21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.
Heinrich Breitenstein
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1899 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Im Text werden Passagen aus mehreren Fremdsprachen eingebracht, z. B. Niederländisch, Französisch oder Latein. Diese wurden unkorrigiert übernommen. Eigen- und Ortsnamen erhalten oft verschiedene Schreibweisen (z. B. ‚Passir‘/‚Pasir‘), mitunter auch innerhalb eines Absatzes; Maßeinheiten werden teilweise mit oder ohne Punkt abgekürzt (‚cm‘/‚cm.‘). Dies wurde nicht vereinheitlicht, sofern beide Schreibweisen im Text mehr als einmal vorkommen.
Das Inhalts- und das Abbildungsverzeichnis wurden der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Texts versetzt.
Die Begriffe im ‚Sach- und Namenregister‘ entsprechen oft nicht exakt den verwendeten Ausdrücken im laufenden Text; so verweist beispielsweise der Punkt ‚Adat‘ auf den Ausdruck ‚hadat‘ (Tradition) auf S. 8. Beim Eintrag ‚Medara-See‘ fehlt die Seitenangabe im Original; diese konnte vom Bearbeiter auch nicht zugeordnet werden.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibung (Ae, Oe, Ue) wiedergegeben.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
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Dr. H. Breitenstein.
21 Jahre in Indien.
[Illustration: Waringinbaum.]
21 Jahre in Indien.
Aus dem Tagebuche eines Militärarztes.
Erster Theil: Borneo.
Von Dr. H. Breitenstein.
Mit 1 Titelbild und 8 Illustrationen im Text.
Leipzig. Th. Grieben’s Verlag (L. Fernau). 1899.
Druck von H. +Klöppel+, Gernrode Harz.
Inhaltsverzeichniss.
Seite
Vorwort V
=1. Capitel.= Rassen auf Borneo: Olo-Ott, Dajaker u. s. w. -- Reise von Surabaya nach Bandjermasing -- Insel Madura und Bawean -- Dussonfluss -- Mosquitos -- Oedipussage auf Borneo -- Danaus-Seen -- Antassan -- Rother Hund (eine Hautkrankheit) 1
=2. Capitel.= Pesanggrâhan = Passantenhaus -- Ausflug nach der Affeninsel -- Aberglaube der Eingeborenen -- Reise nach Teweh -- Ein chinesisches Schiff im Innern Borneos -- Trinkwasser in Indien -- Eis -- Mineralwässer 13
=3. Capitel.= Amethysten-Verein -- Alcohol -- Gandruwo, eine Spukgeschichte -- Polypragmasie der jungen Aerzte -- Verpflegung in einem Fort -- Unselbständigkeit der Militärärzte -- Malayische Sprache -- Vergiftung mit Chloralhydrat und Arsenik -- Krankenwärter und Sträflinge -- Amoklaufen -- Erste Praxis unter den Dajakern -- Schwanzmenschen 24
=4. Capitel.= Fischschuppen-Krankheit -- Tigerschlange -- Schlangenbeschwörer -- Gibbon -- Kentering -- Beri-Beri -- Simulanten beim Militär -- Mohammedanisches Neujahr -- Tochter von Mangkosari -- Kopfjagd -- Pfeilgift -- Genesungsfest -- Gesundes Essen -- Früchte -- Indische Haustoilette -- Wüthende Haushälterin -- Dysenterie -- Gewissenlose Beamte -- Missionare 45
=5. Capitel.= Fort Buntok -- Orang-Utang -- Operationen -- Prostitué bei den Affen -- Darwinisten -- Indische Häuser -- Möbelfabrikanten -- Französische Mode -- Gefährliche Obstbäume -- Einrichtung der Häuser -- Dajakische Häuser -- Götzenbilder -- Tuwak oder Palmwein -- Wittwenstand der Dajaker -- Opfern der Sclaven -- Todtenfest 88
=6. Capitel.= Ameisen und Termiten in den Wohnungen -- Verderben der Speisevorräthe -- Milch-Ernährung der Säuglinge -- Aborte Tjebok -- Transpiration in den Tropen -- Baden -- Siram = Schiffsbad -- Antimilitärischer Geist der Holländer -- Das Ausmorden der Bemannung des Kriegsschiffes „Onrust“, von den Dajakern erzählt 113
=7. Capitel.= Acclimatisation -- Sport in Indien -- Sonnenstich -- Prophylaxis gegen Sonnenstich -- Alcoholica -- Bier -- Schwarzer Hund -- Mortalität beim Militär im Gebirge und in der Ebene -- Klima -- Statistik -- Erröthen der Eingeborenen -- Geringschätzung der „Indischen“ -- Fluor albus, Menstruation -- Gesundheitslappen -- Erziehung der Mädchen -- Indische Venus -- Indischer Don Juan 130
=8. Capitel.= Urbewohner von Borneo -- Eisengewinnung bei den Dajakern -- Eisenbahn auf Borneo -- Landbaucolonien -- Jagd in Borneo -- Im Urwalde verirrt -- Wilde Büffel -- Medicin auf Borneo -- Actiologie bei den Dajakern -- Taufe bei den Dajakern -- Dukun -- Doctor djawa 147
=9. Capitel.= Kriegsspiele der Dajaker -- Angriff auf einen Dampfer -- Hebammen -- Frauen-Doctor -- Europäische Aerzte -- Gerichtsärzte -- Stadtärzte -- Civilärzte -- Furunculosis -- Aerztliche Commissionen -- Vaccinateurs 170
=10. Capitel.= Geographie von Borneo -- Reise des dänischen Gelehrten Dr. Bock -- Besteigung des Berges Kinibalu -- Die Syphilis in Indien -- Beschneidung 190
=11. Capitel.= Das „Liebesleben“ bei den Waldmenschen, Dajakern, Malayen und Europäern -- Aphrodisiaca 223
=12. Capitel.= Abreise von Borneo -- Tod meiner zwei Hausfreunde durch Leberabscesse -- Bandjermasing nach 100 Jahren 232
=Anhang.= Geschichte des Süd-Ostens von Borneo 238
=Sach- und Namen-Register= 255
Verzeichniss der Abbildungen.
Seite
Titelbild: Ein Waringinbaum.
Umschlagbild: Ein Dajaker.
Fig. 1: Grundriss von Bandjermasing 5
Fig. 2: Eine Bekompeyerin 14
Fig. 3: Das Fort Teweh bis zum Jahre 1880 28
Fig. 4: Mein erster Hausfreund 51
Fig. 5: Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari 60
Fig. 6: Mein zweiter Hausfreund 90
Fig. 7: Der Schweinsaffe (Cercopithecus nemestrinus) 97
Fig. 8: Skizze von Borneo 155
Fig. 1 ist (in doppelter Grösse) entnommen dem grossen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff.
Titelbild und Fig. 6 wurden nach Photographien des Verfassers reproducirt.
Figg. 2-5 wurden nach den Skizzen und Mittheilungen des Verfassers gezeichnet.
Fig. 8 ist die verkleinerte Reproduction der Skizze, welche im Militärblatt von Holländisch-Indien in No. 59 vom Jahre 1888 erschien.
Legenda: D = dajakisch. J = javanisch. M = malayisch. S = sundanesisch (im Westen Javas).
[Illustration]
Vorwort.
E. Ch. +Barchewitz+ rechtfertigt in der Vorrede seiner „Ost-Indianischen Reise-Beschreibung“ („Erfurt, verlegts Joh. David Jungnicol 1751“) die Herausgabe seines Buches mit folgenden Worten:
... „Ich könnte aber viele Ursachen anführen, welche mich hierzu bewogen, wenn ich die engen Grenzen meiner kurzen Vorrede überschreiten wollte; gleichwohl habe ich die vornehmste nicht verschweigen sollen. Die erste ist, dass wir unterscheiden vornehme und gute Freunde, denen ich dann und wann in Conversation von meiner Reise Eines und das Andere erzählet, mir angelegen, das, was ich erfahren, nicht vor mich allein zu behalten, sondern dem Publico zu communiciren ...“
Auch mir erging es so. Wenn ich einen Vortrag hielt über dieses oder jenes Thema, wie z. B. im Jahre 1885 über Borneo oder im Jahre 1898 über die Hygiene in den Tropen; wenn ich in einem kleinen Kreise in groben Zügen eine oder die andere den Tropen eigene Krankheitsform beschrieb, oder wenn ich diesen oder jenen Theil des täglichen Lebens im Lande des ewigen Sommers meinen Freunden entrollte, immer wurde ich dazu gedrängt, in irgend einer Weise meine Erlebnisse einem grösseren Publicum zugänglich zu machen. Wenn ich also dieser Aufforderung Folge leiste, so beabsichtige ich kein grosses gelehrtes Buch zu schreiben oder wie Barchewitz in seiner Vorrede sagt:
„An dem in diesen Bogen gebrauchten Stylo muss sich der geliebte Leser keineswegs ärgern, dass er nicht hochtrabend, sondern in einem ganz einfältigen und gemeinen deutschen Kleide aufziehet. Denn, gleichwie es einem Bürger oder Landmanne übel würde ausgelegt werden, wenn er in einem güldenen Stück einher getreten kommen würde; so würde es auch mir fast billig verarget werden, wenn ich wider mein Naturell und Lebensart in Beschreibung der Geschichten meines Lebens, den galanten Schlesiers oder Sachsen ihre Wohlredenheit abborgen und in selbige meine Historie verstecken wolle.“
Ich will nur erzählen, was ich gesehen und was ich erlebt habe als Arzt und als Mensch, und ich will, wo es sein muss, flüchtig den Kothurn der Wissenschaft besteigen; denn ich schreibe für Aerzte und für Laien.[1] Europa sprengt seine Fesseln und breitet seine Arme nach dem fernen Westen und Osten der Welt aus. Zahlreiche Aerzte gehen nach dem Congo, zu den Tabakpflanzern auf Sumatra u. s. w., um dort ihr Glück zu suchen. Sie finden dort andere Menschen, andere Sitten und Gebräuche, ein ander Klima, eine ganz andere Volksnahrung, sie finden Manches, von dem sie früher nichts gehört und nichts gelesen haben. Als ich vor 22 Jahren an der Westküste Sumatra’s in Padang zum ersten Male indischen Boden betrat, bot mir ein Hausirer eine Ananas zum Kauf an. Ich nahm sie auf das Schiff mit, ein Schiffsgenosse liess sie für mich schälen, während er mir ihren Saftreichthum und ihr Aroma in überschwänglichen Worten pries, und schon wollte ich einen Bissen zum Munde führen, als ein alter College, der von seiner Urlaubsreise zurückgekehrt war, mir warnend zurief: „Des Morgens (= Vormittagsstunden) darf man keine Ananas essen, sonst bekommt man die Cholera.“ Kurze Zeit darnach sass ich mit einem Obristlieutenant in der Veranda seines Hauses; wir philosophirten, wie er es nannte, und er behauptete, was ich späterhin noch vielfach zu hören bekam, dass Gott jedem Lande seine Krankheiten, aber auch die Arzneien für diese Krankheiten gegeben habe, und dass daher für die Behandlung der „indischen“ Krankheiten der europäische Arzt nicht die geeignete Person sei, sondern jene Damen, welche in der Behandlung der „indischen“ Krankheiten (Dysenterie, Aphthae tropicae u. s. w.) grossartige Erfolge hätten, weil sie sich nur der Arzneien des Landes bedienten, und dass selbst der Sanitätschef sich bei ihnen Raths erhole u. s. w. Wie rath- und hilflos stand ich gegenüber diesen -- Phrasen! Nun Dieses und Solches mehr werde ich in diesem Buche mittheilen, ich werde erzählen, wie ich solche Fragen damals beantwortete, oder wie ich sie heute beantworten würde; ich werde damit kein Lehrbuch schreiben für den Arzt, der zum ersten Male das Land der Tropen betritt, sondern ihn nur aufmerksam machen auf die neuen Verhältnisse, denen er entgegentritt, und ihm auf diese Weise die Gelegenheit geben, zu manchen Fragen Stellung zu nehmen und über manche Fragen nachzudenken, welche ihm aus Unkenntniss der Verhältnisse, um mich eines banalen Ausdrucks zu bedienen, nicht einmal im Traume einfallen.
Der Laie wird mit mir eine Reise in das Land machen, welches sich „wie ein Gürtel aus Smaragd um den Gleicher schlingt“ (Multatuli); ich werde ihn in die Hütte des Kopfjägers begleiten, welcher im Herzen Borneos in grossen Hütten aus Bambus sein leichtsinniges Leben führt; ich werde ihm das Leben und Lieben der javanischen Frau in kurzer Skizze zeichnen; ich werde ihm die Feste der Palembanger (Sumatra) beschreiben u. s. w.; dann werde ich ihn in das Familienleben der europäischen und halbeuropäischen Bewohner dieser Inseln blicken lassen, und ich werde ihm ein =ärztlicher Führer= sein, wenn er als Tourist die Tiger des südlichen Java oder die Orang-Utangs Borneos fangen oder erlegen will, oder wenn er die „Tausend Tempel“ Javas zu bewundern beabsichtigt, oder für die Producte der heimathlichen Industrie im fernen Osten ein Absatzgebiet aufsuchen will.
Schon manches Werk wurde in diesem Genre geschrieben, aber nicht, so weit mir wenigstens bekannt ist, in deutscher Sprache. In Holland erschien jedoch vor 16 Jahren ein solches Buch unter dem Namen „De geneesheer (Arzt) in Nederlandsche Indië“ von Dr. C. L. van der Burg, welches mir so manche vergnügte Stunde bereitet, und aus welchem ich Vieles gelernt habe, obzwar ich damals schon 6 Jahre in den Tropen gelebt hatte. Dieses ist ein systematisch geschriebenes Buch, welches scharf abgegrenzte Theile der Tropenhygiene und der Ethnographie behandelt.
Ich habe mir ein weiteres Ziel gesetzt und auch eine andere Form dafür gewählt.
In 3 Theilen[2], genannt nach den 3 Inseln Borneo, Java und Sumatra, auf welchen ich viele Jahre gelebt habe, werden meine Erlebnisse und meine Beobachtungen, wie sie in meinen alten Reisebriefen auf einander folgen, mitgetheilt werden, +nachdem+ die Schlacke der +ersten oberflächlichen+ Eindrücke durch die Kritik der Beobachtung +vieler Jahre+ beseitigt werden konnte.
Wenn diese 3 Bücher auch nach dem fernen „heiligen Java“ und Borneo den Weg finden, dann rufe ich ihnen wehmüthig die Worte des römischen Dichters nach:
Heu mihi quod domino non licet ire tuo.
+Karlsbad+, im April 1899. =Dr. H. Breitenstein.=
1. Capitel.
Rassen auf Borneo: Olo-Ott, Dajaker u. s. w. -- Reise von Surabaya nach Bandjermasing -- Insel Madura und Bawean -- Dussonfluss -- Mosquitos -- Oedipussage auf Borneo -- Danaus-Seen -- Antassan -- Rother Hund (eine Hautkrankheit).
Wien Neerlands bloed door de aderen vloeit, van vreemde smetten vry (= Wem Niederland’s Blut durch die Adern fliesst, das frei von fremdem Makel) wird heute unter den Fahnen Javas mit ebensolcher Begeisterung als an den Ufern der Maas gesungen. Aber hier wie dort kann der Ethnograph nur von einer +gemischten+ Rasse sprechen.
Wie in Europa, im Lande der »Bataver«, Franzosen, Engländer, Spanier und Deutsche seit Jahrhunderten abwechselnd sich angesiedelt und durch gegenseitige Heirathen, ich möchte sagen, eine neue Rasse geschaffen haben, so hat auch Bandjermasing, die Hauptstadt des südöstlichen Theiles von Borneo (wie alle grossen Hafenstädte des indischen Archipels), zahlreiche Menschenrassen, welche nicht nur neben einander leben, sondern sich auch unter einander kreuzen. Buginesen von Celebes, Javanen, Malayen, Maduresen, Bekompeyer, Chinesen und Europäer bewohnen zwar in eigenen Kampongs die einzelnen Theile der Stadt, aber Amor kennt keine Grenzpfähle und keinen Unterschied der Rassen. Reiner hat sich jedoch auf der Insel Borneo der +dajakische+ Volksstamm erhalten, wenn wir dem Laufe des grossen Stromes Baritu folgen, in den sogenannten Dusson- oder Dajaklanden, d. h. ungefähr oberhalb Mengkatip (2° 5′ S. B.), trotzdem sie Jahrhunderte lang unter dem Joche malayischer Fürsten seufzten; ganz rein blieben nur die Olo-Ott in ihrer Rasse; das sind jene Wilden, welche in den Urwäldern frei ohne jedes politische sociale Band in einzelnen Familien und als Nomaden auf Bäumen leben und in Hütten aus Laub sich vor den Unbilden des Wetters schützen. Sie selbst, d. h. die Olo-Ott, habe ich nicht gesehen, aber ihre nächsten Nachbarn, die Bewohner von Murong und Siang; unter den Dajakern, stricte dictu habe ich 3 Jahre gelebt; 10 Monate weilte ich in Buntok (1° 17′ S. B.), wo die Dajaker mit den Bekompeyern friedlich beisammen wohnen. Das sind Dajaker, welche im Contact mit den benachbarten Malayen nicht nur den mohammedanischen Glauben angenommen haben, sondern auch in ihren Sitten und Gebräuchen milder geworden sind und selbst durch Handel, Industrie und durch Ackerbau auf der ersten Stufe der menschlichen Civilisation stehen; auch ihre Künste und ihre Literatur sind die der Malayen, welche die Küsten aller Inseln des indischen Archipels bewohnen.
Bevor ich jedoch auf dieses Thema mich weiter einlasse, will ich mit einigen Zeilen von der Reise selbst sprechen, welche mich zunächst nach Bandjermasing und hernach nach Muara Teweh brachte, wo ich 3 lange Jahre verblieb und während dieser Zeit kein Pferd gesehen habe und keine -- europäische Dame.
Den 28. März 1877 schiffte ich mich in Surabaya, der zweitgrössten Stadt Javas, ein, um als holländisch-indischer Oberarzt nach Borneo zu gehen. Gegenüber dieser Stadt liegt die Insel Madura und das Fahrwasser zwischen diesen beiden Inseln versandet mit jedem Tag mehr und mehr, so dass die Regierung ihre Mühe hat, diese Strasse offen zu erhalten. Hier hat die See eine so starke Strömung, dass ich mit meinem Kahne unmöglich das Schiff erreichen konnte, bis einer der Schiffsofficiere uns am Seil einen Rettungsring zuwerfen liess. Die Ruderer legten die Ruder zur Seite, erfassten das Tau und so gelang es ihnen, den Kahn an die Falltreppe zu bringen. Den vier Collegen, welche mich begleitet hatten, drückte ich zum letzten Male die Hand, und ich verliess die Nordküste Javas, um 3½ Jahr lang weit entfernt von der menschlichen Civilisation in einem kleinen Fort in Gesellschaft zweier Officiere ein Leben zuzubringen, das mir alle Genüsse des europäischen gesellschaftlichen Lebens vorenthielt bis auf die -- der Wissenschaft. --
Das östliche Ufer der Insel Madura, an dem wir vorüber glitten, war reich mit Urwald bewachsen und bot uns manches schöne Panorama, hingegen war die Küste der Insel Bawean, an welcher wir ebenfalls vorbeidampften, flach und öde. Schon am 30. März sahen wir die Mündung des Baritu, ohne jedoch wegen der Ebbe weiterdampfen zu können. Eine ungeheure Sandbank verlegt nämlich die Einfahrt in den Baritu und wird mit jedem Tage grösser, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie die Insel Bawean erreicht haben wird. Erst am 31. März brachte uns die Fluth in den Baritu, welcher Strom auch Bandjermasing genannt wird und in seinem Oberlaufe Dusson heisst. Er hat zwei Mündungsarme, von denen jeder an der Küste ungefähr ein Kilometer breit ist. (Der westliche Arm mündet 3° 26′ S. B. und 114° 13′ O. L. und der andere 3° 35′ S. B. und 114° 33′ O. L. in die Javasee.)
Die Fahrt in den Baritu ging sehr langsam, weil der Strom bis zur Mündung des Martapuraflusses, an dessen Ufern die Hauptstadt Bandjermasing liegt, in mehr als dreissig Windungen sich schlängelt. Die Ufer sind dicht bewachsen und zwar unter anderem von der Nipahpalme (Nipa fructicans), deren Blätter abgekocht, abgekratzt und getrocknet werden, um als Deckblatt von Cigaretten zu dienen und welche die Heimath ist der -- Mosquitos (Culex und Tipula).
Deren giebt es zahlreiche Species; aber alle sind eine fürchterliche Plage, von der besonders Bandjermasing heimgesucht wird.
