelegenheit darbot, sie in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit zu beobachten. Er schlürfte mit Wohlbehagen das Gift, welches sie ihm ohne Wissen und Willen in ihrer holden Freundlichkeit darreichte und jede Stunde, die er mit ihr in den bunten Reihen der Gesellschaft oder am traulichen Theetisch bei Langenheims, wie auch bei seinen Eltern zusammen lebte, umfaßte eine Fülle der schmerzlichsten und seeligsten Empfindungen für ihn.
An jenem Abend, als der glückliche Theodor wonnetrunken nach Haue kam und die Freunde in ihr gemeinschaftliches Zimmer traten, legte jener in das Heiligthum der Freundschaft, in Guido's Herz, das Geheimniß seines stillen Glücks, seiner Liebe. Auch hier blieb jener edle Jüngling Herr über seine Gefühle; aber am andern Morgen, trug er den Eltern, den (wie er sagte) schon lang gehegten Wunsch vor: eine Reise ins Ausland machen zu dürfen, um sich noch mehr Kenntniße und Erfahrungen zu sammeln. Er erhielt ihre Einwilligung und in einem kurzen Abschied, rieß er sich mit männlich verhaltenem aber unendlichem Schmerz von Albinen los.
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Die eingeführte Gewohnheit, nach welcher jeder Künstler in Langenheims Haus willkommen war, wurde immerwährend beobachtet und war schon oft für sie die Quelle manches reinen hohen Genußes geworden. An einem Abend führte sie einen geschickten Maler, Namens Hugo zur Theezeit in den kleinen Kreis, welcher nebst den Hauswirthen und Volkmars auch Cornelien gerade damals umfaßte. -- Hugo erzählte viel Interessantes von seinen Reisen und zeigte manche trefflichen Producte seiner Kunst, besonders in Landschafts-Gemälden.
Bald war es eine freundliche Ansicht, bald eine, die schauerliche Größe der Natur beurkundente Gegend, bald ein stilles Dörfchen in üppiger Flur an einem klaren See, bald eine einsame Kapelle unter alten Eichen was Hugo im Flug aufgenommen und dann mit Muse meisterhaft ausgeführt hatte.
«Diesem Blatt hier,» sagte der Maler, indem er auf ein noch umgeschlagenes Gemälde in seiner Mappe hindeutete, «muß ich zuerst die Erzählung eines Ereignißes voranschicken, welches eigentlich der Darstellung noch mehr Werth giebt; ich kam vor einigen Wochen auf meiner Fußwanderung durch das Gebirg, schon als die Sonne im Sinken war, an das Ende eines schwarzen Tannen-Waldes. Die feurige Kugel blitzte mit dunkelm Roth durch die Stämme der lichter stehenden Bäume und auf einmal strahlte mir seitwärts ihr goldner Wiederschein aus hochgewölbten Fenstern einer alten verfallenen Burg entgegen, die jetzt erst sichtbar von einem hohen Felsen stolz hernieder schaute. Dieser Felsen war auf der vordern Seite nackt und kahl, neben aber schlängelte sich ein Fußsteig mit bequemen Stufen herunter bis zu einer Quelle welche sanft murmelnd das Auge auf einem etwas freiern Platz hinleitete, der mit grünen Moos bedeckt und mit einigen Birken verschönert, gar freundlich gegen das düstre Dunkel der übrigen Umgebung abstach. Auf einer, unter den Bäumen angebrachten Rasenbank saß ein ältlicher magerer Mann mit finstern halb erloschnem Auge und mit den Spuren ehemaliger Schönheit in dem bleichen Gesicht. Er stützte sich auf einen Officiers-Degen und betrachtete aufmerksam eine getrocknete Rose, die er in der einen Hand hielt. Ein tiegerartig gefleckter Jagdhund lag zu seinen Füssen und schien seinen Herrn zu beobachten. Es hatte für mich das Ganze so viel Anziehendes, daß ich in einer kleinen Entfernung mich auf einen Baumsturz setzte und es mit einigen Strichen skizirte. Eben hatte ich vollendet, als der Mann in die Höhe fuhr, dann den Degen entblößte und eine Bewegung machte sich damit zu töden. Der Hund sprang auf und bellte und ich rief mit lauter Stimme: «Halt» Jener sah sich um und als er mich erblickte entfloh er ins Gehölz; ich konnte nichts mehr von ihm gewahr werden und gieng in das nicht ganz weit von dieser Stelle gelegene Dorf um hier ein Nachtquartier zu nehmen. Bei meinem Wirth erkundigte ich mich nach den nähern Umständen der beschriebenen seltsamen Erscheinung und erfuhr: daß schon seit längerer Zeit das Felsenschloß von dem Unbekannten bewohnt werde, welcher jede menschliche Begegnung vermeidend, sich nur gespensterartig jeden Abend um eine gewisse Stunde in dem Hain sehen ließe, wo ich ihn traf. Wöchentlich einmal käme ein stummer Knappe in fast abentheuerlicher Kleidung in das Dorf, der durch Zeichen die nothwendigsten Bedürfnisse für seinen Herrn und sich verlange; jedoch alles redlich bezahle. Am andern Morgen erschien wirklich der sonderbare Diener. Einen Hut mit Federn, den er tief ins Auge drückte, einen kurzen Mantel, welchen er um sich herum schlug, und darinnen sein Gesicht zu verbergen suchte, schwarze kurze Beinkleider, nach alter Ritterart aufgeschlizt, Strümpfe von gleicher Farbe, nebst hohen geschnürten Schuhen mit Franzen und Maschen geziert -- so trat er in die Wirthsstube, zog sich aber sogleich zurück, als er mich, einen Fremden erblickte; doch erfuhr ich nachher von der Wirthin, daß sein Herr am Leben sey, was mir wirklich am Herzen lag und weswegen ich entschloßen war, trotz meinem Wunsch, schnell weiter zu reisen, demselben Abend mich wieder in den Wald zu begeben, um mich zu überzeugen, ob jener Unglückliche, den Vorsatz, von dem ich ihn abgehalten hatte, vielleicht doch ausgeführt habe, nun war es aber nicht nöthig und ich verfolgte meinen weitern Reiseplan.»
Jetzt zeigte Hugo das Gemälde. Cornelia, welche der Erzählung sehr aufmerksam zugehört hatte, warf einen Blick auf dasselbe und sank ohnmächtig auf das Sopha zurück. Alles war in der größten Bestürzung. Man brachte sie ins Nebenzimmer und durch Theresens Bemühungen kam sie bald wieder ins Leben zurück.
