500 Schwänke
Roda Roda, Walter [Illustrator] Trier, and Albert [Illustrator] Weisgerber
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke sowie Passagen in Dialekt bleiben ebenfalls unkorrigiert.
Für Zitate innerhalb wörtlicher Rede wurden der besseren Übersichtlickeit halber einfache Anführungszeichen verwendet.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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500 Schwänke
Roda Roda
500 Schwänke
Umschlag von A. Weisgerber Karikatur von Walter Trier
19. bis 24. Auflage
Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin
Alle Rechte vorbehalten!
~Copyright 1922 by Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin.~
Druck: Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin.
Paul Busson
gewidmet
Die Karikatur ist den Lustigen Blättern entnommen
Wie ich hier sitze,
[Illustration]
hat man mich am 13. April 1872 geboren. Nur das Monokel ist etwas später hinzugekommen.
Meine Bildung, soweit von Bildung die Rede sein kann, verdanke ich dem Gymnasium zu Ungarisch-Hradisch. Doch bekam ich, als ich dreizehn Jahre alt war, eine Gouvernante -- die bot mir manche Aufklärung, besonders auf biologischem Gebiet.
Anfangs wollt ich mich der Landwirtschaft widmen. Auch mein Vater war Agrarier gewesen -- doch im vergeblichen Kampf mit dem Klima hatte er den Glauben an Gott verloren. Infolgedessen erbte ich nur etwas Uhrkette von ihm -- die konservativ-patriotische Gesinnung der Landwirte hingegen in so homöopathischer Verdünnung, daß ichs mit ihr kaum elf Jahre beim Militär aushielt.
1901 verließ ich die Armee. Über meine Lebensführung in den folgenden vier Jahren verweigere ich die Aussage.
1905 etablierte ich mich in München als Schriftsteller.
Ich darf mich rühmen, ein ~selfmade-man~ zu sein; klomm den mühsamen Pfad der Lyrik hinan -- bis es mir gelang, eines Julinachmittags 1906 sechsundvierzig Schüttelreime zu dichten. Dadurch gelangte ich zu einigem Wohlstand. Doch ich verpraßte das Geld nicht, das mir so in den Schoß gefallen war, sondern kaufte dafür ein ausgemustertes Pferd der Königlich Bayerischen Post. Bald konnte ich einen wohlfeilen Göpel erstehen und bespannte ihn mit meinem Pferdchen. Es hieß Sophie. Tagaus, tagein trottete Sophie im Hof rund um den Göpel; ein Transmissionsriemen reichte von unten in meine Stube und trieb hier sechs Schreibmaschinen.
Die Jahreswende 1907 machte Epoche in meinem Leben. Ich erwarb eine kleine Wasserkraft und verkaufte das Pferd an den Hofcharcutier Deininger. Gleichzeitig trat ich in das Alter der Geschlechtsreife und schrieb meinen Entwicklungsroman. Er hatte viel Erfolg. Schon 1908 konnte ich einen Explosionsmotor einstellen und sechs neue Schreibmaschinen mit automatischer Verstabulatur.
Seitdem dichte ich meistens dramatisch, wenigstens vormittags. Zum zweiten Frühstück verfasse ich gern eine Erholungsballade -- seis über Konradin, den letzten Hohenstaufen, seis über Cesare Borgia oder König Etzel.
Die Zeit von eins bis fünf ist dem Humor geweiht. Auf dem Weg ins Café Stephanie lasse ich mich von einer jungen Dame begleiten, die neben mir hergaloppiert und meine Gedankensplitter aufzeichnet. Einer oder der andre erweist sich als mißlungen; den werfen wir dann weg.
Von sechs bis sieben plagiiere ich, dann schimpfe ich ein Stündchen über meine Verwandten.
Um acht halte ich meine Hauptmahlzeit -- kalter Aufschnitt, den ich aus Pietät von Deininger beziehe. In der Verdauungspause diktiere ich eine feinpsychologische Novelle. Grade in der Annaliese der Frauenseele glaube ich es zu einiger Meisterschaft gebracht zu haben.
So verbringe ich meine Tage. Auf den Nobelpreis aspiriere ich nicht; ich sehe ein, daß da mein Talent ein unüberwindliches Hindernis bildet. Doch ich hoffe, daß es mir gelingen wird, noch zu Lebzeiten in Breslau anerkannt zu werden; ein Schicksal, das bisher keinem Dichter beschieden war.
+Roda Roda+
500 Schwänke
Der Bräutigam in der Kolonie
Willem Reibetanz hatte eine Farm bei Windhuk und wollte gern auch eine Frau. Er gab ein Inserat ins Hamburger Echo auf.
Es kam zu einem Briefwechsel mit Lina und Käthe Tiedemann. Zuerst zum Spaß und dann im Ernst. Eines Tages reiste Lina zu ihrem Bräutigam nach Windhuk ab.
Lange warteten die Eltern auf eine Hochzeitskunde.
Endlich kam ein Kabel:
„~lina ankam gestorbenem zustande verweigere annahme sendet kaethe.~“
Respekt
Wir zogen aus dem Wiener Rathauskeller heim -- eine ganze Karawane, unbändig aufgelegt -- und brüllten in die stille Nacht.
Da kam teufelswild ein Schutzmann auf uns zu und schrie: wir wären verhaftet.
Meine Kusine antwortete:
„~Edite, bibite, collegiales ...!~“
„Verzeihung,“ stammelte der Schutzmann, „Verzeihung! Die Herrschaften saan Ausländer.“
Die Traurede
Als Lütkes heirateten -- Herrgott, war das eine Traurede!
„Aejje die Braautlojte in den haajligen Stand der Aejje träten ...“ -- so fing die Rede an und floß unaufhaltsam fort -- eine deutsche Meile. Immerzu von der Braut, die der Pastor getaauft, erzoogen und konfirmiirt hatte.
Dann eine kleine Abschweifung zum Bräutigam.
„Ond non, liebe Christen,“ sprach er, „kehren wir zorüück zo der so oft berührten Braaut ...“
Tugend
Der Pfarrer kam zu armen Leuten.
„Eure Tochter ist doch hoffentlich brav und sittsam?“
„Naa, naa, Hochwürden -- dazu reicht’s bei uns nöt.“
Die Base
„Wer ist denn die Dame dort, die immer herüberblickt?“
„Meine Kusine.“
„So? Na, für eine Base sieht die Dame Sie aber merkwürdig unverwandt an.“
Das Varieté
„Nichts,“ sagte Komteßchen, „ärgert mich so sehr an der Unfreiheit meiner Mädchenjahre wie das Verbot, ein Varieté zu besuchen. Alle Welt geht ins Varieté -- alle Welt redet davon -- und ich kann mir nicht einmal im Entferntesten vorstellen, wie es dort aussehen mag.“
„Komteßchen -- Varieté, das ist sehr einfach: oben quält ein Kerl wundervoll kluge Hunde, unten schreien die Leute: ‚Bravo‘, und die Musik spielt ‚Deutsche Wacht auf Helgoland‘.“
Die Frau von heute
Der kleine Karl blättert im Modejournal.