Wenn auch in der Regel die indischen Mosquitos nur Abends und in der Nacht dem Menschen lästig werden, so ist dies doch nur in den Häusern der Städte der Fall; wenn man jedoch auf die Jagd geht und aus anderen Ursachen in das Gebüsch der Nipahpalmen kommt, dann kann man von ihnen bei Tage ebenso attaquirt werden als von den kleinen Blutegeln; der Stich der Njamuks (so heissen die Mosquitos im Malayischen) ist empfindlich, er verursacht eine Quaddel von bedeutender Grösse, welche durch heftiges Kratzen oft in ein Geschwür sich verwandelt. Dass man sie auch beschuldigt, die Uebermittler so mancher pathogener Bacterien zu sein, wie der Cholera, Lues u. s. w., ist, ich möchte beinahe sagen, selbstverständlich. Man schützt sich gegen ihre Stiche auf mannigfache Weise. In der Regel sind die von den Kleidern bedeckten Körpertheile vor ihren Angriffen gesichert; man kann aber doch nicht den ganzen Abend und die ganze Nacht gekleidet bleiben; die indische Haustoilette ist, wie wir sehen werden, so dünn, dass die Mosquitos hindurch stechen; dabei sind Kopf, Hände und Füsse unbekleidet; man bestreicht sie eventuell mit Oel, Cajaputiöl oder einem Decoct von Lignum Quassiae, wodurch sie in respectabler Entfernung von dem Menschen gehalten werden. Das am meisten gebrauchte Schutzmittel gegen diese blutdürstigen Mücken ist das Netz; man spannt nämlich um das Bett, welches an den vier Ecken zwei Meter hohe Pfeiler hat, ein Zelt aus Tüll; es bleibt jedoch eine akrobatische Leistung, beim Schlafengehen so geschwind hinter das Netz zu kommen, dass kein Mosquito uns begleiten kann. Wie schon erwähnt, hat Bandjermasing eine traurige Berühmtheit ob der Menge seiner Mosquitos. Zwei Momente jedoch vermindern diese Landplage: erstens dass diese blutgierigen Feinde unserer Nachtruhe Feinschmecker in ihrer Art sind; das Blut mancher Menschen schmeckt ihnen nämlich nicht oder vielleicht die Ausdünstung derselben. Zu diesen bevorzugten Geschöpfen Gottes gehörte z. B. +ich+. Ich war mir keiner einzigen constitutionellen Krankheit bewusst, als ich in Bandjermasing von den Bissen dieser Insecten verschont blieb, so dass ich selbst in der Nacht mit geöffnetem Mosquito-Netz schlafen konnte, während selbst der kleine Wau-Wau (Hylobates concolor), welcher dem Apotheker B... gehörte, mit Vergnügen Abends hinter das Mosquitozelt kroch, um ungestört dem Schlaf sich ergeben zu können. Freilich blieben sie auch von mir in keiner respectvollen Entfernung; ihr Summen und Schwirren beunruhigte und störte auch mich Anfangs, bis mich Gewohnheit und Erfahrung lehrten, das wählerische Gesindel schnarchend zu verachten. -- Der zweite Factor ist, dass nur der Hauptplatz Bandjermasing von so zahlreichen und grossen Mosquitos heimgesucht wird, während in den Garnisonen jenseits des Alluviallandes diese Landplage aufhört. Während meines dreijährigen Aufenthaltes in Muara Teweh bekam ich niemals eines dieser Insecten zu Gesicht, es sei denn, dass ein Dampfer von Bandjermasing zu uns kam und die unwillkommenen Gäste als blinde Passagiere mitführte. Auch auf den übrigen Inseln des indischen Archipels kamen sie nur in der Ebene, an der Küste, im alluvialen Boden, in der Heimath der Sumpfgewächse vor, während im Gebirge, auf der Hochebene, in der Kalkformation sie nur zeitweise zu Gastrollen auftauchten. Auch kann man mit ein wenig Heroismus allen schädlichen Folgen ihres Stiches entgehen. Wir sehen ja, dass Säuglinge niemals Quaddeln, Entzündungshöfe oder Geschwüre von einem Mosquitostich bekommen; sie kratzen sich eben nicht und stören die blutdürstigen Insecten nicht in ihrer Trunksucht; ist einmal das Thierchen gesättigt (man gewahrt die Plethora seines Bauches, der bis zur Grösse einer halben Erbse anschwillt), so fliegt es seiner Wege und sein Stich lässt nur einen rothen Punkt zurück; wird es jedoch weggejagt, so bricht der Stachel ab und die Folliculitis ist gegeben; kratzt man diese stark juckende Stelle, so excoriirt die Haut, und der Anfang des Geschwüres ist fertig, welches mitunter recht lange bestehen kann. Tant de bruit pour une omelette, wird vielleicht mancher Leser denken; aber er erkundige sich z. B. bei einem Marineofficier, der tage- oder wochenlang bei einer Blockade vor einer Küste liegen muss. Ob die Langeweile mehr von unserer Gemüthsruhe fordert als die Mosquitos in einem solchen Falle, das muss man selbst erfahren haben, um die Verwünschungen gegen diese Plaggeister zu begreifen.
[Illustration: Fig. 1. Grundriss von Bandjermasing.]
Ueber Bandjermasing selbst bringen meine Reisebriefe aus damaliger Zeit nur magere Berichte, vielleicht weil ich nur kurze Zeit in der Hauptstadt selbst verweilte und nach kurzem Aufenthalt ins Innere des Landes, an die Grenze aller menschlichen Civilisation geschickt wurde; vielleicht weil die Stadt Bandjermasing wenig Interessantes oder Mittheilenswerthes geboten hat, oder vielleicht weil nur die Topographie der Umgebung mir mehr Mittheilenswerthes und Interessantes bot. Ihre Einwohnerzahl bezifferte ich damals auf 30000. Der grösste Theil der Bewohner Bandjermasings besteht aus Malayen (Bandjeresen und Bekompeyer), und am kleinsten ist die Zahl -- der Europäer. »Wenn wir von den Officieren mit ihren europäischen Soldaten und den Beamten absehen, ist die Zahl der europäischen Handelsleute, auch wenn die halbeuropäischen mit gerechnet werden, noch auf den Fingern einer Hand abzuzählen.« So sprach ich im Jahre 1885 in einem Vortrage über die Bewohner dieser Stadt; heute ist die Zahl der Europäer grösser, weil der Handel einen solchen Aufschwung genommen hat, dass selbst die Handelmaatschappij einen Agenten für die südöstliche Hälfte Borneos zu ernennen sich bemüssigt sah.
Von monumentalen Gebäuden kann kaum gesprochen werden; das Haus des Residenten ist wie die meisten Häuser Indiens in altgriechischem Stile gebaut mit einer vordern und hintern Veranda; das Fort mit seinem Spitale und seinen Kasernen, das neue Gefängniss, das Seminar für Volksschullehrer, das Clubgebäude, die europäischen Geschäfte u. s. f. sind hübsch und nett, aber ohne jeden architektonischen Werth. Am linken Ufer des Martapuraflusses liegt jedoch das chinesische Viertel mit zahlreichen Geschäften und einer chinesischen Kirche. Vor vielen Jahren las ich in einer Reisebeschreibung, dass in dem chinesischen Tempel zu Bandjermasing der Hauptaltar mit einem Bilde Napoleons I. verziert sei; sofort nach meiner Ankunft miethete ich einen Kahn, um diese Chinesische Kirche mit Napoleon als Buddha zu sehen. Ich sah keinen Buddha oder Confucius, welcher Napoleon ähnlich war, und als ich darnach mich erkundigen wollte, bekam ich keine Antwort; ich sprach kein Chinesisch und nur sehr mangelhaft die malayische Sprache, und die Tempeldiener waren nur dieser zwei Sprachen mächtig.
Unrichtig wird angegeben, dass diese Stadt auf dem linken Ufer des +Baritu+ liege; von diesem Flusse sind die äussersten Gebäude der Stadt, das Hafenbureau und das Gefängniss noch mehr als eine Stunde entfernt.
Alle Häuser stehen auf Pfählen, denn die Stadt liegt im Inundationsgebiet des grossen Stromes Baritu, welcher sich täglich über 1 Million Hektar Landes mit der Fluth des Meeres ergiesst; mit der Ebbe dringt zwar das Wasser dem Meere zu, aber zahlreiche Pfützen bleiben zurück, die zahlreichen Canäle werden wasserfrei, die stinkenden Ausdünstungen verpesten die Luft und selbst der Martapurafluss wird in trockenen Jahren so wasserarm, dass das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen des Stromes geholt werden muss.
Grosse und ausgestreckte Sümpfe begrenzen im Norden und Süden die Stadt, und der Canal Kween (Fig. 1) ist die östliche Grenze des bewohnten rechten Ufers des Martapuraflusses.
Der officielle Ausweis spricht im Jahre 1882 von 592959 Bewohnern[3] des südöstlichen Borneos mit 549 Europäern, 2843 Chinesen und 435 Arabern; von diesen Ziffern haben nur die Angaben über die anwesenden Araber, Chinesen und Europäer einen gewissen Werth; wie wir später sehen werden, ist die Statistik der Eingeborenen ganz unverlässlich, so dass factisch die Einwohnerzahl Borneos noch heute selbst auf eine Million noch nicht bekannt ist.
Ob diese Stadt Bandjerma+sin+ oder Bandjerma+sing+ zu nennen sei, ist kaum zweifelhaft. Valentyn nennt sie Bandjerma+singh+, und mit Unrecht wird in dem grossen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff eine neue Schreibweise dieses Namens eingeführt. Bandjir heisst nämlich Ueberströmung und mâsing bedeutet häufig vorkommend. Da thatsächlich diese Stadt häufigen Ueberströmungen ausgesetzt ist, und da nicht nur in den ältesten Büchern der Name Bandjerma+singh+ vorkommt, sondern auch während meines dreijährigen Aufenthaltes auf Borneo mir geläufig war, so ist nach meiner Ansicht die ältere Schreibweise beizubehalten.[4]
Bis zum 16. Jahrhundert waren auch die Bewohner der Küste ebenso Heiden als heute noch die Dajaker im Innern der Insel es sind. Die Einführung der mohammedanischen Religion auf Borneo ist mit einer Oedipussage verbunden:
Bekanntlich hat Ende des 15. Jahrhunderts Madjopahit auf Java den Islam eingeführt und zwar mit Feuer und Schwert (so dass heutzutage nur zwei sehr kleine Colonien von echten Hindus auf dieser Insel gefunden werden, und zwar die eine in West-Java in der Provinz Labak und die zweite in Mittel-Java), und darum ist es interessant, dass die folgende Sage auch in den Anfang des 16. Jahrhunderts verlegt wird.
Im Beginne des 16. Jahrhunderts (1530?) lebte eine Fürstin des Bandjermasingischen Reiches, deren Name von der Zeitfluth weggespült wurde; sie hatte einen Knaben, dem sie einmal bei einer körperlichen Züchtigung eine Wunde am Kopfe beibrachte; er bekam dadurch eine solche Abneigung gegen das elterliche Haus, dass er seine Flucht mit Hülfe des Anakoda Laba, eines reichen Javanen, beschloss, der damals mit seinem Schiffe bei Negara vor Anker lag. Nach dem Tode seines reichen Pflegevaters führte er den Handel mit Borneo weiter. Seine hohe Abstammung hatte sein Pflegevater verheimlicht; Akar Sungsang (unter diesem Namen war er auf Java erzogen worden) erregte durch seinen Reichthum, seine Schönheit und durch seinen Muth dermaassen die Aufmerksamkeit der Bewohner von Amunthay, dass sie ihm die Hand der seither verwittweten Fürstin anboten. Viele Jahre lebte er in glücklicher Ehe mit -- seiner Mutter, als sie eines Tages die Narbe an seinem Kopfe entdeckte und die Flucht auf Anakoda Laba’s Schiff erfuhr. Beschämt und erschreckt entzog sie sich seinen Umarmungen und stellte sich vor den Rath der Aeltesten, um die verdiente Strafe zu empfangen. Die Tradition (hadat) hatte jedoch keinen Präcedenzfall; die Ehe wurde nur gelöst und die Gattin-Mutter blieb straflos. Akar Sungsang heirathete wieder, und sein Enkel Samatra, der Sohn seiner Tochter Putri Kalarang und eines Dajakers, führte als Sultan Suriansah (1608?) den Islam auf Borneo ein. (Schwaner.)
Neben dieser Oedipussage hat die Mythologie der Dajaker auch die einer Venus anadyomene; aber für die Lernäische Schlange der Griechen hat der Dajaker kein Pendant; das ist um so überraschender, als die Küste ein ungeheurer Sumpf ist, über den sich bei der Fluth das Meer bis auf 1 Million Hektar ergiesst, und wo eine üppige Flora eine undurchdringliche, unausrottbare Wildniss geschaffen hat. An diese grosse sumpfige Ebene schliesst sich die tertiäre Formation[5] mit den Urwäldern, welche noch keines Europäers Fuss betreten und in welchen die Riesen der Flora neben den Riesen der Fauna hausen. Die Avicennien, Caesalpinen, Casuarinen und Rhizoforen; das Sideroxylon (Kaju besi M), Teakbäume, Guttapercha, Muskatbäume, Campher, Zimmt, Citrone, Bambus, Rottan, Reis, Pfeffer, Kaffee u. s. w. fesseln in ihrer Massenhaftigkeit den Laien vielleicht mehr als den Botaniker, und auch ich nahm den ganzen Reiz eines Urwaldes und der Sumpfpflanzen in mich auf und beugte in Demuth mein Haupt vor den gewaltigen Riesen der Pflanzenwelt, oder vor den Lianen, welche Schritt für Schritt den Marsch des Wanderers erschweren oder unmöglich machen. Auch ich ergötzte mich an der Pracht der Nepenthes-Artent, von denen schon Friedmann auf Borneo 22 Arten kannte und unter welchen die Nepenthes Edwardsiana, villosa und Rajali die schönsten sind.
Ein fesselndes Bild sind auch die Ströme mit ihren zahlreichen Seen (Danaus).
Ich habe den Genfer See gesehen, ich habe den Rhein befahren, ich kenne die Donau von Wien bis zum Banat; ich habe vier Monate in den Karpathen gelebt und habe mich an der Riviera herumgetummelt; ich weilte auf Java an den Ufern des Telagawarna, welcher wie in einem Kessel zwischen hohen Felsen eingeschlossen ist, dessen majestätische Ruhe und lautlose Luft mich mächtig ergriffen hat, aber nirgends sah ich ein Bild, das sich nur annähernd mit dem der Danaus vergleichen könnte; nirgends sah ich ein solch pittoreskes, variabeles Panorama, als auf den Seen jenseits der Ufer des Baritu.
Wahrscheinlich sind es alte Flussbetten, welche durch Antassans mit dem neuen Strom in Verbindung geblieben sind. Sinkt das Wasser in dem Barituflusse, so ist der Danau ein grosser Sumpf, aus dem hier der kahle Stamm eines Waldriesen (Balangiranbaum) sich erhebt, dort die Wurzeln einer Rhizophore eine niedrige Säulenhalle über dem sumpfigen Boden errichtet, durch die sich still und lautlos ein Krokodil windet; hier sitzt auf einem andern kahlen Stamme ein Reiher, dort tauchen einige Fische aus der Tiefe und trachten mit leichten Sprüngen die darüber schwebende Libelula zu erhaschen. Kreisen auch nebstdem einige Falken, oder in später Abendstunde zahlreiche Kalongs hoch in den Lüften, so ruht doch ein schwermüthiger, geheimnissvoller Ernst über der ganzen Fläche der Sümpfe und stimmt den Beobachter traurig im Gefühle der Einsamkeit und Verlassenheit.
Steigt das Wasser des benachbarten Stromes jedoch so hoch, dass es die durch den abgelagerten Sand und Schlamm immer und immer höher werdenden Ufer überragt, dann füllt sich das alte Becken zu einem grossen See, dessen Wasser in seiner wilden Fahrt immer und immer mehr den Boden aufwühlt und immer und immer neue Sümpfe schafft, bis wieder hier oder dort ein künstlicher Canal, Antassan, das Wasser dem Hauptstrom zuführt.
Die Formation dieses Diluvium und Alluvium ist bis jetzt ebenso wenig abgeschlossen als die der Danaus, Antassans und der grossen Ströme, welche oft einen täglichen Verfall von 15 Metern!! haben.
* * * * *
Ich verlasse nur ungern dieses Capitel, weil ich noch heute den ganzen Zauber dieser jungfräulichen Tropenwelt empfinde und fühle, obzwar ich kein Geologe und kein Botaniker bin.
So möge noch vor Schluss dieses Capitels wieder der Arzt in mir zu Worte kommen:
Eine zweite indische Landplage, welche noch ärger ist als die der Mosquitos, ist der rothe Hund, Lichen tropicus oder, wie sie Scheube nennt, eine Eczemform, z. B. eczema aestivum. Wenn ich mich jedoch an die Definition von Lichen halte, welche Hebra s. Z. gab, dann muss ich mich aus anatomischen, ätiologischen und klinischen Ursachen an die, wenn ich nicht irre, von mir zuerst in N.-Indien eingeführte Classification von Lichen tropicus halten. Hebra nannte Lichen »jene Krankheitsform, bei welcher Knötchen gebildet werden, die in typischer Weise bestehen und im ganzen chronischen Verlaufe keine weitere Umwandlung zu Efflorescenzen höheren Grades erfahren, sondern als solche sich wieder involviren«.
Als ich zum ersten Mal meinen Collegen mein Leid klagte, dass mich ein fürchterliches Jucken plage mit kleinen hochrothen Knötchen auf der Haut, und zwar am meisten zwischen den Fingern und am Rücken der Hand, am Rücken, auf der Innenseite der Arme und am Hals, da antwortete mir der Eine: »Seien Sie froh, dass Sie den rothen und noch nicht den schwarzen Hund haben« (wobei ein malitiöses Lächeln um seine Lippen spielte), während der Andere mir ein anderes Trostwort zu Theil werden liess. »Nein, seien Sie froh, dass Sie den rothen Hund haben, denn dann wissen Sie sicher, dass Sie keine andere Krankheit in Ihren Gliedern bergen.« Nun, was der Eine mit seinem »schwarzen Hund« und mit seinem malitiösen Lächeln sagen wollte, erfuhr ich später; für die Behauptung des zweiten Collegen, dass ich durch die Anwesenheit des »rothen Hundes« die demonstratio ad oculos hätte, nicht krank zu sein, bekam ich jedoch sofort die nöthige Interpretation. »Weil ich gesund sei, schwitze ich stark; weil ich stark schwitze, bekäme ich den »rothen Hund«; also, weil ich den rothen Hund hätte, sei ich gesund.« Kopfschüttelnd machte ich die Bemerkung: Gar so sehr könne ich mich mit meinem fürchterlichen Jucken nicht freuen, und ich würde es schon vorziehen, gesund zu sein, ohne den »rothen Hund« mitschleppen zu müssen, und ich möchte höflichst meine Collegen bitten, mir ein Mittel anzugeben, mich von diesem unliebsamen Gaste zu befreien. Ja, bekam ich mit mitleidigem Tone zur Antwort, wenn Sie den rothen Hund und die Transpiration unterdrücken wollen, und das Eine geht nicht ohne das Andere, dann können Sie auch sofort einen Sarg bestellen; Sie wissen ja, wie gefährlich es in Europa ist, die Transpiration zu unterdrücken; dies hat noch mehr Bedeutung »in de Oost«, wo Malaria, Cholera, Dysenterie u. s. w. sicher mit dem Schweisse den Körper verlassen. Noch wagte ich den Einwand: Mir scheint der »rothe Hund« von +zu vielem+ Schwitzen zu entstehen, und ich möchte darum nur das +zu viele+ Schwitzen bekämpfen, um dadurch vielleicht vom »rothen Hund« befreit zu werden. Auch dieses wurde mir abgerathen mit den Worten: Dagegen lässt sich nichts thun, denn der »rothe Hund« ist eine indische Krankheit, und da wir kein Arzneimittel dagegen haben, so ist auch bewiesen, dass der »rothe Hund« nicht vertrieben werden darf!! Aus diesem Gespräche wurde mir ersichtlich, dass der »rothe Hund« gewissermaassen einen diagnostischen Werth habe, weil er nie zugleich mit +acuten+ Krankheiten vorkäme, und dass wir kein specifisches Heilmittel für ihn hätten. Nun, späterhin hatte ich an mir selbst und an hundert Anderen genug Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser zwei Axiome zu überzeugen.
Leider sind nicht allein die »Totoks« das Opfer dieser Plage, d. h. jene Europäer, welche erst eine kurze Zeit in den Tropen sich aufhalten, sondern noch jahrelang, selbst sein ganzes Leben lang wird man in grösseren oder kleineren Pausen von dieser Hautkrankheit heimgesucht. Als ich im Jahre 1884 zum ersten Mal mit Urlaub nach Europa ging, hatten wir eine junge Wittwe an Bord, welche wegen dieser Krankheit Indien verlassen +musste+. Diese Dame hatte selbst im Gesicht die rothen Knötchen, was in der Regel nicht vorzukommen pflegt. Sie konnte beinahe die ganze Reise nicht an die Tafel kommen, weil sie unter der europäischen Toilette zu stark transpirirte und die indische Haustoilette an der Abendtafel nicht erlaubt ist.
