Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman
Augusta von Goldstein
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1807 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.
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Adelaide.
Wahrscheinlich nur ein Roman.
Von der Verfasserin von Kollmar und Klaire.
[Illustration]
Berlin, bei Friedrich Braunes. 1807.
Adelaide.
„Ein Uhr vorbei, und noch kommen sie nicht. Wie ich immer sage: mit den artigen Stadt- und Hofmenschen, zieht man sich auch zugleich Zwang und Stöhrung seiner ordentlichen Lebensweise auf den Hals“ -- sagte ziemlich verdrießlich der Landrath von Elfen zu seinem Gutsnachbar dem Baron Milken, und blickte lüstern nach den Assietten, welche in zierlicher Ordnung, mit aufgeschnittener Cervelatwurst, rohen Schinken, geräucherter pommerscher Gänsebrust, frischen Heeringen und mehr dergleichen -- das Parterre der mit 24 Couverts gedeckten Tafel dekorirten.
„Sie werden wohl gleich kommen; sie haben eine kleine Stunde zu fahren;“ erwiederte mit sanfter noch um Geduld bittender Stimme die Landräthin.
„So hätten sie sich früher auf den Weg machen sollen. Unser ehrlicher Steuereinnehmer hatte zwei Stunden zu fahren, und 15 Minuten vor 10 Uhr war er hier. Mein ländlicher Magen rebellirt gewaltig, wenn mit der Mittagsglocke nicht die Suppe auf den Tisch steht. Solche Neuerungen sieht er durchaus als ein Vergehen gegen die Gott und Menschen wohlgefällige Tagesordnung an.“
„Die Comtesse wird mit ihrem Staat nicht fertig werden können,“ flisterte Carolinchen, die älteste Tochter des Landraths, ihren Freundinnen zu.
„Ach ja, -- gegen die galanten Damen aus der Residenz werden wir uns wohl verstecken müssen!“ seufzte die junge Baroneß Milken, und sämmtliche Fräuleins musterten noch einmal ihre weißen, grünen und rothen Feierkleider, welche freilich nicht mit dem Modell des neuesten Modejournals übereinstimmten, bis jetzt ihnen aber galant und schön genug geschienen hatten, um von ihren Bekanntinnen beneidet, oder wenigstens in schmeichelhafte Consideration gezogen zu werden. Carolinens Toilette war indeß doch etwas mit dem Geist der Zeit fortgeschritten, seitdem Graf Hochburg, ein Schwestersohn ihres Vaters -- nun auch ihr erklärter Verlobter -- sie in die Censur nahm, und den Geschmack der lieben Cousine zu verfeinern sich beflissen zeigte, so viel es sich durch das Gutachten und Anordnen eines jungen galanten Offiziers im weiblichen Putz mit Nutzen thun ließ.
Als Volontair bei der reitenden Garde du Corps hatte Julius von Hochberg, schön wie Adam und reich wie ein baronisirter Kornlieferant, er der Residenz, und diese ihm sehr wohlgefallen. Dem alten Grafen mißfiel dieses gegenseitige Attachement; schon als Julius zwölf, und Caroline von Elfen sechs Jahr alt waren, hatten die beiden Väter beschlossen, ihren Freundschaftsbund durch die Verbindung ihrer Kinder zu besiegeln. -- Der Premier-Lieutenant mußte auf väterlichen Befehl den Dienst mit Rittmeisters Rang quittiren, und nach zu Sonnenburg empfangenen Ritterschlag als Geweihter des Johanniter-Maltheser-Ordens die väterliche Burg beziehen, und sich als Bräutigam nun auch um das Herz seiner schönen Cousine bewerben. -- In ein Fenster gelehnt, erwartete er jetzt mit verschränkten Armen, die glänzende Erscheinung der verwittweten Generalin, Gräfin Wallersee und ihre Tochter Adelaide.
„Da sind sie ja wohl endlich!“ rief der Landrath -- und sechs Mohrenköpfe bogen im stolzen Trabe um den Pfeiler des großen Hofthors. „Allons, Herr Neveu, helfe er mir die Damen herauf komplimentiren.“
Julius flog seinem Onkel vorbei, und stand schon vor der Hausthür, als die Equipage durch des Kutschers und Vorreiters mächtiges Anhalten der Zügel zu rollen aufhörte, und der Landrath erst bedächtig die letzte Stufe der Treppe betrat.
„Wir kommen später, als es sich gute und ordentliche Nachbarn erlauben sollten“, -- flötete Adelaidens Stimme -- „aber ich bin die Sünderin, lieber Herr Landrath! -- ich allein habe den Aufenthalt zu verantworten und Ihre Verzeihung zu erbitten.“
„Bitte, bitte gehorsamst, meine Gnädigsten! Liebe Gäste sind immer willkommen; auf etwas Gutes hat man nicht zu lange gewartet,“ erwiederte dieser freundlich und half der wohlbeleibten Generalin aus dem Wagen. -- Adelaide schwebte an Julius Arm, der sie mit brennender Neugier erwartenden Gesellschaft entgegen. -- Das Geräusch der Bewillkommung und Eintritts-Ceremonien verhallte, nach einer acht Minuten langen Dauer endlich wie das Rollen des Donners in den Tiefen einer Gebirgskette, und Aller Augen hiengen nun fragend an einem jungen Mann, den Begleiter der angekommenen Damen.
„Zynthio Camillo“ -- lispelte Adelaide und führte ihn der Dame des Hauses zu -- „Mein Vater entführte den lieben Sicilianer schon als einen Knaben von zehn Jahren zum Gespielen für mich, das fünfjährige Mädchen, und seitdem hat es das Schicksal noch nie gewagt, Bruder und Schwester zu trennen. Selbst mit dem Tode hat dieser Freund schon um mich gekämpft.“
„Das ist brav, Signor Camillo! -- sagte der Landrath und schüttelte ihm treuherzig die Hand -- ich habe davon gehört. Sie zogen die Comtesse aus dem Wasser, mit Gefahr ihres eignen Lebens.“
Zynthios Blick schien Adelaiden sanft anzuklagen, daß der heiligste und schmerzlichste Moment seines Lebens durch eine Erwähnung dieser Art entweihet wurde. Aber kaum sah er den Hauch des zarten Roths von Adelaidens Wange fast gänzlich verschwunden, als sein Unwille dem ängstlichen Kummer wich. „Ihnen ist nicht wohl, Gräfin!“ rief er beklommen.
„O mein Gott!“ scherzte diese, „wohler wie Ihnen mein Freund! -- ich werde mit meinem vollkommen gesunden Appetit Ihrer Tafel Ehre machen, Frau Landräthin!“ -- setzte sie hinzu, indem sie die herbeigeeilte Frau von Elfen über ihr Erblassen beruhigte.
Diese Tafel bog sich indessen wie ein zweiter Atlas unter der Last der aufgetragenen Schüsseln und Terrinen, zur Freude des Landraths und seiner Gäste, deren Magen sich zur prophezeiten Rebellion bereits komplottirt hatten. Ein für allemal von seinem Onkel aufgefordert, sich gleich ihm die Honneurs des Hauses angelegen seyn zu lassen, säumte Julius nicht, Adelaiden seinen Arm und sich zum Tischnachbar anzubieten. Der sorgsame Sicilianer führte Carolinen, die ihm zu Theil wurde, auf die andere Seite der Tafel, der jungen Gräfin gegenüber. Diese lächelte und frug, da sie eben einen Löffel Suppe zum Munde führen wollte: „Ich darf doch, lieber Hofmeister?“
Bald herrschte allgemeine Fröhlichkeit über der Tafel; selbst Zynthio wurde munter, denn Adelaidens Farbe zeigte ja wieder von Wohlbefinden. Nur Caroline und ihre Freundinnen staunten noch immer die junge Gräfin Wallersee mit einem völligen Geistesbankerot an. -- So natürlich, und doch so viel Grazie, so viel unbeschreiblichen Zauber! -- So zart, so kränklich, und doch so viel Leben! -- Sonst hatten sie wohl irgend in einem oder den andern Roman aus der Lesebibliothek eines benachbarten Städtchens, die hochblühenden Wangen, den vollen Busen der schönen Henriette, Luise, Klementine, oder wie die Heldinnen heißen mogten -- als unerläßliche Schönheitspartien gerühmt gefunden -- und, sich dieser Vorzüge bewußt, mit stolzer Selbstzufriedenheit sich jenen gepries’nen Schönheiten gleich gestellt. -- Um so weniger glich diesen üppigen Idealen weiblicher Reitze die alles fesselnde Adelaide. Nur ein rosiger Schimmer färbte den Liliengrund ihrer Wangen; das seidne aschfarbne Haar ringelte sich nicht in trotziger Fülle um Stirn und Nacken, es umschwebte wie Aether das Madonnengesicht. Das dunkelblaue Auge schien in seinem sanften Feuer nur freundliche Blicke eines Engels für diese Welt, aber den Ausdruck ihrer innigern stärkern Gefühle für ein Jenseits zu haben. Resignation ohne Schmerz, schöne Hoffnungen ohne Ansprüche, lächelte heiter in jedem Blick dieser Augen, in jedem Zug ihres himmlischen Gesichts. Bei aller Zartheit ihres Körpers, hatte sie verhältnißmäßige Fülle; man hätte glauben sollen, sie sey aus Wachs geformt, wobei es keines Knochenbaues bedurfte; aber diese Fülle schien einer ätherischen Erscheinung anzugehören, die der leichteste Zephir unsern Augen zu entführen droht. Ihre Stimme war der Flötenton einer Titania -- und doch war es ein irrdisches Mädchen, das Leben und menschliche Reitze genug besaß, um Carolinen heut jeden zärtlichen Blick ihres Geliebten zu entziehen. Daß sie auch weder für die Elfenkönigin, noch sonst für eine bloß geistige Erscheinung gehalten seyn wollte, bewieß sie bald, indem sie munter ihrer Mutter zurief:
„Maman! ich empfehle Ihnen diese Klöße mit gebacknem Obst, sie sind vortrefflich. Frau Landräthin! -- ich werde mich bei Ihrer Köchin in die Lehre geben.“
„Siehst du, Mütterchen!“ -- fiel fröhlich der Landrath ein -- „der lieben Comtesse schmeckt mein Leibgericht auch. Bravo, meine Gnädige! -- Schon um deswillen verdienen Sie meine ganze Bewunderung; Sie rümpfen nicht großstädtisch die Nase bei ehrlicher Hausmannskost.“
„Gräfin!“ -- sagte traurig Zynthio -- „es thut mir weh, Ihrem so seltnen Apetit Einhalt thun zu müssen, aber“ -- er gab dem hinter ihren Stuhl stehenden Jäger einen Wink -- „lieber eine leichtere Speise.“
Der Jäger nahm mit einer um Verzeihung bittenden Verbeugung Adelaiden den Teller mit den gepries’nen Klößen und Obst weg, von dem sie erst etwas weniges zu genießen angefangen hatte.
„Auch du Georg bist gegen mich verschworen?“ frug sie ihn lächelnd; dieser zuckte mit niedergeschlagenen Augen die Achseln.
