Adams Tagebuch, und andere Erzählungen
Mark Twain
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Mark Twains
Humoristische Schriften
Neue Folge. 5. Band
Adams Tagebuch
und andere Erzählungen
Von
Mark Twain
Autorisiert
Inhalt:
Adams Tagebuch -- Mein Reisegefährte, der Reformator -- Meine Tätigkeit als Reisemarschall -- Von allerhand Schiffen -- Der Roman einer Eskimo-Maid -- Die Erzählung des Kaliforniers -- Die Appetit-Anstalt u. s. w.
[Illustration]
Stuttgart
Verlag von Robert Lutz
1903.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.
Inhalt
Adams Tagebuch 7
Mein Reisegefährte, der Reformator 35
Meine Tätigkeit als Reisemarschall 69
Von allerhand Schiffen 107
Der Roman der Eskimo-Maid 143
Die Erzählung des Kaliforniers 181
Die Appetit-Anstalt 201
Mein Eintritt in die Litteratur 231
Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹ 277
Besuch eines Interviewers 293
Adams Tagebuch.
_Vorbemerkung_: Ich habe einen Teil dieses Tagebuches bereits vor mehreren Jahren übersetzt, und ein Freund von mir hat ein paar Exemplare meiner Arbeit in unvollständigem Zustand gedruckt; doch ist nichts davon ins Publikum gedrungen. Seitdem habe ich noch etwas mehr von Adams Hieroglyphen entziffert, und ich glaube, daß er nachgerade als öffentlicher Charakter eine genügende Bedeutung besitzt, um die Herausgabe dieser Uebersetzung zu rechtfertigen.
Mark Twain.
_Montag._ Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und lungert beständig um mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren ... Es ist heute umwölkt; denke, wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher habe ich das Wort? Ich erinnere mich jetzt, -- das neue Geschöpf braucht es immer.
_Dienstag._ Habe den großen Wasserfall untersucht. Er ist das Beste auf dem ganzen Grundstück, sollt’ ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn den ›Niagara-Fall‹, -- habe auch nicht die blasseste Ahnung, weswegen. Wenn es sagt, das Ding sehe aus wie ›Niagara‹, so hat das keinen Sinn. Es ist nur so ein Einfall, nur leeres Geschwätz. Ich selber komme gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu benennen. Das neue Geschöpf tauft alles, was uns gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den geringsten Einwand dagegen erheben kann. Und das immer unter einem und demselben Vorwand, daß es so ›aussehe‹.
_Mittwoch._ Habe mir einen Unterschlupf gegen den Regen gebaut. Aber ich konnte ihn nicht friedlich für mich behalten. Das neue Geschöpf war gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen versuchte, vergoß es Wasser aus den beiden Löchern, mit welchen es sieht, wischte es mit dem Rücken seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich, wie verschiedene der andern Tiere, sobald ihnen etwas weh thut oder sie sich fürchten. Wenn es nur nicht sprechen wollte! Es schwatzt beständig. Das klingt fast wie Hohn und Spott, als wollte ich mich über das arme Geschöpf lustig machen. Aber die Absicht liegt mir fern. Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor gehört, und jeder neue und fremde Laut, welcher das feierliche Schweigen in dieser träumerischen Einsamkeit unterbricht, beleidigt mein Ohr, wie eine falsche Note. Und obendrein ist dieser neue Laut immer so nahe bei mir, er ist dicht an meiner Schulter, dicht an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der andern Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu hören, die mehr oder weniger entfernt von mir sind.
_Freitag._ Das Benennen geht unaufhaltsam weiter, ich mag dagegen thun was ich will. Ich hatte für das große Grundstück hier einen sehr guten Namen erfunden, der hübsch war und musikalisch zugleich -- Garten von Eden. Ich gebrauche den Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur verstohlen. Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen Landschaft nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere nicht im mindesten an einen Garten sondern sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So hat es ihm denn, ohne mich weiter zu fragen, den Namen Niagarafall-Park gegeben. Das ist eigenmächtig genug, sollte ich meinen. Und schon kann man auf dem Grase eine Tafel mit der bekannten Warnung sehen: »Es ist verboten den Rasen zu betreten!«
Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher.
_Samstag._ Das neue Geschöpf ißt zu viel Früchte. Wir werden wahrscheinlich bald Mangel daran haben. Schon wieder ›Wir‹ -- das ist sein Wort und meins jetzt auch bereits vom ewigen Hören ... Ziemlich neblig heute früh. Ich selbst gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das neue Geschöpf thut es. Es geht in allen Wettern aus und kommt dann mit schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. Dabei spricht es fortwährend, und früher war es hier so angenehm und ruhig.
_Sonntag._ Hab ihn glücklich hinter mir. Dieser Tag wird immer ermüdender. Der Sonntag wurde im letzten November zum Ruhetag gewählt und abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche schon sechs solche Tage. Und heute? Heute morgen fand ich das neue Geschöpf, wie es mit Erdklumpen nach dem verbotenen Baum warf, um die Aepfel herunterzuholen.
_Montag._ Das neue Geschöpf sagt: sein Name sei Eva. Das ist ganz recht, und ich will nichts dagegen einwenden. Es sagt, der Name sei dazu da, damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu haben wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name dann überflüssig sei. Dies Wort hob mich augenscheinlich in der Achtung des neuen Geschöpfs. Und wirklich das Wort ›überflüssig‹ ist sehr gut und von allgemeiner Bedeutung; es verdient bei jeder Gelegenheit wiederholt zu werden. Darauf sagte mir das Geschöpf, daß es gar kein ›Es‹, sondern eine ›Sie‹ sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft; aber mir ist’s einerlei; sie mag sein was sie will, wenn sie nur ihrer Wege gehen und nicht beständig reden wollte!
_Dienstag._ Sie sagt, dieser Park würde eine äußerst erquickende und reinliche Sommerfrische abgeben, für den Fall sich Gäste dafür finden ließen. Sommerfrische -- was heißt das? Offenbar wieder so ’ne neue Erfindung ihres rastlosen Hirns und ihres noch ruheloseren Mundes -- Worte ohne jeden Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser, ich frage sie gar nicht erst danach -- sie hat ohnehin eine wahre Sucht alles zu erklären.
_Freitag._ Sie hat es für gut befunden, mich zu bitten, nicht mehr über den Wasserfall zu gehen, wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht denn damit etwas zuleide? Sie sagt es mache sie schaudern. Ich möchte nur wissen warum? Ich habe es immer gethan, seit ich hier bin. Das Hineinspringen, das Untertauchen und die Aufregung dabei macht mir den größten Spaß. Und dann die Kühle, wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch immer gedacht, daß der Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens hat er -- soweit ich sehen kann -- sonst keinen Zweck, und irgend einen Zweck muß er doch haben. Und jetzt kommt sie und sagt, die ganze Geschichte wäre nur um der malerischen Scenerie willen da -- wie das Rhinoceros und das Mastodon.
Bin darauf in einem Faß über den Fall hinuntergesegelt, -- auch das war nicht nach ihrem Geschmack. Dann in einer Waschbutte, -- sie war noch immer nicht zufrieden. Ich schwamm durch den Strudel unterhalb des Falls und durch die Stromschnellen oberhalb des Falls in einem nagelneuen Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast in Fetzen ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe wegen meiner Verschwendungssucht. Ich fühle mich hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel wird mir gut thun.
_Samstag._ Am Abend des letzten Dienstag bin ich durchgebrannt und habe mir dann, nachdem ich zwei Tage drauflosgewandert war, einen neuen Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen Stelle. Aber wie sehr ich auch bemüht gewesen war, meine Spuren zu verwischen und zu verbergen, -- sie hat mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres, welches sie gezähmt hat und ›Wolf‹ nennt; sie stürzte plötzlich zu mir herein, machte wieder das klägliche Geräusch, das ich nicht hören mag, und ließ das Wasser aus den beiden Löchern, mit denen sie sieht, hervorschießen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr zurückzugehen, -- aber ich werde sofort wieder ausreißen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Sie giebt sich mit allerlei ganz überflüssigen Dingen ab. Unter anderm versucht sie, herauszubekommen, warum die Tiere, welche Löwen und Tiger heißen, auf diesem großen Grundstück von Gras und Blumen leben, während sie doch nach ihrer Meinung eine Art Zähne haben, die deutlich beweist, daß sie bestimmt sind einander aufzufressen. Das ist einfach Narrheit.
_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir.
_Montag._ Ich glaube jetzt dahintergekommen zu sein, wozu die Woche da ist: sie soll einem Zeit geben, um sich von der Ermüdung des Sonntags zu erholen. Das ist gar keine schlechte Idee ... Ich habe Eva schon wieder an dem verbotenen Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert und ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunterkam und sagte, es hätte ’s ja niemand gesehen. Ich glaube, sie hält das für eine genügende Rechtfertigung, um die gefährlichsten Dinge zu thun. Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung erregte ihre Bewunderung und zugleich, wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr leicht erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort.
_Dienstag._ Das Neueste, was sie mir gesagt hat, ist, daß sie aus einer von meinem Körper genommenen Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine gewagte Behauptung. Mir hat doch nie eine Rippe gefehlt! Besonderes Kopfzerbrechen macht ihr seit einiger Zeit der junge Habicht, mit dem sie sich so viel abgiebt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen, und fürchtet daher, ihn nicht aufziehen zu können, weil er, wie sie sich einbildet, verwestes Fleisch zur Nahrung haben müsse. Ein Habicht sollte sich, meiner Meinung, mit dem begnügen was vorhanden ist. Man kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe die ganze Ordnung der Dinge umkehren.
_Samstag._ Gestern fiel sie in den Teich, als sie sich zu weit vorbog, um sich im Wasser zu betrachten. Sie thut das immer, sobald sie an einen Teich kommt, nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen. Sie hat so viel Wasser geschluckt, daß sie beinahe erstickte. Das sei ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte sie, als sie wieder draußen war. Es machte sie auch traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser leben müssen, und die sie Fische nennt. Sie hat nämlich noch immer nicht aufgehört, allen möglichen Dingen ganz unnütze Namen anzuhängen. Sie kommen gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das verschlägt ihr nicht das geringste; sie ist nun einmal solche Thörin! Die Folge war, daß sie gestern abend eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte und, damit sie warm werden möchten, in mein Bett that. Aber ich habe sie seitdem beobachtet und die Wahrnehmung gemacht, daß sie durchaus nicht glücklicher schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den ganzen Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde ich sie einfach vor die Thüre werfen und nicht wieder mit ihnen schlafen, denn sie sind unangenehm schleimig und naßkalt, und das Liegen zwischen ihnen ist, namentlich wenn man nichts anhat, höchst unbehaglich.
_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir.
_Dienstag._ Jetzt hat sie sich mit einer Schlange eingelassen. Die andern Tiere sind froh, weil sie beständig an ihnen herumhantierte und sie nicht in Ruhe ließ -- auch ich freue mich darüber, weil die Schlange gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann.
_Freitag._ Sie sagt mir, die Schlange habe ihr geraten, die Frucht von dem Baum zu kosten, und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine große, schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich sagte ihr, es würde noch etwas anderes daraus entstehen -- der Tod würde in die Welt kommen. Aber das war ein großer Mißgriff von mir, und ich hätte ungleich besser gethan, die Bemerkung für mich zu behalten. Es brachte sie nur auf den Gedanken, daß sie dann den kranken Habicht gesund machen und den trübselig einherschleichenden Löwen und Tigern frisches Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte. Ich riet ihr noch einmal aufs dringendste, von dem Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es nicht. Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke wieder ans Auswandern.
_Mittwoch._ Ich habe eine bunte Zeit hinter mir. An jenem Abend bin ich ausgerissen und die ganze Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem Park herauszukommen und ein anderes Land zu erreichen, bevor die ganze Not hereinbrach. Aber das sollte mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hatte ich die Grenze noch immer nicht erreicht. Dafür befand ich mich auf einer grasigen, mit Blumen bedeckten Ebene, auf der Tausende von Tieren versammelt waren, teils schlafend, teils weidend, teils miteinander spielend, wie das bei den Tieren Brauch war. Aber plötzlich stießen sie allesamt ein entsetzliches Gebrüll und Geheul aus, und schon im nächsten Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr durcheinander. Wie rasend fielen die Tiere über einander her und zerfleischten sich gegenseitig. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten, doch wußte ich sofort, was es zu bedeuten hatte -- Eva hatte von der verbotenen Frucht gegessen, und im selben Augenblick war auch der Tod in die Welt gekommen! Die Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen es, ohne sich weder an meine Bitten noch an meine Befehle zu kehren. Ja, sie würden mich selber gefressen haben, hätte ich mich nicht schnell aus dem Staube gemacht. Jenseits der Grenze des Parks fand ich diesen Platz und hier habe ich mich seitdem auch ein paar Tage äußerst behaglich befunden, bis -- sie mich auch hier entdeckt hatte und plötzlich vor mir stand. Das Merkwürdigste dabei war, daß mir das eigentlich gar nicht so unangenehm schien, wie ich es mir vorher vielleicht vorgestellt hatte. Auch sie fand den Platz gar nicht übel und hatte natürlich wieder sofort einen Namen für ihn, -- weil er gerade so aussah. Schließlich war ich sogar ganz froh, daß sie mich gefunden hatte, da es hier herum weder Früchte noch Beeren gab, wie drüben im Park, und sie ein paar von den Aepfeln des verbotenen Baumes mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, daß ich mich genötigt sah, sie zu verspeisen. Eigentlich ging es gegen meine Grundsätze -- aber ich habe damals entdeckt, daß der Mensch seinen Grundsätzen nur treu zu bleiben pflegt, wenn er genug zu essen hat.
Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. Sie kam in einer Art Umhüllung von Zweigen und Laubgewinden, und als ich sie fragte, was dieser neue Unsinn bedeuten solle, ihr das ganze grüne Zeug herunterriß und es auf die Erde warf, -- da zitterte sie an allen Gliedern, und wurde rot im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden zittern und rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön, sondern geradezu blödsinnig. Sie sagte aber auf meine Frage nur: ich würde das bald an mir selbst erfahren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz meines Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite -- es war obendrein der feinste, den ich je gekostet habe, noch dazu bei so vorgeschrittener Jahreszeit -- und fing an, mich selber mit dem Grünzeug zu behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. Dann sah ich sie an, wie sie so dastand und befahl ihr mit Entrüstung, noch mehr Zweige und Blätter zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei. Sie gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir beide nach dem Platz zurück, wo die wilden Tiere vorhin die Vernichtungsschlacht gekämpft hatten und sammelten einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus für uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen wir uns öffentlich zeigen könnten. Sie sind hart und unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten Mode, und das ist ja schließlich bei Kleidern die Hauptsache.
Ich finde neuerdings auch, daß sie eine ganz gute Gesellschafterin ist. Ohne sie würde ich jetzt recht einsam und traurig sein, nachdem ich meinen Grundbesitz verloren habe. Ueberdies hat sie mir eben gesagt, daß wir nach der neuen Ordnung der Dinge fortan für unsern Lebensunterhalt arbeiten müssen. Da kann sie sich nützlich machen. Sie wird arbeiten und ich werde die Aufsicht führen.
_Nächstes Jahr._ Wir haben es Kain getauft, sie hat es eingefangen, während ich weiter draußen im Land war, um zu jagen und Fallen zu stellen. Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr erzählte, im Tannengehölz, ein paar Meilen südlich von der Erdwohnung, die wir uns angelegt haben. Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt dies Eva, aber meiner Meinung nach ist es ein Irrtum. Der gewaltige Unterschied in der Größe allein rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur eine andere, noch neue Art Tier ist, -- vielleicht ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser warf, um mir Gewißheit zu schaffen, sank es sofort unter, worauf sie ihm nachsprang und es herauszog, ohne mir die nötige Zeit zu lassen, die Sache durch meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch immer der Ueberzeugung, daß es ein Fisch ist, während es ihr so gleichgültig zu sein scheint, was es ist, daß sie es mir um keinen Preis zu einem neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht. Mir ist an ihr neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich. Seit sie das Geschöpf im Hause hat, scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche läßt sie sich schlechterdings nicht mehr ein. Sie hat auch noch nie auf ein Tier so große Stücke gehalten, wie auf dieses, doch weiß sie mir keinen Grund dafür anzugeben. Ich glaube wirklich sie hat ihre fünf Sinne nicht mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch halbe Nächte lang in ihren Armen umher, wenn er jammert und winselt, weil er ins Wasser will, und wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen und hinein werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr dagegen, wie nur je, als sie noch bei Verstande war. Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann wieder das Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht; sie drückt den Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise auf den Rücken, macht mit ihrem Munde allerlei Töne, die ihn beruhigen sollen, und ist ganz närrisch vor Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher dergleichen nie mit einem andern Fisch, oder sonst irgend einem Tiere thun sehen, und ich mache mir viel Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserm Grundstück vertrieben wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu Zeit junge Tiger herumgetragen und ihr Spiel mit ihnen getrieben, aber doch nicht immerfort und niemals bei Nacht. Auch hat sie sich’s nie so zu Herzen genommen, wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam.