Sie blickte scheu um sich und als sie die Freundin neben sich sitzen sah, fuhr sie heftig empor, schlang beide Arme fest um sie und rief: «Er ist es, mein Romberg ists! wo ist die Burg? wo find ich ihn?» Therese bot ihre ganze Beredsamkeit auf, um sie zu beruhigen. Das wirksamste Mittel hiezu war der Entschluß Langenheims: nachdem Hugo auf sein Verlangen die Lage des Felsenschloßes und den Weg dahin genau bezeichnet hatte, selbst hinzureisen um für Cornelien und Albinen etwas Entscheidendes zu bewirken: und wirklich trat er gleich am folgenden Morgen seine Reise dahin an. Erst am 2ten Tag erreichte er das Felsenschloß, wo ihm der Einlaß schlechterdings versagt wurde. Er ritt nun in das Dorf und erwartete hier die Abendstunde in welcher der Menschenfeind an der Quelle erschien; begab sich hier auf einen Posten, wo ihn dieser nicht eher sehen konnte, bis er vor ihm stand. Beide erkannten sich sogleich und Romberg drang mit gezogenem Degen wüthend auf seinen ehemaligen Nebenbuhler ein. Der Ueberraschte hatte jedoch so viel Fassung jenem die Waffe aus der Hand zu winden; aber Romberg blind vor Zorn verwundete sich durch eine ungeschickte heftige Bewegung selbst so tief damit, daß er zu Boden stürzte. Langenheim eilte in das Schloß, trug mit Hülfe des stummen Knappens den, durch den starken Blutverlust ohnmächtig Gewordnen in seine Wohnung und sprengte nach dem Dorf, um den dortigen Chirurg zu holen. Mit brüderlicher Sorgfalt pflegte Langenheim den Verwundeten, der während der ersten Tage zu schwach für jeden Widerstand, oder auch für die Erwiederung großmüthiger Gesinnung war. Als er wieder zur Besinnung kam, beobachtete er ernst und schweigend Langenheims Handlungsweise und das wohlthätige der herzlichen Bemühungen desselben. Um ihn, schien nach und nach die Eisrinde, die sich um sein Herz gezogen hatte zu sprengen. An einem Abend saß Jener an seinem Bette. Eine Lampe erhellte matt das große düstre Zimmer. Nach einem kurzen Schlummer verlangte Romberg Thee. Als Langenheim ihm denselben reichte, das Kissen zurecht machte und theilnehmend nach seinem Befinden fragte, ergrif jener seine Hand, drückte sie und sagte mit noch schwacher Stimme: «Sie sind ein edler Mann! -- tief stehe ich unter Ihnen -- lassen Sie mir Zeit zur Erholung -- und Sie sollen meine herzliche Reue sehen.» Langenheim, glücklich den Sieg über ein hartes Menschenherz gewonnen zu haben, verwies ihn zur Ruhe, um durch heftige Gemüthsbewegungen seine Genesung nicht zu erschweren. Nach 8 Tagen erhielt Romberg von dem Wundarzt die Erlaubniß zu einer Unterhaltung mit Langenheim, und mit herzlichem Vertrauen wurde ein Freundschaftsbündniß geschloßen, das, durch die Einwirkung ein und derselben Personen auf ihre beiderseitigen Schicksale desto mehr Interesse und Festigkeit erhielt. Langenheim erfuhr zu seinem Erstaunen, daß Hainau der wahre Name seines unglücklichen Freundes und der Direktor zu E* sein Vater sey, daß der nemliche bösartige Kammerdiener, welcher ihn ins Unglück zu stürzen suchte, auch den Sohn durch Verläumdungen um die Liebe seines Vaters ja diesen so weit gebracht habe, daß er ihn förmlich aus dem Haus und aus dem Herzen verbannte. «Unter dem Namen Romberg» fuhr Hainau fort, «suchte ich Militair-Dienste. Von Natur leidenschaftlich, ohne Grundsätze, ohne Leitung lebte ich eigentlich zügellos. Ich hatte viele Abentheuer, Streite, Liebesgeschichten u. s. w. und auf meine Monats-Gage warteten schon immer die Schuldner, allein sie reichte nicht hin diese zu bezahlen.»
«Als ich eben von einer Anzahl Gläubiger gequält wurde, erhielt ich einen Brief von jenem Bösewicht, in welchem er mir den Tod meines Vaters mit vielen heuchlerischen Klagen meldete und die Anweisung auf ein dortiges Handelshaus beilegte, welches mir eine kleine Summe auszahlen sollte, die er, nach seiner Versicherung meinem Vater für mich abgebettelt hätte. Nur meine damals bedrängte Lage zwang mich dies schimpfliche Erbgut anzunehmen, aber den Brief zerknitterte ich mit Zähnknirschen in den Händen und warf ihn dann fluchend ins Feuer. Mit dem Geld bezahlte ich meine Schulden und den kleinen Rest verjubelte ich mit lachender Wuth in den ersten Tagen. Bald darauf wurde meine Garnison in den Ort verlegt, wo Cornelia als Schauspielerin mit lautem Beifall auftrat. Sie zu sehen, und die heftigste Leidenschaft für sie zu fühlen, war das Werk eines Abends; ich suchte ihre Bekanntschaft und es gelang mir bald, mich auf Ihre Kosten armer Freund! in ihre Gunst zu setzen. Aber Cornelia verstand es, meinen flatterhaften Sinn ganz zu fesseln. Durch sie wurde ich erst mit der Gestalt und dem Wesen der wahren Liebe bekannt. Anfangs beschäfftigte ihre ausgezeichnete Schönheit nur meine Sinnlichkeit, allein ihre Tugendliebe und ihr innerer Werth erregten nach und nach meine achtungsvolle Bewunderung, welche sich bald in die zärtlichste Liebe verwandelte. Ich hatte nun keinen heissern Wunsch, als ihren Besitz und dieses Verlangen wirkte sogar auf meine Lebensweise. Bekannt mit meiner und Corneliens vermögungsloser Lage wurde ich auf einmal sparsam und haushälterisch und entwarf mit ihr die zweckmäßigsten Plane zu unserm einstigen Fortkommen. Cornelia wollte Unterricht in fremden Sprachen ertheilen, ich im Zeichnen und Mathematik, worinn ich so ziemlich bewandert war und den sonst so bedürfnißreichen Hainau schuf die Liebe zum genügsamsten und doch glücklichsten Sterblichen um.
Der Feldzug gegen Frankreich begann; ich mußte marschieren und beschwor bei unserer Trennung meine weinende Geliebte mir zu folgen, sobald ich ihr ein Standquartier würde melden können. Sie versprach es und hielt Wort. Ein dortiger Geistlicher, in welchem ich einen Jugendfreund fand, gab meinen dringenden Bitten nach und traute mich mit meiner Cornelia. Der Reichthum ihrer Vorzüge lieh unserm häuslichen, wenn gleich stillen Leben so viel Reitz, daß durchaus keine Sehnsucht nach andern Freuden in meiner Brust entstand und ich sann nur immer darauf, auch ihr durch Erweisungen meiner Liebe dies Verhältniß so angenehm als möglich zu machen. Aber ach! dies Glück war von kurzer Dauer! Meine Verheirathung wurde bekannt, so wie der ehemalige Stand meiner Gattin und meine Cameraden beeiferten sich, mir jenen Schritt als ein Vergehen gegen die Ehre in immer wiederholten höhnischen Aeusserungen vorzuspiegeln.
Stolz war stets eine meiner heftigsten Leidenschaften; er erlitte unendliche Beleidigungen und endlich gewann er die Herrschaft über die Liebe. Ein unglückliches Duell ließ mich die schrecklichsten Folgen befürchten, ich rieß mich mit blutendem Herzen von meinem Weibe los, und ergrif die Flucht.»
Die Erinnerung an diese Epoche seines Lebens, erschütterte Hainau von Neuem so sehr, daß Langenheim ihn bat, seine Erzählung ein andermal fortzusetzen. Dagegen ließ er ihn mit möglichster Schonung von weitem ahnen, daß er im Stande sey, ihm von Cornelien einige Nachrichten zu geben. Ein Strahl von Freude glänzte in Hainau's Auge; und indem er Jenen versicherte: er fühle sich stark genug alles zu hören; verlangte er dringend weitere Aufschlüße. Der Freund mußte nachgeben und Hainau erfuhr nun Corneliens Schicksale, Albinens Daseyn und die Gewißheit: durch treue Gatten- und Kindesliebe noch glücklich zu werden. Dies war zu viel für sein Herz, für seinen geschwächten Körper. Er war unbeschreiblich angegriffen und mußte zu Bette gebracht werden. Als er am andern Morgen, gestärkt durch einen sanften Schlummer erwachte, beschwor er seinen Arzt, Langenheim und seinen treuen Joseph (der nun beredt und unermüdet in seiner Pflicht sich zeigte) alles zu seiner schleunigen Genesung beizutragen, um recht bald in die Arme der Seinigen eilen zu können. Er selbst befolgte pünctlich alle Vorschriften und die Wonne des Wiedersehens nahm im Vorgefühl so sehr sein ganzes Wesen in Anspruch, daß Langenheim es nicht über sich vermogte ihn an die Ergänzung seiner Lebensgeschichte zu erinnern, so sehr ihn die Ungewißheit beunruhigte: ob darinnen vielleicht Theodor Hainau, da er des Freundes Nahme führte, auch eine wichtige Rolle noch spielen würde. In einer der gewöhnlichen Unterhaltungen zwischen ihm und Hainau über die fernen Lieben, brach Letzterer in die Aeusserung aus: «Eine Gattin, eine Tochter werde ich bald an mein Herz drücken, wer aber, wer giebt mir meinen verlornen Sohn Theodor?» Langenheim, dadurch aufmerksam gemacht, sprach nun den Wunsch: noch etwas von Hainaus Geschichte zu hören gegen ihn aus und erhielt von diesem folgende Fortsetzung der Erzählung:
Als er sich nemlich von Cornelien getrennt hatte, stürzte er sich wieder in den Strudel der Zerstreuungen und da es ihm an Geld mangelte, buhlte er um die Gunst der Göttin Fortuna im Spiel. Er war an jedem grünen Tisch zu finden, wußte aber seinen Vortheil sehr gut zu benützen, spielte vorsichtig und gewann manche hübsche Summe. Doch die Leere in seinem Herzen konnte keine Lustbarkeit, keine gesellige Freude, kein Sinnen-Genuß ausfüllen, er fühlte sich verlassen und suchte ein Wesen, das ihm Cornelien ersetzen sollte. Auch war er überzeugt, daß seine ausschweiffend durchlebte Jugend, ihm ein frühes und kränkliches Alter herbeiführen würde und sehnte sich: mit dem im Spiel erworbenen Gewinn, sich wieder ein stilles häusliches Glück zu erkaufen.
