"Semmering 1912"
Peter Altenberg
Anmerkungen zur Transkription
Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht verändert. Gesperrter Text wurde mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet. Die Erzählung ‚Plauderei‘ wurde zwei Mal abgedruckt (siehe S. 31 und S. 170).
Die nachfolgende Widmung wurde zum Andenken an die Bearbeiterin in dieses Buch aufgenommen.
In memoriam
„Mama Beth“
in immerwährender Freundschaft und Dankbarkeit.
Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen.
The most beautiful monument a person can have is one that is in the hearts of others.
(Albert Schweitzer)
_Werke von Peter Altenberg_
Wie ich es sehe _Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
Was der Tag mir zuträgt _Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
Prodromos _Fünfte Auflage._ Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark 50 Pf.
Märchen des Lebens _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M.
Neues Altes _Dritte Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf.
„Semmering 1912“ _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M., geb. 7 M. 50 Pf.
Fechsung _Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 8 Mark
Nachfechsung _Fünfte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark
Vita ipsa _Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.
Mein Lebensabend _Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark
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[Illustration: SoFeV mark]
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[Illustration: Peter Altenberg (Signatur)]
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„__Semmering 1912__“
_von_
__Peter Altenberg__
[Illustration: logo]
__S. Fischer, Verlag, Berlin__ __1919__
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_Fünfte und sechste vermehrte Auflage._
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
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Inhalt
Bergeswelt 15
Bozen 16
Gartengedanken 17
Moderner Dichter 21
Die Tänzerin 22
Zwei Skizzen 27
Erziehung 29
Plauderei 31
Lied ohne Reime 32
Forellenfang 33
So wurde ich 35
Loca Minoris resistentiae 37
Dolomiten 39
Mama 41
Moderne Annonce 43
Semmering 44
Winter auf dem Semmering 45
Vollkommenheit 46
Nachwinter 47
Heimliche Liebe 49
Das Kino 51
Lebensbild 52
So sind wir 53
Mein grauer Hut 55
Die Kostüme auf dem Semmering in der Silvesternacht 57
Fortschritt 58
Abschied 60
Besuch 61
Buchbesprechung 63
Ein Brief 65
Das Hotel-Stubenmädchen 67
Gespräch 68
Bobby 69
Psychologie 71
Vorfrühling 73
Das Glück 75
Das Duell 76
Stammgäste 77
Sanatorium für Nervenkranke 78
Die Romantikerin I. 83
Erbleichet! Errötet! 85
Ostermontag auf dem Semmering 86
Berghotel-Front 88
Landpartie 89
Psychologie 91
Vor-Vorfrühling 93
Gedenkblatt 95
Oberflächlicher Verkehr 97
Beauté 99
Die Spielereien der reichen Leute 100
Richtige, aber eben deshalb wertlose Betrachtungen 101
Die Probe 102
Ereignis 103
Ende 104
Nach abwärts 105
Abschied 106
Kranken-Toilette 107
Kusine 109
Lied 110
Echt 111
Gespräch 112
Bilanz 113
Sehr geehrtes Fräulein! 115
Herbstlied 116
Ewige Erinnerung 117
Gesang 118
Souper 119
Die Wagenfahrt 120
Wagenpartie 121
Abschiedsbrief des englischen Offiziers 124
Wie ist es?! 125
Vom Rendezvous 126
Examen 127
Les Larmes 128
Testament 129
Aconitum Napellus 130
Manövers 131
Gift 132
Luftveränderung 133
Ein Nachtrag 135
Buchbesprechung 137
An —— 138
Nekrolog (Fritz Strauß) 139
Erster Schnee 140
Der Maler 141
Betrachtungen 143
Ur-Seele 144
Frage 145
Letzte Unterredung 146
Die Niere 147
Krankheit 148
Güte 149
Annonce 150
Plauderei 153
Richtig 154
Reminiszenzen 155
Werte 157
Schlafmittel 159
Fahrt 160
Lied 163
Abschied 164
Gespräch mit einer Baronin, Exzellenz-Frau, über 165 ihren herrlichen zwölfjährigen Sohn
Entzweit 166
Gespräch mit der sechsjährigen Sonja Dungyersky 167
Gleich beim Hotel 168
Gespräch mit einer wunderschönen Dame von 30 Jahren 169
Plauderei 170
Gegen 171
Rompe! 172
Waschungen 173
Respekt 174
Falzarego-Paß-Höhe 175
Enterbte des Schicksals 176
Frühling 177
Erlebnis 178
Die Tänzerin 179
Meine Ehrungen 180
Klara 181
Berghotel-Terrasse, Semmering 182
Erkenntnis 183
Klara 184
Ein Komtessen-Brief 185
Märchen des Lebens 186
Worüber man noch immer weint, und ewig weinen wird! 187
Besuch 188
Liebesgedicht 189
Das größte Kompliment 190
Le monde 191
Ein Regentag 192
In 24 Stunden 193
Hotel-Stubenmädchen 194
Moderner Dichter 195
Natur 196
Noch nicht einmal Splitter von Gedanken 197
Zyklus: „Venedig“ 215
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Dieses Buch ist gewidmet den Damen:
_Lilly Steiner_ _Gretl Engländer_ _Kamilla von Nagy_ _Ilci Honus_ _Cäcilia Brandstätter_ _Frieda Frank_ _Lioschka Maliniéwich_ _Mitzi Thumb_ _Frau Machlup_
✫
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Bergeswelt
Bergesregionen, dort wo „nichts mehr gedeiht“ als Krummholz, sturmgebogen, ist seit jeher meine „Märchenwelt“! Nach 40 Jahren fand ich das wieder auf dem „Falzarego-Passe“, „Tre Croce“, „Pordoijoch-Paß“. Weißgraue Felstrümmer, schwarze triefende Erde, Zirbelkieferwälder bis an die Hotels herankriechend. Von Felsen träufelt, rieselt es, Nebelfetzen überall. Nichts will gedeihen als die _Edel-Einsamkeit_. Vor dem Pordoijoch-Hotel grauschwarze Wälder von dichtem Erlengebüsch, dem der Bergsturm nichts antut. Es braust nur und erschauert. Daß hier nichts mehr gedeiht, ist die _Düster-Romantik_ der Bergeswelt. Keine Farbe einer Blume, kein Schrei eines Vogels, kein Schmetterling, kein Käfer. Diese _tönende Eintönigkeit_! Eine schrieb ins Fremdenbuch ein: „Ohne Jemanden nicht leben können und wollen, selbst wenn man es vorher bestimmt geglaubt hatte, es sei unmöglich, — — — _hier vergißt man darauf_!“
Bozen
Auf dem Hauptplatze in Bozen steht das Walther von der Vogelweide-Denkmal aus Sandstein. Er hat die Stellung des Wolfram von Eschenbach, bevor er das Lied singt an die selbstlos Geliebte. Das ist sehr gut. Denn auch Vogelweide war so Einer. Er besaß die Kraft, zu singen und zu weinen! Nun setzten sich gerade auf seine Kappe zwei Tauben, und pflogen emsig der Liebe! Vogelweide hielt ganz still dabei, in seine Träumereien versunken von Liebesleid, gönnte den Tauben ihr billiges, leicht erreichbares Vergnügen.
Gartengedanken
Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch „Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste profitiert — die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher auf mich wie die Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch freigelassene Natur, ein Extrakt derselben! Unser Wiener Rathauspark ist mir ein Muster, nur fehlt ihm die romantische Verwendung von Wasser in Form von unregelmäßigen Bassins und Wiesenbächlein samt Wasser- und Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15 Jahren eine Skizze: „Der Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea pungens glauca, graue Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und Rosen, Rosen, Rosen. Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig mit einem grauen Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen: weite Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte, knorrige, spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort bewegt-romantisch! Es dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur: sein Garten. Goethe hat einen andern Garten als Victor Hugo.
Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden bei Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend. Hier ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter Feind jedoch bin ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als Smyrnateppiche mißbrauchte Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese stilisierten Farbensymphonien den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die Riesenlineale, Riesenzirkel, gespannten Stricke der Gartenkunst! Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als Nutzpflanze, an Teichen jedoch als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere Welt!
Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit erhalten kann. Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen. Rasen braucht doch Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will „gepflegt, gehegt“ werden. Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das Tauwasser, das Schneewasser, während der Rasen sich vollsauft und andre verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum spurium noch einen lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser Rasen dann nur „Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum spurium wirkt körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als Rasen, der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch hinterläßt.
Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch da noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur Schlingpflanze gehört ihre _Stütze_. Man _soll_ sie sehen, sie ist ein naturgemäßer Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz sein, oder in diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht, weshalb man nicht an niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum, Trompetenbaum, herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als Urwaldstaffage?! Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein sympathisches Dickicht, so Dornröschenwald, undurchdringlich einsam. Weshalb sind Villen nicht dicht bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein Überfluß der Reichen und der Armen.
Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich, erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der blaue Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein dickes rotes Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine Talmimenschen wohnen, sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte zwischen Granitmauern. Gelbe Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen Betonmauern.
Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser, Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter. „Warte nur, balde ruhest du auch!“
Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und Schneeberg von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?! Stauden vor Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken, und schon ahnst du den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen kannst du ferne Gegenden herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche, Graufichte, Knieholz, Blutbirke, Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser, fließend oder stehend, du bist der Dichter in dieser Realität: Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft!
Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut. Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum. Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch _nicht mehr_ enthält! Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht, die sanften Herzen melancholisch macht. Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter, dürstenden Blumen zärtlicher Erretter! Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle, Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle! _Gießkannen_ rieseln sanft auf schwarze Erde, damit die Pracht des Sommers baldigst werde! Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu, kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’! Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?! Such’ deine _kleine große_ Welt in deinem Garten!
Moderner Dichter
In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — — Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“ Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“ Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit, die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern! Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“ Die andre hält’s bereits für zynisch, wenn er im Gespräch sanft-zärtlich ihre Hand berührt. Die eine sagt: „Ein Romantiker ohne Herz!“ Die andre sagt: „Ein Herzlicher ohne Romantik!“ Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — — und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind!
Die TäNzerin
Das Kind, allein in der Garderobe der Tänzerin, ordnet liebevollst alles — —.
Sie setzt sich dann in eine Ecke auf ein niedriges Stockerl, kauernd in sich versunken.
Die Tänzerin kommt, erhitzt, erregt vom Tanzen.
Sie setzt sich an den Toilettetisch.
Sie wendet sich um, erblickt das kauernde Kind.
„Immer, Marie, kauerst du da in der Ecke in meiner Garderobe, stundenlang. Wird dir denn das nicht langweilig?!?“
„Nie, Fräulein! Nur Menschen, die ich nicht lieb habe, langweilen mich. Menschen, die ich lieb habe, langweilen mich nie! Wodurch sollten sie es?!? Alles an ihnen ist mir wert und teuer. Ich könnte ihnen zuschauen von früh bis abends.“
Die Garderobiere blickt herein:
„Was ist das, Mizerl, schon wieder da?! Das Fräulein wird sich bedanken. Entschuldigen Sie, Fräulein, der Fratz ist gar so romantisch veranlagt. Der Vater sagt immer: ‚Wie du zu uns ehrsamen Bürgersleuten kommst — — —.‘ Gestern hat sie beim Nachtmahl gesagt: ‚Jetzt verbrenn’ ich alle meine dummen Märchenbücher — — — ich habe eine lebendige Fee gefunden!‘ So ein Fratz, was?! Man sollt’s nicht für möglich halten. Aber bitt’ Sie, 10 Jahre!? Sie wird’s schon billiger geben mit den ‚lebendigen Feen‘! Die Männer tun uns beizeiten die Märchen austreiben — — —.“ Ab.
Das Kind: „Meine Mutter blamiert mich vor Ihnen. Sie versteht gar nichts von meiner Andacht. Ich habe eine Andacht für Sie, obwohl Sie nur eine Tänzerin sind!“
Es klopft.
„Blumen abzugeben von einem Herrn von Willigsdorf — — —.“
Türe zu.
Es klopft.
„Ah, Max — — —.“
„Ich bin entzückter von dir als je. Du hast dich, gestatte mir die konventionelle Phrase, selbst übertroffen. Aber das empfinde ich! Gott, daß diese kalten Kerls das mitgenießen dürfen!? Aber Gott sei Dank, sie könnens nicht! Nur ich kann es, nur ich kann es, nur, nur ich! Wenn du mir das wenigstens glauben könntest, Hélèn, nur das wenigstens. Es wäre fast alles! Mehr brauchte man ja eigentlich gar nicht!“
„Ich glaube es dir, Max, sonst könntest du es unbedingt nicht so leidenschaftlich überhaupt vorbringen!“
„Diese schönen Blumen! Irgend jemand versucht es mit 50 Kronen mein Lebensglück zu zerstören!“
„Jawohl, Max, alle versuchen das, andere wollen es sogar noch billiger unternehmen und geschickter. Aber alles hängt bei uns Frauen von unserem guten Willen ab; und den habe ich nur für dich! Es ist vielleicht ein Zufall, aber es ist so, Max!“
Er führt ihre Hand tief gerührt zum Munde. Das Kind steht auf, küßt ihm ehrerbietigst die Hand.
„Wer ist dieses Kind?!?“
„Es ist das Töchterchen unserer Garderobiere! Sie kauert immer in der Ecke meiner Garderobe, hält alle meine Sachen in bester peinlichster Ordnung — — —.“
„Hast du die Tänzerin auch so lieb wie ich — —.“
„Das kann ich nicht wisse — — —.“
„Möchtest du ihr alles, alles verzeihen, sogar wenn sie dir ganz ohne Grund eine schreckliche Ohrfeige gäbe?!?“
„Ja, ich möchte es ihr ganz gewiß verzeihen, wegen ihres Tanzens, das ich gesehen habe. Ich möchte mir nur denken: Weshalb tust du das einem Menschen an, der dich so lieb hat?! Wenn du eine Ohrfeige austeilen willst, gib sie doch lieber einem, dem du gleichgiltig bist! Der spürt es doch weniger schmerzlich — — —.“
„Ich glaube, du bist eine gefährlichere Konkurrentin für mich als die Herren, die Blumen schicken — — —.“
Ab.
Es klopft.
Der Theatermeister.
„Herr Theatermeister, Sie haben wieder zu spät hell gemacht, wenn die Sonne bei meinem Tanze endlich sieghaft durchdringen sollte. Es ist schrecklich. Ich glaube, Sie machen es absichtlich — —.“
„Fräulein, so etwas lasse ich mir von niemandem sagen. Das ist eine Gemeinheit, Sie verzeihen schon — — —.“
Die Tänzerin legt ihren Kopf auf den Toilettetisch, beginnt bitterlich zu weinen. Das Kind erhebt sich langsam, macht einen Schritt gegen den Theatermeister, streckt sich, hebt den Arm, sagt: „Hinaus, Sie roher Mensch!“
Der Theatermeister geht langsam ab.
Das Kind kauert wieder in seiner Ecke. Die Tänzerin weint wie ein Kind. Dann trocknet sie ihre Tränen.
Sie wendet sich nach dem Kinde um.
„Niemand hat mich so lieb wie du, niemand — — —.“
Das Kind erhebt sich, steht kerzengerade: „Ich möchte alle töten, die Ihnen etwas Böses antun, Fräulein — — —!“
Ein Diener bringt eine Karte.
„Bitte — — —.“
Ein älterer Herr tritt ein.
„Mein Sohn hat sich gestern erschossen, Ihretwegen — — —. Konnten Sie ihm wirklich nicht helfen, daß er diese seelische Krankheit besiege?!?“
„Nein, ich konnte es nicht, obzwar ich ihm dezidiert sagte, daß er mir völlig unsympathisch sei!“
„Vielleicht hätten Sie es ihm eben nicht so dezidiert sagen sollen — — —.“
„Pardon, mein Herr, ich mußte es! Ich bin eine arme Tänzerin, ausgesetzt ununterbrochen allen Gefahren, die es überhaupt für eine Frau gibt! Überlassen Sie mir das heilige Recht, gegen Eindringlinge, gegen ‚Buschklepper der Seele‘, ‚Rowdys der Seele‘, mich zu wehren!“
„Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein. Ich bin aber der unglückselige Vater — — —.“
Ab.
Das Kind stürzt zu den Füßen der Tänzerin hin: „Was haben Sie da angestellt, Fräulein?!?“
„Kind, das verstehst du nicht, das verstehst du nicht — — —. Das Leben stellt so viel Schreckliches mit uns an, und wir, wir können es nicht hindern — —.“
Das Kind kauert weinend in seiner Ecke.
Der Theatermeister erscheint:
„Fräulein, es kommt gleich Ihr Tanz in der Krinoline — — —.“
„So, ich danke Ihnen. Bringen Sie aber die Beleuchtung richtig diesmal.“
„Gewiß Fräulein — — —.“
„Und du, Kind, warte auf mich hier. Ich kann dich nicht mehr entbehren — — —.“
Vorhang.