Die Eingeborenen leiden gar nicht oder selten an dieser Krankheit. Sind es Eingeborene mit +dunkler+ Hautfarbe, bleiben sie ganz und gar davon befreit; sind es pigmentarme Eingeborene, wie z. B. die in Indien geborenen Europäer (Kreolen), so leiden sie ebenso häufig am »rothen Hund« wie die in Europa geborenen Europäer; Menschen aus gemischtem Blut (Sinju und Nonna genannt) haben bei pigmentreicher Haut wenig oder gar keine Anlage zu Lichen tropicus, und bei pigmentarmer Haut sind sie in gleicher Weise dieser lang dauernden Krankheitsform unterworfen. Die Prophylaxis fällt zusammen mit der Aetiologie, d. h. alles zu thun und zu lassen, was die Schweisssecretion erhöht (nirgends wird so viel +getanzt+ als in Indien!!), und die Behandlung ist die der juckenden Hautkrankheiten. Nur wird man das tägliche Schiffsbad nicht abzuschaffen brauchen, denn die Krankheit »schlägt nicht hinein« (es ist ja ein +Aus+schlag); man wird das Jucken mit Streupulver, Eau de Cologne u. s. w. vermindern; mit dem Eintreten der niedrigen Temperatur wird das Jucken eo ipso minder, und nur in Ausnahmefällen wird es nöthig sein, wegen des »rothen Hundes« ein kaltes Bergklima aufzusuchen.
2. Capitel.
Pesanggrâhan = Passantenhaus -- Ausflug nach der Affeninsel -- Aberglaube der Eingeborenen -- Reise nach Teweh -- ein chinesisches Schiff im Innern Borneos -- Trinkwasser in Indien -- Eis -- Mineralwässer.
Vor zwanzig Jahren bestand kein Hotel in Bandjermasing, wenigstens nicht im europäischen Sinne, sondern nur ein sogenanntes Pesanggrâhan, das heisst ein Gebäude, welches ursprünglich nichts anderes war, als ein Nachtverbleib für Reisende, welche sich selbst mit den nöthigen Lebensmitteln versahen. Solche giebt es heute noch zahlreich im Innern Javas. Der gesteigerte Verkehr brachte es mit sich, dass diese primitiven Häuser aus Holz oder Bambus von der Regierung einem niedrigen Beamten in Administration übergeben werden, welcher monatlich fl. 50 erhält und dafür in dem Pesanggrâhan einige Betten, Tische u. s. w. aufstellen muss, Reisende auf ihr Verlangen verköstigt (in der Regel gegen eine Bezahlung von 4-5 fl.) und für Officiere oder Beamte ein oder zwei Zimmer reservirt halten soll. Als im Jahre 1896 der König und die Königin von Siam Java mit grossem Gefolge besuchten und einige Tage an dem Fusse des Buru Budur zubringen wollten, mussten sie auch ein solches Nachtquartier beziehen, welches zu diesem Zwecke natürlich mit schönerer Einrichtung versehen wurde. Für das zahlreiche Gefolge wurden selbst zahlreiche Hütten aus Bambus in aller Eile gebaut und eingerichtet. Aber auch in diesem primitiven Hotel fand ich keinen Platz bei meiner Ankunft in Bandjermasing, und in liebenswürdiger Weise wurde mir vom Landessanitätschef Gastfreundschaft in seinem Hause angeboten. Zwei Tage später verliess der Dampfer wieder Bandjermasing, und im Hotel (?) wurden wieder einige Zimmer verfügbar. Da ich wusste, dass es noch einige Tage dauern würde, bis ich Bandjermasing verlassen sollte, hatte ich, um von der Gastfreundschaft meines Chefs keinen Missbrauch zu machen, oder ich will lieber sagen, um nicht länger, als nöthig war, davon Gebrauch zu machen, das Pesanggrâhan bezogen. Ein primitives Zimmer (das ganze Gebäude bestand aus Holz) mit primitiver Einrichtung, jedoch mit guter Küche, wurde mir geboten. Ich werde noch später Gelegenheit haben, mit der indischen Küche mich näher zu beschäftigen. Die wenigen Tage, welche ich in Bandjermasing bleiben sollte, benutzte ich zur Besichtigung der Stadt und zu einem Ausfluge nach der Affeninsel. Wenn, wie schon erwähnt, meine Reisebriefe aus dieser Zeit nur mangelhafte Berichte aus der Hauptstadt Borneos bringen, so kann ich sie heute hinreichend ergänzen, weil ich 3½ Jahr später wieder eine ganze Woche in Bandjermasing procul negotiis verweilte und durch den späteren Aufenthalt auf den andern Inseln einen Maassstab fand, mit Verständniss die herrschenden Verhältnisse, das Leben und Treiben dieser Hafenstadt zu beurtheilen. Es ist das Leben einer Hafenstadt, welche an einem Flusse und nicht an der Küste des Meeres liegt; es ist auch kein Wald von Mastbäumen oder eine unzählbare Menge von Dampfern, welche eine solche Hafenstadt charakterisirt. Ein Kriegsschiff, ein paar kleine Dampfer, einige grosse und unzählbar viel kleine Segelschiffe und Kähne bevölkern den Fluss; da das linke Ufer nur von den Chinesen bewohnt wird, welche zahlreiche Geschäfte (tokos) haben und keine einzige Brücke die beiden Ufer verbindet, so ist es der Kahn, welcher den kauflustigen Menschen und hin und wieder einem der beiden Militärärzte den Verkehr zwischen beiden Ufern vermittelt. Zahlreich sind die Magazine, welche auf dem Wasser in schwimmenden Häusern sich befinden, um von Zeit zu Zeit den Martapurafluss zu verlassen und mit Weib und Kind der Eigenthümer entweder stromaufwärts nach Martapura, der alten Sultan-Residenz, oder stromabwärts in den Baritu mit Dampfbarkassen gezogen zu werden.
[Illustration: Fig. 2. Eine Bekompeyerin.]
Es ist hier ein Bild en miniature des bunten Lebens in den grossen Hafenstädten von Port Said, Singapore oder Makassar u. s. w.
Die Trachten der Chinesen, Araber, Malayen, Javanen, Dajaker, Bekompeyer, Buginesen und der Europäer geben auch hier ein kaleidoskopisches Bild, und wenn hin und wieder eine bandjeresische Frau auf ihrem Kahne bei uns vorbeifährt, so ist es nur ein neuer Stein in diesem farbenreichen Bild; denn sie hat einen colossal grossen Hut auf dem Kopfe, der sie vor den versengenden Sonnenstrahlen und dem tropischen Regen schützen soll. (Fig. 2.)
Der Ausflug nach der Affeninsel geschah natürlich auch auf einem Kahn und zwar auf dem Canal Kween.
Dieser natürliche Canal ist ursprünglich nur ein Antassan gewesen, d. h. der Strom des Baritu hat sich in dem weichen Boden einen Weg gebahnt und die Martapura erreicht; ich zweifle auch keinen Augenblick, dass dieser Canal in den 18 Jahren, dass ich ihn nicht gesehen habe, an Breite, Grösse und Richtung nicht unbedeutende Veränderungen erfahren haben wird. An dem einen Ende dieser Antassans befindet sich die Affeninsel, wohin ich mich begab, beladen mit einem Revolver und mit einer grossen Pisangstaude (Musa sapientium und Musa paradisiaca = Banane).
Ich werde noch Gelegenheit haben, über die Pisang, sowie über Früchte Indiens im Allgemeinen zu sprechen; ich will jetzt nur erwähnen, dass diese eine Frucht ist, welche das ganze Jahr und überall im Archipel gegessen wird, dass es deren zahlreiche Arten giebt -- bis zu 50 --, dass der Pisang-Baum auf gleichem Raume 133 mal mehr Nahrungsstoff als Weizen giebt, ja, dass einzelne Autoren selbst von zwei Centnern Früchten sprechen, welche ein einzelner Baum in +einem+ Jahre liefere, dass die Frucht in Gurkenform ein mehliges Fleisch habe von süsslichem, leichtsaurem, adstringirendem Geschmack, und dass Säuglinge genährt werden mit geriebenem Pisang, mit welchem etwas gekochter Reis vermengt ist.
Den Revolver nahm ich mit, weniger aus Furcht, als mit dem Vorhaben, einen Affen zu erlegen. Kaum hatte ich mich der Insel genähert, welche ich wegen niederen Wasserstandes nicht betreten konnte, als die Affen (Cercopithecus cynomolgus), gemeinhin Keesch genannt, in grossen Schaaren ans Ufer kamen; ich glaube wenigstens 50-60 an diesem Tage gefüttert zu haben. Das possirliche Treiben dieser Vierhänder will ich meinen Reisebriefen nicht entnehmen, weil es genug bekannt ist, und weil ich späterhin genug von meinen Orang-Utangs und Gibbon mittheilen werde, welche in meinem Hause frei herumliefen. Als ich jedoch den Revolver zog, um nach den Affen zu schiessen, warnte mich mein Bedienter, dies zu thun, weil ich dann sehr krank werden würde. Ich liess mich nicht davon abhalten, schoss, ohne jedoch einen Affen zu treffen. »Glücklicherweise,« sagte ich, weil ich später gesehen, welche Macht diese eingeborenen Bedienten über ihre Herren bekommen, wenn man nicht vom Anfang an ihren Aberglauben ignorirt. Wenn man nicht vom Anfange an (principiis obsta!) sich auf diesen höheren Standpunkt stellt, ohne darum ihren Aberglauben zu bespötteln oder zu belächeln; dann wird der Orang baru = homo novus oft in unangenehmer Weise +der Dupe+ seiner Bedienten, weil sie um jeden Preis ihre Ansichten durchsetzen wollen.
Zwei Beispiele aus meiner Erfahrung mögen dieses genauer illustriren. Ich schenkte einem meiner Freunde einen Beo (Gracula), welcher noch nicht gut sprechen konnte; sein Bedienter erklärte, die Zunge dieser indischen Elster dürfe nur an einem Freitag gelöst werden; ich zuckte die Achseln und bedeutete meinem Collegen, dass ich solche abergläubischen Ansichten principiell nicht befolge; mein College jedoch fand meinen Skepticismus gegenüber dem Mysticismus der Malayen nicht gerechtfertigt, weil Vieles zwischen Himmel und Erde sei, wovon die menschliche Weisheit sich nichts träumen liesse und weil der Bediente als Eingeborener des Landes besser mit der »Natur« des Landes vertraut sei u. s. w. Wie gewöhnlich stand sein Bedienter mit einem wesenlosen Ausdruck neben uns, als ob sein Geist irgendwo im Weltraum schweife, während er factisch, ohne dass es sein Herr wusste, die holländische Sprache gut verstand. Wenigstens ich sah, als mein Freund hierauf erwiderte, er wolle es probiren und denselben Tag dem Beo die Zunge lösen lassen, ein eigenthümliches Lächeln um seine Lippen spielen. Den andern Tag war der Beo -- todt. Weniger gleichgültig ist der Aberglaube -- in der Kinderpraxis. Die Babus (Dienstmädchen) haben ihre eigenthümlichen medicinischen Erfahrungen und octroyiren sie in geschickter Weise den Müttern, und wird man zu einem kranken Kinde gerufen, so erhält man die abenteuerlichsten Rathschläge. Ist so eine Mutter gewöhnt, jenen absurden Vorschlägen, wie wir sie späterhin kennen lernen werden, nicht principiell entgegen zu treten, oder sie sogar anzunehmen, so fühlt sich die Babu ihrer Rolle sicher und beherrscht die Mutter in fürchterlicher Weise; wird jedoch einmal ihr Rath nicht befolgt, so wird es oft geschehen, dass sie, um Beweise für ihre Ansicht zu bringen, selbst schädliche Medicinen dem Kinde eingeben, oder, wie ich es einmal entdeckte, in Gegenwart der Eltern und des Arztes das Kind in die Hinterbacke zwicken, um es fortwährend schreien und weinen zu lassen.
Am 11. April erhielt ich Marschbefehl und zwar nach Muarah Teweh (0° 5′ S. B.), wohin den folgenden Tag ein Regierungsdampfer mich und den neuen Militär-Commandant bringen sollte. Dieses Fort lag damals am rechten Ufer des gleichnamigen Nebenflusses des Barituflusses.
Auf dem Strome, auf welchem oft tausend Meter weit die tiefste Stille herrscht, welche nur durch das Plätschern der Räder des Dampfers unterbrochen wurde, waren wir oft stundenlang die einzigen lebenden Wesen; hin und wieder erhob am Ufer lautlos ein Krokodil seinen Kopf und schaute uns mit neugierigen Blicken an, hin und wieder flog ein glänzender Alcedo über dem Dampfer, oder wir hörten aus weiter Ferne die gellen Klagelaute der Gibbons; eine Riesentaube, einen Reiher, ein Lori sahen wir hin und wieder im Gebüsche; aber der Grundtypus des Panoramas war die majestätische Ruhe.
Menschen, sollte man glauben, bewohnen nur den unteren Lauf des Baritu, wo oft, wie in Bandjermasing, auf schwimmenden Häusern die Handelsleute wohnen. Diese Häuser, aus Matten verfertigt, schwimmen auf dem Wasser und sind mit grossen Rottangs an den Ufern befestigt; mit dem Steigen und Fallen des Wassers müssen die Rottangs kürzer oder länger angebunden werden. Will ein solcher Jünger Mercurs den Platz verlassen, löst er die Schlinge, zieht den Rottang ein und lässt sich den Strom abwärts treiben oder den Strom aufwärts ziehen mit seinem Geschäfte, mit Weib und Kind und mit seiner Wohn- und Schlafstätte. Das ganze Familienleben spielt sich auf diesem Hause ab, durch dessen Flur man die spiegelnde Fläche der Wasser sieht.
Im oberen Laufe des Stromes jedoch verschwinden diese schwimmenden Häuser ganz; nur sehr selten sieht man am Ufer ein Dorf (Kampong) stehen, und ebenso selten sieht man einen vereinzelten Dajaker auf der Fischjagd oder auf dem Wege nach seinem weit jenseits des Ufers gelegenen Kampong. Wenn man die Zahl der Kampongs und der Menschen, welche die Ufer dieses +Riesenstromes+ bewohnen, als Maassstab für die Schätzung der Einwohnerzahl Borneos nehmen wollte, würde das Ergebniss viel zu weit hinter der Wirklichkeit bleiben, obgleich, wie bekannt, das Land sehr schwach bevölkert ist. Die Namen der einzelnen Kampongs und der zahlreichen Nebenflüsse dieses Stromes anzuführen, unterlasse ich gerne im Interesse des Lesers. Aber von drei Nebenflüssen, vom S. Rungan (Nebenfluss des Kahayastromes) und von der Lotongtoor und Teweh, welche sich in den Baritu ergiessen, muss ich doch einiges mittheilen.
Auf dem Ufer des Rungan soll nämlich das Wrack eines chinesischen Schiffes sich befinden. Wir werden im letzten Capitel sehen, dass die Chinesen schon vor 1400 Jahren Borneo, und zwar die Nordküste, besucht haben; aber aus einer viel späteren Zeit stammen die Berichte von einer Einwanderung der Chinesen in den südlichen Theil dieser Insel. Uebrigens ist der grösste Theil des Stromgebietes des Flusses Kahaya im Diluvium gelegen; die Quelle des Rungan liegt jedoch in tertiärer Formation. Wie ist nun dieses chinesische Segelschiff auf die Ufer dieser Nebenflüsse geworfen worden und wann geschah dies?
Wir haben aus jüngster Zeit ein Analogon für einen solchen Fall. Im Jahre 1883 war mit dem Ausbruchs des Krakatau (zwischen Java und Sumatra) ein heftiges Seebeben verbunden, welches den Dampfer »Berouw«, welcher im Hafen vor Telok Betong lag, bis eine Meile weit ins Innere des Landes schleuderte. Das Wrack lag noch im Jahre 1888 so weit von der Küste.
Wer weiss also, wie weit vor 1000 Jahren die Küste Borneos von der heutigen entfernt war?
Der Fluss Lotongtor ist ein historischer Kampong am gleichnamigen sehr kleinen Nebenfluss oder vielmehr Antassan zwischen den Flüssen Montalat und Teweh. Hier liegt nämlich das Wrack von dem Kriegsschiff »Ourust«, welches im Jahre 1859 von den Dajakern überfallen und dessen ganze Bemannung bis auf einen javanischen Bedienten niedergemacht wurde, welcher die Trauermähr nach Bandjermasing brachte.
Den Fluss Teweh nenne ich, weil auf seinem rechten Ufer ein Fort stand, Namens Muarah Teweh, in dem ich drei Jahre lang in Garnison lag, und weil dieser Nebenfluss auf der Wasserscheide entspringt, zwischen den Strömen der Ostküste und den Nebenflüssen des Baritu, so dass im Jahre 1880 der Sultan von Kutei und der dänische Forscher Bock diesen kleinen Bergrücken überschreiten und auf dem Teweh in den Baritu sich abtreiben lassen konnten, wo sie ein Regierungsdampfer erwartete und nach Bandjermasing bringen konnte. Das Fort lag damals im Winkel, welchen das rechte Ufer der Teweh mit dem linken Ufer des Baritu bildet; später wurde es verlegt nach dem linken Ufer der Teweh, und heute steht es am rechten Ufer des Bantu, direkt gegenüber der Mündung (Muara) dieses Flusses. Seine Kanonen bestreichen also die ganze Breite des Baritu, welche ich seiner Zeit auf 400 Meter berechnete, und den untern Lauf der Teweh. Im Jahre 1877 befand sich dort nur ein Fort mit 3 Officieren und ungefähr 100 Mann; heute residirt dort nebstdem ein Assistentresident (= Bezirkshauptmann), ein Postbeamter und ein Schreiber. Wie lange wird es dauern, dass auch ein Schullehrer und ein Notar sich in Teweh ansiedeln?
* * * * *
Während der Fahrt nach Teweh beschäftigte ich mich unter anderem auch mit dem Trinkwasser unseres Regierungsdampfers, welches in Bandjermasing an Bord gebracht worden war.
Prof. Robert Koch hat am 9. Juni 1898 in der Colonialgesellschaft zu Berlin einen Vortrag über Malaria gehalten, in welchem er einige Axiome aufstellte, welche in ihrer Allgemeinheit nicht von mir und wahrscheinlich auch von keinem andern Praktiker unterschrieben werden können: 1) Das Ueberstehen der Krankheit verschafft eine gewisse Immunität (?); 2) Chinin, zur rechten Zeit gegeben, heilt die Malaria (?); 3) die Uebertragung der Malaria findet weder durch die +Luft+, noch durch =das Wasser= statt (?) u. s. w. Im zweiten Theil werde ich meine diesbezüglichen Erfahrungen mittheilen; aber an +dieser+ Stelle muss ich meine warnende Stimme erheben, auf Grund dieser Theorien Maassregeln zu nehmen; +denn Luft und Wasser sind Vermittler der Malaria+!!