Auf einem glänzenden Maskenball zog ein Frauenzimmer das als Catinka (im Mädchen von Marienburg) erschien, seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es war dies die Rolle, in welcher er Cornelien das Erstemal auf der Bühne sah. Jene Erscheinung brachte deshalb sein Inneres in heftige Bewegung und in einer wehmüthigen Stimmung, welcher er nicht Meister werden konnte, nahte er sich jener Maske, lernte in ihr ein liebenswürdiges bescheidenes Mädchen kennen und verfolgte den günstigen Eindruck, den auch er in seinem sanft melankolischen Benehmen auf sie gemacht hatte, mit dem gewöhnlichen Ungestüm. Sie war die Nichte eines Lehrers an dem Liceum der Stadt. Hainau suchte in Bekanntschaft mit ihm zu tretten, und fand in ihm einen Mann, welcher sich mehr für seine Griechen und Römer, als für seine nächsten Umgebungen interessierte. Ohne viele Umstände gab er nach einigen Wochen seine Einwilligung zu Hainaus Werbung um Herminien. Sie wurde seine Gattin und bezog mit ihm ein Landgut, das er von seinem erspielten Vermögen gekauft hatte. Allein bald zeigte sich der Misgriff der Ehegatten in ihrer Wahl. Sie paßten durchaus nicht für einander. Herminie war bis zur Erniedrigung demüthig und furchtsam, zitterte bei jeder Forderung Hainau's und handelte dennoch in immerwährender ängstlicher Besorgniß vor seinem Unwillen verkehrt. Dies machte sie Hainau wiederlich. Er verkannte dadurch ihre übrigen guten Eigenschaften, misbrauchte ihre Sanftmuth und der Schmerz über ein unfreundliches rauhes Betragen, verkürzte Herminiens zartes Leben. Nachdem sie Hainau einen Sohn gebohren, starb sie bald darauf an einer unheilbaren Schwäche. «Mein Theodor hatte das sanfte, zur Schwermuth sich hinneigende Temperament der Mutter geerbt,» fuhr Hainau seufzend fort «und ich mochte den weichen, so ganz unmännlichen Knaben durchaus nicht leiden. Bis in sein 12tes Jahr war er unter der Aufsicht mehrerer Hauslehrer; jedoch ich forderte von diesen; sie sollten die Gemüthsart meines Sohnes umändern, und da sie dies nicht vermogten, schickte ich sie nach kurzer Zeit unzufrieden wieder fort. Theodor war der unglückliche Gegenstand meines Unwillens. Er mußte meine trübe Stimmung, welche immer finsterer wurde, auf alle Weise fühlen und nach einer besondern, heftigen Scene, wo ich den armen Jungen sehr hart behandelte, floh er vor dem unnatürlichen Vater und ließ mich in einem furchtbaren Zustand zurück. Die Erinnerung an alle Leiden der eigenen unglücklichen Jugend, an die traurigen Erfahrungen der spätern Zeit, alle Vergehungen, deren ich mich schuldig gemacht hatte, vor allem aber Corneliens Bild und die unendliche Sehnsucht nach ihr, machte mir mein Leben qualvoll; ich fieng an die Menschen zu hassen und diese feindliche Gesinnung brachte mich endlich so weit, daß ich mein Gut verkaufte, meine Dienerschaft entließ, bis auf den einzigen Treuen, der mich nicht verlassen wollte und mir in diese schauerliche abgelegene Burg folgte, wo ich meine Wohnung aufschlug. Joseph mußte mir geloben mit Niemand ausser mir ein Wort zu sprechen und mein Herz verhärtete sich nach und nach so sehr, daß ich fähig war, einen Brief meines Sohnes unerbrochen zurück zu schicken.
Nur das Andenken an Cornelien war vermögend mich aus der gänzlichen Erstarrung meiner Gefühle zu wecken. Laß dir die Stelle zeigen mein Freund,» sagte Hainau, «wo ich die einzigen hellen Augenblicke in der dunkeln Nacht meines Daseyns, in der heiligen Erinnerung an Cornelien gelebt habe.»
Arm in Arm wandelten die Freunde zu dem Hain; in deßen tiefsten Hintergrund eine Laube, welche Hainau aus einigen Birken gezogen hatte, sie aufnahm. In ihr war ein kleiner Altar von Rasen aufgebaut und auf der Oberfläche desselben aus Vergißmeinnichtpflänzchen ein O gebildet.
«In diesem Tempel,» fuhr Hainau fort, «brachte ich täglich die Stunde zu, worinnen ich mich in einem thörigt falschen Wahn von Cornelien trennte. Ich nahm ihr damals die Rose welche sie am Busentuch hatte mit hinweg und hob sie getrocknet wie ein Heiligthum auf. Kürzlich hatte ich sie wieder bei mir, als ich wieder zur gewöhnlichen Zeit hieher wankte; ich saß dort am Saum des Waldes auf jener Rosenbank und betrachtete lange in tiefes Nachdenken versunken die dürre Blume. Auf einmal schien es mir, als rief eine leise, süße Stimme meinen Namen -- Sie ist Tod! in diesem Augenblick ist sie von der Erde geschieden und mitleidig ruft sie mich! dieß waren meine Gedanken und mein Entschluß sogleich gefaßt: ihr zu folgen. Doch daran verhinderte mich ein Fremder und nachher kehrte mein gewöhnliches Stumpfsein wieder zurück. Ach ich war sehr sehr unglücklich! und das bittre Gefühl der Reue, wird mich ~nie ganz~ glücklich werden lassen! denn: habe ich nicht als Vater unverantwortlich gehandelt? -- auch der Augenblick, wo ich im letzten Anfall wilden Menschenhaßes bald meinen Retter gemordet hätte, auch dieser wird noch oft ein strenges Gericht über mich halten.» -- so klagte Hainau und warf sich Langenheim an die Brust. «Laß die Erinnerung an die Vergangenheit in deinen dunklen Mauern zurück» sagte Langenheim «und gehe mit getrostem Muth der Zukunft entgegen. Laß uns aber auch jetzt aus diesem Dunklen Labyrinth dort zu der freundlichern Rosenbank hinwandeln, hier ist es zu düster» setzte er hinzu und führte Hainau dahin. Von hieraus hatte das Aug eine etwas freiere Aussicht, besonders auf einen Teich welcher Zufluß von jener Quelle erhielt, auf seiner klaren Fläche spiegelte sich der blaue Himmel und die Strahlen der Sonne versilberten die kleinen Wellen, über ihn hinweg sah man durch eine perspectivisch gepflanzter Reihen hoher Pappeln das öfters schon erwähnte freundliche Dörfchen.
«Vertraue mir!» sagte hier tröstend Langenheim zu Hainau, der noch immer den Kopf in die hohle Hand gesenkt, trübe neben ihm saß. «Vertraue mir Freund! so wie ich dich eben jetzt aus der Nacht deiner Tannen hieher ans heitere Tageslicht führte, wo dem Blick, der dort nur auf den nächsten Umgebungen beschränkt ruht sich heitere Gegenstände zeigen, so hoffe ich dir in der Nacht den Kummer, der noch als Vater deine Seele belastet Trost, und leicht geben zu können. Es müßte mich alles täuschen, wenn ich dir nicht einige Auskunft über deinen Theodor ertheilen könnte.» Hainau blickte ihn zweifelnd an. Langenheim beschrieb nun Theodors Aeußeres so lebhaft und treu, als kein Pinsel es vermögte. «Ja er ist es» rief Hainau entzückt, sank auf seine Kniee und sprach ein lautes inniges Dankgebet aus. Dann fiel er stürmisch Langenheim um den Hals und «du mein süßer Wohlthäter hienieden der du mir alles zuführen willst was mir theuer ist sprich! wo lebt mein Sohn?» «In unsrer Mitte, geliebt von uns allen und auch deiner Vaterliebe werth,» erwiederte Langenheim; er mußte nun von Theodor erzählen, was er wußte dann aber versicherte Hainau: «nun kann ich nicht mehr länger hier verweilen. Morgen, Langenheim morgen reisen wir.» Dieser erbat sich noch einen Tag Aufschub, um einen Brief als Vorläufer absenden zu können, ob er gleich schon mehrere abgeschickt und Theresen darin alles mitgetheilt hatte: was sie beruhigen und worin sie Cornelien und Albinen vorsichtig benachrichtigen sollte.