„Bin ich nicht zu bedauern?“ -- wendete sie sich mit komisch klagendem Ton an den Landrath -- „diese Quälgeister wollen mir durchaus nicht erlauben, mich unter die Gesunden zu rechnen.“
Die Generalin sah ihre Tochter mit wehmüthiger Freundlichkeit an. „Wollte Gott!“ -- seufzte sie -- „diese guten Menschen hätten Unrecht!“
„Nun! was ich noch nicht bin, kann ich wieder werden. Herr Landrath, ich begebe mich unter Ihren Schutz. Ich weiß, Sie machen starke Promenaden -- mit Ihnen will ich fahren, laufen, reiten; und auf den Winter, bei hellem Frostwetter, guter Schlittenbahn, werde ich öfters schon des Morgens um 9 Uhr in einem geräumigen Danziger Schlitten angefahren kommen, und Ihnen Ihre Damen entführen.“
„Mein’ Seel! da haben Sie Recht, scharmante Comtesse!“ -- sagte der Landrath, und schlug fröhlich in die Hände -- „überlassen Sie sich der natürlichen gesunden Lebensart, wie wir Dorfmenschen; essen, trinken Sie, was Gott und die Natur uns giebt, genießen Sie der gesunden freien Luft. Wir wollen zusammen fischen, jagen, Dohnen stellen, Schlitten fahren, und zuverläßig schon in drei Monathen die gesammte Fakultät der Aerzte auslachen.“
Eingefallnes Regenwetter, welches heut den Oktobertag merklicher verkürzte, erinnerte die Generalin schon an dem Aufbruch, als der jüngere Theil der Gesellschaft sich erst zu gemeinschaftlicher Unterhaltung in einem zwanglosern Zirkel vereinigt hatte. Adelaide fügte sich mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit, den Vergnügungen der ländlichen schönen Welt. Die Fräuleins ließen sich nach einigen zierlichen Weigern, in den Liederchen: Blühe liebes Veilchen -- seht den Himmel wie heiter -- und so mehrere mit fistulirender Annehmlichkeit hören, und Caroline begleitete den Gesang auf einem dumpfen Klavier -- welches der Organist noch diesen Morgen zu der heutigen Akademie gestimmt und mit neuen Saiten bezogen hatte. Adelaide versprach den lieben Virtuosinnen ein ganzes Heft neuer musikalischer Blumenlese. Der Landrath, dessen Liebling sie in den wenigen Stunden geworden, mußte den Wunsch aufgeben, auch Adelaidens Tonkunst zu bewundern, da die Generalin und Zynthio mit dem wattirten atlaßnen Sürtout der jungen Gräfin, das Signal zum Abschied nehmen gaben.
Der Herr des Hauses, die ehrwürdige Excellenz führend, an der Spitze, Graf Julius an Adelaidens Seite, wie ein Träumender schwankend -- zu deren Rechten Zynthio mit banger Aufmerksamkeit schlich -- und hinter diesen mehrere der übrigen Gesellschaft, um die Gräfinnen an den Wagen zu begleiten, formirten den Zug die Treppe hinunter.
„Georg“ rief sorgsam der Sicilianer, als sie die Hälfte der Stufen zurückgelegt hatten. Seinen Hut wegwerfend eilte dieser herbei, hob Adelaiden auf seinen Arm, und flog mit ihr -- wie der Westwind mit einem Rosenblatt davon. Julius, welcher nicht bemerkt hatte, daß Kraftlosigkeit und kürzerwerdender Athemzug das Haupt der schwankenden Lilie beugte, wollte -- betroffen über die Kühnheit des Entführers im ersten Augenblick dem trotzigen Krauskopf, dessen stolzer glühender Blick seine Hornfessel zu einem Ordensband zu erheben schien -- nachstürzen, und ihm die schöne Beute wieder entreißen. Aber schon war sie in Sicherheit und dem Schutz des Wagens, und Zynthio beschäftigt, die Fenster desselben zu Verhütung jeder schädlichen Zugluft aufzuziehen. Ueberdieß warf sich unserm Chevalier ein andrer Gewinnst in den Weg, dessen ihm keine menschliche Gewalt berauben sollte. --
Adelaide hatte, während sie durch das Haus schwebte, einen der fleischfarbnen atlaßnen Schuhe verlohren, die -- so klein und schmal sie auch seyn mochten, dennoch zu geräumig waren, um sich fest genug an das sylphidenartige Füßchen der jungen Gräfin anzuschließen. Wie ein Habicht auf das einsam umherflatternde Täubchen schießt und sich seines Raubes bemächtigt, so warf sich Julius auf das von ihm zuerst entdeckte Kleinod, und verbarg es mit hämischer Freude vor den suchenden Bedienten, unter dem Gilet auf seinem stürmisch klopfenden Herzen. Noch nie hatte wohl der hochwürdige Johanniter-Ritter mit einer solchen bittern Regung der Mißgunst, einem gemeinen Jäger ein recht aufrichtiges: „Hohl dich der Teufel!“ nachgeflistert, als jetzt -- da er bei dem Schein der Laternen-Lichter, mit welchen ein vorreitender Jokey die nächtliche Finsterniß erhellte, den hohen Federbusch Georgs im Winde flattern, und zuletzt hinter dem Thorpfeiler verschwinden sah.
„Ein Mädchen zum küssen, die junge Gräfin Wallersee!“ begann mit lauter Stimme der Landrath, daß es das Echo der vier Ecken seines großen Familiensaals wiederhohlte -- „Unverkünstelt an Leib und Seele -- ach lieber Gott! -- da sagte ich zu viel; leider blieb der Körper nicht so gesund als der Geist! -- mit dem erstern geht’s wie mit meinen Akazienbäumchens am Ende des Gartens bei der Rasenbank -- zwischen welchen und der Mittagssonne mein Nachbar, der Herr Pastor, eine breite Scheune hingesetzt hat. Sie schwanken und kränkeln und kommen nicht fort. -- Aber wenn das liebe Kind nur bei ihrem gescheuten Entschluß bleibt, wenn sie mir folgt, so will ich sie in die Sonne führen, die ihr neue Kraft und neues Leben geben soll.“
* * * * *
Schon leuchteten schimmernde Lüster mit ihren Kerzen von Plafond und Wänden, dem zum fröhlichen Tanz aufgeforderten Gesellschaftskreis im Schlosse Wallersee. Die Generalin hatte Adelaidens Geburtstag zu feiern, den benachbarten Land- und Stadt-Adel zu Mittag und Abend eingeladen; ein glänzender Ball sollte den jungen Gästen das Fest verherrlichen. Adelaide war eben nach dem ersten Tanz der rauschenden Freude entflohen, um in ihrem Boudoir auf einer Ottomane ruhend ein halbes Stündchen die ihr nöthige Erholung zu genießen. Zynthio saß zu ihren Füßen und begleitete auf der Guitarre den Gesang einer Hymne, die seine Gefühle an dem heutigen Tage bezeichneten.
„Die Antwort, lieber feuriger Sänger, bleibe ich dir schuldig, bis ich einst als Bürgerin eines andern Gestirns -- vielleicht des Syrius, mit gleicher Kraft mich dir mitzutheilen vermag“ sagte Adelaide, als er endete, und legte die Hand auf seinen Kopf, den er in die Küssen der Ottomane drückte, und dumpfe Seufzer bewiesen, daß ihm die Brust zu enge geworden. Julius lehnte in der Nische an einer Konsole, auf der eine Sphynx lag, und starrte, wie es schien, gedankenlos -- eigentlich aber überwältigt von unnennbaren Gefühlen, auf Beide hin. -- Optischer Mondenschein beleuchtete die Gruppe und machte es einem Zaubergemählde ähnlich. Der Duft eines Amphitheaters, welches auf der Lichtseite dieses in orientalischem Geschmack mit seidener Drapperie bekleideten Kabinets, mit blühenden Rosenbäumen, Jasmin und Jonquillen prangte -- vollendete den Sinnenrausch. Da rief Adelaide:
„Allmächtiger Gott! lebe ich schon in einer Geisterwelt? welche Erscheinung? -- Prinz Louis!“ --
„Keine Erscheinung aus der Geisterwelt, theure Gräfin! Ich bin es wirklich, noch mit allen irdischen Umgebungen, Fehlern und Leidenschaften“ -- antwortete der Erbprinz, welcher unbemerkt durch eine Seitenthür eingetreten war, und umarmte Adelaiden -- „diesen Kuß von meiner Schwester Mathilde; ich habe geschworen, ihn treulich zu überliefern -- selbst auf die Gefahr, daß Sie es unverzeihlich finden werden.“
„O meine holde Mathilde!“ fiel Adelaide ein -- „Sie ist doch heiter und wohl?“
„Sie trauert fern von ihrem Liebling. Seit Adelaide sich von ihrer Seite riß, verflossen unsere Tage freudenleer. Wie neidete sie mir die Aussicht auf diese Stunde!“
„Verzeihen Sie, Monseigneur! wenn ich in dieser Stunde Besinnung und Neugier genug habe, zu fragen: welcher Zufall mir diese Ueberraschung gewährte?“ --
„Zufall? -- O so ist mein Herz, mein ganzes Wesen, das nur in der Hoffnung, Sie wieder zu sehen, lebte -- auch Zufall! -- Konnte Adelaide glauben, daß der achtzehnte November mir nicht heiliger sey, als daß ich etliche zwanzig Meilen Umweg, auf meiner Reise nach ***“ -- --
„Also doch wieder auf der Reise nach ***? -- O mein Prinz, nun bin ich beruhigt. Darf ich aber auch hoffen, daß Ew. Durchlaucht fein artig und wohlgemuth sich den Carneval in der königlichen Residenz zu *** gefallen lassen werden?“ --
„Wie es kommt, noch stehe ich für nichts. -- Sieh da, Signor Camillo! fragen Sie diesen, was menschliche Kräfte vermögen“ --
„Hier Graf Hochberg“ -- nahm Adelaide schnell das Wort, indem sie den Ritter dem Erbprinzen vorstellte. Auf ihre Bitten gieng man zur Gesellschaft, die bei dem Eintritt Sr. Durchlaucht große Augen machte, und die Freude schien dem Erstaunen so wie der Ehrfurcht zu weichen. Doch Adelaide winkte mit ihrem Zauberstab dieser flüchtigen Freundin, zurückzukehren. Die Gräfin mischte sich in die Reihen der Tanzenden, und die vorige zwanglose Höflichkeit behauptete wieder ihr Recht.
Nur der Prinz und Julius konnten diesem rauschenden Feste keinen Geschmack abgewinnen. Beide in stummer Unterhaltung neben einander stehend, verfolgten mit ihren Blicken Psyche, wie sie auf Amors Fittigen die Reihen durchschwebte so sorgsam -- als fürchteten sie, eine Wolke würde die Huldin im nächsten Moment ihren Augen entrücken. Die Generalin bot dem Prinzen ihr Spiel an -- denn tanzen wollte und konnte er in seinem Reise-Apparat nicht; auch das Spiel schlug er aus, und bat ihro Excellenz dringend, sich in ihrer Parthie nicht stören zu lassen. -- „Sie wird doch nicht den ganzen Abend tanzen!“ -- dachte er; und Julius tröstete sich seinerseits mit der Hoffnung, daß Sr. Durchlaucht zuverlässig morgen ihre Reise fortzusetzen geruhen würden.