_Sonntag._ Am Sonntag scheint sie sich’s zur Regel zu machen, nicht zu arbeiten, sondern ganz erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und den Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Dabei bringt sie allerlei Töne mit dem Munde hervor und behauptet, das belustige ihn; sie steckt sich auch seine kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und er fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe noch keinen Fisch lachen sehen, und dabei kommen mir allerlei Zweifel ... Der Sonntag gefällt mir jetzt selber ganz gut. Es ermüdet ja Körper und Geist zugleich, wenn man die Woche über fortwährend die Arbeit anderer beaufsichtigen muß. Da sollte es noch mehr Sonntage geben. In den früheren Zeiten, auf dem großen Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten, jetzt fangen sie an, mir ganz gelegen zu kommen.
_Mittwoch._ Es ist kein Fisch. Das weiß ich jetzt -- aber darum kann ich noch lange nicht begreifen, was es eigentlich ist. Wenn es was haben will und bekommt es nicht gleich, macht es den tollsten und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat, was es will, oder sonst zufrieden ist, sagt es ›Gugu‹ oder etwas der Art. Es ist kein Mensch, denn es kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte es fliegen; es ist kein Frosch, denn es hüpft nicht; und auch keine Schlange, weil es nicht kriechen kann. Daß es kein Fisch ist, weiß ich ebenfalls ganz bestimmt, obgleich ich nicht dazu kommen kann, es schwimmen zu lassen. Wenn Eva es nicht auf den Armen hat, liegt es meist am Boden auf dem Rücken und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch bei keinem Tier gesehen. Ich glaube es muß ein Riesenkäfer sein. Wenn es stirbt will ich es auseinandernehmen, um seine innere Einrichtung zu untersuchen. Ich muß der Sache doch auf den Grund kommen.
_Drei Monate später._ Die Geschichte wird immer rätselhafter. Ich kann kaum noch schlafen, weil sie mir so im Kopfe herumgeht. Das Geschöpf liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf seinen vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich wesentlich von den übrigen Vierfüßlern, denn seine Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So ragt denn der Hauptteil seiner Person ganz unverhältnismäßig in die Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat. Im übrigen ist es ganz so gebaut wie wir, doch beweist schon die Art seiner Fortbewegung, daß es nicht zu unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und die Länge der Hinterbeine deuten darauf hin, daß es aus der Känguruh-Familie stammt. Doch unterscheidet es sich auch hier wieder von dem wirklichen Känguruh, denn es kann nicht hüpfen wie dieses. Es muß eine seltsame und interessante Abart sein, die bisher noch nicht katalogisiert worden ist. Da ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für berechtigt, mir den Ruhm dieser Entdeckung für alle Zeiten dadurch zu sichern, daß ich dem neuen Geschöpf meinen Namen beilege. Ich habe es ~Kaengurum Adamiensis~ getauft.
Es muß ein ganz junges Exemplar gewesen sein, als Eva es in dem Tannengehölz fing, denn es ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist es wohl fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas haben will und es nicht gleich bekommt, macht es dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang und Gewalt vermögen nichts dagegen auszurichten, im Gegenteil, sie machen die Sache immer nur schlimmer. Darum habe ich das Zwangs-System, mit dem ich es eine Zeit lang versuchte, wieder aufgegeben, zumal ich ihr gegenüber ohnehin damit einen besonders schwierigen Stand hatte. Sie besänftigt es immer mit Zureden und Schönthun und meistens damit, daß sie ihm alles giebt, was sie ihm zuerst rundweg abgeschlagen hat.
Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu Hause, als sie es brachte. Sie sagte mir, sie habe es im Walde gefunden. Es ist unbegreiflich, daß es das Einzige seiner Art sein sollte, aber ich habe mich die ganze Zeit über müde und lahm gesucht, um ein zweites Exemplar zu finden, teils um es unserer Sammlung hinzuzufügen, teils als Spielgefährten für unseres. Es würde dann gewiß stiller sein und sich leichter zähmen lassen. Aber ich kann keines entdecken; auch nicht die leiseste Spur habe ich aufgefunden. Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders leben als auf dem Erdboden und wenn es sich vorwärts bewegt, müßte es doch eine Fährte hinterlassen. Ich habe wohl ein Dutzend Fallen und Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle kleinen Tiere kann ich fangen, nur dieses nicht. Sie gehen meist aus Neugierde in die Falle, nur um zu sehen, wozu die Milch eigentlich dort aufgestellt ist, glaube ich. Trinken thun sie die Milch nie, sie werfen sie höchstens um.
_Drei Monate später._ Unser adamitisches Känguruh wächst noch immer fort, was höchst seltsam und beunruhigend ist. Ich habe noch nie gesehen, daß ein Känguruh so lange braucht, um seine volle Größe zu erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem Kopf; gar nicht wie einen Känguruhpelz, sondern viel eher wie unser eigenes Haar, nur daß es sich feiner und weicher anfühlt, und statt schwarz rot ist. Wenn das noch lange so fort geht, verliere ich nächstens den Verstand über die tollen und unberechenbaren Sprünge in der Entwicklung dieses unklassifizierten zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites fangen, -- doch das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. Es ist eine neue Art und von dieser das einzige Exemplar, -- soviel steht jetzt fest. Seit vorgestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden. Ich hatte ein wirkliches Känguruh gefangen und mit nach Hause gebracht, in dem Gedanken, daß das unserige in seiner Einsamkeit froh sein würde, wenigstens ein ihm einigermaßen verwandtes Tier zu begegnen. Unter Wildfremden, die nichts von seiner Art und Weise und seinen Wünschen und Begierden verstehen, mußte es doch darin, wie ich glaubte, einen kleinen Trost finden. Aber welchen Mißgriff hatte ich begangen. Es fiel bei dem bloßen Anblick des eingefangenen Känguruhs in solche Krämpfe, daß ich sofort wußte, es habe noch kein derartiges Geschöpf gesehen. Mir thut das kleine Tier leid, denn es schreit bei der geringsten Gelegenheit und ich kann nichts thun, um es glücklich zu machen oder zu sorgen, daß es sich bei uns wie unter seinesgleichen fühlt -- und doch möchte ich es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es nur wenigstens zähmen könnte, -- aber auch das ist ganz außer Frage. Und je mehr ich es versuche, um so schlimmer scheine ich es zu machen. Es schneidet mir geradezu ins Herz, das kleine Ding bei seinen Anfällen von Kummer und stürmischer Leidenschaft zu sehen. Eigentlich möchte ich, wir wären es wieder los; doch wage ich gar nicht den Wunsch auszusprechen. Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst damit und zweitens würde Eva von einem solchen Vorschlag kein Wort hören wollen. Das scheint sehr grausam und selbstsüchtig von ihr, -- aber vielleicht hat sie doch recht. Es würde dann am Ende noch einsamer sein als vorher. Ist es mir nicht gelungen ein zweites Exemplar seiner Gattung zu finden, so müßte es selber gewiß auch vergebens danach suchen.
_Fünf Monate später._ Es ist kein Känguruh! Nein, es kann sich seit wenigen Tagen selbst auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es sich gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an ihrem hingestreckten Finger festhält. Ueber ein paar Schritte kommt es dabei freilich noch nicht hinaus, sondern fällt dabei jedesmal bald wieder auf alle Viere zurück. Aber das genügt, um uns die Gewißheit zu verschaffen, daß es kein Känguruh ist. Viel wahrscheinlicher, daß es eine Art Bär ist. Nur hat es keinen Schwanz und, -- wenigstens bis jetzt, -- kein haariges Fell, außer auf dem Kopf. Uebrigens sind die Bären gefährlich -- ich weiß das von jener Vernichtungsschlacht her. Ich werde diesem hier, so gerne ich ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben, sich ohne Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe ich wieder einen Versuch gemacht, Eva ein richtiges, ausgewachsenes Känguruh zu versprechen, für welches sie dann dieses laufen lassen könnte. Aber alles, was ich damit erreichte, war, daß es aus den Sehlöchern in ihrem Gesicht förmlich wie Feuer sprühte und sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als je von der Hand läßt. Ich fürchte, sie wird uns durch ihre Thorheit in neue Gefahr bringen. Seit sie den Verstand verloren hat, ist sie wie umgewandelt.
_Vierzehn Tage später._ Ich habe seinen Mund untersucht. Noch ist es unschädlich; es hat erst einen Zahn. Auch einen Schwanz hat es noch immer nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor. Und namentlich in der Nacht. In den letzten beiden Nächten war es so arg, daß ich ausgezogen bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber, und dann sehe ich nach, ob es noch mehr Zähne bekommen hat. Wenn es erst einmal den ganzen Mund voll Zähne hat, wird es die höchste Zeit sein, Maßregeln zu ergreifen, -- Schwanz oder nicht Schwanz -- denn ein Bär braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein.
_Vier Monate später._ Ich bin wieder auf einem längeren Jagd- und Fischausflug fortgewesen. Etwa einen Monat lang. In der Zwischenzeit hatte der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen allein fortzuhelfen und etwas, das wie ›Poppa‹ und ›Momma‹ klang, zu sagen. Es ist sicherlich eine ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie Worte anhören, mögen etwas rein Zufälliges sein und an sich gar nichts zu bedeuten haben. Aber selbst dann ist die Sache noch immer merkwürdig genug, und jedenfalls etwas, was kein anderer Bär kann. Diese Aehnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen des Pelzes und der vollständige Mangel eines Schwanzes, beweisen zur Genüge, daß es nicht nur eine besondere, sondern eine ganz neue Art Bär ist. Inzwischen beabsichtige ich, seinetwegen auf eine neue Forschungsexpedition auszugehen und die großen Wälder weiter im Norden nach einem zweiten Exemplar zu durchsuchen.
_Drei Monate später._ Es war ein langer und langweiliger Jagdausflug, von dem ich da eben zurückgekehrt bin. Aber er war ganz und gar erfolglos. Was hat sie aber in der Zwischenzeit gethan? Ohne sich vom Platze zu rühren und sich im mindesten anzustrengen hat sie unterdessen gerade auf dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen! Hat man je von solchem Glück gehört?
_Tags darauf._ Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten verglichen, und es ist gar kein Zweifel, daß sie vom gleichen Schlage sind. Ich äußerte den Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im allgemeinen eingenommen, und in diesem Falle wollte sie erst recht nichts davon wissen. So habe ich denn die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich ich denke, daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen sollen. Man denke sich, daß sie plötzlich wieder abhanden kämen, und stelle sich den Verlust für die Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen zurückbliebe!
Das ältere von beiden ist auch das weitaus zahmere. Es kann sogar plappern und lachen, wie ein Papagei. Und da auch Papageien so viel um uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles, und die Gabe der Nachahmung überhaupt, von ihnen gelernt hat. Na, wer weiß, -- vielleicht kommt es zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn ich bedenke, was es alles schon gewesen ist seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen Fisch hielt. Das neue ist grade so häßlich wie das andere zuerst war; es hat gelblich-rote Fleischfarbe und auf dem Kopf nur hier und da einen ganz leisen Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen Namen gegeben -- Abel nennt sie es.
_Zehn Jahre später._ Es sind Jungens! Wir wissen das jetzt schon seit geraumer Zeit. Nur ihre anfängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit hat uns so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht erlebt, daher unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben wir uns bereits daran gewöhnt, -- auch ein paar Mädel sind schon angekommen.
Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain ein Bär geblieben wäre, so würde das besser für ihn gewesen sein.
Was mich anlangt, so sehe ich nach allen diesen Jahren ein, daß ich Eva im Anfang unrecht gethan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens mit ihr zu leben, als im Garten ohne sie. Ich meinte zuerst, sie spräche zuviel. Aber jetzt würde es mich aufs tiefste betrüben, wenn diese Stimme verstummen und ich sie mein Lebtag nicht mehr hören sollte. Gesegnet sei der Apfelbiß, der uns zuerst einander so nahe gebracht hat, daß ich ihre Holdseligkeit und die Güte ihres Herzens erkennen lernte!
_Ende._
Mein Reisegefährte, der Reformator.
Es war im Frühjahr 1893; ich reiste nach Chicago, um die Weltausstellung zu sehen, sah sie zwar nicht, aber mein Ausflug war doch nicht ganz fruchtlos -- ich fand Ersatz für die Ausstellung. In New York machte ich die Bekanntschaft eines Majors von der Armee, der mir sagte, er wolle ebenfalls nach Chicago gehen; wir verabredeten uns, die Reise zusammen zu machen. Ich hatte vorher noch etwas in Boston zu tun, aber das machte ihm nichts; er sagte, er wolle den Umweg machen und mitkommen. Er war ein schöner Mann, von einem Körperbau wie ein Gladiator, indes seine Manieren waren ruhig, seine Sprache war sanft und hatte etwas Ueberzeugendes an sich. Er war ein unterhaltender Gesellschafter, aber ungemein ruhig; dazu ohne jeglichen Sinn für Humor. Er nahm Interesse an allem, was um ihn herum vorging, allein sein Gleichmut war unerschütterlich; nichts brachte ihn aus der Ruhe, nichts regte ihn auf.
Bevor indessen der Tag zu Ende war, bemerkte ich, daß er tief im Innern trotz all seiner Ruhe eine Leidenschaft hatte -- eine Leidenschaft für die Abstellung kleiner Mißstände im öffentlichen Leben. Er schwärmte für Bürgerpflicht -- das war sein Steckenpferd. Er war der Meinung, jeder Bürger der Republik müsse sich selber als nichtamtlichen und unbesoldeten Polizisten betrachten und über den Gesetzen und ihrer Beobachtung treue Wacht halten. Seiner Ansicht nach waren die Rechte der Allgemeinheit auf wirksame Weise nur zu wahren und zu schützen, wenn jeder Bürger für sein Teil dazu half, daß jeder Verstoß, der zu seiner persönlichen Kenntnis kam, verhindert oder bestraft wurde.
Der Gedanke war gut; mir wollte nur scheinen, als ob man dabei fortwährend Unannehmlichkeiten haben müsse und nichts andres mehr zu tun habe, als pflichtwidrig handelnde kleine Beamte absetzen zu lassen, um vielleicht zum Dank dafür bloß ausgelacht zu werden. Aber er sagte nein, ich wäre auf dem Holzweg; es läge keine Veranlassung vor, irgend jemand absetzen zu lassen, ja es _dürfe_ überhaupt niemand entlassen werden; das wäre gänzlich verfehlt -- nein, man müßte den Mann reformieren und für die von ihm bekleidete Stelle brauchbar machen.
»Da muß man also den Sünder erst zur Anzeige bringen und dann den Vorgesetzten bitten, ihn nicht zu entlassen, sondern ihm nur einen tüchtigen Rüffel zu geben und ihn zu behalten?«
»Nein, so ist es nicht gemeint; Sie dürfen ihn überhaupt nicht anzeigen, denn damit bringen Sie sein täglich Brot in Gefahr. Sie könnten so tun, als ob Sie ihn anzeigen wollten -- wenn alles andre nichts hilft. Aber nur im äußersten Notfall. Das ist schon eine Art von Gewalt, und Gewalt taugt nicht. Diplomatie -- das hilft! Wenn nun jemand Takt besitzt -- wenn er Diplomatie anwendet ...«
Seit zwei Minuten waren wir vor einem Telegraphenschalter gestanden, und die ganze Zeit über hatte der Major sich bemüht, die Aufmerksamkeit eines der jungen Beamten zu erregen; aber von denen hatte keiner Zeit, weil sie alle Maulaffen feil hielten. Schließlich machte sich der Major bemerklich und bat einen von ihnen, ihm sein Telegramm abzunehmen. Er bekam zur Antwort:
»Sie können wohl ’ne Minute warten, was?«
Und der junge Mann sah wieder aus dem Fenster.
Der Major sagte ja, er hätte es nicht so eilig. Dann schrieb er ein zweites Telegramm:
»Präsident der Western Union Telegraph Company. Bitte, speisen Sie heute abend bei mir. Kann Ihnen etwas davon erzählen, wie in einem Ihrer Bureaus der Dienst gehandhabt wird.«
Der junge Mann, der eben vorher so schnippisch geantwortet hatte, streckte die Hand aus und nahm das Telegramm; als er es las, wurde er ganz blaß und begann sich zu entschuldigen. Er sagte, er würde seine Stellung verlieren, wenn dieses furchtbare Telegramm abginge, und vielleicht bekäme er keine andre wieder. Wenn es ihm nur noch diesmal so hinginge, so würde er in Zukunft keinen Anlaß zur Klage mehr geben. Daraufhin wurde der Friede geschlossen.