* * * * *
Unruhig über Corneliens ungewöhnlich langes Aussenbleiben, und mit einem seltsam bangen Vorgefühl kämpfend, schaute Albina an jenem Abend, wo die folgereiche Scene in Langenheims Haus vorgefallen war sinnend zum Fenster hinaus und lauschte auf jeden vermeintlichen fernen Fußtritt. Ihre Zöglinge umgaben den runden Tisch in der Mitte des Zimmers, auf welchem schon die freundliche Kerze brannte und lispelten leise mit einander: denn Albinens befangenes Wesen, das für sie eine auffallende Erscheinung war, hatte ihre kindliche Munterkeit gestört und die Abendsuppe wurde ungenoßen wieder weggetragen. Die ~nun~ 12 jährige Aurelia schlich zu Albinen, umfaßte sie innig und der volle Mond der silbern am Himmel stand spiegelte sich in ihren Thränen. «Gutes theures Kind!» sagte Albina gerührt und drückte sie an die Brust. -- «Du verstehst meine Sorge und ich danke dir für deine Theilnahme, sie ist wohlthuend für mein Herz. Doch beunruhige dich nicht auch. Der große Geist, der diesen schön leuchtenden Weltkörper schuf und in seiner Bahn erhält, sieht eben so mildsorgend auf das funkelnde Johanniswürmchen dort unten im Grase, und der Menschen Schicksale, lenkt er nach ewig weisen und huldreichen Gesetzen. Ich sagte mir dies vorhin recht nachdrücklich vor und bin nun gefaßt, das, was die nächsten Stunden, meiner geheimen Ahnung noch Wichtiges mir bringen werden ruhig anzunehmen.» Bald darauf hörten sie in der Stille der Nacht von ferne einen Wagen rollen. «Das wird die Mutter seyn!» sagte Aurelia fröhlich. «Ist sie es,» erwiederte Albina mit pochendem Herzen leise, «so beauftrage ich dich als die Verständigste, deine Schwestern gut zu unterhalten, damit meine Abwesenheit nicht nachtheilig für sie wird, denn ich muß mit der Mutter alleine sprechen.» -- Sie eilte hinunter -- und aus dem Wagen stieg -- Cornelia und Therese -- Leztere hatte sich entschlossen, da sie alles von der Leidenschaftlichkeit ihrer Freundin befürchtete, sie zu begleiten und die Nacht auf dem Landhaus zuzubringen. Aengstlich spähend blickte Albina beide an. Die Mutter äusserte mit schlecht verheelter Unruhe, sie möchte die Kinder so schnell als möglich zu Bett bringen und dann im Gaststübchen sie aufsuchen. Es geschah und als Albina wieder kam, fand sie Cornelien, mit rückwärts gebogenem, ins Sacktuch verhüllten Gesicht, auf dem Sessel sitzend; sie eilte auf Theresen zu, die neben Jener stand und bat im flehenden Ton, um Aufschluß über alle diese Erscheinungen. Therese, die Seelenstärke der geliebten Tochter kennend, entdeckte ihr Alles; und Albina; in deren Herzen diese Mittheilungen verschiedenartige Empfindungen erregt hatten, beeiferte sich mit Theresen für die Hoffnungsreichsten derselben auch Corneliens Gemüth empfänglich zu machen und schon hatte die Mitternachtsstunde geschlagen, als Mutter und Tochter erst von der trefflichen Freundin schieden und zwar mit den Aeusserungen der innigsten Dankbarkeit für die abermalige Beschäftigung einer treuen Freundschaft und Fürsorge, welche in Theresens schöner Seele immerdar segnend für ihre Lieben waltete.
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Haben wir im Leben irgend eine wichtige Erfahrung gemacht, so ist es höchst wohlthätig, in der Einsamkeit dieselbe noch einmal durchzugehen um sie vollkommen zu würdigen, und unser Benehmen gehörig regeln zu können, -- aber es entsteht dann auch sogleich der Wunsch dem mit uns am nächsten verwandten Herzen, Kunde davon geben und uns seines Mitgefühls freuen zu können. Albina, als sie sich auf ihrem Lager allein mit ihren Empfindungen befand war jetzt erst vermögend, reiflich über die Ereignisse des Abends und über das, was die Pflicht aufs Neue von ihr fordern würde, nachzudenken. Als sie damit im Reinen war, entstand die Frage: «Ob wohl Theodor von dem Vorfall wisse?» und das sehnsüchtige Verlangen regte sich lebhaft, doch recht bald mit ihm darüber sprechen zu können. Du mein Geliebter! wirst also einen Vater durch deine Albina wieder erhalten! sprach sie leise und innig: doch in diesem Augenblick verschmolzen die Bilder seines und ihres Vaters in ihrer Phantasie so wunderbar in einander, daß sie unzufrieden mit ihren verworrenen Ideen, sich bemühte, einzuschlummern um am Morgen sich ihrer gewöhnlichen Geistesklarheit erfreuen zu können.
Sie war auch am folgenden Tag wieder vollkommen im Stande, alles, was ihr schöner Beruf heischte, genau zu besorgen, und der noch heftig angegriffenen Mutter kindlich beizustehen -- doch gewährte es ihr hohen Trost, als Therese äusserte: noch einige Tage bei ihnen zu bleiben, da ihres Gatten Reise und Abwesenheit ihr die längere Entfernung vom Hause gestatte. Die erste günstige Minute wo Albina allein die mütterliche Freundin sprechen konnte benützte sie um zu erfahren, ob auch Theodor von den neuesten Begebenheiten unterrichtet sey? «Er ist nicht hier,» erwiederte Jene; «Volkmar gab ihm einen Auftrag, der ihn schnell abzureisen und 10-12 Tage wegzubleiben nöthiget. Durch mich sendet er Albinen seine zärtlichsten Grüße.»
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Nach einigen Tagen brachte Corneliens Dienstmädchen aus der Stadt einen Brief an Theresen mit -- «von meinem Albert!» rief diese und eilte damit in den Garten. Albine auf alles gefaßt, entschloß sich ihr nachzugehen. Therese gieng aus der Laube mit dem Ausruf entgegen: «Dein Vater ist gefunden -- doch vielleicht -- nur um ihn wieder zu verliehren!» Sie theilte ihr nun den Brief mit, den Jener an dem Krankenbette des noch in Gefahr schwebenden Verwundeten geschrieben hatte. Albina war tief bewegt -- aber ganz mit Theresen einverstanden: der Mutter diese Nachricht vorzuenthalten, vermogte sie es, ihre Gefühle zu verbergen. Bald verwandelte ein zweites Schreiben Langenheims diese peinliche Unruhe in glückliche Gewißheit und mit möglichster Vorsicht machte Therese Cornelien mit dem Erfolg der Reise ihres Gattens so wie nach und nach mit allen sie begleitenden Umständen bekannt. In Freude und Schmerz gleich ausschweifend, war Cornelia kaum fähig die Erste zu ertragen und sie scholt die Zeit, welche sie viel zu langsam zum Ziel ihrer Wünsche, zum Wiedersehen ihres Rombergs führte. (Langenheim hatte nemlich den wahren Namen seines Freundes und seine Vermuthungen wegen Theodor weislich noch verschwiegen.)