Zwei Skizzen
_Das kleine Leben_
Ich sah Arbeiter an einer Telegraphenstange arbeiten, die im Hochwald der Nachtsturm zerbrochen hatte, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Es frappierte mich, wie sorgenlos sie waren, keine Spur eines Gedankens darüber, ob es denn dafürstehe, auf die Welt gekommen zu sein, um abgebrochene Telegraphenstangen im Hochwald, der dem Fürsten gehört, wieder praktikabel zu machen. Im Gegenteil, sie schienen es für das Wichtigste von der Welt zu halten, daß die Telegraphenstange sobald als nur irgend möglich wieder hergestellt werde. Es waren Telegraphenstangenärzte. Um sie herum waren Gimpel und Eichkätzchen auf Altfichten, Regen kam, Nebel und wieder Sonne; aber immer war alles konzentriert auf die Errichtung der Telegraphenstange. Ihr gehörte ihre ganze Sorge, sie war ein Teil des Weltgetriebes. Es gab Genies unter diesen Arbeitern, die alles mit einem Schlag erfaßten, was zu tun war; dann waren Bedächtige, Vorsichtige; und dann waren Tagarbeiter nach vorgeschriebener Pflicht. Die ganze Menschheit also war eigentlich um diese Telegraphenstange im fürstlichen Hochwald versammelt. Ich ging vorüber und verteilte Trabukos, a la Kaiser Josef, nur billiger. Weshalb nicht?! Das Prager Tagblatt hatte mir doch gerade für Nachdruckhonorare 9 Kr. geschickt. Nachdrucken ist doch schon Ehre genug. Das Geld setzte ich teilweise in Mäzenatentum und in Menschheitsbeglückung um. Die Arbeiter waren ganz verblüfft. Einer sagte: „Auf der Liechtensteinstraße hat der Sturm einen halben Meter dicke Bäume abgeschlagen!“ Diese Mitteilung war eine Art von Revanche für meine Liebenswürdigkeit. „Ist es möglich?!“ sagte ich freundlich erstaunt, und ging befriedigt von dannen.
_Liebesgedicht_
Niemand beachtete dich, edle, verschwiegene Goldrote, in dienender Stellung.....
Ich zog dich hervor aus deinem Versteck und segnete dich.
Da wurden die anderen aufmerksam, schickten Blumen und Briefe....
Da zog ich mich zurück.
„Sind Sie eifersüchtig?!“ sagte sie.
„Nein, aber ich hasse die _elende Dummheit_ der Männer, die erst einen alten kranken glatzköpfigen Bettler brauchen.... Wer, wer sagte mir, daß man um Sie sich grämen dürfe...?!?“
„Aber um Gotteswillen, irgend jemand muß einen doch entdecken, wozu sind denn die Dichter da?!?“
Erziehung
Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte _Künstlernaturen des Lebens selbst_! Sie betrachten ihr Kindchen als ein von ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den meisten unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind, nichts weiter“, ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen. Merkwürdigerweise funktionieren so brutal-verallgemeinernd _fast alle Väter_, die immer nur den Herrn Hofrat wittern, der einst, in der Ferne, erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll: „Du bist mein alles!“ Daß das gar kein Kompliment sein wird für das Töchterchen, spüren sie nicht! Du bist _mein_ alles, ja, aber _wessen_ alles, darauf kommt es an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante, spannende, merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt, wie der Roman enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma aufstellen, über das das Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat. Mütter wissen, wie ihr Kindchen geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist oder düster, Väter wissen höchstens, ob es „Stuhl“ gehabt habe, und das wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort leitet sie durchs ganze Leben ihres Kindes, das Wort „_gediegen_“. Alles soll „gediegen“ sein, die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der „Charakter“. Das ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das auszusprechen schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß Eleonora Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti, Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war es eine _höchst nebensächliche_ Eigenschaft dieser Damen, deren Väter jedesfalls auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre Töchterchen! Mütter „_beobachten_“ das Leben ihrer Kinder, Väter _schreiben_ es _ihnen vor_! Sie sind selbst durch Beruf, Sorge, Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten Geknechtete des Daseins, erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen. Künstlerisch empfindsame Mütter hingegen _trauern_ um ihr eigenes _Lebensgefängnis_, möchten ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen ins „romantische Land“!
Plauderei
Ausspruch eines fünfjährigen Mädels:
„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht, ob man noch auf der Welt ist!“
Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle _so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld hat, nicht?!?
„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu der reichen Mama den genialen Ausspruch täte:
„Mama, wenn du mich wirklich lieb hast, dann gibst du diesem entzückenden alten kranken Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen — — —!“
Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach, wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und Sonnwendstein existieren können?!“
Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen, manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“
Lied Ohne Reime
Ihr Reichen, hab’ ihr das Nachtmahl nicht bezahlen können im kleinen lieben Gasthaus — — —; hab’ mein Mädel verlieren müssen — — —; hab’ ihr ein Kleid für den Sonntagausgang nicht schenken können — — —; hab’ ihrem Bruder nicht ewig Zigarren kaufen können — — —; hab’ ihrer Schwester die Krankheit nicht bezahlen können — — —; hab’ ihrem Vater seinen Vierteljahrszins nicht geben können; hab’ mein Mädel nicht in den „Zirkus Schumann“ führen können — — —; und sie schwärmt doch so für edle Pferde — — —; da hat einer zu ihr gesagt: „Ich gebe dreihundert Kronen monatlich und die Kostüme“ — — —; Ihr _Reichen_! Hab’ _mein Mädel_ verlieren müssen — — —; kann nur mehr Kleinigkeiten schenken, zum Namenstag, zum Geburtstag und zu Weihnachten — — —.
Forellenfang
75 Kilometer lang ist das gesamte Gebirgswasser in Naßwald. Es ist flaschengrün, weiß und graugrün; es steht mäuschenstill in winzigen Felsbuchten, es schäumt bösartig weiß, es zieht gemächlich graugrün über flachen Kiesboden. Hinter _jedem_ Stein eine Forelle! Kein Stein ohne Forelle dahinter, es wäre denn, daß sie gerade weggeangelt wurde. Hinter jedem Stein also lauert der heimtückische Insektenmörder. Plötzlich wird er von der Angelrute herausgeschnellt im Bogen. Man sieht etwas herrliches Silbernes und schon liegt es auf der Wiese. Man schlägt es an dem Fußabsatz ab, wenn es ein Regenwurmfang war, setzt es in den Bottich, wenn es ein Kunstfliegenfang war. Es gibt berühmte Kunstfliegenangler. Ihre Kunst besteht darin, die Kunstfliege so auf das Wasser hinzuwerfen, daß es wie eine echte aussieht. Das ist ja im Leben überhaupt oft so. So wird man berühmt. Man wirft den Köder aus, und — — die Forelle nimmt es für eine echte, und man hat sie! Forellenangeln und Naturfreund sein, ist eines! Denn man muß wandern, wandern von Stein zu Stein. Hinter jedem hockt eben eine. Und diese Wanderung befriedigt nur, wenn man die umgebende Natur herzlich lieb hat. Der Hecht verlangt keine Naturfreude vom Angler. Er steht irgendwo und man hat zu warten. Man wartet, wartet, bis das Ereignis eintritt. Dann beginnt die _Geschicklichkeit_. Aber mit der Natur hat es nichts zu tun. Es ist nur aufregend.
Der Forellenfänger liebt das Gebirgswasser leidenschaftlich, er vergißt darüber Weib und Kind, oft sogar das Essen. Er versenkt sich in die _Details_ der Umgebung, ein _einziges_ Zeichen _wirklichen_ Genießens! Denn „in Bausch und Bogen“ ist es brutal und wertlos! Er zieht dahin, von Stein zu Stein, er sieht alles, alles. Und wenn er ermüdet heimkehrt mit seiner reichen Beute, glaubt er etwas geleistet zu haben. Ja, denn er hat sich sogar einen urgesunden tiefen Schlaf verschafft!
So Wurde Ich
Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine Tageszeitung unmöglich bringen, ich saß im Café Central, Wien, Herrengasse, in einem Raume mit gepreßten englischen Goldtapeten. Vor mir hatte ich das „Extrablatt“ mit der Photographie eines auf dem Wege zur Klavierstunde für immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens. Sie hieß Johanna W. Ich schrieb auf Quartpapier infolgedessen, tieferschüttert, meine Skizze „Lokale Chronik“. Da traten Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: „Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor sich ein Porträt, das ist verdächtig!“ Und er nahm meine Skizze „Lokale Chronik“ an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein „literarisches Souper“ und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage später schrieb mir Hermann Bahr: „Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann Ihre Skizze vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges Mädchen. Ersuche Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete Wochenschrift ‚Die Zeit‘“ Später sandte Karl Kraus, auch der Fackel-Kraus genannt, weil er in die verderbte Welt die Fackel seines genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu verbrennen oder wenigstens „im Feuer zu läutern“, an meinen jetzigen Verleger S. Fischer, Berlin W., Bülowstraße 90, einen Pack meiner „Skizzen“, mit der Empfehlung, ich sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S. Fischer druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte ich damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die seit Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich nicht für mich erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree gegeben, Hermann Bahr hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich hätte meinen Pack Skizzen unter allen Umständen an S. Fischer abgeschickt, denn er ist ein „Eigener“, ein „Unbeeinflußbarer“. Alle zusammen jedoch haben mich „gemacht“. Und was bin ich geworden?! Ein Schnorrer!
Loca Minoris Resistentiae
Jeder Organismus hat seine sogenannte „Achillesferse“, das heißt eine Stelle, an der er besonders leicht und empfindlich verwundbar ist! Ich zum Beispiel habe meine Achillesferse im Gehirn, aber nicht, wie meine boshaften und heimtückischen Freunde (Feinde sind viel milder gestimmt, indem sie einen in Bausch und Bogen ein für allemal verurteilen) glauben werden, in meinen Denkpartien, sondern in jener mysteriösen Partie des Gehirns, wo die _Eifersucht_ ihren Höllensitz aufgeschlagen hat, und zwar die Eifersucht in bezug auf Männer, die mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz als ich besitzen, also drei den Frauen besonders wertvoll erscheinende Eigenschaften! Sobald ich nur ein solches Ungetüm irgendwo erblicke, das mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz besitzt als ich, bekomme ich sofort, wie der technische Ausdruck lautet, einen sogenannten „roten Kopf“, und ich denke nur mehr an Browningpistolen, Arsenik oder die Hundspeitsche, natürlich für den anderen! Ich betrachte meine mich bisher fanatisch vergötternde Geliebte als bereits endgültig verloren, und treffe Anstalten, sie grundlos durchzuprügeln! Das sind also meine „loca minorum resistentium“, das heißt zu deutsch, jene Partien unseres komplizierten Organismus, die auf Reizungen besonders empfindlich reagieren, und zwar sofort! Solche Partien haben viele Menschen Kellnern gegenüber oder Raseuren, die sie schlecht bedienen; obzwar in solchen weniger gefährlichen Fällen ein erhöhtes Trinkgeld meistens gute Dienste leistet.
Die „loca minorum resistentium“ haben in neuester Zeit einen besonderen Wert gewonnen für die Herren Ärzte; denn jede Partie des Körpers, über die ein Patient sich heutzutage beklagt, wird vom Arzt sogleich ernst und verständnisvoll als: „Aha, das sind Ihre loca minorum resistentium, mein Lieber — — —!“ bezeichnet, worauf der Patient sich, zwar nicht geheilt, aber um ein Bedeutendes, vor allem um das ärztliche Honorar erleichtert, entfernt. Viele Damen haben solche loca minorum resistentium in ihrem Organismus, im Augenblick, wo sie an einer Dame einen kostbarern Pelz bemerken, als sie selbst besitzen. Aber hier fange ich bereits an banal zu werden, und deshalb schließe ich hiermit rasch diese immerhin interessante Plauderei.
Dolomiten
Ich hatte mein ganzes Leben lang von den _Dolomiten_ gehört, einem „Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11. August, in Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste Bergwiese, die ein feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich ging ein paar Schritte die Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte Cristallo, führt. Ich sah in die weiße Waldstraße hinein, und war ganz ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke Herrengasse—Strauchgasse, und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah Wälder im Abendschatten und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen. Ich kehrte zurück und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese vor dem Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden erinnern an „Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer Ansichtskartenbude eine 14jährige Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du, du allein paßt in diesen Dolomiten-Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte und sehr gebräunt war, blickte sie mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas sagen, das heißt, ich wollte eben gar nichts sagen, aber als die Ansichtskartengeschäfte abgewickelt waren, blickte ich sie noch immer gerührt an. Sie sagte auch nichts, aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht sehr lange, und doch vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie nie mehr wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe, daß ich kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht nehmen, daß ein verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim Ansichtskartenverkaufe liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn er ihr Glück wünschte zu ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich segnete mit seinen Augen. Sie hat gewiß niemand davon erzählt, was gäb’ es auch darüber zu erzählen?! Und doch blieb es in ihr. Und doch wird sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug von Rührung, den der fremde Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute damals hatte — — —.“ Am nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt, gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst ins Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —.
Mama
Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es gelingt, ist es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik gekaufte Promesse. Ich bin gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu viel. Das ist es. Also, wie gesagt, ich war sehr dagegen. Aber in meiner Kindheit hatte ich einen vollkommen krankhaften Fanatismus für sie, und meine Liebe zu ihr war keine ruhig-selbstverständliche eines guten anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie wenn ich ein unglücklich Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“ zugrunde geht, während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen „kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern und außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die Gouvernante, der Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und lieben dich — — —.“ Aber meine Zärtlichkeit für Mama _zehrte_ an mir. Vor ihr niederknien und den Saum ihres Kleides mit den Lippen berühren, daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und war voll übertriebener Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in ihrem Schoße läge, von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so vorzeitig herausgestellt in eine Welt, in die ich _noch nicht_ hineingehörte! Mama! Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an einer Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang ihr Bett neben dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz auf. Nachmittags sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme klingt etwas ermüdet!“ sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein Sohn hat heute Nacht wieder sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages sagte Professor Dittel: „Es muß geschnitten werden, der Fuß ist ganz in Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an meinem Bette und zupfte aus Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da, Mama?!“ — „Daß die Zeit vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte Professor Billroth: „Ich pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden, es wird sich aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber nur für einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang am Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht gehabt haben!“ — „Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht haben!“
Moderne Annonce
Semmering, 1000 Meter Höhe.
Page 69: „C’est à Saint-Gervais que je devais faire ce que les Allemands appellent: „Die _Nach_kur“, et à laquelle ils attachent, _non sans raison_, une grande importance.“
Die _Nach_kur ist wichtiger als die Kur!
Eine meiner Thesen, auf die ich mir mehr einbilde als auf alle meine Dichtungen zusammen, obzwar alle Ärzte sie seit lange, die These nämlich, kennen.
Die Kur ist der melancholische und mühselige Versuch, eine gebrochene Maschinerie zu reparieren. Höchstens bringt man sie da mit Müh’ und Not wieder auf gleich, kleistert sie zusammen. Aber die _Nach_kur ist bereits eine freudige _künstlerische_ Angelegenheit: man ist daran, einer wiederhergerichteten Maschine höchste Energien, Spannkraft, Bewegung, Elastizität, Lebendigkeiten zu verleihen! Aus einem Invaliden einen neuen feurigen Kämpfer zu machen!
Die Kur ist eine ernste Notwendigkeit, die _Nach_kur ist ein _heiteres Fest_! Gerade der erst _kürzlich_ gesundete Körper bedarf bei seinen zarten Vernarbungen allerzärtlichster Rücksicht. Geld und Zeit für die _Nach_kur sind wichtiger als für die Kur. Keine Kur ohne _Nach_kur! Die Nachkur ist erst die Kur! Semmering, 1000 Meter Höhe.
Semmering
Es wurde wieder Winter, November 1912. Überflüssig, die Berglandschaft zu schildern. Das können Russen, Schweden, Dänen viel, viel besser. Sie kennen das Gepräge jedes Baumes, und wie der Schnee sich ansetzt, je nachdem. Sie kennen die Eintönigkeit und ihre Poesien, sie kennen die Melodie der Stille, und der Krähen Mißton wird ein schaurig-melancholisches Leitmotiv: _Winter!_ Ich liebte den Sommer, weil ich gesund war, und seinen Symphonien von Farben, Düften lauschen konnte, unbeirrt durch etwas, was mich drückt und niederzwingt. Nun ist es Winter. Ich sehe alles nur so, wie wenn ein gütiges Schicksal den Abschied mir nicht schwer machen wollte. Eine einzige Begeisterung ist geblieben und ringt sich durch, wie wenn mein Bestes mir erhalten bleiben sollte. Ich sah meine kleine Heilige im roten Wintersportkostüm. Der Wintertag leuchtete auf ihrem geliebten Antlitz. Ich sah sie rodeln, ich hörte ihr geliebtes jauchzendes Gekicher, sie flog davon, den scharfen Kurven nach im weißen Fichtenwalde. Ich hatte sie gesehen! Ich ging zurück ins Zimmer und versank in düsteres Sinnen ... Und es ward Winter 1912!
Winter Auf Dem Semmering
Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue hinzubekommen — — — den _Schnee_! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie Scheerngleiten, Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten, betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele hineintrinken, mich durch ihn und vermittelst seiner aus der dummen, realen Welt hinwegflüchten in das sogenannte „weiße und enttäuschungslose Zauberreich“! Jeder Baum, jeder Strauch wird durch ihn zu einer selbständigen Persönlichkeit, während im Sommer ein allgemeines Grün entsteht, das die Persönlichkeiten der Bäume und Sträucher verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfängen, kurz überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und gleichgültig ist. Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine unerträglich gewordene Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn mir ins Gesicht nadelt und staubt und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn, wenn er pulverig wird vor Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich will ihn nicht benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will nicht kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger Liebe, in Melancholie und Begeisterung. Er ist also eine neue letzte „unglückliche Liebe“ meiner Seele!