„Sieh nur Mama, was für lange Beine jetzt modern sind!“
Die Vorliebe
In Agram war ein Beamter der Landesregierung verurteilt worden und kam ins Zuchthaus nach Lepoglawa.
Er sollte sich eine Beschäftigung nach seinen Neigungen wählen.
„Wissen S’,“ sagte er, „am liebsten tu i halt alleweil regieren.“
Die Initialen
Mein Freund Kurz, der Architekt, wurde nach Tirol berufen -- da hatte ein Berliner Kommerzienrat ein Schloß gekauft und wollte sichs einrichten lassen.
Am meisten Kopfzerbrechen machten dem Berliner die Wappen über den Türen. Die fremden Wappen verletzten seinen Besitzerstolz -- ein eignes Wappen hatte er nicht -- und leer konnten die Stellen auch nicht bleiben.
„Wie wärs,“ sagte Kurz, „wenn wir Ihre werten Initialen hinsetzten?“
„Aber Herr Architekt -- ich heiße doch Walter Cohn.“
Fragment
Auch die Frau hat ihre Flegeljahre: wenn ihre Tochter geheiratet hat.
Ordination
„Was fehlt Ihnen?“
„Hinterm Ohr bin ich halt aufgekratzt, Herr Doktor.“
„Aber, Mann, das ist ja schrecklich! Wovon haben Sie denn das?“
„Halt von die schlechten Zeiten, Herr Doktor.“
Das Gymnasium
Wir fanden uns nach zehn Jahren zusammen, wir Abiturienten des Piaristengymnasiums. So wills ein alter Brauch.
Empfang, Festkommers; am nächsten Morgen Messe und Besuch der Schulräume.
Im Lehrerzimmer legte uns der Direktor das Goldne Buch der Mutteranstalt vor. Wir sollten einen klassischen Spruch einschreiben und unsre Namen.
Man einigte sich auf:
„Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben.“
Doch keiner konnt es ins Lateinische übersetzen.
Brautleute
„Wirst du mir immer treu bleiben, Isidor?“
„Bin ich en Prophet, Geliebte?“
Schwabing
„Deine Braut hat ja fabelhafte Erfolge im Kunsthandwerk. Sie soll auf der Ausstellung einen Topf für dreißig Mark verkauft haben?“
„Erst nach der Verlobung. Ursprünglich hatte ich gar nicht beabsichtigt, eine Geldheirat zu machen.“
Das Ehepaar
Mein Freund Röhren, Ende der Fünfzig, hat ein siebzehnjähriges Mädel geheiratet.
Aber hübsch, das muß ich sagen. Ich hätt ihm so viel Geschmack nicht zugetraut.
Ich begegnete Röhrens fünf Wochen nach der Hochzeit.
„Na, Gnädigste ...“ begann ich ...
Er vermutete wohl, ich würde was Unanständiges sagen, und flüsterte mir rasch zu:
„Um Himmels willen -- ~elle ne sait rien~.“
Der Pessimist
„Guten Tag, Herr Meier!“
„Oh! Loben Sie den Tag nicht vor dem Abend!“
Politik
Wie wichtig doch alles war, was auf dem Balkan passierte!
Einmal, während der Wiener Delegationssitzungen, erhielt der Minister Kallay folgende Depesche:
„Gatzko in der Herzegowina.
Dem Jowan sind zwei Ochsen gestohlen worden. Was wird Europa dazu sagen?“
Die Pädagogin
Sagt man „~que voulez-vous de cela~“ oder „-- ~pour cela~“?
Als jeder anders entschied, suchten wir die Grammatik. -- Nirgends zu finden.
Zum Glück wohnt eine französische Lehrerin im zweiten Stock -- die will ich um eine Grammatik bitten.
Sie hatte keine.
„Denn,“ sprach sie mit bezauberndem Lächeln, „-- ick hunterrichten nur Erren.“
Vaterliebe
„Was mir meine Söhne für Sorgen machen! Gleich möcht ich den Jakob drum geben, wenn ich nur den Gustav und Moritz nit hätt.“
Königsberg
Herr v. Mollnow kommt in die Buchhandlung und verlangt einen Globus.
Der Buchhändler bringt einen, zwei, sieben -- sechzehn.
„Zu groß. Alles zu groß,“ sagt Herr v. Mollnow. „Ich möchte einen Globus, wo Astpreißen allein drauf is.“
Der Spruch
Wir haben Gäste bekommen -- und Kathis, unsres Stubenmädchens gute Schürzen sind in der Wäsche.
„So nehmen Sie doch eins von den Zierhandtüchern vor!“ sagt meine Frau.
Kathi bringt die Suppe. Anstelle der Schürze trägt sie ein Handtuch mit der Aufschrift:
„Grüß Gott, tritt ein, Bring Glück herein!“
Ehe
„Sag, Oskar -- was wünschst du dir zum Geburtstag?“
„Das Skelett deiner Mama.“
Naturkraft
„Hohorohoho! Rororohoho!“ dröhnte es vor dem Tor.
Ich schickte den Liftboy hinaus: man möchte die Hengste wegführen, sie störten mich durch ihr Gewieher.
Er kam zurück.
„Verzeihen,“ sagte er, „das sind die beiden Herren Gutsbesitzer aus Mecklenburg. Sie lächeln.“
~Traduttore -- traditore~
Mein Freund Pflanz, der berühmte Übersetzer, ist eben kolossal beschäftigt: er übersetzt Strindberg für einen Leipziger Verleger und Oskar Wilde für Berlin.
Leider kam gestern sein Töchterchen aus, geriet ins Arbeitszimmer und riß die Titelblätter von den Büchern.
Der arme Pflanz ist totunglücklich. Er ist nicht mehr imstande, festzustellen, welches Strindberg ist und welches Oskar Wilde.
Fragment
Die Zweckmäßigkeit der Naturanordnungen äußert sich oft in den kleinsten Dingen. Wie weise, zum Beispiel, daß die Geruchsorgane nicht in den Unterleib verlegt sind!
Bibliophilie
Doktor Massek hat ein populäres Buch geschrieben. Nun kündigt der Verleger es an:
Massek, „Heilung der Hämorrhoiden“ -- broschiert ℳ 72.-- dasselbe in Geschenkeinband ℳ 85.-- dasselbe, Liebhaberausgabe ℳ 220.--
Veranlagung
Ich wußte nichts Rechtes zu beginnen.