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Therese wurde durch häusliche Angelegenheiten genöthiget in die Stadt zurückzukehren. Albina verdoppelte nun ihre Sorgfalt für die, dem Geist und Körper nach leidende Mutter; ihre dadurch vermehrten Geschäfte ließen ihr nicht Zeit, ihren eigenen Empfindungen Gehör zu geben, welche sie oft mit einer süßen Unruhe erfüllten. An dem Abend, an welchem Theodor, der von seiner Reise zurückgekehrt war, auf den Flügeln der Liebe zu seiner Albina eilte und beide des lang entbehrten Genußes eines traulichen Beisammenseyns in der Laube sich erfreuten, kam Therese auch, doch etwas später in das Landhaus. Sie brachte Cornelien den Brief, worinn ihr Gatte seine und Hainaus Ankunft und zugleich letztere als Theodors Vater ankündigte. Nachdem sie die heftig aufgeregte Freundin etwas beruhigt verlassen konnte, suchte sie die Liebenden auf und als sie vorbereitend von Vater Hainau manches erzählt hatte was beide aufmerksam und empfänglich für die Nachricht machte, die sie ihnen bringen mußte, nannte sie die Namen: Bruder -- Schwester! -- Theodor fuhr erschrocken auf, Albina wurde blaß und zitterte, endlich lößte ein wohlthätiger Thränenstrom, die Betäubung, in welche sie diese Entdeckung versezt hatte, auf. Therese drückte sie an ihr Herz und sagte: «Laß uns Gott danken, theures Kind! der zu ~rechter~ Zeit einen erleuchtenden Strahl in die drohende Nacht deiner Zukunft sandte, welcher uns alles im wahren Licht erblicken läßt und uns von dem Abgrund hinwegreißt an dem wir ohne Wissen standen. Theodor!» fuhr sie fort, indem sie sich zu den noch immer in dumpfen Sinnen finster brütenden Jüngling wandte: «Theodor! müssen Sie denn die Geliebte ohne allen Ersatz hingeben? erhalten Sie nicht dafür einen versöhnten Vater, eine treue Schwester?» «Ja, eine treue, treue Schwester will ich dir seyn!» fiel Albina ein und umfaßte ihn liebend tröstend, «wir haben uns ja nur verlohren, um uns in anderer Gestalt wieder zu finden.» «Lasst mir Zeit, mich zu sammeln,» bat Theodor, und wandte sich sanft aus Albinens Armen; «ich muß mit mir ~alleine~ seyn, und hoffe, wenn wie uns wieder sehen, Euch alle zufrieden zu stellen.» Er drückte einen Kuß auf Albinens Stirn, reichte Theresen die Hand und eilte fort. «Wir wollen nun Anstalten zum Empfang der theuern Gäste treffen» sagte leztere zu Albinen, «dies wird eine wohlthätige Zerstreuung für meine geliebte Tochter seyn.» Folgsam, aber schweigend mit niedergesenktem Blick gieng sie an Theresens Seite in die Wohnung.
Cornelia schloß sie in ihre Arme und sagte: «Ist Dir der letzte Vorfall nicht Bürge für die Untrüglichkeit meiner Ahnungen? -- Als der Sohn meines Hainau, als dein Bruder, wird Theodor den nächsten Platz nach dir in meinem Herzen einnehmen. Bis jezt konnte ich ihn aber nie ohne geheimen Schauer betrachten. Ach Albina! welche beseeligende Aussicht zeigt sich unserm Auge! öffne doch dein Herz auch meinen Empfindungen geliebtes Kind! ich flehe zu dir, theile ~meine~ Freude!» «Theure Mutter!» erwiederte Albina bewegt, «ist sie denn nicht auch ~meine~ Freude? Einen hohen Genuß, den der väterlichen Liebe, bringen mir die nächsten Stunden und ich fühle gewiß seinen Werth. Aber sey nachsichtig beste Mutter. Zu neu ist mir mein gegenwärtiges Verhältniß gegen Theodor, das Herz muß sich erst daran gewöhnen lernen.»
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Es kam der der große Augenblick des Wiedersehens und das freundliche Landhaus umschloß eine unaussprechlich glückliche Familie! Nur das gealterte kränkliche Ansehen Hainaus goß einen Tropfen Wermuth in den Freudenbecher. Es giebt Scenen im menschlichen Leben, wo die Gegenwart, selbst der vertrautesten Freunde, störend werden kann. Diese richtige Ansicht hatten auch Langenheims und da der Tag der Ankunft genau bestimmt war, begab sich Theodor -- welcher das zur Seelenruhe erforderliche Gleichgewicht der Empfindungen sich wieder errungen hatte, an demselben ~alleine~ zur geliebten Schwester und Mutter und der glückliche Hainau fand alles vereint, wonach in den letzten Tagen sein Herz die heisseste Sehnsucht empfunden hatte. Er gab sich ganz den süßen Regungen der zärtlichsten Gatten und Vaterliebe hin und fühlte sich oft, durch die Genüsse, die ihm wurden zu dem Glauben geneigt: er sey schon der Erde entrückt.
Auch Cornelia war unendlich glücklich in der Erwiederung einer lange hoffnungslos gehegten, doch treu bewahrten Liebe und bemühte sich, ihren Gatten immerwährend davon zu überzeugen.
Der herangereifte Jüngling befriedigte nun ganz die Forderung des Vaters und auf der lieblichen Tochter ruhte oft lange mit stillem innigen Wohlgefallen sein Blick. Joseph der seltene treue Diener gehörte auch mit in den häuslichen Verein und wurde durch die allgemeine dankbare Anerkennung seiner Verdienste um seinen Herrn, für dieselben belohnt. Seine abentheuerliche Ritter-Kleidung wurde als eine Reliquie der vorigen Zeit aufbewahrt. Sie hatte sich seiner Aussage nach in der alten Ritterburg vorgefunden und schien ihm damals geeignet, das geheimnisvolle Benehmen, wozu ihn Hainau verpflichtet hatte, noch mehr zu erhöhen. Der sonst stumme Diener war jezt sehr redselig geworden. Er erzählte viel und gerne von der Vergangenheit. Unter andern gab er gleich in den ersten Tagen, bei einer zufälligen Gelegenheit, folgende wichtige Geschichte zum besten:
Er war Soldat, und immer menschlich gesinnt kam er als Feind in ein Dorf. Hier sah er vom weiten eine Frau, im Begriff ein neugebohrnes schreiendes Kind im vorbeiströmenden Fluß zu werfen. Joseph rief ihr ein donnerndes: «Halt» zu. Sie blieb stehen und erwartete ihn. «Was willst du thun Barbarin?» fuhr sie jener an. «Ey was,» erwiederte die Frau, «das Kind ist nicht mein, eine Fremde hat es mir zurückgelassen und in den harten Kriegszeiten habe ich genug zu thun für mich und meinen Mann zu sorgen; das Kind ist mir eine Last.» Joseph stellte ihr das Gräßliche ihres Vorsatzes so eindringend vor, daß sie in sich gieng, die Augen mit der Schürze trocknete, das Kind küßte und sagte: «Nun wohl, ich will die Kleine morgen in der Früh vor ein Gartenhaus in der Gegend setzen: da wohnen reiche Leute die können sich ihrer annehmen.» Joseph quartierte sich darauf absichtlich bei jenen Leuten ein, aber statt sich von ihnen frei halten zu lassen, bezahlte er alles, was sie ihm gaben, doppelt und die Kleine trug er selbst den ganzen Abend über auf seinen Armen herum und liebkoßte sie. «Sie hat es gewußt, daß ich ihr Lebensretter war,» sezte er treuherzig hinzu, «denn wenn sie im vollen Schreien war, und ich nahm sie zu mir, so war sie stille und blickte mich lieb und freundlich an. Es war ein wunderschönes Kind. In der Nacht mußte ich weiter marschiren und ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, hab aber oft an sie gedacht. --» Theodor und Albina waren es, die er vorzüglich mit seinen Geschichten und also auch mit dieser unterhielt. Als er geendigt hatte sagte Leztere: «Treue Seele! die du gerettet hast vom Wassertod -- steht vor dir -- ich bin es, und will dir mein Lebenlang dies zu vergelten suchen.» Sie erzählte ihm ihre Jugend-Geschichte und Joseph war ausser sich vor Freude daß er zum Werkzeug erkohren war einem so edlen Wesen das Leben erhalten zu haben. Als den übrigen Gliedern der Familie diese Begebenheit mitgeteilt wurde, beeiferte man sich um die Wette, dem wackern Joseph die herzlichste Dankbarkeit für seine schöne Handlung, welcher man das Daseyn der allgemein geliebten und verehrten Albina zu verdanken hatte, zu beweisen. Vorzüglich hatte er sich dadurch Cornelien unendlich verpflichtet. Sie betrachtete ihn als ihren Wohlthäter und bot alles auf, ihm dies mit der That zu lohnen.
* * * * *
Albinens zarter liebender Sinn hatte einen Plan entworfen, nach welchem, der letzten Ereigniße wegen, ein würdiges Familienfest gefeiert werden sollte. Es war ihrer schönen Seele Bedürfniß, sich öffentlich darüber aussprechen zu dürfen; und Theodor wurde von ihr zur freundlichen Mitwirkung aufgefordert.
Mehrere Tage bemerkte Cornelia bei Albinen eine geheime Thätigkeit, so wie auch bei den Zöglingen. Diese standen oft auf einem Fleckchen beisammen, flüsterten und lachten versteckt. «Mütterchen, forsche nicht nach!» schmeichelte Albina, als Jene sie darüber fragte: «nur heute noch, und du wirst Aufschluß erhalten.» Am folgenden Abend erschienen, von Albinen eingeladen und überraschend für die Eltern, als liebe Gäste, Langenheims und Volkmar.