Vollkommenheit
Vollkommenheit ist ein heutzutage ganz mißverstandenes Wort. Man sagt: Gustav Klimt, der vollkommene moderne Maler; Frau Bahr-Mildenburg, die vollkommene Wagner-Darstellerin; Oberbaurat Otto Wagner, der vollkommene Architekt; Peter Altenberg, der vollkommene Skizzenschreiber, Karl Kraus, der vollkommene „Angreifer, Verhöhner, Vernichter“! Aber vollkommen kann ein jeder sein, in jeglicher Sache! Ein Orangenverkäufer kann vollkommen sein, wenn er den Geschmack, den Saftgehalt, den Zuckergehalt jeder Orange oder Mandarine schon von außen, gleichsam durch die Schale hindurch, erkennt mit unfehlbarer Sicherheit! Ein Kastanienbrater kann vollkommen sein, wenn er das Gefühl dafür hat, wann und unter welchen Umständen seine Kastanien schön gleichmäßig goldgelb gebraten sind, ohne bräunliche schwarze harte Stellen zu bekommen. Ein Bar-Mixer kann vollkommen sein, eine liebende Frau, ein stichelhaariger Foxterrier, eine Hemdenputzerin, ein Kommis, in seiner Art zu bedienen, ein Koch, eine Stenographin, kurz: alle, alle, alle, insofern sie in ihrer Sache das Vollkommenste leisten! Pereant die protokollierten Firmen des allgemeinen succès; es leben hoch die Unbekannten, die göttlich singen beim Waschen und Anziehen, ohne an der Hofoper engagiert zu sein! Es leben die exzeptionellen Weber und Tuchfabrikanten, es lebe die kroatische, bosnische, ungarische, schottische, irländische, dänische, schwedische Hausindustrie! Was vollkommen ist, ist vollkommen, worin immer es sich auch betätige!
Nachwinter
9. März. Mein 53. Geburtstag. Es ist schon wieder Schnee gefallen die ganze Nacht, Hochwinter im März. Man kann noch nicht „rodeln“, denn der Schnee ist noch flaumig wie flaumige Eiderdaunen. Aber das Auge weiß davon nichts. Nur die Fußspuren sind braungrau. Es hat null Grad im Schatten. Es ist ein Winterbild, an das man nicht recht glaubt. So Nachzügler einer Armee „Winter“! Meine Schneeschuhe, ein Geschenk des berühmten Architekten Adolf Loos, vor fünf Jahren, sind mir gestern abhanden gekommen. Der anständige Dieb hat wahrscheinlich nicht mit diesem Winter-_Rückfall_ gerechnet, der mich nun in Verlegenheiten bringt! Sie waren mir teuer, obzwar sie mich nichts gekostet haben. Ich hatte fünf Jahre lang den Ehrgeiz, sie mir weder vertauschen, noch stehlen zu lassen. Der Kellner sagte mir oft: „Lassen Sie Ihre Schneeschuhe ruhig irgendwo stehen, es geschieht ihnen nichts!“ Nun, es ist ihnen wirklich nichts geschehen, sie haben nur ihren Besitzer gewechselt. Möge er sie ebenso zärtlich rücksichtsvoll behandeln wie ich, und möge ich eine neue _Schneeschuh-Wurzen_ baldigst finden! Einer machte schon eine _leise Anspielung_, aber es stellte sich heraus, daß er mir nur mitteilen wollte, dieser Nachwinter könne ja ohnedies nicht mehr von langer Dauer sein, und da genügten dann gewöhnliche Galoschen. Als ich bemerkte, daß ich auch solche nicht besitze, erklärte er, Galoschen seien ungesund und verhinderten die Hautausdünstung. Also, in dieser Winterpracht feiere ich meinen 53. Geburtstag. Es wird kein Geld regnen, da ich keine Danae bin. Aber in die schlechte Bilanz des Jahres 1912 muß ich doch den Plus-Kontoposten meines Lebens einrechnen: „Nachwinter im März auf dem Semmering, und eine romantische ‚_Petrarca-Liebe_!‘“
Hier ist es friedvoll, vertauschte Haselnußbergstöcke, vertauschte Schneeschuhe, vertauschte Frauen sind das einzige bemerkenswerte Ereignis. Aber man findet sich in alles. Eine Dame sagte mir: „Sehen Sie, dieser von Ihnen gestern so gepriesene Herr ist doch kein Gentleman. Er trägt abends zu Lackpantoffeln, pumps, _Wollsocken_!“ — „Pardon,“ erwiderte ich, „ich habe das im Drang meiner Begeisterung übersehen!“ — „Ein so scharfer Beobachter wie gerade Sie, Herr Altenberg?!“ — „Ja, auch wir sind eben nur irrende Menschenkinder!“
Heimliche Liebe
Wir müssen von den Gefühlen _unserer eigenen Seele_ leben können! Das ist die „_neue Religion_“ für unsere, sonst zum Leiden verurteilten impressionablen Nerven. Man kann uns alles _wegnehmen_, alles _rauben_, alles _verhindern_, alles _verbieten_ — — nur nicht _unsere_ Gefühle, die wir für geliebte Menschen haben! Hier beginnt unsere _unbesiegbare Macht_ unserer Seele! Man wünscht es, unsere Tränen nicht zu sehen, nicht zu spüren, nichts darüber in alle Ewigkeit zu vernehmen — — — und sie rinnen dennoch auf den Kopfpolster, zum _Preise der Entfernten_! Könnt Ihr uns verbieten, in dem Bergkirchlein für ihr Heil zu beten?! Könnt Ihr uns es verbieten, im Schnee des „Hochwegs“ ihre Fußspuren zu ahnen?! Vielleicht sind es fremde, gleichgültige. Aber wir, wir träumen sie uns als die _ihrigen_, vermittels der _Kraft unserer_ unzähmbaren, unbesiegbaren Seele! Kann sie zu uns sprechen: „Knie vor meinen Fußspuren nicht in den Schnee hin!?!“ Nein, das kann, das darf niemand zu uns sprechen. In diesen „Gefilden der entrückten Seele“ verliert die _verbietende_ Menschenstimme ihre Macht und Gott sagt: „_Du darfst_!“
Ich habe Dein Glas in mein Zimmer mitgenommen, aus dem Du getrunken hast. Ich habe dem Kellner gesagt: „Ich habe ein Glas zufällig zerbrochen, da haben Sie zwei Kronen dafür!“ Er sagte: „Auf ein Glas mehr oder weniger kommt es, bitte, bei uns nicht an — — —.“ Also besaß ich das „geheiligte Glas“ umsonst. Ich ließ ihm ein Postamentchen machen aus Zirbelholz, ließ eingravieren: „Deine Lippen berührten es.“ Kann mir das irgend jemand _verbieten_?! Niemand kann mir meine _Leiden verbieten_, er kann sie nur steigern, und das ist _gut für meine Seele_ — — —. Wen, wen wollt Ihr schützen vor meinen Tränen, die _niemand_, _niemand_ sieht?!
Das Kino
Ich schleudere hiermit meinen Bannfluch gegen _alle jene_, die, in „bestgemeinter Absicht“ oder aus Geschäftsinteresse, sich in neuerer Zeit gegen die _Kinotheater_ wenden! Es ist die beste, einfachste, vom öden _Ich_ ablenkendste Erziehung, besser jedenfalls, tausendmal besser als die bereits als „freche Gaunerei“ entlarvte „Kunstdarbietung“, ausgeheckt in ehrgeizigen, verdrehten Gehirnen und präpariert für den „seelischen Poker-Bluff“; infame Düpierung _einfach-gerader_ Menschenseelen! Im Kino _erlebe ich die Welt_; und selbst die erfundenen Sketches sind schon, der Natur der Sache nach, auf _edel-primitive_ Wirkung hin gearbeitet, Seelenkonflikte a la „_3 und 2 macht 5_“, nicht aber absichtlich 6 oder 7! Das Volk _soll sich erheben für die Kinotheater_ und sich nicht neuerdings in kleinsten und belanglosesten Angelegenheiten _beschwatzen_ und _betören_ lassen von den „_psychologischen Clowns_“ der Literatur! Meine zarte 15jährige Freundin und ich, 52jähriger, haben bei dem Natursketch: „_Unter dem Sternenhimmel_“, in dem ein armer französischer Schiffzieher seine tote Braut flußaufwärts zieht, schwer und langsam, durch blühende Gelände, heiß geweint! Wehe euch, deren „_trockenen Geist_“ wir „_trockenen Herzens_“ angeblich begeistert _genießen_ müssen! Wir _müssen_ und _wollen nicht_!
Ein „berühmter Schriftsteller“ sagte zu mir: „Wir sind jetzt unter uns, was finden Sie eigentlich Besonderes an den Kinovorstellungen?!?“
„Nein,“ sagte ich, „_wir_ sind _nicht_ unter uns, sondern _Sie_ sind _unter mir_!“
Lebensbild
Wesen der Engländerin:
„O, mein geliebter Freund, was nützte mir denn deine ganze tiefe Liebe, wenn du mir bei der Tür nicht den Vortritt ließest?!?“
Wesen der Amerikanerin:
„_Natürlich_ zu sein, so wie man eben einfach von Natur aus ist!“
Dies schrieb ich einer jungen, edlen Amerikanerin ins Stammbuch.
„O,“ sagte sie, „sehr, sehr schön; und vor allem sehr, sehr wahr! Aber, bitte, was würden Sie denn einer jungen Engländerin in ihr Stammbuch hineinschreiben?!?“
„Ich? Natürlich _gerade das Umgekehrte_!“
So Sind Wir
Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht für alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu sehen, wie jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein bißchen. Wir machen da sozusagen _nachträglich_ alle seine Qualen mit, und alle unsere _vollkommen unnötig gewesenen_ Grausamkeiten, Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten usw. usw. Wie ein schreckliches Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und dennoch schreckhaft _deutlich_! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht mehr um Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr, unser Knie unter dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront, _entwertet_ und verstoßen! Wir haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott will das nicht. Das heißt, Er hat nichts dagegen, falls es sein muß, aber es soll _in Seiner Milde, in göttlicher Milde_ vor sich gehen, so zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um uns geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine Briefe verstanden, in denen er uns doch _ganz verständlich_ mitteilte, er habe _unseretwegen_ die ganze Nacht geweint. _Jetzt_ verstehen wir diese Briefe, die wir bereits zerrissen haben!
Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war, und unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm!
Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst verständnislos geworden!
Oh — — — oh — — —! Wie schade!
Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar — — —!
Mein Grauer Hut
Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder hinauf, um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum Vorfrühling-Tanze!
Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen. Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an _Alles_! Ich habe ihn in Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut. Nun blicke ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die hellen scharfen Lüfte und Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem Filzgewebe berge. Ja, _für mich_ birgt er sie, alle die Schätze, die mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in sich hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und leuchtend, ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal; und immer, immer war es _noch_ schöner als am Vortage, und meine Seele war reich durch Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht.
Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der gütigen edel-gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick fanatisch-zärtlicher Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar, nichtssagend. Mir aber scheint die untergegangene Sonnenwelt „Semmering“ daraus entgegen, und sagt mir „adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht — — —.
8. März 1913. Vortag meines 54. Geburtstages. Für Frau Lilly St.
Die KostüMe Auf Dem Semmering In Der Silvesternacht
Ich sah ein ockergelbes Musselinkleid-Hemd mit breitem lila Samtband geputzt. An der Brust eine große lila-weiße Kamee. Dann sah ich an dem herrlichen Fräulein Schw... eine weiße seidene Wolke, am Rande bestickt mit grellem Silberschimmer aus großen viereckigen Silberplättchen. Dann sah ich an der braunen Frau S. eine schwarze Tüllrobe, mit schwarzem Hut, mit einer schwarzen samtenen Tulpe an der Brust. Kardinalfarbene Seidenrobe, bestickt mit kardinalfarbigen Glasperlen. Eine staubgraue, nebelgraue Tüllrobe, mit breiten ockergelben Samtbändern. Eine erbsengrüne Tüllrobe, mit hechtgrauen Glasperlen bestickt; braungelbe Orchideen an der Brust. Frauenschuh. Dann sah ich eine — — — da wußte ich gar nicht, was sie anhatte; denn ich sah nur ihr Antlitz, ihr süßes, süßes Antlitz, mit den klaren schimmernden Madonnenaugen — — —. Da sagte eine ältere Dame zu mir: „Nicht wahr, das bemerke ich sofort, die Toilette dieser jungen Dame ist ganz nach Ihrem etwas aparten und übertriebenen Geschmack — — —!?!“ — „Jawohl“, erwiderte ich, „obzwar ich gar nicht sah, was sie anhatte — — —.“ — „Ja, Sie urteilen eben auch nur nach dem Äußeren, mein Lieber, sehen Sie wohl?!?“ — „Ja, leider“, erwiderte ich und starrte die Madonnenaugen an — —. Sie hieß Kl. P. und dennoch kann niemand ahnen, wer es ist — — —.
Fortschritt
Es gibt Leute, die heutzutage nicht mehr auf den Boden eines Kaffeehauses spucken können, und solche die es _noch ganz gut_ können. Diese Zweiteilung ist ein Zeichen eines wenn auch geringen allgemeinen Fortschrittes. Es gibt Leute, die selbst bei einer automatisch von selbst schließenden Tür ängstlich hinter sich blicken, ob die Maschinerie auch wirklich funktioniere. Das sind bereits „Gentlemen der Entwicklung“. Beim „Sport“ darf man keiner Dame helfen, irgendwie behilflich sein in einer schwierigen Situation. Dadurch gewöhnt man sich allmählich auch das sklavische „Pakettragen“ oder „Schirmaufheben“ oder „Zigarettenanzünden“ ab. Wieder ein kleiner Fortschritt! Jetzt fehlt noch der _hohe englische Fußschemel_ beim Friseur, und die Ventilatoren in _jeder_ Fensterscheibe, wobei niemand rufen darf: „Es zieht!“ Preise an Schriftsteller-Millionäre zu vergeben, ist noch rückschrittlich. Mit Geld kann man nur Künstler ehren, die keines haben! Turbot samt seiner dunklen schuppigen _Haut_ essen und noch dabei behaupten, das gebe dem edlen Fische erst den Geschmack, ist eine mittelalterliche Zurückgebliebenheit, die man eventuell einem eisengepanzerten Recken oder Drachentöter nachsehen könnte! Eine übertrieben deutliche Schrift haben, ist einer der wenigen zu begrüßenden Snobismen. Man schreibt für _den_, der es _lesen_ soll! Eine Frau in der Weise bewundern, daß es dem zugute kommt, dem sie _angehört_, und nicht _dem_, der sie _bewundert_, ist „höchste Kultur“! Mehr als zweimal im Tag mitteilen, man habe im rechten Knie beim Drücken einen Schmerz, ist nicht „fortschrittlich“. „Tamar Indien Grillon“ anpreisen, ist höchste Kultur. Aber auch hierin gibt es zarte Grenzen. Ich hörte einmal an einem herrlichen Herbstmorgen einen jungen Griechen eine junge Serbin fragen: „Oh bonjour, mademoiselle, combien de pilules „Purgén“ est-ce-qu’on ose prendre à la fois?!“ „36“ erwiderte die junge Dame schlagfertig, worauf man den Griechen acht Tage lang nicht mehr erblickte. Leute ins Gespräch ziehen, um ihnen Ansichten herauszulocken, zum Zwecke, sie ihnen _widerlegen_ zu wollen, ist _unkultivirt_. Um „Proselyten“ zu machen, gehört mindestens die Entschuldigung eines „heiligen Fanatismus“. Zwischen Tee und „kleiner Bäckerei“ hat solches _nicht stattzufinden_! „Anonyme Briefe“ sind eine Gemeinheit. „Nicht anonyme Briefe“ sind eine noch größere Gemeinheit. Man hat zu schreiben: „_Ich verehre Sie!_“ Im allgemeinen aber zeigt sich doch in der „vie quotidienne“ ein beträchtlicher Fortschritt. „In der Nase bohren“ findet man sogar bei Kindern verhältnismäßig nur mehr selten, obzwar es noch vor 20 Jahren zu den sogenannten „billigen Freuden des Daseins“ gehörte! Häufiger kommt es vor, daß Liebesleute vor Fremden sich gegenseitig zu blamieren, zu _desavouieren_ suchen, kurz den Anschein eines Täubchenverhältnisses zu bewahren, für Augenblicke außer acht lassen. Den „Dritten“ dabei als Richter anzurufen, ist aber eine der allergrößten Infamien, besonders falls er auf die Frau ein oder mehrere Augen bereits geworfen hat. Es gibt also noch immer eine Anzahl von verbesserungsbedürftigen Dingen — — —!
Abschied
„Herr Altenberg, ich danke Ihnen noch zuletzt für alles, für alles!“
„Wofür, das verstehe ich nicht — — —.“
„Das kann man nicht so sagen, wofür man Ihnen in einem wochenlangen Verkehr zu danken hat! Man ist gleichsam von sich selbst erst zu sich selbst gekommen, erblickt das Leben einfacher, selbstverständlicher und klarer als bisher. Deshalb muß man zu Ihnen sagen: ‚Ich danke Ihnen für alles, für alles — obzwar man durchaus nicht weiß, worin es besteht!‘“
Es war der tiefste Abschied, eigentlich aber ein ewiges Zusammenbleiben!