Da sagte mir Mr. Parson:
„Wir in Amerika sind so weit, daß wir keinen Menschen auf den ungünstigen Platz stellen, und niemand braucht bei uns nachzudenken, welchen Beruf er ergreifen soll. Wir haben das Vokations-Bureau.“
„?“
„Ein Bureau zur Prüfung der individuellen Fähigkeiten. Eine Reihe von tüchtigen Psychologen prüft den Bewerber, stellt Übungen an -- und die Art, wie er auf Fragen und Reizworte reagiert, die Form, in der er Gedankengänge entwickelt und Assoziationen knüpft -- das alles gibt den Psychologen Anhaltspunkte für die Beurteilung des Bewerbers. Man stellt dem Beobachteten einen Schein aus, der das Ergebnis der Versuche auf eine knappe Formel bringt -- und damit ist die Zahl jener Berufe abgegrenzt, die für den Bewerber in Betracht kommen; für die er begabt ist.“
Ich ließ mich im Vokations-Bureau untersuchen.
Mein Zeugnis lautete:
„Mädchenhändler.“
Die Verwandten
Einer der stimmungsvollsten Abende, deren ich mich entsinne: der Vorabend des siebzigsten Geburtstags Onkel Theobalds.
Nachmittag hatte man den alten Herrn unter irgendeinem Vorwand aus dem Haus gelockt, die Nichten schmückten die Räume mit Tannengewinden. Die Familie versammelte sich im Salon. Auf dem Tisch waren die Geschenke aufgebaut.
Als Onkel Theobald ahnungslos seine Wohnung betrat, erkannte er sie nicht wieder: Licht, Glanz und Blumen überall. Edith und Marga spielten vierhändig Onkels Lieblingsstück, die Ouvertüre aus dem „Freischütz“. Die vielen Geschenke -- das Wiedersehen mit langentbehrten Freunden: es war zu viel Glück, zu viel für den alten Herrn. Vor Glück und Rührung traf ihn der Schlag.
Was unsre Festfreude noch bedeutend erhöhte.
Es war ein herrlicher, ein wunderbar stimmungsvoller Abend.
Der Junggeselle
„Saan Sö aber heut wieder unwirsch!“
„Haben S’ mi scho amol wirsch gsegn?“
Kommerz
Ein Kerl in Prag hat sich von Pleiner porträtieren lassen und zahlt nun nicht.
Pleiner wollt ihn verklagen. Ich, der Klügere, riet:
„Mensch, erkundig dich doch erst, ob dein Schuldner auch was hat. Sonst mußt du am Ende die Gerichtskosten obendrein bezahlen.“
Richtig, Pleininger erkundigte sich.
Vom Kaufmännischen Kreditbureau kam folgende Auskunft:
„Angefragter kauft nur bei slawischen Firmen ein, unterstützt den tschechischen Schulverein, auch ist Verdacht des Antisemitismus nicht ausgeschlossen.“
Die Gentlemen
Im Garten der Irrenanstalt, Zahlabteilung, trafen zwei Herren zusammen und stellten sich vor:
„v. Krowitz -- Verfolgungswahn.“
„Sehr angenehm. Huber -- weiße Mäuse.“
Haussegen
„Nord, Süd, Ost, West -- Daheim ist das Biest.“
Humanistik
Als ich Sextaner war, spielte sich eine Szene ab, die jetzt noch hie und da meine Träume beunruhigt:
Es war in einer sommerlichen Lateinstunde -- ich hatte einen Kork auf mein Taschenmesser gespießt und trommelte damit leis unter der Bank. Der Lehrer, Doktor Weber, erwischte mich, schrieb mich ins Klassenbuch und sprach:
„Noch fehlt dir die Einsicht für dein Tun, unglückseliger Knabe! Doch je mehr dein Verstand reifen wird, desto furchtbarer wird dich die Reue verfolgen dafür, daß du einst mit einem aufgespießten Kork unter der Bank getrommelt hast.“
Ankündigung
Wichtig für Fremdenhotels, Sommerfrischen, Wirte auf dem Land:
Patentbarometer „Tourist“, +stets steigend+,
zeigt nur bestes Wetter an und verhindert dadurch vorzeitige Rückkehr der Sommergäste nach der Stadt.
Bändiger der Jugend
Mein Neffe ist auf dem Gymnasium. Gestern bringt er mir die Nachricht heim: er werde nicht in die nächste Klasse aufsteigen.
Ich wunderte mich sehr, denn der Junge hatte das Jahr über doch in allen Gegenständen soweit entsprochen.
Der Rektor gab es auch unumwunden zu, als ich ihn fragte. Karl wäre sogar ein verhältnismäßig begabter Schüler -- in Untertertia.
„Aber,“ sagte er, „für Obertertia fehlt dem Jungen noch die nötige sittliche Reife.“
Fremdwörter
„Wenn ich ‚Jupon‘ höre, denk ich immer an was Elegantes -- und bei ‚Unterrock‘ immer an was Schmieriges.“
Der Familienvater
„Haben Sie Kinder, Herr Baron?“
„Ja. Drei.“
„Und wie heißen sie?“
„Paul Schulz, Paul Wernicke und Paul Themaier.“
Fortifikation
Dem Kommandanten der Festungsfeuerwehr meldete man eines Tages Großfeuer -- Fort 2, Objekt ~C~.
„Unsinn,“ sagte er. „Das Objekt ~C~ im Fort 2 ist von feuersicherm Material erbaut, mit Asbest gedeckt und enthält ausschließlich imprägnierte Gegenstände.“
Er fuhr aber doch hin.
Als er hinkam, lag das Objekt da -- ein rauchender Schutt.
Nur die Signalraketen fand man unversehrt unter den Trümmern.
Parlamentarismus
Der Sprecher der Mittelpartei führte seinen neuen Kollegen, Herrn v. Jaritz, im Reichstagsgebäude umher.
Da sagte Herr v. Jaritz, der Neuling:
„Sitzungssaal, Büffett, Kommissionszimmer, Klosetts -- allens schön un jut. Aber nu, Herr Parteijenosse, im Vertrauen: wo is die Regierungskrippe?“
Ein Druckfehler
Die alten Deutschen tranken immer nach eins.
Italien
Im Dogenpalast sah ein Ehepaar aus Zwickau die Bilder an -- sie sah hin, und er las ihr aus dem Baedeker vor.
Er hatte eine falsche Stelle aufgeschlagen, die ~Accademia di Belle Arti~. Zum „Einzug Heinrichs III.“ las er:
„Giambino, Jesus unter den Heiligen.“
So gings durch sechs Säle. Endlich, vor Bellinis „Beweinung Christi“, sprach der Zwickauer:
„Hier steht: Molyn, Schlittschuhläufer. Gathrin, gloobe mir, das gann nich stimmen.“
Aus dem Gerichtsrepertoire
Montag, den 15. August: Alimentationsklage der unverehelichten Helene Mahr gegen Kellermann und Genossen.