Als wir weitergingen, sagte der Major:
»Nun, sehen Sie, das war Diplomatie -- und Sie haben bemerkt, wie sie wirkte. Es hätte gar keinen Zweck gehabt, Lärm zu machen, wie die Leute fortwährend tun -- der junge Mensch kann einem mit gleicher Münze heimzahlen, und man zieht fast immer den kürzeren dabei und ärgert sich bloß über sich selber. Aber, wie Sie gesehen haben, gegen Diplomatie kann er nichts machen. Freundliche Worte und Diplomatie -- das sind die Werkzeuge, mit denen man arbeiten muß.«
»Ja, ich verstehe; aber nicht jeder ist in so günstiger Lage, wie Sie in diesem Fall. Es steht eben nicht jedermann auf so vertrautem Fuß mit dem Präsidenten der Western Union.«
»Ich kenne den Präsidenten gar nicht -- ich benutzte ihn nur zu diplomatischen Zwecken. Es geschieht zu seinem und zum allgemeinen Besten. Also nichts Böses dabei.«
Ich fragte zögernd und mit bedenklichem Gesicht: »Ist es aber überhaupt wohl jemals recht oder anständig, zu lügen?«
Die gelinde Selbstüberhebung, die in der Frage lag, beachtete er nicht, sondern antwortete mit unerschütterlich ernster Einfachheit:
»Ja, zuweilen. Wenn man lügt, um jemand Schaden zu tun oder um sich selber einen Vorteil zu verschaffen, so ist das nicht zu rechtfertigen. Wenn man dagegen lügt, um einem Nebenmenschen beizustehen oder um des allgemeinen Besten willen -- oh, das ist ganz was andres! Das weiß ja jedes Kind. Aber ganz abgesehen von den Methoden -- Sie sehen das Ergebnis. Der junge Mensch wird jetzt ein brauchbarer und höflicher Beamter werden. Er hatte ein gutes Gesicht. Es lohnte sich, ihn zu retten, -- um seiner Mutter, wenn nicht um seiner selbst willen. Natürlich hat er eine Mutter -- auch Schwestern. Hol’ der Henker die Leute, die das fortwährend vergessen. Wissen Sie, ich habe nie in meinem Leben ein Duell gehabt -- nicht ein einzigesmal --, obwohl ich so gut wie andre Leute Herausforderungen erhielt. Ich sah immer meines Gegners unschuldige Frau oder Mutter oder Kinderchen zwischen ihm und mir stehen. _Sie_ hatten ja nichts getan -- ich konnte doch nicht _ihre_ Herzen brechen.«
Er verbesserte im Lauf des Tages eine hübsche Menge Mißstände, und stets ohne Reibung, stets mit einer feinen und zartfühlenden ›Diplomatie‹, die keinen Stachel zurückließ. Seine Leistungen bereiteten ihm so viel Glückseligkeit und Zufriedenheit, daß ich ihn um seinen Beruf beneidete und mich vielleicht auch darin versucht haben würde, wenn ich die notwendigen Abweichungen von der Wahrheit mit ebensolcher Zuversicht aus meinem Munde hervorbringen könnte, wie es mir mittels einer Feder und hinter der Deckung einer Druckerpresse nach einiger Uebung -- glaube ich -- wohl möglich wäre.
Als wir am späten Abend mit der Pferdebahn wieder in die Stadt hinein fuhren, kamen drei Radaubrüder in den Wagen und begannen nach rechts und links mit unflätigen Späßen und Flüchen um sich zu werfen. Die Passagiere, zum Teil Frauen und Kinder, hatten Angst, und kein Mensch wagte, den Knoten entgegenzutreten oder ein Wort zu erwidern; der Schaffner versuchte es mit gütlichem Zureden, aber die Rauhbeine gaben ihm einfach Schimpfworte zurück und lachten ihn aus. Sehr bald sah ich dem Major an, daß er hier einen Fall seiner Spezialität vor sich hatte; augenscheinlich musterte er in Gedanken seinen Vorrat von diplomatischen Mitteln. Ich sah mit Bestimmtheit voraus, daß ein derartiger Versuch ihm nur Spott und Hohn, vielleicht sogar noch Schlimmeres einbringen würde; aber bevor ich ihm diese Bemerkung zuflüstern konnte, sagte er bereits in gleichmütigem und leidenschaftslosem Ton:
»Schaffner, Sie müssen die Schweine ’nausschmeißen. Ich will Ihnen dabei helfen.«
Das hatte ich nicht erwartet. Schnell wie der Blitz fuhren die drei Knoten auf ihn los, aber kein einziger kam an ihn heran. Er teilte drei Faustschläge aus, wie man sie außerhalb eines Preisboxerringes zu sehen nicht erwarten konnte, und die drei Kerle blieben liegen, wo sie hingefallen waren. Der Major schleifte sie hinaus und warf sie von der Plattform des einen Moment haltenden Wagens hinunter; hierauf fuhren wir weiter.
Ich war erstaunt; erstaunt darüber, daß ein Lamm so vorgehen konnte; erstaunt über die von ihm entfaltete Kraft und über das klare und allgemeinverständliche Ergebnis; erstaunt über die gewandte und geschäftsmäßige Art, wie er das Ganze gemacht hatte. Die Situation hatte ihre humoristische Seite, insofern ich den ganzen Tag über von diesem schlagfertigen Herrn fortwährend Vorträge über sanfte Ueberredung und freundliche Diplomatie angehört hatte. Ich hätte ihn gern darauf hingewiesen und einige Sarkasmen darüber angebracht; aber als ich ihn ansah, merkte ich, daß das keinen Zweck haben würde. Auf seinem ruhigen und zufriedenen Gesicht lag keine Ahnung von Humor; er würde mich nicht verstanden haben. Als wir auf einer der nächsten Haltestellen ausgestiegen waren, sagte ich zu ihm:
»Das war ein tüchtiger diplomatischer Streich, oder vielmehr es waren drei tüchtige diplomatische Streiche.«
»_Das?_ Das war keine Diplomatie. Sie sind völlig auf dem Holzweg. Diplomatie ist ganz was andres. Damit ist bei _der_ Sorte nichts auszurichten; sie würden’s nicht verstehen. Nein, das war keine Diplomatie, es war Gewalt.«
»Da Sie das Wort nennen, so -- ja, ich glaube, Sie können vielleicht recht haben.«
»Vielleicht? Natürlich habe ich recht. Es _war_ eben Gewalt!«
»Ich glaube selber, es hatte den äußeren Anschein. Versuchen Sie oft, Leute auf diese Art zu bessern?«
»O nein, das kommt beinahe nie vor. Nicht öfter, als jedes halbe Jahr einmal im Durchschnitt.«
»Die Leute werden doch mit dem Leben davonkommen?«
»Mit dem Leben davonkommen? Na, natürlich! Sie sind ganz außer Gefahr. Ich weiß, wie und wohin ich zu schlagen habe. Sie haben wohl bemerkt, daß ich nicht unter die Kinnlade schlug. Das würde sie getötet haben.«
Ich glaubte das. Ich bemerkte -- und nach meiner Meinung war es ein ganz guter Witz --, er sei den ganzen Tag über ein Lamm gewesen, habe sich aber jetzt auf einmal zum Bock entwickelt, zum Sturmbock; aber er sagte mit freundlicher Offenheit und Unbefangenheit: nein, ein Sturmbock sei ganz was andres und jetzt nicht mehr im Gebrauch. Das war, um aus der Haut zu fahren, und ich wäre beinahe mit der Antwort herausgeplatzt, er habe von Witz nicht mehr Ahnung als ein Trampeltier. Ich hatte das Wort tatsächlich schon auf der Zunge, aber ich sagte es doch nicht, denn mir fiel ein, daß die Sache keine Eile habe, und ich es ebensogut ein andermal telephonisch abmachen könne.
Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston. Die Rauchabteilung im Salonwagen war voll, und wir gingen daher in das gewöhnliche Rauchcoupé. Drüben auf der andern Seite des Wagenganges, auf dem vordersten Sitz, saß ein bescheiden aussehender alter Mann -- dem Anschein nach ein Landmann -- mit bleichem, kränklichem Gesicht und hielt mit dem Fuß die Tür offen, um frische Luft zu bekommen. Auf einmal kam polternd ein großer Bremser herein; bei der Tür blieb er stehen, warf dem Landmann einen ganz wütenden Blick zu und schlug mit solcher Kraft die Tür zu, daß der alte Mann beinahe seine Stiefelsohle eingebüßt hätte. Dann machte er sich an seine Verrichtungen. Mehrere von den Passagieren lachten, und der alte Herr sah ganz beschämt und traurig drein.
Ein Weilchen darauf kam der Schaffner durch, und der Major hielt ihn an und stellte in seiner gewöhnlichen höflichen Weise die Frage:
»Schaffner, wo beschwert man sich über unangemessenes Betragen eines Bremsers? Bei Ihnen?«
»Sie können ihn in New Haven anzeigen, wenn Sie das wollen. Was hat er getan?«
Der Major erzählte die Geschichte. Sie schien den Schaffner zu amüsieren. Er sagte mit einer ganz kleinen Beimischung von Sarkasmus zu seinen köstlichen Worten:
»Wenn ich Sie recht verstehe, so _sagte_ der Bremser nichts?«
»Nein, das tat er nicht.«
»Aber er sah den Herrn wütend an, sagten Sie?«
»Ja.«
»Und er warf in unhöflicher Weise die Tür zu?«
»Ja.«
»Und das ist alles, nicht wahr?«
»Ja, das ist alles.«
Der Schaffner lächelte freundlich und sagte:
»Na, wenn Sie ihn anzeigen wollen, meinetwegen; aber ich sehe nicht recht, wohin das führen könnte. Wenn ich recht begriffen habe, so wollen Sie vorbringen, der Bremser habe den alten Herrn hier beleidigt. Man wird Sie fragen, was er _gesagt_ habe. Sie werden antworten, gesagt habe er überhaupt nichts. Dann wird man jedenfalls fragen, wie Sie von einer Beleidigung sprechen können, wenn der Mann, wie Sie selber zugeben, kein Wort gesagt hat.«
Ein Beifallsgemurmel belohnte den Schaffner für seine knappen und bündigen Schlußfolgerungen. Das machte ihm Vergnügen -- man konnte es seinem Gesicht ansehen.
Aber der Major war unerschüttert. Er sagte:
»Ja, da haben Sie einen schreienden Uebelstand im ganzen Beschwerdewesen berührt. Die Eisenbahnbehörden -- wie übrigens auch das Publikum und allem Anschein nach Sie selber -- wissen gar nicht, daß es auch Beleidigungen gibt, die nicht in Worten bestehen. Darum wendet sich niemand an die höchste Stelle und beschwert sich wegen Beleidigungen in Manieren, Gebärden, Blicken und so weiter, und trotzdem berühren solche zuweilen empfindlicher als Worte. Sie tun bitterlich weh, weil sie unfaßbar sind und weil der Beleidiger, wenn er von seinen Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, immer sagen kann, es sei ihm nicht im Traum eingefallen, irgend jemand beleidigen zu wollen. Mir scheint, die Behörden sollten das Publikum dringend ersuchen, auch Beleidigungen und Unhöflichkeiten, die _nicht_ in Worten ausgedrückt waren, zur Anzeige zu bringen.«
Der Schaffner lachte und sagte:
»Na, das hieße denn doch die Fürsorge fürs Publikum recht weit treiben!«
»Aber nicht zu weit, glaube ich. Ich will diesen Fall in New Haven zur Sprache bringen, und ich habe so eine Ahnung, daß man mir dankbar dafür sein wird.«
Des Kondukteurs Gesicht verlor etwas von seinem freundlichen Ausdruck, oder vielmehr es wurde vollkommen kühl und ernst, als der Mann wegging. Ich sagte:
»Sie wollen doch nicht wirklich wegen so einer Lappalie Lärm schlagen?«
»Es ist keine Lappalie. So etwas sollte stets angezeigt werden. Es ist eine öffentliche Angelegenheit, und kein Bürger hat das Recht, darüber hinwegzusehen. Aber ich werde mich über diesen Fall gar nicht zu beschweren brauchen.«
»Wieso?«
»Es wird nicht nötig sein. Diplomatie wird alles in Ordnung bringen. Sie werden schon sehen.«
Nach einiger Zeit kam der Schaffner wieder durch den Wagen; als er beim Major war, beugte er sich zu ihm herüber und sagte:
»’s ist alles in Ordnung. Sie brauchen den Mann nicht anzuzeigen. Er ist mir verantwortlich, und wenn er’s noch einmal tut, will ich ihm einen Rüffel geben.«
Der Major antwortete herzlich:
»Nun, so gefällt’s mir. Glauben Sie nicht, ich hätte aus Rachsucht so gesprochen, ich tat’s aus Pflichtgefühl, weiter nichts. Mein Schwager ist einer von den Direktoren der Bahn, und wenn er erfährt, daß Sie den Bremser das nächstemal, wenn er einen harmlosen alten Mann gröblich beleidigt, ganz gehörig vornehmen wollen, so wird ihn das freuen, darauf können Sie sich verlassen.«
Der Schaffner sah nicht so heiter drein, wie man vielleicht hätte erwarten können; er machte im Gegenteil den Eindruck, als ob ihm recht unbehaglich zu Mute wäre. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er:
»Ich meine, irgend ’was sollte gleich jetzt auf der Stelle mit ihm geschehen. Ich will ihn entlassen.«
»Ihn entlassen? Was sollte das für einen Zweck haben? Glauben Sie nicht, es wäre vernünftiger, ihm bessere Manieren beizubringen und ihn zu behalten?«
»Hm, da liegt was drin ... Was würden Sie vorschlagen?«
»Er beleidigte den alten Herrn in Gegenwart all dieser Herrschaften. Wie wär’s, wenn Sie ihn hereinkommen ließen, daß er in ihrer Gegenwart Abbitte tut?«
»Ich werde ihn sofort schicken. Und ich möchte noch eins bemerken: Wenn alle Leute es so machten wie Sie und solche Sachen sofort bei mir meldeten, anstatt ihren Aerger bei sich zu behalten und nachher herumzulaufen und auf die Eisenbahnen zu schimpfen, so sollten Sie mal sehen, wie schnell sich alles ändern würde. Ich bin Ihnen sehr verbunden.«
Der Bremser kam und leistete Abbitte. Als er wieder hinaus war, sagte der Major:
»Sehen Sie wohl, wie einfach und leicht das war? Der gewöhnliche Bürger würde nichts ausgerichtet haben -- der Schwager eines Direktors bringt alles fertig, was er nur will.«
»Aber sind Sie wirklich der Schwager von einem der Direktoren?«
»Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse es erfordert. Ich habe einen Schwager in allen Direktionen -- überall. Das erspart mir endlose Verdrießlichkeiten.«
»Es ist eine recht ausgebreitete Verwandtschaft.«
»Ja; ich habe ihrer mehr als dreihundert.«
»Wird die Verwandtschaft niemals von einem Schaffner angezweifelt?«
»Es ist mir noch niemals vorgekommen; auf mein Ehrenwort: _niemals_!«
»Warum ließen Sie ihn denn nicht, wie er’s wollte, den Bremser fortjagen? Sie wissen, daß der Mensch es verdiente.«
Der Major antwortete -- und in seinem Tone lag wirklich ein an ihm ganz ungewohnter Anflug von Ungeduld:
»Wenn Sie bloß mal einen Augenblick nachdenken wollten, so würden Sie eine solche Frage nicht stellen. Ist ein Bremser ein Hund, und kann man ihn nicht anders erziehen wie einen Hund? Er ist ein Mensch und hat wie ein Mensch um seinen Lebensunterhalt zu ringen. Und er hat stets eine Schwester oder eine Mutter oder Weib und Kinder zu erhalten. Immer -- Ausnahmen gibt es nicht. Wenn Sie ihm seinen Lebensunterhalt nehmen, so nehmen Sie auch den ihrigen weg -- und was haben _sie_ Ihnen getan? Nichts. Und was hat es für Zweck, einen unhöflichen Bremser fortzujagen und einen andern anzustellen, der gerade so ist wie er? Es wäre eine Unklugheit. Sehen Sie denn nicht ein, daß es das einzig Vernünftige ist, den Bremser zu _bessern_ und ihn zu behalten? Das ist doch klar.«
Während der ferneren Fahrt hatten wir bloß noch ein Erlebnis. Zwischen Hartford und Springfield kam mit dem üblichen Gebrüll der Buchhandlungsjunge durch den Wagen; er hatte einen ganzen Armvoll Bücher und Zeitungen und ließ ein dickes Heft einem schlafenden Herrn in den Schoß fallen, so daß er ganz erschrocken emporfuhr. Er war sehr ärgerlich, und er sowie zwei Freunde ergingen sich in sehr hitzigen Reden über den Frevel. Sie ließen den Salonwagenschaffner kommen, trugen ihm den Fall vor und verlangten, der Junge müsse durchaus fortgejagt werden. Die drei Beschwerdeführer waren reiche Holyoker Kaufleute, und der Schaffner hatte offenbar ziemliche Angst vor ihnen. Er suchte sie zu beschwichtigen und setzte ihnen auseinander, der Junge stehe nicht unter seiner Machtbefugnis, sondern sei Angestellter der Eisenbahnbuchhandlung. Aber all sein Reden nutzte ihm nichts.