Besuch
Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei in tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge flüchten“, höchst moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter eine Art von „seelisch-geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam, begann ich daher von Rax und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein zu schwärmen. Er erwiderte: „Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer überwundenen Epoche und zeige mir lieber eine Dame, mit der man stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan George und ähnliche Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“ Er war glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt drei solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem anderen Berghotel. Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir sollten von einer zur anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne weitere Schwierigkeiten die Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber ohne Exaltationen über jeden einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen genießen. Dieser annehmbare Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich anschloß, konnte wegen Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über die Philosophie in der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also wirklich wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ — „Nein,“ erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit man bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich erklärte ihm, daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und daher vor halb 8 Uhr abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei einverstanden, da er mich von meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht abbringen wolle. Im Laufe des Abends gesellten sich einige Herren zu uns, die er in liebenswürdigster Weise anstänkerte, indem er sie fragte, ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der Enthaltsamkeit eine Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden erwarteten?!? Bald waren wir allein, und später erklomm er mit meiner Bergführerhilfe die Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—stein, Pin—ken—ko—gel ..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür.
Buchbesprechung
Ich lese jetzt Tolstois „Chadschi Murat“, aus dem Nachlaß. Es ist immer dieselbe Art, plastisch-historisch, lebendig gewordene Wachsfigurenkabinette, psychologische Wachsfiguren, z. B. der großartig geschilderte wachsbleiche fette Kaiser mit dem nichtssagenden streng-starrenden Antlitz, der weiß, daß er nichts weiß, und dennoch die Geschicklichkeit besitzt, sich immer, in jeder Situation, es einzureden, daß er „zum Heile und zur Ordnung der Welt“ _unentbehrlich_ sei. Aber auf Seite 161 fand ich ein besonderes und bisher, vor allem mir, unbekanntes Sprichwort: „_Der Hund bewirtet den Maulesel mit Fleisch und der Maulesel den Hund mit Heu — infolgedessen bleiben beide hungrig!_“ Ich finde das wunderbar; es ist ein Bild unseres ganzen tragischen Lebens, besonders dessen _zwischen Mann und Frau_! Ein jeder bewirtet uns mit einer Kost, die für ihn die _beste_, für den Bewirteten meistens jedoch die _allerschlechteste_ ist!
Einer meiner sogenannten „Freunde“, andere als „_sogenannte_“ gibt es nämlich hienieden nicht, würde natürlich sagen, daß dieses Sprichwort einen natürlich ganz anderen Sinn habe als den ihm von mir _willkürlich_ unterlegten, ferner, daß es längst allgemeinst, vor allem ihm selbst, bekannt sei; daß es schon im „Sanskrit“ erwähnt werde und _nichts anderes_ bedeuten könne als die „Güte des Schöpfers allen seinen Kreaturen gegenüber“! Du Esel! Trotzdem halte ich das erwähnte Sprichwort für überaus wertvoll und sinnvoll und glaube nicht, daß ich bis Seite 203, Ende, etwas annähernd ebenso Tiefes finden werde.
Wenn man einmal so weit ist, die Menschen des übrigens alltäglichen Lebens ebenso scharf aufs Korn zu nehmen, wie Tolstoi es tut in seinen Romangebilden, oder wie Charles Dickens und Thackeray in milderer Form, so verringert sich naturgemäß die Distanz zwischen Künstler und Leser. Der Leser weiß einfach ganz dasselbe, ohne sich _die lächerliche Mühe zu nehmen_, es niederzuschreiben!
Ein Brief
Sehr geehrte gnädige Frau!
Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller, Hugo Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte wollen _Sie_ also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“ Aber darauf haben Sie keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht sind! Sie erzählen mir, daß irgend jemand um Sie bange war, um Sie geweint hat? Erzählen Sie mir doch lieber, daß _Sie_ um irgend jemand besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir, was man von Ihnen halte? Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern halten! Sagen Sie mir, von wem _Sie_ schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer von Ihnen schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung _Ihres_ Denkens, _Ihres_ Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich von Nichtverstehern ausstellen lassen, ist eine allzu billige Befriedigung! Sind Sie die Duse, die Yvette Guilbert, die Else Lehmann! Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“ sagen Sie niemals: „Ich werde verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an und für sich „unkünstlerisch“! Sei, der du _bist_! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der Karsawina, von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie Sie selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine _Bereicherte_! Aber wenn Sie von sich selbst sprechen, werden Sie armselig! Eine, die erzählt, man habe ihr ein Almosen gegeben; eine Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins „Versorgungshaus des Lebens“!
Das Hotel-StubenmäDchen
Sie saß nachts, ganz zerpatscht von Stiegensteigen, Sorgsamsein für fremde Menschen, Aufmerken auf fremde Wünsche, in der Portiersloge, zählte einen Haufen Trinkgelder in ihre Schürze. Ich wußte, daß sie ein entzückendes dreijähriges Mäderl habe, und der Gatte war verschollen.
Ich sagte: „Woher sind Sie, Marie?!“
„Aus Kärnten.“
„Sie müssen ja die Dorfschönheit gewesen sein — — —.“
„Das war ich!“
„Und alle Jünglinge müssen sich um Sie beworben haben — — —.“
„Das haben sie getan.“
„Und da haben Sie sich _den_ gerade aussuchen müssen?!“
„_Er mich!_“
„Und Sie sind so ruhig, so gesichert — — —.“
„Da kann man nicht aufbegehren. Es ist das Schicksal!“
„Nein, die Dummheit war es, die Borniertheit — — —.“
„_Das ist ja unser Schicksal!_“
Später sagte sie: „Rühren Sie mich nicht an, es passt mir nicht. Weshalb streicheln Sie meine Haare?! An mir ist nichts mehr zum Streicheln — — —.“
Ich schenkte ihr eine Krone.
„Wofür geben Sie mir das?!“
„Gewesene Dorfschönheit!“ erwiderte ich. Da begann sie zu weinen.
GespräCh
„Sie, sagen Sie, mein lieber Peter Altenberg, wie lang sind Sie eigentlich schon da, auf diesem Semmering?!?“
„Elf Wochen?!“
„So? No, und das können Sie so aushalten, so ganz ohne Weiber?!?“
„Nur _ohne_ Weiber! Mit Weibern könnt’ ich’s gar nicht aushalten!“
„Komischer Mensch, was Sie sind!“
„Weshalb komisch?!?“
„No, Sie sind doch der größte Troubadour für die Weiber, was wir haben heutzutage?!?“
„No, könnt’ ich denn ihr größter Troubadour sein, wenn ich alleweil mit ihnen beisammen wär’?!?“
Bobby
Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu gewinnen, ich stehe vor der „großen Abrechnung“ meines Lebens. Jetzt erkläre ich, daß ich die weiße, hellbraungefleckte echtrassige Foxterrierhündin Bobby, mit ihren acht rosigen Brust- und Bauchwarzen (selbst die edelsten Damen haben nur deren zwei), für schöner, graziöser, liebenswürdiger, herzlicher, menschenfreundlicher halte als die meisten Frauen. Sie erregt nie in mir Eifersuchtsqualen und Verzweiflung, hat eine unbeschreibliche Freude, wenn ich nett zu ihr bin, sagt nie bei einer solchen feinfühligen Gelegenheit: „Zahl’ lieber an Kaviar und laß die billigen Faxen — — —.“ Denn erstens frißt sie Gott sei Dank gar nicht Kaviar, und zweitens „fliegt sie“ grad auf meine „billigen Faxen“, d. h. meine seelische Verehrung, Anerkennung und Liebe!
Ich ziehe also Bobby allen Frauen vor, freilich sage ich das erst öffentlich am Ende meiner sogenannten „Liebeslaufbahn“, mit einem Wort: nach meiner Schlacht von Sedan. Bobby hat um mich geweint, gewinselt, sich gekränkt, den Appetit verloren. Die übrigen Weibchen hatten gerade in meiner Gesellschaft stets einen riesigen Appetit, während ich kaum die Absicht hatte, ihnen ein „Kalbsgulasch“ zu bezahlen. Und dann, Bobby hat noch einen großen Vorteil, sie gehört nämlich gar nicht einmal mir, sondern einer reizenden bekannten Dame, der die Fürsorge für sie obliegt. Ich selbst schmeichle mich nur bei Bobby ein, um ihre zärtliche Freundschaft zu genießen. Ich will keine Spesen haben, und „äußerln“ führe ich auch nicht. Frauen haben immer irgendwelche Bedürfnisse! Aber ich bin nicht in der Lage, sie zu befriedigen — — —. Das nimmt zu viel Kräfte weg und Zeit! Liebe ohne alle Spesen ist meine letzte Erkenntnis auf Erden.
Psychologie
Mich interessiert an einer Frau _meine_ Beziehung zu ihr, nicht _ihre_ Beziehung zu mir!
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Daß _ich_ ihr eine exzeptionelle Achatbrosche schenken darf, macht mich glücklich, nicht daß _sie_ es gerührt annimmt!
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_Ich_ küsse ihre Haarlocke in meinem Zimmer anbetend, aber ihre braunroten Haarsträhne mögen im Winde flattern _für alle Welt_!
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Sie hat Migräne, und _ich_ renne nachts in die Apotheke. _Für mich_ hat sie Kopfweh, da _ich_ besorgt bin, es ihr zu lindern!
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Wenn sie „Wintersport“ treibt, zittere _ich_ um ihre zarten geliebten Gazellenglieder! Für _mich allein_ betreibt sie daher „Wintersport“!
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Ein Hut, der ihr _schlecht steht_, macht _mich_ unglücklich, ein Hut, der ihr _zu fesch-kokett_ steht, macht _mich_ ebenfalls unglücklich! _Für mich allein_ also trägt sie alle, alle ihre Hüte!
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Die Speise, die ihr nicht schmeckt, macht _mich_ unglücklich, die Speise, die ihr schmeckt, macht _mich_ glücklich. _Für mich, für mich_ allein daher ißt sie!
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Der Blick, mit dem sie einen anderen liebenswürdig anschaut, macht _mich, mich allein_ unglücklich! Daher gehört dieser Blick _mir, mir_, und nicht ihm, dem eitlen Laffen!
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_Mir, mir_ allein gehört alles, was von ihr kommt, Böses und Gutes, denn _ich, ich_ allein empfinde es!
VorfrüHling
Von den braunroten Dachschindeln rieseln grauglänzende Bäche. Man muß diesen harten Winter wegschwemmen, auflösen. Die Blumen und Gräser wollen auch schon heraus, nicht nur die genialen Schneerosen und Eriken, die der Nachwinter nicht geniert. Aber es gibt diskretere Kräuter, die erst auf den ernsten „Ruf des Frühlings“ Folge leisten und nicht gewillt sind, mit Schnee und Kälte zu „paktieren“. Das Berg-Schneeglöckchen zum Beispiel, das Leberblümchen und der Frühlings-Enzian. Die lassen mit sich kein Geschäft machen; ein paar sonnige Tage können sie nicht _verführen_, ihre Pracht zu entfalten. Sie wollen Numero Sicher gehen, also eigentlich „Philister der Blumenwelt“. _Nicht vorzeitig verwelken wollen_, ist immer eine Art von „philiströser Tätigkeit“! Franz Schubert, Hugo Wolf usw. usw. hatten sie nicht. Leute, die „Eau de Vichy“ trinken statt „Enzian-Schnaps“, sind zu _verwerfen_! Sie legen zuviel Wichtigkeit ihrem _absolut unwichtigen_ Organismus bei. Ich bin gewiß für Gesundheit. Aber sie muß auch _für andere_ wertvoll sein. Die Gesundheit der _Wertlosen_ ist _wertlos_! Der „_Hypochonder_“ hat irrige Ideen vom Werte seiner Erhaltung! _Wir verzichten gerne_ auf seine Lebenskräfte, die uns _doch nichts bieten_ können! Ein „_reeller Kranker_“ ist uns lieber als ein „_falscher Gesunder_“! Das merkt euch, ihr „_Wucherer mit der Gesundheit_“! Früchte, die fallen wollen, soll man abreißen! Aber statt dessen läßt man sie oben, und sie schreiben fünfaktige Dramen, oder malen, oder bildhauern, jedenfalls treiben sie irgendeinen schädlichen Unfug!
Das GlüCk
Ich erwartete das Glück vergeblich Jahre und Jahre lang. Endlich kam es und setzte sich zutraulich an mein Bett. Es hatte gelbbraunen Teint wie die Javanerinnen, schmale, lange Hände und Finger, Gazellenbeine und bewegliche lange Zehen. Ich sagte: „O, bist du wirklich, wirklich endlich das Glück, das lang ersehnte, tief entbehrte?!?“ — „Ich werde es dir morgen schreiben, ob ich es wirklich bin oder nicht. Du wirst selbst urteilen — — —.“
Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel, auf dem geschrieben stand: „Adieu, auf Nimmerwiedersehen — — —.“ Ja, es war also wirklich und wahrhaftig „das Glück“ gewesen!
Das Duell
Ich, als „Outsider“ der Gesellschaft, die sich anmaßend und fälschlich die „gute“ nennt, begreife überhaupt naturgemäß nur eine einzige Art, zum Duell seine Zuflucht zu nehmen. Das ist, wenn man in bezug auf eine Frau in seinem Lebensglücke so sehr geschädigt wurde, daß man unbedingt zum Mörder und nachher zum Selbstmörder werden will! Da hat man im „Duell“ die Chance, den Kerl umzubringen und nach „vollendeter Sühne“ sogar ganz fröhlich am Leben zu bleiben und zu sagen: „Sixst’ es, Annerl, Mauserl, Herzerl, jetzt wirst net so bald wieder dich einlassen, einer von die Herren Kavaliere is schon kalt geworden trotz deiner heißen Liebe!“
StammgäSte
Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die Ansicht, daß alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher in dem gesamten Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung eingetreten sei, die nun glücklicherweise schwinden werde! Sie haben eine „falsche Liebenswürdigkeit“ mit dem Bedienungspersonal, erkundigen sich nicht ungern nach Dingen, die sie nichts angehen. Auch ihre eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen bringen sie in einem gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das ganze Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast, der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der Winter bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet hatte: „Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder, die niemals stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der Stammgast leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung, nämlich für ihn, diene!
Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets wiederkehrendes Getier!
Sanatorium FüR Nervenkranke
(aber nicht die, in denen ich mich befand!)
_Morgenvisite._
Der Doktor sitzt, wie ein Staatsanwalt ernst blickend und forschend, an einem riesigen Schreibtische.
Der Delinquent (Patient) tritt ein.
„Bitte, nehmen Sie Platz — — —.“
Pause, in der der Staatsanwalt (Arzt) den Verbrecher mustert, ob Paralyse oder Simulation vorhanden sei — — —.
„Also, mein lieber Peter Altenberg, ich kenne Sie nämlich schon seit langem aus Ihren interessanten Büchern, und erlaube mir daher den konventionellen Titel „Herr“ bei einem berühmten Manne wie Sie wegzulassen. Ihre Verehrerinnen apropos sollen Sie ja direkt mit ‚P. A.‘ titulieren!? Diese _Ehrenabkürzung_ wage ich bisher noch nicht — — —.
Aber zur Sache! Also, mein lieber Peter Altenberg, was werden wir denn zum Frühstück nehmen?!?“
„_Wir?!_ Das weiß ich nicht. Aber ich selbst nehme Kaffee, hellen Milchkaffee — — —.“
„Kaffee?! So?! Also Kaffee, hellen Milchkaffee — — —?!? Also schön, Kaffee — — —!“
„Ja, bitte, es ist mein gewöhnliches Getränk, an das ich seit dreißig Jahren gewöhnt bin — — —.“
„Ganz gut. Aber Sie sind eigentlich hier, um sich von Ihrer bisherigen Lebensweise, die Ihnen anscheinend bisher nicht besonders genützt hat, zu _entwöhnen_, vielmehr die _nötige Energie_ zu akquirieren, solche _Veränderungen_ Ihrer gewohnten, ja vielleicht _allzu gewohnten_ Lebensweise allmählich wenigstens vorzunehmen!?! Nun, bleiben wir also vorläufig beim Milchkaffee. Aber weshalb diese dezidierte Aversion gegen Tee?! Man kann auch Tee mit Milch verdünnt trinken — — —?!“
„Ja, aber ich pflege Milchkaffee zu trinken — —.“
„Haben Sie, Herr Altenberg, einen bestimmten Grund, den Genuß von Tee des Morgens für Ihre Nerven für unzukömmlich zu halten?!?“
„Ja; weil er mir nicht schmeckt — — —.“
„Aha, das wollte ich eben nur wissen. Also, mein lieber Herr, was nehmen Sie denn zu Ihrem so geliebten und _anscheinend unentbehrlichen_ Milchkaffee dazu?!?“
„Dazu?! Nichts!“
„Nun, irgend etwas _Konsistentes_ müssen Sie doch dazu nehmen! Ein leerer Kaffee schmeckt einem ja gar nicht — — —.“
„Nein, ich nehme nichts dazu; mir schmeckt nur ein _leerer_ Milchkaffee — — —.“
„Nun, mein sehr geehrter Herr, bei uns geht das eben nicht. Sie werden mir freundlichst die _Konzession_ machen müssen von zwei Buttersemmeln — — —.“
„Ich hasse Butter, ich hasse Semmeln, aber noch mehr hasse ich Buttersemmeln!“
„Nun, diesen Haß werden wir schon noch _besiegen_! Ich habe schon _schwierigere Kunststücke_ fertiggebracht, mein Lieber — — —. So, und jetzt begeben Sie sich stillvergnügt zu Ihrem Frühstück in der Veranda. Noch eins: Pflegen Sie nach dem Frühstück auszuruhen?!?“
„Je nachdem — — —.“
„Je nachdem gibt es nicht. Entweder Sie ruhen oder Sie machen Bewegung — — —.“
„Also dann werde ich ruhen — — —.“
„Nein, dann werden Sie eine halbe Stunde lang gehen — — —!“
Der Delinquent verläßt wankend das Amtszimmer und begibt sich zum _Strafantritte_ auf die Veranda zum Frühstücke, verschärft durch zwei Buttersemmeln.