Hofbräuhaus
„Die Kulturentwicklung der modernen Menschheit erheischt im Interesse einer weitern Ausgestaltung der dem Manne immanenten Triebe ...“
„Sö! Noch Ein Wort -- un i hau Eahna a Fotzen hinein.“
Der Kaufmann
Die Spinnerei von Moritz Keller steht in Flammen. Fiebernde Aufregung in der Stadt.
Moritz Keller ist verschwunden. Endlich, gegen Mittag, findet die besorgte Familie ihn im Kontor von Enesberger & Söhne, Wollwaren ~en gros~.
„Vater,“ rufen die Söhne, „Moritz,“ schreit die Frau -- „was treibst du hier, während dein Haus brennt?“
„Nu, wie ich gesehn hab anfangen den Brand, hab ich kalkuliert: nu krieg ich doch ä größere Summe von der Versicherung. Nu kann ich doch aber ä größere Summe nicht gleich verwerten, denn die Spinnerei wird verbrännt sein. Hab ich gemacht mit Enesberger Söhne en Eventualvertrag auf stille Beteiligung mit 300 Mille -- für den Fall, daß meine Spinnerei abbrennt. Nu bin ich aber neugierig: is se richtig abgebrännt?“
Familienfreuden
„Denken Se sich -- erhalte eben Depesche -- bin Vater jeworden.“
„Na -- und Jnädigste wohlauf?“
„Wenn die bloß nischt von erfährt.“
Pardon
Ähnlichkeit der Trachten führt oft zu unangenehmen Verwechslungen.
Im Flur des Hotels Britannia zu Braunschweig stand ein Mann in blauem Frack mit blanken Knöpfen.
Ich drückte ihm eine Mark in die Hand und ersuchte ihn, mir die Gummischuhe abzuziehen.
Erst als er mir eine Ohrfeige gab, bemerkte ich, daß er ein braunschweigischer Kammerherr war.
Das Geheimmittel
„Sie kündigen da eine neue Salbe gegen kalte Füße an, ‚kolossal wirksam, die beste der Gegenwart, der Tigel zu zwölf Mark in jedem Laden‘. -- Sagen Sie mal aufrichtig: glauben Sie selbst an das, was Sie ankündigen?“
„Na, zum Teil glaub ichs schon.“
„Und was glauben Sie?“
„Daß der Tigel im Laden zwölf Mark kostet.“
Bescheidenheit
„Wenn ich bei Tisch nur bequem sitze, liegt mir nichts daran, wenns auch ein Gericht mehr gibt.“
Hof
Die Hysterie der Komtesse ist so schlimm geworden, daß man endlich einen berühmten Spezialisten konsultiert.
Er untersucht die Kranke -- er reibt sich verlegen die Hände -- wie soll ers der Gräfin-Mutter nur sagen?
Und endlich beginnt er:
„... Gräfin, es gibt ein Mittel, das die Heilige Schrift empfiehlt -- in dem Vers: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Komtesse müßte ... heiraten.“
„Glauben Sie, Herr Professor? Aber meine Tochter ist drei Jahre Hofdame gewesen, und es hat ihr nicht geholfen.“
Nahrungsmittelchemie
„Ich habe zwei Häuser auf Abbruch gekauft.“
„Sind Sie denn Baumeister?“
„Nein, Paprikafabrikant.“
Literatencafé
„Man muß an Napoleon mit Sympathie denken: er hat einen deutschen Verleger erschießen lassen.“
Die Galoschen
Ich traf Frau Eder auf der Promenade.
„Wohin des Wegs, Gnädigste?“
„Ach, denken Sie sich: ich habe wieder einmal meine Galoschen verloren ...“
„Na, Gnädigste, das Polizeifundbureau ist ja nebenan -- versuchen Sie doch Ihr Glück! Ich begleite Sie.“
Wir hatten noch kein Wort gesprochen -- da überreichte uns der Beamte die Galoschen. Er kannte schon Frau Eder und kannte auch genau ihre Gummischuhe.
Der Offizier
„Ick bin vor milde Handhabung des Militärstrafrechts. Dienst an sich is Strafe jenuch.“
Der Konservative
Der alte Graf Bardy ließ sich endlich, endlich bewegen, ein Telephon anzuschaffen.
„Na, Papa,“ riefen die Söhne, „ist es nicht wunderbar? Jetzt hast du, ohne dich aus dem Haus zu rühren, mit der Agathetant gesprochen.“
„Ja,“ sagte der alte Bardy, „gesprochen hab ich schon mit ihr. Aber glauben? Glauben tu ich an den Schwindel deßtwegen net.“
Der Ausweg
In der ersten Kavalleriebrigade dienten einmal zwei Prinzen: der eine war General und Chef der Brigade -- der andre Oberst und Kommandant der Wilhelm-Ulanen. Der Oberst war also -- seinem militärischen Rang nach -- dem General unterstellt.
In der Hofrangliste aber standen Seine Kaiserliche Hoheit, der Oberst obenan.
Darauf taten sich Seine Kaiserliche Hoheit, der Oberst was zugut.
Darüber ärgerten sich wieder Seine Königliche Hoheit, der General.
Und schrieben in die Qualifikationsliste Seiner Kaiserlichen Hoheit: Seine Kaiserliche Hoheit, der Herr Oberst wären zum Regimentskommandanten völlig ungeeignet.
Im Präsidialbureau des Kriegsministeriums gabs infolge dieses unerhörten Vorfalls einige Verwirrung. Man konnte doch den hohen Herrn Obersten nicht davonjagen; noch weniger das harte Urteil des Prinzen und Generals ignorieren.
Endlich fand man einen Ausweg: man pensionierte den Oberstleutnant Zoufalik, zweitältesten Stabsoffizier des Regiments Wilhelm-Ulanen.
Die Berufsparalyse
Bei Sardiniendragonern stand ein Rittmeister Graf Trotzki.
Eines Tages große Aufregung: Trotzki hatte es mit der Paralyse.
Der Oberst ließ ihn beobachten, und der Stabsarzt meldete nach ein paar Wochen den Befund: von Paralyse wäre keine Rede; höchstens eine leichte Störung -- doch: auch die sei schon behoben. Der Stabsarzt ließ durchblicken: Trotzki habe simuliert.
So ein Schlaumeier, der Trotzki! Die Garnison hatte ihm nicht gepaßt -- da stellte er sich einfach paralytisch, um in den diplomatischen Dienst zu kommen.
Die Skeptische
„Ich höre, Sie sind Braut, Fräulein -- ich gratuliere.“
„Gott, wenn man sich ein bißchen verlobt hat, ist man doch nicht gleich Braut.“
Fragment
Es gibt, Gott sei Dank, noch Schauspielerinnen, die sich niemals in Hosenrollen zeigen würden: die schlecht gewachsenen.