Das Trinkwasser ist für Bandjermasing eine Lebensfrage in erster Reihe, weil die Stadt zum Inundationsgebiet gehört, welches täglich unter dem Einflusse der Ebbe und Fluth steht. Es existiren keine Brunnen mit trinkbarem Wasser. Es wird also das Wasser gebraucht, welches während der Ebbe der Martapurafluss führt, an dem die Stadt liegt. Abgesehen davon, dass dieses Flusswasser sehr verunreinigt ist, weil zahlreiche Antassans und kleine Nebenflüsse noch im Bereiche des Inundationsgebietes liegen, ihr Wasser dem Baritu zuführen und somit gesundheitsschädliche Bestandtheile enthält, so geschieht es in trockenen Monaten oft, dass der Wasserstand so niedrig ist, dass zur Zeit der Ebbe ein Theil des Meerwassers zurückbleibt und zur Zeit der Fluth noch vermehrt wird. In solchen Monaten wird in grossen eisernen Kähnen das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen der Martapura zugeführt, wo sich der Einfluss der Fluth nicht mehr fühlbar macht. Natürlich bleibt ein solches Wasser immer mehr oder weniger gesundheitsschädlich. Wir haben ein sehr gutes Mittel, jedes ungesunde Wasser von den pathogenen Bacterien zu befreien. Aber -- es ist zu einfach und kann darum (?) natürlich keinen allgemeinen Gebrauch finden?! Gegen die groben Verunreinigungen des Wassers werden grosse Filtrirsteine gebraucht, welche aus Sandstein in der Nähe Surabayas (Java), in Grissé gewonnen werden. In diesen kegelförmig ausgehöhlten Sandstein werden Holzkohle und Kieselsteine gelegt und das Wasser fällt, von den groben Verunreinigungen befreit, tropfenweise in den darunter stehenden Topf. Wegen der zahlreichen chemischen Verunreinigungen geben einige ins Wasser Eisenchlorid und Soda. -- Die bacteriologische Untersuchung eines Wassers, welches auf diese Weise gereinigt ist, liess vieles, wenn nicht alles, zu wünschen übrig. Alle möglichen Filtrirapparate wurden also aus Europa bestellt -- es wäre zu viel, um sie alle bei Namen aufzuführen -- und alle entsprachen mehr oder weniger, d. h. die bacteriologische Untersuchung des Wassers, nach diesem letzten Filtrirungsprocesse, brachte mehr oder weniger +nicht+ pathogene und sehr selten pathogene Bacterien zu Tage. Im Vertrauen auf die bacteriologische Untersuchung versäumten nun die meisten das einzige richtige Mittel, um Wasser +sicher+ und +zweifellos+ von pathogenen Bacterien zu befreien und zwar, es bis zur Siedhitze =zu kochen=, zum Nachtheile ihrer und ihrer Angehörigen Gesundheit. Wenn in einem Orte die Cholera epidemisch ausbricht, da treibt eine Jagd nach Filtrirapparaten die Preise in die Höhe; aber dass auch die Malaria, diese epidemische Pest einzelner Orte, gleicherweise durch das Trinkwasser verbreitet werden könne und verbreitet wird, daran denkt niemand; ja noch mehr, es wird von manchen Aerzten für unwahrscheinlich gehalten. Ich will nicht diesbezüglich die Literatur über dieses Thema in den Rahmen dieser Causerie hineinziehen, aber ich will nur zwei Thatsachen zur Unterstützung dieser meiner Behauptung anführen. Vor zwanzig Jahren hatte Semarang (auf der Nordküste Javas) kein artesisches Wasser und war berüchtigt durch seine schweren Malariaformen. Ist nicht nach dem Einführen der artesischen Brunnen Semarang bedeutend gesunder geworden? Hat sich dieser günstige Einfluss nicht auch auf die Zahl und Intensität der Malariafälle erstreckt? Während der letzten zehn Jahre rieth ich meinen Patienten und meinen Freunden, überall und immer nur gekochtes Wasser zu trinken. Ist es wirklich nur Zufall, dass alle, welche diesen Wink befolgten, seither vom Fieber befreit blieben, obzwar darunter Familien vorkommen, welche in Tjilatjap, dem grössten Malariaherde Javas, gelebt und das Fieber s. Z. acquirirt hatten. Um nur von zwei solchen Familien zu sprechen: sie nahmen nach dieser Zeit niemals Chinin, und doch sind sie seither befreit von Fieberanfällen, während es bekannt ist, dass Menschen, welche von der Malaria heimgesucht wurden, oft jahrelang noch einzelne Fieberanfälle bekommen, auch nachdem sie die Malariagegend verlassen haben. Ich wage es also zu behaupten, dass alle anderen Filtrirapparate überflüssig und selbst schädlich sind; dass die bis jetzt üblichen Filtrirsteine zweckentsprechend sind, wenn das Wasser zu gleicher Zeit bei einer Temperatur von 100-120° wenigstens ¼ Stunde lang =gekocht= wird. Im Allgemeinen wird es hinreichen, erst das Nutzwasser durch den Filtrirstein laufen zu lassen und darnach zu kochen, manchmal jedoch wird es besser sein, mit dem Kochen anzufangen und zwar bei dem grauen Wasser, welches reich an pflanzlichen Verunreinigungen ist. Oft wurde mir auf meinen Rath eingewendet, dass das Trinkwasser durch das Kochen seinen erquickenden Geschmack verliere. Das ist richtig; aber diesem Mangel ist abzuhelfen, z. B. durch ein Stück Kunsteis, welches natürlich aus +destillirtem+ Wasser bereitet sein muss, oder durch Hinzufügen von Thee, Brandy u. s. w. Es kann das Trinkwasser auch in einem Kübel mit Eis frappirt werden und erhält dann auch einen angenehmen Geschmack. Durch das Kochen des Wassers wird auch der Gebrauch der Mineralwässer überflüssig. Diese werden mit mehr oder weniger Recht häufig gebraucht, und besonders das Apollinariswasser hat in den letzten Jahren eine starke Verbreitung gefunden. Es ist reich an Kohlensäure, und zwar ist es +künstlich+ damit imprägnirt. In Indien giebt es zahlreiche Fabriken von Mineralwässern, und ihre Producte werden auch gerne von den Chinesen und den Halbeuropäern wegen ihres niederen Preises gekauft; sie haben jedoch immerhin einen gewissen schalen Beigeschmack, und man ist nicht sicher, ob das Wasser einer genügend reinen Quelle entnommen ist. Ich glaube nicht, dass immer destillirtes Wasser zur Fabrikation dieser künstlichen Mineralwässer verwendet wird, und in diesem Falle sind die Apollinaris, Krondorfer, Giesshübler u. s. w. gewiss vorzuziehen. Wer die Bedeutung eines guten Trinkwassers im Auge hält, wird mir gewiss verzeihen, wenn ich so lange bei diesem Gegenstande verweilt habe; denn es ist eine Lebensfrage für alle Länder und am meisten für Indien, wo auf der einen Seite wegen der starken Transpiration mehr als in Europa getrunken wird, und andererseits die Beschaffung von gutem Trink-, Koch- und Waschwasser schwierig, oft unmöglich ist. Die Flüsse im alluvialen Boden sind durch die Fäcalien der Menschen, durch anorganische Stoffe und durch die ungeheuren Massen faulender Pflanzen und Thiere stark verunreinigt. Die Flora und Fauna ist ja in den Tropen üppig. Neben den Riesen des Waldes aus der Thier- und Pflanzenwelt ist ja das Reich der Mikroorganismen noch riesenhafter. Das Wasser der Brunnen hat ja oft eine kleine Menagerie, wie van der Burg erzählt, von Terpsinoe, Melosira, Arcella, Cypris, Synedra, Navicula u. s. w., und oft genug findet man selbst makroskopisch im filtrirten Wasser munter herumschwimmende Ungeheuer. In solches Fällen gebraucht man daher aufgefangenes Regenwasser, welches jedoch ebenfalls filtrirt und gekocht werden muss. Vielfach wurde der Gebrauch des Eises angefeindet; alle möglichen Krankheiten des Magens und selbst der Magenkrebs wurden ihm zugeschrieben, aber, wie ich glaube, mit Unrecht. Eingeborene wie Europäer lieben (mit Recht) den kühlen Trank, weil sie viel kleinere Quantitäten zum Löschen des Durstes nöthig haben, und weil der Durst durch kaltes Wasser intensiver gelöscht wird als durch laues Wasser. Vielleicht ist die Einführung des Eises selbst eine Wohlthat zu nennen, denn seit dieser Zeit wird viel weniger Alkohol consumirt als früher. In früheren Jahren wurde Natureis von Amerika und selbst von Schweden eingeführt und war das Eis um einen billigen Preis nur in einzelnen Hafenplätzen zu bekommen; auch die ersten Eisfabriken wurden nur in den grossen Hafenstädten errichtet. Als ich im Jahre 1882 in Telok-Betong (Südküste von Sumatra) in Garnison lag, liess ich gemeinschaftlich mit einigen Herren von Batavia Eis kommen; es kam jedoch durch Schmelzen der Preis in Telok-Betong auf 25 Kreuzer das halbe Kilo, so dass wir von diesem Luxusartikel sehr bald absehen mussten, abgesehen davon, dass nur jede Woche einmal ein Boot zwischen diesen beiden Städten verkehrte. In früheren Zeiten, d. h. als die Eisfabriken noch nicht bestanden, hatten sehr viele Menschen im Innern des Landes, wohin das Natureis nicht transportirt wurde, kleine Maschinen für 60-100 Fl., in welchen durch Luftverdünnung kaltes Wasser gemacht wurde. Noch muss ich erwähnen, dass in hoch gelegenen Gegenden das Eis für den täglichen Gebrauch beinahe entbehrlich ist, weil das gewöhnliche Trinkwasser oft nicht mehr als 18-20° C. hat und bei dieser Temperatur erfrischend ist, und dann, dass von jeher irdene Krüge im Gebrauch sind (Gendis), in welchen das Wasser bewahrt wird und davon eine angenehme kühle Temperatur behält, weil der poröse, nicht glasirte Krug das Wasser verdunsten lässt, womit eine Herabsetzung der Temperatur verbunden ist.
3. Capitel.
Amethysten-Verein -- Alkohol -- Gandruwó, eine Spukgeschichte -- Polypragmasie der jungen Aerzte -- Verpflegung in einem Fort -- Unselbständigkeit der Militärärzte -- Malayische Sprache -- Vergiftung mit Chloralhydrat und Arsenik -- Krankenwärter und Sträflinge -- Amoklaufen -- Erste Praxis unter den Dajakern -- Schwanzmenschen.
Mit mir wurde, wie schon erwähnt, auch ein neuer Commandant nach Muarah Teweh transferirt, welcher gewissermaassen mein Chef in loco war, während der Landessanitäts-Chef in Bandjermasing in allen dienstlichen und wissenschaftlichen Angelegenheiten der eigentliche Chef blieb. Wir Beiden standen den fünften Morgen am Deck, als uns der Schiffs-Capitain am linken Ufer in weiter Ferne das Dach eines Forts sehen liess, mit des Worten: »Das ist Ihr Gefängniss.« Das erste Wort, welches der neue Commandant über Teweh zu mir sagte, war: »Nun zeigen Sie mir hier etwas Interessantes!« -- Ein Fort mit zwei Meter hohen Palissaden aus Eisenholz; die Gebäude zeigten das schmutzig-gelb Graue von +alten+ Bambusmatten und waren mit Holzschindeln gedeckt; hinter dem Fort war Urwald, auf dem jenseitigen Ufer des Baritu war Urwald und auf der Südseite zog der Tewehfluss zum Baritustrome. Mein Vorgänger soll, wie die bösen Zungen behaupteten, sofort nach seiner Ankunft in Teweh geheirathet haben, um die Regierung zu zwingen, ihn aus dieser Garnison abzulösen, weil »sie +können+ doch nicht eine europäische Dame in Muarah Teweh wohnen lassen«; er blieb aber doch und hatte zur Zeit seiner Transferirung selbst schon ein kleines Baby; ich kaufte seine ganze Einrichtung, soweit er sie nicht mitnehmen wollte, bezahlte ihm auch den Preis für die Küche, welche er ausserhalb des Forts hatte bauen lassen; ich übernahm den Vorrath der Apotheke, ohne mich natürlich aufs Wägen und Messen der Medicinen einzulassen, bestätigte den Empfang von so viel Flaschen, Töpfen, Instrumenten, Utensilien, so viel Kilo Chinin, Ricinusöl und hundert anderen Medicinen, und zwei Tage später verliessen uns der alte Commandant und Dr. F. mit seiner Frau und drei Kindern (zwei stammten aus erster Ehe) und liessen uns (mit dem 3. Officier) zurück mit den wohlgemeinten Wünschen, die Oede des gesellschaftlichen Lebens mit Kartenspiel und dem Schnapse auszufüllen. Diese zwei Herren hatten es nicht gethan, und auch uns hat das Schicksal vor diesen Dämonen bewahrt.
Ich glaube, dass im Jahre 1894 Dr. Fiebig in Bandjermasing den Amethysten-Verein gegründet hat.
Aber schon seit wenigstens einem Jahrzehnt und zwar seit Einführung des künstlichen Eises hat der Alkohol in Indien viel von seinem verderblichen Einfluss verloren, seine Opfer sind jetzt bei weitem nicht so zahlreich, als sie es waren, wenn auch noch häufig genug, um einem Mässigkeits-Verein raison d’être zu geben. Ich zweifle, ob +dieser+ Verein jedoch mit Erfolg Propaganda für seine Theorien machen wird und machen kann.
Dr. Fiebig verurtheilt nämlich den Gebrauch des Alkohols in jeder Form, zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen, d. h. er findet den Alkohol auch in der Hand des Arztes nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Dr. Fiebig geht also zu weit, er schiesst über das Ziel und verliert gerade in jenen Kreisen, welche berufen sind, seine Pläne, dem schädlichen Einfluss des +Miss+brauchs des Alkohols entgegenzutreten, zu unterstützen, eines grossen Theil der Anhänger, welchen er haben würde, wenn er sich an die thatsächlichen Verhältnisse halten würde. Auch Sympathie verlor er für seine Bemühungen durch die +Form+, in welcher seine Thätigkeit begann: amethystblaues Ordensband für die Mitglieder seines Vereins und das Losungswort »Los« (wenn ich mich nicht irre), welches die Mitglieder Jedem zurufen sollten oder mussten, wenn sie Jemanden Bier, Wein, Cognac oder Genevre trinken +sahen+, haben mehr Männer vom Zutritt zum Vereine ferngehalten, als Dr. Fiebig vielleicht dachte oder wusste. Nun, meine Wenigkeit z. B., die 20 Jahre unter den Holländern in Indien wohnte und doch keinen Genevre gewohnheitsmässig trank, welcher principiell kein Bier trank, weil sein Gebrauch (selbst der mässige) in den Tropen schädlich ist, ich selbst, der überzeugt ist, dass der Alkohol zum täglichen Gebrauch entbehrt werden kann, der in dem Alkohol ein Genussmittel sieht, welches als solches kein +Bedürfniss+ ist, ich selbst hatte alle Sympathie für diesen Verein, so lange -- ich nicht von den kindischen Spielereien mit einem amethystblauen Band u. s. w. hörte; ich bin also niemals Mitglied dieses Vereins geworden.
Wie gesagt, auch ohne die etwas laute Agitation dieses Vereines wurde der Missbrauch des Alkohols in holländisch Indien sehr vermindert; die Folgen desselben auseinander zu setzen, halte ich für überflüssig, weil sie hinreichend bekannt sind. Auf zwei Factoren möchte ich jedoch aufmerksam machen. Erstens: die meisten Menschen, welche dem Alkohol zum Opfer fielen, vergassen das alte Sprichwort: Principiis obsta. Als ich in Muarah Teweh Verdruss auf Verdruss hatte, verlor ich den Appetit; ein Gläschen Wein regte ihn jedoch so weit an, dass ich etwas essen konnte; bald jedoch zeigte sich diese Dosis zu klein, und ich musste bei Tafel zwei Gläschen Wein nehmen, um dasselbe Ziel zu erreichen; bald jedoch wurde auch dieses Quantum zu klein; ich nahm drei Gläschen, ohne dass für die Dauer mein Appetit rege blieb. Ich kam jedoch zu dem Entschlusse, die Dosis nicht weiter zu vergrössern, weil ich das Gespenst des chronischen Alkoholismus vor mir sah. Eine Zeit lang konnte ich trotz dieser drei Gläschen Wein keinen rechten Appetit bekommen; ich blieb jedoch bei meinem Entschluss und -- siegte. Ohne die Dosis Wein zu erhöhen, konnte ich nach und nach wieder Mittag und Abendmahl essen, und auf diese Weise bin ich kein Säufer geworden.
Der zweite Factor ist, dass die Verführung in Indien zum Missbrauch des Alkohols gross ist. Wenn man dahin kommt, wird man von guten Rathschlägen überhäuft. Man geht in den Club und der Nachbar will sich des Homo novus erbarmen und ihm die Gefahren des Tropenklimas mit lebhaften Farben schildern, und schliesst seinen Vortrag mit den Worten: Ich bin schon 10-15 Jahre in Indien, ich bin niemals krank gewesen, lebe noch, wie Sie sehen; aber ich habe täglich zweimal vor der »Reistafel« und vor dem Abendessen mein Bitterchen getrunken. Sein Nachbar will auch ein Wort darüber sprechen und fügt hinzu: »Der Alkohol setzt ja die innere Temperatur herab, wie Sie wissen, Doctor; also müssen Sie ein Bitterchen trinken.« Ein Dritter fügt wieder hinzu: »In de ›Oost‹ muss man in den ›Pökel‹ gesetzt werden, sonst geht man zu Grunde, wie das Rindfleisch verdirbt, wenn es nicht eingepökelt wird.« Dies alles ist schon darum unrichtig, weil Millionen Menschen in den Tropen leben ohne den Gebrauch des »Genevre«. Alkohol ist eben kein +Bedürfniss+ für den täglichen Gebrauch, ebenso als der Tabak oder das Opium. Es ist ein +Genussmittel+, und zwar ein gefährliches Genussmittel, weil es leicht zum Missbrauch führt und dann gefährlich für Leib und Seele wird. Dies möge jeder bedenken, der zum ersten Gläschen Bittern greift, um in der Monotonie des alltäglichen Lebens »auf dem Posten« einen Ersatz für andere Genüsse oder einen Sorgenbrecher für die Unannehmlichkeiten im häuslichen oder dienstlichen Leben zu finden. Wenn aber Dr. Fiebig mit seinen Anhängern den Alkohol aus dem Arzneischatz verbannen will, dann möchte ich ihm doch ein Halt, ein Ne nimis zurufen. Will vielleicht Dr. Fiebig in dem Moschus oder Campher so ein kräftiges Excitans als in dem Alkohol oder Aether sehen? Dr. Fiebig hat Unrecht, wenn er den Alkohol selbst den Aerzten entreissen möchte. Gänzlich wird ihm dies niemals gelingen. Noch einen Einwand des Dr. Fiebig gegen den »+mässigen Gebrauch+« des Alkohols möchte ich entkräften. Er wirft nämlich allen jenen, welche in unschädlicher Menge den Alkohol geniessen, vor, dass sie kein Recht hätten, dem Soldaten, dem Arbeiter oder dem Proletarier den Schnaps zu verweigern, weil sie ja auch Alkohol in der Form des Weines, Bieres, Champagners u. s. w. gebrauchen, mit einem Wort: exempla trahunt. Darüber liesse sich vieles zur Antwort geben; aber weder ich noch tausend Andere fühlen den Beruf in sich, von diesem Genussmittel abzusehen, allein -- weil der Nachbar davon Missbrauch machen könnte. Wenn ich die Charakterstärke habe oder hatte, trotzdem dass ich den Wein gern trinke, und trotzdem meine Mittel es erlaubten, Wein in beliebig grosser Menge zu trinken, nur einen bescheidenen Gebrauch davon zu machen, dann darf ich mein warnendes Wort jedem zurufen, ein Gleiches zu thun. Für mein Kind, für meinen Freund werde ich vielleicht das Opfer bringen, ein Genussmittel mir zu versagen, wenn es aus pädagogischen Rücksichten nothwendig ist; aber zu Gunsten eines Fremden haben weder ich noch tausend Andere dazu den Beruf. --
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[Illustration: Fig. 3. Das Fort Teweh bis zum Jahre 1880.]
Das Schiff hatte uns verlassen, und jeder von uns drei Officieren zog sich in seine Gemächer zurück; wir zwei neuen Bewohner des Forts, um mit den häuslichen Angelegenheiten einen Anfang zu machen, der dritte, um den Anforderungen des Dienstes gerecht zu werden. Meine Wohnung lag an der Westseite des Hauptgebäudes, und zwar an dem südlichen Ende, so dass die westliche und südliche Seite meiner Wohnung von den Palissaden der Festung, die nördliche von der Bambuswand meines Nachbars und die östliche von der Hinterfront des Gebäudes begrenzt wurde. An diese schloss sich ein kleiner Hofraum und dahinter Pulvermagazin und Provostzimmer, und daran grenzte die Caserne, welche ebenfalls (nach Osten) von der Palissadenwand umschlossen wurde (Fig. 3). F. Gerstäcker theilt in der »Gartenlaube« von den 70er Jahren eine in Indien bekannte Spukgeschichte, wenn ich nicht irre, unter dem Namen »Gandruwó« mit, welche seiner Zeit sogar zu einem Duell eines Generals geführt habe. Die gegenwärtige Generation hat sie offenbar schon vergessen, weil man so selten von ihr sprechen hört. Sie zu erzählen, habe ich keine Ursache, weil ich folgenden ähnlichen Fall erlebt habe. Eines Abends sassen wir drei Officiere in unsern Zimmern, als plötzlich in meinem Zimmer ein Stein von der Decke fiel; ich schrieb es einem Zufalle zu und schwieg; es kam ein zweiter, ein dritter, und als endlich sogar ein Kork fiel, und zwar versehen mit dem Namen meines Weinlieferanten, stand ich auf und rief dem militärischen Commandanten zu, ob er die Steine fallen höre; ja, was bedeutet dieses? frug er zurück. Scherzend rief ich zurück: Das ist Gandruwó! Er kam zu mir und nirgends war eine Spur von einer lebenden Seele; vor uns lag das Ufer, es war mondhelle Nacht -- kein Mensch, kein Affe zu sehen; vor der Südseite standen zwei grosse Bäume und ein Wachthaus, das geschlossen war; beim hellen Scheine des Mondes konnte man jedes Blatt des Baumes sehen, so dass wir sicher waren, dass auf dem Baume der Schalk nicht sitzen konnte, und nur in der Galerie, welche längs unserer Wohnung sich zog, lief die Schildwache auf und ab. Während wir den Fall besprachen und vor der Schildwache standen, fielen wieder Steine, und zwar immer aus dem Süden kommend. Für den dritten Lieutenant (de mortuis nil nisi bene) war es der ausgesprochene Fall von Gandruwó, weil er in dem jahrelangen Verkehr mit seiner Haushälterin in dem Aberglauben der Eingeborenen aufgegangen war. Nun, auch für uns zweie war es eine mysteriöse Sache: nirgends einen Menschen, nirgends ein lebendes Wesen zu sehen, und vor uns aus dem hohen Dachraume, in dem der Uebelthäter auch nicht sitzen konnte, Steine und Kork fallen zu sehen und zu hören! Nun, Doctor? frug mich der Commandant. In französischer Sprache gab ich ihm zur Antwort (weil die Schildwacht, obzwar ein Eingeborener, vielleicht doch holländisch verstehen konnte): »Ich weiss ein Mittel, um diesen Geisterspuk aufzuklären.« »Nun! welches?« »Drohen Sie der Schildwacht mit acht Tagen Provost, wenn das Fallen der Steine nicht aufhöre.« Der Commandant acceptirte meinen Rath und -- die Ruhe war hergestellt. Offenbar hatte der Soldat, während er in strammer Haltung vor uns stand, mit dem Finger die Steine hinaufgeschnellt, ohne dass wir es merkten. In anderen ähnlichen Fällen sind z. B. in geschlossenen Räumen, selbst in Zimmern mit gewöhnlichem Plafond, dubang, d. i. mit Sirih roth gefärbter Speichel, Steine u. s. w. auf den Beobachter gefallen, obschon, wie in dem von Gerstäcker erwähnten Falle, ein Cordon von Soldaten das Haus umstand. Den directen Beweis für die natürliche Entstehungsweise habe ich in meinem Falle auch nicht erbracht; aber ich zweifle nicht, dass es in allen Fällen möglich gewesen wäre, den Betrug aufzudecken, wenn man nur den Mysticismus dieses Vorganges principiell ausgeschlossen hätte.
