Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Gustav Wustmann and Rudolf [Editor] Wustmann
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
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Allerhand Sprachdummheiten
[Illustration]
Die erste Ausgabe dieses Buches ist 1891 erschienen, die zweite 1896, die dritte 1903, die vierte 1908, die fünfte 1911.
Allerhand Sprachdummheiten
Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Ein Hilfsbuch für alle die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen
von
Gustav Wustmann
Gewohnheit macht den Fehler schön Den wir von Jugend auf gesehn
+Gellert+
Sechste Auflage
[Illustration]
Straßburg Verlag von Karl J. Trübner 1912
[Illustration]
Aus dem Vorwort des Verfassers zur dritten Auflage
Viele von denen, in deren Hände dieses Buch gekommen ist, haben es als Nachschlagebuch benutzt, als eine Art von „Duden“ für Grammatik und Stilistik. Das ist ein Irrtum. Die „Sprachdummheiten“ sind kein Sprachknecht, der auf jede grammatische oder stilistische Frage die gewünschte Antwort bereit hat, sondern ein Buch für denkende Leser, das im Zusammenhange studiert und gehörig verarbeitet sein will. Wer Nutzen davon haben will, muß sich den Geist des Buches zu eigen machen. Gewiß soll es auch der herrschenden Fehlerhaftigkeit und Unsicherheit unsers Sprachgebrauchs steuern, aber vor allem soll es doch das Sprachgefühl schärfen und dadurch das Aufkommen neuer Fehler verhüten, und seine Hauptaufgabe ist eine ästhetische: es soll der immer ärger gewordnen Steifheit, Schwerfälligkeit und Schwülstigkeit unsrer Sprache entgegenarbeiten und ihr wieder zu einer gewissen Einfachheit und Natürlichkeit verhelfen, die, gleichweit entfernt von Gassensprache wie von Papierdeutsch, die Freiheit einer feinern Umgangssprache mit der Gesetzmäßigkeit einer guten Schriftsprache vereinigt.
[Illustration]
Vorwort zur fünften Auflage
Die fünfte Auflage dieses Buches erscheint unter veränderten Umständen.
Am 22. Dezember 1910 starb der Verfasser des Buches. Kurz darauf erhielt ich von dem Grunowschen Verlag die Aufforderung, eine neue Auflage zu besorgen. Mir lag dazu das mit Nachträgen versehene Handexemplar des Verfassers von der vierten Auflage vor und manche sonstige von ihm aufgezeichnete Einzelbemerkung. Davon ist aber nur das wenige, was den Text wirklich berichtigte oder durch ein besonders treffendes Beispiel verbesserte, in die neue Auflage aufgenommen worden, sodaß diese im ganzen der vierten Auflage gleicht.
Während des Druckes der fünften Auflage ist das Buch aus dem Verlag von Fr. Wilh. Grunow, der die ersten vier Auflagen des Buches verlegt hat, sich aber nun in anderer Richtung zu betätigen wünscht, in den von Karl J. Trübner übergegangen.
Ende September 1911
=Rudolf Wustmann=
[Illustration]
[Illustration]
Inhaltsverzeichnis
Zur Formenlehre
Seite
Starke und schwache Deklination 3
Frieden oder Friede? Namen oder Name? 5
Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke? 6
Des Rhein oder des Rheins 7
Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes? 8
Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen? 13
Kaiser Wilhelms 13
Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes? 15
Böte oder Boote? 16
Generäle oder Generale? 17
Die Stiefeln oder die Stiefel? 18
Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte? 20
Das s der Mehrzahl 23
Fünf Pfennig oder fünf Pfennige? 24
Jeden Zwanges oder jedes Zwanges? 25
Anderen, andren oder andern? 27
Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte? 29
Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme? 31
Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder großer Gelehrten? 33
Das Deutsche und das Deutsch 35
Lieben Freunde oder liebe Freunde? 36
Wir Deutsche oder wir Deutschen? 36
Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff 38
Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend? 41
Größtmöglichst 43
Gedenke unsrer oder unser? 44
Derer und deren 45
Einundderselbe 46
Man 46
Jemandem oder jemand? 47
Jemand anders 47
Ein andres und etwas andres 48
Zahlwörter 49
Starke und schwache Konjugation 50
Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter 51
Frägt und frug 54
Übergeführt und überführt 56
Ich bin gestanden oder ich habe gestanden? 59
Singen gehört oder singen hören? 60
Du issest oder du ißt? 62
Stände oder stünde? Begänne oder begönne? 62
Kännte oder kennte? 63
Zur Wortbildungslehre
Reformer und Protestler 67
Ärztin und Patin 68
Tintefaß oder Tintenfaß? 69
Speisenkarte oder Speisekarte? 73
Äpfelwein oder Apfelwein? 74
Zeichnenbuch oder Zeichenbuch? 76
Das Binde-s 77
ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich 80
Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer? 84
Hallenser und Weimaraner 87
Zur Satzlehre
Unterdrückung des Subjekts 91
Die Ausstattung war eine glänzende 92
Eine Menge war oder waren? 96
Noch ein falscher Plural im Prädikat 98
Das Passivum. Es wurde sich 100
Ist gebeten oder wird gebeten? 101
Mißbrauch des Imperfekts 101
Worden 105
Wurde geboren, war geboren, ist geboren 108
Erzählung und Inhaltsangabe 109
Tempusverirrung beim Infinitiv 111
Relativsätze. Welcher, welche, welches 112
Das und was 116
Wie, wo, worin, womit, wobei 118
Wechsel zwischen der und welcher 120
Welch letzterer und welcher letztere 123
Relativsätze an Attributen 125
Einer der schwierigsten, der oder die? 127
Falsch fortgesetzte Relativsätze 128
Relativsatz statt eines Hauptsatzes 130
Nachdem -- zumal -- trotzdem -- obzwar 131
Mißbrauch des Bedingungssatzes 134
Unterdrückung des Hilfszeitworts 135
Indikativ und Konjunktiv 140
Die sogenannte ~consecutio temporum~ 148
Der unerkennbare Konjunktiv 150
Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit 153
Vergleichungssätze. Als ob, als wenn 157
Würde 158
Noch ein falsches würde 160
Der Infinitiv. Zu und um zu 161
Das Partizipium. Die stattgefundene Versammlung 165
Das sich ereignete Unglück 168
Hocherfreut oder hoch erfreut 169
Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes 170
Falsch angeschloßnes Partizipium 171
In Ergänzung 172
Das Attribut 175
Leipzigerstraße oder Leipziger Straße? 176
Fachliche Bildung oder Fachbildung? 183
Erstaufführung 188
Sedantag und Chinakrieg 191
Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen 193
Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen 199
Die Sammlung Göschen 200
Die Familie Nachfolger 204
Ersatz Deutschland 205
Der grobe Unfugparagraph 206
Die teilweise Erneuerung 207
Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende? 210
Die Apposition 213
Der Buchtitelfehler 215
Frl. Mimi Schulz, Tochter usw. 217
Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße 218
Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur 220
In einer Zeit wie der unsrigen 221
Gustav Fischer, Buchbinderei 221
Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der letztere 223
Derselbe, dieselbe, dasselbe 226
Darin, daraus, daran, darauf usw. 231
Derjenige, diejenige, dasjenige 235
Jener, jene, jenes 237
Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich? 238
Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten? 242
Zur Steuerung des Notstandes 243
Voller Menschen 244
Zahlwörter. Erste Künstler 245
Die Präpositionen 246
Nördlich, südlich, rechts, links, unweit 248
Im oder in dem? zum oder zu dem? 250
Aus: „Die Grenzboten“ 254
Nach dort 256
Bis 257
In 1870 258
Alle vier Wochen oder aller vier Wochen? 259
Donnerstag und Donnerstags -- nachmittag und nachmittags 260
Drei Monate -- durch drei Monate -- während dreier Monate 261
Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar 263
Bindewörter. Und 265
Als, wie, denn beim Vergleich 268
Die Verneinungen 270
Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels 274
Natürliches und grammatisches Geschlecht 276
Mißhandelte Redensarten 278
Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts -- ein schwieriger Fall 283
Die fehlerhafte Zusammenziehung 286
Tautologie und Pleonasmus 290
Die Bildervermengung 293
Vermengung zweier Konstruktionen 295
Falsche Wortstellung 297
Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit? 299
Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges 301
Die sogenannte Inversion nach und 304
Die Stellung der persönlichen Fürwörter 308
In fast allen oder fast in allen? 314
Zwei Präpositionen nebeneinander 317
Zur Interpunktion 318
Fließender Stil 324
Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung
Die Stoffnamen 337
Verwechselte Wörter 338
Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit 343
Vertauschung der Hilfszeitwörter 346
Der Dritte und der Andre 347
Verwechslung von Präpositionen 349
Hin und her 352
Ge, be, ver, ent, er 354
Neue Wörter 359
Modewörter 365
Der Gesichtspunkt und der Standpunkt 393
Das Können und das Fühlen 396
Bedingen 398
Richtigstellen und klarlegen 402
Fort oder weg? 404
Schwulst 405
Rücksichtnahme und Verzichtleistung 408
Anders, andersartig und anders geartet 409
Haben und besitzen 410
Verbalsurrogate 416
Vermittelst, mit Zuhilfenahme von 418
Seitens 422
Bez. beziehungsweise bezw. 426
Provinzialismen 430
Fremdwörter 433
Alphabetisches Wortregister 453
[Illustration]
Zur Formenlehre
[Illustration]
[Illustration]
Starke und schwache Deklination
Bekanntlich gibt es -- oder wir wollen doch lieber ehrlich sein und einfach sagen: es gibt im Deutschen eine starke und eine schwache Deklination. Unter der starken versteht man die, die einen größern Formenreichtum und eine größere Formenmannigfaltigkeit hat. Sie hat in der Einzahl im Genitiv die Endung +es+, im Dativ e, in der Mehrzahl im Nominativ, Genitiv und Akkusativ die Endung e (bei vielen Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts +er+), im Dativ +en+ (+ern+). Die Stammvokale a, o, u und der Diphthong +au+ werden dabei in der Mehrzahl gewöhnlich in ä, ö, ü, +äu+ verwandelt, was man den Umlaut nennt.[1] Unter der schwachen Deklination versteht man die formenärmere. Hier haben alle Kasus der Einzahl (mit Ausnahme des Nominativs) und alle Kasus der Mehrzahl die Endung +en+. Die schwache Deklination hat auch keinen Umlaut. Zur starken Deklination gehören Wörter männlichen, weiblichen und sächlichen, zur schwachen nur Wörter männlichen und weiblichen Geschlechts. Die Wörter weiblichen Geschlechts verändern in beiden Deklinationen nur in der Mehrzahl ihre Form.
Zur starken Deklination gehören z. B. der +Fuß+, die +Hand+, das +Haus+; zur schwachen der +Mensch+, die +Frau+.[2]
Im Vergleich zu dem großen Reichtum unsrer Sprache an Hauptwörtern und der großen Mannigfaltigkeit, die innerhalb der beiden Deklinationen besteht, ist die Zahl der Fälle, wo heute Deklinationsfehler im Schwange sind, oder wo sich Unsicherheit zeigt, verhältnismäßig klein. Aber ganz fehlt es doch nicht daran.
Mehr und mehr greift die Unsitte um sich, schwach zu deklinierende Maskulina im Akkusativ ihrer Endung zu berauben: +den Fürst+, +den Held+, +den Hirt+. Es heißt aber: +den Fürsten+, +den Helden+ usw.
+Zu Mann+ gibt es eine doppelte Mehrzahl: +Männer+ und +Leute+. Man sagt: die +Bergleute+, die +Hauptleute+, die +Spielleute+, aber die +Wahlmänner+, die +Ehrenmänner+, die +Biedermänner+, die +Ehemänner+; unter +Eheleuten+ versteht man Mann und Frau zusammen.
Ein Wort, mit dem die Leute nicht mehr recht umzugehen wissen, und das sie doch jetzt sehr gern gebrauchen, ist +Gewerke+ (für +Handwerker+). Ein +Gewerke+ ist ein zu einer Innung gehörender Meister oder ein Teilnehmer an einem gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb (das alte gute deutsche Wort für das heutige +Aktionär+). Das Wort ist aber schwach zu flektieren, die Mehrzahl heißt +die Gewerken+ (die +Baugewerken+). Daneben gibt es aber das Wort auch im sächlichen Geschlecht: +das Gewerk+ (für +Handwerk+, +Innung+), und das ist stark zu flektieren; hier heißt die Mehrzahl die +Gewerke+. Viele gebrauchen aber jetzt fälschlich die starke Form, auch wo sie offenbar die einzelnen Personen, nicht die Handwerksinnungen meinen, z. B. heimische +Künstler und Gewerke+. Umgekehrt sind jetzt +die Gauen+ beliebt: das Lied ging durch +alle+ deutschen +Gauen+. Aber auch sie sind falsch; +Gau+, ursprünglich sächlichen Geschlechts (+das Gäu+), jetzt Maskulinum, bildet den Genitiv +des Gaus+ und die Mehrzahl +die Gaue+.
In Leipziger Zeitungen werden oft +Darlehne+ gesucht (+Pfanddarlehne+, +Hypothekendarlehne+), und die Geistlichen treten für ihre alten +Kirchlehne+ ein. Die Einzahl heißt aber das +Lehen+, und wenn das auch kein substantivierter Infinitiv ist, wie +Wesen+, +Schreiben+, +Vermögen+, +Verfahren+, +Vergnügen+, +Unternehmen+, so wird es doch in der guten Schriftsprache so flektiert wie diese, und die Mehrzahl heißt: die +Lehen+, die +Darlehen+, die +Kirchlehen+, so gut wie die +Wesen+, die +Verfahren+, die +Unternehmen+.
Frieden oder Friede? Namen oder Name?
Bei einer kleinen Anzahl von Hauptwörtern schwankt der Nominativ zwischen einer Form auf e und einer auf en; es sind das folgende Wörter: +Friede+, +Funke+, +Gedanke+, +Gefalle+, +Glaube+, +Haufe+, +Name+, +Same+, +Schade+ und +Wille+. Die Form auf en ist aber eigentlich falsch. Diese Wörter gehören der schwachen Deklination an,[3] neigen jedoch zur starken: im Genitiv bilden sie eine Mischform aus der starken und der schwachen Deklination auf +ens+ (des +Namens+), und von +Schade+ hat der Plural sogar den Umlaut: die +Schäden+. Da hat sich nun unter dem Einflusse jener Mischform das +en+ aus dem Dativ und dem Akkusativ auch in den Nominativ gedrängt.[4] Die alte richtige Form ist aber doch überall daneben noch lebendig und im Gebrauch (von +Schade+ allerdings fast nur noch in der Redensart: es +ist schade+). Der +Gefalle+ (bei Lessing öfter) ist wenigstens in Sachsen und Thüringen noch ganz üblich: es geschieht mir ein großer +Gefalle+ damit. Daher sollte die alte Form auch immer vorgezogen, also gesagt werden: der +Friede+ von 1871, nicht der +Frieden+ von 1871. Vollends der künstlerische +Gedanken+, wie man bisweilen lesen muß, ist unerträglich.[5]
Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke?
Ob in der starken Deklination die volle Genitivendung +es+ oder das bloße Genitiv-s vorzuziehen sei, ob man lieber sagen solle: des +Amtes+, des +Berufes+, oder des +Amts+, des +Berufs+, darüber läßt sich keine allgemeine Regel aufstellen. Von manchen Wörtern ist nur die eine Bildung, von manchen nur die andre, von vielen sind beide Bildungen nebeneinander üblich; selbst in Zusammensetzungen stehen ältere Bildungen wie +Landsmann+ und +Landsknecht+ neben jüngern wie +Landesherr+ und +Landesvater+. Oft kommt es nur auf den Wohlklang des einzelnen Wortes und vor allem auf den Rhythmus der zusammenhängenden Rede an: die kurzen Formen können kräftig, aber auch gehackt, die langen weich und geschmeidig, aber auch schleppend klingen, je nach der Umgebung. Ich würde z. B. schreiben: die sicherste Stütze des +Throns+ liegt in der Liebe und Dankbarkeit des +Volkes+, die täglich neu aus der Überzeugung geboren werden muß, daß die berechtigten Interessen des +Volks+ ihre beste Stütze im +Throne+ finden.
Zu beklagen ist es, daß immer mehr die Neigung um sich greift (teils von Norddeutschland, teils von Süddeutschland aus), das Dativ-e ganz wegzuwerfen und zu sagen: vor dem +König+, in dem +Buch+, aus dem +Haus+, nach dem +Krieg+, nach dem +Tod+, im +Jahr+, im +Recht+, im +Reich+, im +Wald+, auf dem +Berg+, am +Meer+ (statt +Könige+, +Buche+, +Hause+, +Kriege+, +Jahre+, +Rechte+ usw.). Ja manche möchten das jetzt geradezu als Forderung aufstellen. Aber abgesehen davon, daß dadurch der Formenreichtum unsrer Deklination, der ohnehin im Vergleich zu der ältern Zeit schon stark verkümmert ist, immer mehr verkümmert, erhält auch die Sprache, namentlich wenn das e bei einsilbigen Wörtern überall weggeworfen wird, etwas zerhacktes. Ein einziges Dativ-e kann oft mitten unter klapprigen einsilbigen Wörtern Rhythmus und Wohllaut herstellen. Man sollte es daher sorgfältig schonen, in der lebendigen Sprache wie beim Schreiben, und die Schule sollte sich bemühen, es zu erhalten. Besonders häßlich wirkt das Abwerfen des Dativ-e, wenn das Wort dann mit demselben Konsonanten schließt, mit dem das nächste anfängt, z. B. im +Goldland des+ Altertums. Nur wo das Wort mit einem Vokal anfängt, also ein sogenannter Hiatus entstehen würde, mag man das e zuweilen fallen lassen -- zuweilen, denn auch da ist immer der Rhythmus zu berücksichtigen; eine Regel, daß jeder Hiatus zu meiden sei, soll damit nicht ausgesprochen werden. Ganz unerträglich würde das Fehlen des Dativ-e in formelhaften Wendungen erscheinen wie: +zustande+ kommen, +im Wege+ stehen, +zugrunde+ gehen, +zu Kreuze+ kriechen, ebenso unerträglich freilich die Erhaltung des Dativ-e in andern formelhaften Wendungen wie: +mit Dank+, +von Jahr zu Jahr+, +von Ort zu Ort+.
An den Wörtern auf +nis+ und +tum+ und an Fremdwörtern wirkt das Dativ-e meist unangenehm schleppend; man denke an Dative wie: dem +Verhältnisse+, dem +Eigentume+, dem +Systeme+, dem +Probleme+, dem +Organe+, dem +Prinzipe+, dem +Rektorate+, dem +Programme+, dem +Metalle+, dem +Offiziere+, dem +Romane+, dem +Ideale+, dem +Madrigale+, dem +Oriente+, dem +Manifeste+, dem +Archive+ usw. Man kann nicht sagen, daß diese Formen an sich häßlich wären, denn die Plurale, die die meisten dieser Wörter bilden, klingen ja ebenso; aber als Dative des Singulars wirken sie häßlich.
Des Rhein oder des Rheins?
Vielfache Unsicherheit herrscht in der Deklination der Ortsnamen. Haben sie keinen Artikel, wie die meisten Länder- und Städtenamen, so bildet wohl jedermann einen richtigen Genitiv (+Deutschlands+, +Wiens+); bei den Berg- und Flußnamen aber, die den Artikel bei sich haben, muß man jetzt immer öfter Genitive lesen wie +des Rhein+, +des Main+, +des Nil+, +des Brocken+, +des Petersberg+, +des Hohentwiel+, +des Vesuv+, und ebenso ist es bei Länder- und Städtenamen, wenn sie durch den Zusatz eines Attributs den Artikel erhalten; auch da hat sich immer mehr die Nachlässigkeit verbreitet, zu schreiben: des +kaiserlichen Rom+, des +modernen Wien+, des +alten Leipzig+, des +damaligen Frankreich+, des +nordöstlichen Böhmen+, des erst noch +zu erobernden Jütland+. Bei den Personennamen ist ja, wenn sie den Artikel haben, der Genitiv rettungslos verloren; des +großen Friedrichs+ oder die Leiden des +jungen Werthers+ (wie Goethe noch 1774 schrieb) getraut sich heute niemand mehr zu schreiben. Ebenso geht es den Monatsnamen. Auch diese wurden früher alle zwölf richtig dekliniert: +des Aprils+, +des Oktobers+ (Klopstock: Sohn +des Mais+; Schlegel: Nimm vor des +Märzen+ Idus dich in acht). Heute schreibt man fast nur noch: zu Anfang +des Oktober+, wenn man nicht lieber gar stammelt: +Anfang Oktober+. Aber bei Ortsnamen sind wir doch noch nicht ganz so weit.
Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes?