Chemie
In Zara hatte ein Weinwirt seine Frau vergiftet. Man übergab die Giftreste einem Gerichtschemiker zur quantitativen Analyse, und er stellte fest:
Wasser 91,0% Arsenik 8,7% Spuren von Kieselsäure.
Ein andrer Chemiker sollte die Analyse nachprüfen. Er fand:
Wasser 93,0% Strychnin 6,8% Spuren von Kochsalz.
Man rief den Sanitätsrat um ein Endgutachten an. Das Gutachten lautete:
Wasser 92,0% Arsenik 8,7% Strychnin 6,8% Spuren von Kochsalz und Kieselsäure.
Sport
„Ich angle jetzt. Sie können sich nicht denken, wie aufregend das ist.“
„Angeln -- aufregend?“
„Ja. Ich habe nämlich keine Fischkarte.“
Wohltätigkeit
Frau Bermann, die Philanthropin, hatte ein Säuglingsheim gegründet und lief bei den Spitzen der Gesellschaft um -- mit einem Erpressungsbogen.
„Meine Gnädige,“ sagte der Hofmarschall, „zu einer Unterstützung aus der Allerhöchsten Privatschatulle können wir uns nicht verpflichten. Aber eine der königlichen Prinzessinnen fürs Ehrenpräsidium können Sie haben. Sogar eine junge, wenn die Säuglinge ehelich sind.“
Der Grund
„Herrgott, sieht die Mira nobel aus!“
„Na, sie ist ja jetzt auch das Verhältnis von Niki Pleininger und Baron Rosenbaum.“
Italien
Ich stellte ärgerlich meinen Wirt zur Rede: ich muß seit Monaten zehn Lire Pension bezahlen -- und mein Nachbar, der Berliner, der heute gekommen ist, zahlt für das gleiche Zimmer, die gleiche Küche nur sieben.
Der Wirt zuckte die Achseln.
„Was wollen Sie,“ sagte er, „-- ~e fortunato~. Er hat eben Glück.“
Dragoner
Oberleutnant Baron Seifert schmachtete elf Jahre in einem oberösterreichischen Dragonerregiment. Elf Generationen Mostschädelrekruten waren nach und nach eingerückt -- er hatte sich bemüht, sie mit Reitergeist zu erfüllen.
Einmal stand Seifert mit seinen Leuten beim Pferdeschwemmen -- da marschierte eine Husarenschwadron vorüber.
Seifert wandte sich an seine Mannschaft:
„Ihr Affenhengste -- schauts nur an, wie schön die Husaren beisammen sein!“
Und ein Dragoner darauf:
„Ja -- mir saan aber auch net so hoffärtig.“
Der zureichende Grund
„So, jetzt trink ich meinen Schnaps.“
„Hast du denn Durst?“
„Nein. Aber Schnaps.“
Die Witwe
„Warum trage ich eigentlich nur bei Tage Trauer? Bei Nacht trauere ich doch am meisten um ihn.“
Die Eindringliche
„Moritz, kommst du, oder kommst du nicht?“
„Ich komme.“
„Ganz gewiß, Moritz?“
„Ganz gewiß, Liebste.“
„Schwör mir, daß du wirklich kommst!“
„Mein Ehrenwort, ich komm.“
„Dein Ehrenwort?“
„Mein Ehrenwort.“
„Nu sag aber im Ernst, Moritz: kommst du, oder kommst du nicht?“
Literatencafé
„Fleimer hat sich aufs Plagiieren verlegt.“
„Seine Gedichte sind seither auch viel besser.“
Die Ehrung
Eines Tages versammelte ein Berliner Zirkusdirektor seine Leute in der Manege -- Artisten, Stall- und Bureaupersonal -- und verkündete:
„Meine Damen und Herren! Sie werden in der Zeitung lesen, daß ich durch die Gnade Seiner Hoheit, des Großherzogs von Sachsen-Weimar zum großherzoglich sachsen-weimarischen Kommissionsrat ernannt worden bin. Wer mich mit diesem Titel anredet, fliegt.“
Das Buch
Ein ungeheuer kompromittierendes Buch war erschienen:
„Schandflecke der Gegenwart.“
„Enthüllungen aus dem Hofleben.“
Ein paar Tage später traf ich den General v. Warnhold. Er sprühte vor Entrüstung.
„Haben Sie das niederträchtige, verlogene Machwerk gelesen? Diesen Extrakt von Unwahrheiten, die alle aus der Luft gegriffen, glatt erfunden sind? Diese schwindlerischen Lügen? -- Ich bin dreizehn Jahre bei Hof gewesen. Ich könnte noch ganz andre Dinge erzählen. Aber tut denn ein anständiger Mensch so was?“
München
Meine Braut bestellte sich ein Redoutenkleid.
Die Schneiderin fragte:
„Wie wünschen Gnädige die Dekolletage? Hoffähig oder mehr protestantisch?“
Wagner
„Sie! Sie haben mir gestern was Schönes angetan mit dem Freibillet zu ‚Tristan‘! Diese brausende Musik! Und dann bringt mir der Kellner noch dunkles Bier.“
Ein Mißverständnis
Die ungarischen Staatslenker sind wieder einmal in Wien. Der österreichische Minister geht mit seinem ungarischen Kollegen über den Ballhausplatz.
Der Ungar fühlt sich heute ungewöhnlich wohl und schreitet wacker aus.
Der Österreicher:
„Exzellenz, hast du Eile?“
Der Ungar:
„So stinketes Vogel wird durch mich nicht gehalten.“
Literaturtratsch
„Kolossaler Kerl, dieser Friemke! Hat schon wieder ein prachtvolles Ehebruchsdrama vollendet.“
„Kunststück -- wenn man so ne Frau hat.“
Autoren
„Haben Sie schon mein neuestes Werk gesehen -- zwei Bücher in einen Band gebunden?“
„Ach, ist er von Ihnen -- der neue doppelschläfrige Roman?“
Die Tanten
Die lieben Tanten besuchten mich in meiner Junggesellenwohnung.
Doch es war sehr ungemütlich; die Tanten blickten immerzu einander an und blickten sich auf die Stiefel.
Ein lahmes Gespräch vom Wetter kam zustande.
Endlich sagte ich:
„Verzeihung -- stört es euch, wenn ich das Fenster öffne? Der Ofen riecht so sehr.“
Tante Klothilde darauf erleichtert:
„Der Ofen, lieber Neffe? Du hast uns einen Alp von der Brust genommen.“
Der Lebemann
„Wenn man eine Stunde wirklich angenehm schlafen will, muß man sich um acht Uhr wecken lassen und steht dann nicht auf.“
Der Abgesägte
„Die einzige Art, sich im Staatsdienst eine sichere Existenz zu gründen: mit der Kasse durchgehen.“
Madjaren
Mein Freund Antalffy beurteilt alle Welt nach seinen heimischen, den Budapester Verhältnissen.
Eines Tages standen wir im Zoologischen Garten.