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Auf die Ordnung meiner Wohnung brauchte ich nicht viel Zeit zu verwenden. Die Wände bestanden aus Matten von 2-3 Meter Höhe, hatten also keine Fenster, denn das Licht fiel über die Palissaden in mein erstes, ich will es Studirzimmer nennen; im zweiten Raume standen mein Bett, Kasten und Waschtafel. In der südlichen Wand war eine Oeffnung, welche in der Nacht oder bei schwerem Regen von einem Thürchen geschlossen werden konnte, also die Rolle eines Fensters spielte, und im letzten Raum stand der Geschirrkasten; eine Thür aus Bambus-Matten führte in den Hofraum. Natürlich war mein Studirzimmer zu gleicher Zeit, venia sit dictu, Empfangs- und Speisezimmer. Vor dem Fort stand am Ufer des Flusses meine Küche, mein Badehaus mit Abort, welche ebenfalls aus Bambus verfertigt waren; später errichtete ich daneben ein Affenhäuschen. Die Marodenzimmer für 6-8 Kranke und eine Apotheke standen im Fort und hatten dieselbe primitive Bauart und dasselbe einfache Baumaterial. Die Apotheke hatte einen grossen Vorrath an Arzneien, welche sich in den Jahren ihres Bestehens aufgehäuft hatten, ohne dass sie in Gebrauch genommen wurden. Die indische Regierung ist diesbezüglich besonders freigebig, oder sagen wir lieber verschwenderisch. Jeder Arzt hat das Recht, um Arzneien ad libitum ersuchen zu können; kein Chef hat den Muth, das »fiat verabfolgen« zu verweigern; wie viele, namentlich junge Aerzte, sehen ihr Heil nur in dem Verabfolgen von zahlreichen Medicinen und vergessen, dass der Arzt sehr viel auch ohne Arzneien helfen kann. Ich hatte einmal einen Patienten mit einem Typhoid -- es ist 4 Jahre her -- im Spital zu Magelang (Java), dem ich ¾ Gramm Antipyrin dreimal des Tages vorgeschrieben hatte; in meiner Abwesenheit bekam er Nasenbluten, und es wurde der »Doctor der Wacht« (du jour) gerufen; als ich zur Abendvisite kam, erzählte mir dieser Heilkünstler, dass er durch Ergotine sofort das Nasenbluten gestillt hatte (wäre es auch nicht ohne dieses gelungen?) und dass er nebstdem noch Chinin und Phenacetin gegeben hatte!! ein College konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: »Dieser Mann lebt noch, trotzdem er Antipyrin, Chinin, Phenacetin und Ergotin erhalten hat!!« Schon vor vielen Jahren hat der damalige Sanitätschef die jüngeren Aerzte aufmerksam gemacht, dass die Kunst des Arztes nicht im Verschreiben grosser oder zahlreicher Recepte bestehe; er hat zu tauben Ohren gepredigt, und die Polypragmasie florirt in Indien jetzt wie zuvor. Selbst in der Verabfolgung von Utensilien und Instrumenten zeigt die Regierung eine gleiche Freigebigkeit. Mikroskope z. B. von 500-600 fl. (mit Abbé, Oelimmersion) sah ich oft jahrelang in einem Winkel einer Apotheke ungebraucht stehen. Dem bacteriologischen Schwindel scheinen jedoch die letzten Jahre ein Ende gemacht zu haben. Auf zahlreiche Ansuchen nämlich von echten Dilettanten, welche vielleicht einmal einen Tuberkelbacillus unter dem Mikroskop gesehen hatten, oder denen es einmal gelungen war, einen solchen, sagen wir nach Gram oder Ehrlich, zu färben, wurden grössere Apparate, als Sterilisirungsöfen u. s. w. verweigert, während z. B. dem Laboratorium so ziemlich alle Hülfsmittel der modernen pathologischen Forschungen zur Verfügung gestellt wurden. Ich muss es wiederholen, dass der Sanitätschef sehr weise thäte, auch gegenüber dem Ansuchen um Medicinen und anderen Instrumenten etwas kritisch sich zu verhalten. Wie viele Tausende Gulden, vielleicht Hunderttausende sind in den einzelnen Apotheken der Marodenhäuser u. s. w. im indischen Archipel aufgehäuft, bis sie endlich von irgend einem Arzte als »verdorben« weggeworfen werden müssen.
Das Mobiliar des Marodenzimmers, das Geschirr, die Krankenwäsche und die Utensilien standen unter der Verwaltung des milit. Commandanten; auch die Kost bekamen die Kranken aus der gemeinsamen Menage; nur hatte ich das Recht, für gewisse Krankheitsfälle eine zweckentsprechende Diät vorzuschreiben, und erhielt dafür auf Ansuchen alles Nothwendige nach feststehendem Tarif, so z. B. durfte ich für jeden europäischen Patienten pro Tag ein halbes Huhn verlangen; wie erhält man jedoch ein halbes Huhn, wenn nur ein Patient im Marodenzimmer sich befindet? Im Archiv fand ich darüber sogar eine Correspondenz, d. h. eine diesbezügliche Anfrage an den Sanitätschef in Bandjermasing. Leider fand ich keine Antwort auf diese Frage vor. Für die Lieferung aller Bedürfnisse für die Truppen, somit auch der Patienten, befand sich ausserhalb des Forts ein Chinese, welcher unter dem Schutze des Häuptlings und der Truppen am linken Ufer der Teweh sein Magazin hatte. Er war natürlich nur der Vertreter einer grossen Gesellschaft, welche die Verpflegung der Truppen auf der S.-O.-Hälfte Borneos auf sich genommen hatte. Die gesetzliche Bestimmung bestimmte die Menge an Lebensmitteln, welche zu jeder Zeit im Fort und welche zu jeder Zeit in seinem Magazin anwesend sein mussten. Neben dem Quantum spielt natürlich auch die Qualität der Lebensmittel eine grosse Rolle in den Verpflichtungen des Lieferanten, welche eine stete Controle von Seiten des Commandanten erfordern. Die Gewissenlosigkeit der Lieferanten kann in Europa gross sein; aber der Chinese ist als Lieferant vielleicht weniger dumm als sein europäischer College, aber darum noch nicht gewissenhafter. Im Jahre 1870 wurden im Lager der französischen Armee Kisten eröffnet, welche Schuhe für die Soldaten enthalten +sollten+, und man fand -- Kinderwagen und anderes Kinderspielzeug. So etwas hat ein chinesischer Lieferant niemals gethan. Womit jedoch der Thee z. B. gefälscht sein kann, welcher den Soldaten geliefert wird, das entzieht sich jeder Beschreibung. Die Butter, welche im Jahre 188... in Atjeh z. B. beim Lieferanten den Officieren zum Kauf angeboten wurde, sah dem Wagenfett ähnlicher als der Butter! Viel dieser Uebelstände erklären sich leicht durch die Unschlüssigkeit der Regierung. Auf der einen Seite +will+ sie den Soldaten nur Lebensmittel in erster Qualität verabfolgen lassen, auf der andern Seite möchte sie gern so wenig als möglich dafür bezahlen. Ist der Officier bei der Uebernahme der gelieferten Lebensmittel zu streng, und beklagt sich der Lieferant bei dem Intendanten, so kommt sicher eines Tags die Belehrung an die Officiere, bei der Uebernahme der gelieferten Lebensmittel auch das Interesse des Lieferanten nicht aus dem Auge zu verlieren, weil anders der Preis der folgenden Concurrenzausschreibung zu hoch aufgesetzt werden würde. Kommt jedoch ein Inspecteur die Truppen inspiciren und sieht z. B., dass der gelieferte Reis zu viel mit gebrochenen Körnern gemengt sei, bekommt der Commandant wieder seine Nase. Am besten würden alle diese Schwierigkeiten behoben werden, wenn die Officiere, welche mit der Uebernahme der Lebensmittel u. s. w. betraut sind, wenigstens ebenso viel Waarenkunde besässen, als der Administrateur. In 189.. weigerte ein Lieutenant in Magelang, der kurz vorher von der Kriegsschule in Breda abgegangen war, das gelieferte Rindfleisch auzunehmen, weil die Lunge tuberculös sei; ich wurde geholt, um seine Diagnose zu bestätigen. Dieses konnte ich nicht thun, weil die Lunge nur ungleichmässig pigmentirt war. Der Lieutenant acceptirte meine Diagnose, das Rindfleisch wurde angenommen, und ich nahm ein Stück der Lunge mit, um sie dem Chef zu zeigen. Dieser Mann lebt jetzt als pensionirter Oberstabsarzt in Holland und hatte schon Vieles von Tuberculose des Rindes offenbar gelesen und gehört, und hatte auch schon von Färbung der Tuberkelbacillen und mikroskopischer Untersuchung läuten gehört -- aber er hatte noch niemals gegenüber den militärischen Vorgesetzten eine +selbständige+ Ansicht gehabt. Ohne auch nur die Lunge gut anzusehen, sprach er das Wort, das gewiss verdient der Nachwelt überliefert zu werden: »Wie können Sie oder wie wagen Sie es zu behaupten, dass die Lunge +nicht tuberculös+ sei; haben Sie dort im Schlachthause nach Tuberkelbacillen gesucht?!« Auf meine Bemerkung, dass Pigmentflecke von der Grösse eines Cents bis zu der einer Hand doch keine Knötchen seien, und dass also nicht einmal ein Anlass in casu bestände, auf Tuberkelbacillen zu untersuchen, wurde ich entlassen, mit der Warnung, dass ich ohne mikroskopische Untersuchung niemals könnte wissen, ob eine Lunge tuberculös sei oder nicht?!
Es ist nämlich unglaublich, wie manche Militärärzte gegenüber dem »Commandanten« unselbständig sind, in der Furcht, Schwierigkeiten mit diesem Herrn zu bekommen, während sie oft ihrem untergeordneten Arzte gegenüber die grösste Strenge zeigen. Der Militär-Commandant ist und bleibt natürlich der Chef von Allen und über Alle: Ueber dem Artillerie- und Genieofficier, den Administratoren und dem Arzt. Keiner von diesen vier Fachleuten in Indien verleugnet aber so oft seine Selbständigkeit als der Arzt. Unglaublich aber wahr. Die Schuld liegt daran, weil, wie ich schon in der »Locomotif« vom 11. December 1896, betreffend »die Reorganisation des militärärztlichen Dienstes«, schrieb, die Aerzte in zahlreichen militärischen und medicinischen Wissenschaften fürchterliche Lücken haben. Von der gerichtlichen Medicin wissen sie nichts, und wenn, wie es häufig geschieht, ihre Hülfe oder vielmehr ihr Gutachten gefordert wird, nehmen sie »Casper« oder »Hoffmann« zur Hand und fabriciren daraus ein Schriftstück, welches den Stempel der Unreifheit deutlich trägt. Die Advocaten Indiens wissen das und halten damit Rechnung! In der Bauhygiene ist es am schlechtesten bestellt; d. h. pro forma werden die Aerzte in Fragen der Bauhygiene um ihr Gutachten angezogen; aber das »Genie« würdigt sie oft nicht einmal einer Antwort. Im Jahre 1891 wurde ein neues Spital in M.... gebaut; alles war fertig, d. h. der Boden abgemessen, Bauplan angenommen u. s. w., man sollte schon mit dem ersten Spatenstich anfangen, als ein neuer Stabsarzt in M.... ankam. Sofort erhob er gegen die Wahl des Grundes sein Veto, weil in der Nähe Sawahfelder (= nasse Reisfelder) sich befänden, welche die Quelle von Fieberepidemien werden könnten, und weil der ausgemessene Grund vor Jahrzehnten ein Kirchhof gewesen sei; die Genie gab ihr Gutachten, dass die nassen Reisfelder natürlich nicht bebaut werden würden, weil sie behufs Trockenlegung +schon+ angekauft seien, und was den »alten Kirchhof« beträfe, so sei seit dreissig Jahren niemand dort begraben worden, der Grund sei also nicht antihygienisch. Der Stabsarzt V... erhob jedoch nochmals seine warnende Stimme; das Armeecommando bestätigte den Plan »der Genie«, das Spital wurde gebaut, und niemals hat sich ein schädlicher Einfluss des Bodens gezeigt.
»Die Militärhygiene ist ganz in den Händen der Compagnie- und Bataillonscommandanten. Allein im Nothfall, d. h. sobald sie Unterstützung für ihre Vorschläge suchen, rufen diese Herren die Hülfe des Arztes an, um ein wissenschaftliches Kleid ihren Vorschlägen zu geben, so als Bacterien, Eiweissgehalt u. s. w. ...« Und immer finden sich Aerzte, welche zu diesem Liebesdienst sich hergeben. Kein Wunder, dass ein Major der Infanterie eine dicke Broschüre über die Prophylaxis der Beri-Beri geschrieben hat!
Die Epidemiologie ist ganz und gar am Gängelband der europäischen Wissenschaft; anstatt selbständig die Verhältnisse des Tropenklimas zu den Epidemien zu beobachten, d. h. den Einfluss der tropischen Temperatur, Feuchtigkeit der Luft und des Bodens, der tropischen Flora und Fauna, Windrichtung, Wald, Höhe und Ebene auf die Ausbreitung gewisser Krankheiten zu studiren, werden kritiklos die Theorien der europäischen Epidemiologen auf Indien angewendet.
Von der militärischen Rechtspflege wissen die Militärärzte ebenso viel und ebenso wenig als von der Administration, obzwar oft eine Compagnie von Militär-Krankenwärtern unter ihrem Commando steht. »Ist es daher ein Wunder, dass bei solch mangelhaftem Wissen von Allem, was nicht direct den fachmännischen Theil betrifft, die Militär-Aerzte gegenüber dem Militär-Commandanten beinahe absolut unselbständig sind und oft genug auch in rein medicinischen Angelegenheiten keine Anerkennung finden?«
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Sieben Personen von dem Fort standen direct unter meinem Befehl; ein europäischer Krankenwärter von dem Range eines Corporals (Hospitalbediende heisst sein Rang), zwei Handlanger und vier Sträflinge. Die »Handlangers« und die Sträflinge (dwangarbeiders) waren jedoch Eingeborene und zwar theils Javanen und theils Malayen, welche natürlich nicht der holländischen und noch weniger der deutschen Sprache mächtig waren. Im Anfange meiner indischen Carrière und zwar im Spitale zu Surabaya war mir sogar eine Abtheilung mit eingeborenen Soldaten zur Behandlung angewiesen worden. Einen meiner Krankenwärter gebrauchte ich also als Dolmetsch, da er genug der malayischen Sprache mächtig war, um sich mit den eingeborenen Soldaten verständigen zu können. Bei meiner Ankunft in Muarah Teweh ging es mir nicht viel besser. Ich hatte während meines Aufenthaltes in Surabaya die malayische Sprache kaum in ihren Elementen erlernt, so dass ich mich nur mangelhaft mit meinen Bedienten verständigen konnte und bei meiner Ankunft in Teweh vor denselben Schwierigkeiten stand. Ich frug also meinen »Hospitalbedienten«, welcher Sprache ausser der holländischen er mächtig sei? Ich spreche alle Sprachen des Archipels: Malayisch, Javanisch, Buginesisch, Chinesisch u. s. w., war seine Antwort. Einen colossalen Respect bekam ich vor diesem polyglotten Krankenwärter, der leider nicht lange anhielt. Es war eben eine Aufschneiderei im grossen Stile; in der chinesischen Sprache wusste er nur von 1-10 zu zählen; von der buginesischen Sprache wusste er ungefähr ein Dutzend Worte, ebenso viel von der javanischen Sprache, und nur in der malayischen hatte er die Wahl von 2-300 Wörtern.
Eine ähnliche Grosssprecherei mit etwas komischem Beigeschmack hörte ich acht Jahre später in Wien. Ich war auf meiner Urlaubsreise in Wien und stand mit einigen Philologen und der Frau eines indischen Collegen im Gespräch über indische Sprachen. Auf die Frage des einen Philologen, welche Sprachen auf den Inseln des indischen Archipels gesprochen würden, antwortete ich: »Es giebt zahlreiche Dialekte des polynesischen Sprachstammes, welche unter einander grösseren Unterschied zeigen als z. B. Deutsch und Englisch. (1000 Jahr v. Ch. ungefähr schieden die Malayer in westliche, von Madagascar bis zu den Philippinen, und in östliche Malayer, welchen der Name Polynesier heutzutage am häufigsten gegeben wird und die Inseln Süd-Australiens bis zu den Sandwichinseln bewohnen.) Malayer, Javanen und Sundanesen (in Malakka und Sumatra ist die ursprüngliche malayische Sprache am reinsten erhalten) können sich vielleicht mit einander verständigen, aber mit den Buginesen, Battakern, Dajakern, Alfuren u. s. w. ist dies beinahe unmöglich. Aber an allen Küsten des indischen Archipels wird malayisch gesprochen, welches von den malayischen Handelsleuten dahin verbreitet wurde; ja oft wird man im Innern aller Inseln hin und wieder einen Eingeborenen finden, der die malayische Sprache wenigstens etwas versteht. Es spielt also die malayische Sprache in Indien dieselbe Rolle wie die französische in Europa. Alle Europäer also, welche in Java u. s. w. sich aufhalten, müssen sich diese Sprache aneignen und wäre es nur, um mit den Bedienten sprechen zu können. Jedoch nur die wenigsten Europäer haben diese Sprache grammatikalisch gelernt. Wenn wir von wenigen Beamten und einzelnen Officieren absehen, so ist das Malayische, welches von den Europäern im indischen Archipel gesprochen wird, ein wahres Kauderwelsch, welches unter dem Namen Casernenmalayisch bekannt ist. Es werden nämlich die einzelnen Worte ohne Conjugation und ohne Declination, ohne Präfixe und ohne Suffixe hinter einander ausgesprochen, und dann spricht man von einem »sprechen« der malayischen Sprache!! Es ist natürlich nur ein Kauderwelsch.« »Ach!« fiel mir diese Dame ins Wort, »Sie sprechen natürlich nur von sich selbst; =Ich= bin der malayischen Sprache vollkommen mächtig!«
Von den zwei Handlangern war der eine ein Javane, der andere ein Malaye; die vier Sträflinge waren wegen Diebstahl und Mord (zwei von ihnen) aus ihrer Heimath (Java und Sumatra) verbannt und verurtheilt zu »Zwangsarbeit« und waren dem Marodensaal zu Teweh zugewiesen, Kulidienste zu leisten. Der eine der beiden »Handlangers« war ein langer, magerer Malaye, Namens Amat. Eines Tages untersuchte ich den Inhalt der »Feldmedicin-Kiste« und sah eine grosse viereckige Flasche mit einer Flüssigkeit gefüllt, ohne Etiquette. Dem Geruch nach zu urtheilen, hielt ich es für Chloralhydrat in Lösung, und bevor ich es sehen und verhindern konnte, hatte mein Amat zur Probe einen Schluck genommen. Ich wusste nicht, was in der Flasche war; ich wusste nicht, wieviel er davon getrunken hatte; die Grösse der Flasche liess zwar nicht an ein schweres Gift denken, aber ich befahl ihm, sofort den Finger in den Hals zu stecken, und er erbrach eine Flüssigkeit von demselben Geruch als dem in der Flasche. Theilweise war ich schon um das Schicksal meines dienstbeflissenen Krankenwärters beruhigt, als er in auffallender Weise fröhlich und ausgelassen wurde.