Einige Tage später. Der Staatsanwalt: „Nun, sehen Sie, mein lieber berühmter Dichter, Ihr Gesichtsausdruck ist schon ein viel freierer, ich möchte sagen, ein menschlicherer, nicht so präokkupiert von fixen Ideen — — —. Haben Ihnen die zwei Buttersemmeln geschadet?! Na also!“
Nein, sie hatten ihm nicht geschadet, denn er hatte sie täglich im Hühnerhofe verteilt — — —.
_Nachmittagsvisite._
„Herr Peter Altenberg möchten sogleich zum Herrn Direktor komme — — —.“
„Setzen Sie sich, bitte.
Ich habe Ihnen den Alkoholgenuß strengstens untersagt — — —.“
„Jawohl, Herr Direktor — — —.“
„Kennen Sie diese ganze Batterie von leeren Sliwowitz-Flaschen?!?“
„Jawohl, es sind die meinen — — —.“
„Man hat sie heute unter Ihrem Bette aufgefunden — — —.“
„Ja, wo sollte man sie denn sonst auffinden?! Ich habe sie ja dort deponiert — — —.“
„Wie haben Sie sich das Gift in meiner Anstalt verschafft?!“
„Ich bestach jemanden. Sein ehrliches Gewissen ließ es bei zwei Kronen nicht zu. Da offerierte ich ihm drei Kronen.“
„Sie sind also unschuldig an der ganzen Sache, sondern der ungetreue Diener ist der Schuldige! Ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen, obzwar er bereits fünfundzwanzig Jahre im Hause ist und er sich, _soweit ich es übersehen konnte_, stets einer tadellosen Konduite erfreut hat — — —.“
„Herr Direktor, Sie haben mir doch noch gestern gesagt, daß ich in Ihrer Anstalt und durch das regelmäßige solide Leben hier mich um zwanzig Jahre direkt verjüngt hätte und fast gar nicht mehr wiederzuerkennen sei?!?“
„Das sagte ich _aus pädagogischen Gründen_, um Ihr Selbstbewußtsein zu stärken — — —.“
„Herr Direktor, darf ich mir die leeren Sliwowitz-Flaschen bei Ihnen später abholen lassen ?!? Ich bekomme nämlich für jede sechs Heller retour — —.“
Direktor zu dem unredlichen Angestellten: „Sie Anton, wie konnten Sie sich unterstehen, nach fünfundzwanzig tadellosen Dienstjahren, einem Patienten, und sei es auch ein berühmter Dichter mit Eigenheiten, solche Mengen Branntwein gegen Bestechung zu verschaffen?!?“
„Aber Herr Direktor, wenn ich das nicht schon seit Jahren bei hundert Alkoholikern getan hätte, wäre uns ja ein jeder schon am dritten Tag davongegangen, und wir hätten unsere Anstalt leer stehen gehabt!“
„Nun gut, Anton, aber sorgen Sie wenigstens dafür von nun an, daß die leeren Flaschen nicht gefunden werden — — —.“
„Herr Direktor, das hat mir der Diener Franz angetan, aus Rache, weil ich mir soviel nebenbei verdiene — — —.“
Direktor zum Diener Franz: „Sie, Franz, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten! Sie verdienen genug, indem Sie unsere Alkoholiker mit unseren Hysterikerinnen ein wenig ‚_anbandeln_‘ lassen — — —. Ein jeder hat sein Ressort. In einer Anstalt muß Ordnung herrschen!“
Die Romantikerin I.
Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer Schönheit, Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder taubengraue Augen. Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel mir. Ihr Schweigen war düster-merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den Dingen des Lebens erschien mir wie die versteckte Weisheit eines vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen Geschöpfes, an das doch heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen, sich in jedem Augenblick _irgendeine Niederträchtigkeit_ heranschleichen könnte! Aber vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging, und der sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller aufschwang. Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem Recht, da die Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter gab, eine Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun, eines Tages bat mich die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem Zimmerchen ausruhen dürfe, während ich auf dem Spaziergang befindlich wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich abends mein Zimmer betrat, lagen, nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln auf der weißen Marmorplatte meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die Beherbergung. Seitdem bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-zarte, spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln sind etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren aschblonden seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale Belohnung, ich bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das Datum darauf. Ich nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein objektiver Beurteiler mehr seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese sieben Haarnadeln im Kreise angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für Anfänger, strahlender Stern. Ich werde mich schon wieder „zur Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was man hat, wenn man gar nichts hat!
Erbleichet! ErröTet!
Ich kann es immer nur wiederholen und wiederholen: „Suchet _Zugluft_ auf!“ Es gibt eine ganz einfache Art für reiche Leute, 150 Jahre alt zu werden, das ist, neben dem Chauffeur, bei jeglichem Wetter, mit freiem Halse und ohne Hut durch die Welt zu fahren, und nur nachts in ruhigen Zimmern, bei _weit geöffneten_ Fenstern, zu rasten. Zugluft ist das Heilmittel! Alles daran zu setzen, sie _vertragen_ zu können, ist das Wesen des modernen „Höchstkultivierten“! Angst vor Rheumatismus oder Bronchialkatarrh ist das _absolut untrügliche_ Zeichen eines tief rückständigen _unaristokratischen_ Organismus! Da helfen weder Ahnen, noch sogenannte _künstlerische Qualitäten_! Der betreffende Organismus ist in jeglicher Beziehung „geschnapst“. Ein Sänger, der seinen Kragen hochstellt, ist kein Sänger. Seine Kunst kann ihn in jedem Augenblick im Stiche lassen! Regen, Sturm müssen dem echten Sänger Labsal, ja Erquickung sein! Er setze sich auf dem herrlichen Plateau der Rax tagelang dem Gebrause aus! Was die Legföhre aushält und das Rhododendron, gerade eben dasselbe muß _auch er aushalten_! Abgehärtete Frauen sind bereits _dadurch allein_ schon in einer „höheren Rangsklasse“! Verwöhnte sind Gänse, _in jeder Beziehung_! Ich kenne alle Seelen und Gehirne der nicht absolut abgehärteten Menschen. _Es ist Talmi und Pofel!_ _Schein_-Existenzen!
Ostermontag Auf Dem Semmering
Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis alles geschehen sein wird, der _geordnete sichere_ Frühling, dann erst werden sie ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann, dann gibt es _kein Zurück mehr_, verstanden?! Und dann bis in den Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches, erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren, die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!
Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft: „Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die „gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So hatten wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard mit Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft war nie gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn meine Mama hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu blamieren, indem sie erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft, direkt aus der Originalflasche, _unverdünnt_ serviert! Viele Damen hielten sie infolgedessen für verschwenderisch, ja sogar in gewisser Hinsicht für exzentrisch. Andere aber bewunderten sie als eine Art von zwar unverständlichem, aber dennoch höherem Wesen; Himbeersaft direkt aus der Originalflasche!?
Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie eine Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich wenigstens kulinarisch genießen!“
Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der Lüster jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein bißchen weh getan!“
Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es nach dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger Geburtstag. Aber ich darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die Herren Eltern es nicht erlauben, zweitens, weil ich weder ihren Namen noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe sie gehen gesehen, das genügt für meinen _Turmfalkenblick_! Ich würde ihr schreiben: „Dante Alighieris Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?! Nach 500 Jahren soll man sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele hat _Zeit_, über ihren eigenen Tod hinaus zu _warten_! —
Berghotel-Front
Sechs Uhr morgens. Ein nebeliger Julimorgen. Alles duftet nach feuchtigkeitsdurchsogenem Waldboden. Alle Fenster sind geschlossen, bis auf die der jungen Schönheit, die vor den Toren der Lungentuberkulose angelangt ist. An diesem Fenster hängt, vom gestrigen Abendprunke, ein tiefblau seidenes Gewand, bewegt sich im Morgenwinde. Irgendwo singt eine Kinderfrau ein Kindchen wieder in den unterbrochenen Morgenschlaf ein. Ein Hund kriecht vorüber, als käme er von einer Sündennacht außer Hause. Ich denke: „Klara, Franziska, Sonja — — —“, und belausche ihre geliebten Kinderatemzüge, die ich nicht höre!
Landpartie
Ich bin „radikal“ geworden. Ich mache mit einer mir sympathischen Dame eine Eisenbahnfahrt von 25 Minuten nach M. Wenn sie nicht am Fenster lehnt und in die Landschaft hinausstarrt, bin ich bereits enttäuscht, nicht mehr ganz „à mon aise“. Sie erwartet also „anregende Konversation“, pfui! Wenn sie sagt: „Es zieht, machen Sie, bitte, das vis-a-vis-Fenster zu“, bin ich mit ihr fertig. Rheumatismus zieht nicht bei mir, das ist schlechtrassig, so 1870, zur Krachzeit. Wenn ich ihr in M. das herzige, brausende, dunkle Flüßchen zeige, muß sie entzückt sein, ja sie muß, sie muß, sie muß! Wenn ich ihr den Frieden der langen Dorfstraße zeige, muß sie selbst „friedevoll“ werden! Wenn ich ihr das niedere, schneeweiße Haus zeige mit den schwarzen Eisengittern und den vergoldeten Schleifen und sage: „Hier hatten die Generäle Napoleons des Ersten Quartier!“, so muß es ihr wie heiliger Schauer über ihren rosigen Rücken laufen! Billiger gebe ich es nicht. Es sind schlechte Zeiten angebrochen für wirklich zarte Seelen, und daher muß man prüfen, ehe man ewig Landpartien macht! Wenn sie in dem kleinen, traulichen Dorf-Kaffeehaus ihren Tee selbst bezahlt, ist es gut. Wenn nicht, ist es bedenklich. Wenn sie den Sonnenuntergang nicht beachtet, sondern lieber von einem erzählt, der sie einst sehr, sehr geliebt hat, ist es vollkommen verfehlt. Auch der Rauch der Lokomotiven sogar hat sie zu interessieren. Wenn sie sagt: „Ich möchte nicht gar zu spät nach Hause kommen“, so ist es falsch. Mit mir kommt man immer _zu früh_, und nie zu spät nach Hause. Auf der Rückfahrt hat sie eine andere zu sein wie auf der Hinfahrt! Wie sie das macht, ist _ihre_ Sache! In dem „langen Tunnel“ hat _nichts_ zu geschehen! Aber sie hat es innerlich zu bedauern, _daß_ es so war! Ich bin „radikal“ geworden. Eine Fahrt von 25 Minuten; Aufenthalt; retour — und ich weiß alles!
Psychologie
Ich beurteile schon seit längerer Zeit die Menschen nach den _Gegenständen_, die sie tragen, lieb haben und für hübsch finden. Das ist ein „biografical essay“ über ihr eigenes Wesen! Zum Beispiel sind mir Männer höchst suspekt, die Stöcke tragen mit oxydierten Silbergriffen, die irgend etwas vorstellen, wie Hundekopf, Schlange oder gar ein reizendes Frauenköpfchen mit Lockengewirr. Freilich haben die Kerls dann die Ausrede, sie hätten es von einem lieben Freund geschenkt erhalten; aber erstens hat man keine solchen geschmacklosen Freunde eben nicht zu haben (_zwei_ Verneinungen geben leider eine Bejaung), und zweitens kann man das Geschenk einem guten Freund auch über den Schädel hauen. Überhaupt bin ich unter _kultivierten Menschen_ nur für „_Bons_“ in einem bestimmten Geschäft! Suspekt ist mir auch rosa, hellblaue und grellrote Seide, während Atlas, Samt oder Damast bereits zu den „leichten Vergehen wider die Sittlichkeit“ zu zählen sind. Bedruckte, nicht gewebte Krawatten, erregen ziemliches Bedenken, obzwar hier die „Natur-Bauernmuster“ noch zu _pardonnieren_ sind. In „einer einzigen Farbe“ gekleidet sein, vom Hut bis zu den Schuhen, ist „letzte Aristokratie“ 1913! Schirme haben nur _Naturgriffe_ zu haben. Ein _freier Hals ist edelrassig_. _Hohe_ Krägen sind ein _Nonsens_, außer für Störche. In einem Kleidungsstücke nicht _sämtliche_ Bewegungen eines erstklassigen Parterreakrobaten im „Apollotheater“ machen zu können, ist _schlechtrassig_! Hosen können nie breit genug sein, und sind _immer_ noch viel zu eng! Letzte Knöpfe am Gilet _offen zu lassen_, ist eine miserable Vergeßlichkeit. Jemandem, der sagt, er wolle nicht auffallen, dem erwidere ich, daß auch Beethovens Adagios auffallend waren, nämlich _auffallend schön_! „Die Herde ist _das_, wovon man sich _in allem_ zu unterscheiden hat!“ „Man trägt jetzt — — —“ ist ein _hundsordinärer_ Blödsinn.
„Guten Morgen, mein Herr, wie steht Ihr wertes Befinden?!“ sagte ich zu einem Fremden, der auf dem „Semmeringer Hochweg“ mit _Zylinder_ spazieren ging.
„O sehr gut, in dieser herrlichen Gebirgswelt; aber woher kennen Sie mich denn?!“
„Ich kenne Sie seit Ihrer Geburt wie meine eigene Tasche, da ich sehe, daß Sie hier einen Zylinder tragen — — —“
„Ich bin das meiner Stellung in der Welt schuldig, mein Herr — — —“
„Auch das habe ich sogleich bemerkt, daß Sie irgendjemandem irgend etwas schuldig sind — — — !“
Vor-VorfrüHling
11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber mit der Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen, was ohnedies vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe Schneelöcher, die Dächer trieften vor glänzender Nässe, ebenso die eisernen Straßengeländer. Schneerosenknospen wuchsen überall, man stellte sie in Gefäße, aber sie erblühten nicht, aus irgendeinem versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel nicht mehr, Krähen und Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten wie im starren Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das noch überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner Miserablität gerade _rührend schön_ ist. Die Menschen ziehen sich zurück, wie vor einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist _rührendes Patschwetter_. Ich finde es nicht, daß es weniger anziehend ist als der starre Winter und der helle, klingende Frühling. Der zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig, so unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von ihm abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr an ihm erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in Bächlein abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr geliebt, direkt verhätschelt, als er noch _brauchbar_ war. Jetzt könnte man singen:
„Schnee, du wirst grau und schmutzig — — — was ist mit dir?! Zu nichts mehr bist du nütze — — —.
Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr, verschwinde!“ Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und ich werde sie pflücken und sie dir nicht geben, das heißt _äußerlich_, vor den Menschen. Aber _vor Gott_!
Gedenkblatt
Es ist merkwürdig in meinem Leben. Immer dasselbe. Als ob ich nicht älter, nicht reifer würde. Und ich bin doch schon uralt und todeskrank. In meinem 35. Lebensjahr, an meinem heißgeliebten Gmundener See, schlossen sich zwei Kinder, von 9 und 11 Jahren, mit ihren zarten Seelen leidenschaftlich an mich an. Dadurch entstand meine überhaupt erste Skizze, die ich je geschrieben habe, in der Nacht nach dem Abschied der Kinder von mir, „9 _und_ 11“. Eines Abends erklärte die 9jährige unter Tränen, indem sie das Nachtessen verweigerte, sie würde nichts mehr essen, bis ich nicht zu ihnen ins Haus zöge. Daraufhin schrieb mir der Vater, er verbitte sich von nun an jeglichen mündlichen und brieflichen Verkehr, ja sogar den Gruß auf der Straße, da er meinetwegen doch nicht auswandern wolle. Und so geschah es, strikte nach seinem Befehl. Acht Jahre später erschien nach einer Burgtheaterpremiere der Vater mit seinen, zu herrlichen Geschöpfen erblühten Töchtern an meinem Stammtisch im „Löwenbräu“. „Ich komme zu Ihnen, denn mein Töchterchen A. hat sich gerade so, von selbst, entwickelt, als ob Sie wirklich, ihrem heißen Wunsch gemäß, damals zu uns gezogen wären; eine weltenferne Träumerin!“
Drei Tage später traf sie in der Kärntnerstraße, bei „Schwarz und Steiner“, der Gehirnschlag. Sie hatte gerade vorher gesagt: „Da geht mein Loge-Sänger „Schmedes“, mit seinem gazellenfüßigen, herrlichen Töchterchen...!“ Sie wankte und war tot.
Ich fuhr mit den Eltern im Trauerwagen.