Hierauf erbot sich der Major freiwillig, für den Beschuldigten zu zeugen. Er sagte:
»Ich habe alles mit angesehen. Sie, meine Herren, haben nicht übertreiben _wollen_, haben es aber doch getan. Der Junge hat nichts weiter getan, als was die Bahnzugjungen alle tun. Wenn Sie wünschen, daß er anständigere Manieren annimmt und sich bessert, so bin ich mit Ihnen einverstanden und bereit, Ihnen bei diesen Bemühungen zu helfen; aber es ist nicht recht, ihn einfach wegzujagen, ohne ihm eine Möglichkeit der Besserung zu geben.«
Aber sie waren ärgerlich und wollten von einem Vergleich nichts wissen. Sie wären gut bekannt mit dem Präsidenten der Boston- und Albany-Gesellschaft, sagten sie, und wollten den nächsten Tag alles andre liegen lassen, um nach Boston zu gehen und dem Jungen zu zeigen, wer sie wären.
Der Major sagte, da wollte er auch dabei sein, und er würde alles tun, was in seinen Kräften stände, um den Jungen zu retten. Einer von den Herren sah ihn von oben bis unten an und sagte:
»Da kommt es also offenbar darauf hinaus, wer den größten Einfluß beim Präsidenten der Gesellschaft hat. Kennen Sie Herrn Bliß persönlich?«
Der Major sagte in aller Ruhe:
»Ja; er ist mein Oheim.«
Die Wirkung war zufriedenstellend. Ein paar Minuten lang herrschte ein peinliches Schweigen. Dann fingen sie an einzulenken und halbe Zugeständnisse zu machen, daß sie wohl etwas zu hastig und überempfindlich gewesen seien. Und bald war alles wieder friedlich und gemütlich, und es wurde beschlossen, die Sache fallen zu lassen und dem Jungen sein Brot (mit Butter) zu lassen.
Der Präsident der Eisenbahngesellschaft war natürlich nicht des Majors Oheim -- nur für diesen Tag und diesen Zug adoptiert!
Auf der Rückreise erlebten wir gar nichts; wahrscheinlich, weil wir mit einem Nachtzug fuhren und den ganzen Weg über schliefen.
Am Samstagabend fuhren wir mit der Pennsylvaniabahn von New York ab. Nach dem Frühstück am andern Morgen gingen wir in den Salonwagen, fanden es aber dort öde und ungemütlich. Es waren nur ein paar Leute drin und nichts los. Hierauf gingen wir in den kleinen Rauchabteil des Salonwagens und fanden dort drei Herren. Zwei von ihnen schimpften über eine Vorschrift der Bahnverwaltung: daß nämlich Sonntags in den Zügen nicht Karten gespielt werden dürfte. Sie hatten ein unschuldiges Spielchen gemacht, und es war ihnen verboten worden, weiter zu spielen. Der Fall interessierte unsern Major. Er sagte zu dem dritten Herrn:
»Hatten Sie etwas gegen das Spielen einzuwenden?«
»Durchaus nicht. Ich bin Professor an der Yale-Universität und ein religiöser Mann, aber das geht mir zu weit.«
Hierauf sagte der Major zu den beiden andern:
»Sie können ganz nach freiem Belieben Ihr Spiel wieder aufnehmen, meine Herren; niemand hier hat etwas dagegen einzuwenden.«
Einer von ihnen wollte es nicht riskieren; aber der andre meinte, er wolle gern wieder anfangen, wenn der Major mit ihm spiele. Sie legten also einen Ueberzieher über ihre Kniee, und das Spiel nahm seinen Fortgang. Ziemlich bald nachher kam der Salonwagenschaffner herein und sagte in scharfem Tone:
»Hoho, meine Herren, das geht nicht! Stecken Sie die Karten ein -- es ist nicht erlaubt.«
Der Major war gerade beim Mischen. Er mischte ruhig weiter und sagte:
»Auf wessen Befehl ist es verboten?«
»Das ist mein Befehl. Ich verbiete es.«
Der Major fing an zu geben und fragte:
»Ist die Idee von Ihnen?«
»Was für ’ne Idee?«
»Die Idee, das Kartenspielen an Sonntagen zu verbieten.«
»Nein, natürlich nicht.«
»Von wem dann?«
»Von der Gesellschaft.«
»Dann geht ja eigentlich der Befehl nicht von Ihnen, sondern von der Gesellschaft aus. Stimmt das?«
»Ja. Aber Sie hören ja nicht auf zu spielen; ich muß Sie ersuchen, daß Sie augenblicklich aufhören.«
»Uebereilung ist zu nichts gut und tut oft Schaden. Wer ermächtigte die Gesellschaft, einen solchen Befehl zu erlassen?«
»Mein werter Herr, das geht mich gar nichts an, und ...«
»Aber Sie vergessen, daß Sie nicht der einzige sind, der hier in Betracht kommt. Vielleicht geht es _mich_ sehr nahe an. Ja, es ist in der Tat für mich eine Sache von sehr großer Bedeutung. Ich kann eine gesetzmäßige Vorschrift meines Landes nicht verletzen, ohne mich selber zu entehren; ich kann keinen Menschen und keiner Gesellschaft erlauben, meine Freiheit mit ungesetzlichen Vorschriften einzuschränken -- was Eisenbahnverwaltungen fortwährend zu tun versuchen -- ohne meine Bürgerwürde zu entehren. Ich komme daher auf meine Frage zurück: auf welche Autorität hin hat die Verwaltung diesen Befehl erlassen?«
»Das weiß ich nicht. Das ist _ihre_ Sache!«
»Meine auch. Ich zweifle, ob die Gesellschaft überhaupt ein Recht hat, eine derartige Vorschrift zu erlassen. Die Bahn führt durch verschiedene Staaten. Wissen Sie, in welchem Staat wir augenblicklich sind, und wie die gesetzlichen Vorschriften dieses Staates in Bezug auf das Kartenspielen am Sonntag lauten?«
»Diese gesetzlichen Vorschriften gehen mich nichts an, wohl aber die Befehle meiner Gesellschaft. Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß dies Spielen aufhört, meine Herren, und es _muß_ aufhören!«
»Kann sein; aber trotzdem brauchen wir uns nicht zu übereilen. In Gasthäusern schlagen sie gewisse Vorschriften in den Zimmern an, aber stets führen sie dabei Paragraphen aus den Staatsgesetzen an. Hier sehe ich nichts derart angeschlagen. Bitte, weisen Sie Ihre Berechtigung nach und lassen Sie uns zum Schluß kommen, denn Sie sehen selber, daß Sie das Spiel aufhalten.«
»So etwas habe ich nicht, aber ich habe meine Befehle, und das genügt. Diesen Befehlen muß gehorcht werden.«
»Wir wollen nicht zu hastig in unsern Folgerungen sein. Es wird besser sein, wenn wir die Sache ohne Hitze und ohne Hast untersuchen und uns erst mal ansehen, wie es steht, bevor einer von uns einen Mißgriff macht -- denn wenn die Freiheiten eines Bürgers der Vereinigten Staaten beschnitten werden, so ist das ein viel ernsteres Ding, als Sie und die Bahnverwaltungen zu ahnen scheinen, und ich für meine Person lasse es mir nicht gefallen, wenn der Betreffende mir nicht die Berechtigung seines Vorgehens nachweist. Nun ...«
»Mein werter Herr, _wollen_ Sie Ihre Karten hinlegen?«
»Alles zu seiner Zeit -- vielleicht. Es kommt darauf an. Sie sagen, diesem Befehl muß gehorcht werden. Muß. Das ist ein starkes Wort. Sie sehen selber, wie stark es ist. Eine vernünftige Verwaltung wird Sie -- natürlich! -- nicht mit einem so drastischen Befehl bewaffnen, ohne eine Buße auf jede Verletzung der Vorschrift zu legen. Sonst könnte es leicht ein toter Buchstabe und ein lächerlicher Befehl bleiben. Wieviel beträgt die Buße für Uebertretung dieses Gesetzes?«
»Buße? Davon habe ich niemals etwas gehört.«
»Unfraglich müssen Sie sich irren. Ihre Gesellschaft befiehlt Ihnen, hier hereinzukommen und in schroffer Weise eine unschuldige Unterhaltung zu verbieten, und gibt Ihnen kein Mittel an die Hand, um dem Befehl Geltung zu verschaffen? Sehen Sie nicht ein, daß das Unsinn ist? Was _tun_ Sie denn, wenn Leute sich weigern, dem Befehl zu gehorchen? Nehmen Sie Ihnen die Karten weg?«
»Nein.«
»Weisen Sie den Frevler auf der nächsten Haltestelle aus dem Zug?«
»Na, das können wir doch natürlich nicht, wenn einer seine Fahrkarte hat!«
»Verklagen Sie ihn vor Gericht?«
Der Schaffner schwieg; augenscheinlich war er verwirrt. Der Major gab neue Karten und sagte:
»Sie sehen selber, daß Sie hilflos sind und daß die Gesellschaft Sie in eine lächerliche Stellung gebracht hat. Man überträgt Ihnen das Amt, eine anmaßende Vorschrift durchzuführen, Sie machen das mit Lärmen und Toben, und wenn Sie näher zusehen, so finden Sie, daß Sie kein Mittel haben, sich Gehorsam zu erzwingen.«
Hierauf sagte der Schaffner mit kühler Würde:
»Meine Herren, Sie haben den Befehl gehört, und damit habe ich meine Schuldigkeit getan. Ob Sie dem Befehl nachkommen oder nicht, das werden Sie machen, wie’s Ihnen gutdünkt.« Damit wandte er sich zum Gehen.
»Bitte, warten Sie doch noch. Die Sache ist noch nicht zu Ende. Ich glaube, Sie irren sich, wenn Sie meinen, Ihre Schuldigkeit getan zu haben; aber wenn das wirklich der Fall ist, so habe ich jetzt selber eine Schuldigkeit zu erfüllen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Werden Sie meinen Ungehorsam bei der Direktion in Pittsburg zur Anzeige bringen?«
»Nein. Wozu auch?«
»Sie müssen mich anzeigen, oder ich werde _Sie_ anzeigen!«
»Anzeigen -- weswegen?«
»Wegen Ungehorsams gegen die Befehle Ihrer Gesellschaft, indem Sie nicht unserm Spiel Einhalt getan haben. Als Bürger habe ich die Pflicht, den Eisenbahngesellschaften beizustehen, daß ihre Angestellten den Dienst ordentlich versehen.«
»Meinen Sie das im Ernst?«
»Ja, in vollem Ernst. Ich habe nichts gegen Sie als Menschen, aber ich muß Ihnen als Beamten den Vorwurf machen, daß Sie Ihren Befehl nicht ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht anzeigen, muß ich Sie anzeigen. Und das werde ich auch tun.«
Der Schaffner sah ganz verblüfft drein und dachte einen Augenblick nach; dann rief er:
»Ich habe mich da, wie’s scheint, selber in eine nette Patsche gebracht. Das Ganze ist ja ein großer Kuddelmuddel; ich werde absolut nicht mehr klug daraus. So was ist mir noch niemals vorgekommen. Die Leute haben sich stets gefügt und nie ein Wort gesagt, daher habe ich auch gar nicht bemerkt, wie lächerlich der dumme Befehl ohne Strafbestimmungen ist. Ich wünsche niemand anzuzeigen, wünsche aber auch selber nicht angezeigt zu werden -- um Gottes willen, davon könnte ich ja endlose Scherereien haben! Bitte, spielen Sie nur ruhig weiter -- spielen Sie den ganzen Tag, wenn Sie Lust haben --, und reden wir nicht mehr davon!«
»Nein, ich habe bloß diesen Platz hier eingenommen, um die Rechte dieses Herrn hier zu vertreten -- jetzt kann er selbst weiterspielen. Doch bevor Sie gehen -- wollen Sie mir nicht vielleicht sagen, weshalb nach Ihrer Meinung die Gesellschaft diese Vorschrift erlassen hat?«
»Der Grund für die Vorschrift ist vollkommen klar und einfach; sie ist erlassen aus Rücksicht auf die Gefühle, ich meine die religiösen Gefühle der Mitfahrenden. Es ist vielen unter ihnen peinlich, wenn durch Kartenspielen auf den Eisenbahnen der Sonntag entheiligt wird.«
»So dachte ich mir’s auch. Sie finden nichts dabei, den Sonntag durch Reisen zu entheiligen, aber sie wollen nicht dulden, daß andre Leute ...«
»Wahrhaftig, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Auf diesen Gedanken war ich noch nie gekommen. Aber es ist wirklich eine _alberne_ Vorschrift, wenn man genauer zusieht.«
In diesem Augenblick kam der Zugführer herzu und wollte sehr von oben herab das Kartenspielen untersagen, aber der Schaffner nahm ihn auf die Seite, um ihm den Fall auseinanderzusetzen. Wir hörten kein Wort mehr von der Geschichte.
In Chicago lag ich elf Tage lang krank zu Bett und bekam daher von der Weltausstellung keinen Schimmer zu sehen, denn ich war genötigt, nach dem Osten zurückzukehren, sobald ich wieder reisefertig war. Am Tage vor unsrer Abreise bestellte der Major eine Salonabteilung in einem Schlafwagen und bezahlte den Preis dafür. Ich hatte also einen bequemen großen Raum zur Verfügung; als wir aber auf dem Bahnhof ankamen, stellte sich’s heraus, daß aus Versehen unser Wagen nicht angehängt worden war. Der Schaffner hatte einen Abteil für uns freigehalten -- mehr könne er nicht tun, sagte er. Aber der Major sagte, wir hätten es nicht so eilig und wollten warten, bis der Wagen angehängt sei. Hierauf antwortete der Schaffner mit freundlicher Ironie:
»Mag sein, daß Sie es nicht eilig haben, wie Sie soeben sagten, aber wir haben’s eilig. Bitte, einsteigen, meine Herren, einsteigen! Lassen Sie uns nicht warten!«
Aber der Major wollte nicht einsteigen und ließ auch nicht zu, daß ich es tat. Er verlangte seinen Wagen und sagte, er müsse ihn haben. Dies machte den vor Geschäftigkeit schwitzenden Schaffner ungeduldig, und er rief:
»Wir haben unser möglichstes getan -- Unmögliches können wir nicht fertig bringen. Sie werden diesen Abteil nehmen oder gar keinen. Es ist ein Versehen vorgekommen, und das kann nicht in diesem letzten Augenblick wieder gutgemacht werden. So etwas kommt ab und zu vor, und man kann nichts andres tun, als sich so gut wie möglich darein zu finden. Andre Leute machen’s auch so.«
»Ach ja, das ist es eben! Hätten sie auf ihren Rechten bestanden, so würden Sie jetzt nicht versuchen, die meinigen so mir nichts dir nichts unter die Füße zu treten. Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Ihnen unnötigerweise Verlegenheiten zu bereiten, aber es ist meine Pflicht, den nächsten, dem das Gleiche passieren könnte, vor derartigem zu bewahren. Ich muß also meinen Wagen haben. Sonst werde ich in Chicago warten und die Eisenbahngesellschaft wegen Verletzung des mit mir abgeschlossenen Vertrages verklagen.«
»Die Gesellschaft verklagen? Wegen so einer Kleinigkeit?«
»Gewiß.«
»Ist das wirklich Ihre Absicht?«
»Allerdings.«
Der Schaffner sah den Major mit einem erstaunt prüfenden Blick an; dann sagte er:
»Donnerwetter, so ’was! Das war noch nicht da -- ist mir noch niemals vorgekommen. Aber ich will darauf schwören, Sie täten’s. Hören Sie, ich will den Bahnhofsvorsteher holen.«
Der Bahnhofsvorsteher war nicht wenig ärgerlich -- auf den Major, nicht auf den Mann, der das Versehen gemacht hatte. Er war ziemlich kurz angebunden und stellte sich auf den gleichen Standpunkt wie anfangs der Schaffner; aber das rührte den Artilleristen durchaus nicht; er bestand mit seiner freundlichen Ruhe darauf, er müsse seinen Wagen haben. Offenbar lag in diesem Fall der ganze Vorteil des Rechts nur auf der einen Seite, und zwar auf der des Majors. Der Stationsvorsteher gab sein ärgerliches Wesen auf und wurde höflich; er bat sogar halb und halb um Entschuldigung. Dies war eine gute Eröffnung von Vergleichshandlungen, und der Major gab nun auch etwas nach. Er sagte, er wolle auf die _bestellte_ und bezahlte Salonabteilung verzichten, aber eine Salonabteilung müsse er haben. Nach einigem Suchen wurde eine gefunden, deren Inhaber sich überreden ließ; er vertauschte sie mit unserm Sonderabteil, und wir fuhren endlich ab.