Ich kann für diese komische Scene kaum Worte finden. Ein langer, magerer Malaye, welcher betrunken zu sein scheint!! Auf dieses Stadium excitationis folgte bald die narcotische Wirkung, und nachdem er einige Stunden lang fest geschlafen hatte, war sein Chloralhydrat-Rausch geschwunden.
Diese Unvorsichtigkeit im Untersuchen der Medicamente ist mir in den spätern Jahren noch oft vorgekommen. Die Medicinen sind in Indien theuer, so dass sie von den Patienten aufgehoben werden, wenn sie momentan nicht nöthig sind. Sie schreiben z. B. auf das Fläschchen »gegen Husten« oder »gegen Nervosität« u. s. w., um sie eventuell später wieder benutzen zu können. Nun geschieht es manchmal, dass die Signatur abgefallen ist; nun, dann wird der behandelnde Arzt einfach ersucht zu kosten und zu sagen, was für eine Medicin dies sei!! Ich weigerte zu allen Zeiten, dieses zu thun, wenn ich auch keinen Augenblick fürchtete, von einigen Tropfen vergiftet zu werden, welche aus einem gewöhnlichen Medicinfläschchen getrunken werden. Einmal hätte eine solche Probe für mich verhängnissvoll werden können. Im Jahre 1890 lebte ich in Tjilatjap (Süden von Java) und hatte nur ein Marodenzimmer, obwohl sich anschliessend die Räume eines alten Spitals befanden. Auf der benachbarten Insel Nussah Gambangan lebte ein europäischer Aufseher des Leuchtthurms, welcher damals bei einem Ritte bergabwärts über den Kopf seines ungarischen Sattels gefallen war. Die Haut hing in Fetzen auf den Schenkeln herab. In einer Sänfte wurde er zu mir gebracht, und ich bot ihm ein Zimmer des alten Spitals zum Aufenthalt für ihn und seine Familie an. Die Beköstigung sollte seine Frau und seine Tochter auf sich nehmen. Dankbar nahm er das Anerbieten an, erfreute sich dadurch einer sorgsamen Pflege und die Heilung ging hübsch von Statten. Eines Tages stand ich in der Apotheke, als seine Tochter mit einem Glas Milch zu mir kam und mich ersuchte, die Milch zu kosten und ihr zu sagen, »ob und was der Milch fehle«, weil ihrem Vater bei dem Gebrauch derselben übel geworden sei. Ueberrascht sah sie mich an, als ich ihr zur Antwort gab: »Wenn Ihr Vater von der Milch übel wurde, brauche ich es doch nicht zu werden«. Kaum hatte sie mich darauf ersucht, »die Milch also chemisch zu untersuchen,« als ein fürchterlicher Schrei um Hülfe zu meinen Ohren drang. Ich eilte dahin und fand ihren Vater in einem fürchterlichen Zustande. Ich habe im Jahre 1873 in Ungarn und auch späterhin zahlreiche Cholerapatienten gesehen, aber keiner derselben zeigte so heftigen Krampf der Gedärme als dieser Patient. Erbrochen hatte er schon viel, wie ich sah, und ich dachte also sofort an eine Vergiftung mit Warângan (= Arsenik). Bei Vergiftungen mit mineralischen Giften wird man in Java am besten thun, in erster Reihe an Arsenikpräparate zu denken, weil dieses Gift täglich und in jeder Marktbude zu bekommen ist. Die Dolche der Javanen (Kris genannt), werden nämlich mit einer Lösung von Warângan und Citronensaft u. s. w. bearbeitet, um der Klinge ein schön damascirtes Aussehen zu geben.
Auch unser Patient war mit Warângan von einem der Sträflinge vergiftet, welcher täglich von seiner Wohnung die Milch gebracht hatte. Es gelang mir, ihn auch von dieser Heimsuchung zu befreien. Das Schicksal verfolgte ihn jedoch ohne Erbarmen. Er ging kurz darauf nach Samarang, wo er von einem tollen Hunde gebissen wurde. Damals existirte in Batavia noch nicht das Pasteur’sche Institut; diese unglücklichen Patienten mussten damals nach Saigon gehen; auch er that dies, kehrte zurück, starb jedoch kurz darauf an Lyssa humana.
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Der Bestand meiner Krankenwärter war also sieben Mann, obzwar ich kaum jemals sieben Patienten zu gleicher Zeit im Marodenzimmer hatte; dieses hatte jedoch seine guten Ursachen. Das Fort war eben durch seine isolirte Lage gezwungen, immer kriegsbereit zu sein; die Sträflinge mussten im gegebenen Falle Kulidienste leisten, d. h. bei einer etwaigen Expedition Feldverbandskisten und Feldmedicinkisten tragen, die Tragbahre für Verwundete u. s. w. führen; sie mussten Lebensmittel und Trinkwasser mitnehmen oder mit dem Messer in der Hand einen Weg in den Urwald bahnen u. s. w. In Friedenszeiten mussten sie natürlich das gröbste Werk im Spital verrichten, die Aborte reinigen, die Wäsche der Patienten waschen, die Krankenkost in der Küche bereiten u. s. w. Natürlich war es für mich schwer, für sie immer Beschäftigung zu haben, und darum benützte ich sie gegen eine kleine geldliche Entschädigung auch zu Privatzwecken, obzwar dies ausdrücklich verboten war. Dies gab einmal Anlass zu einer Anklage gegen mich und zwar von Seiten des Commandanten des Forts. Ich vertheidigte mich in der erwähnten Weise und fügte hinzu, dass ich es nicht aus Gewinnsucht thäte, weil ich die Sträflinge bezahle, dass ich diese Leute lieber für mich arbeiten lassen müsse, als sie müssig im Fort herumgehen zu lassen, dass sie mir nur bei wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar beim Ausstopfen der Thiere, behülflich seien, und dass unter den herrschenden Verhältnissen ich keinen Bürger miethen könnte, weil eben auf ganz Teweh kein Bedienter oder Kuli zu bekommen wäre. Der Commandant des Forts bekam seine Nase und mir wurde ausdrücklich von Bandjermasing erlaubt, die Sträflinge in ihrer freien Zeit zu wissenschaftlichen Arbeiten gebrauchen zu können. Ich kann nicht umhin, den Heroismus eines solchen Sträflings zu besprechen, als er mir half, das Zibeth aus einer Zibethkatze (Viverra Zibetha) herauszunehmen. Er sollte die Katze bei den vier Füssen so halten, dass ich das Zibeth aus der Drüse, welche sie zwischen den hintern Extremitäten hat, mit dem beinernen Löffel herausdrücken konnte. Er hielt jedoch die Katze in einer so eigenthümlichen Weise, dass ich darauf aufmerksam wurde; ich blickte auf seine Hand und -- +die Katze hatte sich in seinen Finger verbissen, ohne dass er auch nur mit der Miene gezuckt hatte oder auch nur eine Schmerzensäusserung von sich gab+. Sofort befreite ich ihn aus seiner erzwungenen Haltung, indem ich die Katze mit starkem Griff im Nacken fasste, und -- legte einen silbernen Gulden in seine Hand. Da diese Sträflinge nebst der Kost nur 4 Kreuzer täglich bekommen, so ist ein solcher Nebenverdienst immerhin für sie sehr erwünscht. Zu einer ähnlichen heroischen That habe ich später einen europäischen Krankenwärter, mit dem Range eines Feldwebels, entschlossen gesehen. Ich bekam nämlich vier Jahre später in Batavia einen Soldaten in Behandlung, der Monate vorher von einem Pferde im Rücken gebissen war, und dessen Wunde zu gross war, um heilen zu können; ich entschloss mich zur Transplantation und entnahm ein Stück Haut zu diesem Zwecke aus dem Arme eines Sträflings, weil der Patient, ein Europäer, sich nicht dazu hergeben wollte und gab ihm (dem Sträfling) einen Reichsthaler (2 Fl. 50) dafür. Den andern Tag ersuchte mich der Sergeant, ihn und nicht den Sträfling den Reichsthaler verdienen zu lassen, wenn ich wieder ein Stückchen Haut nöthig hätte.
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Schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Muarah Teweh kam der erste Dajaker in meine Behandlung. Ich stand an der Palissade und sah einen Mann einen Kahn verlassen und das sanft abfallende Ufer heransteigen. Der »Commandant der Wacht«, ein Feldwebel, nahm ihm sein Messer (Mandau) ab, liess ihn warten und meldete ihn bei mir an. Es war ein Mann mittlerer Grösse, von leicht brauner Hautfarbe, schwarzen Haaren, braunen Augen, grossen Löchern in den Ohrläppchen und war nur bekleidet mit dem Djawat, das ist einem Gürtel aus Baumbast, welcher mit einer schmalen Schürze vom Bauche herabhing; er sprach etwas Malayisch, und so hatte ich keinen Dolmetsch nöthig, um mich mit ihm zu verständigen. Am rechten Ufer des Baritu, gegenüber der Mündung der Teweh (etwas südlich), läge sein Kampong, von welchem sein Vater Häuptling sei; dieser sei schon seit längerer Zeit krank, obwohl die Bassirs und die Bliams ihre Opfer an den Radja-ontong schon zu wiederholten Malen gebracht hatten, und leide so fürchterlich, dass er käme, meine Hülfe anzurufen, weil er gehört habe, dass ich so ein gewaltiger Bassir sei. Nun, wenn ich damals gewusst hätte, dass ein solcher Bassir nicht nur ein Priester, Zauberer und Teufelsbeschwörer, sondern auch ein publiker Paederast sei, ich hätte mich für diese Titulatur bedankt. Seine Absicht war jedoch gut, denn als ich ihn frug, was denn ein Bassir sei, antwortete er: »So was, als ein Jesus!!?!« Wie ich später erfuhr, hatte er kurz vorher einen Soldaten vor einem Christusbilde beten gesehen, und auf seine Frage, wer dies sei, die Antwort erhalten: »Tuwan-Allah-Jesus«. Aus seiner weiteren Mittheilung entnahm ich, dass es sich bei seinem Vater um einen Tumor vesicae handle mit consecutiver Retentio urinae. Mit Nelaton-Katheter und Pravatz’scher Spritze ausgerüstet und begleitet von dem europäischen Krankenwärter, dem langen Amat und zwei Sträflingen, bestieg ich den Kahn des Dajakers. Der Fluss ist bei Teweh ungefähr 400 Meter breit; da aber unser Ziel stromabwärts lag, erreichten wir bald den Kampong, ohne dass die Ruderer thätig waren; der Strom riss uns einfach mit. Ans Ufer gekommen, sah ich vor mir ein langes Haus, welches auf Pfählen von ungefähr 1½ Meter stand. Eine breite Leiter stand in der Mitte. Ich stieg mit meinem Gefolge hinauf und fand sofort im Entrée den Patienten auf dem Boden liegen. Im Hintergrund tanzte ein Bassir vor einem Altar, und zur Seite des Kampongs sassen die Musikanten mit der Tote (eine Art Panpfeife), mit Pauken, malayischen Violinen (râbab genannt) und einer Art Dudelsack aus der Schale der Labufrucht, der sie wehmüthige Klänge zu entlocken wussten. Als ich mich niederbückte, um den Patienten zu untersuchen, begann der Bassir vor dem Altar hin und her zu trippeln, wobei er die halb ausgestreckten Arme schüttelte, welche zahlreiche kupferne grosse Ringe trugen. Nicht unharmonisch fiel draussen der Chor der Pauken und der anderen Instrumente ein, und die Beschwörungen der Bliams übertönten Alles, die Tote, die râbab, den Glockenschall der Ringe u. s. w. Die Untersuchung bestätigte mein Vermuthen, dass ein Tumor die Urethra unwegsam machte, so dass ich palliativ die Punctio vesicae machen wollte. Ich theilte der Umgebung mit, dass ein Stich in die Blase sehr viel Erleichterung in seine Schmerzen bringen würde, und Alle, wie auch der Patient, gaben zu dieser kleinen Operation die Zustimmung. Kaum hatte ich jedoch den Troicart auf den Unterbauch angesetzt, als der Patient und seine Frau einen leisen Schrei ausstiessen, seine Frau rief, die Krankenwärter mich erfassten, von dem Patienten hinwegrissen, mich zur Thüre und die Leiter hinabdrängten und am Ufer mich sofort den Kahn zu besteigen ersuchten. So rasch folgte eins auf das andere, dass ich keine Zeit zum Fragen hatte, was dies bedeute. Bevor ich jedoch in den Kahn stieg, um was mich die Krankenwärter ersuchten, sah ich mich noch einmal um und sah nichts, was die Aufregung meines Gefolges erklären konnte. Die Spieler schlugen ihre Pauken, die Mädchen bliesen ihre Tote, dazwischen hörte ich manche Seufzer des Patienten, gemischt mit den Worten seiner Frau; unter dem Kampong, zwischen den Pfählen, grunzten die Schweine, suchten ruhig in den Abfällen, welche zwischen den Latten des Hausflurs herabfielen, einen Leckerbissen, und dasselbe thaten die Hühner. Ich frug also meine Krankenwärter, was dieser Rückzug bedeute, der mehr eine übereilte Flucht, als ein ehrenhafter Rückzug war. »Haben Sie nicht »Amok« rufen gehört?« bekam ich zur Antwort. Dies war nicht der Fall. Der Patient hatte beim Ansehen des Troicart einen unwillkürlichen Angstschrei ausgestossen, weil er sich vor dem Stiche fürchtete; seine Frau hatte ebenfalls unwillkürlich und reflectorisch dasselbe gethan; meine Krankenwärter hielten diese zwei Schreie für »Amok«, ergriffen die Flucht und zogen mich mit, der keine Ahnung von der Gefahr hatte, welche mir in der Einbildung dieser Helden (?) drohte.
Ich hatte nämlich schon früher vom »Amok rufen« hin und wieder sprechen gehört. Nach dieser Zeit hatte ich einige Male Gelegenheit, mit dieser Sache mich zu beschäftigen. In der ursprünglichen Bedeutung des Wortes (amoq = Mord) hört man es beinahe jeden Tag gebrauchen; wenn zwei Soldaten raufen und einer von ihnen zieht das Messer, wird durch Schlagen auf den Holzblock in dem Wachthause die Polizei herbeigerufen, und dann spricht man von Amok; ein eifersüchtiger Ehemann prügelt seine untreue Frau, welche so fürchterlich schreit, dass wieder von Amok gesprochen wird u. s. w. Aber das eigentliche »Amok machen« bedeutet eine Mordmanie: Der betreffende Malaye läuft wie ein Rasender durch die Strassen mit einer Waffe in der Hand (in der Regel mit einem Kris) und stösst jedem, der ihm entgegenkommt, Alt oder Jung, Mann oder Frau, Feind oder Freund, das Messer in die Brust, ohne sich weiter aufzuhalten, oder nach seinem Opfer sich umzusehen, so lange, bis er von der herbeigeeilten Menschenmenge erstochen oder auf andere Weise unschädlich gemacht ist. Allgemein wird behauptet, dass dieses unter dem Einfluss des Opiumrauchens geschehe. Der eine Fall, welchen ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, betraf einen Mann von ungefähr 30 Jahren. Seine Verwandten erzählten mir, dass er schon eine Woche vorher am Fieber gelitten habe und dass ihn offenbar der Teufel (setan) gepackt hätte, weil er immer ein ruhiger, gelassener und ordnungsliebender Mann gewesen sei. Da er an dem bewussten Tage kurz vor seinem Anfall von Raserei hohe Temperatur hatte (»er war glühend heiss«, erzählte mir seine Frau), so war zweifellos das Fieberdelirium der Anlass zu diesem »Amok machen«. Man sieht in diesem »Amok machen« oft einen eigenthümlichen Selbstmordversuch, weil sie beinahe immer ermordet werden; Menschen also, welche des Lebens überdrüssig sind, würden Amok laufen, um so ihr Ziel zu erreichen, d. h. ohne eigentlich Hand an sich zu legen, von der Last des Lebens befreit zu werden, und doch der Freuden des Himmels theilhaftig zu werden, welche den Selbstmördern versagt bleiben. Oft wird behauptet, dass Rachsucht das Motiv der »Amokmacher« sei, dass der Beleidigte durch Opiumrauchen sich den Muth verschaffe, gerade wie die Europäer durch Schnaps dies thun, und dann mit seinem Feinde noch andere unschuldige Opfer treffe. Wenn ich noch hinzufüge, dass bei Frauen das Amok machen niemals vorkommt, dass Rasch es für eine Mania transitoria auf epileptischer Basis hält, so habe ich alles mitgetheilt, was mir hierüber bekannt wurde.
Wie gesagt, bestand das »Amokrufen« in unserem Falle nur in der Phantasie meines Gefolges; wenigstens niemals habe ich gehört, dass unter den Dajakern diese Volksunsitte herrsche, obzwar ich 3½ Jahr unter ihnen gelebt habe, und alle Fälle, welche mir bekannt wurden, waren von echten Malayen (Buginesen oder Maduresen u. s. w.) ausgeführt. Vielleicht glaubte mein malayischer Krankenwärter nur, dass es am sichersten sei, sobald als möglich aus diesem Kampong wegzukommen, und hat also zu diesem Mittel seine Zuflucht genommen. Er war zu dieser Furcht gewissermaassen gerechtfertigt, weil wir damals jede Woche, einmal von dem Residenten, das zweite Mal vom Militär-Commandanten, die Warnung erhielten, vorsichtig zu sein. Im Jahre 1873 hatte der damalige Häuptling Mangkosari den Argwohn der Holländischen Regierung so erregt, dass sie dem damaligen Militär-Commandanten von Teweh den Auftrag gab, ihn dafür zu tadeln u. s. w. Dieser liess ihn ins Fort kommen und zeigte eine solche Vertrautheit mit den verrätherischen Plänen dieses Häuptlings, dass er für die Sicherheit seiner Person bange wurde, über die Palissade hinweg ins Freie sprang und sich nie mehr sehen liess. Es wurde also ein anderer zum Häuptling der »Boven Dusson« ernannt, und zwar sein früherer Schreiber Namens Dakop, welcher ein Malaye war. Drei Jahre hat auf diese Weise Mangkosari im Gebirge gelebt, und erst Anfang 1876 war er zurückgekommen und hat die Holländische Regierung um Vergebung gebeten. Nun hatte Dakop sowohl als Malaye und Mohammedaner, als auch durch jeden Mangel einer ausgesprochenen Individualität absolut keinen Einfluss in dieser Gegend. Mangkosari dagegen war ein Dajaker von Geburt und Religion, war ein Neffe des Antasari, welcher im Jahre 1859 mit Suropatti in dem Aufstand gegen die Holländer eine grosse Rolle gespielt hat, er war schlau, intelligent, muthig und reich, und doch ... hat ihn die damalige indische Regierung nicht in sein früheres Amt eingesetzt; sie hat ihn aber auch nicht nach Bandjermasing kommen lassen, um sich zu rechtfertigen für sein früher verrätherisches Treiben, sie hat ihn auch nicht gefangen nehmen lassen; was denn? sie gab ihm Pardon und liess ihn »als Bürger und als Kaufmann« unter einem Häuptling leben, welcher früher sein Schreiber war!! Welcher Missgriff einer Regierung!
Dies alles war die Ursache, dass wir jede Woche gewarnt wurden, vorsichtig zu sein, weil Mangkosari »ein solcher verrätherischer Mann« sei. Was sollten solche warnenden Worte für mich jedoch bedeuten? Sollte ich niemals das Fort verlassen und höchstens vor der Palissade und auf der Schiessstätte spazieren gehen, welche sich im Norden an die Festung anschloss? Sollte ich +ausserhalb+ des Forts niemandem meine ärztliche Hülfe leisten? Das eine wäre zu langweilig, das andere inhuman gewesen. Nebstdem erfreute ich mich der Freundschaft (?) des Mangkosari, dem ich viel verdankte; er führte mich in die Religion und Liturgie der Dajaker ein; ihm verdankte ich ausführlichen Bericht über das Leben und Treiben der Waldmenschen (Olo-Ott); ja, er erklärte sich s. Z. selbst bereit, mir das Skelett oder die Leiche eines +Schwanz+menschen zu besorgen, wenn es mir gelänge, ihm volle Begnadigung zu erwirken, so dass er wieder Districts-Häuptling werden würde. Ich wandte mich auch an den Residenten, als er im Jahre 1878 in Teweh war, aber bekam zur Antwort: Mit solchen Sachen bemühen wir uns nicht. In dieser Frage gab ich mir damals viel Mühe, ohne zu einem Resultate in positiver oder negativer Richtung zu gelangen. Jedermann behauptete nämlich deren Existenz; ich bot darum 1000 Fl. für das Skelett eines solchen Menschen; ein Chinese bot sich mir an, ein solches zu holen, wenn ich ihm einen Reisevorschuss von 3-500 Fl. geben wollte.