Großes Vergnügen macht es vielen Leuten, den Genitiv von Personennamen mit einem Apostroph zu versehen: +Friedrich’s+, +Müller’s+. Selbst große Gelehrte sind in den Apostroph so verliebt, daß es ihnen ganz undenkbar erscheint, +Goethes+ ohne das hübsche Häkchen oben zu schreiben. Nun ist ja der Apostroph überhaupt eine große Kinderei. Alle unsre Schriftzeichen bedeuten doch Laute, die gesprochen werden. Auch die Interpunktionszeichen gehören dazu. Nicht bloß das Ausrufe- und das Fragezeichen, sondern auch Komma, Kolon, Semikolon und Punkt, Klammern und Gedankenstriche lassen sich beim Vorlesen sehr wohl vernehmlich machen. Nur der Apostroph bedeutet gar nichts; ja er soll geradezu einen Laut bedeuten, der -- nicht da ist, der eigentlich da sein sollte, aber ausgefallen ist. Ist nicht das schon kindisch? Nun ist ja aber bei diesen Genitiven gar nichts ausgefallen. Wenn man schreibt: +des Müllers+ Esel, warum soll man nicht auch +Otfried Müllers+ Etrusker schreiben?[6]
Nun aber vollends bei Personennamen auf s, ß, z und x -- welche Anstrengungen werden da gemacht, einen Genitiv zu bilden! Die Anzahl solcher Namen ist ja ziemlich groß; man denke an +Fuchs+, +Voß+, +Krebs+, +Carstens+, +Görres+, +Strauß+, +Brockhaus+, +Hinrichs+, +Brahms+, +Begas+, +Dickens+, +Curtius+, +Mylius+, +Cornelius+, +Berzelius+, +Rodbertus+, +Marx+, +Felix+, +Max+, +Franz+, +Fritz+, +Moritz+, +Götz+, +Uz+, +Schütz+, +Schwarz+, +Leibniz+, +Opitz+, +Rochlitz+, +Lorenz+, +Pohlenz+, nicht zu reden von den griechischen, römischen, spanischen Namen, wie +Sophokles+, +Tacitus+, +Olivarez+ usw.; die Veranlassung ist also auf Schritt und Tritt gegeben. Bei den griechischen und römischen Namen pflegt man sich damit zu helfen, daß man den Artikel vorsetzt: die Tragödien +des Sophokles+, die Germania +des Tacitus+. Man ist an diese Genitive von seiner Schulzeit her so gewöhnt, daß man gar nichts anstößiges mehr darin findet, obwohl man es sofort als anstößig empfinden würde, wenn jemand schriebe: die Gedichte +des Goethe+. Der Artikel vor dem Personennamen ist süddeutscher oder österreichischer Provinzialismus (in Stuttgart sagt man: +der Uhland+, in Wien: +der Raimund+), aber in die Schriftsprache gehört das nicht; in kunstgeschichtlichen Büchern und Aufsätzen immer von Zeichnungen +des Carstens+ und Entwürfen +des Cornelius+ lesen zu müssen oder gar, wie in der beschreibenden Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler Leipzigs, von einem Bildnis +des Gottsched+, einem Bildnis +des Gellert+, ist doch gar zu häßlich. Manche setzen denn nun auch an solche Namen fröhlich das Genitiv-s (natürlich mit dem unvermeidlichen Apostroph davor!), also: +Fues’s+ Verlag, +Rus’s+ Kaffeehandlung, +Harras’s+ Grabstein in der Thomaskirche, Kurfürst +Moritz’s+ Verdienste um Leipzig, +Leibniz’s+ ägyptischer Plan, Gabriel +Max’s+ Illustrationen zu Uhlands (oder vielmehr Uhland’s) Gedichten. Noch andre -- und das ist das beliebteste und das, was in Grammatiken gelehrt, in den Druckereien befolgt und jetzt auch für die Schulen vorgeschrieben wird -- meinen, einen Genitiv zu bilden, indem sie einen bloßen Apostroph hinter den Namen setzen, z. B. +Celtes’+ Ausgabe der Roswitha, +Junius’+ Briefe, +Kochs’+ Mikroskopierlampe (der Erfinder heißt wirklich +Kochs+!), +Uz’+ Gedichte, +Voß’+ Luise, Heinrich +Schütz’+ sämtliche Werke, +Rochlitz’+ Briefwechsel mit Goethe. Und solche Beispiele, in denen der Name +vor+ dem Worte steht, von dem er abhängt, sind noch nicht die schlimmsten. Ganz toll aber ist: die Findung +Moses’+, der Kanzler +Moritz’+ (das soll heißen: der Kanzler des Herzogs Moritz), die berühmte Ketzerschrift +Servetus’+, auf Anregung +Gervinus’+, der Besuch König +Alfons’+, der Stil +Rabelais’+, der Dualismus +Descartes’+ (in +Descartes+ ist ja das es stumm, und der Genitiv von +Descartes+ wird wirklich gesprochen: +karts+!). Das neueste ist, daß man sogar Namen, die auf +sch+ endigen, in diesen Unsinn mit hereinzieht und schreibt: in den Tagebuchblättern Moritz +Busch’+, zum siebzigsten Geburtstage Wilhelm +Busch’+, das allerneueste, daß man sogar im Dativ(!) schreibt: ~Dr.~ +Peters’+ als Vorsitzendem lag die Pflicht ob!
Sollten wir uns nicht vor den Ausländern schämen ob dieser kläglichen Hilflosigkeit? Ist es nicht kindisch, sich einzubilden und dem Ausländer, der Deutsch lernen möchte, einzureden, daß im Deutschen auch ein Kasus gebildet werden könne, indem man ein Häkchen hinter das zu deklinierende Wort setzt, ein Häkchen, das doch nur auf dem Papiere steht, nur für das Auge da ist? Wie klingt denn der Apostroph hinter dem Worte? Kann man ihn hören? Spreche ihn doch einer! Soll man vielleicht den Mund eine Weile aufsperren, um ihn anzudeuten? oder sich einmal räuspern? Irgend etwas muß doch geschehen, um den Apostroph fürs Ohr vernehmlich zu machen, sonst ist ja zwischen +Leibniz+ und +Leibniz’+, zwischen dem Nominativ und dem angeblichen Genitiv, gar kein Unterschied. Nachdenklichen Setzern und Buchbindern will denn auch die Sache gewöhnlich gar nicht in den Kopf. Daher kommt es, daß man in den Korrekturabzügen und auf Bücherrücken so oft Titel lesen muß wie: +Sophokle’s+ Tragödien, +Carsten’s+ Werke, +Dicken’s+ Romane, +Brahm’s+ Requiem, Friedrich +Perthe’s+ Leben und +Siever’s+ Phonetik.
Eine gewisse Schwierigkeit ist ja nun freilich da, und es fragt sich, wie man ihr am besten abhilft. Die ältere Sprache schrieb entweder unbedenklich +Romanus Haus+ (ohne den Apostroph), oder sie half sich bei deutschen Namen damit, daß sie (wie bei andern Substantiven, z. B. +Herz+, und bei den Frauennamen) eine Mischform aus der schwachen und der starken Deklination auf +ens+ bildete, also: +Fuchsens+, +Straußens+, +Schützens+, +Hansens+, +Franzens+, +Fritzens+, +Götzens+, +Leibnizens+ (vgl. +Luisens+, +Friederikens+, +Sophiens+). Im Volksmunde sind diese Formen auch heute noch durchaus gang und gäbe (ebenso wie die Dative und Akkusative +Hansen+, +Fritzen+, +Sophien+ -- hast du +Fritzen+ nicht gesehen? gibs +Fritzen+! --, die jetzt freilich in der Sprachziererei der Vornehmen mehr und mehr durch die unflektierte Form verdrängt werden: hast du +Fritz+ nicht gesehen? gibs +Fritz+!), und es ist nicht einzusehen, weshalb sie nicht auch heute noch papierfähig sein sollten.[7] Oder wollen wir vielleicht nun auch im Götz von Berlichingen +Hansens Küraß+ in +Hans’ Küraß+ verwandeln? +Franzensbad+ und +Franzensfeste+ in +Franz’bad+ und +Franz’feste+ verschönern? Verständige Schriftsteller, die vom Papierdeutsch zur lebendigen Sprache zurückkehren, gebrauchen denn auch die flektierte Form allmählich wieder und schreiben wieder: +Vossens Luise+. Wenn sie nur auch die Schule wieder zu Gnaden annehmen wollte!
Unmöglich erscheint dieser Ausweg natürlich bei Namen, die selbst Genitive sind, wie +Carstens+ (eigentlich Carstens Sohn), +Hinrichs+, +Brahms+. +Brahmsens+ dritte Geigensonate -- das klingt nicht schön. Auch +Phidiassens+ Zeus und +Sophoklessens+ Antigone nicht, obwohl auch solche Formen zu Goethes und Schillers Zeit unbedenklich gewagt worden sind; sprach man doch damals auch, da man den Familiennamen der Frau auf +in+ bildete, von der +Möbiussin+. Das beste ist wohl, solchen Formen aus dem Wege zu gehen, was sehr leicht möglich ist, ohne daß jemand eine Verlegenheit, einen Zwang merkt. Man kann durch Umgestaltung des Satzes den Namen leicht in einen andern Kasus bringen, statt des Genitivs +sein+ setzen, +des Dichters+, +des Künstlers+ dafür einsetzen usw. Aber nur nicht immer: die Zeichnungen +des Carstens+! Und noch weniger +Voß’s Luise+ oder gar das +Grab Brahms’+, denn das ist gar zu einfältig.
In dieselbe Verlegenheit wie bei den Eigennamen auf +us+ gerät man übrigens auch bei gewissen fremden Appellativen. Man spricht zwar unbedenklich von +Omnibussen+, aber Not machen uns die +Ismusse+, und der Deutsche hat sehr viel +Ismusse+! Die Komödie erlognen +Patriotismus’+, wie jetzt gedruckt wird, oder: im Lichte berechtigten +Lokalpatriotismus’+ oder: ein unglaubliches Beispiel preußischen +Partikularismus’+ oder ein Ausfluß erstarkten +Individualismus’+ -- das sind nun einmal keine Genitive, trotz des schmeichelnden Häkchens. Da hilft es nichts, man muß zu der Präposition +von+ greifen oder den unbestimmten Artikel zu Hilfe nehmen und sagen: +eines+ erlognen +Patriotismus+, +von+ preußischem +Partikularismus+.
Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen?
Daß von +Friedrich+ der Genitiv +Friedrichs+ heißt, das weiß man allenfalls noch. Aber sobald eine Apposition zu dem Namen tritt, wissen sich die meisten nicht mehr zu helfen. Man frage einmal nach dem Genitiv von +Friedrich der Große+; die Hälfte aller Gefragten wird ihn +Friedrich des Großen bilden+. Fortwährend begegnet man jetzt so abscheulichen Genitiven wie: +Heinrich des Erlauchten+, +Albrecht des Beherzten+, +Georg des Bärtigen+. Es gibt Leute, die alles Ernstes glauben, solche Verbindungen seien eine Art von Formeln oder Sigeln, die nur am Ende dekliniert zu werden brauchten! Auch wenn die Apposition eine Ordinalzahl ist -- der häufigste Fall --, wird kaum noch anders geschrieben als: die Urkunden +Otto+ III., die Gegenreformation +Rudolf+ II., die Gemahlin +Heinrich+ VIII., die Regierungszeit +Ludwig+ XIV. Wenn man das aussprechen will, so kann man doch gar nicht anders sagen als: +Otto der dritte+, +Rudolf der zweite+, +Heinrich der achte+. Denn wie kann der Schreibende erwarten, daß man die Zahl im Genitiv lese, wenn der Name, zu dem sie gehört, im Nominativ steht?[8]
Kaiser Wilhelms
Tritt vollends der Herrschertitel dazu, so pflegt alle Weisheit zu Ende zu sein. Wie dekliniert man: +Herzog Ernst der Fromme+, +Kaiser Friedrich der Dritte+? Bei einer vorangestellten Apposition wie +Kaiser+, +König+, +Herzog+, +Prinz+, +Graf+, +Papst+, +Bischof+, +Bürgermeister+, +Stadtrat+, +Major+, +Professor+, +Doktor+, +Direktor+ usw. kommt es darauf an, ob die Apposition als bloßer Titel, oder ob sie wirklich als Amt, Beruf, Tätigkeit der Person aufgefaßt werden soll oder aufgefaßt wird. Im ersten Fall ist es das üblichste, nur den Eigennamen zu deklinieren, den Titel aber ohne Artikel und undekliniert zu lassen, also +Kaiser Wilhelms+, +Papst Urbans+, +Doktor Fausts Höllenfahrt+, +Bürgermeister Müllers Haus+. Der Titel verwächst für das Sprachgefühl so mit dem Namen, daß beide wie eins erscheinen.[9] Im achtzehnten Jahrhundert sagte man sogar +Herr Müllers+, +Herr Müllern+, nicht: +Herrn Müller+. Im zweiten Falle wird der Artikel zur Apposition gesetzt und die Apposition dekliniert, dagegen bleibt der Name undekliniert: +des Kaisers Wilhelm+, +des Herzogs Albrecht+, ein Bild +des Ritters Georg+. Freilich geht die Neigung vielfach dahin, auch hier die Apposition undekliniert zu lassen, z. B. +des Doktor Müller+, +des Professor Albrecht+. Treten zwei Appositionen zu dem Namen, eine davor, die andre dahinter, so ist für die voranstehende nur das erste der eben besprochnen beiden Verfahren möglich, also: die Truppen +Kaiser Heinrichs des Vierten+, das Denkmal +König Friedrichs des Ersten+, eine Urkunde +Markgraf Ottos des Reichen+, die Bulle +Papst Leos des Zehnten+. Beide Appositionen zu deklinieren und den Namen undekliniert zu lassen, z. B. +Königs+ Christian +des Ersten+, +des Kaisers+ Wilhelm +des Siegreichen+, wirkt unangenehm wegen des Zickzackganges der beiden Kasus (Genitiv, Nominativ, Genitiv).[10]
Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes?
Verlegenheit bereitet vielen auch die Deklination adliger Namen oder solcher Namen, die adligen nachgebildet sind. Soll man sagen: die Dichtungen +Wolframs von Eschenbach+ oder +Wolfram von Eschenbachs+? Richtig ist -- selbstverständlich -- nur das erste, denn Eschenbach ist, wie alle echten Adelsnamen, ein Ortsname, der die Herkunft bezeichnet; den kann man doch hier nicht in den Genitiv setzen wollen.[11] So muß es denn auch heißen: die Heimat +Walters von der Vogelweide+, die Burg +Götzens von Berlichingen+, die Lebensbeschreibung +Wiprechts von Groitzsch+, die Gedichte +Hoffmanns von Fallersleben+, auch die Werke +Leonardos da Vinci+, die Schriften +Abrahams a Sancta Clara+.
Wie steht es aber mit den Namen, die nicht jedermann sofort als Ortsnamen empfindet, wie +Hutten+? Wer kann alle deutschen Ortsnamen kennen? Soll man sagen +Ulrichs von Hutten+ oder +Ulrich von Huttens+ deutsche Schriften? Und nun vollends die zahllosen unechten Adelsnamen, über die sich schon Jakob Grimm lustig gemacht hat: diese +von Richter+ und +von Schulz+, +von Schmidt+ und +von Weber+, +von Bär+ und +von Wolf+, wie stehts mit denen? Soll man sagen: +Heinrichs von Weber+ Lehrbuch der Physik, +Leopolds von Ranke+ Weltgeschichte? Streng genommen müßte es ja so heißen; warum behandelt man Namen, die alles andre, nur keinen Ort bezeichnen, als Ortsnamen, indem man ihnen das sinnlose +von+ vorsetzt! Im achtzehnten Jahrhundert war das Gefühl für die eigentliche Bedeutung der adligen Namen noch lebendig; da adelte man einen +Peter Hohmann+ nicht zum +Peter von Hohmann+, sondern zum +Peter von Hohenthal+, einen +Maximilian Speck+ nicht zum +Maximilian von Speck+, sondern zum +Maximilian Speck von Sternburg+, indem man einen (wirklichen oder erdichteten) Ortsnamen zum Familiennamen setzte; in Österreich verfährt man zum Teil noch heute so. Da aber nun einmal die unechten Adelsnamen vorhanden sind, wie soll man sich helfen? Es bleibt nichts weiter übrig, als das +von+ hier so zu behandeln, als ob es nicht da wäre, also zu sagen: +Leopold von Rankes+ sämtliche Werke, besonders dann, wenn der Genitiv vor dem Worte steht, von dem er abhängig ist; steht er dahinter, so empfiehlt es sich schon eher, den Vornamen zu flektieren: die Werke +Leopolds von Ranke+, denn man möchte natürlich den Genitiv immer so dicht wie möglich an das Wort bringen, zu dem er gehört. Und so verfährt man oft auch bei echten Adelsnamen, selbst wenn man weiß, oder wenn kein Zweifel ist, daß sie eigentlich Ortsnamen sind. Es ist das ein Notbehelf, aber schließlich erscheint er doch von zwei Übeln als das kleinere.
Böte oder Boote?
Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat. Solche falsche Plurale sind: +Ärme+, +Böte+, +Bröte+, +Röhre+, +Täge+, +Böden+, +Bögen+, +Kästen+, +Krägen+, +Mägen+, +Wägen+, +Läger+. Man redet jetzt von Geburts+tägen+, Muster+lägern+, Fuß+böden+, Gummi+krägen+ usw. Bei den Wörtern auf +en+ und +er+ wird dadurch allerdings ein Unterschied zwischen der Einzahl und der Mehrzahl geschaffen, der namentlich in Süddeutschland üblich geworden ist.[12] Dennoch ist nur die Form ohne Umlaut richtig: +die Arme+, +die Kasten+, +die Lager+, +die Rohre+ usw. Man denke sich, daß es in Eichendorffs schönem Liede: O Täler weit, o Höhen -- am Schlusse hieße: Schlag noch einmal die +Bögen+ um mich, du grünes Zelt! Auch +Herzöge+ ist eigentlich falsch; das Wort ist bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nur schwach dekliniert worden: des +Herzogen+, dem +Herzogen+, die +Herzogen+. Dann sprang es aber in die starke Deklination über (des +Herzogs+), und nun blieben auch die +Herzöge+ nicht aus: der +Trog+, die +Tröge+ -- der +Herzog+, die +Herzöge+, die Ähnlichkeit war überwältigend.
Generäle oder Generale?
Von den Fremdwörtern sind viele in den Umlaut hineingezogen worden, obwohl er ihnen eigentlich auch nicht zukommt, nicht bloß Lehnwörter, deren fremde Herkunft man nicht mehr fühlt, wie +Bischöfe+, +Paläste+, +Pläne+, +Bässe+, +Chöre+, sondern auch Wörter, die man noch lebhaft als Fremdwörter empfindet, wie +Altäre+, +Tenöre+, +Hospitäler+, +Kanäle+. Aber von andern wird doch die Mehrzahl noch richtig ohne Umlaut gebildet, wie +Admirale+, +Prinzipale+, +Journale+. Wenn sich daher irgendwo ein Schwanken zu zeigen beginnt, so ist es klar, daß die Form ohne Umlaut den Vorzug verdient. Besser also als +Generäle+ ist unzweifelhaft +Generale+. Bisweilen hat die Sprache auch hier die Möglichkeit der doppelten Form zu einer Unterscheidung des Sinnes benutzt: +Kapitale+ (oder +Kapitalien+) sind Gelder, +Kapitäle+ Säulenknäufe; hier heißt freilich auch schon die Einzahl +Kapitäl+.
Auch zwischen der starken und der schwachen Deklination hat die Pluralbildung der Fremdwörter vielfach geschwankt und schwankt zum Teil noch jetzt. Im achtzehnten Jahrhundert sagte man +Katalogen+, +Monologen+; jetzt heißt es +Kataloge+, +Monologe+. Dagegen sagen die meisten jetzt +Autographen+ und +Paragraphen+; +Autographe+ und +Paragraphe+ klingt gesucht. Unverständlich ist es, wie unsre Techniker dazu gekommen sind, die Mehrzahl +Motore+ zu bilden, da es doch nicht +Faktore+, +Doktore+ und +Pastore+ heißt; wahrscheinlich haben sie an die +Matadore+ im Skat gedacht. +Effekte+ und +Effekten+ werden wieder dem Sinne nach unterschieden: +Effekte+ sind Wirkungen, +Effekten+ Wertpapiere oder Habseligkeiten.
Die Stiefeln oder die Stiefel?