Im festlich mit Eichengewinden decorirten Saal war der Theetisch bereitet. Eine der ältern Pflegetöchter, eine muntre hübsche Brünette bediente die Anwesenden anmuthig und gewandt. Die andern Zöglinge giengen ab und zu und Albina wußte es leicht zu veranstalten, daß die Mutter die Freunde mit den Produkten des Fleißes und der Geschicklichkeit der Kinder unterhalten mußte und also ihre und Theodors Entfernung weniger bemerkt wurde. Endlich (es war schon dunkel und an der reinen azurnen Himmelsdecke funkelten zahllose Sterne) traten die 2 jüngsten Kinder der Anstalt, als Genien gekleidet in das Zimmer. Das weise Gewand war mit Blumengewinden hinaufgeschürzt und Blumenkränze zierten die blonden Köpfchen. Jede trug eine kleine Fackel in der Hand und mit freimüthigem Anstand näherten sie sich der Gesellschaft und sprachen abwechselnd:
Möchte es Geliebte Euch gefallen Uns zu folgen in die heil'gen Hallen Wo die Kindesliebe Eurer harrt.
* * *
Möchte dort ihr Walten Euch erfreuen Wo sie treulich in dem Kreis der Treuen Jegliche Empfindung offenbart.
Freudig erstaunt folgten die Eingeladenen den lieblichen Führerinnen. Im Gartenzimmer, das von einer Lampe matt erhellt und reich ausgeschmückt mit duftenden Blumen in Töpfen und Vasen war, standen vor der geöffneten Flügelthüre, welche in den Garten führte, die berechneten Sitze für die Eintrettenden. Der mit vielen farbigen Flämmchen erleuchtete Gang leitete die Blicke zu einem im Hintergrund befindlichen Tempel, dessen Dach auf grün belaubten Säulen ruhte und welcher die Strahlen, einer hinter ihm transparent angebrachten Sonne wiedergab. Ein Altar stand in der Mitte derselben; an ihm ward Albinens edle holde Gestalt im himmelblauen griechischen Gewand sichtbar, welche die Flamme die auf dem Altar brannte, sorgfältig unterhielt. Die Kinder alle wie die beyden Ersten gekleidet, umringten in 2 Halb-Zirkeln den Tempel. In der entfernten Laube ertönte (auf das gegebene Zeichen, daß die Gefeierten zugegen wären) eine vollstimmige Musik. Sie begann mit einem feierlichen Choral, in welchen die feinen Kinder-Stimmen einfielen und Albina in betender Stellung an dem Altar niedersank.
Sie sangen:
Dem großen Geist, der wunderbar und weise Der Sterblichen Geschick hienieden lenkt Sey Lob und Preiß für diese schöne Stunde Die uns hier himmlische Genüsse schenkt! Er leite ferner huldvoll unsre Wege Zu der Vollendung schönem Ziele hin: Und reich' uns stets im innigen Vereine Der Lieb und Freundschaft dauernden Gewinn!
* * * * *
Theodor kam nun als Minnesänger hervor. Um den Hals an einem breiten Band befestigt hieng die Guitarre. Die Kinder eilten ihm entgegen und führten ihn, gleich wie im Triumpf der Versammlung zu. Vor der Flügelthüre stehend begann er:
Euch Ihr hochverehrten, heiß Geliebten Tönt des Minnesängers frohes Lied Dem auf seinen Wanderungen lieblich Hier der Freude schönste Blume blüht.
* * *
Was Irrthum einst trennte schaut er hier vereinigt Und in der Vergeßenheit ewiges Grab Sieht er die vergangenen Leiden sich senken Im Augenblick, welcher uns Wonne nur gab!
* * *
Hochbegeistert laßt mich aber preißen Dich o Freundschaft! mit dem edlen Sinn! Du bist von dem Glück das uns beseeligt Mächtige und holde Schöpferin Und die Grosmuth, die mit milden Händen Die Verlaßnen führte und sie reich Segnete, beglückte und erfreute Grüße ich verehrend hier in Euch!
* * *
Ihr habt schon den Lohn jener liebenden Thaten Im süßen Bewußtseyn; doch nehmt jezt den Kranz Mit freundlicher Güte aus kindlichen Händen, Den Unschuld Euch reichet im himmlischen Glanz!
* * * * *
Mit einer Verbeugung trat Theodor zurück und 4 Mädchen reichten den Langenheimischen und Volkmarischen Ehegatten Kränze aus Lorbeeren und Vergißmeinnicht gewunden. Nachdem wurde man Theodor im Tempel gewahr, wo er und Albina sich über der heiligen Flamme auf dem Altar die Hand reichten und der Chor der Kinder sang mit Musik begleitet:
Heil dem neu geschloßnen Bunde Reiner Bruder- treuer Schwesterliebe! Dauernd gründe diese Stunde Jene heil'gen Triebe. Ihre Herzen, die sich schnell gefunden Sind für eine Ewigkeit verbunden.
* * * * *
Nach Endigung dieses Gesangs giengen die Geschwister Hand in Hand, von den Genien begleitet, der Versammlung zu und Albina lies sich vor dem Vater, Theodor vor der Mutter, auf ein Knie nieder; Aurelia trat hervor und sang mit weicher Stimme:
Segnet theure Eltern die Geliebten, Die für Euch in frommer Lieb' erglüh'n! Euer immer werth zu bleiben Ist ihr unermüdetes Bemühn Es soll Eure Tage schön verklären Und des trauten Kreißes Glück vermehren!
* * * * *
Mit tiefer Rührung legten die Eltern die Hand auf die Häupter der geliebten Kinder, zogen sie dann an ihre Brust und kein Auge blieb trocken bei dieser herrlichen Scene welche besonders für Cornelien und Hainau sehr angreifend zu werden schien: doch Moly die schon erwähnte heitre Brünette unterbrach dieselbe, indem sie mit noch einem Kranz am Arm, auf den in einer Ecke des Zimmers stehenden Joseph hineilte, welcher beinah laut weinte, ihn mit freundlicher Gewalt in ihre Reihen zog und zu singen begann:
Nimm diesen Kranz aus meiner Hand Sieh'! er gebühret der Treue! Sey auch verschieden ihr äußeres Gewand, In welchem Sie uns erfreue. Du hast in der alten Rittertracht Auch teutschen Rittern dich gleich gemacht -- Sey hoch geprießen aufs Neue! --
* * * * *
Hiemit sezte ihm das fröhliche Mädchen den Kranz auf. Jung und Alt, Groß und Klein drängte sich zu ihn und drückte des Wackern Hand. Hainau fand keinen Anstand, den bewährten Diener an seine Brust zu nehmen, der die Hand des gütigen Herrn mit Küssen bedeckte und lange vor strömenden Thränen, nicht sprechen konnte. Endlich kam in den treuherzigsten Ausdrücken ein gutgemeinter Wunsch hervor. -- Man gieng dann zur näheren Beschauung, Gruppenweise in die erleuchteten Parthien des Gartens und freute sich wiederholt Albinen und Theodors schöpferischer Liebe.
Nach und nach schlichen sich die Aeltesten unter den lieblichen Genien, dann Theodor und zulezt Albina und Joseph hinweg. Und nicht lange -- so wurden die Eltern und Freunde gebetten, in den Saal zurückzukehren, wo hell erleuchtet ihnen die gedeckte Tafel einladend entgegen winkte. Albinens Hausmütterliches Talent, die Gelehrigkeit und Emsigkeit ihrer Schülerinnen, sprach sich in der Anordnung des, wenn auch nicht kostbaren, doch wohlschmeckenden und geschmackvoll eingerichteten Abendeßen aus. In das Nebenzimmer war eine Harmonie-Musik blasender Instrumente gewiesen, deren sanfte Zauber die beseeligenden Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden noch mehr erhöhte und -- erst beim ernsten Schlag der Mitternachts-Stunde trennten sich die Stadtbewohner mit den Gefühlen aufrichtiger Achtung und Dankbarkeit gegen Albinen und Theodor von dem Wohnsitz reiner Freude.
* * * * *
So sehr Hainau wünschte mit dem lang entbehrten Sohn häufiger beisammen seyn zu können: hielt doch Letzteren seine Pflicht in der Stadt. Er war als Actuar angestellt, hatte seine Wohnung im Langenheimischen Haus und brachte nur die Sonntäge, an andern Tagen zuweilen ein paar Abendstunden im Kreiß seiner Familie zu.