Am Abend besuchte der Schaffner uns und war freundlich und höflich und zuvorkommend. Wir hatten ein langes Gespräch miteinander und wurden schließlich gut Freund. Er sagte, er wünsche, das Publikum beschwerte sich öfter -- das würde von guter Wirkung sein. Man könnte nicht erwarten, daß die Bahnverwaltungen den Reisenden gegenüber ihre Schuldigkeit täten, solange nicht die Reisenden sich selber darum bekümmerten.
Ich hoffte, wir hätten jetzt auf unsrer Reise genug reformiert, aber dem war nicht so. Am andern Morgen bestellte der Major, als wir im Speisewagen saßen, ein gebratenes Huhn. Der Kellner sagte:
»Es steht nicht auf der Speisekarte, Herr; wir servieren nichts, was nicht auf der Karte steht.«
»Der Herr da drüben ißt Huhn.«
»Ja, das ist aber ’was andres. Er ist Betriebsdirektor bei der Gesellschaft.«
»Dann muß ich erst recht gebratenes Huhn haben. Solche Unterscheidung liebe ich nicht. Bitte, schnell -- bringen Sie mir ein gebratenes Huhn!«
Der Kellner kam mit dem Steward, und dieser setzte leise und höflich dem Major auseinander, es ließe sich unmöglich machen -- es wäre gegen die Vorschrift, und die Vorschrift laute auf das strengste.
»Sehr wohl; dann müssen Sie sie entweder unparteiisch anwenden oder sie unparteiisch brechen. Sie müssen dem Herrn sein Huhn wegnehmen oder mir auch eins bringen.«
Der Steward wußte nicht, was er machen sollte. Er begann eine unzusammenhängende Erklärung vom Stapel zu lassen, und in diesem Augenblick kam der Schaffner vorbei und fragte, wo’s fehle. Der Steward setzte ihm auseinander, da wäre ein Herr, der durchaus ein Huhn haben wollte, obwohl das doch gegen die Vorschrift wäre und jenes Gericht nicht auf der Speisekarte stände. Der Schaffner sagte:
»Halten Sie sich an Ihre Vorschrift -- eine andre Wahl gibt’s nicht für Sie. Aber warten Sie mal ’nen Augenblick -- ist das der Herr?« Dann lachte er und fuhr fort: »Lassen Sie lieber Ihre Vorschriften ... ich rate Ihnen -- und ich weiß warum --, geben Sie ihm alles, was er verlangt, und wenn Sie’s nicht haben, so lassen Sie den Zug halten und besorgen Sie’s.«
Der Major aß das Huhn, aber er sagte mir, er täte es nur aus Pflichtgefühl und des Prinzips wegen, denn eigentlich möge er Huhn gar nicht.
Ich verfehlte allerdings die Weltausstellung, aber ich lernte dafür ein paar diplomatische Kunstgriffe kennen, die sich mir und dem Leser vielleicht im Laufe der Zeit als bequem und praktisch erweisen werden.
Meine Tätigkeit als Reisemarschall.
Es begab sich, daß wir von Aix-les-Bains nach Genf fahren mußten und von dort in einer Reihe von tagelangen und höchst verzwickten Eisenbahnreisen nach Bayreuth in Bayern. Natürlich hätte ich einen Reisemarschall annehmen sollen, der für eine so zahlreiche Gesellschaft wie meine Familie nach dem Rechten sehen konnte.
Aber ich schob es auf die lange Bank. Die Zeit huschte dahin, und als ich eines Morgens aufwachte, kam mir die Tatsache zum Bewußtsein, daß wir abfahren sollten und keinen Reisemarschall hatten. Da faßte ich einen Entschluß; er war, das fühlte ich, wahnwitzig kühn, aber ich war gerade in der richtigen Stimmung dazu. Ich sagte, ich wollte für den ersten Teil der Fahrt ohne jede Hilfe allein die Führung übernehmen. Ich tat es.
Ich brachte die Gesellschaft -- vier Personen -- höchstselber von Aix nach Genf. Die Entfernung betrug reichlich zwei Stunden; unterwegs war einmal Wagenwechsel. Es ereignete sich nicht das geringste Mißgeschick; allerdings ließ ich eine Reisetasche und einige andre Sachen auf dem Bahnsteig stehen -- aber das kann man doch kaum ein Mißgeschick nennen, so etwas kommt ja jeden Tag vor. Ich erbot mich daher, für den ganzen Weg bis Bayreuth die Führung der Gesellschaft zu übernehmen.
Das war ein böser Fehler, wenngleich es mir damals nicht so vorkam. Zur Aufgabe gehörten nämlich mehr Unteraufgaben, als ich vermutete. Erstens: zwei Personen, die wir ein paar Wochen vorher in einer Genfer Pension zurückgelassen hatten, mußten abgeholt und nach dem Hotel gebracht werden. Zweitens: ich mußte in dem Geschäft am Grand Quai, wo man die Aufbewahrung von Koffern besorgt, Bescheid sagen, daß sieben von unseren aufbewahrten Koffern nach dem Hotel gebracht und dafür sieben andre, die die Leute in der Vorhalle aufgestapelt finden würden, wieder abgeholt werden sollten. Drittens: ich mußte ausfindig machen, in welchem Teil von Europa Bayreuth liegt, und sieben Eisenbahnkarten nach diesem Punkt käuflich erwerben. Viertens: ich mußte ein Telegramm an einen Freund in Holland abschicken. Fünftens: es war jetzt zwei Uhr nachmittags und wir mußten scharf aufpassen, um rechtzeitig zum ersten Nachtzug zu kommen und die Schlafwagenplätze zu besorgen. Sechstens: ich mußte auf der Bank Geld erheben.
Die Schlafwagenplatzkarten waren, so schien es mir, das Allerwichtigste; um sicher zu gehen, begab ich mich daher selber nach dem Bahnhof; Gasthofbedienstete sind nicht immer allzu schlau. Es war ein heißer Tag, und ich hätte fahren sollen; es schien mir aber sparsamer, zu Fuß zu gehen. Das war indessen, wie sich’s herausstellte, ein Irrtum von mir, denn ich verlief mich und brachte dadurch die Entfernung auf das Dreifache. Ich verlangte die Fahrkarten, und man fragte mich, auf welchem Wege ich zu reisen wünschte. Das brachte mich in Verlegenheit und um meine Besinnung, denn es standen so viele Leute um mich herum, und ich hatte keine Ahnung von den Reisewegen und dachte nicht, es könnte zwei verschiedene geben; ich hielt es daher für das beste, erst wieder ins Hotel zu gehen, den Weg auf der Landkarte auszusuchen und dann wieder zu kommen.
Diesmal nahm ich eine Droschke, aber als ich im Hotel die Treppen hinaufstieg, fiel mir ein, daß meine Zigarren alle waren; ich dachte daher, es wäre gut, mir gleich welche zu besorgen, ehe ich’s wieder vergäße. Es war gleich um die Ecke, und ich brauchte dazu die Droschke nicht, sagte daher dem Kutscher, er solle warten. Unterwegs dachte ich an das Telegramm und versuchte den Wortlaut desselben in meinem Kopfe zu entwerfen; darüber vergaß ich Zigarren und Droschke und ging weiter und immer weiter. Ich kehrte um nach dem Hotel, um von einem der Angestellten das Telegramm besorgen zu lassen. Da ich aber inzwischen ziemlich in die Nähe des Telegraphenamts gekommen sein mußte, so dachte ich, ich wollte es selber tun. Aber es war weiter, als ich vermutet hatte. Schließlich fand ich das Gebäude, schrieb die Depesche und reichte sie durch den Schalter. Der Telegraphenbeamte war ein streng aussehender aufgeregter Mensch; er begann mit einer solchen Zungengeläufigkeit französische Fragen auf mich loszufeuern, daß ich nicht entdecken konnte, wo das eine Wort aufhörte und das andre anfing -- und dadurch verlor ich abermals den Kopf. Zum Glück legte sich ein Engländer ins Mittel und sagte mir, der Beamte wünschte zu wissen, wohin er das Telegramm schicken sollte. Das konnte ich ihm nicht sagen, weil es nicht _mein_ Telegramm war, und ich setzte ihm auseinander, daß ich es bloß für ein andres Mitglied meiner Reisegesellschaft besorgte. Aber nichts konnte die Schreiberseele beruhigen: er mußte durchaus die Adresse haben! Ich sagte ihm daher, wenn er so heikel wäre, so wollte ich nach Hause gehen und sie besorgen.
Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst gehen und die beiden fehlenden Personen abholen, denn es sei doch am besten alles systematisch und der Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich da hinten vor dem Hotel mein schweres Geld kostete; ich rief daher eine andre Droschke an und sagte dem Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt kommen lassen, und da könnten sie warten, bis ich selber käme.
Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis ich zu den abzuholenden Leuten kam; und als ich ankam, sagten sie mir, sie könnten nicht mit, weil sie schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben müßten. Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir aber eine in die Quere kam, bemerkte ich, daß ich in der Nachbarschaft des Grand Quai war -- oder wenigstens kam es mir so vor -- mir däuchte daher, ich könnte Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke ginge und die Sache mit den Koffern in Ordnung brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit schnell um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai, wohl aber einen Zigarrenladen. Da fielen mir denn die Zigarren ein. Ich sagte, ich reiste nach Bayreuth und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich führe. Ich antwortete, das wüßte ich nicht. Er sagte, er könnte mir empfehlen, über Zürich und verschiedene andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu 110 Francs das Stück an; ich sparte dabei den Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm gewährten. Ich hatte es bereits satt bekommen, mit Fahrkarten erster Klasse stets zweiter Klasse zu reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab.
Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft von Natürlich & Cie.; ich sagte ihnen, sie sollten sieben von unsren Koffern nach dem Hotel schicken und dort in der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob ich nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es war aber alles, was ich in meinem Kopf finden konnte.
Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas Geld; aber ich hatte meinen Kreditbrief irgendwo liegen lassen und konnte daher nichts bekommen. Nun fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte liegen lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben hatte. Ich nahm also eine Droschke, fuhr nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten Stock hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf dem Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in den Händen der Polizeibehörde, und ich müsse mich zu dieser hinbegeben und meine Eigentumsrechte nachweisen. Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein paar Meilen und gelangten zu dem Polizeigebäude. Dann fielen mir meine Droschken ein, und ich bat den Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder nach dem Postamt zurückkäme.
Inzwischen war es Nacht geworden, und der Bürgermeister war zum Essen gegangen. Ich dachte, ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der diensthabende Beamte dachte anders darüber, und so blieb ich. Um halb elf sprach der Bürgermeister auf dem Bureau vor, sagte aber, es sei jetzt zu spät, um am Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen Sie morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte mich die ganze Nacht dazubehalten und sagte, ich wäre eine verdächtige Person; wahrscheinlich gehöre der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich wüßte gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte nur gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf dem Tisch hätte liegen lassen, und wollte ihn mir daher aneignen, weil ich wahrscheinlich ein Mensch wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er kriegen könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber der Bürgermeister sagte, er sähe nichts Verdächtiges an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu sein, dem weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand, das er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht bei sich hätte. Ich dankte ihm für seine gute Meinung, er ließ mich frei, und ich fuhr in meinen drei Droschken nach Hause.
Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung war, auf Fragen genaue Antworten zu geben, so dachte ich, ich wollte die Expedition bei nachtschlafender Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am anderen Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden; aber ich kam nicht ganz bis dorthin, denn es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch, mich zu sehen. Die Expedition saß steif und unnahbar auf vier Stühlen in einer Reihe, Tücher und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen und Reisehandbücher auf dem Schoß. So hatten sie vier volle Stunden schon gesessen, und während dieser ganzen Zeit war das Barometer fortwährend gefallen. Ja, und sie warteten -- warteten auf mich. Mir schien, bloß ein plötzlich glücklich ausgedachter und glänzend ausgeführter ~tour de force~ könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen und eine Wendung zu meinen Gunsten herbeiführen. Ich trundelte daher meinen Hut in die Arena, folgte selber mit einem Hupf und Hops und rief munter:
»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!«
Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als der nun folgende gänzlich unhörbare Beifall. Aber ich blieb bei meiner Taktik, obgleich meine vorher bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen Stoß bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig geschwunden war.
Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den Lustigen zu spielen; ich versuchte die andren Herzen da vor mir zu rühren und den bitterbösen Groll in ihren Gesichtern zu besänftigen, indem ich fröhliche leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze Trauergeschichte als einen humorvollen Vorfall darstellte; aber dieser Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es war nicht die richtige Atmosphäre dafür. Ich erntete kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen beleidigt aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir aus diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte ich nicht aufzutauen. Noch einmal machte ich krampfhaft einen schwachen Versuch, aber das Haupt der Expedition fiel mir -- plumps! -- ins Wort und fragte schneidend: »Wo bist du gewesen?«
Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer Betonung, daß die Absicht obwaltete, sich auf einen kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen. Ich begann also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde aber wiederum schroff unterbrochen:
»Wo sind die beiden anderen? Wir haben eine fürchterliche Angst um sie ausgestanden.«
»O, die sind wohl und munter. Ich sollte ihnen eine Droschke besorgen. Ich will mich auch nun flugs auf den Weg machen und ...«
»Setz dich! Weißt du denn gar nicht, daß es elf Uhr ist? Wo hast du sie gelassen?«
»In ihrer Pension.«
»Warum brachtest du sie nicht mit her?«
»Weil wir die Reisetaschen nicht tragen konnten. Darum dachte ich ...«
»Dachte! Du solltest nicht versuchen, zu denken. Man kann nicht denken, wenn man nicht den nötigen Mechanismus dazu hat. Es sind zwei Meilen bis zu der Pension. Gingst du denn ohne Droschke dorthin?«
»Ich ..., nun ja, ich wollte es eigentlich nicht, es kam nur ganz zufällig so.«
»Wieso kam es denn zufällig?«
»Weil ich auf der Post war, und da fiel mir ein, daß ich eine Droschke hier vor dem Hotel hatte warten lassen, und so, um die Ausgabe zu sparen, schickte ich eine andre Droschke, um ... um ...«
»Um ...?«
»Ach du liebe Zeit, ich kann mich jetzt nicht so schnell darauf besinnen; aber ich glaube, der neue Droschkenkutscher sollte im Hotel Bescheid sagen, daß sie den alten Droschkenkutscher ablohnten und wegschickten.«
»Was sollte das für einen Zweck haben?«
»Was es für einen Zweck haben sollte? Dadurch hätte doch die Ausgabe für die Droschke aufgehört, nicht wahr?«
»Indem die neue Droschke an Stelle der alten wartete, und so die Ausgabe fortdauerte?«
Hierauf sagte ich nichts.