Bald kam Adelaide am Arm des biedern Landraths von Elfen -- „~Mon Prince~. Mit der süßen Ueberzeugung, daß ich den Dank Ew. Durchlaucht verdienen werde, präsentire ich Ihnen hier einen sehr edlen Mann. Solche Stützen einst Ihrem Thron -- und Engel beneiden dann Ihre Unterthanen. Zwar würde dieser redliche Patriot nicht nur mir, sondern selbst der liebenswürdigen Prinzessin Mathilde einen englischen Tanz abschlagen -- aber Wahrheit und Treue für seinen Fürsten mit seinem Blute besiegeln.“
Das reine Bewußtseyn, Adelaide habe nicht zu viel von ihm verheißen, und die Freude, mit diesem redlichen Herzen vor seinem künftigen Regenten zu stehen, verjüngte das Feuerauge und die sprechenden Gesichtszüge des edlen Mannes. Der Prinz hätte keinen Sinn für Menschenwerth haben müssen, wenn er die nähere Bekanntschaft mit dem Landrath leichthin und kalt hätte aufnehmen können; und kaum faßte er mit traulicher Freundlichkeit des biedern Elfens Hand, so ergriff Adelaide des Ritters Arm und sagte:
„Diese schöne, Segen bringende Stunde wollen wir profanen Leutchen mit unserer flüchtigern Consequenz nicht entweihen. Kommen Sie Graf -- Ihre Braut erwartet Sie zum nächsten Walzer.“
„Meine Braut?“ -- wiederholte leise der Ritter, und kalter Schauer rüttelte ihn wie Fieberfrost. Caroline kam ihm entgegen, ein heftiger Schwindel, der ihn beinahe zum Sinken brachte, überhob ihn der Qual, mit seiner Verlobten zu tanzen.
Wohl dir, unbefangenes Kind der Natur, daß dein Forscherblick noch nicht die Tiefen des Herzens deines Julius erreichte -- besorgt um den geliebten Mann warst du froh, ohne Arges zu ahnden, als er dich seines besser Befindens versicherte, und nur die Nothwendigkeit der Ruhe vorschützte. Beruhigt hüpftest du zum Tummelplatz der Freude, und vereinigtest deine Bitten mit den Wünschen des treulosen Geliebten, daß sich dieser unter Adelaidens Vorsorge wieder erholen dürfe. -- Die Gräfin sah schärfer, sie ahndete die Gefahr für deine schönsten Hoffnungen, und -- Zynthio mußte ihre Pflicht der Gastfreundschaft übernehmen. Dies hatte der Patient nicht erwartet, und schneller als man hoffen durfte, war er wieder hergestellt genug, um sich der lästigen Gesellschaft des ihm unerträglichen Sicilianers zu entziehen.
„~Vous êtes servi, Monseigneur!~“ meldete die Generalin mit etiquettualischer Ehrfurcht dem Prinzen; dieser führte sie in das Tafelzimmer, hier aber bat er schmeichelnd: „Wenn ihro Excellenz mich glücklich machen wollen, so erlauben Sie mir promenirend zu soupiren. Sie kennen ja meine Passion die Ronde um die Tafel zu machen, und den Damens aufzuwarten.“
„~Selon vos Ordres, pourvu que Votre Altesse se trouve à son Aise~“ und so mit erwählte sie sich den Landrath zum Nachbar. Die Tafelrunde -- und den Cherubin der Damen zu machen, beschränkten Sr. Durchlaucht bald auf den einzigen Platz hinter Adelaidens Sessel.
„Womit kann man aufwarten, gnädiger Herr?“ frug diese -- „einige ~Refraichissements à la Campagne~, so gut man sie auf der Reise haben kann.“
„Nur um etwas zu trinken bitte ich.“ Mit dieser Erklärung wendete er sich zu Georg, der eben Adelaidens Mundbecher auf einem silbernen Teller seiner Gebieterin darreichen wollte. Mit bescheidenem Lächeln ergriff der Jäger eine Bouteille, füllte den Becher mit perlenden Burgunder, und präsentirte ihn Sr. Durchlaucht. Bis auf den letzten Tropfen ward er ausgeleert, und nachdem der Prinz seine Uhr in den Becher geworfen hatte, gab er ihn dem betroffenen Georg mit den Worten zurück: „Dies wirst du Trotzkopf doch nicht ausschlagen, wie meinen Oberförsterdienst?“
Georg zog die Uhr aus dem feuchten Behältniß, küßte die goldene Kapsel über dem Zifferblatt, auf welchen des Prinzen verzogner Nahme mit Brillanten gesetzt war, und erwiederte:
„Der Oberförster hätte mir nie den Verlust des schönsten Looses meines Lebens ersetzt; dieser Beweis der Gnade Ew. Durchlaucht giebt mir das Zeugniß, daß ich meines glücklichen Berufs nicht ganz unwerth sey.“
Adelaide warf einen sanft strafenden Blick auf den begeisterten Georg. „Hast du Sr. Durchlaucht den Becher kredenzt?“
„Nein, aber den Glauben an die unerreichbare Liebenswürdigkeit einer Adelaide mit mir gemein“ -- nahm der Prinz das Wort -- „und der Himmel lohne ihn mit seiner ganzen Seligkeit dafür.“
Julius, der nahe genug saß, um alles hören und sehen zu können, knirschte über den unbegreiflichen Zusammenhang und der Einigkeit aller Derer, von denen Adelaide umgeben und angebetet wurde, mit den Zähnen. „Sind es höllische oder gute Geister, die um diese Zauberin eine Wagenburg schlagen?“ -- frug er bei sich selbst -- „Fürst, ausländische Fündlinge, gemeine Jäger, alle reichen sich brüderlich die Hände, mich rasend zu machen.“
Des Prinzen und der Gräfin Gespräch wurde leiser.
„Und keine Zeile von ihr selbst?“ klagte Letztere.
„O meine Brieftasche wird erst morgen eröffnet. Ein großes Paket, das ich Ihnen hoch im Porto anrechnen werde. Aber ich fürchte, Mathilde führt große Beschwerden über mich! -- Versprechen Sie mir in voraus Generalpardon.“
Adelaide sah ihn bedeutend an.
„Gräfin! mit einem Wort: mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt es, so wahr ein Gott lebt“ --
Er wurde durch einen Schrei des Schreckens von Carolinen, die ihnen beinah gegenüber saß, unterbrochen. Unter den mancherlei fremden Gestalten und Bestandtheilen freier Koch- und Konditor-Künste, welche das mit den raffinirten Lebensbedürfnissen der großen und feinen Welt unbekannte Landfräulein anstaunte und neugierig kostete, wurde Gefrornes in Formen und natürlichen Farben verschiedener Früchte herumgegeben. Man präsentirte ihr eine Assiette mit dergleichen täuschenden Pfirsichen, und wiewohl ein goldner Desertlöffel dabei lag, so glaubte sie dessen dennoch nicht zu bedürfen, um sich einen Pfirsich zu nehmen. Sie ergriff herzhaft eine der Früchte mit ihren Fingern -- aber, o Himmel! -- wer beschreibt ihr Entsetzen, als diese Finger in Eis erstarrten, und der entzauberte Pfirsich in Wasser aufgelöst von ihrer Hand triefte.
Alles lachte, sobald sich der Irrthum aufklärte; nur Julius, welcher um so größern Widerwillen gegen das alberne rohe Landmädchen faßte, und Caroline -- deren Wangen die Schaam dunkelroth färbte und das Auge mit Thränen füllte, -- und Adelaide lachten nicht.
„In der That“ -- sagte Letztere -- „so etwas kann jedem begegnen. Trösten Sie sich mit mir, liebe Elfen! ich selbst habe einmal eine Ananas -- weil ein Spottvogel sie mir präsentirte, allein für mich auf meinen Teller genommen, wiewohl sie für mehrere bestimmt war -- und da ich die Schaale zu hart fand, als ich ohne Umstände hineinbeißen wollte, zertheilte ich sie mit Messer und Gabel, und ließ mich von dem schadenfrohen Herrn überreden, die Frucht mit Essig und Oehl zu verzehren, so wenig diese Zubereitung meinem Gaum auch behagen mochte. Und das war doch wohl ein wenig schlimmer, als eine Sache, die genau wie ein Pfirsich aussieht, auch für einen Pfirsich zu halten.“
In der Anekdote mit der Ananas lag Wahrheit, nur daß ein junger Cadet, welcher eben erst das väterliche Haus und sein Dorf verlassen hatte, und bei dem verstorbenen General Wallersee speiste, der traurige Held dieser Geschichte war; keinesweges aber Adelaide, welche sich indessen hier mit Vergnügen die Lächerlichkeit aufbürdete, um Carolinens demüthigende Verlegenheit zu heben. Sie erreichte ihren Zweck; Fräulein Elfen bekam wieder Muth; sie lachte aus vollem Halse über Adelaidens Leichtgläubigkeit, und wiederholte die Anekdote ihren Nachbarn weitläuftig, um zu beweisen, daß die Comtesse nichts klüger gewesen sey, als sie.