„Herrgott,“ rief Antalffy, „is das großer Vogel!“
„Das ist ein Kondor.“
„Hat sicher früher Kohn geheißen,“ sagte Antalffy.
Restaurant
„Weißt du schon das Neueste? Ich lasse mich scheiden. Prost!“
„Prost -- ich komme nach.“
Die Freundin
Fräulein Mary erzählte mir.
„Denken Sie sich dieses Pech: meine Freundin lädt mich nach Wien -- ich komme hin, da ist sie schwer krank. Fuß gebrochen.“
„Donnerwetter! Wird wohl beim Exerzieren mit dem Sporn hängen geblieben sein?“
„Nein, er ist Tenor.“
Cercle
Herzog Bernhard von Pillingen bereiste seine Staaten.
Er kam in irgendeinen Flecken -- da wurde Seiner Hoheit die Geistlichkeit vorgestellt, das Offizierskorps und endlich auch die Staatsbeamten.
Seine Hoheit hatten für jedermann ein paar leutselige Worte.
Als der Direktor des Katasterbureaus an die Reihe kam, rief der Herzog:
„Ah -- Katasterdirektor? Ungemein interessant. Sagen Sie ... ist es wirklich wahr, daß man davon eine so hohe Stimme bekommt?“
Korrespondenz
„Wie aufmerksam, Herr Kommerzienrat! Sie haben meinen Brief eigenhändig beantwortet.“
„Nu, wenn es sich handelt um einer Angelegenheit mit feinem Stil, nimm ich mr immer selber der Mühe her.“
Bei Dressel
„Blücher hieß mit Recht der Marschall Vorwärts.“
„Nanu -- ooch en Sozialdemokrat?“
Der kaiserliche Dienst
Ich traf einst meinen alten Freund Oberleutnant Pleininger in Wien.
Er breitete die Geschichte seines Lebens vor mir aus.
„Du weißt ja, früher war ich beim Hengstendepot. Aber siegst: es war mir zu eintönig, immer die Beschäler pflegen -- da hab ich mich zur Monturverwaltung übersetzen lassen. Heut laß ich Mäntel klopfen, morgen zähl ich den Unterhosenbestand, übermorgen überwichsen wir die Stiebel -- es is doch eine ungeheure Abwechslung.“
Fragment
Heine ist der Vater des Feuilletons, Ignatieff Vater der Lüge. In welchem Grad mögen Heine und Ignatieff verwandt miteinander gewesen sein?
Musik
„Meister, welche Methode des Gesangsunterrichtes halten Sie für die beste?“
„Die, wo das Honorar im vorhinein gezahlt wird.“
Die Fleischkonserven
Bei den Benziger-Dragonern hatten wir einmal Lagerübung mit Abkochen und Füttern.
Das Lager war bezogen -- da stürzte Wachtmeister Plhal auf mich zu und meldete:
„Herr Leidnant, Gottes willen, mir ham Fleischkonserven z’ Haus vergessen.“
Saubagage! Aber was gehts mich an? Sie sollen sich helfen, wie sie können.
Eine Stunde später kommt der Oberst ins Lager, die Kochgräben und Kochmaschinen besichtigen.
Wachtmeister Plhal reicht ihm einen Löffel von unsrer Suppe -- der Oberst führt ihn zum Mund.
„Jetzt kommts,“ dachte ich mir.
Allein der Oberst gab den Löffel zurück und sagte:
„Brav. Brav. Sehr schmackhaft und ausgiebig.“ -- -- --
„Wachtmeister! Wie haben Sie das angestellt?“ fragte ich, als der Oberst weit genug weggegangen war. „Wo Sie doch die Konserven zu Haus vergessen haben?“
„O, Herr Leidnant, bitt gehorsamst, macht nix. Hamme a bißl Hufkitt mit Stiewelwichs gekocht; schmeckte teischend wie Fleischkonserve.“
Die Mainlinie
Ärztekongreß in Berlin.
Nach der Sitzung findet man sich im Restaurant zusammen. Sanitätsrat Doktor Schabuschnigg-Graz erzählt einen interessanten Fall aus seiner Praxis.
„... Die Patientin hat also an Magenkrebs und zugleich a Schnürleber. Jetzt weiß ich ja net, wies in Norddeutschland is; aber bei uns in Österreich wird der Magen auf der rechten Seiten zum Teil vom Leberlappen bedeckt ...“
Schmerz
Man brachte dem Meister -- er saß eben beim Mittagessen -- die Nachricht vom Tode seiner Gattin.
Gramgebeugt, mit zitternder Stimme fragte er:
„Wird von meinem ungeheuern Verlust in den Abendblättern schon zu lesen sein?“
Vermittelung
„Hunderttausend Mark Mitgift hat das Fräulein, malt auf Seide, spielt Klavier? Und will mich heiraten? Da muß sie doch irgendeinen Fehler haben?“
„Nu, sie kann ihre Kinder nix selber stillen.“
Die Behörde
Der interessante Fremdling heißt Iwan Iwanowitsch Pawloff. Er ist Redakteur in Tula.
„Eines Tages,“ erzählt er, „fing unsre Polizei drei Gauner. Ich hatte vor, mich auf guten Fuß mit der Polizei zu stellen -- verschaffte mir die Bilder der drei Gefangenen, die Bilder unsrer drei höchsten Polizeibeamten und wollte das alles in der nächsten Nummer bringen.
Und was geschieht?
In der Druckerei verwechselt mans. Unter den Bildern unsrer höchsten Polizeibeamten steht:
‚Die gefährlichsten Verbrecher von Tula.‘
Unter den Gaunern:
‚Diese Männer haben die Verbrecher entlarvt.‘
Am selben Morgen waren unsre drei höchsten Polizeibeamten entflohen.“
Die Beschreibung
In Linz war dereinst ein Oberst Kronholz, der hatte in seiner Qualifikationsliste stehen:
„Spricht und schreibt perfekt persisch.“
Als der Schah von Persien nach Österreich kam, kommandierte man den Obersten Kronholz zum Ehrendienst beim Schah.
Des Staunens war kein Ende, als er wirklich Persisch konnte.
Der Theoretiker
Leutnant Meidel -- der Meidel von der Luftschifferabteilung -- schilderte mir den Flugapparat, den er erfunden hatte.
Meidels Konstruktion beruht auf jahrelangem Studium des Vogelflugs.
Solche Beobachtungen haben auch andre Fachleute angestellt. Doch alle frühern Beobachtungen waren mangelhaft -- das bewies mir Meidel haarklein.
Meidel hat ganz neue Theorien für die Mechanik des Vogelflugs gefunden -- Erklärungen, die von allen bisherigen himmelweit abweichen.
Da flog draußen eine Taube vorüber.