Von den Hauptwörtern auf +el+ und +er+ gehören alle Feminina der schwachen Deklination an; daher bilden sie den Plural: +Nadeln+, +Windeln+, +Kacheln+, +Kurbeln+, +Klingeln+, +Fackeln+, +Wurzeln+, +Mandeln+, +Eicheln+, +Nesseln+, +Regeln+, +Bibeln+, +Wimpern+, +Adern+, +Nattern+, +Leitern+, +Klaftern+, +Scheuern+, +Mauern+, +Kammern+; alle Maskulina und Neutra dagegen gehören zur starken Deklination, wie +Schlüssel+, +Mäntel+, +Wimpel+, +Zweifel+, +Spiegel+, +Kessel+, +Achtel+, +Siegel+, +Kabel+, +Eber+, +Zeiger+, +Winter+, +Laster+, +Ufer+, +Klöster+.[13] Die Regel läßt sich sehr hübsch bei Tische lernen: man vergegenwärtige sich nur die richtigen Plurale von +Schüssel+ und +Teller+, +Messer+, +Gabel+ und +Löffel+, +Semmel+, +Kartoffel+ und +Zwiebel+, +Auster+, +Hummer+ und +Flunder+. Sie gilt, wie die Beispiele zeigen, ebenso für ursprünglich deutsche wie für Lehnwörter, und sie ist so fest, daß, wenn ein Lehnwort (wie es im Laufe der Sprachgeschichte oft geschehen ist) in ein andres Geschlecht übergeht, sofort auch die Pluralbildung wechselt. Im sechzehnten Jahrhundert sagte man noch in der Einzahl +die Zedel+ (~schedula~), folglich in der Mehrzahl +die Zedeln+, im achtzehnten Jahrhundert noch in der Einzahl +die Aurikel+ (~auricula~), folglich in der Mehrzahl die +Aurikeln+; heute heißt es +der Zettel+, +das Aurikel+ und folglich die Mehrzahl +die Zettel+, +die Aurikel+. Also sind Plurale wie +Buckeln+, +Möbeln+, +Stiefeln+, +Schlüsseln+, +Titeln+, +Ziegeln+, +Aposteln+, +Hummern+ falsch und klingen gemein. Nur +Muskel+, +Stachel+, +Pantoffel+ und +Hader+ (Lump, Fetzen) machen eine Ausnahme (die +Muskeln+, die +Stacheln+, die +Pantoffeln+, die +Hadern+), doch auch nur scheinbar, denn diese Wörter haben seit alter Zeit neben ihrer männlichen auch eine weibliche Singularform (ital. ~pantofola~) oder, wie +Hader+, eine schwache männliche Nebenform (des +Hadern+), und die hat bei der Pluralbildung überwogen. Ein Fehler ist auch: die +Trümmern+ (in +Trümmern+ schlagen); die Einzahl heißt: der oder das +Trumm+ (in der Bergmannsprache noch heute gebräuchlich), die Mehrzahl die +Trümmer+. Wer noch gewöhnt ist, +Angel+ als Maskulinum zu gebrauchen (Türangel ebenso wie Fischangel), wird die Mehrzahl bilden +die Angel+, wer es weiblich gebraucht, sagt +die Angeln+. Ebenso ist es mit +Quader+; wer +Quader+ männlich gebraucht, wird in der Mehrzahl sagen: die +Quader+, wer es für weiblich hält, kann nur sagen: die +Quadern+. Der +Oberkiefer+ und der +Unterkiefer+ heißen zusammen die +Kiefer+; im Wald aber stehen +Kiefern+. Die +Schiffe+ haben +Steuer+ (das +Steuer+), der Staat erhebt +Steuern+ (die +Steuer+).
In der niedrigen Geschäftssprache machen sich jetzt aber noch andre falsche schwache Plurale breit. In Leipziger Geschäftsanzeigen muß man lesen: +Muffen+, +Korken+ (auch +Korken+zieher, +Korken+fabrik), +Stutzen+ (Feder+stutzen+), auch +Korsetten+ und +Jaquetten+ (als ob die Einzahl +Jaquette+ und +Korsette+ hieße!). Anständige Kaufleute werden sich vor solcher Gassensprache hüten. +Muff+, +Kork+, +Stutz+ gehören in gutem Schriftdeutsch zur starken Deklination: der +Muff+, des +Muffs+, die +Müffe+, der +Kork+, des +Korks+, die +Korke+; die +Muffen+ sind eins der vielen Beispiele, wo sich -- unter dem Einflusse Berlins -- das Plattdeutsche, das man schon für abgetan hielt, wieder durchzusetzen versucht.
Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte?
Die meisten reden von +Fremdwörtern+, manche aber auch von +Fremdworten+. Was ist richtig? Die Pluralendung +er+, die namentlich bei Wörtern sächlichen Geschlechts vorkommt (+Gräber+, +Kälber+, +Kräuter+, +Lämmer+, +Rinder+, +Täler+), aber auch bei Maskulinen (+Männer+, +Leiber+, +Geister+, +Wälder+, +Würmer+, +Reichtümer+), im Althochdeutschen ~ir~ (daher der Umlaut), ist im Laufe der Zeit auf eine große Masse von Wörtern namentlich sächlichen Geschlechts ausgedehnt worden, die sie früher nicht hatten. Um 1500 hieß es noch: +die Amt+, +die Kleid+, +die Pfand+, +die Land+, +die Dach+, +die Fach+, +die Gemach+, +die Rad+, +die Schloß+, +die Schwert+, +die Faß+, +die Bret+, daneben: +die Amte+, +die Rade+, +die Schwerte+, +die Fasse+, und endlich kam auf: +die Ämter+, +die Räder+ usw. Bei manchen Wörtern hat sich nun neben der jüngern Pluralform auf er auch noch die ältere erhalten. Dann erscheint aber die ältere Form jetzt als die edlere, vornehmere und ist auf die Ausdrucksweise des Dichters oder des Redners beschränkt.[14] Man denke an +Denkmale+ und +Denkmäler+, +Gewande+ und +Gewänder+, +Lande+ und +Länder+, +Tale+ und +Täler+ (Es geht durch alle +Lande+ ein Engel still umher -- Die +Tale+ dampfen, die Höhen glühn u. ähnl.). Bei andern Wörtern hat sich zwischen der ältern und der jüngern Form ein Bedeutungsunterschied gebildet. So unterscheidet man +Bande+ (des Bluts, der Verwandtschaft, der Freundschaft) und +Bänder+, +Bande+ sind gleichsam ein ganzes Netz von Fesseln, +Bänder+ sind einzelne Stücke. Auch +Gesichte+ und +Gesichter+, +Lichte+ und +Lichter+ sind dem Sinne nach zu unterscheiden. +Gesichte+ sind Erscheinungen (im Faust: die Fülle der +Gesichte+). +Lichte+ sind Kerzen (Wachslichte, Stearinlichte), +Lichter+ sind Flammen (durch das Fenster strahlen unzählige +Lichter+, Sonne, Mond und Sterne sind die Himmels+lichter+). Auf dem Altar stehen immer große +Kirchenlichte+, auf der Kanzel aber nicht immer große +Kirchenlichter+. Bisweilen kommt auch noch ein Geschlechtsunterschied dazu: +Schilde+ (+der Schild+) gehören zur Rüstung; +Schilder+ (+das Schild+) sind an den Kaufmannsläden. Neben den +Banden+ und den +Bändern+ stehen noch die +Bände+ (der Roman hat drei +Bände+). So kam auch neben der Mehrzahl +die Wort+ oder +die Worte+ im sechzehnten Jahrhundert die Form auf +er+ auf: +die Wörter+. In der Bedeutung wurde anfangs kein Unterschied gemacht. Im achtzehnten Jahrhundert aber begann man unter +Wörtern+ bloße Teile der Sprache (~vocabula~), unter +Worten+ Teile der zusammenhängenden Rede zu verstehen. Man sprach also nun von +Hauptwörtern+, +Zeitwörtern+, +Fürwörtern+, +Wörterbüchern+, dagegen von +Dichterworten+, +Textworten+, +Vorworten+ (Vorreden), +schöne Worte+ machen usw. Und an diesem Unterschied wird auch seitdem fast allgemein festgehalten. +Worte+ haben Sinn und Zusammenhang, +Wörter+ sind zusammenhanglos aufgereiht. Wenn es also auch nicht gerade falsch ist, von +Fremdworten+ oder +Schlagworten+ zu reden, so ist doch die Mehrzahl +Fremdwörter+ vorzuziehen. Dagegen wird niemand sagen: der +Wörter+ sind genug +gewechselt+.
In der Sprache des niedrigen Volkes ist nun eine starke Neigung vorhanden, die Pluralendung auf +er+ immer weiter auszudehnen. Es ist das aber ein durchaus plebejischer Sprachzug. Nur das niedrige Volk redet in Leipzig von +Gewölbern+ und +Geschäftern+, der Gebildete von +Gewölben+ und +Geschäften+. Nur das niedrige Volk bildet Plurale wie +Zelter+, +Gewinner+, +Mäßer+, +Sträußer+, +Butterbröter+, +Kartoffelklößer+. Nur die „Ausschnitter“ preisen ihre +Rester+ an, nur die Telephonarbeiter kommen, um „+die Elementer+ nachzusehen“.[15] Und wie gemein erscheinen die +Dinger+, mit denen sich das Volk überall da hilft, wo es zu unwissend oder zu faul ist, einen Gegenstand mit seinem Namen zu nennen![16] So kommt es, daß die Endung +er+ in der guten Schriftsprache bisweilen selbst da wieder aufgegeben worden ist, wo sie früher eine Zeit lang ausschließlich im Gebrauch war, wie bei +Scheit+; die Mehrzahl heißt jetzt +Scheite+, früher hieß sie +Scheiter+ (vgl. +Scheiterhaufe+ und +scheitern+). Auch bei +Ort+ ist eine rückläufige Bewegung zu beobachten: während früher die Mehrzahl +Örter+ ganz gebräuchlich war, ist sie in neuerer Zeit fast ganz verschwunden; man spricht fast nur noch von +Orten+. Dagegen hat leider der plebejische Plural +Gehälter+ (Lehrer+gehälter+, Beamten+gehälter+) gleichzeitig mit dem häßlichen Neutrum +das Gehalt+ von Norddeutschland aus selbst in den Kreisen der Gebildeten große Fortschritte gemacht. Auch in Leipzig, wo Freytag noch 1854 in seinen Journalisten richtig +der Gehalt+ und +die Gehalte+ geschrieben hat, halten es schon viele für fein, +das Gehalt+ und die +Gehälter+ zu sagen. Nun verteilen sich ja die Hauptwörter, die aus Zeitwortstämmen mit dem Präfix +Ge-+ gebildet sind, auf alle drei Geschlechter. Männlich sind: +Geruch+, +Geschmack+, +Gedanke+; weiblich: +Geburt+, +Geduld+; sächlich: +Gehör+, +Gesicht+, +Gewehr+, +Gewicht+. Man mag auch die Unterscheidung von: +der Gehalt+ (Gedankengehalt, Silbergehalt des Erzes) und +das Gehalt+ (Besoldung) in Norddeutschland als willkommne Bereicherung der Sprache empfinden (vgl. +der Verdienst+ und +das Verdienst+, wo freilich der Bedeutungsunterschied gerade umgekehrt ist).[17] In Mitteldeutschland klingt aber vorläufig vielen Gebildeten +das Gehalt+ noch gemein, und +die Gehälter+ stehen für unser Ohr und unser Gefühl durchaus auf einer Stufe mit den +Gewölbern+, den +Geschäftern+ und den +Geschmäckern+.[18] Weshalb sollen wir uns also so etwas aufnötigen lassen?
Das s der Mehrzahl
Von zwei verschiednen Seiten her ist eine Pluralbildung auf s in unsre Sprache eingedrungen. Wenn wir von +Genies+, +Pendants+, +Etuis+, +Portemonnaies+, +Korsetts+, +Beefsteaks+ und +Meetings+ reden, so ist das s natürlich das französische und englische Plural-s, das diesen Wörtern zukommt. Aber man redet auch von +Jungens+ und +Mädels+, +Herrens+ und +Fräuleins+, +Kerls+ und +Schlingels+, +Hochs+ und +Krachs+, +Bestecks+, +Fracks+, +Schmucks+, +Parks+ und +Blocks+ (Bau+blocks+), +Echos+ und +Villas+ (statt Villen), +Vergißmeinnichts+ und +Stelldicheins+, +Polkas+, +Galopps+, +Tingeltangels+ und +Trupps+ (Studenten+trupps+), +Uhus+ und +Känguruhs+, +Wenns+ und +Abers+, U’s und T’s, +Holbeins+ und +Lenbachs+ (zwei neue +Lenbachs+, ein paar echte +Holbeins+), von den +Fuggers+ und den +Schlegels+, und einzelne Universitätslehrer kündigen gar schon am schwarzen Brett ihre +Kollegs+ an! Alle diese Formen sind unfein. In Süddeutschland bezeichnet man sie als ~pluralis Borussicus~. Ihr Plural-s stammt aus der niederdeutschen Mundart[19]; nur dieser gehören ursprünglich die +Jungens+ und die +Mädels+ an. Aus Verlegenheit ist dieses s dann auch im Hochdeutschen an Fremdwörter, an unechte Substantiva und schließlich auch an echte deutsche Substantiva gehängt worden.
Beschämend für uns Deutsche, die wir uns so gern etwas auf unsre Kenntnisse zugute tun, sind Formen wie +Solis+, +Mottis+, +Kollis+ und +Portis+, denn da ist das falsche deutsche Plural-s an die richtige italienische Pluralendung gehängt! Die Einzahl heißt ja +Solo+, +Motto+, +Kollo+ und +Porto+. Freilich wird auch schon in der Einzahl +das Kolli+ gesagt, und nicht bloß von Markthelfern und Laufburschen!
Fünf Pfennig oder fünf Pfennige?
Wenn fünf einzelne Pfennige auf dem Tische liegen, so sind das unzweifelhaft fünf Pfennige; wenn ich aber mit diesen fünf Pfennigen (oder auch mit einem Nickelfünfer) eine Zigarre bezahle, kostet die dann fünf +Pfennige+ oder, wie auf dem Nickelfünfer steht, fünf +Pfennig+? Schwierige Frage!
Bei Angaben von Preis, Gewicht, Maß, Zeit, Lebensalter usw. ist oft eine Pluralform üblich, die sich vom Singular nicht unterscheidet, wenigstens bei Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts,[20] wie bei +Taler+, +Gulden+, +Groschen+, +Heller+, +Pfennig+, +Batzen+, +Pfund+, +Lot+, +Fuß+, +Zoll+, +Schuh+, +Faden+, +Faß+, +Glas+ (zwei +Glas+ Bier), +Maß+, +Ries+, +Buch+ (drei +Buch+ Papier), +Blatt+,[21] +Jahr+, +Monat+, +Mann+ (sechs +Mann+ Wache), +Schritt+, +Schuß+ (tausend +Schuß+), +Stock+ (drei +Stock+ hoch). Diese Formen sind natürlich keine wirklichen Singulare, sondern zum Teil sind es alte Pluralformen (vgl. S. 20 +Fach+ und +Fächer+), zum Teil Formen, die solchen unwillkürlich nachgebildet worden sind. Von einer Regel also, daß in allen solchen Fällen der Singular stehen müsse, kann keine Rede sein. Es ist ganz richtig, zu sagen: das Kind ist +drei Monate+ alt, +drei+ Jahre alt, wie denn auch jeder +drei Taler+, +drei Gulden+, +drei Groschen+ sicherlich als Plural fühlen, folglich auch sagen wird: ich habe das Bild mit +zehn Talern+ bezahlt (nicht mit +zehn Taler+!). Und so haben wir auch in Mitteldeutschland früher immer +Pfennige+ gesagt so gut wie +Könige+, +Käfige+ und +Zeisige+. (In dem alten Liede von der Seestadt Leipzig heißt es sogar: Und ein einzig Lot Kaffee kostet +sechzehn Pfennigee+.) Bis 1880 war auch auf unsern Briefmarken so gedruckt. Wahrscheinlich war das aber nicht „schneidig“ genug, und so hieß es von da an 3 +Pfennig+, 5 +Pfennig+, worauf 1889 die Abkürzung +Pf.+ erschien, die jeder lesen konnte, wie er wollte, bis schließlich gar nur noch die Ziffer übrig blieb!
Jeden Zwanges oder jedes Zwanges?
Zu den unbehaglichsten Kapiteln der deutschen Grammatik gehört die Deklination zweier miteinander verbundner Nomina, eines Substantivs und eines Adjektivs. Heißt es: +jeden Zwanges+ oder +jedes Zwanges+? +sämtlicher deutscher Stämme+ oder +sämtlicher deutschen Stämme+? +großer Gelehrter+ oder +großer Gelehrten+? ein +schönes Ganzes+ oder ein +schönes Ganze+? von +hohem praktischen Werte+ oder von +hohem praktischem Werte+? So unwichtig die Sache manchem vielleicht scheint, so viel Verdruß oder Heiterkeit (je nachdem) bereitet sie dem Fremden, der Deutsch lernen möchte, und so beschämend ist es für uns Deutsche selbst, wenn wir dem Fremden sagen müssen: Wir wissen selber nicht, was richtig ist, sprich, wie du willst! Mit einigem guten Willen ist aber doch vielleicht zu ein paar klaren und festen Regeln zu gelangen.
Die Adjektiva können stark und auch schwach dekliniert werden. In der schwachen Deklination haben sie, wie die Hauptwörter, nur die Endung +en+, in der starken haben sie die Endungen des hinweisenden Fürwortes: +es+, +em+, +en+ usw. Nach der starken Deklination gehen sie, wenn sie allein beim Substantiv stehen, ohne vorhergehenden Artikel, und im Singular, wenn ein Pronomen ohne Endung vorhergeht: +mein guter Hans+, +du alter Freund+, +unser jährlicher Umsatz+, +welch vorzüglicher+ Wein. In allen andern Fällen gehn sie nach der schwachen Deklination. Es muß also heißen: +gerades Wegs+, +guter Hoffnung+, +schwieriger Fragen+, dagegen +des geraden Wegs+, +der guten Hoffnung+, +der schwierigen Fragen+, +dieser schwierigen+ Fragen, +welcher schwierigen+ Fragen, +solcher schwierigen+ Fragen, auch +derartiger+ und +folgender schwierigen+ Fragen, +beifolgendes kleine+ Buch (denn +derartiger+ steht für +solcher+, +folgender+ und +beifolgender+ für +dieser+).
So ist auch die ältere Sprache überall verfahren; Luther kennt Genitive wie +süßen Weines+ fast noch gar nicht. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert aber drang, obgleich Sprachkundige eifrig dagegen ankämpften, bei dem männlichen und dem sächlichen Geschlecht im Genitiv des Singulars immer mehr die schwache Form ein, und gegenwärtig hat sie sich fast überall festgesetzt; man sagt: +frohen Sinnes+, +reichen Geistes+, +weiblichen Geschlechts+, +größten Formats+. Höchstens +gutes Muts+, +reines Herzens+, +gerades Wegs+ wird bisweilen noch richtig gesagt. Bei den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+, +dein+, +sein+, +unser+, +euer+, +ihr+) hat sich die starke Form überall unangetastet erhalten (+meines Wissens+, +unsers Lebens+), dagegen ist es bei den Zahlbegriffen (+jeder+, +aller+, +vieler+, +keiner+, +mancher+) ins Schwanken gekommen. Wie man sagt: +größtenteils+ und +andernteils+, so sagt man auch +jedenfalls+ und +allenfalls+ neben +keineswegs+, +keinesfalls+, +jedes Menschen+, +keines Worts+, +alles Lebens+, +alles Ernstes+. Nur wenige schreiben noch richtig: trotz +alles Leugnens+, trotz +manches Erfolgs+, trotz +vieles Aufwands+; die meisten schreiben: trotz +allen Leugnens+ usw.
Bei +jeder+ erklärt sich das Schwanken vielleicht daher, daß +jeder+ wie ein Adjektiv auch mit dem unbestimmten Artikel versehen werden kann (+ein jeder+ Mensch), eine Verbindung, die manche Schriftsteller bis zum Überdruß lieben, als ob sie das bloße +jeder+ gar nicht mehr kennten.
Die Schule sollte sich auch hier bemühen, die alte, richtige Form, wo sie sich noch erhalten hat, sorgfältig zu schützen und zur Schärfung des Sprachgefühls zu benutzen. Und wo ein Schwanken besteht, wie bei +jeder+, da sollte doch kein Zweifel sein, wie man sich zu entscheiden hat. Falsch ist: die Abwehr +jeden+ Zwanges; richtig ist nur: die Abwehr +jedes Zwanges+ oder +eines jeden Zwanges+ (wie die Bekämpfung +solches Unsinns+ oder +eines solchen Unsinns+).
Merkwürdig ist, daß sich nach +solcher+ die schwache Deklination noch nicht so festgesetzt hat wie nach +welcher+. Während jeder ohne Besinnen sagt: +welcher gute+ Mensch, +welches guten+ Menschen, +welche guten+ Menschen, auch +solcher vollkommnen+ Exemplare, hört man im Nominativ und Akkusativ der Mehrzahl viel öfter: +solche vollkommne+ Exemplare. Es kommt das wohl daher, daß auch +solcher+ oft mehr etwas adjektivisches hat. Ebenso ist es bei +derartiger+ (für +solcher+) und +folgender+ (für +dieser+). Jeder wird im Nominativ vorziehen: +folgende schwierige+ Fragen, dagegen im Genitiv vielleicht +folgender schwierigen+ Fragen (wie +dieser schwierigen+ Fragen).
Manche Leute glauben, daß Adjektiva, deren Stamm auf m endigt, nur einen schwachen Dativ bilden könnten, weil +mem+ „schlecht klinge“, daß es also heißen müsse: mit +warmen Herzen+, mit +geheimen Kummer+, mit +stummen Schmerz+, mit +grimmen Zorn+, von +vornehmen+ Sinn, +bei angenehmen+ Wetter, bei +gemeinsamen+ Lesen -- ein ganz törichter Aberglaube.
Anderen, andren oder andern?