„Adelaide“ -- sagte der Prinz -- „Sie sind wahrlich ein Engel! -- Ich möchte niederfallen und anbeten -- diese himmlische Güte, diese sanfte Schonung“ -- --
„Ich bitte fortzufahren, wo Ew. Durchlaucht vorhin stehen blieben“ -- unterbrach sie ihn ernst -- „Sie sprachen von einem Entschluß“ --
„Und sagte, daß es bei diesem Entschluß bliebe, so wahr ein Gott lebt! -- Können Sie die meiner Schwester gemachte Erklärung, das Versprechen nie ihre Hand zu verschenken, zurücknehmen -- werden Sie die Verlobte eines Andern -- gut, so habe ich alle Hoffnung verloren, und ich will jeder Glückseligkeit, jeder frohen Stunde für dieses Erdenleben entsagen. Mein Vater schmiede mich dann, wie den Galeerensclaven an das Ruder, in das Joch einer conventionellen Ehe! -- Aber nein, so inconsequent kann Adelaide nie seyn!“
„Prinz!“ sagte Adelaide ergriffen -- „was hat mein Vorsatz unvermählt zu bleiben, mit Ihrem Entschluß zu schaffen? -- Kann Ihnen die Versicherung: daß ich den Wunsch, nie Gattin werden zu dürfen -- ohne alle Beziehung auf Ew. Durchlaucht, gegen Prinzessin Mathilde äußerte -- daß ich überhaupt nie an die Möglichkeit eines Verhältnisses unter uns, gnädiger Herr! bei irgend einer Bestimmung meines Lebens dachte -- kann diese Erklärung einen Fürsten der Hoffnung seiner Länder wiedergeben, und ihn selbst in die Bahn der Ordnung, der Pflichten eines künftigen Regenten zurückführen, so bitte ich unterthänig, an der Wahrheit dieser Betheurung nicht zu zweifeln.“
„Adelaide! -- Ich habe geschworen, und seinen Schwur zu halten, sich selbst und seiner Zufriedenheit treu zu bleiben, ist die erste und heiligste Pflicht. Wäre diese Zufriedenheit, dies tröstende Bewußtseyn, keiner von uns Beiden sey das Eigenthum eines Dritten, auch nur Chimäre! -- so wenig dieser Fall hier angenommen werden kann. -- Mein Vater ist alt, ich im fünf und zwanzigsten Jahre. Sie treten heut Ihr achtzehntes an; -- o Adelaide! die Liebe überwindet Zeit und Hindernisse, die Aerzte sprechen mit Achselzucken von den bedenklichen Gesundheitsumständen des Fürsten -- ein Rezitiv des neulichen Schlagflusses, und er ist dahin.“ --
„Sie werden fürchterlich! -- So sollte die Liebe ein großes edles Herz verunstalten können? -- Ich bitte Ew. Durchlaucht wenigstens Schonung für mein besseres Gefühl zu haben, und ein Gespräch abzubrechen, das Sie und mich herabwürdigt.“
„Abgott meiner Seele! In dieser Ungewißheit kann ich nicht von dir scheiden. Denke an meinen Schwur. -- Heut übers Jahr an diesem Tage kehre ich wieder zurück und finde dich -- nein Adelaide, nicht als Braut oder die Gemahlin eines Andern.“ --
„Sondern im Sarge,“ fiel Adelaide mit dem feierlichen Nachdruck einer Prophetin ein. -- „Ich habe Ihr Wort, Prinz! -- übers Jahr an dem heutigen Tage betreten Sie das Haus Ihrer Freundin wieder, und begleiten mich in die Brautkammer.“
„Adelaide!“ rief erschüttert der Erbprinz „wollen Sie meine Vernunft verwirren? -- was sollen diese Räthsel? -- Ich kann mich damit nicht beruhigen. Gewißheit, um Gottes willen!“ --
„Die Gewißheit, daß wir Ball haben, und die tanzlustigen Herrschaften schon ungeduldig mit den Stühlen rücken, um wieder in den Saal zum Ländern zu kommen. -- Für diesmal bitte ich, nichts mehr über jenes Kapitel! -- Prinzessin Mathilde wird Ew. Durchlaucht ja wohl schriftlich benachrichtigen, wie es mit Ihren Vasallen steht.“
„Darf ich nicht einige Zeilen dann und wann von dieser lieben Hand selbst hoffen?“
„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“ --
„Adelaide! -- Adelaide! was machen Sie aus mir?“ -- seufzte noch der Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das Flüstern seiner letzten Worte.
Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr. Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathildens Briefe ihr durch Zynthio einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen geballter Faust vor Kopf und Brust -- befahl stürmisch: vorzufahren -- und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin gekommen.
* * * * *
Alexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste -- während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges, einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch Nothwendigkeit gedrängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde furchtbaren Corps -- welches dieser aus eigenen Kosten errichtet, mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte -- nun seinen Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht gewonnen -- Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien -- zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm daraus erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen.
Doch -- zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt, Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen -- Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig -- zerrissen bald die Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn, und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. -- Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser Hinsicht aus. -- Nur der solide nicht nach Kapricen geordnete Ertrag seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines großen Nebenbuhlers war. -- Leichter französischer Spott -- wiewohl nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen an diesen Werth, an diese Tugenden -- kurz, mancherlei und mehrere Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht gewesen wäre. --
Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst fand -- jedoch nicht aus dem Gesichtspunkt betrachtete, wie der Freund der Römer -- daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten.
Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder über dessen Meinungen geäußert hatte -- ja selbst den Tadel der Pläne, die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. -- Alexis war nicht der Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deutlich wiederholte -- und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde, auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that, und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu fechten, zurückzog.
„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph -- „diesen Querkopf los zu seyn. Der Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? -- haben wir das Terrain, haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“ --
„Und sind +wir+ Römer?“ -- hätte er noch hinzusetzen sollen. Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier nur, um die erbärmliche Marionetten-Repräsentation mitleidig zu belächeln.
Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen. Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph im Bunde. --
„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. -- Soll die Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf, ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck, daß sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! -- Läutere die Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner edelsten Söhne mich umschwebt. -- Kraftvoll, aber nicht stürmisch will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt. -- Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß auf die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner Verlobten -- nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt hatte -- und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin wieder zurück rief.
Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie seine Gemahlin werden.
Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen! -- Dieser Wunsch ward erfüllt, und der Geliebte ihr liebreicher freundlicher Gatte. -- Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder geliebt würde. -- Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt, indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre Bildung vollendeten.
Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts -- in welchem die junge Gräfin erzogen worden -- die Einführung solches üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf der unbefangnen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet, daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte -- wenigstens sie schon dem Nahmen nach verabscheute. -- Und so war auch die unerfahrne Ludmilla weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden Leidenschaft, dessen sein Herz -- vielleicht für einen andern Gegenstand wohl fähig war -- zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück, ihre Ruhe zu stören.
Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang.
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Blutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein, daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals.
Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes, wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste Frühjahr einzuschiffen dachte -- durch Anwerbung der tapfersten vielversprechensten Männer -- um welche Monarchen sich beneideten, für die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten Aussichten auf Größe und Ruhm -- der sich selbst in fremde Welttheile erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. -- Vergebens umfaßte Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden Vaters.
„Ich werde Euch wiedersehen; zwei Jahr aufs längste -- und ich heiße Euch auf portugiesischen Boden willkommen, oder ich kehre in eure Arme zurück, um dann mich nie wieder von Euch zu trennen. Uebrigens -- im Fall Freund Hayn mich noch vor dieser Zeit in eine andre Heimath rufen sollte -- so wirst du, liebes Weib, in Rücksicht der Güter und des Majorats, welches ich aus den Herrschaften Tomsdorf und Wallersee zu machen Willens bin -- das Benöthigte schon verfügt und bei der Regierung niedergelegt finden; hier ist die Abschrift meines deponirten Willens. -- Du wirst dich überzeugen, daß ich beflissen war, deine Zufriedenheit auch als Wittwe zu begründen.“
Ludmilla hörte kaum mehr die letzten Worte; ohnmächtig brachte man sie auf ihr Ruhebett; Alexis küßte den Abschied auf ihre blassen Lippen, und als sie wieder ihr Bewußtseyn erhielt, war er schon auf dem Wege nach Hamburg, den er mit Couriersschnelle Tag und Nacht fortsetzte, um mit dem Grafen von der L...., welcher nebst seiner zahlreichen Reisegesellschaft ihn daselbst erwartete, an Bord zu gehen.
Keine Art zu reisen ist wohl geschickter, Menschen die sich auf der nehmlichen Tour in einer und derselben Equipage befinden, sich näher zu bringen, und ihre gegenseitigen Beobachtungen über des andern Karakter und Meinungen ungestörter zu befördern, als die Reise zur See. Die beiden Gegenstände Himmel und Wasser, welche sich Tage, Wochen, ja oft Monathe hindurch ohne die geringste Abwechselung unserem Auge darbiethen, hören die ersten zwölf Stunden schon auf, unserer Beobachtung werth zu seyn. -- Weder Posthäuser noch Gastwirthe, weder gute noch schlecht gebaute Städte und Marktflecken, weder zu respektirende Feldgarnison, noch Bürgermilizwache -- so andern Reisenden auf einem Wege von zehn Meilen wenigstens ein auch wohl zweimal während des Examinirens um Nahmen, Karakter und Geschäfte beim Einpassiren an den Thoren, abwechselnde Empfindungen und Unterhaltung gewähren -- nichts dergleichen bietet sich uns auf der übrigens vortrefflichen Chaussée in Neptuns Reiche dar. -- Genug, man ist lediglich auf sich und seine Reisegesellschaft reduzirt; und so wie bald alle Zeremonie in Ansehung des Ankleidens und das Bemänteln häuslicher Gewohnheiten auch wohl Unarten aufgehoben wird -- so wie bald jeder Passagier in seinem Kaftan oder Schlafrock und Nachtmütze bleibt, in welche er sich des Morgens beim Erwachen warf, eben so bequem macht es sich sein innrer Mensch. Im weiten ihnen beliebigen Spielraum spatzieren Launen, Meinungen, gute und böse Gedanken ohne allen Rückhalt auf dem Verdeck der Conversation herum, und sind für die übrigen Personen eben so auffallend, als diese -- welche sich einer gleichen Freiheit bedienen, entweder mit ihren, jenen widersprechenden Grundsätzen und Ansicht der Dinge chokiren, oder durch Sympathie sich zur festesten Vereinigung hingezogen fühlen.
Graf von der L**** war unbegrenzt stolz, herrschsüchtig, rauh, hart bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen; falsch und verschlagen gegen seines Gleichen, um sie zu täuschen und an sich zu ziehen, wann es sein Vortheil heischte, übrigens keines Menschen Freund. Geitzig, wo Edelmuth gebot es nicht zu seyn; verschwenderisch, wo sein Stolz verlangte, mit seinem Glanz Fürsten zu beschämen. In Ermangelung jeder andern Tugend glaubte er mit einer seltnen Tapferkeit, mit einem Muth, der ihn in die Lavafluthen des Vesuvs kaltblütig springen ließ, und der Spartanischen Härte, welche er gegen sich selbst in Entsagung jeder Bequemlichkeit des Lebens bewies -- keiner andern zu bedürfen, um ein Ehrfurcht gebietender verdienstvoller Mann zu seyn. Nie ruhete er auf einem Federbette oder einer Matratze. Ein langer Tisch, oder wenn es die Umstände wollten, eine Gurtbank, war sein Lager, die eiserne Chatulle, in welcher Gelder und seine wichtigsten Papiere sich befanden, sein Kopfkissen. Mit dem Haß seiner Dienerschaft bekannt -- geliebt zu seyn, verlangte er nicht, denn er liebte ja keinen Menschen -- hegte er stetes Mißtrauen und erwartete immerwährend einen Anschlag auf sein Leben. Deßhalb lagen, wenn er sich zur Ruhe auf sein hartes Lager warf, ein Paar geladene Pistolen mit aufgezogenem Hahn auf dem ihm zur Seite stehenden Tisch, und ein Dolch unter seinem Kopf. Zwei Bedienten hatten die Nachtwache, und wehe demjenigen, welcher sich der geringsten Nachläßigkeit, oder einer Anwandlung des Schlummers zu Schulden kommen ließ. Bei dem leisesten Geräusch wich sein unruhiger Schlaf, und er griff nach der Pistole. So traf es sich, daß er einen Bedienten erschoß, dem -- als der Unglückliche das Nachtlicht putzen wollte -- die Scheere, weil er schlaftrunken war, aus der Hand fiel.