Wie schon erwähnt wurde -- war er ein leidenschaftlicher Freund der Musik und besaß auch von und in derselben ausserordentliche Kenntniße und Fertigkeit. Seine Neigung gieng so weit, daß er nicht nur jedem Conzert; ~jedem~ musicalischen Privat-Verein beiwohnte, und auch täglich, wenn die schöne militärische Musik des in D* garnisonirenden Regiments bei seinem Büreau vorüberzog, um die Wache zur Ablößung zu begleiten -- von seinem Sitz auf und ans Fenster sprang um sie zu hören: sondern daß sogar ~jeder~ an den Messen herumziehende Strassensänger seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Einst spielte wieder ein Knabe vor seiner Wohnung eine kleine Orgel und lockte Theodor an das Fenster. Ein zartes Mädchen von 14-15 Jahren sang mit einer umgemein lieblichen Stimme dazu. Diese war für ihr Alter von einem bedeutenden Umfang, metallreich und hatte so viel Weiches, daß Theodors Augen sich unwillkührlich mit Thränen füllten. Er rief die Kinder in das Haus, erfuhr, daß sie unter Wegs zufällig zusammengekommen wären und Antonie, so hieß das Mädchen, aus dem westlichen Theil Italiens gebürtig, ohne Verwandte in der weiten Welt durch ihre Stimme den ärmlichsten Unterhalt zu erwerben suchte. Ihr bescheidenes Wesen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge und ihre hülflose Lage, verbunden mit ihren musikalischen Talenten machte sie Theodor ungemein interessant. Er beschenkte sie und ihren Begleiter reichlich und ließ sich ihre Herberge sagen.
Den größten Theil der Nacht beschäftigte ihn der Gedanke: wie unglücklich dies Mädchen sey, in welchen Gefahren sie schwebe und ob es nicht möglich wäre, sie denselben zu entziehen. Er beschloß, sie näher kennen zu lernen und -- wäre sie es würdig! sich ihrer anzunehmen: Theils führte ihn das Gefühl der Schiklicheit, theils das Vertrauen auf Theresens Einsicht und wohlwollende Gesinnung am andern Tag zu derselben und er gieng mit ihr in dieser Angelegenheit zu Rath. Sie zeigte sich bereitwillig seinen Wunsch zu erfüllen und ließ Antonien zu sich rufen. Diese war der Französischen Sprache kundig, welche auch Therese vollkommen verstand und so war es der Lezten möglich nach einer langen Unterredung das Mädchen auf verschiedene Weise als Menschenkennerin zu prüfen; doch ach, die freundliche Behandlung Theresens, die schöne Wohnung die sichtbaren Spuren der Wohlhabenheit ihrer Besitzer, dies alles erregte bei Antonien, welche hier den Abstand zwischen ihrer ärmlichen Lage und der, der glücklichen Stadtbewohner sehr schmerzlich fühlte, eine Sehnsucht und Wehmuth, die sich bei ihrem Abschied von Theresen in hervorbrechenden Thränen äusserte. Diese senkte einen Funken der Hoffnung in ihre betrübte Seele und versprach ihr auch, sie während ihres Auffenthalts öfter zu sich kommen zu lassen. Als sie Theodor das Resultat ihrer Beobachtungen mitgetheilt hatte, kamen beide darinnen überein: Antonien in die Anstalt seiner Mutter zu bringen zu suchen.
Er gieng noch an dem nemlichen Abend hinaus, gewann zuerst die mitleidige Albina für seinen Wunsch und beide trugen ihn Cornelien vor.
«Bist du denn sicher mein Sohn,» sagte diese ernst, «daß der Schritt, zu welchem du mich bestimmen willst keine nachtheiligen Folgen für unser häusliches Glück haben wird?»
«Beste Mutter!» erwiederte dieser, «ist denn die mögliche Rettung eines Menschen nicht eines, wenn auch gewagten Versuches, werth? Was wäre aus Albinen, was aus mir geworden, hätten unsere Wohlthäter an unserer Würdigkeit zweifelnd, ängstlichen Besorgnissen Gehör gegeben, welche ihnen vielleicht auch wiederrathen haben würden, sich unsrer anzunehmen! --» Albina tief durchdrungen von der Wahrheit dieser Worte, ließ mit Bitten nicht eher nach, bis Cornelia ihre Einwilligung zur Aufnahme Antoniens in ihrem Hause gab. Mit dem freudigsten Dankgefühl kehrte Theodor in die Stadt zurück, theilte Theresen den Erfolg seiner Bemühung für Antoniens Zukunft mit und bat: sie am folgenden Tag zu einer bestimmten Stunde rufen zu lassen, wo er wußte, daß er gewiß zu Hause sey; denn er wollte Zeuge von dem Entzücken des Mädchens seyn, wenn sie die frohe Kunde hören würde. «Antonie!» sprach sie Theodor freundlich an, als sie bei ihnen am andern Morgen erschien. «Antonie! könntest du dich mir wohl vertrauen? ich möchte dein Glück gründen und dich deiner unwürdigen Lebensweise entziehen!» -- Das Mädchen schaute ihn mit großen Augen an: «Kannst du dich entschließen,» fuhr Jener fort, «hier zu bleiben und die Bemühungen dich auszubilden mit Gehorsam und Fleiß zu belohnen: so will ich dich zu einer geliebten Mutter und Schwester führen, welche geneigt sind dich aufzunehmen. --» Noch immer schien Antonie ihr Glück nicht begreiffen zu können. Nun sezte ihr Therese Theodors Plan deutlicher auseinander, und -- ein freudiges «Ach!» war alles was sie hervor bringen konnte. Aber sie zitterte, daß sie sich an einem nahestehenden Tisch fest halten mußte und eine glühende Röthe wechselte mit Todtenblässe in ihrem Gesicht ab. «Fasse dich doch mein Kind!» sagte Therese -- und -- «prüfe dich,» fiel Theodor ein, welcher anfieng an ihrem Willen in seinen Plan einzugehen, zu zweifeln, «prüfe dich, ich will dich durchaus nicht zwingen, meinen Vorschlag anzunehmen.»
«Ach Gott! ich bin zu glücklich! ich vermag es kaum zu fassen,» sagte das Mädchen und schlug die schönen dunkeln Augen gen Himmel. «Die arme verlassene Antonie soll einen Zufluchtsort finden, eine Mutter, eine Schwester, einen Bruder! -- o es ist zu viel es ist zu viel!» Sie ergriff bei diesen Worten Theodors beide Hände und preßte sie an ihr Herz. Noch an demselben Abend führte sie Therese mit Theodor in ihre neuen lieblichen Umgebungen.
Sie wurde von der Mutter gütig, von Albinen mit schwesterlicher Freundlichkeit empfangen und Antonie fühlte sich über allen Ausdruck glücklich.
Sie zeigte sich bald als eine höchst gelehrige, fleißige und gehorsame Schülerin, wurde Albinens emsigste Gefährdin, treueste Freundin und dieser unbeschreiblich werth und theuer; auch die Mutter fand nicht Ursache, ihren Entschluß zu bereuen; sie wurde bald im ganzen Hause allgemein geliebt. Albina machte sich sehr verdient um sie, sie lehrte ihr alles, was ihr nöthig war und wozu sie Lust hatte und streute in das empfängliche weiche Mädchen-Herz den Saamen aller schönen Gefühle.
Theodor, entzückt, über sein gelungenes gutes Werk, kam nicht einmal, wo er nicht neue Vorzüge an Antonien entdeckte und Albinen innig für ihre schwesterlichen Bemühungen um Jene dankte. In der Musik gab er ihr Unterricht und seine Schülerin machte riesenmäsige Fortschritte warum? -- die Liebe trat als Lehrerin auf. Theodor ihr Wohlthäter war ihr Abgott ihres Herzens. Mit geheimer aber glühender Leidenschaft war sie ihm ergeben, ohne daß sie es anfangs selbst wußte. Sehnsüchtig sah sie jedem Abend entgegen, wo nun Theodor öfter auf dem Landhaus erschien, als sonst. Die Unterrichtsstunden mußten zum Vorwand dienen, denn er wollte es nicht gestehen, was doch wirklich war, daß ihm das Mädchen, welches er vom leiblichen, ja vielleicht auch vom ewigen Verderben errettet hatte, ihm immer theurer wurde. Sah Antonie (welche sich nun die Zeit, in welcher er gewöhnlich kam, immer am Fenster etwas zu schaffen machte) ihn die Strasse herauf eilen: so suchte sie zuerst ein paar einsame Augenblicke zu erhaschen um sich zu sammeln, und dennoch begrüßte sie ihn immer mit niedergeschlagenen Blicken und pochendem Herzen. Albina durfte sich auf Antoniens dringende Bitten, nie während der Unterrichtsstunde entfernen: «denn,» sagte sie zu dieser, in kindlicher Unschuld und Vertraulichkeit: «ich kann dir nicht sagen, wie bange mir an Theodors Seite ist und dennoch freue ich mich so sehr auf jede Lehrstunde.» Albina lächelte, ihr war der Grund jener süßen Unruhe wohl erklärbar. Die Mutter schien auch auf einige Vermuthungen zu gerathen, sah aber sehr finster dabei aus.