Da sagte der weinende Vater, der nun auch schon tot ist: „Wenn ich das hätte ahnen können, hätten Sie vor acht Jahren unbedingt zu uns ziehen müssen — — —!“
„Nein“, erwiderte ich, „auch wenn Sie das hätten ahnen können, wäre Ihnen eine _tote Tochter_ lieber gewesen als eine, die den _Dichter verehrt_!“
OberfläChlicher Verkehr
Ein Herr, den ich zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, kam im Berghotel per Automobil an und sagte zu mir: „Gut, daß ich gerade Sie hier begrüßen kann. Sie kennen sich doch auf dem Semmering gewiß gut aus. Wo ist hier der _Raseur_?!“ — „Gleich im Hause daneben“, erwiderte ich. — „Ich wußte es ja,“ sagte er beglückt, „daß ich mich an die richtige Adresse gewendet habe; adieu — — —.“
Ein Herr schreibt mir aus Prag: „Teurer verehrter Meister, in Ihrem Buche „Prodromos“ ist ein englischer Reibhandschuh angepriesen. Kann ihn in ganz Prag nicht finden. Bitte auch um genaue Angabe des Preises!“ Ich schrieb zurück: „Bürsten sind nur in Eisenhandlungen zu finden, Preis 1 Krone und 10000, je nach der Qualität!“
Eine Dame, die mir ausnehmend gut gefiel, sagte mir: „Ich habe ein diskretes Anliegen an Sie. Können Sie mich nicht mit Ihrem reizenden Freunde bekannt machen?!“ — „_Nein!_“ erwiderte ich schlagfertig.
Ein Herr aus Berlin schrieb mir: „Wie lange wollen Sie noch uns Leser mit Ihren Brocken von angeblicher Seelentiefe _anöden_?!“ Ich erwiderte, ich sei zwar schon ziemlich abbröckelnd, aber den genauen Zeitpunkt des _definitiven Endes_ könne ich nicht angeben, er möge sich noch ein wenig gedulden — — —.
Jemand fragte mich, wo denn eigentlich meine Bücher zu haben seien?! Worauf ich erwiderte: „Ich glaube, der Bäckermeister oder der Schuster dürfte noch einige Exemplare auf Lager haben — — —.“
Jemand schrieb mir aus Klein-Höflein, wo ich nie gewesen war und auch _niemanden_ kenne: „Falls Sie nicht innerhalb acht Tagen Ihre Schuld von 11 Kronen 60 Heller bezahlen, werde ich die Sache meinem Advokaten übergeben!“ Infolgedessen bezahlte ich 11 Kronen 60 Heller nach Klein-Höflein. Wenn ich nur wüßte, wo dieser Ort liegt?!
Jemand sagte zu mir: „Ah, Sie sind der berühmte Herr Paul Altenberger, über den so viele gute Witze kursieren?!“ Ich sagte, ich hätte noch andere Qualitäten, und entfernte mich hoheitsvoll-gelassen.
Eine junge Dame sagte zu mir: „Einmal und nicht wieder!“ Ich hatte sie nämlich ihr Nachtmahl selbst bezahlen lassen. Freilich hatte ich die vergebliche Hoffnung gehabt, sie würde auch meines gleich mitbezahlen — — —.
Eine reiche Familie, der ich es mitteilte, daß heute, 9. März, mein Geburtstag sei, sagte im Chore, daß man es mir wirklich gar nicht ansehe, ich schaute aus wie ein guterhaltener Fünfziger. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte den „Fünfziger“ gut erhalten!
Das sind lauter oberflächliche Bekanntschaften, nichts Solides dahinter, kein Gemüt und kein Geld. Es ist sehr, sehr schwer, Menschen zu finden, die sich wirklich und ernstlich an einen anschließen — — —.
Beauté
_So wenig_ also hältst du von der Schönheit deines nackten weißen oder braunen Edelleibes, daß du dich verpflichtet fühlest, ihn zu schmücken, sagen wir „behängen“ und „belasten“ mit hundert Edelfellchen wertvoller Tierchen?!
Stolz nennst du die _Summe_, die es _gekostet_ hat — — —. Erhöht es deinen Wert, daß man _für dich bezahlte_?! Du weißt, die Besten gehen _in geflickten Kitteln_, ihr Pelz ist Demut und Bescheidenheit. Oder sie tragen das _heilig-einfache_ Gewand der Pflegeschwestern. Schwarz weiß und eine große Brosche in Email mit einem Kreuz zierten euch mehr! Von _innen_ strahlt der Wert nach außen aus, mit Mardermänteln bleibst du roh und _nichtig_! Ich _hasse_ jene Männer, die euch lieben, in eurem stinkenden Prunke! Nein, ich hass’ sie _nicht_, denn ihre _Liebe_ ist _derselbe_ Schein wie Eure Fetzen, sie lieben nicht — — — sie _hassen_ und _verachten_ Euch vielleicht _noch mehr_, berechtigter als ich!!! Jedoch, sie _müssen_!
Die Spielereien Der Reichen Leute
In einem ersten „Cercle“ der Residenz kam man auf die Idee, einen Preis von 10 Flaschen Champagner auszuschreiben für die allerstupideste Frage. Ein Graf gewann den Preis mit der Frage: „Comment un homme de tacte et de goût doit-il se comporter, lorsqu’il rencontre la nuit dans une forêt un _accent circonflexe_?!“
Richtige, Aber Eben Deshalb Wertlose Betrachtungen
Es ist eigentlich ganz widersinnig, auf eine Frau eifersüchtig zu sein, die einem noch gar keine Konzessionen gemacht hat. Denn _je mehr_ Konzessionen sie _den anderen_ macht, _desto größer_ ist die Chance, daß sie einem dieselben mache, und _eventuell_ noch größere! Es ist die falsche _ewige_ Hoffnung, sie für _sich allein_ erlangen zu können! Aber das _kann man nicht_. Denn es hängt nicht von dem ab, was sie gewähren, oder _nicht_ gewähren will, sondern von der ewigen Reizung ihres Nervensystems, daß tausend Männer das und das _von ihr_ sich _ersehnen_! _Das_ allein läßt sie nicht „zur Treue“ kommen. Es wäre denn, daß man alle anderen überbiete! Aber solche „Coups“ gelingen selten auf der _Lebensbörse_!
Die Probe
Es gibt eine sichere Probe für Sympathie. Ich denke mir alle schönen Mädchen hier in dem Berghotel, die mir gefallen, der Reihe nach quer über eine breite weiße Landstraße aufgestellt. Plötzlich rast von einer scharfen Kurve her ein riesiges Automobil. Welche wirst du instinktiv zurückreißen, erretten?!? Von allen nur Klara, Franziska und die blonde 13jährige süße Ungarin!
Ereignis
Am 24. Juli haben sie die Bergwiesen gemäht — — —
hingeschnitten die diskreten Farben eines alten Perserteppichs — — —
die Duft-Symphonien abgebrochen unserer „musikalischen Nasen“! Wie ein Kapellmeister „abklopft“.
Frischer einfacher Heuduft wurde sogleich, und schon ahnte man feiste Kühe mit den Stampfmühlen ihrer feuchten Mäuler für die rosigen Euter es vorbereiten!
Wie _Urkraftrausch_ waret ihr, Bergwiesen, bis zum 24. Juli.
Es dröhnte von Hummeln; es schimmerte braunwolkig, distellila, schafgarbenweiß , königskerzengelb, arnikagold; es roch wie „Menagerie“, „Apotheke“; wie Bienenhonig schmeckt, so roch es im vorhinein.
Es betäubte süß und belebte.
Es vermittelte: sanft einschlummern, frisch erwachen!
Nun ist es nicht mehr.
Ende
Vom 17. September 1911 bis 19. Oktober 1912 war sie seine kleine Heilige. Sie war geboren 9. April 1900.
Dann erzählte ihr eine Dame der sogenannten „guten Gesellschaft“, daß er ein Säufer sei, und schon zwei Jahre im Irrenhaus interniert gewesen sei.
Hatte er sie seitdem weniger lieb?! Das war ja unmöglich.
Aber sie schämte sich _seitdem_ seiner Verehrung — — —.
Die Liebe eines besoffenen Tollhäuslers?! Pfui Teufel!
Da wollte er ihr das ersparen, und mied sie von nun an.
Hie und da hörte er in den Korridoren des Hotels ihre geliebte jauchzende Kinderstimme.
Da schloß er denn die beiden Türen seines Zimmers und warf sich, in unmeßlichen körperlichen und seelischen Qualen, auf sein Sofa hin.
So endete eines seiner schönsten, seiner tiefsten _Lebensgedichte_, das viel Leid, viel Begeisterung und viel, viel Liebe in sich ein Jahr lang geborgen hatte!
Nach AbwäRts
Niemand beschrieb noch körperliche Qualen — —
weißt du, wie Brandwunden sind am zarten Fingerballen?! So brennt es dir im ganzen Leibe,
und keine Linderung durch aufgelegtes Leinöl;
es brennt Tag und Nacht.
Wie eine mittelalterliche Folter, der du unterliegst; die Folterknechte aber sind im Innern; und unsichtbar ereignet sich das Schreckliche.
Scheinbar friedlich sitzest du in deinem Zimmerchen,
und draußen ist der braune Bergwald.
Er kann dir nicht mehr helfen, er, der dir einst half zu den Begeisterungen, dem besten Mittel, jung und stark zu sein!
Und nachmittags irr’ ich in den langen, schmalen, düsteren Korridoren,
das Antlitz meiner kleinen Heiligen zu sehn.
Wenn ich sie erschaue, ergreift mich der Gram.
„Wie geht es Ihnen heute?!“ sagt sie sanft, und blickt erstaunt auf diese menschliche Ruine, die ihr fast täglich tiefe Hymnen singt — — —.
Abschied
Mein geliebter Pinkenkogel, hart an meinem Fenster aufsteigend,
ich sage dir _Adieu_!
Ich muß nun wieder ins Exil hinter vier Mauern; die Menschen wollen „langsam Sterbende“ nicht sehn. Und diese wieder nicht die Menschen!
Dazu sind diese „Institute“ da, daß nur der weite Park die Klagen höre.
Der „Pfleger“ sieht die Träne ungerührt. Wo käm’ er hin, wenn er sich rühren ließe?!
Geliebter Pinkenkogel, lebewohl — — —.
Und sag’ auch ihr — — —
wie liebt sie deine Bäume und deine Pfade aufwärts zu der Alm — — —
und sag’ auch ihr — — —
nein, sag’ ihr nichts!
Sie weiß, daß unter allen Abschiedstränen
die qualvollste _für sie_ vergossen ist — — —.
Kranken-Toilette
Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke „herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche, die Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus einem ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als möglich in seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie. Man zwingt ihn zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst wieder zum gewöhnlichen Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf man diesen Zustand von organischer und infolgedessen nützlicher Apathie des Kranken nicht vor Augen führen. Denn hierin ersehen sie nur eine traurige _Stagnation_ des Leidens, was ihnen in Anbetracht ihrer Sorge und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist Geld, sagt der Engländer, nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der Pfleger ein größeres Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von „rücksichtsvollster Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und selbstverständlich. Es ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der apathische Kranke aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht, gesäubert, rasiert und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie ein krankes Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich fabelhaft erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf den bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem Besuchstage _verfällt_ der Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit, Energie hängen leider nicht von Besuchstagen ab der Anverwandten. Man schleppt sich hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man auf und ist gesund. Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch wieder Besuchstag. Man ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch überzogenen Bette wie ein Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das sind Utopien. Bei Nacht wird man insgeheim weggeführt, denn niemand in der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich ereignet“ hat, was keine Hoffnung zuläßt — — —.
Kusine
Mit 52 Jahren stürzte meine Kusine ab vom Seekofel, beim Blumenpflücken.
Mit 16 erhielt sie ihr erstes Ballkleid von „Maison Marisson“.
„Sie muß die Schönste sein!“ sagte die Direktrice des Ateliers zuversichtlich.
Zum ersten Male dichte Rüschen in gelbem Musselin. Bis dahin trug man nur weiße Ballkleider.
Sie war die Schönste. Sie erregte Neid. Sie glaubte, ein Prinz werde kommen oder etwas Ähnliches, z. B. ein Bankdirektor. Was hätte sie anderes sich erträumen können, in gelben Musselin-Rüschen von der „Marisson“, und entouriert von allen?!
Zum Souper meldeten sich 14 Herren.
„Ich hab’ nur eine rechte Seite und eine linke“, sagte sie glückstrahlend.
Mit 52 Jahren stürzte sie vom Seekofel ab, beim Blumenpflücken.
Was sie erlebt, von 16 bis 52, ich weiß es nicht. Ich kenne nur ihren ersten Triumph und ihren letzten Absturz — — —. _Dazwischen_ dürfte so eine Melange gewesen sein von beiden!
Lied
Was nützt des Herbstes braune Symphonie?!
Ich bin zu krank.
Sonst sah ich alles mit dem Blick der Liebe, dem Blicke einer namenlosen Zärtlichkeit.
Ich wußte wie die Buche sich verfärbt im frühen Froste,
und wie ihre Röte allmählich erbräunt.
Die Amsel raschelte im dürren Laub, die schwarze Schnecke zog über die Wege.
Du sagtest mir, holdestes Kind, du müßtest nun in ein Institut, für 2, 3 Jahre — — —.
Ja, es ist Herbst geworden, und ich bin zu krank.
Echt
Ich bin sehr _skeptisch_ in bezug auf _Empfindungen_. Festliche Stimmung bei Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren Krankheitsfällen können mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese „Rolle“ wohlerzogener Leute. Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität, obzwar auch dieses wenige schon eine beträchtliche ist. Aber _eine_ Empfindung gibt es, die _nicht_ unecht ist, das ist das klägliche Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der allernächsten Angehörigen, in _dem_ Augenblicke, da der Sarg aus dem Schlafzimmer hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein Lebewohl, kein _oh_ und kein _ach_. Da gibt es nur ein klägliches erschreckendes Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund aussperrt, ihm die Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man sich sogleich wieder, von den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll gestützt, und wankt zu Hut, Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen wartet nämlich.
Aber dieser _eine_ kurze Augenblick ist _echt_, da der Tote sein Schlafzimmer verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man nämlich wirklich Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß eigentlich alles, alles auf der Welt nicht dafürsteht — — —.
GespräCh
„Wie ist das also, Peter, mit dem ›Geben‹, wie Sie immer behaupten, das seliger sein soll als das ›Nehmen‹?! Wie ist das?!“
„Das ist also so: wenn du an einem Bettler vorbeigehest, und du bist nur erfüllt, gehoben, durchwärmt von dem Gefühle, eine exzeptionelle Freude jemandem bereiten zu wollen, die in deiner Macht steht, sie zu spenden, und du schenkst ihm da eine Krone, während er dich ansieht, anstarrt, als hättest du dich nur in der Münzsorte vergriffen, du aber gehest, ihm zunickend, hinweg — — — das ist: _Geben_ ist seliger denn _nehmen_! Wenn du aber denkst: „Pfui, diese Belästigung! Dieser alte zerfetzte, demütige Hund!“ Und du gibst ihm dennoch 20 Heller, so hochnäsig-widerwillig, dann, dann ist: Geben _unseliger_ denn nehmen!“
„Peter, also da hast du — — — 20 Heller! Nein, ich habe nur Spaß gemacht. Ich will dir eine Krone schenken, hole sie dir heute nacht von meinem Nachtkästchen ab — — —.“
Bilanz
Es gibt Dinge, die _unvergeßlich_ sind. Mit _diesen_ hat man seine Seele zu beschäftigen und alle anderen Dinge zurücktreten, verblassen, verschwinden, also allmählich _absterben_ zu lassen. Unvergeßlich ist das Vöslauer laue Schwimmbassin mit Lindengeruch. Dann der „Lackaboden“, Alm vor dem Schneeberg; die Bodenwiese mit den Kolröserln; Austern à discrétion, also sechs Dutzend; die kleine „Veilchenfeld“, die kleine Magda S., Evelyn H., Klara und Frantzi P. und Eva Leopold und Sonja Dunjersky. Dann Richard Wagner, Beethoven, Mozart, Bach, Grieg, Hugo Wolf, Richard Strauß, Johannes Brahms, Puccini, Massenet. Dann die „Topfen-Pastete“ und „Filet de Sole à la Morny“ und „Poires bonne femme“ und „pommes concierge“. Dann „Hamsun“, „Strindberg“, „Maeterlinck“, „Gerhart Hauptmann“. Dann „Van Dyck“ als „Des Grieux“ in „Manon“, „Maria Renard“ als „Lotte“ in „Werther“, „Hermann Winkelmann“, in _allen_ seinen Rollen. Dann der „Semmering“, zu _allen_ Jahreszeiten. Man muß „Buch führen“ über „reelle Werte“, im sonst leicht „passiv werdenden“ Dasein! Frauen haben eine perfide Geschicklichkeit, „unreelle Werte“, wie Schmuck, Pelz, Kleider, in ihr „Plus-Konto“ des Lebens frech einzutragen. Da müssen sie halt die ganze Bilanz plötzlich durch einen „feschen Offizier“ wieder ins Gleichgewicht bringen! Auch „unglückliche Spieler“ legen sich plötzlich eine „Geliebte“ zu, um sich es in ihrem _falschen Buch-Konto_ zu verrechnen, daß sie „_an ihr_“ zugrunde gegangen sind!