„Wie,“ sagte Alexis von Wallersee zu sich selbst -- „mit diesem kleinen Tyrannen -- unter seiner Protection sollte ich +ein+ Ziel zu erreichen streben, und zwar in einem Militair, welches das vernachläßigste, stupideste aller kristlichen und unkristlichen Kriegsheere der Welt ist? -- Ruhm und Größe erwerben wollen, die mir durch Nachgiebigkeit gegen einen Arnulph zu theuer erkauft schien -- einen Arnulph, dem jener sich zum Despoten aufwerfende Miethling nicht werth ist, die Schuhriemen aufzulösen? -- Nein, dabei kann es nicht bleiben; noch bin ich durch nichts gebunden. Die erste Landung macht Sie -- mein Herr Generalissimus -- um einen Obersten ärmer.“
Und dieser Vorsatz wurde in Calais ausgeführt. Die Schiffe lagen einige Tage in diesem Hafen vor Anker; die Mannschaft gieng ans Land, und Alexis machte dem General die unerwartete Erklärung: daß er nicht portugiesische Dienste nehmen, sondern sich hier von ihm trennen wolle. L**** wandte alle Ueberredungskünste an, den Obersten von seinem Entschluß abzubringen; als dies nichts fruchtete, ward er beleidigend, und der Streit endigte mit einem Zweikampf.
Der General gieng, um eine Narbe über den linken Backen reicher, wieder an Bord; und Alexis, am rechten Arm nur leicht verwundet, fand in demselben Gasthof, in dem er sich einquartiert hatte, den Viskomte de Paluzzo, dessen Bekanntschaft er auf seinen ersten Reisen durch Italien in Neapel gemacht hatte, und der jetzt -- im Begriff von seiner Gesandschaft in Paris abgelöst zu werden -- seiner mit einem Schottländer entflohenen Tochter nachzueilen gezwungen war. Hier erfuhr der Viskomte, daß es zu spät sey. -- Maria Paluzzo befand, nachdem sie durch Priesters Hand bereits mit ihrem Entführer unzertrennlich verbunden, sich schon unter brittischem Schutz, und dem betrogenen Vater blieb nichts übrig, als seine Rache durch Enterbung der ungehorsamen Tochter zu befriedigen. Jetzt war es ihm Trost in Alexis Busen seinen Unmuth, den Kummer über vernichtete Vaterfreuden ausschütten zu können, und während die beiden Freunde sich gegenseitig ihren Verdruß über getäuschte Hoffnungen, erlittene Hintergehungen, und ihrentheils angenehme und theils unangenehme Erfahrungen mittheilten, verschwand allmählig der erste, nehmlich der stärkste Eindruck der gehabten Verdrießlichkeiten, und die Reminiscenzen genußreicherer Begebenheiten gewannen immer herrschenderes Licht.
„Und jetzt wollt ihr nach Deutschland zurück?“ -- frug Paluzzo.
„Wo sonst hin? -- Mein frommes Weib hat es doch wohl vom Himmel erbeten, daß ich hier umkehren soll -- und so will ich denn auch nicht länger meinem Schicksale widerstehen. Mein Junge wird mir nun wohl schon entgegenlaufen; ihm will ich meine Sorgfalt widmen; ein treuer Hausvater, ein fleißiger Landwirth will ich nun werden, und keiner Macht in der Welt mehr meinen Degen anbieten.“
„Schön, recht solid! -- Aber Freund -- dazu ist’s nach Jahren noch Zeit. Die Gräfin ist nun schon auf eure längere Entfernung gefaßt; in Resignation sind die Weiber Heldinnen. Eure frühere Rückkunft würde ihr kaum die Freude des Triumphs ersetzen, den sie durch längere Ertragung eurer Abwesenheit verdient hätte. Sie dulden gern, um sagen zu können: Ich litt ohne Murren. -- Hauptsächlich eure Deutschen blauäugigten sanften Weiber.“
„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt! ein treffliches edles tugendhaftes Weib! -- In vier Tagen breche ich auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu drücken.“
„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten. Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe -- so nicht die unsern: die Glut hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“
„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben so heilig wie den Weibern.“
„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! -- Früher ist Euch die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“
„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? -- Thorheit habe ich mir vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames für sie ward? -- Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche Kampf mir selbst daraus erwuchs? -- Basta! -- bei unsrer Freundschaft, kein Wort mehr davon!“
„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt wieder so gefallen mögte wie einst. -- Ihr kennt unsern Hof, auch so ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste machen würde. Herrlich! -- Verwerft Ihr sie -- gut; ihr sollt durch Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“
„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich habe in Messina nichts zu schaffen. Und -- den kommenden Frühling, will ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“
Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s Arme zurückeilte. -- Aber Messina -- hatte er dennoch besucht. Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin; heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der Einwohner in Trümmer zusammengestürzt. Unter den dadurch verarmten Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward, als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte, selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten.
Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe -- Alexis hingerissen von der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen Weibes, ihrer Zärtlichkeit -- Beide erwachten nach einer gefährlichen Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen ein, daß sie sich früher hätten trennen sollen. Es war geschehen; Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der Abschied rückte heran.
„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen Augenblick erhalte dich mir.“
Mit diesen Worten riß er sich aus ihrer Umarmung, und von innrer Unruh getrieben, eilte er jetzt rastlos nach Deutschland zurück.
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„Ruhig liebe Gräfin! Er soll uns nicht wieder davon flattern“, sagte der regierende Fürst von *** zu Ludmillen -- „Seine Unstätigkeit, sein Treiben entsteht aus Mangel an Geschäften, die nur allein seinem Geist genügen können. Er will ordnen, schaffen, verbessern.“
„Und kann er das nicht? -- Verzeihen Ew. Durchlaucht! -- Sind die Sorgen eines Vaters, die Verwaltung seiner Domainen nicht auch Beschäftigungen eines thätigen, Nutzen bewirkenden Mannes?“
„Für jeden Andern -- ja, dem es löblicher und zugleich bequemer dünkt, sich in seinem 34sten Lebensjahr zur Ruhe auf sein ländliches Schloß zu setzen, und dann so ~en passant~ aus angebohrner Wirthschaftlichkeit ein wachsames Auge auf die Inspektors, Amt- und Verwaltersleute seiner Güter zu haben; und endlich als klugthuender Papa seinen Söhnen die Vokabeln überhört. -- Nur ihr Gemahl vermag damit allein seine Stunden nicht auszufüllen; sein Wirkungskreis muß größer, sein Einfluß bedeutender seyn.“
„Aber wie, ~Monseigneur~?“ --
„Ich hoffe damit, zu unser allerseitigen Zufriedenheit in’s Reine zu seyn.“
„Mein Gemahl schmeichelt sich bereits mit einem Auftrag beehrt zu werden -- der indessen nur auf kurze Zeit ihn beschäftigen, und dann die Einförmigkeit des Daheimseyns um so lästiger machen würde.“
„Ah, Sie sprechen von der Unterhandlung mit dem ***schen Hofe wegen der Vermählung meines jüngsten Bruders. In der That, ich glaube sie keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Doch das ist eine Affaire von sechs Wochen höchstens -- und wollte ich ihm dann eine Charge am Hof oder im Zivil anbieten, dies würde ihm einen geringen Begriff von meiner Erkenntlichkeit geben -- er schlüge sie ohne weiteres aus. Aber ich habe einen sicherern Plan, bei dem ich selbst gewinne, und den mir der kapriciöse Mann gewiß nicht zu Wasser machen wird.“
„Das gebe der Himmel!“ seufzte die Gräfin, denn sie wußte zu gut, wie Alexis über den Dienst in kleinern Staaten dachte, und, wiewohl dieser Fürst, dessen Vasall er war, sich unter die ansehnlichsten des Deutschen Reichs rechnen durfte, so hatte ihm doch immer die Pygmäengröße ihrer Diener nur zum Spiel seines Witzes, und ihre kleinliche Titelsucht zum Mitleid, den Stoff geliehen. -- Aber diesmal wurden ihre Wünsche über ihre Erwartung erfüllt; wie wohl auch hier das Schicksal den Becher wohlthätiger Gewährung mit einigen Tropfen Wermuth vermischte.
„O wärst du Philemon und ich Bauzis!“ seufzte abermals Ludmilla, und kräuselte mit Thränen im Auge, die blendend weiße Straußfeder, welche jetzt den Generalsgrad ihres Alexis auf seinem Hute bezeichnen sollte --
„Dann hätten wir Beide ein halbes Sekulum mehr von unserm Lebensknaul abgewickelt“ nahm der neucreirte Feldherr das Wort. „Aber ich glaube, meine Bauzis würde noch auf die gesunden Pulsschläge ihres Philemons eifersüchtig seyn; sie würde wähnen, so lange uns Beide nicht ein und dasselbe Grab deckte -- mit dem Himmel hadern zu müssen, daß ich mein -- wenn auch schon gebrochnes Auge nach Süden wende, während Ihr matter Blick nach Osten gerichtet ist.“
„Mir das? -- o Alexis! Wie ungerecht seyd Ihr Männer!“
„Und wie wankelmüthig ihr Weiber! -- Noch vor einigen Wochen war dein heißester Wunsch, mich im Dienst des Vaterlandes an dasselbe gefesselt zu sehen. Und jetzt, da alles nach deinem Verlangen sich fügt, schwimmt dein Auge in Thränen.“
„Soll ich fröhlich der Gefahr, dich auf immer zu verlieren -- Dank zulächeln? -- Kann dich nur dann dein Vaterland fesseln, wenn ein bevorstehender Krieg dich auffordert für dasselbe zu bluten; dein Weib zur Wittwe, deine Kinder zu Waisen zu machen -- o so verlaß es! Darf ich dir nicht folgen, so weiß ich doch dein Leben in Sicherheit.“
„Ludmilla! -- Wahrlich, nur dem Uebermaaß deiner Liebe verzeih ich die mehr als weibliche Schwäche. -- In einem frommen Stift erzogen, lerntest du wohl die Erfordernisse zarter weiblicher Tugend kennen -- aber für die gemeinsten Begriffe von der Ehre des Mannes scheinst du keinen Sinn zu haben; deßhalb würde ich Erläuterungen dieser Art bei dir nur tauben Ohren predigen.“
„Ach, leider weiß ich, daß den Männern das Phantom der Ehre heiliger seyn muß, als die reellere stille Zufriedenheit häuslichen Familien Glücks! -- Aber ich bin zu wenig Heldin, um mich mit Anerkennung dieser Nothwendigkeit zu trösten.“
„Aber doch wohl billig genug, mir zu glauben, wenn ich Dir -- eben als Mann von Ehre betheure: daß ich mich, Dich und Deine Kinder brandmarkte, blieb ich müßig daheim und nähme die Aufforderung des Fürsten nicht an -- und Dich dann mit dieser Ueberzeugung zu beruhigen?“
„Freilich, das Generalat über sämmtliche Truppen ist zu ehrenvoll! -- Aber der drohende böse Krieg“ -- --
„Bewog mich, das Generals-Patent anzunehmen. Ich bin kein Held in Friedenszeiten! -- Der Fürst soll sich hoffentlich in seiner Erwartung nicht betrogen haben.“
Und Alexis rechtfertigte das Vertrauen des Fürsten, welcher nicht allein mit seinem ansehnlichen Reichscontingent -- so er zu dem ausbrechenden Kriege stellen zu müssen erwartete -- Ehre einlegen, sondern auch sein Land auf den Nothfall in gehörigen Defensionsstand setzen wollte. -- Hier war es, wo Graf Wallersee zu gewinnen stand. Ruhm und Ehre konnten ihm, auf dem Posten, den er jetzt bekleidete, weder geschmälert, noch seinen Plänen in der Armee, deren Befehlshaber er war, entgegengearbeitet werden. Er organisirte seine Truppen nach der bessern Einsicht eines geschickten Feldherrn, bereiste die Gränzen, ließ die befestigten Plätze ausbessern, sorgte für Vorräthe, setzte die Feldbäckerei, das Proviantfuhrwesen in Stande, und zwar alles in der größten Stille. Als die übrigen Hülfs-Armeen, erst aus ihrem Schlummer geweckt, den Wind sondirten, um zu wissen, welche Segel wohl aufzuspannen wären, erwartete das Wallerseesche Korps schon längst nur die Ordre zu satteln und aufzumarschieren.