„Siehst du,“ rief Meidel, „also, zum Beispiel: diese Taube fliegt falsch.“
Das Recht der Frau
Auf der Elektrischen in München. Alle Plätze besetzt. Eine dicke Marktfrau steigt mit ihrer Hucke ein; sie wird nicht müde, ihre bösesten Blicke einem Jüngling zuzuschleudern, der da sitzt und ihr nicht Platz macht.
Endlich mault sie:
„Junger Herr, wann Ihnen der Hintere weh tut, sagen S’ mirs -- nachher setz i mich für Eahna hin.“
Der Zerstreute
Ich kenne Herrn v. Mollnow von meinem Aufenthalt in Pommern her -- nun freute ich mich ungemein, ihm in Berlin zu begegnen.
„Ick bleibe nich lang,“ erzählte er mir, „ick fahre heute schon wieder nach meener Klitsche. Jestan abend, wissen Se, is mir nämlich hier in Balin ene sehr ene unanjenehme Jeschichte passiert.
Ick wohne doch imma int Christliche Hospiz -- nich? Un wie ick nu bei Dressel soupiert habe, jehe ick in die Winzerstuben, un dort mache ick ne sehr ene interessante Bekanntschaft mit ner russischen Jräfin. Een Wort jibt det andre -- sie erzählt, sie wohne nich jut un will janz jern diese Nacht ooch int Christliche Hospiz ...“
„Ah -- und da hat man Sie wohl nicht eingelassen?“
„Rin ließ man uns schon -- ick sagte, die Dame wäre meene Frau. Wie ick aber mit der Jräfin in meene Stube komme, wissen Se, da waren wa nich alleene. Ick hatte nämlich, wissen Se, in meenem Tran total vajessen, det ick meene richtije Frau mit nach Balin jenommen hatte.“
Ihr Grundsatz
„~Les amis de mon mari sont mes amis.~“
Der Besuch
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer -- vor einem Berg von Korrekturen.
Das Mädchen meldet mir: draußen wär ein Herr, der mich zu sprechen wünscht.
„Fragen Sie ihn, wer er ist und was er will!“
Das Mädchen kommt im Augenblick wieder:
„Er sagt, er is Oberst und kommt in einer Privataffäre.“
„Sagen Sie ihm: ich bin aus dem Heeresverband entlassen -- satisfaktionsunfähig -- fünf Jahre Ehrverlust.“
Das Mädchen kommt zurück:
„Der Herr Oberst laßt bitten, es is eine dringende Familiensache.“
„Sagen Sie ihm, ich hätte meine Familie verstoßen.“
Das Mädchen kommt zum drittenmal:
„Der Herr Oberst muß den gnä Herrn unbedingt sprechen -- in einer wichtigen literarischen Angelegenheit, was die Zukunft betrifft.“
„Sagen Sie ihm: ich bin schon versichert.“
Da ging er endlich.
Ahnungen
„Na, und wie gehts Ihrer Tochter?“
„Sie fühlt sich Amme.“
Der Unterschied
Als ich noch bei den Benziger-Dragonern diente, da pflegte ein Trainrittmeister oft bei uns zu frühstücken.
Er war ein ganz anständiger Mensch -- gar nicht so, wie man denken sollte.
Eines Tages ließ er sich mit unserm alten Pleimschauer in einen Diskurs ein und sagte:
„Gott -- was is denn weiter für a Unterschied zwischen uns? Du bist Rittmeister, und i bin aa Rittmeister. Ob Dragoner oder Train -- Rittmeister is Rittmeister.“
„Wer sagt denn, daß a Unterschied is?“ antwortete unser Pleimschauer höflich. „Aaner von uns is wie der andre ... Nur natürlich, wann zufällig a Fremder kommet und möcht mich für an Trainrittmeister halten -- no, so möcht ich ihn halt fordern.“
Der Graf von Habsburg
Die Habsburger waren nicht immer klerikal.
Rudolf, der Ahnherr des Hauses, hatte sein Pferd einem Priester geborgt.
Als der Priester am nächsten Tag das Pferd wiederbrachte, da sagte der Graf:
„Nö -- ein Pferd, wo mal ein Priester draufgesessen hat, das reite ich nicht wieder.“
Etikette
Manche Leute, selbst in kulturfernen Zonen, sind von erstaunlicher Etikettewut besessen.
In Tetuan, zum Beispiel, lebte ein reicher Kaufmann, ägyptischer Untertan, der war Honorarkonsul von Österreich-Ungarn und Frankreich.
Am 18. August, Geburtstag des Kaisers Franz Josef, legte der Kaufmann die französische Uniform an, fuhr rund um sein Haus, ließ halten und gab auf dem österreichischen Konsulat seine Karte ab.
Fuhr weiter, kleidete sich um und machte in österreichischer Uniform dem französischen Kollegen eine Dankvisite.
Werbung
„Miß Dorothee, können Sie sich entschließen, Ihre amerikanische Heimat zu verlassen und als meine Frau zu leben -- im schönen Deutschland -- an der Seite eines Mannes, der Sie anbetet und liebt -- liebt, wie nur je ein Mann das Weib seiner Träume geliebt hat?“
„Ja.“
„Ich danke Ihnen. -- Miß Dorothee, sagen Sie: ein Dollar sind wieviel Mark?“
Das Mus
Meine Heimat ist ein Pflaumenland -- man kocht dort Mus in kolossalen Kesseln.
Einst hatte Tante Julie anheizen lassen, und als es am schönsten brodelte, beugte sie sich über, um zu sehen, ob es richtig koche -- da glitschte sie aus und fiel hinein.
Sie war sofort mausetot.
In der Familie erhob sich ein leidenschaftlicher Streit. Die einen sagten:
Von dem Mus, worin die gute Tante ersoffen ist, würden sie keinen Bissen essen können, es wär ein ewiger Vorwurf.
Die Töchter wieder sagten:
Ein Mus, wo so eine Familienerinnerung dran haftet, das dürfe man doch nicht fremden Leuten verkaufen, das wäre pietätlos.
Ich weiß, meiner Seel, nicht mehr, wie man sich einigte.
Abschied
Meine Frau konnte nicht mit -- da ließ sie mich aufs Sommerfest allein ziehen.
„Aber,“ sagte sie, „unterhalt dich wenigstens nicht sehr gut!“
Familienleben
Unsre Großmama leidet seit Jahren an intensiver Darmträgheit. Darüber regt sie sich manchmal sehr auf. Wenn sie sich aber aufregt, kriegt sie Durchfall.
Seit wir das wissen, sparen wir die teuern Medikamente. Wir werfen ihr einfach jeden Morgen gegen neun Uhr vor, sie allein wäre schuld an Großvaters frühem Tod.
Darüber regt sie sich auf -- und um halb zehn ist der Stuhl da.
Volksetymologie
Auf dem Molo San Carlo standen einst zwei Kapitäne der Segelmarine und betrachteten das Werk einer Taschenuhr.