Eine richtige, anständige, ehrliche „Bilanz des Daseins“ führen nur die Selbstmörder. Aber wie wenige, hélas, gibt es noch heutzutage?!
Sehr Geehrtes FräUlein!
Sie lieben also Albert!?
Sie suchen also eigentlich einen Mann, dem Sie „sein Alles“ sind; der durch Sie es vergißt, daß die Welt _erfüllt_ ist von herrlichen, merkwürdigen, anmutigen und originellen Geschöpfen!? Sie suchen also einen _Idioten_! Einen, dem Sie _die Schmach_ antun, ihn in einen Zustand zu versetzen, wie der Auerhahn auf der Morgenbalze. Einen, der vor Gefühl _nichts anderes_ mehr sieht und hört um ihn herum! Um ihm etwas _bieten_ zu können, rauben, stehlen Sie ihm seine Weltenseele, und für eine Haarnadel aus Ihren Haaren gibt er das Glück von Tausenden eventuell hin! Und diese Scheuklappenpolitik nennt Ihr dann „Liebe“! Ein _verdoppelter_ Egoismus, dem zum „heiligen _Dreibund_“ nur noch der miserable Köter „Putz“ fehlt, an den Ihr Euch gemeinsam attaschiert!
Herbstlied
Die Ahornblätter sind wieder goldgelb, man kann die einzelnen goldenen Bäume zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.
Gerade vor einem Jahre sah ich sie, 25. September 1911.
Sie war 11 Jahre alt. 11! Was macht es?!?
Der Wald bot damals alles, was er heute bietet, und immer bieten wird — — —.
Nur ich bin düsterer geworden, weil ich _zuviel_ an ihre Zukunft denke.
Als ich sie damals sah, da ging ich in den Wald, um mir es einfach jauchzend mitzuteilen: „Du hast das Herrlichste erschaut!“
Jetzt aber, tieferfüllt von ihr, seh’ ich im düsteren Herbstwald dunkle Schatten kommender Eroberer!
Oh, Gnade, Gnade, Ihr Herren, für mein geliebtes Kindchen!
Tut ihr nichts!
Die Ahornblätter sind wieder goldgelb geworden, man kann die goldenen Bäume einzeln zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.
Ewige Erinnerung
Von Kortina brachen wir auf, Automobil, 9 Uhr morgens, und schlängelten uns hinauf, auf den Falzaregopaß, 2117 Meter. Hinter dem Hotel pflückte ich „Speik“, diese weiße duftende Bergblume, Kindheitserinnerung. Der Boden war schwarz, weich und feucht; und überall rieselte Schneewasser. Und dann hinab ins Tal. Und von da aus sogleich wieder auf den Pordoihjochpaß, Kristomanos-Schutzhaus, 2250 Meter. Da gab es gar keine Blumen mehr, wie herrlich. Der starre Sturm verbat sich alles Blühen. Er stöhnte und beherrschte! Wie wenn man als Kind eine große Seemuschel ans Ohr dicht anlegt, so brauste es. Nur sagt man in jenem Falle, das Tosen des Meeres sei in der Muschel eingefangen. Hier aber ist nichts eingefangen; man sieht das Brausen über die kahlen gelb-braunen Wiesen; ganz aus erster Hand vernimmt man den Sturm. Im wunderbar warmen geschützten Speisezimmererker nahm ich ihr Bild heraus (Kl. P.), betrachtete es lange. Ich dachte: „Mit dir hier zu sein!“ Aber es wird nie, nie, nie, nie sein — — —. Wie schade.
Gesang
In allem hatte sie treffsicheres Urteil.
In allem. Nur sein Gesang gefiel ihr,
obzwar die Töne wie laues Regenwasser seinem geziert ovalen Mund enttropften.
Er sang mit ihr, sie spielte das Klavier, er sang _für sie_!
Und deshalb fand sie seine Stimme lieblich,
obzwar sie selbst das C-moll-Adagio Beethovens unaussprechlich zärtlich spielen konnte,
und für alles _sonst_ aristokratisch-feine Ohren hatte.
Und einmal sagte sie zu mir:
„Ist es Ihr Ernst, daß Sie seine Stimme für tonlos halten, oder steckt da etwas dahinter, Lieber?!“
„Es steckt etwas dahinter!“ sagte ich, „das Vorurteil des dummen Weibchens!“
Souper
Es war ein Nichts — — —.
Immer ist es ein _Nichts_, aus dem zuletzt ein _Etwas_ wird!
Törichte Frauen, die ihr mit dem Leben _tändelt_, mit _uns_ und mit _euch selbst_!
Er sagte einen dummen Scherz,
so um den Bann zu brechen öder Stimmung.
Da gossest du aus deinem Glase ein wenig Wasser ihm auf sein Gewand — — —.
„Zur Strafe!“ sagtest du lächelnd.
Koketter Kerkermeister!
Jede Intimität ist eine _perfide_ Brücke zu einer Seele oder zu unedleren Teilen.
Er fühlte sich geehrt durch das Begießen,
und seine Augen sagten gleichsam: „Es kam von dir!“
Es war ein _Nichts_ — — —
immer ist es ein _Nichts_, wie Frauen nämlich denken, ein Nichts, das uns tief _unglückselig_ macht!
Die Wagenfahrt
Alle sagten zu ihm sehr bald „Herr Peter“ oder „Peter“. Aber sie sagte nach langer Bekanntschaft „Herr Altenberg“. Er schrieb ihr das. Sie sagte weiter wie bisher: „Herr Altenberg“, obzwar er eine zärtliche Freundschaft für sie hatte. Eines Tages fuhren sie im Wagen durch seine geliebte Berggegend. Da erzählte sie von der Krankheit ihres Kindchens, erzählte, weinte, erzählte, weinte, verstummte. Er sagte: „Ich liebe hier jeden Strauch, ich kenne jeden Acker, jeden Wiesenzaun — — —.“ Beim Abschied sagte sie: „Adieu, Peter — — —.“
Wagenpartie
Herr Dr. P. sagte vormittags zu mir: „Darf ich Sie für den Nachmittag zu einer Wagenpartie einladen in Ihren geliebten Ort ‚Mürzzuschlag‘?!“
„Bitte sehr,“ erwiderte ich.
Nachmittags sagte der Hotelportier: „Soll ich Ihren Jagdhund in den Wagen bringen, Herr Doktor?!?“
„Selbstverständlich, wegen dem Hund mach’ ich ja überhaupt nur den Ausflug — — —.“
Ich hatte bisher gedacht, er mache den Ausflug „wegen dem anderen Hund“. Im Wagen sagte ich: „Sie, Ihr fetter Hund nimmt mir zuviel Platz ein,“ worauf ich demselben mit der vernickelten Spitze meines Bergstockes einen Stich in die Brust gab. Der Herr sagte: „Was tun Sie meinem armen Hunde?! Es ist ein echter englischer Pointer!“ Ich erwiderte, daß er zuviel Platz einnehme trotz alledem. Wir kamen an einem braunen Felde vorbei, begrenzt von kahlen grauen Buchenbäumen. Hier grasten fünf herrlich schillernde Fasanhähne. „Willy,“ sagte der Herr zu seiner Jagdhündin, eine Abkürzung für Wilhelmine, „Willy, da schau hin, Fasane!“ Willy schaute überall hin, nur nicht auf die vor ihm grasenden Fasanhähne. Wahrscheinlich sagt man von diesen Viechern nicht „grasen“, sondern irgend einen manirierten Jägerausdruck. „Dieser Willy ist ein so feuriger Jagdhund,“ sagte sein Herr entschuldigend, „daß ihn alles ablenkt. Sehen Sie dort in der Ferne die Krähe?! Die lenkt seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, weg von den Fasanen!“ Ich dachte: „Er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen — —.“
Wir fuhren an einsamen Schmiedewerken vorüber, in welchen geschmiedet wurde, an Holzsägewerken, in denen Holz zersägt wurde, an Mühlen, in denen gemühlt, pardon gemahlen wurde. Ich fühlte: „Hier sollte ein _Landerziehungsheim_ erstehen für die _moderne reifere Jugend_, Koedukation, wo man in der Natur selbst Anschauungsunterricht genießen könnte während einer Spazierfahrt. Zum Beispiel eine feuchte Wiese mit einem Graben lehrt uns das so wichtige „Drainage-System“ spielend leicht kennen. Denn wenn die Feuchtigkeit der Wiese sich in dem Graben ansammelt, so wird die Wiese selbst trocken. Eine Art von Wiesen-pot de chambre.“
Ich sagte dem Herrn Doktor, daß er, auch ohne ein echter englischer Pointer zu sein, im Wagen mir viel zu viel Platz einnehme, und ich ein nächstes Mal eine Einladung zu einer Wagenfahrt nur annehmen könne, falls er und sein Hund zuhause blieben. Er sagte, ich hätte reizende Einfälle und ich sei ein großer Künstler und Menschenkenner. Dies bestätigte ich. In Mürzzuschlag angelangt, fragte uns der alte Kutscher, der schon 50 Jahre lang hier fuhr und die Gegend nicht kannte, oder sich in Beantwortung nichtiger Fragen über Bergnamen usw. usw. nicht einlassen wollte, ob er „den Rosserln“ eine Jause verabreichen dürfe. Merkwürdigerweise figurierte die Jause dann bei der Verrechnung im „Café Semmering“ als Kaffee mit drei Stück Gugelhupf. Abends bei der Rückfahrt war es natürlich finsterer als bei der Hinfahrt nachmittags, was der Landschaft einen „eigenen, neuartigen, undefinierbaren“ Reiz verlieh, den zu schildern ich aber modernen Dichtern überlassen muß.
Indem alles im Nebel verschwamm, wurde es zusehends undeutlicher. Wir sprachen nun über das Wesen der „Frauenseele“, und ich behauptete, daß mir eine noch so sehr geliebte und verehrte Frau durch die Bezahlung bereits eines Kalbsgullasch mit Reis momentan unsympathisch werde. Er nannte mich infolgedessen „exzentrisch“, während ich es mehr auf „Lebenskunst“ zurückführen möchte. Beim Anlangen in unserem heiligen Berghotel sagte ich: „Also, es bleibt dabei, morgen einen Wagen ohne Sie und Ihren echten englischen Pointer — — —.“
„Nein!“ erwiderte er kurz und bündig.
Abschiedsbrief Des Englischen Offiziers Paul Aus London:
„Ich kann es mir nicht vorstellen, daß Du, geliebteste Frau, irgendwo anders glücklich werden könntest als in England und bei englischen Freunden. Allein _Dein_ Wunsch ist für mich over all! Du bist eine _Engländerin_. Deine Seele, Dein Denken, ja _Dein Glück_ ist _englischer Natur_. Du begibst Dich in eine _strange world_. Man wird Dich gut behandeln, and but you will bekome ill and newer knowing from what. Wenn Du also einmal eine Stütze brauchst — — — nun, du weißt ja übrigens alles.
Paul.“
Wie Ist Es?!
Wie ist es?! Soll man ein besonderes schönes Mädel, in strenger, grauer Härte halten!? „Immer zu früh noch wird man sie verwöhnen“, fühlen die Eltern. Siehe, eines Tages strömt plötzlich das Licht herein der Bewunderung, das ihre ungewohnten Augen blendet, schädigt! Wäre sie gewohnt, seit ihrem zehnten Lebensjahr, an dieses Licht des Lebens, ertrüge sie nun das gesteigerte blendende, in edler Fassung und dankbar gerührt! So aber?!
Vom Rendezvous
Sie ging den steilen Wiesenpfad hinab, zum Rendezvous.
Ich sah braune Stauden ihre Röcke streifen. Ich sah ihr nach.
Bald kam Himbeergebüsch, das sie begrub.
Um 1/4-1 sollte ich sie erwarten.
Sie kam zurück, von Küssen ganz bedeckt.
Wie wenn die rechte Hand geheiligt wäre,
reichte sie mir die linke,
die ich an die Lippen hielt,
solang bis Wehmut kam und übertropfte — — —.
Examen
Ich unterwarf sie einer strengen Prüfung: Die Hände?! Vollkommen Die Augen?! „ Die Stirne?! „ Die Schultern?! „ Die Füße?! „ Die Zehen?! „ Die Stimme?! „ Die Bewegung?! „ Der Teint?! „ Die Seele?! „ Die Intelligenz?! „ Die Brüste?! Nicht vorhanden. Endresultat: Vollkommen!
Les Larmes
Also, nach vielen Jahren, habe ich wieder geweint.
Freilich war es bei dem Liede von Johannes Brahms: „Sapphische Ode“.
Aber ich hätte nicht geweint, wenn ich sie nicht kennen gelernt hätte — — —.
Ich wäre entzückt gewesen, gerührt, ergriffen.
Aber geweint hätte ich nicht — — —.
Also weinte ich dennoch _ihretwegen_!
Testament
Er hatte in sein Testament (der Ertrag seiner neun Bücher nach seinem Tode) die 12jährige Schönheit mit der jauchzenden, klingenden, bezaubernden Stimme eingesetzt. Aber da sie Millionärstöchterlein war, hatte er bestimmt, daß von dem Gelde sogenannte „Geschenke eines Verstorbenen“ zu kaufen seien, _außergewöhnliche_ Dinge, z. B. eine besondere Bergkristalldruse, oder ein besonderes holzgeschnitztes Christuskreuz. Da erfuhr er, daß man eine Kollekte gemacht hatte im intimen Kreise für einen Winterrock seines Bruders, eines modernen Diogenes. Da stieß er das Testament um, bestimmte nur, daß der Bruder an jedem 9. April, dem Geburtstage seiner kleinen Heiligen, derselben eine exzeptionelle Sache als „Geschenk eines Verstorbenen“ zu senden habe! Der Bruder dachte Tag und Nacht über solch ein Geschenk nach. Da schrieb die Heilige: „Ich will Ihnen Ihre Mission erleichtern. Schenken Sie mir nur das Manuskript des „Ein schweres Herz“. Er nahm es aus dem Schreine von gelbem Eibenholz, küßte es innig, und schickte es fort. Er fühlte: „Ich bin der Vermittler eines _letzten Willens_. Sie hat mir meine Aufgabe _erleichtert_, indem sie sie erschwert hat! Nur _Opfer belohnen_ sich! Ich hatte schon eine herrliche Bergkristalldruse aus den Tauern erstanden, mit Kristallen wie geschliffenes, gefrorenes Bergwasser. Aber das ist nun also für den nächsten 9. April!“
Sie schrieb: „Nun habe ich das Herz Ihres Bruders!“
„Nein“, fühlte er, „ich habe es, indem ich es _weggegeben_ habe!“
Aconitum Napellus
In meiner letzten Verzweiflung körperlicher Qualen nahm ich _Aconitum Napellus_. Ich hatte ihn vor acht Wochen blühen gesehen, auf dem Wege von Schluderbach nach Misurinasee, von dort nach „Tre croce“, von Kortina auf den Falzaregopaß. Überall hatte ich diese giftige Bergblüte gesehen, oft in Mengen wie kleine Felder. Und eigentümlich haftete mein Auge auf diesen Blüten, als ahnte ich, daß ich sie bald in meinem Zimmerchen als winzige durchscheinende Kügelchen, als letzte Hoffnung sterbender Nerven schlucken würde! Damals erlebte ich sie als Zeichen der Bergflora, neben Rhododendron und Legföhre. Wie romantisch kam mir die Blüte vor in ihrer mysteriösen Giftigkeit. Nun aber schlucke ich zwei Pillen, viertelstündlich. Wird es nützen?! Ich gedenke der herrlichen Tage, da ich die Blüte bewundern durfte, in Höhen, wo es karg ist und der Nachtsturm braust — — —.
ManöVers
Die Herren „_Verehrer_“, die wie Toreros aussehen oder wie kühne Cowboys oder wie französische Ritter aus dem 18. Jahrhundert, sei es von des Buges ihrer Nase Gnaden oder von Schneiders; die treten selbstsicher-nonchalant auf, sitzen oft mit dem Rücken gegen die Dame und sagen sogar, daß dieser oder jener Spaziergang ihnen _nicht_ konveniere und sie es daher _vorzögen_, sich _nicht_ anzuschließen und lieber in Ruhe ein gutes Buch zu lesen! Wenn man eine schöne Nase hat, kann man das allerdings wagen. Aber die Mißgewachsenen müssen eine andere Taktik einschlagen. Pakete tragen, Schirme aufheben und zu allem „Amen“ sagen, ist ihre kleine, süße Aufgabe. Auch damit kann man nette Erfolge einheimsen, und Opfer sind für „Opferfähige“ nicht allzu groß. Im ganzen genommen sind die armen Damen von einer wohlberechneten „Routine“ umgarnt, wie die italienischen Singvögel von den feinmaschigen Netzen. Selten schlüpft eines der herzigen Vögelchen durch, durch die engen Maschen, die ihrer Eitelkeit gelegt sind. In dieser Gesellschaft von Eroberern sticht besonders hervor der immerhin seltenere „_Salonplattenbruder_“, der „seelische“ Messerstecher. Er sticht gleich in die _Ehre_, in den _Ruf_, in das _Glück_ hinein, macht sich nichts aus drei Monaten Kerker, wollte sagen, aus Frauenverachtung. Diese „Verachtung“ sind seine „Geschäftsspesen“. Dafür hat er sie „gehabt“! Einer drang um 1 Uhr nachts in das Zimmer ein: „Ich sage in jedem Falle morgen, Fräulein, daß Sie mich bestellt haben! Also ist es schon ganz egal für Sie!“
Das leuchtete ihr ein — — —.