»Warum ließest du denn nicht die zweite Droschke zurückkommen, um dich abzuholen?«
»Ach so, das tat ich ja auch! Jetzt fällt mir’s ein. Jawohl, das tat ich. Ich erinnere mich nämlich, daß, als ich ...«
»Nun, warum kam sie denn nicht zurück und holte dich ab?«
»Nach dem Postamt? Aber das tat sie ja!«
»Sehr schön. Wie kamst du denn darauf, zu Fuß nach der Pension zu gehen?«
»Ich -- ich weiß nicht mehr so recht, wie das eigentlich zuging. O ja -- jetzt hab’ ich’s! Richtig! Ich schrieb die Depesche, die nach Holland geschickt werden sollte, und ...«
»O, Dank dem Himmel! Da hast du doch wenigstens etwas fertig gebracht. Ich hätte dir auch nicht raten mögen, die Absendung zu verbummeln -- aber warum siehst du denn so sonderbar nach der Seite? Du versuchst, bei meinem Auge vorbeizublicken. Die Depesche ist das Allerwichtigste auf der ... Du hast die Depesche nicht abgeschickt!!«
»Ich habe nicht gesagt, daß ich sie nicht abschickte.«
»Das brauchst du auch nicht erst zu sagen. Ach Herrje, es ärgert mich mehr als alles auf der Welt, daß gerade dies Telegramm nicht abgegangen ist. Warum schicktest du es nicht ab?«
»Hm, weißt du, wenn man so viel Verschiedenes zu tun und im Kopfe zu behalten hat ..., sie nehmen es da so fürchterlich genau, und nachdem ich das Telegramm geschrieben hatte ...«
»Ach, lass’ es nur, schweigen wir davon. Langes Reden kann es jetzt auch nicht mehr gut machen. Was soll er aber bloß von uns denken?«
»O, das ist ja ganz einfach, ganz furchtbar einfach. Er wird denken, wir hätten das Telegramm den Hotelleuten zur Besorgung übergeben, und sie ...«
»Nun, natürlich. Und warum gabst du’s ihnen denn nicht? Das war ja doch das einzige Vernünftige.«
»Ja, das weiß ich wohl; aber dann fiel mir ein, ich müßte der Sicherheit wegen auf die Bank gehen und etwas Geld erheben.«
»Nun, das lass’ ich mir denn doch gefallen, daß du wenigstens daran gedacht hast. Ich will dir auch nicht zu nahe treten, aber du mußt selber zugeben, daß du uns allen viele Aufregungen verursacht hast und daß einige von diesen nicht nötig gewesen wären. Wieviel hast du dir geben lassen?«
»Hm, ich ... ich habe mir gedacht, daß ...«
»Daß was?«
»Daß ... hm mir scheint, daß unter den obwaltenden Verhältnissen ... und da wir so viele, weißt du ... und ... und ...«
»Was brummelst du denn da in den Bart? Dreh’ dein Gesicht herum und laß mich ... wahrhaftig, du hast überhaupt kein Geld erhoben!«
»Ja, der Bankier sagte ...«
»Einerlei, was der Bankier sagte. Du mußt einen ganz besonderen Grund dafür gehabt haben. Oder eigentlich keinen Grund im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern etwas, was ...«
»Nun denn, kurz und gut, die einfache Tatsache war die, daß ich meinen Kreditbrief nicht bei mir hatte.«
»Deinen Kreditbrief nicht bei dir?!«
»Meinen Kreditbrief nicht bei mir.«
»Plappere mir nicht so meine Worte nach! Wo war er?«
»Im Postgebäude.«
»Was sollte er denn da?«
»Ach Gott, ich habe ihn da vergessen und auf dem Tisch liegen lassen.«
»Auf mein Wort, ich habe schon recht viele Reisemarschälle gesehen; aber von allen Reisemarschällen, die ich jemals ...«
»Ich habe mein Bestes getan!«
»Nun ja, das hast du, armer Kerl, und es ist unrecht von mir, daß ich dich so ausschelte. Du hast dich ja todmüde gelaufen, während wir hier saßen und bloß an unsre Verdrießlichkeiten dachten, anstatt dir dankbar zu sein für alles, was du für uns zu tun versucht hast. Es wird schon alles zurechtkommen. Wir können ebensogut morgen früh mit dem Halb-Acht-Zug fahren. Hast du die Fahrkarten gekauft?«
»Jawohl -- und sogar recht billig; 2. Klasse.«
»Das freut mich. Alle Welt reist jetzt zweiter Klasse, und wir können die große Extraausgabe ganz gut sparen. Wieviel bezahltest du?«
»Hundertzehn Francs für das Stück -- direkt bis Bayreuth.«
»So? Das wußte ich nicht, daß man direkte Fahrkarten kaufen könnte. Ich dachte, das könnte man nur in London und in Paris.«
»Manche Leute können’s vielleicht nicht -- aber manche können’s; und zu den letzteren gehöre ich, wie es scheint.«
»Der Preis kommt mir ziemlich hoch vor.«
»Im Gegenteil, der Händler ließ mir seine Kommissionsgebühr ab!«
»Händler?!«
»Ja -- ich kaufte sie in einem Zigarrenladen.«
»Da fällt mir was ein. Wir werden ziemlich früh aufstehen müssen, und deshalb wäre es gut, wenn wir nichts zu packen hätten. Dein Regenschirm, deine Gummischuhe, deine Zigarren ..., was ist denn los?«
»Himmeldonnerwetter! Ich habe die Zigarren in der Bank liegen lassen.«
»Das sieht dir ganz ähnlich. Na, und dein Regenschirm?«
»Das will ich schon in Ordnung bringen. Die Sache hat ja keine Eile.«
»Was soll das heißen?«
»O, ’s ist schon recht. Ich will dafür sorgen, daß ...«
»Wo ist der Regenschirm?«
»’s ist ja bloß ein Katzensprung; ich brauche ja keine fünf Mi ...«
»Wo ist er?«
»Aeh ..., ich glaube, ich habe ihn im Zigarrenladen stehen lassen; aber auf jeden Fall ...«
»Nimm deine Füße da zwischen den Stuhlbeinen heraus! Das ist also genau so, wie ich’s mir gedacht hatte. Wo sind deine Gummischuhe?«
»Die ... äh ...«
»Wo sind deine Gummischuhe?«
»Es ist ja so trocken ..., sie sagen ja alle, es sei kein Tropfen Regen mehr zu erw ...«
»Wo -- sind -- deine -- Gummischuhe?!«
»Sieh ’mal -- die Sache kam so. Zuerst sagte der Beamte ...«
»Was für ein Beamter?«
»Der Polizeibeamte; aber der Bürgermeister ...«
»Was für ’n Bürgermeister?«
»Bürgermeister von Genf; aber ich sagte ...«
»Warte ’mal! Was ist mit dir los?«
»Mit wem? Mit mir? Nichts. Sie wollten mich beide überreden, ich sollte dableiben, und ...«
»Dableiben? Wo?«
»Die Sache ist nämlich ...«
»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb elf in der Nacht draußen zu tun gehabt?«
»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief verloren hatte, da ...«
»Du gehst mir wie die Katze um den heißen Brei herum. Nun antworte mir kurz und bündig auf meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?«
»Sie ..., nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.«
Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln auf meine Lippen, aber es erstarrte zu Eis. Das Klima war nicht danach. Ein drei- oder vierstündiger Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir eigentlich auch nicht.
Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und breit auseinandersetzen, und natürlich stellte sich’s heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen konnten, weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen hätte. Es sah so aus, als ob wir in Aerger und Hader zu Bett gehen würden, aber dazu kam es zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich hätte diese Angelegenheit besorgt.
»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam und eifrig und intelligent gewesen, wie’s in deinen Kräften steht, und es ist nicht recht, so viel an dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort mehr darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich schön, bewunderungswürdig benommen, und es tut mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches Wort sagte.«
Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle Scheltworte, und mir wurde unbehaglich dabei zu Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher fühlte, daß ich das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung zu sein, obgleich ich nicht genau wußte, was es eigentlich war; aber ich verspürte keine Neigung, gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren, denn es war schon spät, und ich dachte bei mir selber: O rühret, rühret nicht daran!
Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s herausstellte, daß wir nicht mit dem Frühzug reisen konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu warten; ich genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte mich dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief wiederzubekommen.
Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um die Kofferangelegenheit zu bekümmern und sie ins rechte Geleise zu bringen, falls da etwas schief gegangen wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht, das könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der Hausknecht sagte, er habe die Koffer am Abend vorher nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn, wie er das hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen.
»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt für die Koffer und schickt sie, wohin es einem gefällt. Frei geht bloß das Handgepäck.«
»Wieviel bezahlten Sie dafür?«
»140 Francs.«
»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt irgend was nicht in Ordnung.«
Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte:
»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr? Sie sehen abgespannt aus. Wenn Sie vielleicht gern einen Reisemarschall hätten -- ein guter ist gestern abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er heißt Lüdy. Wir empfehlen ihn, das heißt: das Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.«
Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht gebrochen. Und es gefiel mir nicht, daß man mit mir in solcher Art und Weise von meinem Reisemarschallsamt sprach.
Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in der Hoffnung, der Bürgermeister möchte viel früher als zu seiner Dienststunde aufs Bureau kommen. Das tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal wenn ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder nicht tun wollte, sagte der Polizist es wäre ›~défendu~‹. Ich dachte, ich könnte mich bei ihm ein bißchen im Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu machen, wenn er seine Muttersprache hörte.
Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging alles glatt, denn er hatte die Minute vorher den Höchsten Gerichtshof zusammenberufen -- das tun sie immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles Eigentum handelt. Alles ging nach guter Ordnung vor sich, Schildwachen wurden ausgestellt, und der Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief wurde hereingebracht und geöffnet -- und es war nichts weiter darin als ein paar Photographien. Ich hatte nämlich, wie mir nun einfiel, den Kreditbrief herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu können, und hatte den Brief in einer anderen Tasche verwahrt, wie ich zu allgemeiner Zufriedenheit nachwies, indem ich ihn herausnahm und mit nicht geringem freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren vom Gerichtshof sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden Ausdruck erst einander und dann mich an. Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch fragten sie mich, welchen Beruf ich hätte. Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Sie hoben in einer Art von staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und sagten auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach einige höfliche Worte des Dankes für ihre augenscheinliche Bewunderung und rannte spornstreichs nach der Bank.
Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so fühlte ich mich auch bereits als großen Herold der Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding zu seiner Zeit! Jedes Ding an seinem Ort!
Ich ging daher am Bankgebäude vorüber, bog in eine Nebenstraße ein und begab mich auf den Weg, um die beiden fehlenden Mitglieder der Expedition abzuholen. Eine Droschke wankte an mir vorüber, und ich ließ mich überreden, sie zu nehmen. An Schnelligkeit gewann ich dadurch nichts, aber es war eine ruhevolle Abwechslung, und ich liebe recht viele Ruhe. Der wochenlange Jubellärm wegen des sechshundertsten Geburtstages der schweizerischen Freiheit und der Begründung der Eidgenossenschaft war auf seinem Höhepunkt, und alle Straßen waren mit wehenden Fahnen behangen.
Pferd und Kutscher waren drei Tage lang betrunken gewesen und hatten während dieser ganzen Zeit weder Stall noch Bett gesehen. Sie sahen aus wie ich mich fühlte: schläfrig und katzenjämmerlich. Aber im Laufe der Zeit kamen wir trotzdem an. Ich ging ins Haus und klingelte, und bat ein Dienstmädchen, sie möchte den fehlenden Mitgliedern sagen, daß sie schnell herauskommen sollten. Sie sagte darauf etwas, was ich nicht verstand, und ich kehrte zu meiner Karre zurück. Wahrscheinlich hatte das Mädchen mir gesagt, die Leute wohnten nicht in ihrem Stockwerk, und es würde ratsam sein, wenn ich höher ginge und von Stockwerk zu Stockwerk läutete, bis ich sie fände; denn in diesen schweizerischen Mietskasernen scheint man jemanden nur dadurch finden zu können, daß man geduldig ist und auf dem Wege von unten nach oben die richtige Wohnung zu erraten trachtet. Ich rechnete mir aus, daß ich fünfzehn Minuten würde warten müssen, da bei derartigen Gelegenheiten stets drei unvermeidliche Umstände vorhanden sind; erstens: die Hüte aufsetzen, herunterkommen, einsteigen; zweitens: Umkehren des einen Mitglieds: »um meinen anderen Handschuh zu holen«; drittens: Umkehren des anderen Mitglieds: »um meinen ›kleinen Franzosen in der Westentasche‹ zu holen.« Ich beschloß, diese fünfzehn Minuten hindurch mich mit meinen Gedanken zu beschäftigen und mich nicht zu ärgern.
Es folgte eine recht stille und ereignislose Pause; dann fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter und fuhr in die Höhe. Der Störenfried war ein Polizist. Ich sah um mich und bemerkte, daß der äußere Anblick der Szenerie sich geändert hatte. Es war eine recht stattliche Menschenmenge versammelt, und die Leute sahen so vergnügt und neugierig drein, wie sie’s immer tun, wenn irgendwo irgendwer zu Schaden gekommen ist.
Das Pferd war eingeschlafen, der Kutscher auch, und einige Jungen hatten sie und mich von oben bis unten mit bunten Zieraten behangen, die sie von den unzähligen Fahnenmasten gestohlen hatten. Es war ein empörender Anblick! Der Beamte sagte:
»Es tut mir leid, aber wir können Sie nicht den ganzen Tag hier schlafen lassen.«
Ich war verletzt und sagte voll Würde:
»Ich bitte recht sehr -- ich schlief nicht; ich dachte!«
»Nun Sie können ja denken, wenn es Ihnen Spaß macht; aber dann müssen Sie bei sich selber denken, Sie stören ja die ganze Nachbarschaft.«
Es war ein armseliger Witz, aber die Menge lachte darüber. Ich schnarche zuweilen nachts, aber es ist unwahrscheinlich, daß ich bei Tage und auf offener Straße so etwas tun sollte! Der Beamte nahm uns die Zieraten ab; unsre Hilflosigkeit schien ihm leid zu tun, und er gab sich wirklich Mühe, anständig zu sein. Er sagte aber, wir dürften nicht länger mehr auf der Straße halten, sonst müßte er uns in Buße nehmen -- so laute die Bestimmung, sagte er. Und weiter bemerkte er in höflicher Weise, ich sähe ein bißchen angegriffen aus, und er möchte gern wissen ...
Ich sah ihn recht hochnasig von oben bis unten an und sagte, ich wollte doch hoffen, man dürfte solche Tage ein bißchen feiern, besonders wenn sie einen ganz persönlich angingen.
»Persönlich?« fragte er. »Wieso?«
»Weil vor sechshundert Jahren einer meiner Vorfahren den Bundesvertrag mit unterzeichnete.«
Er dachte einen Augenblick nach, sah mich dann prüfend an und sagte:
»Vorfahre! Ich bin der Meinung, Sie haben ihn selber unterzeichnet. Denn von allen alten historischen Gedenkstücken, die ich jemals ... aber lassen wir das ... Worauf warten Sie hier so lange?«
Ich sagte:
»Ich warte überhaupt gar nicht so lange hier. Ich warte fünfzehn Minuten, bis sie einen Handschuh und ein Buch vergessen haben und wieder umkehren, um sich die Dinger zu holen.«
Hierauf sagte ich ihm, wer die Leute wären, die ich abholen wollte.
Er war sehr gefällig und begann Fragen zu den Köpfen und Schultern hinaufzurufen, die reihenweise aus allen Fenstern über uns heraussahen. Eine Frau rief von ganz oben herunter:
»Die? Für die habe ich ja eine Droschke geholt, und sie sind schon vor langer Zeit von hier abgefahren -- so ungefähr um halb neun!«
Das war verdrießlich. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, sagte aber nichts. Der Beamte aber bemerkte:
»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie hätten sich besser erkundigen sollen. Sie haben hier dreiviertel Stunden lang geschlafen -- und in was für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten -- braun gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht Ihren Zug verpassen. Sie interessieren mich sehr. Was ist Ihr Beruf?«
Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn zu wundern, und bevor er sich davon erholt hatte, waren wir fort.
Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand ich unsere Zimmer verlassen. Das überraschte mich nicht. Sobald ein Reisemarschall das Auge von seinen Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die Läden und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde ist, desto sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und versuchte zu überlegen, was ich nun zunächst tun solle, aber auf einmal kam der Hoteldiener herein und sagte, die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, daß sie etwas Vernünftiges taten, und diese neue Erfahrung war sehr geeignet, meine Gedanken in Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den Dingen, die den Beruf eines Reisemarschalls so schwierig und so ungewiß machen. Wenn gerade alles so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit allen so sorgfältig ausgedachten Anordnungen.
Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren. Jetzt war es zehn Minuten bis zwölf. In zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren hatte, denn unser Zug war der ›Blitzzug‹, und auf dem europäischen Festlande setzen die Blitzzüge einen gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen Leute, die noch im Wartesaale saßen; alle anderen waren schon hinausgegangen und hatten ›den Zug bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz erschöpft vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete und munterte sie auf, und wir stürmten hinaus.
Aber nein -- wir hatten wiederum Pech. Der Türsteher war nicht mit den Fahrkarten einverstanden. Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig, mißtrauisch, sah mich eine Weile an und winkte hierauf einen anderen Beamten heran. Die beiden untersuchten die Fahrkarten und riefen einen dritten. Die drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt Reden und Reden und gestikulierte und redete immerzu, bis ich sie bat, sie möchten bedenken, wie flüchtig die Zeit ist, möchten daher schnell ein paar Beschlüsse fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie sehr höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; wo ich dieselben gekauft hätte?
»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los ist!« Ich hatte ja die Fahrkarten in einem Zigarrenladen gekauft und natürlich haftete ihnen der Geruch des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie die Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die Steuer für den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, recht frank und frei zu sprechen; das ist zuweilen das beste. Ich sagte also:
»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. Diese Eisenbahnfahrkarten ...«
»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine Eisenbahnfahrkarten.«
»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?«
»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, jawohl; und zwar Lose von einer Lotterie, die vor zwei Jahren gezogen wurde.«
Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man unter solchen Umständen nichts tun, und dabei nützt es noch nicht mal was. Keiner fällt darauf herein, und man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten Lebenslagen, wenn man sich ob der kläglichen Rolle, die man selber spielt, ärgern und schämen muß und dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen zu spielen hat, während neben einem die eigene Expedition steht, die geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe und Verehrung man nach dem Herkommen zivilisierter Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden Menschen, deren Mitgefühl ein Brandmal, ein Schandmal ist -- ein Brandmal, das einen kennzeichnet als einen -- o, ich kann’s nicht aussprechen, aber es ist etwas, woran menschliche Gemüter nur mit Schauder denken können.
Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein kleines Versehen, wie es wohl jedem mal passieren könne. Ich würde binnen zwei Minuten die richtigen Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur rechten Zeit in den Zug und hätten außerdem was, worüber wir unterwegs lachen könnten. Ich bekam auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön abgestempelt und vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich sie nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem Abholen der beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe gegeben, daß ich darüber die Bank völlig verschwitzt hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr denn der Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu machen, als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten wir denn auch, aber es herrschte sozusagen eine melancholische Stimmung, und es wurde nicht viel gesprochen. Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung in Gang zu bringen, über die schöne Gegend und über Seelenwanderung und dergleichen, aber ich schien damit keinen Anklang zu finden.
Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch bekamen wir einige andere, die zwar ein bißchen weit auseinander lagen, aber immerhin leidlich waren. Ich dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern, aber das Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer herauf!«
Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser Koffergeschichte war irgend etwas zweifelhaft. Darauf hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte einen Vorschlag machen.
Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich zum Schweigen zu bringen, und ich erhielt den Bescheid, wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt in Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns wieder frische Kräfte gäbe.
Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht die Mühe machen, erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen und selber nach den Koffern sehen. Ich nahm eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen hätte.
»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.«
»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?«
»Nein.«
»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe, Sie sollten sieben abholen, die Sie in der Vorhalle aufgestapelt finden würden?«
»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.«
»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder nach Jericho oder sonst wohin gegangen, und es werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition ...«
Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem Gehirn begann nämlich alles rund umzugehen, und wenn es so weit mit einem ist, so denkt man immer, man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während man es in Wirklichkeit _nicht_ getan hat. Grübelnd und sinnend geht man weg und kommt erst wieder zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine Kuh oder sonstwas einen umrennt.
Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft -- ich vergaß sie nämlich -- und überlegte mir auf dem Rückweg noch einmal die ganzen Ereignisse und beschloß, meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, daß man mich absetzen würde. Indessen schien es mir nicht das Richtige zu sein, mein Entlassungsgesuch in eigener Person einzureichen; ich konnte das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ mir daher Herrn Lüdy kommen und setzte ihm auseinander, ein Reisemarschall sähe sich wegen Unerträglichkeit oder Ermüdung oder dergleichen in die Notwendigkeit versetzt, zurückzutreten, und da er, wie ich gehört, auf vier oder fünf Tage frei wäre, so möchte ich gern, wenn er den offenen Posten annehme -- falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht war, veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen und der Expedition zu sagen, daß wir infolge eines Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden würden, und daß es besser wäre, wir nehmen den ersten besten Schnell-, Bummel- oder Güterzug und machten uns auf die Reise.
Er besorgte das und brachte mir von oben eine Einladung mit herunter, ich möchte mal hinaufkommen.
»Ja gewiß,« sagte ich.
Während wir dann nach der Bank gingen, um Geld zu holen und meine Zigarren nebst dem Tabak zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen, um uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu lassen und meinen Schirm zu holen, und nach Herrn Natürlichs Geschäft, um die Droschke zu bezahlen und wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um meine Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für den Bürgermeister und die Herren vom Höchsten Gerichtshof Karten mit ~p. p. c.~ zu hinterlassen -- während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das Wetter, das in den höheren Regionen bei der Expedition herrschte, und ich sah, daß ich mich da, wo ich war, sehr wohl befand.
Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen vor der Stadt in den Wäldern umher; dann begab ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner Expedition gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. Die Expedition befand sich jetzt unter der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre verwickelten Geschäfte anscheinend mit geringer Anstrengung und in aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte.
So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, so lange ich im Amte war, und hatte mir die allergrößte Mühe gegeben. Und trotzdem sprachen sie alle nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen in ihrem Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. Tausend gute Eigenschaften übersprangen sie einfach und redeten und redeten immer wieder von _einem_ Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich müde sein, davon zu sprechen. Und was war das für ein Umstand? -- nichts weiter, als daß ich mich in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen und eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen Zirkus nach Jerusalem hätte bringen können -- und daß ich damit nicht einmal meine kleine Schar aus der Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte ich ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr zu hören, ich bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich sagte ihnen ins Gesicht, ich würde niemals wieder Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen das Leben retten könnte. Und wenn ich lange genug am Leben bleibe, so will ich das beweisen. Meiner Meinung nach ist es ein heikliges, hirnermüdendes, nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares Amt, und der Hauptlohn, den man davon hat, ist: ein verärgertes Herz und ein wirbliger Kopf.
[Illustration]
Von allerhand Schiffen.
Der moderne Dampfer.
Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben -- wir bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein könnte -- aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn, zwanzig Jahren den Ozean durchquerte.
Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich _eine_ Badstube für ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt; auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen lassen.
Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien; diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne. In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes, gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen -- Sonntags ›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß; jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel; es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels haben solche Rauchzimmer.
Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen -- besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze. Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of Paris‹ zustieß.
Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke, die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab, daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe selber seine Landung bewerkstelligte.
Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch, gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling, daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und ihn tötete.
Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde, von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100 Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹ vorhanden.
In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein außergewöhnlicher Sturm herrscht.
Wie erfindungsreich sind doch die Menschen -- d. h. die Menschen der Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir unverständliche Inschriften:
Kielbehälter leer Doppelboden Nr. 1 voll Doppelboden Nr. 2 voll Doppelboden Nr. 3 voll Doppelboden Nr. 4 voll
Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte, und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte, kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat.
An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine 400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser -- 618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.
Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert, kommt dieses aus dem Gleichgewicht -- der Bug hebt sich empor, der Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden.
Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen Zweck erfüllen.
Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen; aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen. Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr vorhanden ist.
Die Arche Noäh.
Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des Schiffsbaues gemachte Fortschritt ist sehr bemerkenswert. Auch steht die in den Tagen des guten alten Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der Festigkeit, womit sie in der Gegenwart zur Anwendung gebracht werden. Es ist ausgeschlossen, daß Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. Erfahrung hat uns von der Notwendigkeit überzeugt, es genauer zu nehmen und mehr auf die Erhaltung von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage würde Noah nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen abzusegeln. Die Inspektoren würden kommen und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich den Auftritt und das Gespräch ohne Schwierigkeit und in allen Einzelheiten vorstellen.
Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, ehrerbietig würdevoll, freundlich, ein vollkommener Gentleman, aber unverrückbar wie der Polarstern in Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner Dienstpflicht. Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren und wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft er gehörte, wie groß sein Einkommen wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen Rangleiter er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele Frauen und Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, und von ihnen allen würde er Namen, Geschlecht und Alter angeben müssen; wenn er keinen Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst einen zu besorgen. Dann würde der Inspektor sich um die Arche selber bekümmern:
»Wie lang ist sie?«
»Sechshundert Fuß.«
»Wie tief?«
»Fünfundsechzig.«
»Die Breite?«
»Hundert Fuß.«
»Gebaut aus ...?«
»Holz.«
»Was für Holz?«
»Tannenholz.«
»Innere und äußere Verzierungen?«
»Verpicht inwendig und auswendig.«
»Passagiere?«
»Acht.«
»Geschlecht?«
»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.«
»Alter?«
»Von hundert Jahren an aufwärts.«
»Wie hoch aufwärts?«
»Sechshundert.«
»Ah -- gehen nach Chicago. Uebrigens guter Einfall. Name des Arztes?«
»Einen Arzt haben wir nicht.«
»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister -- letzterer ist ganz besonders nötig. Die Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht die notwendigsten Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?«
»Dieselben acht.«
»Dieselben acht?«
»Dieselben acht.«
»Und die Hälfte davon Weiber?«
»Jawohl.«
»Haben sie je zur See gedient?«
»Nein.«
»Aber die Männer?«
»Auch nicht.«
»Ist überhaupt jemand von euch je zur See gewesen?«
»Nein.«
»Wo sind Sie denn aufgewachsen?«
»Alle zusammen auf einem Bauernhof.«
»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800 Mann, da es kein Dampfer ist. Sie müssen die besorgen. Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben. Wer ist der Kapitän?«
»Ich.«
»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein Stubenmädchen. Ferner Krankenpflegerinnen für die alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des Schiffes?«
»Das tat ich.«
»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?«
»Jawohl.«
»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?«
»Tiere.«
»Was für Arten?«
»Sämtliche Arten.«
»Fremdländische oder einheimische?«
»Meistens fremdländische.«
»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?«
»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger, Wolf, Schlangen -- alles wilde Getier aus allen Zonen -- von jeder Sorte zwei.«
»Sicher in Käfigen untergebracht?«
»Nein, nicht in Käfigen.«
»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt Futter und Wasser für die Menagerie?«
»Wir.«
»Die alten Leute?«
»Ja.«
»Das ist gefährlich -- für beide Teile. Für die Tiere muß von sachverständigen Leuten gesorgt werden. Wie viele Tiere sind vorhanden?«
»Große: 7000; große und kleine zusammen: 98000.«
»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das Schiff beleuchtet?«
»Durch zwei Fenster.«
»Wo sind die?«
»Oben unter den Dachrinnen.«
»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und 65 Fuß tiefen Tunnel? Sie müssen sich elektrisches Licht zulegen -- ein paar Bogenlampen und 1500 Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck wird? Wie viele Pumpen haben Sie?«
»Keine, lieber Herr.«
»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen Sie Wasser für die Passagiere und die Tiere?«
»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer herunter.«
»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?«
»Was für was?«
»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um das Schiff fortzubewegen?«
»Keine.«
»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen. Von welcher Art ist Ihr Steuerapparat?«
»Wir haben gar keinen.«
»Haben Sie nicht ein Steuerruder?«
»Nein.«
»Wie steuern Sie denn das Schiff?«
»Wir steuern nicht.«
»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der geeigneten Vorrichtung versehen. Wie viele Anker haben Sie?«
»Keine.«
»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem Schiff wie das Ihrige nicht ohne dieses Schutzmittel segeln. Wie viele Rettungsboote haben Sie?«
»Keine, lieber Herr.«
»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?«
»Keine.«
»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange, denken Sie, wird Ihre Reise dauern?«
»Elf oder zwölf Monate.«
»Elf oder zwölf Monate ... Ziemlich langsam. Aber Sie werden noch rechtzeitig zur Ausstellung kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen -- mit Kupfer?«
»Der Schiffsrumpf ist nackt -- ist überhaupt nicht beschlagen.«
»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen in der See würden das Schiff wie ein Sieb durchlöchern, und in drei Monaten würde es drunten auf dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff _darf_ nicht die Erlaubnis erhalten, in solchem Zustand abzufahren; es muß beschlagen werden. Nun noch eins: Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine Binnenstadt und für Schiffe Ihres Kalibers nicht erreichbar ist?«
»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige nicht nach Schikargo zu fahren.«
»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben, was für einen Zweck die Tiere haben?«
»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.«
»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch nicht genug haben?«
»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation -- ja! Aber der Rest wird in einer Flut ertrinken, und diese hier sind dazu bestimmt, den Vorrat wieder zu ergänzen.«
»In einer Flut?«
»Ja.«
»Wissen Sie das gewiß?«
»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und vierzig Nächte regnen.«
»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber Herr; das kommt hier oftmals vor.«
»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird die Bergspitzen bedecken und das Land wird völlig unsichtbar werden.«
»Im Vertrauen -- aber natürlich nicht in meiner Eigenschaft als Beamter -- gesagt: es tut mir leid, daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben; denn nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte Erlaubnis, nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder Dampf zu wählen, wieder zurückzuziehen. Ich muß Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff kann nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche Fahrt notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit sich führen. Sie werden sich eine Destillationsanlage anschaffen müssen.«
»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser auf der Außenseite mittels Eimer schöpfen werde.«
»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die Bergspitzen erreicht, werden die süßen Gewässer mit dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen sein und werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich Dampfbetrieb zulegen und Ihr Wasser destillieren ... Nun will ich mich von Ihnen verabschieden, verehrter Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der Schiffsbaukunst?«
»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Ich baute diese Arche, ohne vorher jemals die geringste Uebung oder Unterweisung in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.«
»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter Herr, eine sehr bemerkenswerte Leistung. Es sind darin meiner Meinung nach mehr neue -- völlig neue und unabgedroschene -- Züge als in jedem andern Schiff, das auf den Meeren schwimmt.«
»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre, lieber Herr, -- unendliche! -- und ich werde es mit Freuden in meiner Erinnerung bewahren, so lange mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen meinen gebührenden und tiefst empfundenen Dank. Adieu!«
Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah über die Maßen höflich sein; Noah würde das Gefühl gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber in See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht gehen lassen.
Kolumbus und sein Schiffchen.
In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der Arche bis zu Kolumbus’ Entdeckungsfahrt machte die Schiffsbaukunst etliche Veränderungen zum Bessern durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen, so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man als ›weniger unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. Ich habe mal irgendwo gelesen, eins von Kolumbus’ Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff gewesen. Vergleicht man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden unsrer Tage, so kann man sich einigermaßen einen Begriff machen, wie klein die spanische Bark war und wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen Passagierverkehr über das Atlantische Meer den Wettbewerb aufzunehmen. Nicht weniger als 74 von ihrer Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt der ›Havel‹ zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach unsern heutigen Begriffen würde das als schauderhafte Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, vier Matrosen und einen Schiffsjungen. Die Bemannung eines modernen Schnelldampfers besteht aus 250 Menschen.
Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so können wir aus diesen beiden Tatsachen mit unumstößlicher Sicherheit auf verschiedene weniger wichtige Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte nicht berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so wissen wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang rollte und stampfte und schlingerte und daß es bei tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder auf dem Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser lag. Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord und wuschen das Deck vom Steven bis zum Stern. Die ganze Reise über waren die Sturmleisten auf dem Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter auf die Hosen als in den Magen. Der Speisesaal maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel, unlüftbar und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner war nur eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die Größe eines Grabes und enthielt zwei oder drei übereinander gestellte Betten von der Größe und Bequemlichkeit von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, herrschte in dieser Kajüte eine Finsternis von einer Dicke und Greifbarkeit, daß einer hineinbeißen und sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum, wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich hinten auf dem hochaufragenden Hüttendeck -- ein Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß Breite; überall sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten die Wellen das Deck.
Daß dies alles so war, geht für uns aus der bloßen Tatsache hervor, daß das Schiff klein war. Da es zugleich auch alt war, so ergeben sich daraus natürlich etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war voll von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei schwerer See öffneten und schlossen sich die Fugen der Planken wie wenn ein Mensch seine Finger auseinanderspreizt und wieder schließt. Es leckte wie ein Korb. Wo ein Leck ist, ist notwendigerweise auch Schlagwasser; und wo Schlagwasser ist, kann bloß ein Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche. Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner Ruchlosigkeit.
Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen ausgehend, können wir ein wahrheitsgetreues Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er seine Andacht vor dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. Um acht erschien er auf der Hinterdeckspromenade. War das Wetter kühl, so erschien er, vom Helmbusch bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am Küchenfeuer hatte wärmen lassen. War das Wetter warm, so kam er in der gewöhnlichen Seemannstracht jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem Samt mit einem wehenden Busch von schneeweißen Straußfedern, der durch einen blitzenden Klumpen von Diamanten und Smaragden zusammengehalten wird. Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten Aermeln, die ein karmesinrotes Seidenfutter sehen lassen; breiter Kragen und Handkrausen aus kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; perlgraue seidene Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; zitronengelbe Schlappstiefel aus Lammleder, herunterhängend, damit die schönen Strümpfe zu sehen sind; Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, aus der Werkstatt der heiligen Inquisition, (früher zur Haut einer Dame von hohem Stande gehörend); Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide an einem breiten Wehrgehänge, das mit Rubinen und Saphiren besetzt ist.
Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das Aussehen des Himmels und die Windrichtung; sieht sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie nach andern Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib dem Manne am Steuer einen Rüffel; holt ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und übt sich in seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab und zu läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet einen Matrosen auf dem Quarterdeck vom Ertrinken. Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt und dehnt er sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen und wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe ... Das war Kolumbus in seiner menschlichen Natürlichkeit, wenn er nicht für die Nachwelt posierte!
Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der Sonne und stellte fest, daß das gute Schiff in 24 Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als Sieger ankommen, wenn außer ihm kein Mensch da ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu sagen hat.
Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches Frühstück: Speck, Bohnen und Branntwein; um zwölf speist er allein und feierlich zu Mittag: Speck, Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; um elf nimmt er allein und feierlich sein Nachtmahl ein: Speck, Bohnen und Branntwein. Musik gibt es bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit spricht er ein Dankgebet für all die guten Sachen -- deren Wert er vielleicht ein bißchen übertreibt. Dann legt er die Seidenpracht oder das vergoldete Eisengeschirr ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in tiefen Atemzügen mit der von den köstlichen Düften ranzigen Oels und Schlagwassers geschwängerten Luft zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen, und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken brigade- und divisions- und armeekorpsweise aus und spielen Zirkus auf seinem ganzen Leibe.
Das war mehrere historische Wochen lang der tägliche Lebenslauf des großen Entdeckungsreisenden in seiner Nußschale, und der Unterschied zwischen den Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf unserer ›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen.
Als er wiederkam -- so berichtet die Weltgeschichte -- da sagte der König von Spanien voll Verwunderung: »Das Schiff scheint leck zu sein. Leckte es schlimm?«
»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: Ich pumpte während der Fahrt sechzehnmal den Atlantischen Ozean durch das Schiff.«
So berichtet General Horace Porter. Andre Autoritäten sprechen nur von fünfzehnmal.
Verschollene Gefühle.
Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik des Meeres. Die zarte Gefühlsseligkeit, die das Seewesen umwob, ist aus unserem Werkeltagsleben verschwunden und gehört nur noch als eine ferne halbverwischte Erinnerung der Vergangenheit an. Aber viele von uns Mitlebenden können sich noch sehr gut der Zeit erinnern, da diese Gefühlsseligkeit in jedermanns Brust lebte; und je weiter die Menschen vom Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie diese Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. Man brauchte in einer Gesellschaft bloß von der See, der romantischen See zu sprechen, und sofort verfielen die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war. Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in den weltabgelegenen Siedelungen gesungen wurden, hatten zum Helden den schwermütigen Wandrer, und dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime. Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen entlang plätscherten, sangen sie unfehlbar, sobald sich die Dämmerungsschatten herniedersenkten:
Der Heimat zu, der Heimat zu, Vom fernen fremden Strand.
Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern im Westen war dies das Lieblingslied. Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹; ›Des Schiffsjungen Traum‹; ›Des gefangenen Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus auf dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist endlos. Die guten Ackersleute von dazumal lebten in ihrer Phantasie allesamt hauptsächlich inmitten der Gefahren des Meeres.
Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden. Das Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl nichts mehr sagt und an dessen Bord alles so nüchtern und streng zugeht, verbannte die Romantik aus der Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte sie aus der Handelsflotte. Die Gefahren und Ungewißheiten, die einst das Leben auf See romantisch machten, sind verschwunden, und mit ihnen das poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere an Bord niemals Seemannslieder, und die Schiffskapelle spielt niemals derartige Weisen. Die rührenden Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft so feurige Farben vorspiegelten, weil solche Wandrer so etwas Seltenes waren -- sie haben ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil jetzt jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die Teilnahme dafür ist also erstorben. Kein Mensch bangt sich mehr um den Wandrer; ihm drohen keine Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist auf dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause; denn dort kann es ihm nimmer passieren, daß er einem Freund die letzte Ehre erweisen und barhäuptig in Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf die Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen. Und die Ungewißheiten der Reise sind auf die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß am Nachmittag an der andern Seite ankommen wird oder noch bis zum andern Morgen warten muß.
Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war ein Segelschiff. Es brauchte 28 Tage von San Francisco nach den Sandwichinseln. Der Hauptgrund für diese überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im Stillen Weltmeer 2000 Meilen von Land auf einem und demselben Fleck lagen. Hier auf der ›Havel‹ höre ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff damals -- da hörte ich alle, die es gibt. Es waren auf dem Schiff ein Dutzend junge Leute -- werden jetzt wohl hübsch alt sein -- und diese setzten sich jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei Sternenlicht oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder in die leise, schweigende, regungslose Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für Humor und sangen fortwährend:
Der Heimat zu, der Heimat zu,
ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich war, denn wir lagen still und kamen überhaupt nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte diesem Gesang das andre schöne Lied:
›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹ Frug die sterbende Maid -- und der Hafen war nah.
Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen Leuten, und ich möchte wohl wissen, wo sie jetzt sind. ›Ach, alle zerstreut‹ -- natürlich; und die Blüte und Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt? Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn zu bessern, aber keinem gelang es. So überließ man ihn denn nach und nach sich selber; keiner von uns wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen, wie sie gedankenvoll gegen das Heckbord gelehnt stand, und ich habe bei mir gedacht, wenn wir uns mehr Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so hätten wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien und durch Zureden ihn davon abbringen können. Aber -- man mag es kaum aussprechen -- er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen und wahrscheinlich unverbesserlich. Ich möchte gerne glauben -- und glaube in der Tat -- daß ich alles tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer Gesinnung zu bekehren.
Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das Schiff lag während der Kalme die vollen 14 Tage lang genau auf demselben Fleck. Dann kam eine hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir breiteten unsre weißen Schwingen zum Fluge aus. Aber das Schiff rührte sich nicht. Die Segel blähten sich, der Wind spannte die Taue an, aber das Schiff bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der Kapitän war überrascht. Erst nach mehreren Stunden fanden wir heraus was uns festhielt. Entenmuscheln! Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den Schiffsboden angesetzt; andre hatten sich wieder an diesen Haufen angesetzt, andre wieder an diese und so weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund angeheftet, und die See ist an jener Stelle fünf Meilen tief. So war also das Schiff ganz einfach der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks -- jawohl!, und war durch Wind und Segel so wenig zu bewegen wie festes Land. Jedermann sah diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an.
Nun, die Woche darauf -- indessen, Sandy Hook ist in Sicht.
[Illustration]
Der Roman der Eskimo-Maid.
»Ja, Herr Twain, ich will Ihnen von meinem Leben alles erzählen, was Sie gerne hören möchten,« sagte sie mit ihrer sanften Stimme und dabei sah sie mir mit ihren unschuldigen Augen ruhig ins Gesicht; »denn es ist lieb und nett von Ihnen, daß Sie mich leiden mögen und etwas über mich wissen wollen.«
Sie hatte, in Gedanken versunken, mit einem beinernen Messerchen Walfischfett von ihren Wangen geschabt und es an ihrem Pelzärmel abgewischt und dabei auf das Nordlicht am Himmel geblickt, das seine flammenden Strahlen in reichen Regenbogenfarben über die einsame Schneeebene und die Dome der Eisberge ergoß -- ein Schauspiel von fast unerträglich glänzender Schönheit. Aber jetzt schüttelte sie die träumerische Stimmung von sich ab und schickte sich an, mir die einfache kleine Geschichte zu erzählen, um die ich sie gebeten hatte. Sie setzte sich bequem auf dem Eisblock zurecht, der uns als Sofa diente, und ich nahm die Haltung eines aufmerksamen Zuhörers an.
Sie war ein schönes Geschöpf. Ich spreche vom Eskimostandpunkt. Andere hätten sie für ein bißchen reichlich fett halten mögen. Sie war gerade zwanzig Jahre alt und galt für das weitaus bezauberndste Mädchen ihres Stammes. Sogar hier in der freien Luft, in ihren schwerfälligen und unförmlichen Pelzröcken, Pelzhosen und Pelzstiefeln und unter der großen Kapuze war wenigstens die Schönheit ihres Gesichtes erkennbar; die Schönheit ihrer Gestalt mußte man allerdings auf Treu und Glauben annehmen. Unter allen aus- und eingehenden Gästen hatte ich an ihres Vaters gastlichem Eßtrog kein Mädchen gesehen, das man ihrer ebenbürtig hätte nennen können. Und dabei war sie unverdorben! Sie war lieblich und natürlich und aufrichtig, und wenn sie wußte, daß sie eine Schönheit war, so ließ doch nichts in ihrem Gehaben darauf schließen, daß sie diese Kenntnis besaß.
Sie war nun seit einer Woche meine tägliche Kameradin gewesen, und je besser ich sie kennen lernte, desto besser gefiel sie mir. Sie war zärtlich und sorgfältig aufgezogen worden, in einer Lebensluft, die in den Polargegenden als eine außerordentlich verfeinerte gelten konnte, denn ihr Vater war der einflußreichste Mann seines Stammes und stand auf der Höhe der Eskimokultur. Ich machte mit Lasca -- so hieß sie -- lange Spazierfahrten im Hundeschlitten über die mächtigen Eisfelder und fand ihre Gesellschaft stets liebenswürdig und ihre Unterhaltung angenehm. Ich ging mit ihr auf den Fischfang, aber nicht in ihrem lebensgefährlich schwachen Boot, sondern ich spazierte bloß am Eisrande entlang und sah zu, wie sie mit ihrem unfehlbar treffenden Speer ihr Wild erlegte. Wir segelten miteinander; mehreremale stand ich dabei, wenn sie und ihre Familie von einem gestrandeten Wal den Speck ernteten, und einmal begleitete ich sie ein Stück Weges auf die Bärenjagd; ich kehrte aber um, ehe es zum Schuß kam, denn im Grunde habe ich Angst vor Bären.
Nun, wie gesagt, sie wollte mir ihre Geschichte erzählen. Hier ist sie:
»Unser Stamm war nach uraltem Brauch wie die anderen Stämme über das gefrorene Meer von Ort zu Ort gewandert, aber vor zwei Jahren wurde mein Vater dieses Wanderns müde und baute sich dieses große Schloß aus Schneeblöcken -- sehen Sie es nur an! Es ist sieben Fuß hoch und drei- oder viermal so lang als irgend ein anderes Haus. Hier haben wir seither immer gewohnt. Er war sehr stolz auf sein Haus und das mit Recht; denn wenn Sie es sich aufmerksam ansahen, so müssen Sie bemerkt haben, wieviel schöner und vollständiger es ist als die üblichen Wohnungen. Haben Sie noch nicht darauf geachtet, so müssen Sie es unbedingt thun, denn Sie werden darin eine luxuriöse Ausstattung finden, die sich hoch über das Gewöhnliche erhebt. Zum Beispiel, an dem Ende, das Sie den ›Empfangssalon‹ genannt haben, da ist die erhöhte Plattform, woran meine Familie und ihre Gäste es sich beim Essen bequem machen. Diese Plattform ist die größte, die Sie je in einem Hause gesehen haben -- nicht wahr?«
»Ja, Sie haben vollkommen recht, Lasca; es ist die größte. Wir haben selbst in den schönsten Häusern der Vereinigten Staaten nichts Aehnliches.«
Bei dieser Anerkennung funkelten ihre Augen voll Stolz und Wonne. Ich bemerkte es und schrieb es mir hinter die Ohren.
»Ich dachte mir’s, daß die Plattform Sie überrascht hätte,« sagte sie. »Und noch eins: Der Boden ist viel dicker mit Pelzen belegt als sonst üblich ist. Alle Arten Pelzwerk -- vom Seehund, Seeotter, Silberfuchs, Bär, Marder, Zobel -- alle Arten Pelzwerk sind im Ueberfluß vorhanden. Dasselbe gilt von den Eisblockschlafbänken an der Wand, die Sie ›Betten‹ nennen. Sind bei Ihnen zu Hause Plattformen und Schlafbänke besser ausgestattet?«
»Das sind sie wirklich nicht, Lasca -- man denkt noch gar nicht mal daran.« Das gefiel ihr wieder. Sie dachte bloß an die Zahl der Pelze, die ihr feinsinniger Vater sich die Mühe nahm aufzubewahren, nicht an deren Wert. Ich hätte ihr sagen können, daß diese Massen von kostbarem Pelzwerk ein Vermögen bedeuteten -- oder wenigstens in meiner Heimat bedeuten würden -- aber sie hätte das nicht verstanden; solche Sachen galten bei ihrem Volk nicht als Reichtümer. Ich hätte ihr sagen können, daß die Kleider, die sie anhatte, oder die Alltagskleider der gewöhnlichsten Person ihrer Umgebung, zwölf- oder fünfzehnhundert Dollars wert seien, und daß ich bei uns zu Hause keine Dame kenne, die in Zwölfhundert-Dollars-Toiletten fischen ginge. Aber auch dies hätte sie nicht verstanden. Deshalb sagte ich nichts. Sie fuhr fort:
»Und dann die Spülzuber! Wir haben zwei im Empfangssalon und außerdem noch zwei andere im Hause. Es kommt sehr selten vor, daß jemand zwei im Empfangssalon hat. Haben Sie zwei in Ihrem Salon daheim?«
Der bloße Gedanke an diese Spülzuber benahm mir den Atem; ich sammelte mich aber wieder, bevor sie etwas merkte, und sagte voll Wärme:
»Hören Sie, Lasca, es ist schlecht von mir, daß ich meine Heimat bloßstelle, und Sie dürfen es nicht weiter sagen, denn ich spreche zu Ihnen im Vertrauen -- ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nicht mal der reichste Mann in der Stadt New York zwei Spülzuber in seinem Salon hat.«
Sie schlug in unschuldigem Entzücken ihre pelzbekleideten Hände zusammen und rief:
»O, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, das _kann_ nicht Ihr Ernst sein!«
»Ja, es ist _wirklich_ mein Ernst, Liebste! Da ist Vanderbilt. Vanderbilt ist ungefähr der reichste Mann auf der ganzen Welt. Nun, und wenn ich auf dem Totenbett läge, so könnte ich Ihnen sagen, daß nicht mal er zwei in seinem Salon hat. Ja, nicht mal _einen_ hat er -- ich will auf der Stelle sterben, wenn’s nicht wahr ist!«
Ihre lieblichen Augen standen vor Erstaunen weit aufgerissen, und sie sagte langsam, mit einem gewissen Beben in der Stimme: »Wie seltsam -- wie unglaublich -- man kann es sich gar nicht vorstellen. Ist er geizig?«
»Nein -- das ist er nicht. Auf die Ausgabe kommt’s ihm nicht an, aber -- hm -- wissen Sie, es würde protzig aussehen. Ja, das ist es -- so denkt er. Er ist ein einfacher Mann auf seine Art und hat eine Abneigung gegen Entfaltung von Pomp und Prunk.«
»Nun, solche Demut ist ja recht anerkennenswert,« sagte Lasca, »wenn man sie nicht zu weit treibt -- aber wie sieht denn nun der Salon aus?«
»Na, natürlich ziemlich kahl und unvollständig, aber ...«
»Das kann ich mir denken. So was habe ich noch nie gehört! Ist es ein schönes Haus -- ich meine, abgesehen _davon_?«
»Ziemlich schön, ja. Man hat ’ne sehr gute Meinung davon.«
Das Mädchen saß eine Weile schweigend da und knabberte träumerisch an einem Lichtstumpf. Augenscheinlich versuchte sie sich auf das Gehörte einen Vers zu machen. Zuletzt schüttelte sie leise den Kopf und sprach frank und frei ihre Meinung aus:
»Nun, nach meiner Ansicht giebt es eine Art von Demut, die, wenn man ihr auf den Grund geht, doch nur eine Prahlerei ist. Und wenn ein Mann, der sich zwei Spülzuber in seinem Salon leisten kann, es nicht thut, so ist er _vielleicht_ wirklich demütig, aber hundertmal wahrscheinlicher ist es, daß er gerade die Blicke der Welt dadurch auf sich lenken will. Nach meiner Meinung weiß Herr Vanderbilt genau, was er damit bezweckt.«
Ich versuchte diesen Urteilsspruch zu mildern, denn ich fühlte, daß der Besitz von zwei Spülzubern nicht für jedermann der richtige Prüfstein sei, obgleich man in der Eskimogegend nichts dagegen einwenden kann. Aber das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und ließ sich nichts einreden. Plötzlich fragte sie: »Haben die reichen Leute bei Ihnen auch so gute Schlafbänke wie wir, aus so hübschen breiten Eisblöcken gemacht?«
»Na, sie sind ziemlich gut -- gut genug -- aber aus Eisblöcken sind sie nicht gemacht.«
»Ach gar! Warum sind sie denn nicht aus Eisblöcken?«
Ich erklärte ihr die Schwierigkeiten und machte sie darauf aufmerksam, wie teuer das Eis in einem Lande ist, wo man auf seinen Eismann scharf aufpassen muß, damit die Eisrechnung nicht schwerer wird als das Eis selber. Da rief sie:
»Herrje! _Kaufen_ Sie Ihr Eis?«
»Ganz gewiß, mein liebes Kind.«
Sie brach in ein stürmisches, harmloses Lachen aus und sagte: »O, so was Albernes habe ich noch nie gehört! Es ist ja doch massenhaft vorhanden, ist kein kleinstes bißchen wert! Ich gäbe keine Fischblase für das Ganze!«
»Nun, Sie wissen eben den Wert nicht zu beurteilen, Sie kleine Provinzpflanze S
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