Dazu konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich mit mehr oder weniger Recht fürchten musste, dass der Chinese nicht weiter als bis um die nächste Ecke des Stromes fahre, dort einige Tage liegen bleiben würde und dann mit einer oder der anderen fabelhaften Erzählung, aber ohne das gewünschte Skelett zurückkommen würde. Das Anerbieten Mangkosaris jedoch war so bestimmt, dass ich unmöglich die Existenz in das Reich der Fabel verweisen konnte. Ich habe jedoch keinen solchen Schwanzmenschen gesehen; ich darf also von der Existenz dieser Menschen als Thatsache nicht sprechen. Nach allen gewonnenen Berichten sollten diese Menschen zwischen dem Quellengebiet des Baritu und dem des Mahakamflusses wohnen und ein Rudiment von einem Schwanze haben, der ungefähr 2-3 cm lang sei, so dass sie, wenn sie auf dem Boden hocken, eine Grube in dem sandigen Boden zurücklassen. +Ich muss jedoch bemerken, dass nach der Ansicht einiger Bewohner von Teweh die Schwanzmenschen -- ein Schimpfwort für die primitiven Menschen des genannten Gebietes sein sollte.+[6] Der Zufall kann manchmal auch ein Schalk sein. Zur Zeit, als ich mich mit dieser Frage beschäftigte, kam ein javanischer Soldat zur Reengagirung zu mir. Beim Assentiren sah ich gerade am Ende der Wirbelsäule einen -- Schwanz (?). Ich rief schon mein heureka; als ich jedoch den Zusammenhang des Schwanzes (?) mit der Wirbelsäule untersuchte, sah ich, dass es nur ein cornu cutaneum (= Hauthorn) war, welches mit dem Steissbein in gar keiner Verbindung war.
4. Capitel.
Fischschuppen-Krankheit -- Tigerschlange -- Schlangenbeschwörer -- Gibbon -- Kentering -- Beri-Beri -- Simulanten beim Militär -- Mohammedanisches Neujahr -- Tochter von Mangkosari -- Kopfjagd -- Pfeilgift -- Genesungsfest -- Gesundes Essen -- Früchte -- Indische Haustoilette -- Wüthende Haushälterin -- Dysenterie -- Gewissenlose Beamte -- Missionare.
Eines Tages stand ich vor der Palissade und liess meinen Blick über die Ufer des Baritu schweifen; das Wasser war sehr niedrig; 15 Meter war der Fluss seit früh gefallen; die Schildwacht hatte ihre Aufmerksamkeit vielleicht mehr den Frauen gewidmet, welche in dem schwimmenden Badehause (zugleich Abort) sich befanden, als dem Badehause selbst; endlich riss ein eigenthümliches Knarren ihn aus dem Träumen. Das Badehaus war nämlich mit grossen Rottangs an dem Ufer festgebunden, welche nach dem jeweiligen Stande des Flusses kürzer oder länger angezogen werden mussten; das Wasser war schon so tief gefallen, dass das schwimmende Badehaus mit dem einen Rande am schräg ablaufenden Ufer aufruhte und dadurch eine schiefe Stellung bekam. Sofort schlug die Schildwacht den in der Nähe hängenden Holzblock, einige Soldaten eilten herbei, und es gelang ihnen, das schwimmende Haus vor dem Einsturz zu retten, indem sie die Rottangs vom Ufer lösten und durch einen kräftigen Stoss das Badehaus gänzlich ins Wasser brachten. In finsteren Nächten hat die Schildwacht nur dieses eigenthümliche Geräusch zum Wegweiser, ob unerwartet das Wasser gefallen sei und das Gebäude bedrohe; denn die Schildwacht muss in der Nacht von den Palissaden geschützt sein; wie leicht könnte es sonst geschehen, dass ein oder der andere Dajaker sich heranschliche, um sich ihren Kopf zu holen?
Den Soldaten war es also gelungen, das Badehaus den Soldaten zu erhalten, die Schildwacht ging wieder in schläfrigem Schritt auf und ab, als sie plötzlich in der Tiefe des Ufers einen Kahn anlegen sah und mich darauf aufmerksam machte. Ein Riese stieg nämlich aus dem Kahne, der nur aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestand. Bald folgten noch zwei Kähne mit zwei anderen Dajakschen Männern. Trotz der Tiefe des Ufers war seine Grösse so auffallend, dass ich die zwei andern Officiere zur Palissade rief; je höher er stieg und je näher er kam, desto mehr fiel mir neben seiner Grösse sein zerstörtes Wesen auf. Endlich erreichte er das Fort und ersuchte, mit dem Doctor sprechen zu können. Nachdem sie die Mandaus (Kopfmesser) abgelegt hatten und ich die Erlaubniss gegeben hatte, kamen sie zu mir, und ein eigenthümliches Gespräch begann; die drei Männer waren aus verschiedenen Gegenden gekommen und sprachen also drei verschiedene Dialekte; der Eine sprach den von Teweh, war jedoch nicht des Malayischen mächtig; ich liess also erst einen Bewohner von dem gegenüberliegenden Kampong holen, der beide Sprachen beherrschte, und ich hatte unterdessen Zeit, den Riesen näher zu beobachten. Zu Ehren seines Besuches hatte er ein Kopftuch angelegt, unter welchem jedoch die langen schwarzen ungekräuselten dicken Haare herabhingen; es bestand aus Baumbast, welches gefärbt war; nebstdem hatte er aus demselben Stoffe ein Röckchen ohne Aermel und ohne Knöpfe, welches also die Brust nicht bedeckte, und dann hatte er seinen Djawat (den Gürtel); das war also seine Galakleidung; was mich jedoch neben seinen zerstörten Gesichtszügen am meisten interessirte, war die Ichthyosis, d. h. der ganze Körper war mit Ausnahme des Gesichts, der Hände und Fusssohlen mit Schuppen bedeckt.
Wie ich später sah, ist beinahe ein Viertel der männlichen Bevölkerung mit dieser Hautkrankheit behaftet (von den Frauen finde ich in meinen Reisebriefen aus damaliger Zeit nichts diesbezügliches erwähnt). Auch gelang es mir niemals, über die Entstehungsursache dieser Fischschuppenkrankheit etwas zu erfahren; natürlich wurden die Lues, die Unreinlichkeit, der Genuss von Schweinefleisch u. s. w. in der Aetiologie dieser Krankheit genannt, ohne dass ich auch nur die geringste Bestätigung dafür finden konnte. Auch in Europa war mir ja eine Familie bekannt, wo die Fischschuppenkrankheit (= Ichthyosis) bei drei Brüdern vorkam (der vierte war davon befreit geblieben), und zwar ohne bekannte Ursache, die Eltern waren nämlich ichthyosisfrei. (Kaposi beschreibt mehrere Formen der Ichthyosis und nennt sie eine hereditäre Krankheit.) Mir gelang es niemals, eine Ursache für die Ichthyosis der Dajaker zu finden, und sie war so zahlreich, dass ich sie für die Dajaker eine endemische Volkskrankheit nennen musste.
Endlich kam der letzte Dolmetsch, und nach langer Debatte erfuhr ich erst das Folgende: Der lange Dajaker sei von der Quelle der Teweh zu mir gekommen, weil er an blutiger Diarrhoe leide; diese Krankheit hätte sich langsam und allmählich entwickelt, nachdem er vor acht Monaten von einer Tigerschlange (Python) attaquirt worden sei. Er ging nämlich um diese Zeit im Walde und hatte nur einen grossen Korb auf seinem Rücken; plötzlich fühlte er etwas Nasskaltes auf dem Rücken, er griff dahin, und in diesem Augenblicke schlang sich eine Sawahschlange viermal um seinen Thorax. Die Elasticität des Korbes rettete ihn vor einem sichern Tode; denn sie gab ihm Gelegenheit und Zeit, unter den Windungen der Tigerschlange sein Messer zu ziehen und mit raschen und kräftigen Zügen die Schlange -- zu durchsägen. Diese Riesenschlangen, welche in Indien fälschlich für Boas gehalten werden, erreichen oft eine ungeheure Länge. In Buntok (zwischen Marabahan und Teweh) hatte eine Python den Stall eines Dajakers überfallen und war mit einer Gans davon geeilt. Durch das Geschnatter der übrigen Gänse aufmerksam gemacht, eilte er hinaus, und es gelang ihm noch, mit seinem Mandau ihr den Kopf abzuschlagen. Als ich den folgenden Tag ins Spital ging, sah ich den Rumpf auf der Strasse liegen; er war 9 Schritte, also mehr als 6 Meter lang; man will selbst Sawahschlangen von 8 Meter Länge gesehen haben. Diese Gans hatte ein sehr trauriges Schicksal, denn allgemein wird in Indien angerathen, Gänse in seinem Garten zu halten, weil sie durch ihr Geschnatter die Schlangen vertreiben sollten, und gerade eine Gans war es, welche sich die hungrige Python zu ihrem Opfer auserlesen hatte. Das beste Mittel jedoch, die Schlangen aus der Umgebung der Häuser fern zu halten, besteht darin, dass man rings um das Haus alles Gras ausrodet; die Schlangen lieben nicht die steinigen Wege, und wenn auch eine sich auf einen solchen Weg verirrt, so sieht man sie und läuft nicht Gefahr, sie zu treten und von ihr gebissen zu werden. Dies ist sehr wichtig; denn keine Schlange greift den Menschen an, und jede Schlange geht dem Menschen aus dem Wege, wenn er sie nicht tritt oder angreift. Man kann +neben+ der grössten und giftigsten Schlange gehen, sie beobachten u. s. w., man bleibt unbehelligt, so lange man sie nur in Ruhe lässt. Ich habe zahlreiche Patienten behandelt, welche von giftigen und ungiftigen Schlangen gebissen waren. Auf mich machte es den Eindruck, dass der Biss einer giftigen Schlange nicht absolut tödtlich sei, und dass es allein davon abhänge, ob das Gift direct in eine Vene eingespritzt werde oder nur das subcutane Gewebe reize; im letzten Falle entsteht nur eine Entzündung mit consecutivem Exsudat, welches mechanisch die Aufnahme des Giftes in die Blutcirculation erschwert oder unmöglich macht. Damit ist natürlich der Process localisirt. Wenn jedoch der Giftzahn seinen Inhalt direct in das Lumen einer Vene entleert, so wird der tödtliche Ausgang nicht lange auf sich warten lassen; wenn nur eine Arrosion eines Blutgefässes ursprünglich stattgefunden hat, welche erst secundär die Wand einer kleinen Vene öffnet und den Uebergang des Giftes in den Blutstrom ermöglicht, ist natürlich noch nach Stunden und selbst nach 1-2 Tagen der Tod durch einen Schlangenbiss möglich. Da a priori diese Verhältnisse nicht erkannt werden können, ist es darum rathsam, sofort nach dem Bisse einer giftigen Schlange die Extremitäten abzuschnüren und die Wunde auszubrennen. (Compressen mit Ammoniak haben natürlich gegen die Aufnahme des Giftes ebenso wenig Erfolg als der inwendige Gebrauch desselben.) Ein Unicum in dieser Hinsicht sah ich im Jahre 1880 in Bantam (Süd-Westen von Java). Eine Frau sah ich mit einem exquisit komischen Stumpf des linken Unterschenkels und Contractur des Kniegelenkes. Auf meine Frage, wie sie dazu gekommen sei, erzählte sie mir, dass sie vor 13 Monaten von einer Schlange in den Fuss gebissen wurde, dass sie die Wunde (landesüblich) mit einer Kupfermünze bedeckt habe, welche wie ein Sieb durchlöchert war, dass die Wunde jedoch nicht heilte, sondern immer grösser und grösser wurde, und dass zuletzt der Fuss abgefallen sei. Da sie die ganze Zeit den Unterschenkel in gebeugter Stellung gehalten hatte, so hatte sich nebstdem die Contractur des Kniegelenkes entwickelt.
Auch hatte ich einmal Gelegenheit, einen Schlangenbeschwörer zu sehen und zu sprechen. Es war in Tjilaljap, wo ein Javane mit zwei lebenden, 2-3 Meter grossen Schlangen zu mir kam, welche sich um seinen Hals und Arme schlangen; natürlich erzählte er mir, dass er eine Medicin (obat) eingenommen habe, welche ihn gegen die Folgen eines Schlangenbisses unempfindlich gemacht habe. Als ich jedoch ihn frug, ob er vielleicht die Giftzähne ausgebrochen hätte und darum den Biss seiner Schlangen nicht fürchte, lächelte er mit verschmitzten Augen und bot sie mir zum Kaufe an. Da ich eine unbenutzte Volière aus Draht in meinem Garten stehen hatte, entsprach ich seinem Wunsche und liess sie dahin bringen. Es war an einem Samstag, an welchem Tage die meisten Männer Abends in den Club gehen, um Whist, L’hombre, Quadrille oder Billard zu spielen. Meine Frau bat mich, diesen Abend das Haus nicht zu verlassen, weil sie der Stärke des Drahtnetzes nicht vertraute. Als ich jedoch bei meiner Absicht verblieb, schloss sie alle Thüren und Fenster des Hauses sofort nach meinem Weggehen und verstopfte überdies noch die Ritzen zwischen Thür und Boden mit Lappen. Um 1 Uhr Nachts kam ich nach Hause, ging sofort nach der Volière, zündete ein Streichhölzchen an, um meine neuen Gefangenen im Schlafe beobachten zu können; ja wohl, »der Vogel war geflogen«, wie ein holländisches Sprichwort sagt. Der Käfig war leer. Im Stillen pries ich natürlich die Vorsichtsmaassregeln, welche meine Frau genommen hatte, und ging zu Bett, ohne meiner Frau etwas von der Flucht der beiden Schlangen zu erzählen. Am andern Morgen rief ich das ganze Personal herbei, den Kutscher, die Bedienten, die Köchin, die Babu (Zofe) und den Gärtner, und theilte ihnen das Vorgefallene mit. An Stelle des Entsetzens und Furcht, was ich von ihnen beim Hören dieser Botschaft erwartete, bekam ich nur die kurze Antwort »baik« = gut, und sie gingen -- die Schlangen suchen. Die grössere der beiden lag ruhig am Eingange des Gartens zu schlafen. Der Kutscher nahm einen grossen Bambus, legte an das eine Ende eine Schlinge und näherte sich vorsichtig der schlafenden Schlange (es war eine Python bivittatus, welche auch von den Chinesen gegessen wird). Ebenso schnell als geschickt zog er die Schlinge über den Kopf, zog das freie Ende des Strickes, welches er in der Hand gehalten hatte, an, und der Flüchtling war wieder gefangen. Mit Hurrah wurde sie in den Garten gebracht, und ich liess sofort das Todesurtheil über den Deserteur aussprechen. Es bleibt eine solche Nachbarschaft immerhin gefährlich, weil ihre Bewegungen geradezu geräuschlos sind. In Teweh bekam ich einen solchen Gast sogar einmal ins Schlafzimmer und ins Bett. Es war nämlich Ueberströmung und die Schlangen der Umgebung flüchteten sich aufs Trockene (hinter dem Garten begann nämlich ein kleines Hügelland). Ich hatte oft Gelegenheit, die Schwimmtüchtigkeit der Schlangen zu bewundern. Sollte diese die Sage von der Existenz der Seeschlangen veranlasst haben? Es war die erste Ueberschwemmung (1878), welche ich in Teweh mitmachte. Ich stand vor dem Fort, wo das Wasser schon 1 Centimeter hoch stand. Da sah ich ruhig und gelassen eine Schlange sich uns nähern. Ich stellte mich zur Seite, und kaum war sie auf dem trockenen Ufer angelangt, als ich mich niederbückte und mit einem kräftigen Schlage meines Stockes ihren Kopf zerschmetterte (??). Die Schlange war ungefähr 2 Meter lang; ich nahm sie auf meinen Stock und schleuderte sie weit in den Fluss; wie überrascht war ich jedoch, als ich sah, dass diese Schlange auf der Oberfläche des Wassers sich erholte, einfach umkehrte und wieder ans Ufer schwamm.
Bei dieser Ueberschwemmung sah ich zahlreiche Schlangen, welche aufs Ufer kamen, um Nahrung zu suchen. Eines Abends jedoch lag ich schon im Bett und las, als von dem Dachraum herab eine Schlange auf das Zelt meines Bettes sich fallen liess und mich mit fragenden Augen anblickte. Ich sprang aus dem Bett, holte ein grosses Hackemesser, und es gelang mir, mit einem Schlage den Kopf abzuschlagen.
Wenn ich auch die Furcht vor den Schlangen auf ihr richtiges Maass zurückführen will, weil keine einzige ungereizt den Menschen angreift, so muss ich doch vor diesen Reptilien warnen, weil man eben zufällig, und ohne es zu beabsichtigen, eine Schlange treten kann. Unser Fort stand auf Pfählen, und bei jeder Ueberströmung krochen kleine Schlangen, welche sich auf das Trockene flüchteten, auf den Pfählen des Hauses hinauf und kamen auf diese Weise auch in die Wohnung; dies waren die gefährlichen Ular (Schlange) welang und die Ular dedor; es sind dies kleine niedliche Schlangen von 20-40 cm; ihr Gift ist aber nach den Mittheilungen der Eingeborenen ausserordentlich lebensgefährlich.
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[Illustration: Fig. 4. Mein erster Hausfreund.]
Sehr bald hatte ich zwei junge Orang-Utangs und zwei Gibbons (Hylobates concolor) domesticirt in meinem Hause; der Orang ist ein Phlegmaticus, der Gibbon ist ein ausgelassener Junge, welcher den ganzen Tag nur auf tolle Streiche denkt und Mann und Frau, Alt und Jung, Thier und Mensch necken oder plagen will. Manchmal wurden seine tollen Streiche lästig, aber noch öfters musste selbst der grösste Hypochonder über ihn lachen. Ich hatte z. B. einen kleinen Honigbär (Ursus malayanus), welcher in einem eisernen Käfig lebte; er war ein gutmüthiges Thier, welcher seinen Reis sehr gerne mit den kleinen Hühnern theilte; wenn jedoch die alte Henne vor dem Käfig angstvoll gluckte, um ihre Jungen vor dem Gastherrn zu warnen, so fand sie kein Gehör bei den Küchlein; aber der kleine Bär hatte Mitleiden mit der besorgten Mutter; er wollte ihr helfen und zwischen den Stäben des Gitters die alte Henne hineinziehen. Die Henne schrie aus Leibeskraft, er liess sie jedoch nicht los und wollte sie mit seiner Pfote hineinzwängen, wodurch oft nicht nur Federn, sondern auch ein Stückchen Haut mitgerissen wurde. Hin und wieder gab ich ihm die Freiheit, und gerne trottelte er dann in die Küche. um bei den Dienstboten ein Stückchen Zucker zu holen. Weh ihm jedoch, wenn mein Gibbon ihn erblickte! Aufrecht kam dieser gelaufen (Fig. 4), die langen Arme hielt er in die Höhe, die Schenkel im Knie ein wenig gebogen und nach Aussen rotirt. So konnte ich meinen Gibbon langsam auf der Erde dem Bären nachlaufen sehen, der die Gefahren, welche ihm drohten, kannte und brummend weglief. Vergebliche Mühe; denn der Gibbon hat ihn sehr bald ereilt, springt ihm auf den Rücken, giebt ihm einen guten Biss und eilt schnell davon, wobei er dann auch seine Hände gebraucht. Der Bär ist wüthend und läuft dem Plaggeiste nach, brummend und heulend. Der Gibbon wartet geduldig ab, bis der Bär nahe ist, springt ihm wieder auf den Rücken, beisst ihn in die Ohren und springt auf den nächsten Baum oder auf einen Pfeiler der Küche. In seiner Wuth klettert ihm der Bär nach, ohne zu ahnen, welche Streiche der Gibbon ersinnt, um ihn noch mehr zu plagen. Ruhig bleibt er auf dem Aste sitzen, blickt auf den Bär, welcher brummend und langsam heraufklettert, mit vornehmer Ruhe herab, und wer, wie ich, seinen Blick kannte, konnte schon aus seinem Zucken der Augenlider wissen, dass der Gibbon verrätherische Pläne schmiedete. Endlich ist der Bär in seiner Nähe, der Affe schwingt sich mit seinen langen Armen, während die Fusse den Ast festhalten, unter dem Bären auf den Stamm des Baumes, lässt seine Füsse los und fasst jetzt die Hinterfüsse des Bären. Wie dieser auch brummt und heult, sein Plaggeist lässt die Füsse nicht los; er zieht so lange, bis das arme Schlachtopfer endlich dem Zuge nachgiebt und, gezogen von dem Affen, endlich den Boden erreicht. Noch einmal beisst ihn der Affe und verschwindet mit Windeseile im Fort.