Ein garstiger Mißbrauch herrscht in der Deklination bei den Adjektiven, deren Stamm auf +el+ und +er+ endigt, wie +dunkel+, +edel+, +eitel+, +übel+, +lauter+, +wacker+; auch die Komparativstämme, wie +besser+, +größer+, +unser+, +euer+, +inner+, +äußer+, +ander+, gehören dazu. Bei diesen Adjektiven kommen in der Deklination zwei Silben mit kurzem e zusammen, also des +eitelen+ Menschen, dem +übelen+ Rufe, dem +dunkelen+ Grunde, +unseres+ Wissens, mit +besserem+ Erfolge, aus +härterem+ Holze. Diese Formen sind unerträglich: man schreibt sie wohl bisweilen, aber niemand spricht sie, eins der beiden e muß weichen. Aber welches von beiden? Die richtige Antwort darauf gibt der Infinitiv der Zeitwörter, die von Stämmen auf +el+ und +er+ gebildet werden. Auch da treffen zwei e zusammen, von denen eins beseitigt werden muß. Nun ist es zwar hie und da in Deutschland, z. B. in Hannover, beliebt, zu sagen: +tadlen+, +handlen+, +wandlen+, +veredlen+, +vermittlen+, +verdunklen+, +verwechslen+, +ausbeutlen+, +mildren+, +verwundren+, +erschüttren+, +veräußren+, +versilbren+, +versichren+, +erläutren+, im allgemeinen aber spricht, schreibt und druckt man doch +tadeln+, +veredeln+, +erinnern+, +erläutern+, d. h. man opfert das e der Endung und bewahrt das e des Stammes. Ebenso geschieht es auch in der Flexion des Verbums: +er vereitelt+, er +verändert+, nicht er +vereitlet+, er +verändret+. Und so ist es gut und vernünftig. Denn nicht nur daß das Stamm-e wichtiger ist als das der Endung, die Formen auf +eln+ und +ern+ klingen auch voller und schöner.[22] Genau so verhält sichs bei den genannten Adjektiven. Aber fast in allen Büchern und Zeitungen druckt man die häßlich weichlichen Formen: +unsres+ Jahrhunderts, des +üblen+ Rufes, die +ältren+ Ausgaben, meiner +teuren+ Gemeinde, in der +ungeheuren+ Menschenmenge, und doch spricht fast jedermann: +unsers+ Jahrhunderts, des +übeln+ Rufes, die +ältern+ Ausgaben, meiner +teuern+ Gemeinde, in der +ungeheuern+ Menschenmenge. Man druckt ja nicht: die +Eltren+, überall wird richtig +Eltern+ gedruckt, warum also nicht auch die +ältern+? beides ist doch dasselbe.[23] Bei dem Dativ-m kann man zugeben, daß, wenn das Stamm-e erhalten und das e der Endung ausgeworfen wird, zuweilen etwas harte Formen entstehen; im allgemeinen ist aber auch hier auf +dunkelm+ Grunde, mit +besserm+ Erfolg gewiß vorzuziehen.
Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte?
Wenn zu einem Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so ist es selbstverständlich, daß sie in der Deklination gleichmäßig behandelt werden müssen. Da haben nun manche in der starken Deklination, wenn das Eigenschaftswort allein, ohne Artikel oder Fürwort steht, im Dativ der Einzahl einen künstlichen Unterschied schaffen wollen. Sie haben gelehrt, nur dann, wenn zwei Adjektiva gleichwertig nebeneinander stünden, wenn sie dem Sinne nach koordiniert wären, ~a-a-s~, dürften sie gleichmäßig behandelt werden, z. B. Tiere mit +rotem, kaltem+ Blute, nach +langem, heißem+ Kampfe; wenn dagegen das zweite Adjektiv mit dem Substantiv einen einheitlichen Begriff bilde, der durch das erste Adjektiv nur näher bestimmt werde, das erste also dem zweiten übergeordnet sei, ~a~/(~a-s~), so müsse das zweite schwach dekliniert werden, wie wenn es hinter einem Fürwort stünde, z. B. mit +echtem Kölnischen+ Wasser, nach +allgemeinem deutschen+ Sprachgebrauch, zu +kühnem dramatischen+ Pathos, mit +eigentümlichem humoristischen+ Anstrich, von +großem praktischen+ Wert, aus +übertriebnem patriotischen+ Zartgefühl, aus +süddeutschem adligen+ Besitz. Ebenso müsse im Genitiv der Mehrzahl unterschieden werden zwischen: +frischer, süßer Kirschen+ (denn die Kirschen seien frisch und süß) und +neuer isländischen Heringe+, +scharfer indianischen Pfeile+, +einheimischer geographischen Namen+, +ehemaliger freien+ Reichsstädte (denn die Heringe seien nicht neu +und+ isländisch, sondern die isländischen Heringe seien neu).
Diese Unterscheidung ist logisch unzweifelhaft notwendig, und sie muß auch in der Interpunktion zum Ausdruck kommen: koordinierte Adjektiva werden durch ein Komma getrennt, während zwischen zwei Eigenschaftswörtern, von denen eins dem andern übergeordnet ist, kein Komma stehen darf. Grammatisch aber ist die Unterscheidung die reine Willkür. Warum sollte sie auch gerade auf diese beiden Kasus beschränkt werden? auf den Dativ im Singular und den Genitiv im Plural? Nur in diesen beiden Kasus aber soll sie gelten, in den übrigen Kasus fällt es niemand ein, das zweite Adjektiv jemals in die schwache Form zu bringen. Oder sagt jemand: ohne +selbständiges geschichtliche+ Studium? von +bewährter christlichen+ Gesinnung?[24] Dazu kommt, daß sich in manchen Fällen kaum entscheiden läßt, ob zwei Adjektiva einander koordiniert sind oder eins dem andern untergeordnet, z. B. nach +ergebnislosem zweijährigem+ Versuche. Unsre Romanschriftsteller scheinen zu glauben, daß stets eine Unterordnung vorliege, wenn das zweite Adjektiv eine Farbe bedeutet: sie schreiben fast ausnahmlos: bei +schönem blauen+ Himmel, mit +langem schwarzen+ Haar, mit +schmalem braunen+ Rande, mit +auffälligem roten+ Bande. Das ist völlig widersinnig. Freilich gibt es langes schwarzes Haar und kurzes schwarzes Haar. Aber eine solche Sortierung schwebt doch hier nicht vor. Bei dem schönen, blauen Himmel vollends denkt doch niemand an eine andre, weniger schöne Art von blauem Himmel, sondern +blau+ ist eine weitere Ausführung und Begründung von +schön+: der Himmel ist schön, weil er blau ist. Ebenso ist das Band auffällig, weil es rot ist. In Todesanzeigen kann man täglich lesen, daß jemand nach +langem, schweren Leiden+ oder nach +kurzem, schweren+ Leiden gestorben sei. Man liest es so häufig, daß man fast glauben möchte, die Setzer setzten auch das gewohnheitsmäßig so, selbst wenn in der Druckvorlage richtig gestanden hat: nach +langem, schwerem+ Leiden. Denn daß auch gebildete Menschen das immer falsch schreiben sollten, ist doch kaum anzunehmen.
Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme?
Große Unsicherheit herrscht in der Deklination der Adjektiva im Genitiv der Mehrzahl nach den Zahlbegriffen +alle+, +keine+, +einige+, +wenige+, +einzelne+, +etliche+, +manche+, +mehrere+, +viele+, +sämtliche+, denen sich auch die Adjektiva +andre+, +verschiedne+ und +gewisse+ anschließen, die beiden letzten, wenn sie in dem Sinne von +mehrere+ und +einige+ stehen. Da sagt man: +aller guten+ Dinge, +aller halben+ Stunden, +mancher kleinen+ Souveräne, +einzelner ausgezeichneten+ Schriftsteller, +verschiedner schweren+ Bedenken, +gewisser aristokratischen+ Kreise, aber auch: +vieler andrer+ Gebiete, +vieler damaliger preußischer+ Offiziere, +einzelner großer politischer+ Ereignisse, +sämtlicher deutscher evangelischer+ Kirchenregimente, +gewisser mathematischer+ Kenntnisse. Sollte es denn nicht möglich sein, hier Ordnung und Regel zu schaffen?
Tatsache ist, daß auch nach allen diesen Wörtern die Adjektiva ursprünglich stark dekliniert worden sind. Ebenso ist es Tatsache, daß die schwache Form nur nach zweien von ihnen endgültig durchgedrungen ist: nach +alle+ und +keine+. Sollte das nicht einen tiefern Grund haben? Die schwache Form ist endgültig durchgedrungen auch hinter dem bestimmten Artikel, hinter den hinweisenden Fürwörtern (+dieser+ und +jener+) und hinter den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+, +dein+ usw.). In allen diesen Fällen aber handelt es sich um eine ganz bestimmte Menge. Dagegen bezeichnet die artikellose Form eine unbestimmte Menge. Sollte es nun Zufall sein, daß gerade +alle+ (mit seiner Negation +keine+) der Form gefolgt ist, die eine bestimmte Menge ausdrückt? +Alle+ und +keine+ sind die einzigen in der ganzen Reihe. Alle übrigen (+viele+, +einige+, +manche+ usw.) bezeichnen eine unbestimmte Menge; +viele+ und +einige+ bleiben +viele+ und +einige+, auch wenn einer dazukommt oder abgeht. Sollte sich nicht deshalb hier die artikellose Form erhalten haben? Im Nominativ überall: +viele junge+ Leute, +manche bittre+ Erfahrungen, +verschiedne schwere+ Bedenken, +gewisse aristokratische+ Kreise. Erst im Genitiv beginnt das Schwanken zwischen +vieler junger+ Leute und +vieler jungen+ Leute, +verschiedner freisinniger+ Blätter und +verschiedner freisinnigen+ Blätter, +mehrerer andrer ausländischer+ Blätter und +mehrerer andern ausländischen+ Blätter. Unzweifelhaft wäre also die starke Form hier überall vorzuziehen. Nur noch hinter +sämtliche+ wäre die schwache am Platze, denn +sämtliche+ bedeutet ja dasselbe wie +alle+, also eine bestimmte Menge.
Hinter den wirklichen Zahlwörtern +zwei+, +drei+, +vier+, +fünf+ usw. steht im Nominativ überall die starke Form, so auch im Genitiv, solange die Zahlwörter selbst undekliniert bleiben: die Kraft +vier starker+ Männer, um +fünf Gerechter+ willen. Dagegen beginnt das Schwanken, sobald die Zahlwörter selbst wie Adjektiva dekliniert werden: ein Kampf +zweier großen+ Völker steht neben einem Kampf +zweier großer+ Völker. Daß aber auch hier die starke Form vorzuziehen sei, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. +Beide+ dagegen schließt sich natürlich an +alle+ und +keine+ an: +beide großen+ Männer, +beide+ hier +mitgeteilten+ Schriftstücke.
Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder großer Gelehrten?
Adjektiva und Partizipia, die substantiviert wurden, nahmen in der ältesten Zeit stets die schwache Form an, auch hinter dem unbestimmten Artikel. Reste davon sind +Junge+ (ein +Junge+), eigentlich ein +Junger+, das in der Form +Jünger+ noch daneben steht, und +Untertan+ (e), eigentlich ein +Untertaner+. Später ist auch bei solchen substantivierten Adjektiven und Partizipien überall hinter +ein+ die starke Form eingetreten: ein +Heiliger+, ein +Kranker+, ein +Fremder+, ein +Gelehrter+, ein +Verwandter+, ein +Junges+ (von Hund oder Katze), ein +Ganzes+, und stark wird auch überall der alleinstehende artikellose Plural jetzt dekliniert: +Heilige+, +Verwandte+, +Geistliche+, +Gelehrte+, +Junge+ (der Hund hat +Junge+ bekommen). Werden aber diese substantivierten Adjektiva und Partizipia mit einem Adjektiv versehen, so erhält sich ihre schwache Form: ein +schönes Ganze+ (noch genau so wie ein +guter Junge+), +mein ganzes Innere+, von +auffälligem Äußern+, mit +zerstörtem Innern+, und namentlich im Genitiv der Mehrzahl: eine Anzahl +wunderlicher Heiligen+, eine Versammlung +evangelischer Geistlichen+, ein Kreis +lieber Verwandten+, die Stellung +höherer Beamten+, die Arbeiten +großer Gelehrten+, ein Kreis +geladner Sachverständigen+, große Züge +französischer Kriegsgefangnen+, die Lehren +griechischer Weisen+ usw.
Neuerdings versucht man, auch hier überall krampfhaft die starke Form durchzudrücken und lehrt, weil es heißt +ein Ganzes+, so müsse es auch heißen: ein +schönes Ganzes+, mein +ganzes Inneres+, ein +ungewöhnliches Äußeres+, mit +zerrüttetem Innerm+, und im Genitiv der Mehrzahl: ein Dutzend +deutscher Gelehrter+, die Aufnahme +choleraverdächtiger Gefangner+, das Eigentum +französischer Staatsangehöriger+, inmitten +scheelblickender Fremder+, die Genossenschaft +deutscher Bühnenangehöriger+, der Verband +sächsischer Industrieller+, zum Besten +armer Augenkranker+, zur Unterstützung +verschämter Armer+, die Anstellung +pensionierter Geistlicher+, Mißgriffe +preußischer Polizeibeamter+, die Einführung +neugewählter Stadtverordneter+, Geldbeiträge +reicher Privater+, der Streit +zweier berühmter deutscher Gelehrter+, die Zustimmung +vieler amerikanischer+, +spanischer+ und +französischer Gelehrter+, die Einbildung +etlicher wunderlicher Heiliger+ usw. Daß die gehäuften +er+ in den Endungen nicht gerade schön klingen, würde nichts zu sagen haben; das ließe sich auch gegen manche andre Endung einwenden. Aber da die schwache Form in diesem Falle das ältere ist, so verdient sie unbedingt den Vorzug. Unsre besten Schriftsteller haben nie anders geschrieben als: zur Unterstützung +verschämter Armen+, Lieder +zweier Liebenden+, zur Bewaffnung +unbegüterter Freiwilligen+, inmitten +eifersüchtiger Fremden+ usw. Wenn man heute hört: nach dem Urteil +hervorragender Gelehrter+, so vermißt man stets das Hauptwort, denkt sich unwillkürlich +hervorragender gelehrter+ geschrieben (mit g) und meint, es müsse noch folgen: +Männer+. Nur die schwache Form erzeugt das Substantivgefühl. Ein +schönes Ganzes+ und nach dem Urteil +hervorragender Gelehrter+ sind unnatürliche, gewaltsame Erzeugnisse der Halbwisserei.
Eine Liederlichkeit ist es, substantivierte weibliche Adjektivformen, wie die +Rechte+, die +Linke+, die +Weiße+ (eine Berliner +Weiße+), wie Substantiva zu behandeln und zu schreiben: die Einführung +der+ Berliner +Weiße+; richtig ist nur: +der+ Berliner +Weißen+, wie in +seiner Rechten+, auf der +äußersten Linken+. Auch die +Herbstzeitlose+ gehört hierher und die +junge Schöne+, die natürlich ebenso wie die Maskulina im Genitiv der Mehrzahl bilden muß: Ein Kreis +junger Schönen+ (nicht +Schöner+).
Das Deutsche und das Deutsch.
Die Sprach- und die Farbenbezeichnungen bilden ein substantiviertes Neutrum in zwei Formen nebeneinander, in einer Form mit Deklinationsendung und einer Form ohne Endung: +das Deutsche+ und +das Deutsch+, +das Englische+ und +das Englisch+, +das Blaue+ (ins +Blaue+ hinein reden) und +das Blau+ (das Himmelblau), +das Weiße+ (im Auge) und +das Weiß+ (das Eiweiß). Zwischen beiden Formen ist aber ein fühlbarer Bedeutungsunterschied. +Das Deutsche+ bezeichnet die Sprache überhaupt, und dem schließt sich auch das +Hochdeutsche+, das +Plattdeutsche+ usw. an. Sobald aber irgendein beschränkender Zusatz hinzutritt, der eine besondre Art oder Form der deutschen Sprache bezeichnet, wird die kürzere Form gebraucht: das +heutige Deutsch+, ein +fehlerhaftes Deutsch+, das +beste Deutsch+, +Goethes Deutsch+, +mein Deutsch+, +dieses Deutsch+, das +Juristendeutsch+, das +Tintendeutsch+ (Goethe im +Faust+: in +mein geliebtes Deutsch+ zu übertragen; der Deutsche ist gelehrt, wenn er +sein Deutsch+ versteht).
Die längere Form: +das Deutsche+, +das Blaue+ muß natürlich schwach dekliniert werden: der Lehrer +des Deutschen+, die beste Zensur +im Deutschen+, ein Kirchlein steht +im Blauen+, Willkommen im +Grünen+! Die kürzere Form halten manche für ganz undeklinierbar und schreiben: +des Juristendeutsch+, eines +feurigen Rot+. Sie steht aber durchaus auf einer Stufe mit andern endunglosen substantivierten Neutren, wie: das +Gut+, das +Übel+, das +Recht+, das +Dunkel+, das +Klein+ (für +Kleinod+, +Kleinet+, z. B. Gänse+klein+), das +Wild+, und es ist nicht einzusehen, weshalb man nicht sagen soll: des +Eigelbs+, des +Tintendeutschs+. An das +tschs+ braucht sich niemand zu stoßen, sonst dürfte man auch nicht sagen: des Erd+rutschs+, des Stadt+klatschs+.
Ganz unsinnig ist, was man fort und fort auf den Titelblättern aus fremden Sprachen übersetzter Bücher lesen muß: +aus dem Französischen des Voltaire+ übersetzt u. ähnl. Man kann über +das Französisch Voltaires+ (nicht +das Französische+!) eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, aber übersetzen kann man etwas nur +aus dem Französischen+ schlechthin; der Name des französischen Verfassers muß an andrer Stelle auf dem Titelblatt angebracht werden: +Voltaires+ Briefe, +aus dem Französischen+ übersetzt usw.
Lieben Freunde oder liebe Freunde?
Obwohl es keinem Menschen einfällt, in der Anrede zu sagen: +teuern+ Freunde, +geehrten+ Herren, +geliebten+ Eltern, schwankt man wunderlicherweise seit alter Zeit bei dem Adjektivum +lieb+. Das ursprüngliche ist allerdings, daß beim Vokativ die schwache Form steht. Aber bereits im Althochdeutschen dringt die starke Form ein, und im Neuhochdeutschen gewinnt sie bis zum achtzehnten Jahrhundert die Oberhand. Auch die Kanzleisprache sagte schließlich: +liebe Getreue+ statt: +lieben Getreuen+! Und heute haben wir bei einer Verbindung wie +lieben Freunde+ (wie Luther noch schreibt) nicht mehr das Gefühl von etwas organischem, von etwas, das so in Ordnung wäre, sondern die Empfindung einer gewissen Altertümelei. Wer diese Empfindung nicht erregen will, wird die schwache Form in der Anrede vermeiden.
Wir Deutsche oder wir Deutschen?
Ist es richtiger, zu sagen: +wir Deutsche+ oder +wir Deutschen+? Diese Frage, die eine Zeit lang viel Staub aufgewirbelt hat, würde wohl gar nicht entstanden sein, wenn nicht Bismarck in der bekannten Reichstagssitzung vom 6. Februar 1888 den Ausspruch getan hätte, der dann auf zahllosen Erzeugnissen des Gewerbes (Bildern, Gedenkblättern, Denkmünzen, Armbändern usw.) angebracht worden ist: +Wir Deutsche+ fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt. Denn so hat er nach den stenographischen Berichten gesagt, und so war er also wohl gewohnt zu sagen. Aber schon der Umstand, daß die Zeitungen am 7. Februar (vor dem Erscheinen der stenographischen Berichte!) druckten: +Wir Deutschen+, und daß sich die Gewerbetreibenden vielfach zu vergewissern suchten, wie er denn eigentlich gesagt habe, zeigt, daß seine Ausdrucksweise auffällig war; dem Volksmunde war geläufiger: +wir Deutschen+, und so ist in der Tat schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert viel öfter gesagt worden als +wir Deutsche+, obwohl es in der Einzahl heißt: +ich Deutscher+, und heute vollends sagt niemand mehr: +wir Arme+, +ihr Reiche+, +wir Alte+, +ihr Junge+, sondern +wir Armen+ (Gretchen im Faust: am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach +wir Armen+!), +ihr Reichen+, +wir Alten+, +ihr Jungen+, +wir Konservativen+, +wir Liberalen+, +wir Wilden+ (Seume: +wir Wilden+ sind doch beßre Menschen), +wir Geistlichen+, +wir Gesandten+, +wir Vorgenannten+, +wir Unterzeichneten+, +wir armen Deutschen+, +wir guten dummen Deutschen+, +wir Deutschen+ sind halt +Deutsche+! Es ist gar nicht einzusehen, weshalb gerade die Deutschen von all diesen substantivierten Adjektiven und Partizipien eine Ausnahme machen sollen. Wenn sich augenblicklich gewisse Leute, denen es gar nicht einfallen würde, zu sagen: +wir Arme+, mit dem vereinzelt aufgeschnappten und ihrem eignen Munde ganz ungewohnten +wir Deutsche+ spreizen, so ist das einfach lächerlich.