* * * * *
Noch war kein Jahr nach der glücklichen Wiedervereinigung verfloßen: als Hainau bedenklich krank wurde. Die geschickteste ärztliche Hülfe, die ängstlichste Pflege treuer Liebe konnte seine Genesung nicht bewirken. Die Natur unterlag den Folgen früherer harter Erfahrungen und leichtsinniger Handlungsweise. Er entschlummerte zu jenem Leben in den Armen Albinens, welche ihm sanft die Augen zudrückte. Cornelie blieb sich auch hier gleich, ihr leidenschaftlicher Schmerz brach in so heftige Aeusserungen aus: daß man sie vom Krankenbett entfernen mußte! auch Theodor war nicht vermögend den Vater sterben zu sehen. Mit verhülltem Gesicht schritt er im Zimmer auf und ab und Antonie kniete in einer Ecke desselben und sandte fromme Gebete für des Sterbenden Heil zum Himmel. Er hatte vollendet! -- Albina küßte die kalte väterliche Hand und trug nun treue Sorge für die Lebenden, da sie in allen Fällen so viele Besonnenheit und Einsicht zeigte, mußte sie auch Langenheim bei dem Geschäft der Beerdigung unterstützen. Antonien übergab sie den trauernden Bruder und diese ließ ihr liebendes Herz ganz gewähren, sie war unerschöpflich in den Bemühungen Theodor zu trösten und aufzuheitern. -- Auch dem Todten weihte sie ihre fromme kindliche Ehrfurcht. Am Abend zuvor, ehe er in die kühle Gruft gesenkt wurde, verfertigte sie aus sinnig gewählten Blumen ein langes Gewinde, womit sie inwendig den Sarg bekränzte, daß es schien als läge die Leiche auf Blumen gebettet. So geschmückt, und einfach, aber würdig bekleidet, wurde dieselbe einige Stunden im Garten-Zimmer ausgestellt, indeßen die trauernde Familie nebst den Freunden aus der Stadt oben versammelt waren und auf mannigfache Weise ihren Schmerz äusserten. Auf einmal vermißte man Theodor. Erschrocken eilte Antonie weg, ihn aufzusuchen. Sie fand ihn bei der Hülle des geliebten Vaters. Bei ihrem Eintritt las er wieder in ihrer Miene die besorgte Liebe, und rief, indem er beide Arme ausbreitete: «Treue Seele!» -- Sie sank an das Herz des Heisgeliebten, mit ihm dann am Sarge nieder und fest schloß sich an des erblichenen Vaters Seite das Bündnis ihrer Herzen. Albina, den Vorgang ahnend, entfernte sich schweigend, um die Abwesenheit der Liebenden weniger auffallend zu machen, traf sie noch in obiger Stellung an der theuern Leiche und jenen war es wohlthätig an dem treuen schwesterlichen Herzen den süßen Schmerz ausweinen zu dürfen.
Als nach der Beerdigung wieder mehr Ruhe und die gewohnte Lebensweise nach und nach eintrat, wurde Cornelia in dem Benehmen Theodors und Antoniens ihre gegenseitige Neigung gewahr, welches sie tief betrübte. Sie liebte beide herzlich und sah keine Möglichkeit zur Erreichung ihrer Wünsche. Theodors Amt war nicht einträglich und die Familie nicht reich. Der Ertrag ihres Instituts reichte gerade zu ihrem anständigen Unterhalt zu. Sie konnte also nicht anders, sie mußte mit gänzlicher Mißbilligung ihre offnen Mittheilungen erwiedern. Jedoch es blieb nicht alleine dabei: zu Theodors heftiger Leidenschaft für Antonien, gesellte sich ein Trotz gegen die Mutter, (die er ausserdem kindlich verehrte) den weder Albinens sanfte Bitten, noch Antoniens Thränen mildern konnten; er reitzte dadurch Corneliens Unwillen immer mehr und es gab manche unangenehme Auftritte, welche ehedem in dem friedlichen Landhaus nie vorgefallen waren. Albinens Herz litte unendlich mit den Bekümmerten. Sie suchte es aber vorzüglich Antonien, als der am schwersten Verlezten zu verbergen, allein in dieser Schwester Seele hallte jeder, noch so leise Miston wieder; sie fühlte es schmerzlich, wenn sie im Stillen Vergleiche zwischen Sonst und Jezt anstellte, daß ~sie~ die Ursache der traurigen Veränderung sey und dies war ihr unerträglich. Unter heissen Kämpfen reifte nach und nach in ihrem Innern ein Entschluß, der ihr ganzes Glück zerstören, doch das, ihrer Geliebten wieder herstellen sollte! Bei einem der jezt seltenen Abendbesuche Theodors, führte ihn Antonie, was sie sonst nie that, in die Laube, zu einer ungestörten und wichtigen Unterhaltung, (wie sie sagte). In ihrem ganzen Wesen lag so viel Feierliches, daß, Theodor unwillkührlich davon ergriffen, lange ernst und schweigend an ihrer Seite saß. Sie schien schmerzliche Empfindungen in ihrem Innern zu verarbeiten und sich mühsam Fassung zu erringen. Endlich sagte sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit: «mein Theodor! in dem mir ewig theuern Augenblick, wo du mir das Glück verkündet, daß ich in deine Familie aufgenommen werden sollte, war deine erste Frage an mich: ob ich dir vertrauen könne? -- Laß mich nun dieselbe Frage an dich richten: würdest du, auch in zweifelhaften Fällen, immer mir vertrauen, nie den Glauben an mich verlieren?» Theodor sah sie befremdend an. «~Nie~!» erwiederte er dann und umschlang feurig die Geliebte. «Jedoch ich glaube, daß Antonie immer ~so~ handeln wird, daß ich sie begreiffen kann.» «Das wirst du können,» versezte sie, «wenn du stets meine unaussprechliche Liebe zu dir ermißest, welche nur dein Glück zum Ziel ihrer Bestrebungen hat. O welch ein Trost liegt in dem Einverständnis unsrer Seelen!» fuhr sie fort, schlang ihren Arm um Theodors Nacken und blickte ihn liebend ins Auge, «Sollten uns auch die Menschen trennen, was hierinnen (sie deutete auf das Herz) für dich lebt, dauert ewig und mir bleibt der Trost deines freundlichen, durch keinen Zweifel entweihten Angedenkens» --
«Wer will, wer kann uns trennen?» rief Theodor, sprang wild in die Höhe und wollte -- Böses ahnend, fort stürmen. Antonie hielt ihn zurück und betheuerte: all' das Gesagte hätte seinen Grund nicht in der Handlungsweise Anderer, sondern in ihrer eigenen leidenden Phantasie. Durch manche liebende Rede, besänftigte sie Theodors aufgeregtes Gemüth und ehe sie sich trennten, bat Antonie den Geliebten: «um ein Zeichen der Erinnerung an diese schöne Stunde» Sie zog bei diesen Worten ein Scher'chen aus dem Arbeitskörbchen das neben ihr stand und schnitt Theodor eine Locke ab, wickelte sie sorgfältig in ein Papier, drückte sie an ihre Lippen und verbarg sie ins Busentuch. Theodor sah ihr lächelnd zu. «Gieb mir auch von deinem glänzenden Rabenhaar» sprach er und griff nach der Scheere. Als er welches abgeschnitten hatte, ordnete sie es zierlich in Ringeln und indem sie ein Papier zuschneiden wollte, um es einzuwickeln, verwundete sie sich so tief in die kleine Hand, daß große Blutstropfen auf das Papier fielen. Theodor jammerte und sog das Blut aus der Wunde. Antonie schien erschüttert; nach einer Pause sprach sie bewegt: «o sey ruhig mein Lieber! der Schmerz ist unbedeutend und warst ja du die Ursache davon! dieser Gedanke würde mich auch bei einer tiefern Herzenswunde zum ruhigen Ertragen derselben stärken; doch behalte dies Papier, diese Spuren von meinem Blut sollen dich immer lebhaft an die von mir so tief empfundene Wahrheit erinnern, daß ich Ruhe, Blut und Leben willig deinem Glück opfern würde.» Ein langer Kuß dankte Antonien für
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