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Ein grosses Beobachtungsmaterial boten mir meine Hausgenossen aus der Thierwelt, und manches Mittheilenswerthe enthält darüber mein Tagebuch. Soweit es in den Rahmen einer Reisebeschreibung passt, werde ich sie in den folgenden Capiteln mittheilen, und jetzt vorläufig wieder dem Arzt oder vielmehr der Hygiene einige Seiten einräumen.
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Im Allgemeinen tritt in Borneo die trockene Zeit (der Ost-Monsun) viel später ein als auf Java. Im ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dieser Insel (im Jahre 1877) war sogar erst im August die erste regenfreie Woche eingetreten. Mit dem Eintritt der Monsune steht geradezu in einem Causalnexus der Gesundheitszustand von Menschen und Thieren. Welcher Theil des Jahres in den Tropen jedoch der gesunde oder der gesündere zu nennen sei, lässt sich im allgemeinen nicht behaupten; locale Ursachen spielen hierbei eine grosse Rolle. Was Teweh betrifft, so lag es nicht mehr in der Ebene des angespülten Landes. Aber das Bett des Baritu und des Nebenflusses Teweh, an deren Ufern unser Fort stand, war vorherrschend Lehmboden. Ein steter Wechsel des Wasserstandes charakterisirt diesen Strom auch noch in Teweh, wo die Ebbe und Fluth des Meeres nicht mehr merkbar ist; 10-15 Meter Unterschied im Niveaustande war eine häufige Erscheinung. Das Wasser bringt aus den Bergen eine Schlammmasse, welche reich an vegetabilischen und thierischen Stoffen ist, und lagert es (beim Sinken) auf den seicht absteigenden Ufern ab. Diese Schlammmassen sind die Brutstätte der todbringenden Miasmen. In der Regenzeit, wenn es täglich einige Stunden stark regnet, bleibt der Wasserstand hoch und bedeckt die sedimentirten Schlammmassen, und verhindert also gewissermaassen mechanisch das Entstehen der fieberbringenden Plasmodien. Aber auch in der trockenen Zeit können alle Bedingungen zur Existenz der Malaria, Beri-Beri u. s. w. fehlen. Wenn Tage oder Wochen lang, oder selbst Monate lang kein einziger Tropfen Regen fällt, wenn durch den niederen Wasserstand die Ufer Wochen oder Monate lang den versengenden, aber auch bactriciden Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, und wenn selbst grosse Sprünge und Risse in den ausgetrockneten Lehmboden des Flussbettes kommen, auch dann fehlt den Miasmen jede Basis der Entwicklung.[7] In der Uebergangszeit zu beiden Monsunen (Kentering) sind jedoch im Gegentheil alle Factoren zu einer üppigen Entwicklung der Miasmen gegeben: Feuchtigkeit, Wärme und organische Stoffe. Ueberraschend gross war auch der Unterschied des Krankenstandes im Fort zu den verschiedenen Jahreszeiten. Während des Höhepunktes des Ostmonsuns, und noch mehr während des Westmonsuns, hatte ich oft Tage lang keinen einzigen Patienten. Sobald jedoch während des Ostmonsuns in der Woche ein- oder zweimal es regnete, oder sobald in der Regenzeit in der Woche einige Tage frei vom Regen blieben, meldeten sich alle Soldaten, welche früher schon an Intermittens gelitten hatten. Aber nicht allein die Malaria forderte in der Kentering ihre Opfer; auch die Beri-Berifälle bekamen ihre Recidiven zu dieser Zeit. Ich sehe noch den ersten Beri-Berifall vor mir, welcher sich in Teweh bei mir meldete; es war ein Soldat, welcher den ganzen Tag seinen Dienst verrichtet hatte und gegen den Abend unwohl wurde und mich nur um ein Linimentum ersuchte, weil er so schwere Füsse hätte. In der Absicht, den folgenden Morgen ihn eventuell zu untersuchen, liess ich ihm durch den Krankenwärter Spiritus camphoratus geben, ohne weiter mich mit ihm zu beschäftigen. Wie erschrak ich aber, als ich zu demselben Patienten in derselben Nacht gerufen wurde und ihn mit den stärksten und ausgesprochenen Erscheinungen der Herzparalyse sterbend sah. Es ist vor einigen Jahren in Atjeh geschehen, dass ein Beri-Beri-Patient als geheilt das Spital verliess und auf dem Wege nach der Caserne todt niederfiel. Ein solcher plötzlicher Tod scheint bei dieser Krankheit selbst häufig vorzukommen. Im Jahre 1880 hatte ich im grossen Militärhospital in Batavia »die Wacht«; in der Nacht wurde ich zu einem Beri-Beri-Patienten gerufen, welcher mit einer schweren Hydrops pericardii darniederlag; ich entschloss mich, ihm eine subcutane Injection von Pilocarpin zu geben, und schrieb das Recept auf die »Krankenliste«, welche für jeden Patienten angelegt wird und neben der Behandlung auch die Krankheitsgeschichte enthalten soll. Mit der »Liste« wurde das Pilocarpin aus der Apotheke geholt, und die übrigen Patienten des »Saales« umstanden das Bett, als ich ihm die Injection machte. Einer dieser Zuschauer hielt mir auch den Leuchter mit der Kerze (das Spital hatte zwar schon damals Gasbeleuchtung; aber dieser »Saal« war als temporärer Pavillon noch mit Oel beleuchtet). Hierauf ging ich wieder schlafen, und zwei Stunden später kam mir ein Krankenwärter melden: »Der Patient ist gestorben.« Ich nahm ihm die »Liste« ab, um die Stunde seines Todes aufzuschreiben, bevor ich mich angekleidet hatte, um bei diesem Opfer der Beri-Beri den Tod zu constatiren. Ich glaubte jedoch eine unrichtige »Krankenliste« zu haben, weil ich die Notirung vor der Injection darauf nicht sah; auf meine diesbezügliche Frage erwiderte mir der Krankenwärter, nicht Sidin, dem ich Pilocarpin eingespritzt hätte, sondern Amat, der mir bei dieser Gelegenheit die Kerze gehalten hatte, sei plötzlich gestorben!! Diese miasmatische Krankheit, welche mit der Malaria die indische Armee decimirt (die Beri-Beri sucht die meisten Opfer unter den Eingeborenen), wird im zweiten und dritten Theil noch ausführlicher besprochen werden müssen. Solche plötzliche Todesfälle aber geben dem jungen Militärarzte einen Wink, mit der Diagnose »Simulation« vorsichtig zu sein. Besonders die moderne Schule, welche nur +Krankheiten+ und nicht +den Kranken+ behandelt, hat an solchen irrigen Beschuldigungen eines unglücklichen Patienten oft genug Schuld; der junge Arzt baut in erster Reihe seine Diagnose auf den Befund durch Stetoskop, Harn u. s. w. Der Visus practicus fehlt ihm in Indien wie überall; Missgriffe sind also unvermeidlich; dies muss ihn also zur Vorsicht mahnen, die Diagnose »Simulation« nicht leichtfertig zu stellen. Ich weiss sehr gut, dass beim Militär damit grosse Schwierigkeiten verbunden sind; aber es ist nicht so arg, als man annimmt; herrscht ein guter Geist und Disciplin unter den Soldaten, sind, wie wir sehen werden, auch in Friedenszeiten die Fälle der Simulation nicht häufig, besonders wenn der Arzt sich nicht foppen lässt, und zur Zeit des »Ausrückens« noch weniger. Am 4. April 1887 sollte der Marsch nach Kotta-radja Bedil in Atjeh stattfinden, und an diesem Tage hatte sich kein einziger Soldat krank gemeldet!! Dass in ruhigen Zeiten die petites misères de la vie sich fühlbar machen, besonders wenn z. B. von einem Korporal oder Sergeant »Theorie« über die Handgriffe des Gewehres oder über die Bestandtheile der Kanone gehalten wird, dass dann die Soldaten Hülfe für ihre kleinen Qualen bei dem Doctor suchen, um eventuell »Frei vom Dienste« zu bekommen, spricht nicht gegen den »guten Geist unter den Soldaten«, sondern ist -- begreiflich. Natürlich giebt es auch einige echte Simulanten in der indischen Armee. Einen solchen Fall hatte ich in Teweh zur Behandlung bekommen, und weil er ein Unicum in seiner Art ist, an den van Hasselt in seinem Buche über Simulation nicht einmal gedacht hat, will ich ihn etwas ausführlicher mittheilen. Ein Franzose, Namens Daudu, kam nach Teweh und meldete sich schon den andern Tag krank, »weil er so viel durch seinen Bauch leide«. Er stand vor mir als der Typus eines kräftigen, gesunden und schönen Mannes, hatte aber einen Bauch wie eine -- schwangere Frau. Ich untersuchte alle Organe der Brust, sie waren gesund; der Puls regelmässig, die Schleimhäute waren normal gefärbt, der Stuhlgang, das Uriniren und der Appetit waren, wie er selbst mittheilte, normal; aber der Bauch war wie eine Trommel gespannt; es war unmöglich, durch Percussion Leber, Milz oder Nieren zu untersuchen; natürlich ergab auch die Palpitation ein negatives Resultat. -- Ich kann und will nicht alle Details der Untersuchung und nur das Eine mittheilen: Nichts Objectives war zu finden, und keine andere subjective Klage äusserte der Patient (?) als: »j’ai tant de mal au ventre« oder »je souffre horriblement«.
Schmerzen für die +Dauer+ zu simuliren, ist beinahe unmöglich, denn der Schmerz schreibt eine deutliche Schrift in den Zügen der Patienten; das erfahrene Auge unterscheidet den erheuchelten und den wirklichen Schmerz. Nun, der Schauspieler simulirt auch Schmerz, aber Tage oder Wochen lang die Rolle einer Mater dolorosa +ununterbrochen+ zu spielen, wird wohl der grössten Künstlerin unmöglich sein. Dieses mochte wohl unser Freund Daudu gewusst haben und gab sich auch nicht einmal Mühe, durch ein leidendes Aussehen auf mein Mitleid Einfluss zu nehmen. Er hoffte alles von seinem grossen Bauch. Ich wusste mir also nicht anders zu helfen, als dass ich ihn zur Beobachtung ins Marodenzimmer aufnahm. Durch die Krankenwärter ihn observiren zu lassen, dazu hatte ich keine Lust; oder besser gesagt, zu wenig Vertrauen in die Ehrlichkeit und den Muth dieser Soldaten. Der europäische »Bediende« würde als Verräther wenn nicht durchgeprügelt, so doch boycottirt worden sein; und die eingeborenen »Handlanger« hätten gewiss ein gleiches Schicksal erfahren. Ich selbst kam natürlich so oft als möglich in den Krankensaal, und immer stand Daudu wie eine Säule in strammer Haltung vor seinem Bett und mit einem Bauche, als ob eine Pauke angebunden gewesen wäre. Kam ich in der Nacht und lag er, was sehr selten geschah, auf dem Rücken, so war das vorsichtigste Zurückziehen der »Sprey«, in welche er eingewickelt war, hinreichend, um ihn aufzuwecken, und der Bauch hatte sofort seine alte Haltung.[8] Ich gab ihm bei der Morgenvisite eine Morphiuminjection von 10 mg; er schlief jedoch nicht ein, weil er durch forcirtes Auf- und Abgehen und durch Kaffeetrinken die Wirkung des Morphium zu neutralisiren suchte. Zur Chloroformnarcose meine Zuflucht zu nehmen, konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich keine Assistenz hatte. Sein Zustand blieb unverändert, d. h. er ass gut, trank, bewegte sich und lebte wie jeder andere gesunde Soldat, und jede Untersuchung ergab negatives Resultat. Unter diesen Verhältnissen musste das Vermuthen von Simulation in mir auftauchen, und zwar musste ich daran denken, ob er nicht ein »Luftschnapper« sei, der, wie gewisse hysterische Patienten, Luft in grosser Menge verschlucken können, oder aber, ob er nicht wie die Bauchredner gelernt hätte, in der +Inspiration+ zu sprechen. Mit palliativen Mitteln mich aus dieser schwierigen Lage herauszuhelfen, wäre auch möglich gewesen; ihn z. B. frei zu stellen von allen schweren Arbeiten, als Corvédienste, Schildwache stehen u. s. w.; dies wollte ich nicht thun, weil ich damit direct oder indirect ihn für krank erklärt hätte, also ... ich wartete. Diesmal, wie späterhin sehr oft, brachte das Warten die erwünschte Aufklärung. Daudu wurde nicht müde mit seiner künstlichen Auftreibung des Bauches, aber er ging in die Falle, die ich ihm legte. Ich musste nämlich die Apotheke in Ordnung bringen; zu diesem Zwecke liess ich von Daudu neue Signaturen schreiben u. s. w. In der Apotheke stand auch, stets gefüllt, die »Feldverband-Kiste« und die »Feldmedicinen-Kiste«, welche je 30-50 Kilo wogen und beim Ausrücken von zwei Kulis mit grossen Bambusstangen auf den Schultern getragen werden sollten. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschicklichkeit hantirte er mit diesen Kisten, als ob sie nicht einmal 5 Kilo wogen. Ich beneidete ihn oft um seine Körperkraft, die ihn dazu in Stand setzte; aber das Vermuthen, dass sein Zustand kein pathologischer sei, bekam dadurch beinahe Gewissheit. Ich sorgte dafür, dass der militärische Commandant auch Gelegenheit bekam, diese seine Körperkraft beobachten zu können, und zwar nicht nur momentan, sondern ich liess ihn oft stundenlang die schwersten Arbeiten in der Apotheke verrichten, z. B. die grossen Töpfe, Büchsen und Kisten einen ganzen Vormittag von einem Kasten in den andern überbringen u. s. w., so dass ich die Ueberzeugung bekam, dass Daudu nicht krank und dass sein Zustand ein artificieller sei. Nach zwei Monate langer Beobachtung hatte ich mir also die Ueberzeugung geschafft, +dass sein Zustand ihm nicht hinderlich im Verrichten seines Dienstes sein könne+ (per analogiam). Der Zufall wollte es auch, dass um diese Zeit ein Transport mit militärischen Utensilien nach Bandjermasing gehen sollte. Daudu ersuchte mich, den Transport mitmachen (dies geschah zu Wasser in einem Boote) und zugleich von Bandjermasing nach der Superarbitrirungscommission zu Surabaja gesendet werden zu können. Mit der grössten Ruhe sagte ich ihm, dass dazu keine Ursache wäre, dass er nicht krank sei, dass er ganz gut seinen Dienst thun könne, und dass er also den folgenden Morgen das Marodenzimmer verlassen müsse. In der ersten Ueberraschung sprach er nur »C’est impossible, mon Doctor major«, und ich entliess ihn nur mit den Worten: »je l’ai vu que vous pouvez faire votre service.« Die Sache nahm natürlich den erwarteten Verlauf. Den andern Tag meldete er sich wieder krank, der Militär-Commandant frug mich brieflich (gemäss einer gegenseitigen Absprache), nicht ob er krank sei, sondern ob er seinen Dienst verrichten könne, was ich mit gutem Gewissen bejahen konnte; Daudu wurde bestraft, er reclamirte bei dem militärischen Commandanten in Bandjermasing, der mich ebenfalls um mein Gutachten officiell ersuchte; ich blieb bei meiner Behauptung, dass der Reclamant seinen Dienst verrichten könne; er wandte sich an das Kriegsgericht, und auch dieses verurtheilte ihn wegen Unwilligkeit und wegen Mangel an Achtung gegen seine Vorgesetzten, und endlich ... machte er alle seine Dienste. Zu gleicher Zeit wollte er sich in einem hochelegant französisch geschriebenen Brief, den ich noch heute besitze, an den Unterkönig wenden, in welchem er sich als das Opfer der mangelhaft entwickelten Wissenschaft der Medicin hinstellt, da nicht einmal so ein ausgezeichneter Arzt als Dr. Breitenstein seinen Zustand beurtheilen könne; er hat ihn aber auf mein Anrathen inhibirt. Einige Monate später musste ich einen Brief begutachten, welcher auf dem Wege der Gesandtschaft von seinem Bruder, einem Advocaten in Paris, an den Unterkönig geschickt wurde. In diesem frug dieser Advocat nur, wie es mit dem Magenleiden seines Bruders gehe. Ich begnügte mich, mitzutheilen, dass mir von einem Magenleiden des Daudu gar nichts bekannt war, da er während seines zweimonatlichen Aufenthaltes im Marodenhause zu Muarah Teweh sich eines solch guten Appetits erfreut hat, dass er nicht einmal an der gewöhnlichen Ration der Soldaten-Menage genug hatte, sondern sich oft noch Reis u. s. w. dazu kaufte. In einer ebenso feigen als läppischen Weise hat aber Daudu sich dafür an mir gerächt. Als ich im October 1880 Borneo verlassen musste, war ich gezwungen, einige Tage in Bandjermasing auf die Ankunft des Schiffes zu warten. Täglich ging ich nach dem Spital, welches im Fort lag, und passirte bei dieser Gelegenheit die Caserne der Artilleristen. Eines Tages stand Daudu in der Veranda, und gerade als ich vorbeiging, bog er so seinen Oberleib, dass ich nur das Ende des Rückens zu sehen bekam! Wohlweislich sprach ich ihn dafür nicht an, denn er hätte gewiss mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt versichert, mich nicht kommen gesehen zu haben.
Solche seltene Fälle von Simulation sind in gewisser Hinsicht natürlich nicht gefährlich; d. h. wenn man aus Unsicherheit der Diagnose oder aus zu grosser Gewissenhaftigkeit hineinfällt, so wird nicht leicht ein zweiter Soldat es wagen, ein solches Leiden zu simuliren; aber bei anderen simulirten Krankheiten geschieht dies häufig; denn dem Soldaten macht es immer Freude, seinem Vorgesetzten ein Schnippchen schlagen zu können. Im Jahre 18.. kam z. B. ein Soldat mit Schmerzen in dem rechten Oberarm ins Spital zu M.... Per exclusionem zweifelte ich keinen Augenblick, dass dieser Patient einige Tage im Spitale ausruhen wollte, und theilte dies dem jüngeren Arzt mit, dem ich meinen Dienst übergab, weil ich auf Urlaub ging. Dieser wusste es natürlich (?) besser als ich, diagnosticirte: Neuritis brachialis, und als ich zurückkam, waren drei solche Fälle, und zwar von demselben Bataillon und von derselben Compagnie im Spital. Sogar ein vierter meldete sich mit dieser Krankheit; ich untersuchte ihn nach den Regeln der Kunst und schrieb ihn schon den folgenden Tag aus dem Spitalstande. Es kam kein neuer Fall von Neuritis brachialis mehr zur Behandlung, und auch die übrigen drei verliessen in einigen Tagen geheilt(?) das Spital.
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Den 6. October (1877) war das mohammedanische Neujahrsfest (1294). Die Mohammedaner feiern diesen Tag mit allem Luxus, der ihnen zu Gebote steht; Jeder geht in seinem neuen Kleide in die Moschee, spazieren und Visite machen; auch zu uns kamen sie ins Fort und zwar unter einem fürchterlichen Raketenfeuer. -- Ueberall wird Feuerwerk (mortjon) an diesem Tage angezündet, und je stärker das Donnern und Poltern desselben ist, desto grösser ist das Vergnügen dieser Menschen. Wenn man am mohammedanischen oder chinesischen Neujahr durch die Strassen einer grossen Stadt Javas fährt, hält man sich krampfhaft das Herz, weil man fürchtet, dass die Pferde durch das tolle Schiessen, oder getroffen von den Funken des Feuerwerkes scheu werden; sie gewöhnen sich jedoch so daran wie die Menschen. Dass natürlich die europäische und halbeuropäische Jugend an diesem lauten Vergnügen activ Theil nimmt, ist selbstverständlich. Wie viel tausend Gulden an einem solchen Tage für dieses Freudenschiessen verschleudert werden, weiss Gott. Sehr selten hört man jedoch von einem Unglück bei dieser Gelegenheit. Ich selbst hatte nur im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien eine kleine unangenehme Ueberraschung durch die Mortjon zu erleiden. Ich fuhr nämlich in meiner Equipage von Samarang nach Tjandi und suchte so viel als möglich dem Feuerwerke aus dem Wege zu gehen; kaum war ich jedoch auf der grossen Strasse, als ein Knabe sein Bündel mit brennenden Mortjons in die Luft warf; ohne darauf zu achten, fuhr ich weiter. Wenige Minuten darauf jedoch stieg auf meiner Seite eine kleine Rauchwolke und eine Flamme in die Höhe. Das Mortjon hatte die offene Rücklehne getroffen und in Brand gesetzt.
[Illustration: Fig. 5. Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari.]
Zu den Besuchen, welche wir damals erhielten, gehörte auch die Tochter Mangkosari’s, welche natürlich nicht zu uns selbst, sondern zu unseren Haushälterinnen kam. Ein langer Zug von 20-25 Frauen zwischen 15-25 Jahren näherte sich dem Fort. An der Spitze des Zuges ging jene stolz wie eine Juno und schön wie eine Venus. Mit ihren feuersprühenden Augen und elfenbeinernen Zähnen verrieth sie in ihrem gemessenen Schritt und der ihre
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