Die Ursache, weshalb hinter +wir+ und +ihr+ schon früh die schwache Form bevorzugt worden ist, ist offenbar dieselbe, die hinter den hinweisenden Fürwörtern, den besitzanzeigenden Adjektiven und hinter +alle+ und +keine+ wirksam gewesen ist (vgl. S. 32): daß es sich um eine bestimmte Menge handelt. Wenn man sagt: +wir Deutschen+, so meint man damit entweder alle Deutschen überhaupt oder alle Deutschen in einem bestimmten Falle, z. B. alle, die in einer aus Angehörigen verschiedner Nationen gemischten Versammlung anwesend sind. Daß im Akkusativ der Mehrzahl die starke Form vorgezogen worden ist: +uns Deutsche+, hat seinen Grund wieder darin, daß man ihn sonst nicht hätte vom Dativ unterscheiden können (bei Burkhard Waldis aber: und das Reich an +uns Deutschen+ kummen).
Ein Unterschied läßt sich zwischen +wir beiden+ und +wir beide+ machen. Wenn der Lehrer am Schluß der Stunde fragt: wer ist noch nicht drangewesen? ein Schüler dann antwortet: +Wir beiden+ sind noch nicht drangewesen, der Lehrer das bezweifelt und sagt: Ich dächte, +du+ wärst schon drangewesen, so kann der Schüler das zweitemal antworten: Nein, +wir beide+ sind noch nicht drangewesen. Im zweiten Falle wird +beide+ zum Prädikat gezogen, +wir beiden+ dagegen ist dasselbe wie +wir zwei+. Freilich heißt es in Holteis Mantellied auch: +Wir beide+ haben niemals gebebt.
Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff
Ein gemeiner Fehler, für den leider in den weitesten, auch in gebildeten Kreisen schon gar kein Gefühl mehr vorhanden zu sein scheint, liegt in Verbindungen vor wie: Verein +Leipziger Gastwirte+, Ausschank +Zwenkauer Biere+, Hilfskasse +Leipziger Journalisten+, Verein +Berliner Buchhändler+, Radierungen +Düsseldorfer Künstler+, Photographien +Magdeburger Baudenkmäler+, eine Sammlung +Meißner Porzellane+, die frühesten Namen +Breslauer Konsuln+, zur Topographie +südtiroler Burgen+, nach Meldungen +Dresdner Zeitungen+.
Die von Ortsnamen gebildeten Formen auf +er+ werden von vielen jetzt für Adjektiva gehalten, wie sich schon darin zeigt, daß sie sie mit kleinen Anfangsbuchstaben schreiben: +pariser+, +wiener+, +thüringer+, +schweizer+. Das ist ein großer Irrtum. Diese Formen sind keine Adjektiva, sondern erstarrte Genitive von Substantiven. Der +Leipziger Bürgermeister+ ist, wörtlich ins Lateinische übersetzt, nicht ~consul Lipsiensis~ -- das wäre der +Leipzigische+ Bürgermeister --, sondern ~Lipsiensium consul~, der Bürgermeister +der Leipziger+. Man sieht das deutlich, wenn man solche Verbindungen zugleich mit einem wirklichen Adjektivum dekliniert, z. B. der +neue Berliner Ofen+. Dann lauten die einzelnen Kasus: des neu+en+ Berlin+er+ +Ofens+, dem neu+en+ Berlin+er+ +Ofen+, den neu+en+ Berlin+er+ +Ofen+, die neu+en+ Berlin+er+ +Öfen+ usw. Während also das Adjektiv +neu+ und das Substantiv +Ofen+ dekliniert werden, bleibt +Berliner+ stets unverändert. Ganz natürlich; es ist eben kein Adjektivum, sondern ein eingeschobner, abhängiger Genitiv. Der Irrtum ist dadurch entstanden, daß man, durch den Gleichklang der Endungen verführt, solche abhängige Genitive mit dem Genitiv von wirklichen Adjektiven wie +deutscher+, +preußischer+ zusammengeworfen hat. Weil man richtig sagt: eine Versammlung +deutscher Gastwirte+, glaubt man auch richtig zu sagen: ein Verein +Leipziger Gastwirte+. Leider heißt nur hier der Nominativ nicht +Leipzige+, während er dort +deutsche+ heißt.
Nun ist aber in der artikellosen Deklination der Genitiv der Mehrzahl, wenn er nicht durch ein hinzugesetztes Adjektiv kenntlich gemacht wird, überhaupt nicht kenntlich; er muß (leider!) durch die Präposition +von+ umschrieben werden. Wenn man sagt: eine +Versammlung großer Künstler+, so ist der Genitiv durch das Attribut +großer+ genügend kenntlich gemacht; aber ~societas artificum~ läßt sich nimmermehr übersetzen: ein +Verein Künstler+, sondern nur ein +Künstlerverein+ oder: ein +Verein von Künstlern+; erst durch das +von+ entsteht ein erkennbarer Genitiv. Ganz ebenso ist es aber auch, wenn zu dem Substantiv ein Attribut tritt, das nicht deklinierbar ist, z. B. ein Zahlwort oder ein abhängiger (kein attributiver) Genitiv. So unmöglich und so falsch es ist, zu sagen: infolge +Streitigkeiten+, wegen +Sonderzüge+, mangels +Beweise+, ein Bund +sechs Städte+, innerhalb +vier Wochen+, nach Verlauf +vier Wochen+, die Lieferung +fünftausend Gewehre+, in der ersten Zeit +dessen Leitung+, mit Bewilligung +dessen Eltern+, unter Angabe +deren Kennzeichen+, die Neubesetzung +Herrn Dornfelds Stelle+, unterhalb ~Dr.~ +Heines Brücke+, der Verkauf +ihres Mannes Bücher+, Genüsse +mancherlei Art+, eine Quelle +allerhand Verlegenheiten+, so gewiß in allen diesen Fällen der Genitiv nur mit Hilfe der Präposition +von+ kenntlich gemacht werden kann (ein Bund +von sechs Städten+, eine Quelle +von allerhand Verlegenheiten+), so gewiß muß es auch heißen: Verein +von Leipziger Gastwirten+, Verhaftung +von Erfurter Bürgern+, Verkauf +von Magdeburger Molkereibutter+; bei +Verein Berliner Künstler+ glaubt man immer nur einen Nominativ zu hören: ein +Verein Künstler+, wie bei: eine +Menge Menschen+, ein +Haufe Steine+, ein +Sack Geld+, ein +Stück Brot+ usw.[25]
Ebenso falsch ist es, wenn geschrieben wird: an Bord +Sr. Majestät Schiff Möwe+, die Forschungsreise +Sr. Majestät Schiff Gazelle+. Der Genitiv +Sr. Majestät+ hängt ab von +Schiff+. Aber wovon hängt +Schiff+ ab? Von nichts: es schwebt in der Luft. Und doch soll auch das ein Genitiv sein, der von +Bord+ oder +Reise+ abhängt. Der kann nur dadurch erkennbar gemacht werden, daß man schreibt: an Bord +von Sr. Majestät Schiff+ Gazelle, denn an Bord +Sr. Majestät Schiffs+ Gazelle wird niemand sagen wollen.[26]
Anstatt des abhängigen +dessen+ und +deren+ braucht man sich nur des attributiven +sein+ und +ihr+ zu bedienen, und der Genitiv ist sofort erkennbar. Falsch ist: ich gedenke +dessen+ Güte und Macht -- die Briefe Goethes an seinen Sohn während +dessen+ Studienjahre in Heidelberg -- eine Darstellung der alten Kirche und +deren+ Kunstschätze -- die Interessen der Stadt und +deren+ Einwohner -- eine Aufzählung aller Güter und +deren+ Besitzer -- eine Versammlung sämtlicher evangelischen Fürsten und +deren+ Vertreter -- eine Tochter des Herrn Direktor Schmidt und +dessen+ Gemahlin -- zum Besten der Verunglückten und +deren+ Hinterlassenen -- die Sicherstellung der Zukunft der Beamten und +deren+ Familien; es muß heißen: +seiner+ Güte und Macht, +seiner+ Gemahlin, +ihrer+ Hinterlassenen, +ihrer+ Familien usw.[27]
Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend?
Mannigfachen Verstößen begegnet man in der Steigerung der Adjektiva (Positiv, Komparativ, Superlativ). Von +viel+ heißt der Komparativ nicht +mehrere+, sondern +mehr+: ich habe in meinem Garten +viel+ Rosen, du hast +mehr+ Rosen, er hat die +meisten+ Rosen. +Mehrere+ ist nichts andres als +einige+, +etliche+. Wenn also ein Hausbesitzer genötigt wird, zu bescheinigen, daß +mehrere+ Hunde als die hier verzeichneten in seinem Hause nicht gehalten werden, so wird er genötigt, einen Schnitzer zu unterschreiben.
Bei Adjektiven, deren Stamm auf einen Zischlaut endigt, stoßen im Superlativ zwei Zischlaute zusammen. Das stört nicht, wenn die Wörter mehrsilbig sind (der +weibischste+, der +malerischste+), wohl aber, wenn sie einsilbig sind (der +hübschste+, der +süßste+). Man bewahrt dann lieber das e, das sonst immer ausgeworfen wird, und sagt: der +hübscheste+, der +süßeste+. Von +groß+ ist allgemein der +größte+ üblich geworden (Goethe im Götz auch: der +hübschte+, in den Briefen aus Italien: der +genialischte+).
Bei der Vorliebe, womit jetzt einfache Begriffe wie +groß+, +stark+, +schwer+ durch schleppende Zusammensetzungen wie +tiefgehend+, +weitgehend+, +weittragend+, +schwerwiegend+ ersetzt werden, entsteht oft Verlegenheit, wie man solche Zusammensetzungen im Komparativ und im Superlativ behandeln soll. Logisch ist ja die Frage leicht zu beantworten; was gesteigert werden soll, ist nicht das Partizip +gehend+, sondern das dabeistehende Adverb +tief+ oder +weit+. In vielen solchen Zusammensetzungen ist aber das Adverb mit dem Partizip so innig verwachsen, daß man kaum noch die Zusammensetzung empfindet. Wenn also auch niemand wagen wird, eine +weitverbreitete+ Unsitte zu steigern: eine +weitverbreitetere+ Unsitte, sondern eine +weiter verbreitete+,[28] das +hochbesteuerte Einkommen+, nicht: das +hochbesteuertste+, sondern das +höchstbesteuerte+, so ist doch gegen einen Komparativ wie +zartfühlender+ nichts einzuwenden, denn das Partizipium +fühlend+ wird hier gar nicht mehr als Verbalform empfunden, sondern etwa wie +fühlig+ in +feinfühlig+, und solche Zusammensetzungen (+feinsinnig+, +kleinmütig+, +böswillig+, +fremdartig+, +gleichmäßig+) gelten für einfache Wörter und können nur steigern: +kleinmütiger+, der +kleinmütigste+. Ihnen würde sich auch das neumodische +hochgradig+ anschließen. Dazwischen liegen aber nun Zusammensetzungen, bei denen manchmal kaum zu entscheiden ist, ob man sie als einfache oder als zusammengesetzte Wörter behandeln soll; sogar derselbe Mensch kann darin zu verschiednen Zeiten verschieden fühlen. Ganz unerträglich sind: der +schöngelegenste+ Teil, die +vielgenannteste+ Persönlichkeit, die +naheliegendste+ Erklärung, die +leichtlaufendste+ Maschine, die +tiefliegendere+ Bedeutung, +tiefgehendere+ Anregungen, die +feinschmeckenderen+ Sorten, die +weitblickendere+ Klugheit, eine +engbegrenztere+ Aufgabe; es muß heißen: der +schönstgelegne+, noch besser der am +schönsten gelegne+ Teil, die +am meisten genannte+ Persönlichkeit, die +tiefer liegende+ Bedeutung, +tiefer gehende+ Anregungen, die +feiner schmeckenden+ Sorten, die +nächstliegende+ Erklärung, die +weiter blickende+ Klugheit, eine +enger begrenzte+ Aufgabe. Nicht ganz so anstößig erscheint: die +wohlgemeinteste+ Warnung, die +weitgehendste+ Mitwirkung, die +weittragendste+ Bedeutung, die +fernliegendsten+ Dinge, die +hochfliegendsten+ Pläne, obwohl natürlich der +bestgemeinte+ Rat, die +weitestgehende+ Mitwirkung vorzuziehen ist. Völlig gewöhnt haben wir uns an den +tiefgefühltesten+ Dank und an die +hochgeehrtesten+ oder +hochverehrtesten+ Damen und Herren. Schön kann man trotzdem solche Steigerungen nicht nennen; sie klingen alle mehr oder weniger schleppend und schwülstig, und was sie ausdrücken sollen, kann meist durch ein einfacheres Wort oder durch einen kurzen Nebensatz ebenso kräftig und deutlich gesagt werden.
Größtmöglichst
Noch schlimmer freilich sind die jetzt so beliebten doppelten Superlativbildungen, wie die +besteingerichtetsten+ Verkehrsanstalten, die +bestbewährtesten+ Fabrikate, die +höchstgelegenste+ Wohnung, der +feinstlaubigste+ Kohlrabi u. ähnl. (statt der +besteingerichteten+ oder der +bewährtesten+). Für +so gut wie möglich+ kann man natürlich auch sagen: +möglichst gut+. Es gibt ja verschiedne Grade der Möglichkeit, es kann etwas leichter möglich sein und auch schwerer möglich; man sagt auch: tue dein +möglichstes+! Wie muß sich aber diese Steigerung mißhandeln lassen! Die einen stellen die Wörter verkehrt, bringen den Superlativ an die falsche Stelle und sagen +bestmöglich+, in der irrigen Meinung, das Wort sei eine Zusammenziehung aus: der +beste+, der +möglich+ ist; andre wissen sich gar nicht genug zu tun und bilden auch hier wieder den doppelten Superlativ +bestmöglichst+, +größtmöglichst+: mit +größtmöglichster+ Beschleunigung. Das beste ist, auch solche schwülstige Übertreibungen zu vermeiden. Das gilt auch von der beliebten Steigerung: der +denkbar größte+. Wenn ein Nutzen nicht der +denkbar größte+ wäre, so wäre er doch auch nicht der +größte+. Welch unnötiger Wortschwall also! Manche sind aber in dieses +denkbar+ so verliebt, daß sie es sogar zum Positiv setzen: in ihrer Stimmung sind beide Altarflügel +denkbar verschieden+.
Vollkommener Unsinn ist es natürlich, wenn gedankenlose Menschen jetzt der +erste beste+ zusammenziehen in der +erstbeste+, wenn ein Arzt bittet, +möglichst keine+ Briefe an ihn zu richten, da er verreist sei, eine Herrschaft einen +möglichst verheirateten+ oder einen +möglichst unverheirateten+ Kutscher zu +möglichst sofortigem+ Antritt sucht, Zeitungen ihre Abonnenten auffordern, das Abonnement +baldgefälligst+ zu erneuern, oder ein Kaufmann seine Kunden bittet, ihm +baldmöglichst+ oder +baldgefälligst+ ihre geschätzten Aufträge oder Bestellungen zukommen zu lassen. Was sie meinen, ist weiter nichts als: +womöglich keine+, +womöglich verheiratet+, +womöglich sofort+, und: +möglichst bald+, +gefälligst bald+. Aber namentlich das +baldgefälligst+, so albern es auch ist, gehört zu den Lieblingswörtern aller Geschäftsleute und Beamten.
Ebenso unsinnig ist es, wenn ein Superlativ von +einzig+ gebildet wird: der +Einzigste+, der bisher Großes in diesem Fache geleistet hat. Einziger als einzig kann doch niemand sein.
Gedenke unsrer oder unser?
Auch in der Deklination der Fürwörter herrscht hie und da Unwissenheit oder Unsicherheit. Daß man eine Frage besprechen muß wie die: gedenke +unsrer+ oder +unser+? ist sehr traurig, aber es ist leider nötig, denn der Fehler: wir sind +unsrer+ acht -- es harrt +unsrer+ eine schwere Aufgabe, oder: wir gedenken +eurer+ in Liebe, kommt so oft vor, daß man fast annehmen möchte, die Leute wären der Meinung, die kürzeren Formen seien nur durch Nachlässigkeit entstanden.
Die Genitive der persönlichen Fürwörter +ich+, +du+, +er+, +wir+, +ihr+, +sie+ heißen: +mein+, +dein+, +sein+, +unser+, +euer+, +ihr+, z. B.: gedenke +mein+, vergiß +mein+ nicht, der Buhle +mein+, ich denke +dein+, +unser+ einer, +unser aller+ Wohl, +unser+ keiner lebt ihm selber.[29] Daneben sind freilich im Singular schon früh die unorganischen Formen +meiner+, +deiner+, +seiner+ aufgekommen und haben sich festgesetzt, aber doch ohne die echten, alten Formen ganz verdrängen zu können (Gellert: der Herr hat +mein+ noch nie vergessen, vergiß, mein Herz, auch +seiner+ nicht); +ihr+ ist leider ganz durch +ihrer+ verdrängt worden; wir wollen uns +ihrer+ annehmen. Aber in der ersten und zweiten Person der Mehrzahl ist doch die richtige alte Form noch so lebendig, daß es unverantwortlich wäre, wenn man sie nicht gegen die falsche, die sich auch hier eindrängen will, in Schutz nähme. +Unsrer+ und +eurer+ sind Genitive des besitzanzeigenden Eigenschaftswortes, aber nicht des persönlichen Fürworts. Also: erbarmt euch +unser+ und +unsrer+ Kinder![30]
Derer und deren
Die Genitive der Mehrzahl +derer+ und +deren+ sind der alten Sprache überhaupt unbekannt, sie hat nur ~der~; beide sind -- ebenso wie die Genitive der Einzahl +dessen+ und +deren+ -- erst im Neuhochdeutschen gebildet worden und als willkommne Unterscheidungen des betonten und lang gesprochnen Determinativs und Relativs +der+ (~dēr~) von dem gewöhnlich unbetonten und kurz gesprochnen Artikel +der+ (~dĕr~) festgehalten worden. +Derer+ steht vor Relativsätzen (und verdient dort den Vorzug vor dem schleppenden +derjenigen+); +deren+ ist Demonstrativum: die Krankheit und +deren+ Heilung (d. i. +ihre+ Heilung) und Relativum: die Krankheiten, +deren+ Heilung möglich ist. Falsch ist es also, wenn Relativsätze angefangen werden: in betreff +derer+, vermöge +derer+.
Ein ganz neuer Unsinn, den man jetzt bisweilen lesen muß, ist +dessem+ und +derem+: der Dichter, +dessem+ löblichen Fortschreiten ich mit Freuden folge -- die Geschäfte werden inzwischen von +dessem+ Stellvertreter besorgt -- die fremde Kunst, bei +derem+ Studium der Deutsche seine eigne Kunst vergaß -- für die Behörden zu +derem+ alleinigen Gebrauch ausgefertigt. Der Dativ, der in diesen Sätzen steht, hat gleichsam den vorangehenden abhängigen Genitiv angesteckt und dadurch die Mißbildungen geschaffen. Die Verirrung geht aber wohl öfter in den Köpfen der Setzer als in denen der Schriftsteller vor; bei der Korrektur lesen die Verfasser über den Unsinn weg, und so wird er mit gedruckt. Auch +dergleichem+ findet sich schon: er ist zu Verschickungen und +dergleichem+ gebraucht worden.[31]
Einundderselbe
Der arge Mißbrauch, der mit dem Pronomen +derselbe+ getrieben wird (daß man es fortwährend für +er+ oder +dieser+ gebraucht; vgl. S. 226), hat dazu geführt, daß man nun +einundderselbe+ sagen zu müssen glaubt, wo man +derselbe+ mit seiner wirklichen Bedeutung meint. Diese überflüssige Zusammensetzung wird vollends schleppend, wenn man sie pedantisch dekliniert: +eines und desselben+, +einem und demselben+. Wer sie nicht entbehren zu können glaubt, der schreibe wenigstens: an +einunddemselben Tage+, im Laufe +einunddesselben+ Jahres, in +einundderselben+ Hand. Dieselbe Freiheit nimmt man sich ja auch bei +Grund und Boden+: die Entwertung des +Grund und Bodens+ (als ob beides nur +ein+ Wort wäre), nicht des +Grundes und Bodens+; ebenso: ein Hut mit +blau und weißem+ Band, wenn nicht zwei verschiedenfarbige Bänder gemeint sind, sondern ein zweifarbiges.
Man
Daß auch das unpersönliche Fürwort +man+ dekliniert werden kann, dessen sind sich die allerwenigsten bewußt. In der lebendigen Rede bilden sie zwar, ohne es zu wissen, die ~casus obliqui~ ganz richtig, aber wenn sie die Feder in die Hand nehmen, getrauen sie sich nicht, sie hinzuschreiben, sondern sinnen darüber nach, wie sie sich ausdrücken sollen. Der Junge, der von einem andern Jungen geneckt wird, sagt: laß +einen+ doch gehn! und wenn er sich über den Necker beschwert, sagt er: der neckt +einen+ immer. Auch der Erwachsne sagt: das kann +einem+ alle Tage begegnen. Und Lessing schreibt: macht +man+ das, was +einem+ so einfällt? -- so was erinnert +einen+ manchmal, woran +man+ nicht gern erinnert sein will -- muß +man+ nicht grob sein, wenn +einen+ die Leute sollen gehn lassen? -- Goethe sagt sogar: +eines+ Haus und Hof steht gut, aber wo soll bar Geld herkommen? Es ist also klar, die ~casus obliqui~ von +man+ werden in der lebendigen Sprache gebildet durch +eines+, +einem+, +einen+. Aber viele scheinen diese Ausdrucksweise jetzt nicht mehr für fein zu halten, scheinen sich einzubilden, daß sie nur der niedrigen Umgangssprache zukomme. Das ist bloßer Aberglaube, man kann sich gar nicht besser ausdrücken, als wie es Goethe getan hat, wenn er z. B. sagt: wenn +man+ für einen reichen Mann bekannt ist, so steht es +einem+ frei, seinen Aufwand einzurichten, wie +man+ will.