Der Krieg dauerte kurze Zeit; Hauptaktionen waren wenig vorgefallen. Krankheiten unter den Truppen, Noth und Theurung in den Ländern, wo sich der Feind einlagerte, Marodiren der undisciplinirten Korps, die nicht selten Raub und Plünderung schwachbesetzter Ortschaften zur Folge hatten, waren allein die Furien, die den träg dahin schleichenden Mars begleiteten, und seine Saumseligkeit durch ihre Aktivität ersetzten.
Demohnerachtet hatten sich die ***schen Truppen, deren Chef Graf Wallersee war, bei jeder Gelegenheit durch Ordnung, Ambition und Muth ausgezeichnet. Es ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Alexis bewies, daß der Kommandostab in den Händen eines vollkommnen Genies und sein Fürst mit Fug und Recht stolz war, ihm solchen überreicht zu haben. --
Arnulph hielt jetzt die Alliance mit diesem Fürsten ungleich wichtiger, da die Dauer des so bald erfolgten Friedens eine eben so baldige Endschaft befürchten ließ; um so willkommner war ihm die schon vorhin erwähnte Verbindung beider Häuser durch die Vermählung des jüngern Prinzen von *** mit einer Nichte des Königs. Die wegen des Krieges abgebrochnen Unterhandlungen wurden wieder angeknüpft. General-Lieutenant Wallersee übernahm den ehrenvollen Auftrag, als fürstlicher Freiwerber sich Arnulphen vorzustellen, und dieser empfing ihn mit einer Auszeichnung, welche von einem Arnulph, dessen Art zu schmeicheln zwiefach berauschend war -- unserm Alexis die vollkommenste Genugthuung für ehemalige Mißverständnisse gab. -- Nicht allein die Vermählung wurde unter sehr vortheilhaften Bedingungen für das fürstliche Haus angenommen, sondern Verbindungen für alle künftige Fälle zwischen beiden Regenten geschlossen, welche dem Stolz des Einen, und den reellen Vortheilen des Andern sehr wesentlich entsprachen.
Mit Ehrenbezeugungen, mit königlichen Freundschaftsversicherungen überhäuft, mit dem Orden des Königlichen Adlers geziert, kehrte Alexis von seiner Gesandschaft zurück. Fast hielt sich der Fürst außer Stande, ihn -- der nur durch Nahrung seines unbegränzten Ehrgefühls belohnt werden konnte, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Das Gouvernement über sämmtliche fürstliche Staaten war ihm ohnedem gewiß, und Serenissimus gewannen selbst dabei, wenn er es jetzt anzutreten sich nicht weigerte.
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Gräfin Wallersee war schon seit dem letztern Feldzug ihres Gemahls in die Residenz geflüchtet. Die Fürstin liebte die fromme sanfte Ludmilla, sie wollte ihr die Abwesenheit des theuern Gatten weniger fühlbar machen, und durch die Zerstreuung in der Gesellschaft ihrer erhabnen Freundin die trauernde Halb-Wittwe aufheitern. Auf dem Flügel der Burg, wo die Zimmer der Fürstin waren, wurden auch Ludmilla’s Zimmer eingerichtet, die sie beziehen mußte, so gern sie auch der Sehnsucht nach ihrem Alexis, der Sorge für sein Leben -- während er den Gefahren des Krieges ausgesetzt war, sich still und einsam überlassen hätte.
Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der Prinzessin Mathilde -- welche nur um 8 Monathe früher das Licht der Welt erblickte -- bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus.
Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertraulichkeit als ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern -- doch mehrere Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen. Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel; er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere Berufsreisen des Gouverneurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval -- ihre Gouvernante -- wie ihre Mutter.
Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. -- Und diesmal lag die Schuld nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte. Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz, Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in der Geburt erstickte.
Theodor, so sehr ihm der Prinz mit Liebe und Geselligkeit überall entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken, wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen.
Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing; die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel geweint -- war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm -- seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse.
„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer auch forttragen?“ -- frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne Kind auf den Schooß legte.
„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das Schwesterchen -- das sollst du recht lieb haben, und es einst beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch -- wie Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“
„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte -- er wäre ihr Schutzengel.“
„Richtig, mein Kind! -- Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“
Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige Stunden hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an, seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem festesten Schlummer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte. So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit Adelaiden beschäftigt war.
Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin, und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete.
Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger, mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie küßte und sie seine gute Schwester nannte.
„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben in unsere Familie!“ -- sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu geben beschloß.
„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann. Unter seiner Zucht muß sich der Bube ändern und des Vorzugs werth machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen -- oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“
* * * * *
Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit wankte -- das Resultat war Veränderung der Luft. -- Das Concilium physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder, als die heilsamsten für Sr. Excellenz.
Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so weiten Reise -- besonders in Länder, gegen die sie einen unerklärbaren Widerwillen hegte -- unterworfen haben, um den geliebten Alexis begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen. Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche ihr die zarte Knospe Adelaide -- und die Freundschaft ihrer Fürstin gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!
Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles, was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um die Hälfte seines Herzens betrogen zu haben -- die letzte Umarmung seiner holden Adelaide, alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß -- die Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns, und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. -- Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla -- noch einmal drückte er sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche -- und -- dahin rollte er; Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.
„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in Alexis Arme.
„Gott im Himmel!“ -- rief der Graf erschüttert -- „was ist aus dir geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? -- die herrlichste Blume dieses Edens“ -- --
„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir verschmachtet, verblüht -- und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn schwach die sterbende Wittwe Kamillos.
Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte es Giulianen zum Vorwurf, daß sie ihn so geliebt, und dadurch ein Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! -- „O nur zu wahr sprach dieser Paluzzo -- rief er aus -- deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ --
„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen Fehlern und Schwächen reinigen. -- Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! -- Sey treuer liebender Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich. -- Gott ist gerecht -- aber auch barmherzig! er will den Tod des Sünders nicht. -- Er nehme dich und die Deinen -- in seinen heiligen Schutz -- und meine Seele -- zu Gnaden -- auf! -- Jesus, Maria -- erbarmet -- euch meiner!!“ --
Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam für das Grab schmücken wollten.
„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! -- in den Händen meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“ -- sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. -- „Kennen Sie mich nicht mehr? fuhr sie fort -- die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse Prospero -- jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“
Milder wurden Alexis Züge -- „So wissen Sie, was ich verlohr, wem dieses Opfer fiel.“
„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“
„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“
„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern. Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“
Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten in deinen Armen auszuhauchen -- schrieb Giuliane. -- Eile, denn ich fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen Sieg. -- Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen, daß bald der Sand des Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey, so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter enthalten. Kraft und unbefangne +Ruhe+ gebricht mir nur allzugewiß in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab sinken läßt. -- Mein Lebewohl empfängst du noch -- eine süße Ahndung sagt es mir -- von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß erstirbt. -- Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: --
Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit dem Tode ihre Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen sie.
Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses entlocken. -- Seraphine trägt deine Züge -- ein forschender Blick Ludmillens -- dein Bewußtseyn! -- Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme eines redlichen geliebten Mannes, oder -- zeigt sich der Wille des Himmels in ihrer Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in den stillen Mauern des Klosters zu widmen -- als Braut der Kirche zum Altar. -- Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen Segen.
Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! -- Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch auf ihren Bruder erstrecken! -- Werde sein Retter, wie du es einst seiner Mutter wurdest. -- Der feurige schwärmerische Knabe kämpft gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St. Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars -- in dem er zu seiner Bestimmung vorbereitet werden soll -- zu enge sind -- -- --
„Ich will ihm Luft und Raum verschaffen, so heilig mir dein Andenken, dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ -- rief Alexis mit verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es, für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu ringen.
* * * * *
Prospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht. „Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür entgegen -- Excellenz haben gewonnen Spiel. -- Aber wie die Karten gestern lagen, hätten Sie es verloren.“
„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr nicht haben ziehen wollen?“ --
„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche Klerisey regaliren und beschwichtigen.“
„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner übrigen Betgenossen an?“
„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“
„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“
„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen, denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun -- mit dem Schein frommen Eifers läßt sich -- muß sich die übrige heilige Brüderschaft abspeisen lassen. -- Ein massiv silberner Antonius von Padua, anderthalb Fuß hoch -- mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig -- die Bestellung kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist unser.“
„Meinen heißesten Dank dem heiligen Friedenstifter Antonius! -- denn wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“ -- --
„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug; nahm Signora Prospero das Wort -- o möchte er auch diesem lieblichen Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“ --
Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf. Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“
Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon bekümmert gewesenen Prospero, und weckte ihn aus einer dreistündigen Träumerei.
„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser -- „hier ist wohl eine Schlafstätte für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“ --
„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir aufgethan -- Giuliane in den Glanz einer Verklärten! -- wahrlich, Prospero! -- säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“
Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen.
„Die -- die Nachtluft -- Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem Entsetzen -- „die übermäßige Betrübniß -- hat Ihr Bewußtseyn, Ihre gesunden Sinne umnebelt. -- Heilige Mutter Gottes! -- glaube mir Zynthio -- Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“
„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn lächelnd Alexis. -- Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen freilich nicht anders verständlich machen konnte.“
Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen bestimmt sind -- in meiner Verwahrung?“ --
„Nach ihrem Ableben erst, Madame! -- Bis dahin würdigen Sie das Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst ein desto heiligeres Kleinod seyn.“
„Nicht also, Herr Graf! -- und verzeihen Sie, auch nichts weniger als rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken. Seraphine ist“ -- --
„Graf Wallersee’s Tochter -- nahm imponirend der General das Wort, -- diese Diamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“
„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen? -- Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. -- Solche Attribute des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“ --
„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. -- Jedoch diese Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück. -- Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von einem portugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige in Vorrath haben.“
„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des Schleichhandels bedienen?“ --
„Warum nicht, Signora? -- giftigen Insekten wird man nie unverfälschten Honig auftischen. -- Weg mit jener kleinen neidischen Brut; schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. -- Morgen trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu feiern!“ --
„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier in Kummer verwandeln. -- Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“ --
„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. -- Doch an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt -- den die der arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. -- Ich werde es machen wie die Schulknaben, welche -- mit einem verklagenden Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“
Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt fast überall bei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim -- im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum Gegenstand.
„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen zitternd -- ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim mich öfters führte.“
„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem Vertrauen lieben.“
„Meine Schwester? -- ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher Zynthio! -- oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine. Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein, es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! -- Nun ist’s eben so gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“
„Sie hört gern Musik.“
„Die Engel lieben auch Musik -- Adelaide wird nicht hassen was diese lieben.“
„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd vervollkommnen. -- Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die ihrige.“
„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner Guitarre.“
„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“
„Das Letztere, Signor! -- Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten, zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit, das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ -- frug Alexis.