Gift
Es gibt ein Gift, das ewig wirkt,
ja sich vertausendfacht in seiner Wirkung
durch unablässiges Erinnern.
Das sind die deplaziert liebenswürdigen Worte der Geliebten zu fremden Männern.
Es ist ja richtig, sie hat sich nichts Besonderes dabei gedacht.
Doch weshalb hat sie nicht an das Besondere gedacht, uns tief zu quälen?!
Ihre gekränkte Miene bei unserm Vorwurf
kann uns nicht eines Besseren belehren,
so daß wir tief zerknirscht von hinnen schleichen.
Ein jeder Apotheker _ist verpflichtet_, das Gift zu kennen, das er uns reicht!
Und so die Frau.
_Will_ sie uns vergiften?!
Vielleicht, für Augenblicke, um uns dann, in ihrer Gnade, Gegenmittel zu verabreichen!
Erinnern ist ein Gift, das ewig wirkt,
und sich vertausendfacht in seiner Wirkung,
durch unablässige Erinnerung!
LuftveräNderung
Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie von einer _monatelangen_ Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton von zärtlicher Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen. „Findest du unser Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch nicht so ganz zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ — „Kinder, laßt euch in euren Gewohnheiten (von _acht_ Tagen) ja nicht stören, ich werde mich allem akkommodieren (alter Jesuit!).“
„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er kommt!“ — „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In besserer Luft kann man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird netter, rücksichtsvoller behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja — — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots, Jacken, Schals, als ob alle plötzlich tuberkulös geworden wären. „Annie häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon so nett, sogar ohne Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ — „Schlaft ihr hier nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine Familienmitglieder schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht gut zu tun, dem Erhalter und Ernährer.
Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber vor allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“ Nämlich auf den zweihundert Kronen.
Ein Nachtrag
Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein „Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun, infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine _fortdauernde_ Sache sein könne, sondern eine durch _Haß_-, _Verachtungs_- und vor allem _Gleichgültigkeits_-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen verfügbaren Sinne sein müsse! _Man kann niemanden auf die Dauer gleichmäßig gern haben_! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eine _anständige Stetigkeit und Verläßlichkeit_ der _Gefühlswelt_, ja sogar der Sinnenwelt, was eine _noch entsetzlichere Stupidität_ ist! Die „Mehrheit“ will uns eben _blöde machen_! Strindberg ist tot, Ibsen, Björnson, Tolstoi. Ja, da müssen _wir Flöhe_ uns halt aufraffen, und stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auch _verwunden_, _ohne_ Genies zu sein! Wir haben den _gesunden_ _Menschenverstand_! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere, liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr _Glücklichen_, ihr wart niemals auch nur eine _Stunde lang_ wirklich glücklich! _Geschäfte_ habt ihr gemacht und _Bilanzen_ berechnet! Ihr „_Aktiven_“ seid ewig „_passiv_“ gewesen!
Buchbesprechung
Ich habe mir das Buch schenken lassen vom Verlag J. J. Weber, Leipzig: „_Rosen und Sommerblumen_“. Ich lese es, ich betrachte die 160 Photographien, wie ein Werk von Maeterlinck! Jede Rose erblüht mir, als wandelte ich in einem Märchengarten. Alles wird Wirklichkeit. Ich sehe die Kletterrosen über alle Mauern, Wände, Gitter sich hinaufschwingen, blühend rosigweiße Pracht verbreitend über kahle, harte, notwendige Dinge! Ich sehe das Kletterröschen: „Maidens blush, Mädchens Erröten“, ich sehe die Immergrünrose: „Félicité et perpétuité“. Ich sehe „soleil d’or“, goldgelb mit rosigen Rändern. Ich sehe „Memorialrose“, für Grabdenkmäler, „Minnehaha“, die mich an Wedekinds herrliches Buch erinnert, das von der Nackterziehung erlesener Geschöpfe handelt, ich sehe die Rose „Katharina Zeimet“, mit _Wildrosencharakter_, wie manche scheinbar zarte Frauen, die Rose „Konrad Ferdinand Meyer“, die „Beauty of the Prairies“, die weiße Rose „Frau Karl Druschki“, die Bourbonrose „Souvenir de la Malmaison“ (in der Todesstunde getauft der Kaiserin Josefine). Ich sehe Rankrosen in düsterem Hohlweg glühen; Crimson Ramblerrose in riesigen rostrot lasierten ausgebauchten Töpfen, Japan vorzaubernd und seine Gärten; _vergeblich_ suche ich eine Rose „Kronprinzessin Cecilie“! Rosenzüchter, _dichtet mir_ in der ganzen weiten Welt eine Rose, die dieser _Herrlichsten_ wert wäre! „Kronprinzessin Cecilie“, du müßtest einen Platz erhalten im Garten, daß man schon von weitem deine deutsche und dennoch _internationale_ Pracht verspürte!
An —
Ich liebe dich — — —. ’s ist keine Frage mehr. Solange ich dich sah und sah und sah, und sah, _wußt_’ ich es nicht, _konnt_’ ich es nicht wissen! Nun, da ich dich den ganzen Vormittag nicht sah, zum _ersten Male_, und ich auch nicht weiß, ob ich des Abends dich _wiedersehen_ werde, _nun_ ist die Bangigkeit in mir! Mit wem bist du?! Wer nützt die Pause aus?! Kommst du vielleicht jetzt eben zur Besinnung, daß es noch heißere Leidenschaften gibt als die meiner Bewunderungsblicke?! Oh, wärst du hier, ich sänke dir zu Füßen, du würdest spüren, was ich bisher nicht wußte, und was doch war, vom ersten Tage an — — —! Und was du vielleicht wußtest, eh’ es war! Was liegt dir dran, vielleicht freut es dich doch!
Nekrolog (Fritz Strauss)
Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern sollen, und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich wünsche ihnen — — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir verhältnismäßig ganz Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar nicht ein, weshalb gerade ein 24jähriger Millionärssohn weggerafft werden soll, der genug Kultur hatte, Geld in _wirkliche_ Werte, ohne Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor, obzwar er wußte, daß es mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten Operation. Er war ein „_Gentleman-Musical-Clown_“, so benannte ich ihn sogleich. Jeden Abend nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch „nicht nötig“ hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“ mit ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und Violine. Sie ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen Damen vergaßen ihrer Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar keine hatten; die kranken Herren vergaßen, den kranken Damen den Hof zu machen. Das Lachen war da, das Lachen, in diesen heiligen, ernsten Gesundheitsräumen, und die Langeweile der _Liegekuren_, dieser neuen Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu konzentrieren, war vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als „Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und er sagte es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24 Jahre alt, unabhängig, mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig, bescheiden. Der hätte _bleiben_ dürfen! Nur der!
Erster Schnee
12. September 1912. Es regnete und es schneite zugleich. Der Sonnwendstein war bedeckt mit Schnee. Das war ein Lokalereignis. Jedermann besprach es eifrig. Die herrliche 14jährige, wie eine Venetianerin aus dem 18. Jahrhundert, stellte sich an die Fensterscheibe und sah hinaus. Alles andere ward sogleich dagegen lächerlich und gleichgültig. Für sie war Schnee gefallen auf dem Sonnwendstein, denn sie interessierte sich dafür. Ich hätte ihr zwei Meter hohen Schnee gewünscht, ganze weiße Hügel und Abgründe, damit sie sich besser amüsiere bei dem Anblick! Sie sah hinaus, und ich beneidete die Fensterscheibe um den Hauch ihres unbeschreiblich schön modellierten Mundes. Überall zogen Nebelfetzen dahin, dorthin, zerfetzten, verwischten die Landschaft, ertränkten sie in Grau. Das junge Mädchen begann sich zu langweilen. Es wird ein öder Tag werden in diesem Berg-Hotel. Mir erschien er licht und wertvoll! Sie setzte sich hin, um mit einem Kinde ein Spiel mit gelben, grünen, lila Würfelchen zu spielen. Sie ließ das Kind absichtlich gewinnen. Das Kind sagte: „Mit dir spiele ich nicht mehr, du spielst zu schlecht, immer verlierst du, du Ungeschickte!“
Der Maler
Die kleine 6jährige Tatarenkönigin Sonja D. sagte zu dem Dichter, der sie anbetete: „Mein Bruder Bogdan und ich, wir schlafen immer mit einem geöffneten Jagdmesser, einem Kindergewehre für Schrot und einer Pistole mit echten Kapseln, unter dem Kopfpolster! Aber die Banditen wollen nicht kommen, sich abschlachten zu lassen! Die Feiglinge!“ Der Dichter nahm das vergötterte Königinchen in seine zärtlichen Arme — — —.
Der Maler kam. Da sagten die Damen:
„Was finden Sie denn so Besonderes an dieser 6jährigen Sonja Dungyersky, die Sie jetzt malen für 500 Kronen? Sie ist doch viel unliebenswürdiger, eigenwilliger, unsanfter als die meisten anderen reizenden Kindchen hier?“
Der Maler: „Ich male sie von heute an _umsonst_, verstehen Sie mich, _umsonst_! Für mich und für _die Welt_! Also ausnahmsweise diesmal _nicht_ umsonst! Ich werde sie malen auf einem niedrigen, schmiedeeisernen, schweren Throne, mit ihren braunen Gazellenbeinen und ihren braungoldenen Locken! Umgeben von gebleichten Tatarenschädeln! Einer muß an einer goldenen Kette herabbaumeln und in einer Ecke muß ein Jüngling den grünen Giftbecher trinken und sie anblicken. Das Ganze heißt: ‚Kleine winzige Tatarenkönigin, Wildkatze, Besiegerin!‘ Wie aus einer entschwundenen Zeit von Kraft, Trotz, Schönheit, Unbesiegbarkeit stammt sie, und dennoch könnte man über ihre Anmut, über ihre Stimme, ja über ihre zarten Handbewegungen allein schon tagelang weinen und sich momentan hinopfern!“
So sprach der Maler; und die Mütter der wohlerzogenen, folgsamen Kinder erbleichten und schlichen fast krank von dannen!
Am nächsten Tage schrieben sie: „Wollen Sie unser Kindchen für 2000 Kronen malen?“
Und er schrieb zurück: „Nein!“
Aber am dritten Tage schrieb er zurück: „Ja!“
Und er malte die Kindchen und alle Tanten und Kusinen, und die Großeltern waren entzückt!: „Ja, ja, so ist unser Schätzchen, unser liebes, goldiges Geschöpfchen! Die Sanftmut schaut ihr aus den Augen heraus — — —!“
Ja, es waren _sanfte Kälber von dummen Kühen_, richtig porträtiert! Und ein jedes Kälbchen kostete 2000 Kronen, billigst berechnet!
Aber das Tataren—Königinchen Sonja Dungyersky, auf schmiedeeisernem breitem kurzem Throne, hatte er „umsonst“ gemalt. Und die Damen sagten: „Il s’est moqué de vous, Madame Dungyersky!“ Aber die Großmama stand lange lange vor dem Bilde. Nie sprach sie ein Urteil aus. Aber oft stand sie vor dem Bilde und starrte es an, an, an. Und eines Tages sagte sie: „Pour les étrennes, donnez moi l’image! Ce n’est rien pour vous. Vous êtes trop jeunes et trop vieux! Il faut pouvoir songer tout à la fois dans le passé et dans l’avenir!“
Betrachtungen
Der Schlitten war leicht wie eine Nußschale, aus braunem Stroh; die Landschaft prangte weiß in weiß, die roten Ebereschen und die bunten Gimpel, die schwarzen Krähen bemalten sie diskret und vornehm, fast nach japanischem Geschmacke. Ich sprach mit der edlen Dame über zarte Dinge des Lebens. Die edlen rehbraunen gedrungenen Pferde gaben die bekannten Verdauungsgeräusche von sich, schienen also nicht nach „Prodromos“ sich zu ernähren, sondern viel Unnötiges, Beschwerliches zu sich genommen zu haben, wie Hafer samt den Spelzen, fi donc!
Wir überhörten gleichsam diese Geräusche, und dennoch kam es wie „_allgemeine Unzulänglichkeit_“ der Lebewesen über uns, eventuell sogar fanatisch geliebter Damen. Ich liebte einst ein wunderbar schönes 13jähriges Schlossergesellentöchterchen, die mir einst sagte: „Behalten’s Ihre Briefe, es steht ja eh immer nur dasselbe drin, ich weiß schon, Sie haben wieder wegen mir die ganze Nacht geweint! Hab’ i Ihnen was angetan?! Na also, nur g’scheit sein! Kaufens mir lieber 1/2 Kilo Ringlotten, wann’s mich schon so gern haben!“ Bei einer solchen Gelegenheit ließ sie dann in der herzlichsten Weise kleine kurze fast piepsende Geräusche hören, infolge des Ringlottengenusses. Ich sagte: „No, no, was sind denn das für Liebeserklärungen?!“ Sie erwiderte: „Ah da schau’ her, wär’s Ihnen lieber, i sollt’s in mein Baucherl behalten, daß’s mich druckt?! A schöne Lieb’ is das!“
Ur-Seele
„Herr Peter“, sagte die herrliche 5jährige zu mir, „weshalb beschenken Sie Stella immer?! Stella gehört mir, ich bin eifersüchtig.“
„Auf wen?!“
„Auf überhaupt — — —.“
„Du solltest dich doch darüber freuen, wenn Stella beschenkt wird?!“ sagte ich.
„Ja, ich sollte. Aber ich freue mich eben nicht, sondern ich bin nur eifersüchtig!“
„Würdest du Stella dieselben Geschenke nicht geben, wenn du Geld hättest?!“
„Nein, Stella soll mich von selbst lieb haben. Ich habe sie auch von selbst lieb, sie braucht mir gar nichts zu schenken!“
„Aber Kind“, sagte die Großmutter, „du bist sehr herzlos und ungezogen!“
„Aber was braucht der Herr Peter meine Stella zu beschenken?! Meine Stella gehört mir, sie braucht nichts geschenkt, ich habe sie lieb!“
„Du solltest dich freuen, wenn — — —.“
„Ich sollte mich freuen, ich sollte mich freuen, aber ich kränke mich!“
Sie weint. Worüber?! Niemand weint umsonst — — —.
Frage
Was ist ein Dichter?!
Einer, der _schon w_einen kann,
wenn _noch_ die andern trockenen Herzens sind — — —.
Einer, der die sechsjährige Prinzessin Sonja Dungyersky
so zärtlich lieb hat wie die eigene Großmama sie lieb hat!
Einer, der abends im Gebirge den eingefangenen Oleanderschwärmer
auf das einzige Oleanderbäumchen setzt im Garten,
das ihn aus ferner Ebene hierherverlockt hat!
Einer, der die braune Nacktschnecke behutsam
vom Waldweg ins Gebüsch trägt — — —.
Einer, der Rosen schenkt und sie bezahlt mit seinem Nachtmahlgelde — — —.
Einer, der die geliebte Hand berührt und dabei Hochzeitnächte spürt von Seligkeiten!
Einer, der leidet, leidet — — —
und alle sagen: „Was fehlt ihm denn zu seinem Glücke?!“
Einer, der die Schale kauft, aus der sie Kakao getrunken hat.
Einer, der ein „innerer Bombenwerfer“ ist,
und dabei doch so sanft, so mild _verständnisvoll_ für alles!
Einer, den alle _verlachen_,
und um den sie trauern, wenn er _nicht mehr_ ist!
Letzte Unterredung
„Peter, was ist Ihnen?! Sie schauen so verzweifelt aus, und vor allem so bleich — — —.“
Er schweigt.
„Peter, ist es wegen des jungen Architekten?!“
Er schweigt.
„Peter, Sie lieben mich seit meinem 12. Lebensjahre. Von Eltern, von Gouvernanten, vernahm ich nur: ‚Du mußt, du sollst!‘
In _Ihren_ Augen lag von jeher eine unermeßliche Zärtlichkeit. Das darf ich Ihnen nicht vergessen, Peter. Es war der Lichtblick meiner düsteren Kindheit. Und oft wenn ich dachte: Wozu bist du?! da dachte ich sogleich: Er hat mich lieb! Von Ihrem Blicke lebte ich, das sag’ ich Ihnen nun.“
Er senkt das Haupt — — —.
„Peter, ich kann erst ganz glücklich sein, bis Sie mich wieder anschaun, lichten, liebevollen Antlitzes, wie eh und je — — —.“
Da schaute er sie an, an, an, lichten, liebevollsten Antlitzes, wie eh und je, so wie sie es brauchte und verlangte — — —. Ihr, Ihr zuliebe, damit sie wieder schimmere, leuchte, in ihren schlimmen Koketterien!
Die Niere
Zu den wahrhaftigsten und mich aufrichtig rührenden Opfern, die ein Mann einem geliebten Weibe bringt, rechne ich es immer, wenn er beim Nierenbraten die Niere _ihr_ überläßt, vorausgesetzt natürlich, daß er sie selbst gern ißt. Aber wer äße die Niere nicht gern?! Diese Niere ist überhaupt so ein sicherer Thermometer in Liebessachen. Zum Beispiel: „Otto, weshalb ißt du denn die Niere nicht?!“ — „Ich esse sie, und noc
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