Jemandem oder jemand?
In +jemand+ und +niemand+ ist das d ein unorganisches Anhängsel. Die Wörter sind natürlich mit +man+ (+Mann+) zusammengesetzt (~ieman~, ~nieman~), im Mittelhochdeutschen heißen Dativ und Akkusativ noch ~iemanne~, ~niemanne~, ~ieman~, ~nieman~. Da sich das Gefühl dafür durchaus noch nicht verloren hat, da es jedermann noch versteht, wenn man sagt: ich habe +niemand+ gesehen, du kannst +niemand+ einen Vorwurf machen, so ist nicht einzusehen, weshalb die durch Mißverständnis entstandnen Formen +jemandem+, +niemandem+, +jemanden+, +niemanden+ den Vorzug verdienen sollten.
Jemand anders
Der gute Rat, bei den Adjektiven, deren Stamm auf er endigt, immer die schönen, kräftigen Formen: +unsers+, +andern+ den weichlichen Formen: +unsres+, +andren+ vorzuziehen (vgl. S. 29), erleidet eine Ausnahme bei dem Neutrum +anders+. Unser heutiges Umstandswort +anders+ (ich hätte das +anders+ gemacht) ist ursprünglich nichts „andres“ als das Neutrum von +andrer+, +andre+, +andres+ (ein +andres+ Kleid). Die Sprache hat sich hier des ganz äußerlichen Mittels bedient, das einemal den Vokal der Endung, das andremal den des Stammes auszuwerfen, um einen Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb zu schaffen. (Ebenso bei +besondres+ und +besonders+.) An diesem Unterschied ist natürlich nun festzuhalten, niemand wird schreiben ein +anders+ Kleid. Zum Glück hat sich aber in der lebendigen Sprache in den Verbindungen: +wer anders+, +was anders+, +jemand anders+, +niemand anders+ die kräftigere Form erhalten; man sagt: +wer anders+ sollte mir helfen? -- das ist +niemand anders+ gewesen als du -- und die Schlußzeile einer bekannten Fabel: ja, Bauer, das ist ganz was +anders+ -- ist durchaus nicht bloß wegen des Reimes auf +Alexanders+ so geschrieben. In allen diesen Verbindungen ist +anders+ nicht etwa als Adverb aufzufassen, sondern es ist der Genitiv des geschlechtslosen Neutrums, das zur Bezeichnung beider Geschlechter dient, wie in +jemand fremdes+. Darnach kann nun auch kein Zweifel sein, wie diese Verbindungen zu deklinieren sind. Der Volksmund hat das richtige, wenn er sagt: von +wem anders+ soll ich mir denn helfen lassen? -- ich bin mit +niemand anders+ in Berührung gekommen. Mit +niemand anderm+ ist falsch, freilich nicht viel falscher als: von +was anderm+, zu +was besserm+, zu +nichts gutem+, wo auch das abhängige Wort, das eigentlich im Genitiv stehen müßte, die Kasusbezeichnung übernommen hat, die in +was+ und +nichts+ nicht zum Ausdrucke kommt.
Ein andres und etwas andres
Das Neutrum von +jemand anders+ heißt +etwas andres+, im Volksmunde +was andres+. Die Mutter sagt: ich habe dir +was schönes+ oder +etwas schönes+ mitgebracht. Ebenso +etwas gutes+, +etwas rechtes+, +etwas wahres+, +etwas großes+, +etwas wesentliches+, +etwas neues+, +etwas weiteres+. Dieses schlichte +was+ oder +etwas+ verschmäht man aber jetzt, man schreibt: und noch +ein andres+ muß ich erwähnen -- zunächst möchte ich +ein allgemeines+ voranschicken -- und nun können wir noch +ein weiteres+ hinzufügen -- man darf nicht glauben, daß damit +ein wesentliches+ gewonnen sei -- auch der reichhaltigste Stoff muß +ein spezifisches+ haben, das ihn von tausend andern unterscheidet; und man kommt sich äußerst vornehm vor, wenn man so schreibt. Sogar ein Lied von Oskar von Redwitz, das in der Komposition von Liszt das Entzücken aller Backfische ist, fängt an: Es muß +ein wunderbares+ sein ums Lieben zweier Seelen! Es ist aber nichts als alberne Ziererei. Poetischer wird das Lied durch das +ein+ sicherlich nicht.
„Etwas andres“ ist es, wenn +ein+ nicht das unbestimmte Fürwort, sondern das Zahlwort bedeuten soll, z. B.: dann hätte das Unternehmen wenigstens +ein gutes+ gehabt. Das ist natürlich ebenso richtig wie: +das eine gute+.
Zahlwörter
Gegen die richtige Bildung der Zahlwörter werden nur wenig Verstöße begangen; es ist auch kaum Gelegenheit dazu. Lächerlich ist es, daß manche Leute immer +sechszig+ und +siebenzig+ drucken lassen, denn in ganz Deutschland sagt man +sechzig+ und +siebzig+. Für +fünfzehn+ und +fünfzig+ sagen manche lieber +funfzehn+ und +funfzig+. Im Althochdeutschen stand neben unflektiertem ~funf~ ein flektiertes ~funfi~, woraus im Mittelhochdeutschen +fünfe+ wurde. +Funfzig+ ist nun mit +funf+ gebildet, mit +fünf+ dagegen +fünfzehn+ und +fünfzig+, die in der Schriftsprache die Oberhand gewonnen haben.[32]
Statt +hundertunderste+ kann man jetzt öfter lesen: +hundertundeinte+, aber doch nur nach dem unbestimmten Artikel: nicht als ob ich zu den hundert Fausterklärungen noch +eine hundertundeinte+ hinzufügen wollte. Es schwebt dabei wohl weniger die Reihenfolge und der neue letzte Platz in dieser Reihenfolge vor, als die Zahl, die von +hundert+ auf +hundertundeins+ steigt. Trotzdem hat die Form keine Berechtigung.
Die Bildungen +anderthalb+ (d. h. der andre, der zweite halb), +drittehalb+ (2½), +viertehalb+ (3½) sind jetzt mehr auf die Umgangssprache beschränkt; in der Schriftsprache sind sie seltner geworden. Es ist aber nichts gegen sie einzuwenden.
Starke und schwache Konjugation
Wie bei den Hauptwörtern zwischen einer starken und einer schwachen Deklination, so unterscheidet man bei den Zeitwörtern zwischen einer starken und einer schwachen Konjugation. Starke Zeitwörter nennt man die, die ihre Formen nur durch Veränderung des Stammwortes bilden, schwache die, die zur Bildung ihrer Formen andrer Mittel bedürfen. Ein starkes Zeitwort ist: ich +springe+, ich +sprang+, ich bin +gesprungen+, ein schwaches: ich +sage+, ich +sagte+, ich habe +gesagt+. Die Veränderung des Stammvokals nennt man den Ablaut, die verschiednen Wege, die der Ablaut einschlägt, die Ablautsreihen.[33] Die wichtigsten Ablautsreihen sind: ei, i, i (+reite+, +ritt+, +geritten+), ei, ie, ie (+bleibe+, +blieb+, +geblieben+), ie, o, o (+gieße+, +goß+, +gegossen+), i, a, u (+binde+, +band+, +gebunden+), i, a, o (+schwimme+, +schwamm+, +geschwommen+), e, a, o (+nehme+, +nahm+, +genommen+), i, a, e (+bitte+, +bat+, +gebeten+), e, a, e (+lese+, +las+, +gelesen+), a, u, a (+fahre+, +fuhr+, +gefahren+). Außerdem gibt es noch eine Mischgruppe mit ie im Imperfekt und einunddemselben Vokal im Präsens und im Partizip, wie +falle+, +fiel+, +gefallen+, +stoße+, +stieß+, +gestoßen+, +rufe+, +rief+, +gerufen+, +laufe+, +lief+, +gelaufen+, +heiße+, +hieß+, +geheißen+, wofür man jetzt bisweilen falsch +gehießen+ hören muß, als ob es in die zweite Ablautsreihe gehörte.
Fast noch bewundernswürdiger als in der Deklination der Hauptwörter ist in der Flexion der Zeitwörter die Sicherheit, mit der auch der Mindergebildete der Fülle und Mannigfaltigkeit der Formen gegenübersteht. Freilich gibt es auch hier Schwankungen und Verirrungen, darunter sogar recht ärgerliche und beschämende. Es gibt Verbalstämme, die eine starke und auch eine schwache Flexion erzeugt haben mit verschiedner Bedeutung; da ist dann Verwechslung eingetreten. Es gibt aber auch Zeitwörter, die sich bloß in die andre Flexion verirrt haben ohne Bedeutungswechsel. Bei gutem Willen ist aber doch vielleicht auch hier noch manches zu verhüten oder aufzuhalten.
Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter
Das intransitive +hangen+ und das transitive +hängen+ (eigentlich +henken+) jetzt noch streng auseinanderhalten zu wollen wäre wohl vergebliches Bemühen. Wenn auch im Perfekt noch richtig gesagt wird: ich habe das Bild +aufgehängt+, und +aufgehangen+ hier als fehlerhaft empfunden wird, so hat sich doch leider fast allgemein eingebürgert: ich +hing+ den Hut auf, und +hangen+, +abhangen+, +zusammenhangen+ erscheint uns altertümlich gesucht, obwohl es das richtige ist (Heine: und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe +hangen+). Ähnlich verhält sichs mit +wägen+ und +wiegen+; man sagt jetzt ebenso: der Bäcker +wiegt+ das Brot, wie: das Brot +wiegt+ zu wenig, obwohl es im ersten Falle eigentlich +wägt+ heißen müßte. Auch bei +schmelzen+, +löschen+ und +verderben+ ist von Rechts wegen zwischen einer transitiven schwachen und einer intransitiven starken Flexion zu unterscheiden: die Sonne +schmelzt+ den Schnee, hat den Schnee +geschmelzt+, aber der Schnee +schmilzt+, er ist +geschmolzen+; der Wind +löscht+ das Licht +aus+, hat es +ausgelöscht+, aber das Licht +verlischt+, ist +verloschen+; das Fleisch +verdirbt+, +verdarb+, ist +verdorben+, aber der schlechte Umgang +verderbt+ die Jugend, +verderbte+ sie, hat sie +verderbt+. Leider wird der Unterschied nicht überall mehr beobachtet (am ehesten noch bei +löschen+). Sehr in Verwirrung geraten sind das intransitive und das transitive +schrecken+. Das intransitive +erschrecken+ wird allgemein noch richtig flektiert: du +erschrickst+, er +erschrickt+, ich +erschrak+, ich +bin erschrocken+ (in der niederdeutschen Vulgärsprache: +ich habe mich erschrocken+!); ebenso das transitive: du +erschreckst+ mich, ich +erschreckte+, ich habe +erschreckt+. Bei +aufschrecken+ und +zurückschrecken+ aber hat die schwache Form die starke fast ganz verdrängt; selten, daß man noch einmal richtig liest: daß die Sozialdemokratie hiervor nicht +zurückschrickt+. Von dem ursprünglich intransitiven +stecken+ (der Schlüssel +steckt+ an der Tür) hat sich ein transitives +stecken+ abgezweigt (ich +stecke+ den Schlüssel an die Tür). Beide werden jetzt meist schwach flektiert; das intransitive war aber früher stark: wo +stickst+ du? Und mundartlich heißt es ja noch heute: der Schlüssel +stak+.
Schlechterdings nicht verwechselt werden sollte +gesonnen+ und +gesinnt+, +geschaffen+ und +geschafft+. +Gesonnen+ kann nur die Absicht oder den Willen bedeuten: ich bin +gesonnen+, zu verreisen; +gesinnt+, das gar nicht von dem Zeitwort +sinnen+, sondern von dem Hauptwort +Sinn+ gebildet ist (wie +gewillt+ nicht von +wollen+, sondern von +Wille+), kann nur von der Gesinnung gebraucht werden: er war gut deutsch +gesinnt+, er ist mir feindlich +gesinnt+. +Schaffen+ bedeutet in der starken Flexion (+schuf+, +geschaffen+) die wirklich schöpferische Tätigkeit, das Hervorbringen: der Dichter hat ein neues Werk +geschaffen+. Ist aber nur arbeiten, hantieren, ausrichten, bewirken, bringen (z. B. Waren auf den Markt schaffen) gemeint, so muß es schwach flektiert werden (+schaffte+, +geschafft+). Von +Rat schaffen+ also, +Nutzen schaffen+, +Abhilfe schaffen+, +Ersatz schaffen+, +Raum schaffen+, +Luft schaffen+ und dem jetzt in der Zeitungssprache so beliebten +Wandel schaffen+ dürfen durchaus nur die schwachen Formen gebildet werden; es ist falsch, zu sagen: hier muß +Wandel geschaffen+ werden. Ein +neuer Raum+ (ein Zimmer, ein Saal) kann +geschaffen+ werden, aber +Raum+ (Freiheit der Bewegung) wird +geschafft+.
Auch das starke Zeitwort +schleifen+ (+schliff+, +geschliffen+) hat im Laufe der Zeit ein schwaches von sich abgespaltet (+schleifte+, +geschleift+), das andre Bedeutung hat. Das Messer wird +geschliffen+, aber die Kleiderschleppe wird über den Boden +geschleift+. Früher wurden auch Städte und Festungen +geschleift+, auch Verbrecher auf einer Kuhhaut auf den Richtplatz +geschleift+; jetzt wird nur noch ein Student vom andern in die Kneipe +geschleift+, und dort wird dann +gekneipt+ (nicht +geknippen+), denn +kneipen+ „in diesem Sinne“ ist nur eine Ableitung von +Kneipe+.
Zwei ganz verschiedne Verba, ein starkes und ein schwaches, begegnen einander in +laden+. Zwar werden jetzt ebenso Gäste +geladen+ wie Kohlen und Gewehre, auch sagt man schon in beiden Fällen: ich +lud+. Im Präsens wird aber doch noch bisweilen unterschieden zwischen: du +ladest+ oder er +ladet+ mich ein (Schiller: es lächelt der See, er +ladet+ zum Bade) und: er +lädt+ das Gewehr.
Sehr unangenehm fällt die fortwährende Vermischung von +dringen+ und +drängen+ auf. +Dringen+ ist intransitiv und hat zu bilden: ich +drang+ vor, ich bin +vorgedrungen+. +Drängen+ dagegen ist transitiv oder reflexiv und kann nur bilden: ich +drängte+, ich habe +gedrängt+; also auch: ich +drängte mich+ vor, ich habe +mich vorgedrängt+, es wurde mir +aufgedrängt+. Durchaus falsch ist: ich +dringe mich+ nicht auf, ich habe +mich+ nicht +aufgedrungen+, diese Auffassung hat sich mir +aufgedrungen+.
Eine ärgerliche Verwirrung ist bei +dünken+ eingerissen. Man sollte dieses Wort, das ohnehin für unser heutiges Sprachgefühl etwas gesucht altertümelndes hat, doch lieber gar nicht mehr gebrauchen, wenn man es nicht mehr richtig flektieren kann! Das Imperfekt von +dünken+ heißt +deuchte+; beide Formen verhalten sich zueinander ebenso wie +denken+ und +dachte+, womit sie ja auch stammverwandt sind. Aus +deuchte+ hat man aber ein Präsens +deucht+ gemacht, noch dazu falsch mit dem Dativ verbunden: +mir deucht+ (!). Wer sich ganz besonders fein ausdrücken will, sagt immer: +mir deucht+ (statt +mir scheint+) und macht dabei zwei Schnitzer in zwei Worten. Das richtige ist: +mich dünkt+ und +mich deuchte+.
+Willfahren+ und +radebrechen+ (eine Sprache) sind nicht mit +fahren+ und +brechen+ zusammengesetzt, sondern von Hauptwörtern abgeleitet, von einem nicht mehr vorhandnen ~willevar~ und von der +Radebreche+, einer abschüssigen, für die Wagen gefährlichen Straßenstelle.[34] Beide werden also richtig schwach flektiert: er +willfahrt+, +willfahrte+, hat +gewillfahrt+, er +radebrecht+, +radebrechte+, hat +geradebrecht+.
Von manchen schwachen Verben ist vereinzelt ein starkes Partizip gebräuchlich mit einer besonders gefärbten Bedeutung, z. B. +verschroben+ (von +schrauben+), +verwunschen+ (der +verwunschne+ Prinz, von +verwünschen+), +unverhohlen+ (ich habe ihm +unverhohlen+ meine Meinung gesagt, von +verhehlen+).
Frägt und frug
Eine Schande ist es -- nicht für die Sprache, die ja nichts dafür kann, wohl aber für die Schule, die das recht gut hätte verhüten können und doch nicht verhütet hat --, mit welcher Schnelligkeit in ganz kurzer Zeit die falschen Formen +frägt+ und +frug+ um sich gegriffen haben, auch in Kreisen, die für gebildet gelten wollen und den Anspruch erheben, ein anständiges Deutsch zu sprechen. Der Fehler wird deshalb so ganz besonders widerwärtig, weil sichs dabei um ein Zeitwort handelt, das hundertmal des Tags gebraucht wird. Das immer falsch hören und -- lesen zu müssen, ist doch gar zu greulich.
Die Zeitwörter mit +ag+ im Stamme teilen sich in zwei Gruppen; die eine Gruppe gehört dem starken Verbum, die andre dem schwachen an. Die erste Gruppe bilden die beiden Verba: ich +trage+, du +trägst+ -- ich +trug+ -- ich habe +getragen+, ich +schlage+, du +schlägst+ -- ich +schlug+ -- ich habe +geschlagen+; sie haben dieselbe Ablautsreihe wie +fahre+, +fuhr+, +gefahren+ -- +grabe+, +grub+, +gegraben+ -- +wachse+, +wuchs+, +gewachsen+ u. a. Zur zweiten Gruppe gehören: ich +sage+, du +sagst+ -- ich +sagte+ -- ich habe +gesagt+, ich +jage+, du +jagst+ -- ich +jagte+ -- ich habe +gejagt+; ebenso +klagen+, +nagen+, +plagen+, +ragen+, +wagen+, +zagen+. +Fragen+ hat nun seit Jahrhunderten unbezweifelt zur zweiten Gruppe gehört: ich +frage+, du +fragst+ -- ich +fragte+ -- ich habe +gefragt+. Unsre Klassiker kennen keine andre Form. Zwei der besten deutschen Prosaiker, Gellert und Lessing, wissen von +frägt+ und +frug+ gar nichts. Nur ganz vereinzelt findet sich in Versen, also unter dem beengenden Einflusse des Rhythmus, +frug+; so bei Goethe in den Venezianischen Epigrammen: niemals +frug+ ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert -- bei Schiller im Wallenstein: jawohl, der Schwed +frug+ nach der Jahrszeit nichts. Auch Bürger hat es (Lenore: sie +frug+ den Zug wohl auf und ab, und +frug+ nach allen Namen), und da haben wir denn auch die Quelle: es stammt aus dem Niederdeutschen. Bürger war 1747 in Molmerswende bei Halberstadt geboren; wahrscheinlich sagte man dort schon zu seiner Zeit allgemein frug.[35] Aber noch in den fünfziger und sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hörte man die Dialektform in der gebildeten Umgangssprache so gut wie gar nicht. Auf einmal tauchte sie auf. Und nun ging es ganz wie mit einer neuen Kleidermode, sie verbreitete sich anfangs langsam, dann schneller und immer schneller,[36] und heute schwatzen nicht bloß die Ladendiener und die Ladenmädchen in der Unterhaltung unaufhörlich: ich +frug+ ihn, er +frug+ mich, wir +frugen+ sie, sondern auch der Student, der Gymnasiallehrer, der Professor, alle schwatzens mit, alle Zeitungen, alle Novellen und Romane schreibens, das richtige bekommt man kaum noch zu hören oder zu lesen. Es fehlte nur, daß auch noch gesagt und geschrieben würde: ich habe +gefragen+, er hat mich +gefragen+ usw.[37] Wie lange wird die alberne Mode dauern? wird sie nicht endlich dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Alle guten Schriftsteller und alle anständigen Zeitschriften und Zeitungen brauchten nur die falschen Formen beharrlich zu meiden, so würden wir sie bald ebenso schnell wieder lossein, wie sie sich eingedrängt haben.[38]
Merkwürdig ist es, daß in diesem Falle die Sprache einmal aus der schwachen in die starke Konjugation abgeirrt ist. Gewöhnlich verläuft sie sich in umgekehrter Richtung. Wie kleine Kinder, die erst reden lernen, anfangs starke Verba gern nach der schwachen Konjugation bilden: ich +schreibte+, der Käfer +fliegte+, der Mann, der da +reinkamte+, so haben es auch immer die großen Kinder gemacht, die nicht ordentlich hatten reden lernen. So werden +falten+ und +spalten+, die ursprünglich stark flektiert wurden (+falte+, +fielt+, +gefalten+), jetzt schwach flektiert: mit +gefalteten+ Händen; von +spalten+ hat sich nur das starke Partizip erhalten: +gespaltnes+ Holz. Aber einzelne Zeitwörter sind schon in alter Zeit auch den umgekehrten Weg gegangen; so ist das ursprüngliche +geweist+ und +gepreist+ schon längst durch +gewiesen+ und +gepriesen+ verdrängt worden, und in Mitteldeutschland kann man im Volksmunde hören: es wurde mit der großen Glocke +gelauten+, ich habe den ganzen Winter kalt +gebaden+.[39]
Übergeführt und überführt
Auch das transitive +führen+ (d. h. bringen) und das intransitive +fahren+ (d. h. sich bewegen) noch auseinanderhalten zu wollen, wäre vergebliches Bemühen. In beiden Bedeutungen wird schon längst bloß noch +fahren+ gebraucht: ich +fahre+ im Wagen, und der Kutscher +fährt+ mich. Es kann aber gar nichts schaden, wenn man sich an +Fuhre+, +Fuhrmann+, +Bierführer+, dem ältern +Buchführer+ (statt Buchhändler) u. a. den ursprünglichen Unterschied gegenwärtig hält. Und dazu könnte auch +überführen+ dienen, das jetzt in der Zeitungsprache (als Ersatz für +transportieren+) beliebt geworden ist, wenn man es nur nicht fortwährend falsch flektiert lesen müßte! Täglich muß man in Zeitungen von +überführten+ Kranken und +überführten+ Leichen lesen, das soll heißen: von Personen, die in das oder jenes Krankenhaus oder nach ihrem Tode in die Heimat zum Begräbnis gebracht worden sind. Wie kann sich das Sprachgefühl so verirren! Verbrecher werden +überführt+, wenn ihnen trotz ihres Leugnens ihr Verbrechen nachgewiesen wird: dann aber werden sie ins Zuchthaus +übergeführt+, wenn denn durchaus „geführt“ werden muß.