„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde, wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“
„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen, oder euch wieder trennen könnte.“
„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! -- Ich habe schon etliche Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn -- genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte sie sehr freundlich -- es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden besitze, darfst du sie Schwester nennen. -- Und dies Traumbild verläßt mich nimmer.“
„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr -- und dies würde ihnen weh thun.“
„Weh? -- ich Adelaiden und der Gräfin weh thun? -- dafür bewahre mich St. Franzesko.“
Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings anbot, war ihm daher sehr willkommen.
* * * * *
Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten hatte -- versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte, unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende machte.
Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.
„Herr Graf,“ begann der Mann -- „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“
„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch machen zu dürfen.“
„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt. Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser, mit Thränen angelegen, Sie bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“
„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! -- aber kurz zur Sache; wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? -- Worinnen bedürften Sie die Hülfe eines Menschenfreundes?“ --
„Ich für mich in nichts, Herr Graf! -- Aber dieser Bube hier, dem könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus Düsseldorf gebürtig.“
„Eine Waise?“ --
„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“
„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“
„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater -- dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier in Elend, und ich erbte seinen Sohn, diesen Buben hier.“
„Aha! -- Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu den Großeltern schaffen?“ --
„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“
„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil für ihn, wenn er“ -- --
„Lassen wir das dahin gestellt seyn. -- Oder hätten Sie Lust sich mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher machen.“
„Er gefällt mir, und -- Zynthio, möchtest du ihn wohl zum Reisegefährten? -- wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ --
„~Si, Signore!~“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen Brust und Hände mit Küssen überströmte. -- „Bravo, Amico! du gehst mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester Adelaiden“ --
„Holla! einen Engel? -- begann der alte Schweitzer -- das klingt wohl tröstlich für meinen Georg; -- aber wird dieser Engel auch ihm ein Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ --
„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen Umständen, wieder.“
„Nun dann -- mit Erlaubniß Herr Graf! -- Georg bitte den jungen Herrn, daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich erweisen.“ --
Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.
„Jetzt will ich von der Leber weg reden. Der Bube soll seine Mutter nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde, um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. -- Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und -- einen Kopf, Herr! -- einen Kopf! -- Länder hätte er damit regieren, Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz manchen -- Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern, als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes unterliegen kann. -- Sie war die einzige Tochter des Inspektors von der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. -- Den schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen, und die Eltern waren’s zufrieden, weil er bei der Herrschaft in Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm der Bube Georg geboren wurde -- da merkte er bereits, daß Madam sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und -- als er einst nach achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen -- seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah -- da wurde es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt er dem zitternden Baron unter die Nase. -- Schießen Sie, oder ich schieße. -- Der Baron drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß -- und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. -- Rellmann, auf diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums seiner Jesabell zu versehen. -- So lange der Kummer seine Gesundheit nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch. Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. -- Was Christenpflicht mit sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja, aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum Garnaufspulen zu brauchen.“
„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.
„Hm! -- sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen? Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über mein Bett hängt. -- Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen -- huch! wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“ --
„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen tüchtigen Oberförster -- und wenn Sie mir ihn also anvertrauen wollen“ -- --
„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“
„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“
„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch nicht aus meinem letzten Willen.“
Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs zweiter Pflegevater wird -- das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann -- eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“
„Dann, Herr Graf! -- dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute Menschen erfüllt.“
Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war.
„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn, so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten. Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst verlassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden bist.“
* * * * *
Wie sich im Blumenstrauß, der den Busen eines liebekranken Mädchens schmückt, der schwärmerisch duftende Jasmin sich um die, mit purpurnen Streifen durchbrochene Knospe des nachbarlichen Rosenzweiges umschlingt, so schmiegte sich Zynthio an Adelaiden; und Mathilde flehte so süß, auch sie -- das duftende Veilchen in diesem Blüthengewinde -- aufzunehmen, daß Zynthio den seligen Blick gefühlvoller Mittheilung auch auf ihr ruhen ließ, wann er das fromme Entzücken, die himmlischen Erscheinungen des in heiliger Schwärmerei aufgelößten Johannes, dessen überirrdische Gefühle in den Armen, an der Brust seines göttlichen Freundes sang. -- Wann er sich aber dem Zauber einer Aufopferung für Adelaiden überließ, seine Einbildungskraft den Engel, der ihn wachend und träumend umschwebte, in menschliche Hülle formte -- o dann haftete sein schwarzes glühendes Auge nur auf der holden Schwester; sie war sein Genius; an sie richtete er seine seligsten Wünsche. Der Zweck seines Daseyns schien ihm, für sie zu leben; und so wie der fromme Klausner, die durch Büßung und mühvoller Wallfahrt errungene Reliquie mit Gefahr seines Lebens für profaner Berührung oder Entwendung bewahren würde -- so spähete er jedes trübe Wölkchen zu verscheuchen, das Adelaidens kindliche Heiterkeit drohete, jedem physischen Mißbehagen ihres zarten Körpers vorbeugen oder durch die liebevollste Aufmerksamkeit lindern zu können.
Adelaidens unaussprechlich zart besaitete Seele mußte unumgänglich unter den Händen eines Jünglings, dessen Empfindungen und Imaginations-Fähigkeiten die überspanntesten waren, welche nur je unter italischem Himmel erzeugt wurden, eine Stimmung erhalten, die -- wiewohl um vieles sanfter -- dennoch mit der Seinigen im schönsten Einklang harmonirte. Mathilde bestrebte sich aus Liebe zu ihrer Gespielin alles zu seyn, was diese war -- und ohne die reichhaltige Quelle hoher Geistesgaben, den Keim der edelsten Seelengröße, der Empfänglichkeit für jede erhabene Tugend einer Adelaide zu besitzen, hatte sie doch reine Güte und edle Reizbarkeit genug, um die Strahlen der glänzenden Eigenschaften ihrer so sanft schimmernden Freundin aufzufangen, und deren Wiederschein zu seyn. So tönte denn dieses Kleeblatt drei unschuldsvoller Seelen bei der leisesten Berührung ihrer Genüsse -- die an diesem kindlichen Engelsverein ihren wonnigsten Genuß zu haben schienen, gleich Aeolsharfen in das Gesäusel des lieblichen West’s.
Die Gruppe selbst, in allen ihrem Leben und Wirkungen schien ein Gemälde in ätherischen Tinten zu seyn, und in einem Zauberspiegel, den Vorschmack einer himmlischen kaum mit Sinnen zu fassenden Zukunft eines Jenseits zu geben. Alles was sich zum Hof und der schönen Welt in der Residenz zählen durfte, staunte diese kleinen Wundermenschen an. Es wurde Ton, sich der Nachahmung des idealischen Schwunges der Gedanken und Ausdrücke, des bewunderten Sicilianers, und der wirklich idealischen Liebenswürdigkeiten, seiner ihm durch Sympathie verschwisterten Gespielinnen zu befleißigen. Als diese Kopien gewöhnlich sehr schlecht ausfielen, ja nicht selten Karrikaturen bildeten, zu denen sich kein Verleger und kein Lobpreiser fand, so sah man wohl endlich ein, daß Originale dieser Art, wie sie nur selten aus der Hand des Schöpfers gehen -- Pracht-Ausgaben sind, an die sich kein Nachdrucker auf seinem Löschpapier wagen darf, ohne auf sich selbst das bitterste Pasquil zu machen. -- Man begnügte sich demnach sehr bald, diese rührende Schwärmerey, diese hinreißende süße Naivität zu bewundern, ohne fernere unglückliche Versuche der Nachahmung -- hingegen der eingerißnen Wuth, singen, Guitarre spielen, und den italienischen Dichtergeist auch auf sich herabzuziehen, desto mehrern Spielraum zu geben. Alles sang und wurde besungen, das Wie? -- kam nicht in Anschlag, man that nach seinen Kräften. Die Instrumentenmacher kamen in Flor, denn die Guitarren-Bestellungen überhäuften sie mit Arbeit.
So sehr es Graf Wallersee und seine Gemahlin schmeichelte, ihre liebliche Knospe Wunderhold schon als Kind Epoche machen, und sie von allen Hofleuten, ja von der ganzen Residenz bewundert zu sehen, und Zynthio, der zu dieser Celebrität nicht wenig beitrug, zu ihrem zweiten Liebling erhoben, und demselben ihren leiblichen Sohn Theodor nachsetzten -- so hätte doch diese exaltirte Stimmung der kindlichen weichen Gefühle sowohl für Adelaiden, als auch selbst für Mathilden nachtheilige Folgen in der Zukunft haben, und ihre jetzt überspannten Seelenkräfte, im wirklichen Leben bis zur Unbrauchbarkeit für die wesentliche Tendenz edler Weltbürgerinnen erschlaffen können; wenn nicht auch hier der Schutzgeist frommer liebenswürdiger Unschuld sie an der Hand einer so klugen als trefflichen Führerin diesen Gefahren ausweichen ließ. Baronin Treval, die Gouvernante der kleinen Prinzessin, welche von ihren Zöglinginnen wie eine Mutter geliebt und verehrt wurde, wußte diese bebende Erhöhung ihrer weichen Gefühle, diese glühende Mittheilung des Wohlwollens -- das mit unverständlicher Sehnsucht in dem kleinen Kreise ihrer Imagination umherirrte, und sich von der erhitzten Phantasie ihres Sicilianers im unsichern Fluge mit fortreißen ließ -- bald wieder in die Gränzen wahrer schöner Menschengefühle zu führen.
* * * * *
„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr. Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten, welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der Jagdchaise gelangt worden.
„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken dürfen -- so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ -- erwiederte Alexis --
„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. -- Wie?“ --
Alexis, welcher die betonten Wie’s? -- Sr. Durchlaucht schon aus Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn? -- Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin; ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren -- wann und wo ich mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem, noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr ein.“
„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ -- „Wie nun so jeder seine Ansicht der Dinge hat“ -- warf Alexis dem mit gespitzten Ohr ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein ~Couteau de Chasse~ in der Scheide.