Es gibt eine große Anzahl zusammengesetzter Zeitwörter, bei denen, je nach der Bedeutung, die sie haben, bald die Präposition, bald das Zeitwort betont wird, z. B. +über+setzen (den Wandrer über den Fluß) und über+setzen+, +über+fahren (über den Fluß) und über+fahren+ (ein Kind auf der Straße), +über+laufen (vom Krug oder Eimer gesagt) und über+laufen+ (es über+läuft+ mich kalt, er über+läuft+ mich mit seinen Besuchen), +über+legen (über die Bank) und über+legen+, +über+gehen (zum Feinde) und über+gehen+ (den nächsten Abschnitt), +unter+halten (den Krug am Brunnen) und unter+halten+, +unter+schlagen (die Beine) und unter+schlagen+ (eine Geldsumme), +unter+breiten (einen Teppich) und unter+breiten+ (ein Bittgesuch), +hinter+ziehen (ein Seil) und hinter+ziehen+ (die Steuern), +um+schreiben (noch einmal oder ins Reine schreiben) und um+schreiben+ (einen Ausdruck durch einen andern), +durch+streichen (eine Zeile) und durch+streichen+ (eine Gegend), +durch+sehen (eine Rechnung) und durch+schauen+ (einen Betrug), +um+gehen und um+gehen+, +hinter+gehen und hinter+gehen+, +wieder+holen und wieder+holen+ usw. Gewöhnlich haben die Bildungen mit betonter Präposition die eigentliche, sinnliche, die mit betontem Verbum eine übertragne, bisweilen auch die einen eine transitive, die andern eine intransitive Bedeutung. Die Bildungen nun, die die Präposition betonen, trennen bei der Flexion die Präposition ab, oder richtiger: sie verbinden sie nicht mit dem Verbum (ich +breite unter+, ich +streiche durch+, ich +gehe hinter+, daher auch +hinterzugehen+) und bilden das Partizip der Vergangenheit mit der Vorsilbe +ge+ (+untergebreitet+, +durchgestrichen+, +hintergegangen+); die dagegen, die das Verbum betonen, lassen bei der Flexion Verbum und Präposition verbunden (ich +unterbreite+, ich +durchstreiche+, ich +hintergehe+, daher auch +zu hintergehen+) und bilden das Partizip ohne die Vorsilbe +ge+ (+unterbreitet+, +durchstrichen+, +hintergangen+). Darnach ist es klar, daß von einem Orte zum andern etwas nur +übergeführt+, aber nicht +überführt+ werden kann. Ebenso verhält sichs mit +übersiedeln+, wo das Sprachgefühl neuerdings auch ins Schwanken gekommen ist. Richtig ist nur, wann siedelst du +über+? ich bin schon +übergesiedelt+, aber nicht: wann +übersiedelst+ du? ich bin schon +übersiedelt+, die Familie +übersiedelte+ nach Berlin.
Die Verwirrung stammt aus Süddeutschland und namentlich aus Österreich, wo nicht nur der angegebne Unterschied vielfach verwischt wird, sondern überhaupt die Neigung besteht, das Gebiet der trennbaren Zusammensetzung immer mehr einzuschränken. Der Österreicher sagt stets: über+führt+, über+siedelt+; er an+erkennt+ etwas, er unter+ordnet+ sich, eine Aufgabe ob+liegt+ ihm, er redet von einem unter+schobnen+ Kinde, von dem Text, der einem Liede unter+legt+ ist, er unter+bringt+ einen jungen Mann in einem Geschäft, er über+schäumt+ vor Entrüstung, er hat die verschiednen Weine des Landes durch+kostet+ usw. Wir sollen uns mit allen Kräften gegen diese Verwirrung wehren, da sie ein Zeichen trauriger Verlotterung des Sprachgefühls ist.
Von den mit +miß+ zusammengesetzten Zeitwörtern sind Partizipia mit oder ohne +ge+- gebräuchlich, je nachdem man sich lieber +miß+ oder das Verbum betont denkt, also miß+lungen+, miß+raten+, miß+fallen+, miß+billigt+, miß+deutet+, miß+gönnt+, miß+braucht+, miß+handelt+, neben +gemiß+braucht, +gemiß+billigt, +gemiß+handelt. Die Vorsilbe +ge+- kann aber niemals zwischen +miß+ und das Zeitwort treten, +miß+ bleibt in der Flexion überall mit dem Zeitwort verwachsen. Daher ist es auch falsch, Infinitive zu bilden wie +mißzuhandeln+, es muß unbedingt heißen: +zu mißhandeln+, +zu mißbrauchen+.
Für +neubacken+ wird jetzt öfter +neugebacken+ geschrieben: ein neu+gebackner+ Doktor, ein neu+gebackner+ Ehemann usw., aber doch immer nur von solchen, die sich die gute alte Form nicht zu schreiben getrauen. Und doch fürchten sie sich weder vor +neuwaschen+ noch vor +altbacken+ noch vor +hausbacken+.
Ich bin gestanden oder ich habe gestanden?
Ufm Bergli +bin i gsässe+, ha de Vögle zugeschaut; hänt gesunge, +hänt gesprunge+, hänt’s Nestli gebaut -- heißt es in Goethes Schweizerlied. +Ich bin gesessen+, +gestanden+, +gelegen+ ist das Ursprüngliche, das aber in der Schriftsprache längst durch +habe gesessen+, +gestanden+, +gelegen+ verdrängt ist. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben läßt man sichs auch gern gefallen, auch in der Dichtersprache (Rückert: es +ist+ ein Bäumlein +gestanden+ im Wald); in einem wissenschaftlichen Aufsatz ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das +hänt gesprunge+! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit +sein+; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit +haben+ bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der Custos zu S. Niclas +hat+ mit dem Frohnen nach Erbgeld +gangen+, d. h. er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt es allgemein: vorige Woche +haben+ wir +gejagt+, aber: ich +bin+ in der ganzen Stadt +herumgejagt+, eine Zeit lang +bin+ ich diesem Trugbilde +nachgejagt+, wir +haben+ die halbe Nacht +getanzt+, aber: das Pärchen +war+ ins Nebenzimmer +getanzt+. Jedermann sagt: +ich bin gereist+, nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich +habe+ nun schon zehn Jahre +gereist+, denn das Reisen ist seine Beschäftigung![40] Wenn er aber sagt: Ich +bin+ mit Müller und Kompagnie zehn Jahre lang +verkehrt+, so ist das falsch: auch +verkehren+ bildet sein Perfektum mit +haben+. Und geradezu entsetzlich ist es, wenn er seine junge Frau in der Stadt herumführt und ihr ein Haus zeigt mit den Worten: Hier +bin+ ich ein Jahr lang +jewohnt+! Richtig unterschieden wird wohl allgemein zwischen: er +ist+ mir +gefolgt+ (nachgegangen) und er +hat+ mir +gefolgt+ (gehorcht), er +ist fortgefahren+ (im Wagen) und er +hat fortgefahren+ (zu lügen).
Singen gehört oder singen hören?
Eine der eigentümlichsten Erscheinungen unsrer Sprache, die dem Ausländer, der Deutsch lernen will, viel Kopfzerbrechen macht, wird mit der Frage berührt, ob es heiße: ich habe dich +singen gehört+ oder +singen hören+.
Bei den Hilfszeitwörtern +können+, +mögen+, +dürfen+, +wollen+, +sollen+ und +müssen+ und bei einer Reihe andrer Zeitwörter, die ebenfalls mit dem Infinitiv verbunden werden, wie +heißen+, +lehren+, +lernen+, +helfen+, +lassen+ (+lassen+ in allen seinen Bedeutungen: befehlen, erlauben und zurücklassen), +machen+, +sehen+, +hören+ und +brauchen+ (+brauchen+ im Sinne von +müssen+ und +dürfen+) ist schon in früher Zeit das Partizipium der Vergangenheit, namentlich wenn es unmittelbar vor dem abhängigen Infinitiv stand (der +Rat+ hat ihn +geheißen gehen+), durch eine Art von Versprechen mit diesem Infinitiv verwechselt und vermengt worden. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts heißt es bunt durcheinander: man hat ihn +geheißen gehen+ und +heißen gehen+, und passiv: er ist +geheißen gehen+, er ist +heißen gehen+, er ist +geheißen zu gehen+, ja sogar er ist +gegangen heißen+. Schließlich drang an der Stelle des Partizips der Infinitiv vollständig durch, namentlich dann, wenn der abhängige Infinitiv unmittelbar davorstand, und so sagte man nun allgemein: ich habe ihn +gehen heißen+, ich habe ihn +tragen müssen+, ich habe ihn +kommen lassen+, ich habe ihn +kennen lernen+, ich habe ihn +laufen sehen+, ich habe ihn +rufen hören+, er hat viel von sich +reden machen+ (Goethe im Faust: ihr habt mich weidlich +schwitzen+ machen, der Kasus +macht+ mich +lachen+), du hättest nicht zu +warten brauchen+.[41] Das merkwürdigste ist, daß bei vieren von diesen Zeitwörtern der abhängige Infinitiv ebenfalls erst durch ein Mißverständnis aus dem Partizip entstanden ist, nämlich bei +hören+, +sehen+, +machen+ und +lassen+: ich höre ihn +singen+, ich mache ihn +schwitzen+, ich lasse ihn +liegen+ ist ja entstanden aus: ich höre ihn +singend+, ich mache ihn +schwitzend+, ich lasse ihn +liegend+.[42] In der Verbindung also: ich habe ihn +singen hören+ sind, so wunderbar das klingt, zwei Partizipia, eins der Gegenwart und eins der Vergangenheit, durch bloßes Mißverständnis zu Infinitiven geworden! Diese merkwürdige Erscheinung ist aber nun durch jahrhundertelangen Gebrauch in unsrer Sprache so eingebürgert, und sie ist uns so vertraut und geläufig geworden, daß es gesucht, ungeschickt, ja geradezu fehlerhaft erscheint, wenn jemand schreibt: ich habe sie auf dem Ball +kennen gelernt+ -- Dozent auf der Hochschule hatte ich +werden gewollt+ (behüt dich Gott! es hat nicht +sein gesollt+!) -- er hatte ein Mädchen mit einem Kinde gewissenlos +sitzen gelassen+ -- wir haben die Situation +kommen gesehen+ -- über diesen Versuch hat er nie Reue zu +empfinden gebraucht+ -- du hast mir das Verständnis +erschließen geholfen+ usw. Wer sich ungesucht ausdrücken will, bleibt beim Infinitiv, ja er dehnt ihn unwillkürlich gelegentlich noch auf sinnverwandte Zeitwörter aus und schreibt: wir hätten diese Schuld auch dann noch auf uns +lasten fühlen+ (statt: +lasten gefühlt+). (Lenau: Drei Zigeuner +fand+ ich einmal +liegen+ an einer Weide.)
Kommen zwei solche Hilfszeitwörter zusammen, so hilft es nichts, und wenn sich der Papiermensch noch so sehr darüber entsetzt: es stehn dann drei Infinitive nebeneinander: wir hätten den Kerl +laufen lassen sollen+, +laufen lassen müssen+, +laufen lassen können+. Klingt wundervoll und ist -- ganz richtig.
Du issest oder du ißt?
In der Flexion innerhalb der einzelnen Tempora können keine Fehler gemacht werden und werden auch keine gemacht. Bei Verbalstämmen, die auf s, ß oder z ausgehen, empfiehlt sichs, im Präsens in der zweiten Person des Singular das e zu bewahren, das sonst jetzt ausgeworfen wird: du +reisest+, du +liesest+, du +hassest+, du +beißest+, du +tanzest+, du +seufzest+. Allgemein üblich ist freilich: du +mußt+, du +läßt+, fast allgemein auch: du +ißt+. Aber zu fragen: du +speist+ doch heute bei mir? wäre nicht fein; zwischen +speisen+ und +speien+ muß man hübsch unterscheiden. (Vgl. auch +du haust+ und +du hausest+.) Bei Verbalstämmen dagegen, die auf sch endigen, kann man getrost sagen: du +naschst+, du +wäschst+, du +drischst+, du +wünschst+, sogar du +rutschst+. Auch in der zweiten Person der Mehrzahl wird das e, wenigstens in Nord- und Mitteldeutschland, schon längst nicht mehr gesprochen; also hat es auch keinen Sinn, es zu schreiben. Über Maueranschläge, wie: +Besuchet+ Augsburg mit seinen Sehenswürdigkeiten, oder: +Waschet+ mit Seifenextrakt, lacht man in Leipzig schon wegen des altmodischen +et+. Nur bei der Abendmahlsfeier läßt man sich gern gefallen: +Nehmet+ hin und +esset+.
Stände oder stünde? Begänne oder begönne?
Immer größer wird die Unbeholfenheit, den Konjunktiv des Imperfekts richtig zu bilden. Viele getrauen sichs kaum noch, sie umschreiben ihn womöglich überall durch den sogenannten Konditional (+würde+ mit dem Infinitiv), auch da, wo das nach den Regeln der Satzlehre ganz unzulässig ist (vgl. S. 158). Besonders auffällig ist bei einer Reihe von Zeitwörtern die Unsicherheit über den Umlautsvokal: soll man ä oder ü gebrauchen? Das Schwanken ist dadurch entstanden, daß im Mittelhochdeutschen der Pluralvokal im Imperfektum vielfach anders lautete als der Singularvokal (~half~, ~hulfen~; ~wart~, ~wurden~), dieser Unterschied sich aber später ausglich. Da nun der Konjunktiv immer mit dem Umlaut des Pluralvokals gebildet wurde, so entstand Streit zwischen ü und ä. Da aber die ursprünglichen Formen (+hülfe+, +stürbe+, +verdürbe+, +würbe+, +würfe+) doch noch lebendig sind, so verdienen sie auch ohne Zweifel geschützt und den später eingedrungnen +hälfe+, +stärbe+, +verdärbe+, +wärbe+, +wärfe+ vorgezogen zu werden. Neben +würde+ ist die Form mit ä gar nicht aufgekommen. Von +stehen+ hieß das Imperfekt ursprünglich überhaupt nicht +stand+, sondern +stund+, wie es in Süddeutschland noch heute heißt; das u ging durch den Singular wie durch den Plural. Folglich ist auch hier +stünde+ älter und richtiger als +stände+. Bei einigen Verben, wie bei +beginnen+, hat der Streit zwischen ä und ü im Anschluß an das o des Partizips (+begonnen+) im Konjunktiv des Imperfekts ö in Aufnahme gebracht. Auch diese Formen mit ö (+beföhle+, +begönne+, +besönne+, +empföhle+, +gewönne+, +gölte+, +rönne+, +schölte+, +schwömme+, +spönne+, +stöhle+) verdienen, da sie den Formen mit umgewandeltem Pluralvokal entsprechen, den Vorzug vor denen mit ä.
Kännte oder kennte?
Ein Irrtum ist es, wenn man glaubt, aus dem Indikativ +kannte+ einen Konjunktiv +kännte+ bilden zu dürfen. Die sechs schwachen Zeitwörter: +brennen+, +kennen+, +nennen+, +rennen+, +senden+ und +wenden+ haben eigentlich ein a im Stamm, sind also schon im Präsens umgelautet. Ihr Imperfekt bilden sie ebenso wie das Partizip der Vergangenheit (durch den sogenannten Rückumlaut) mit a: +brannte+, +gebrannt+, +sandte+, +gesandt+, und da der Konjunktiv bei schwachen Verben nicht umlautet, so sollte er eigentlich ebenfalls +brannte+, +sandte+ heißen. Zur Unterscheidung hat man aber (und zwar ursprünglich nur im Mitteldeutschen) einen Konjunktiv +brennete+, +kennete+, +nennete+, +rennete+, +sendete+ und +wendete+ gebildet. Das e dieser Formen ist nicht etwa ein jüngerer Umlaut zu dem a des Indikativs, sondern es ist das alte Umlauts-e, das durch das Präsens dieser Zeitwörter geht. Wirft man nun, wie es jetzt geschieht, aus +brennete+, +kennete+ das mittlere e aus, das in +sendete+ und +wendete+ beibehalten wird, so bleibt +brennte+, +kennte+ übrig. In früherer Zeit gehörten noch andre Verba zu dieser Reihe, z. B. +setzen+ und +stellen+; der Konjunktiv des Imperfekts heißt hier +setzte+, +stellte+, der Indikativ und das Partizipium aber hießen früher: +sazte+, +stalte+, +gesazt+, +gestalt+ (das noch in +wohlgestalt+, +mißgestalt+, +ungestalt+ erhalten ist).
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Zur Wortbildungslehre
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Reformer und Protestler
Erstaunlich ist die Fülle und Mannigfaltigkeit in unsrer Wortbildung, noch erstaunlicher die Sicherheit des Sprachgefühls, mit der sie doch im allgemeinen gehandhabt und durch gute und richtige Neubildungen vermehrt wird. Doch fehlt es auch hier nicht an Mißhandlungen und Verirrungen.
Im Volksmund ist es seit alter Zeit üblich, zur Bezeichnung von Männern dadurch Substantiva zu bilden, daß man an ein Substantiv, das eine Sache bezeichnet, oder an ein andres Nomen die Endung +er+ hängt. In Leipzig sprach man im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht bloß von +Barfüßern+, sondern nannte auch die Insassen der beiden andern Mönchsklöster kurzweg +Pauler+ und +Thomasser+, und im siebzehnten Jahrhundert die kurfürstliche Besatzung der Stadt +Defensioner+. Dazu kamen später die +Korrektioner+ (die Insassen des Arbeitshauses) und die +Polizeier+, und in neuerer Zeit die +Hundertsiebener+, die +Urlauber+, die +Sanitäter+, die +Eisenbahner+ und die +Straßenbahner+. Im Buchhandel spricht man von +Sortimentern+, in der gelehrten Welt von +Naturwissenschaftern+ und +Sprachwissenschaftern+, in der Malerei von +Landschaftern+, und in der Politik von +Botschaftern+, +Reformern+ und -- +Attentätern+![43] Da manche dieser Bildungen unleugbar einen etwas niedrigen Beigeschmack haben, der den von Verbalstämmen gebildeten Substantiven auf er (+Herrscher+, +Denker+, +Kämpfer+) nicht anhaftet, so sollte man sich mit ihnen recht in acht nehmen. In +Reformer+, das man dem Engländer nachplappert, liegt unleugbar etwas geringschätziges im Vergleich zu +Reformator+; unter einem +Reformer+ denkt man sich einen Menschen, der wohl reformatorische Anwandlungen hat, es aber damit zu nichts bringt. Noch viel deutlicher liegt nun dieses geringschätzige in den Bildungen auf +ler+, wie +Geschmäckler+, +Zünftler+, +Tugendbündler+, +Temperenzler+, +Abstinenzler+, +Protestler+, +Radler+, +Sommerfrischler+, +Barfüßler+, +Zuchthäusler+; deshalb ist es unbegreiflich, wie manche Leute so geschmacklos sein können, von +Neusprachlern+ und von +Naturwissenschaftlern+ zu reden. Eigentlich gehen ja die Bildungen auf +ler+ auf Zeitwörter zurück, die auf +eln+ endigen, wie +bummeln+, +betteln+, +grübeln+, +kritteln+, +sticheln+, +nörgeln+, +kränkeln+, +hüsteln+, +frömmeln+, +tänzeln+, +radeln+, +anbändeln+, sich +herumwörteln+, +näseln+, +schwäbeln+, +französeln+. So setzen +Neusprachler+ und +Naturwissenschaftler+ die Zeitwörter +neuspracheln+ und +naturwissenschafteln+ voraus; das wären aber doch Tätigkeiten, hinter denen kein rechter Ernst wäre, die nur als Spielerei betrieben würden. An +Künstler+ haben wir uns freilich ganz gewöhnt, obwohl +künsteln+ mit seiner geringschätzigen Bedeutung daneben steht, auch an +Tischler+ und +Häusler+.