„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr seht in mir den Freiwerber -- um die liebenswürdige Adelaide für den jungen Graf Bendheim.“
„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht. -- Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen hierüber bekannt zu machen.“
„Wohl! -- Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet sonst kein Hinderniß gegen diese Heirath -- so verlobt man die jungen Leute, oder -- um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten -- nicht zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich -- indem er ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück; und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der auswärtigen Affairen Posseß. -- ~Eh bien mon General!~ -- wie gefällt Ihnen die Idee?“ --
„Als Idee betrachtet -- fürstlich und lachend.“
„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. -- Wir wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das Zeichen zum ~Rendez vous~ auf dem Jagdschlosse geben, damit die Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“
„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache -- ich wiederhole es noch einmal -- wenigstens unter den nächsten anderthalb Jahren nicht kommen.“
„Wallersee! -- Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber -- doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. -- Und warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. -- Zwar ist mir die alte Animosität unter Euch Herren bekannt.“ -- --
„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich selbst zu wenden.“
„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung durch verwandschaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und Absicht.“ -- --
„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“
„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“
„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch dieselben -- und was die Hauptbedingung ist -- sind alsdann die Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn erwacht -- in Gottes Namen dann.“
„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? -- Wie?“ --
„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“
„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“
„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ -- --
„Liegen, meine ich -- ziemlich klar am Tage.“
„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“
„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“
„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. -- Aber die Sprachröhre müßiger, geifernder Höflinge, wissen sich in das Ohr der Fürsten zu leiten -- wie der verheerende Wurm in den Kelch der königlichsten Blume. -- Beweise müssen uns wenigstens die Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“
„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist die Losung in der Region liebender Wesen.“
„Der Erbprinz und meine Tochter?“ --
„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen -- zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je herrschender und distinkter sie wird -- nicht führen.“
„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“
„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? -- Daß sie schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“
„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen -- ja durch so genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen -- Haß, oder was noch schlimmer ist -- kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“
„Lieber Graf! -- Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren. Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“
„Unstreitig, unstreitig!! -- Sie soll mit Argusaugen der väterlichen Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe und benutze.“
„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! -- wir bleiben die Alten -- nicht wahr?“ --
„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ --
Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere Respektsversicherung verbittenden: Basta! -- brach der Herzog das Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ -- das Signal zum neuen Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.
* * * * *
Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.
Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der Einimpfung unterwerfen.
„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin -- nur laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“
Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst -- wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer Freundin trennte.
Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.
„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin am Arm der Gräfin verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte -- wo in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen Mütter erwartete. -- „Meine edelste, treuste Freundin! -- daß wir uns trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen gebietenden Eheherrn! -- Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie es jetzt ist -- dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“
Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle! -- erwiederte lächelnd Ludmilla.
„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können. Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und auch uns arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. -- Ich habe -- allen Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet -- des blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche Taube --!“
Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem Herzen keine Gefahr drohte.
„Und Louis -- o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen und Aufenthalt an jenem Hof -- welche künftigen Winter ihren Anfang nehmen sollen -- werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison bringen.“
Nichts gewisser als das.
„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder mit Bitten bestürmt werden soll -- das Kommando über unsern Louis zu führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-Zügen zu begleiten? -- Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“
Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen, innerer Kummer -- den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart meines unglücklichen Sohnes verursacht -- machen mich öfters für einen uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine Kinder in Verzweiflung stürzen wird. -- Des ihm zugedachten so hoch ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal würdig machen können.
„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung ihrer Zukunft.“
O mein Sohn Theodor! -- Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling, mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche Wort: Fluch dem Ungerathnen! -- des tief beleidigten, von ihm langsam gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf mit Zittern erwarten! --
„Allgerechter! -- So schlimm steht es mit dem Jüngling? -- Arme Mutter!“ --
Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe, den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn. -- Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten Vaters, er sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.
„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender Ueberraschung herbeyführen? -- Der Hülfsleistung theilnehmender verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß -- wo es nur eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. -- Lassen Sie uns raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“
Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen sehen. -- Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee, dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.
„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als der leidenschaftlichste Ausbruch! -- Kalter höhnender Trotz pikirt den General aufs höchste. -- Doch, nur nicht den Muth verloren! -- Sobald Graf Theodor sich als Officier der Knabenruthe völlig entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann -- sodann wird sich auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn, Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die Arme seiner langentbehrten Familie führen.“
Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte. Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde, bestätigt meine Vermuthung.
„Liebe Aengstliche! -- Ihre Träume sind ansteckend! -- Nein, lassen Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem Schatten Gespenster sehen -- nicht wahr machen.“
Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich bedrohenden Unglücks.
„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen. Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“
Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr eröfnete Zukunft zu verwandeln.
* * * * *
Schon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker, über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer -- der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten -- deren mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten.
Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit seinem Strahlenmantel zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden Zeit zu trotzen.
Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn, untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war seine Eitelkeit. -- Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein Erfindungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen.
Aber -- wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? -- Zynthio hatte es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit. Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des Todes gerückt -- noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier mit einem ~memento mori!~ seiner Existenz zu erwähnen beschließen müssen. -- Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem Hinscheiden entgegen starrte -- brach die Krisis; einem Harnisch gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend Wiederholungen zu: Er ist gerettet! -- Er wird nicht sterben! --
* * * * *
„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen allergnädigsten Versucher -- den ich nicht erkennen mag -- gegen Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“ donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten entgegen.
Alter ehrlicher Paul! -- Mir wolltest du den Einlaß versagen? -- antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis zum Auge lüftete.
„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung -- „unser junger Herr? -- das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“
So, so! -- noch immer die alte Jagd? -- murmelte Theodor -- Recht, Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten, mach’ deinen Waffen Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest -- hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.
„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte pfiffig der Hellebardenträger -- „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“
Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.
„Das Gott erbarm!“
Was krächzt der alte Rabe? -- Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für mich nicht zu Hause? --
„O ja, aber der Papa -- die arme Excellenz stöhnt und sieht dem Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte Nachtlampe dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“
O, meine weissagende Seele! --
„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute brave Excellenz ist gefaßt; aber -- die Ueberraschung rathe ich doch ab.“
Meinst du? --
„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken weichen darf.“
Und meine Mutter? --
„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“
Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschiedenen gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte.
Theodor! du Schmerzenssohn! -- Ein guter Engel führe dich her! -- Der Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. -- In der Hand des sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage -- eile, daß die Segensschaale den Ausschlag gebe! -- Adelaiden verdankst du, daß es damit noch nicht zu spät ist. --
Ich weiß alles. -- Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? -- Ich kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen.
„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du -- bis auf ein sehr geringes Pflichttheil enterbt.“
Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne. --
Der Fluch des Vaters! --
„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“ --
„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“ --
Was kann ich thun?
„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn dankst, mit stiller Ergebung -- wär es auch nicht Gehorsam, doch Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“
Und dann -- --? --
„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“
Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig verschlossenen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.
„Er schläft? -- Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? -- O, Adelaide! gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ -- bat die trostbedürftige Mutter.
Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! -- Fassung, liebe Mutter! oder -- erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. -- Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu vollenden. -- Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.
Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.
„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit -- sagte Theodor -- ein Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“
Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist -- sondern auch mir im Buche der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu muthiger Resignation erhebt! --
Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor, dessen Anwesenheit ihm gemeldet -- solle kommen. -- Auf ihre beiden Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin, an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor standen zu den Füßen des Bettes.
„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General -- „ehre deine Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde deines Todes wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl, so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“
Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust hob sich schwer athmend -- Mein Vater! rief er gepreßt -- so scheiden Sie von mir? -- O vernichten Sie mich! --
„Mein Sohn! -- ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht erzürnter Vater! dies dein Segen -- verdiene ihn. -- Adelaide, wir Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. -- Auf Wiedersehen!“
Auf Wiedersehen, mein Vater! -- tönte wie Geisterstimme Adelaidens Antwort.
„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! -- in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick sey Dank für deine fromme Liebe! -- dort erst wirst du begreifen, welch ein großer Schuldner ich dir war -- aber auch verzeihen! -- Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. -- Also nur gute Nacht! -- an der Brust der treuen Gattin schläft es sich sanft ein. -- Gute Nacht, Zynthio -- gute Nacht, all ihr Freunde! -- Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. -- So -- so -- gute Nacht!“ --
* * * * *
„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.
Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht mehr gestört werden kann. -- Wohl mir -- daß ich giftigen Insekten, als sie ihn noch verwunden konnten, den Stachel stumpfte! -- flüsterte es leise zu den Füßen der Leiche.
Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an -- „Fühlst du das, mein Sohn? -- Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“
Wir verstehen uns nicht -- mein Vater, und können uns nicht verstehen! --
„Wie?“
Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen, von der wir Beide noch weniger verstanden werden. -- Mein Ehrenwort an dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!
„Damit begnüge ich mich -- fürs erste.“
„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst mit dem Oberjägermeister vertiefte -- und ich habe das höhnende Manöver Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch die Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen. Sie haben mich verstanden -- denn uns beiden ist diese Metapher kein Räthsel.“
Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. -- Das Räthsel selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.
Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen, in den Besitz -- der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten Herrschaften Wallersee und Tomsdorf -- dahingegen bei Nichtachtung der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000 Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren. Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn -- das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. -- Endlich hatte der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt, und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters -- noch vor ihrer Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig machte -- dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.
Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament: -- lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten -- während andere den mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn bedauerten.
„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd -- „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“
„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich -- „Du wirst Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater dir so bestimmen konnte.“
„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ --
Adelaide erblaßte. -- Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? -- Kennst du diese Julie La Valette? --
„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich ist bereits gebahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ --
Eines Labyrinths vielleicht -- erfahrungslos, ohne Freund! -- ich beschwöre dich -- wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines beängsteten ahnenden Herzens!
„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! -- Sie verliert bei mir, so sehr mich alles interessirt, was du sagst -- weil ich dich, das einzige Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen, innig liebe. -- Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“
Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir nicht nach Kräften vergüten werde? --
„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“
Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe --
„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ --
Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. -- Nur vergiß und verkenne nie deine Schwester!
„Es gilt, Adelaide! -- Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. -- Und nun, um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen, Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! -- Die gute ~mater dolorosa~ würde mich mit ihren Thränenströmen inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“
Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem Zügel -- wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung -- welche ihn doch nach dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen -- ihn noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand, auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! -- ein Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt wurde. -- Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und bewährt in männlicher hoher Tugend -- deren väterliches Erbtheil ihm nicht entgangen zurückkehren werde. -- „Auch der Verewigte vermogte nicht, dem Hange zu widerstehen -- sich unter fernen Himmelsstrichen seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.
Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines Engels sprechenden Tochter. -- Sie trocknete die mütterlichen Thränen der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier, und segnete ihren Erstgebornen -- welcher nun als Vaterwaise ihrer Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf Abgründe führe.
* * * * *
Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin in dem rosigsten Kolorit erschuf. -- Die Abwesenheit des Erbprinzen, welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B*** antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin verdient zu machen -- hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer Tochter. -- Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken, und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. -- Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.
Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt, als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher Tyrannen -- ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung bringt -- jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin, sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet sank die allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender Tageslast hienieden statt findet.
Es wird ja nur die Hülle in Grabes Nacht versenkt, und Seligkeit die Fülle dem bessern Seyn geschenkt. Drum weinet nicht, ihr Lieben! dem Geist ist wohlgeschehn. Hört auf, Euch zu betrüben, bald winkt uns Wiedersehn!
-- sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.
„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen geweihte Ruhekammer dem großen Tage entgegen schlummern durfte. Der Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“
Versteh ich recht? -- fragte mit einem brennenden von gleichem Verlangen belebten Blick Adelaide.
„Und du begleitest mich?“
Zu den Lebendigen und Todten! -- Aber wie? --
„Heut noch, um Mitternacht. -- Wir finden die Gruft erleuchtet, den Sarg geöffnet, und -- -- man beobachtet uns -- nur dies noch: das Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der Vertraute unsrer Todtenfeier.“
Und wir -- allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles gefaßt -- was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln könnte?
„An deiner Seite -- auf alles.“
Wo treffen wir uns?
„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier zu bitten. -- Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte Ohren flüstere“ --
Sorge nicht, traute Schwärmerin! -- die Wallfarth ist mir selbst zu heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte.
Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. -- Gute Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum Schlafzimmer. -- Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit lagen.
„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg, welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte
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