Ärztin und Patin
Von Substantiven, die einen Mann bezeichnen, werden Feminina auf +in+ gebildet: +König, Königin+ -- +Wirt, Wirtin+ -- +Koch, Köchin+ -- +Berliner, Berlinerin+ -- sogar +Landsmann, Landsmännin+ (während sonst natürlich zu +Mann+ das Femininum +Weib+ oder +Frau+ ist: der +Kehrmann+, das +Waschweib+, der +Botenmann+, die +Botenfrau+). Von +Arzt+ hat man in letzter Zeit +Ärztin+ gebildet. Manche getrauten sich das anfangs nicht zu sagen und sprachen von +weiblichen Ärzten+, es ist aber gar nichts dagegen einzuwenden, und es ist abgeschmackt, wenn unsre Zeitungen immer von männlichen und +weiblichen Arbeitern+, männlichen und +weiblichen Lehrern+ reden statt von Arbeitern und +Arbeiterinnen+, Lehrern und +Lehrerinnen+ (abgeschmackt auch, wenn es in Polizeiberichten heißt, daß ein neugebornes +Kind+ männlichen oder +weiblichen Geschlechts+ im Wasser gefunden worden sei, statt ein neugeborner Knabe oder ein neugebornes +Mädchen+). Dagegen ist es nicht gut, ein Femininum auf +in+ zu bilden von +Pate+, +Kunde+ (beim Kaufmann) und +Gast+. In der ältern Sprache findet sich zwar zuweilen auch +Gästin+, auf Theaterzetteln konnte man noch vor gar nicht langer Zeit lesen, daß eine auswärtige Schauspielerin als +Gastin+ auftrete, aber wer möchte noch heute eine Frau oder ein Mädchen seine +Gästin+ oder +Gastin+ nennen? Bei +Pate+ unterscheidet man +den Paten+ und +die Pate+, je nachdem ein Knabe oder ein Mädchen gemeint ist, und der Kaufmann sagt: das ist +ein guter Kunde+ oder +eine gute Kunde+ von mir. Entsetzlich sind die in der Juristensprache üblichen Bildungen: die +Beklagtin+, die +Verwandtin+ und -- das neueste -- die +Beamtin+. Von Partizipialsubstantiven -- und ein solches ist auch der +Beamte+, d. h. der +Beamtete+, der mit einem Amte versehene -- können keine Feminina auf +in+ gebildet werden; niemand sagt: meine +Bekanntin+, meine +Geliebtin+, auch Juristen nicht.
Tintefaß oder Tintenfaß?
Zusammensetzungen aus zwei Substantiven wurden im Deutschen ursprünglich nur so gebildet, daß der Stamm des ersten Wortes, des Bestimmungswortes, an das zweite, das bestimmte Wort vorn angefügt wurde, z. B. +Tage-lohn+; das e in Tagelohn ist der abgeschwächte Stammauslaut. Später sind zusammengesetzte Wörter auch dadurch entstanden, daß ein vorangehendes Substantiv im Genitiv mit einem folgenden durch einfaches Aneinanderrücken verschmolz, z. B. +Gottesdienst+, +Sonntagsfeier+, +Tageslicht+, +Heeressprache+, +Handelskammer+. In manchen Fällen sind jetzt beide Arten der Zusammensetzungen nebeneinander gebräuchlich in verschiedner Bedeutung, z. B. +Landmann+ und +Landsmann+, +Wassernot+ und +Wassersnot+. Nun endet bei allen schwachen Femininen der Stamm ursprünglich ebenso wie der Genitiv, beide gehen eigentlich auf +en+ aus, und so haben diese schwachen Feminina eine sehr große Zahl von Zusammensetzungen mit +en+ gebildet, auch in das Gebiet der starken Feminina übergegriffen, sodaß +en+ zum Hauptbindemittel für Feminina überhaupt geworden ist. Man denke +nur an Sonnenschein+, +Frauenkirche+ (d. i. die Kirche unsrer lieben +Frauen+, der Jungfrau Maria), +Erdenrund+, +Lindenblatt+, +Aschenbecher+, +Taschentuch+, +Seifensieder+, +Gassenjunge+, +Stubentür+, +Laubendach+, +Küchenschrank+, +Schneckenberg+, +Wochenamt+, +Gallenstein+, +Kohlenzeichnung+, +Leichenpredigt+, +Reihenfolge+, +Wiegenlied+, +Längenmaß+, +Breitengrad+, +Größenwahn+, +Muldental+, +Pleißenburg+, +Parthendörfer+, +Markthallenstraße+ u. a. Sogar Lehn- und Fremdwörter haben sich dieser Zusammensetzung angeschlossen, wie in +Straßenpflaster+, +Tintenfaß+, +Kirchendiener+, +Lampenschirm+, +Flötenspiel+, +Kasernenhof+, +Bastillenplatz+, +Visitenkarte+, +Toilettentisch+, +Promenadenfächer+, +Kolonnadenstraße+. Ein reizendes Bild in der Dresdner Galerie ist das +Schokoladenmädchen+.
Bei dem einfachen Zusammenrücken von Wörtern stellten sich nun aber Genitive im Plural als erster Teil der Zusammensetzung ein, und das hat neuerdings zu einer traurigen Verirrung geführt. Man bildet sich ein, das Binde-+en+ sei überhaupt nichts andres als das Plural-+en+, man fühlt nicht mehr, daß dieses +en+ ebenso gut die Berechtigung hat, einen weiblichen Singular mit einem folgenden Substantiv zu verbinden, und so schreibt und druckt man jetzt wahrhaftig aus Angst vor eingebildeten widersinnigen Pluralen: +Aschebecher+, +Aschegrube+, +Tintefaß+, +Jauchefaß+, +Sahnekäse+, +Hefezelle+, +Hefepilz+, +Rassepferd+ und +Rassehund+, +Stellegesuch+, +Muldetal+, +Pleißeufer+, +Parthebrücke+, +Gartenlaubekalender+, +Gartenlaubebilderbuch+, +Sparkassebuch+, +Visitekarte+, +Toiletteseife+, +Serviettering+, +Manschetteknopf+, +Promenadeplatz+, +Schokoladefabrik+ usw. In allen Bauzeitungen muß man von +Mansardedach+ und von +Lageplan+ lesen (so haben die Architekten, die erfreulicherweise eifrige Sprachreiniger sind, +Situationsplan+ übersetzt), in allen Kunstzeitschriften von +Kohlezeichnungen+ und +Kohledrucken+, offenbar damit ja niemand denke, die Zeichnungen oder Drucke wären mit einem Stück Stein- oder Braunkohle aus dem +Kohlenkasten+ gemacht -- nicht wahr? Wer nicht fühlt, daß das alles das bare Gestammel ist, der ist aufrichtig zu bedauern. Es klingt genau, wie wenn kleine Kinder dahlten, die erst reden lernen und noch nicht alle Konsonanten bewältigen können. Man setze sich das nur im Geiste weiter fort -- was wird die Folge sein? daß wir in Zukunft auch stammeln: +Sonneschein+, +Taschetuch+, +Brilleglas+, +Gosestube+, +Zigarrespitze+, +Straßepflaster+, +Roseduft+, +Seifeblase+, +Hülsefrucht+, +Laubedach+, +Geigespiel+, +Ehrerettung+, +Wiegelied+, +Aschebrödel+ usw.[44] Sollten einzelne dieser Wörter vor der Barbarei bewahrt bleiben, so könnte es nur deshalb geschehen, weil man annähme, ihr Bestimmungswort stehe im Plural, und der sei richtig, also ein +Taschentuch+ sei nicht ein Tuch für die Tasche, sondern -- für die Taschen!
Wo das Binde-+en+ aus rhythmischen oder andern Gründen nicht gebraucht wird, bleibt für Feminina nur noch die eine Möglichkeit, den verkürzten Stamm zu benutzen, der wieder mit dem eigentlichen Stamm der alten starken Feminina zusammenfällt und dadurch überhaupt erst in der Zusammensetzung von Femininen aufgekommen ist. So findet sich in früherer Zeit +Leichpredigt+ neben +Leichenpredigt+, und so haben wir längst +Mühlgasse+ neben +Mühlenstraße+, +Erdball+ und +Erdbeere+ neben +Erdenrund+ und +Erdenkloß+, +Kirchspiel+ und +Kirchvater+ neben +Kirchenbuch+ und +Kirchendiener+, +Elbtal+, +Elbufer+ und +Elbbrücke+ neben +Muldental+ und +Muldenbett+. Vor dreißig Jahren sagte man +Lokomotivenführer+, und das war gut und richtig. Neuerdings hat die Amtssprache +Lokomotivführer+ durchgedrückt. Das ist zwar ganz häßlich, denn nun stoßen zwei Lippenlaute (v und f) aufeinander, aber es ist ja zur Not auch richtig. Aber ein Wort wie +Saalezeitung+ oder +Solebad+, wie man auch neuerdings lallt (das +Solebad+ Kissingen), ist doch die reine Leimerei. Bei +Saalzeitung+ könnte wohl einer an den +Saal+ denken statt an die +Saale+? Denkt denn beim +Saalkreis+, beim +Saalwein+ und bei der +Saalbahn+ jemand dran?[45] Die Amtssprache fängt jetzt freilich auch an, vom +Saalekreis+ zu stammeln. Als 1747 das erste Rhinozeros nach Deutschland kam, nannten es die Leute bald +Nashorn+, bald +Nasenhorn+. Hätte man das Tier heute zu benennen, man würde es unzweifelhaft +Nasehorn+ nennen.[46] Das Neueste ist, daß sich die Herren von der Presse jetzt +Pressevertreter+ nennen und bisweilen ein +Pressefest+ oder einen +Presseball+ veranstalten. Von einem +Preßfest+ oder einem +Preßball+ zu reden fürchten sie sich, offenbar damit niemand an die +Preßwurst+ denke! Ein Glück, daß die Wörter +Preßfreiheit+, +Preßgesetz+, +Preßvergehen+, +Preßpolizei+, +Preßbureau+ schon in einer Zeit gebildet worden sind, wo die Herren von der Presse noch deutsch reden konnten!
Besonders bei der Zusammensetzung mit Namen wird jetzt (z. B. bei der Taufe neuer Straßen oder Gebäude) fast nur noch in dieser Weise geleimt. Wer wäre vor hundert Jahren imstande gewesen, eine Straße +Augustastraße+, ein Haus +Marthahaus+, einen Garten +Johannapark+ zu nennen! Da sagte man +Annenkirche+, +Katharinenstraße+, +Marienbild+, und es fiel doch auch niemand ein, dabei an eine Mehrzahl von Annen, Katharinen oder Marien zu denken.
Speisenkarte oder Speisekarte?
Da haben also wohl die Schenkwirte, die statt der früher allgemein üblichen +Speisekarte+ eine +Speisenkarte+ eingeführt haben, etwas recht weises getan? Sie haben den guten alten Genitiv wiederhergestellt? Nein, daran haben sie nicht gedacht, sie haben die Mehrzahl ausdrücken wollen, denn sie haben sich überlegt: auf meiner Karte steht doch nicht bloß +eine+ Speise. Damit sind sie aber auch wieder gründlich in die Irre geraten. In +Speisekarte+ ist die erste Hälfte gar nicht durch das Hauptwort +Speise+ gebildet, sondern durch den Verbalstamm von +speisen+. Alles, was zum Speisen gehört: die +Speisekammer+, das +Speisezimmer+, der +Speisesaal+, das +Speisegeschirr+, der +Speisezettel+ -- alles ist mit diesem Verbalstamm zusammengesetzt. So ist auch die +Speisekarte+ nicht die Karte, auf der die Speisen verzeichnet stehen, sondern die Karte, die man beim Speisen gebraucht, wie die +Tanzkarte+ die Karte, die man beim Tanzen gebraucht, das +Kochbuch+ das Buch, das man beim Kochen benutzt, die +Spielregel+ die Regel, die man beim Spielen beobachtet, die +Bauordnung+ die Ordnung, nach der man sich beim Bauen richtet, der +Fahrplan+ der Plan, der uns darüber belehrt, wann und wohin gefahren wird, die +Singweise+ die Weise, nach der man singt, das +Stickmuster+ das Muster, nach dem man stickt, die +Zählmethode+ die Methode, nach der man zählt. Alle diese Wörter sind mit einem Verbalstamm zusammengesetzt. Hätten die Schenkwirte mit ihrer +Speisenkarte+ Recht, dann müßten sie doch auch +Weinekarte+ sagen.[47] Glücklicherweise läßt sich der Volksmund nicht irremachen. Niemals hört man in einer Wirtschaft eine +Speisenkarte+ verlangen, es wird aber immer nur gedruckt, entweder auf Verlangen der Wirte, die damit etwas besonders feines ausgeheckt zu haben glauben, oder auf Drängen der Akzidenzdrucker, die es den Wirten als etwas besonders feines aufschwatzen. Ganz lächerlich ist es, wenn manche Wirte einen Unterschied machen wollen: eine +Speisekarte+ sei die, auf der ich mir eine Speise aussuchen könne, eine +Speisenkarte+ dagegen ein „Menu“, das Verzeichnis der Speisen bei einem Mahl, wofür man neuerdings auch das schöne Wort +Speisenfolge+ eingeführt hat. Die +Speisekarte+ ist die Karte, die zum +Speisen+ gehört, ob ich mir nun etwas darauf aussuche, oder ob ich sie von oben bis unten abesse.
Ein Gegenstück zur +Speisenkarte+ ist die +Fahrrichtung+; an den ehemaligen Leipziger Pferdebahnwagen stand: nur in der +Fahrrichtung+ abspringen! Es spricht aber niemand von +Fließrichtung+, +Strömrichtung+, +Schießrichtung+, wohl aber von +Flußrichtung+, +Stromrichtung+, +Schußrichtung+, +Windrichtung+, +Strahlrichtung+. Bedenkt man freilich, daß der Volksmund die +Fahrtrichtung+ unzweifelhaft sofort zur +Fahrtsrichtung+ verschönert hätte (nach +Mietskaserne+), so muß man ja eigentlich für die +Fahrrichtung+ sehr dankbar sein.
Äpfelwein oder Apfelwein?
Unnötigen Aufruhr und Streit erregt bisweilen die Frage, ob in dem Bestimmungswort einer Zusammensetzung die Einzahl oder die Mehrzahl am Platze sei. Einen Braten, der nur von +einem+ Rind geschnitten ist, nennt man in Leipzig +Rinderbraten+, eine Schüssel Mus dagegen, die aus einem halben Schock Äpfel bereitet ist, +Apfelmus+. Das ist doch sinnwidrig, heißt es, es kann doch nur das umgekehrte richtig sein! Nein, es ist beides richtig. Es kommt in solchen Zusammensetzungen weder auf die Einzahl noch auf die Mehrzahl an, sondern nur auf den Gattungsbegriff. Im Numerus herrscht völlige Freiheit; die eine Mundart verfährt so, die andre so,[48] und selbst innerhalb der guten Schriftsprache waltet hier scheinbar die seltsamste Laune und Willkür. Man sagt: +Bruderkrieg+, +Freundeskreis+, +Jünglingsverein+, +Ortsverzeichnis+ (neuerdings leider auch +Namensverzeichnis+ und +Offizierskasino+!), +Adreßbuch+, +Baumschule+, +Fischteich+, +Kartoffelernte+, +Trüffelwurst+, +Federbett+, obwohl hier überall das Bestimmungswort unzweifelhaft eine Mehrzahl bedeutet; dagegen sagt man +Kinderkopf+ (in der Malerei), +Liedervers+, +Eierschale+, +Lämmerschwänzchen+, +Hühnerei+, +Städtename+, +Gänsefeder+, obwohl ein Vers nur zu +einem+ Liede, eine Schale nur zu +einem+ Ei gehören kann. Wer näher zusieht, findet freilich auch hinter dieser scheinbaren Willkür gute Gründe. +Baumschule+, +Bruderkrieg+ und +Fischteich+ sind noch nach der ursprünglichen Zusammensetzungsweise, die nach singularischer oder pluralischer Bedeutung des Bestimmungswortes nicht fragte, mit dem bloßen Stamme des ersten Wortes gebildet. +Jünglingsverein+ und +Ortsverzeichnis+ haben das s, das eigentlich nur dem vorgesetzten maskulinen Genitiv zukommt, aber von da aus weiter gegriffen hat und zum Bindemittel schlechthin, selbst für pluralisch gemeinte Substantiva, geworden ist; auch +Freundeskreis+ ist ein Absenker dieser Bildungsweise. Und ebenso natürlich erklärt sich die Gruppe mit scheinbar pluralischer Form und singularischer Bedeutung. In ihr kommen nur Neutra mit der Pluralendung +er+ und umgelautete Feminina in Frage. Aber sowohl der Umlaut der Feminina wie das +er+ (und der Umlaut) der Neutra gehörte in alter Zeit nicht nur dem Plural, sondern dem Stamme dieser Wörter an, und daß es sich bei den Zusammensetzungen mit ihnen um nichts weiter als um den Stamm handelt, können wir bei einigem guten Willen noch jetzt nachfühlen. Kein Mensch denkt bei dem Worte +Gänseblume+ an mehrere Gänse, sondern jeder nur an den Begriff Gans, so gut wie er bei +Rinderbrust+ nicht mehrere Rinder vor Augen hat.
Trotz alledem ist natürlich +Äpfelwein+ neben +Apfelwein+ nicht zu verurteilen. Der wirklich pluralischen Zusammensetzungen und der pluralisch gefühlten gibt es zu viel, als daß ihnen ein Eingreifen in dieses Gebiet der Zusammensetzungen mit Gattungsbegriffen verwehrt werden könnte. Schwankt man doch auch in Zusammensetzungen wie +Anwaltstag+, +Juristentag+, +Ärztetag+, +Bischofkonferenz+, +Rektorenkonferenz+, +Gastwirtverein+, +Gastwirtstag+, +Architektenverein+ u. a. Wenn etwas hier bestimmend wäre, so könnte es nur der Wohlklang sein. Die schwach deklinierten ziehen augenscheinlich den Plural, die stark deklinierten den Singular vor; zu +Ärztetag+ hat man ausnahmsweise gegriffen, weil +Arzttag+ undeutlich, +Arztstag+ unerträglich klingt, während gegen eine +Arztversammlung+ niemand etwas einwenden wird, also auch die +Ärztekammer+ (statt +Arztkammer+) überflüssig war, ebenso überflüssig wie der +Wirteverein+. Höchst ärgerlich aber ist es, wenn man, nachdem man vierzig Jahre lang von +Kollegienheften+ hat sprechen hören, plötzlich an dem Ladenfenster eines Schreibwarenkrämers +Kolleghefte+ angepriesen sieht. Aber der gute Mann macht es ja bloß den Professoren nach, die jetzt keine +Kollegiengelder+ mehr beanspruchen, sondern +Kolleggelder+!
Zeichnenbuch oder Zeichenbuch?
Die falschen Zusammensetzungen +Zeichnenbuch+, +Zeichnensaal+, +Rechnenheft+ sind in der Schule, wo sie sich früher auch breitmachten, jetzt wohl überall glücklich wieder beseitigt; außerhalb der Schule aber spuken sie doch noch und gelten noch immer manchen Leuten für das Richtige. In Wahrheit sind es Mißbildungen. Wenn in Zusammensetzungen das Bestimmungswort ein Verbum ist, so kann dieses nur in der Form des Verbalstammes erscheinen; daher heißt es: +Schreibfeder+, +Reißzeug+, +Stimmgabel+, +Druckpapier+, +Stehpult+, +Rauchzimmer+, +Laufbursche+, +Spinnstube+, +Trinkhalle+, +Springbrunnen+, +Zauberflöte+, oder auch mit einem Bindevokal: +Wartesaal+, +Singestunde+, +Bindemittel+.[49] Nun gibt es aber Verbalstämme, die auf n ausgehen, z. B. +zeichen+, +rechen+, +trocken+, +turn+; die Infinitive dazu heißen: +rechnen+ (eigentlich +rechenen+), +zeichnen+ (eigentlich +zeichenen+), +trocknen+, +turnen+. Werden diese in der Zusammensetzung verwendet, so können natürlich nur Formen entstehen wie +Rechenstunde+, +Zeichensaal+, +Trockenplatz+, +Turnhalle+. Wäre +Rechnenbuch+ und +Zeichnensaal+ richtig, so müßte man doch auc
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