„Ssön, ssön,“ rief der eine, „-- aber was kann probabilmente ~F~ und ~S~ bedeuten?“
„Oh -- du weißt nickt? Effe -- for; Esse -- ssurück.“
Beziehungen
„Merkwürdig -- ein Kind aus der ersten Ehe Ihrer Frau -- und sieht Ihnen so ähnlich.“
„Darum hab ich sie ja heiraten müssen.“
Die Herrenreiter
Einer der aufregendsten Momente meines Lebens: das Regimentsrennen der Benziger-Dragoner vor soundsoviel Jahren.
Bei der dritten Nummer, Steeplechase für Chargierer, stürzt Paul Kampff am Wassergraben. Kybeo, dicht auf, landet direkt vor ihm, stürzt natürlich ebenfalls, und die Reiter kommen unter die Gäule zu liegen.
Auf der Tribüne eine Panik, nicht zu beschreiben. Ein Herr von der Bahnaufsicht spritzt sofort hin zu den Gestürzten, kommt zurück und meldet:
„Beide Gehirnerschütterung. Aber zum Diner kommen sie.“
Begegnung
„Ich habe die Ehre.“
„Na, mit dieser Behauptung stehen Sie vereinzelt da.“
Seebad
„Warum schreiben Sie denn Ansichtskarten an Pollaks -- mit denen sind Sie doch bös?“
„Nu, Pollaks sollen sich doch ärgern, daß wir sind in Ostende.“
Kunsthandel
Mein Freund Rittinger, der Kunsthändler, ist brillanter Laune.
„Ich hab,“ erzählt er, „ein kleines holländisches Bild entdeckt, aus dem 17. Jahrhundert, unzweifelhaft von Eeckhout.“
„Na -- und?“
„Und jetzt brauch ich nur noch 20000 Mark Kapital und bin ein gemachter Mann.“
„Verzeih, Rittinger! 20000 Mark Kapital brauchst du? Wozu?“
„Damit ich nachweis, das Bild wär von Rembrandt.“
Tradition
„Mir Weaner brauchen dö Schkandinavier nöt. Lang, eh daß der Ibsen gschrieben hat: ‚In Schönheit sterben‘ -- ham mir Weaner gwußt: ‚Nobel muß d’ Welt zugrund gehn‘.“
Ein Freund des Friedens
„Herr, zum Teufel, können Sie nicht anderswohin sehen als in das Decolleté meiner Frau?“
„Nein.“
„Laura, zieh den Mantel an!“
Die Tochter
Unsre Tante, Frau Bark in Riga, hatte eine Näherin im Haus, und die Näherin war traurig.
„Erbaarmung,“ rief unsre Tante, „warum sind Sie so traurig, Freilein Ohsoling?“
„Wai, mein Mamming is jestorben.“
„Aber, Freileinchen, wo sie doch schon so ne alte Frau war und krank ...“
„Nu, man hat doch Kosten, Zematting ...“
„Freileinchen, haben Sie denn in keine Bejräbniskasse jezahlt?“
„Hab schon jezahlt. Hab auch zwanzig Rubelchen bekommen. Aber was kann man mit zwanzig Rubel mit ner Leich fir große Springe machen?“
Dichtercafé
„Wie ist denn Lenzers Première ausgefallen? Ich höre, das Theater war überfüllt?“
„Ja, aber nur im ersten Akt.“
Resignation
Der kleine Fritz von Taussigs kam -- zum erstenmal -- aus der Schule heim, legte seinen Ranzen ab und seufzte:
„Also jetzt weiß ichs. Ich bin ein Jud.“
Der Minister
Ich sprach eines Tages mit einem österreichischen Abgeordneten. Er schwärmte mir sehr von Berchthold.
„Sie glauben gar nicht,“ erzählte er mir, „wie tüchtig der Mann ist, unser Minister des Äußern. Schon sein Vorgänger, Ährenthal, war ein perfekter Diplomat -- er brachte es fertig, die eigenen Botschafter über seine Absichten zu täuschen. Aber was ist das gegen Berchthold? Berchthold täuscht sogar sich selbst.“
Der Streber
„Seit der Kommerzienrat geadelt ist, sucht er sichtlich den alten Aristokraten zu spielen.“
„Ja. Sogar unter Kuratel hat er sich stellen lassen.“
Die Witwe
„Sie auf dem Ball, Gnädigste? Und in Trauer?“
„Ach, der Schmerz um den Verlust meines teuern Gatten hängt mir schon zum Hals heraus.“
Ehe
Mir träumte -- ich muß es vorher irgendwo gelesen haben -- der Prophet Muhammed ließ mir eine Strickleiter aus dem Himmel nieder. Ich kletterte die Sprossen empor, sie waren von Rubinen -- und oben empfing mich der heilige Alte und führte mich ins Paradies. Das Paradies aber war ein Garten voll Duft und Liebe, voll Huris, die mich in die Büsche lockten und mit köstlichem Sorbet tränkten und wieder lockten ...
... und ich erwachte.
Wahrscheinlich mit einem Ruck -- denn meine Frau erwachte ebenfalls.
Ich erzählte ihr, berauscht von Glück, was ich gesehen hatte.
Dann schlief ich wieder ein.
Schlief wohl eine Stunde.
Meine Frau weckte mich.
„Du,“ sagte sie, „bist du mir am Ende wieder untreu?“
Fragment
Das Genie baut Häuser für ungeborne Geschlechter. Bei dieser Bauspekulation muß man natürlich verhungern.
Die Baronin
Unser Tapezierer klagt seit drei Jahren über eine Baronin Veltzow -- sie ist ihm ein paar hundert Mark schuldig und zahlt nicht.
Unlängst, erzählt der Tapezierer, war er wieder bei ihr jammern.
„Frau Baronin, ich bitt, i hab aa mei Außenständ -- d’ Leut saan unbarmherzig un verklagen mi. Wann Sö mir möchten unter d’ Arme greifen, daß i wenigstens könnt das Dringendste begleichen ...“
Die Baronin sprach:
„Lieber Freund, ich komme nicht einmal dazu, meine eigenen Angelegenheiten zu ordnen -- und nun sollte ich auch noch anfangen, Sie zu rangieren?“
Der Lebemann
„Man wird langsam alt und bequem. Wenn ich eine Dame kennen lern, und sie is häßlich, atme ich direkt auf.“
Der Neugierige
„Mama, welcher von den vielen Onkels is nu eigentlich mein Vater?“
Ton
Wir hatten einen Major Grafen Ghöll im Regiment.
Die Ghölls, sagt man, sind so vornehm, daß sie nicht leben können. Sie sterben aus.
Einmal, beim Exerzieren, war Rast -- Offizier und Mann abgesessen.
Major Graf Ghöll rief mich:
„Häär Leutnaant, bieete zuh mier! Aaabäär raaasch!“
Ich lief hin.
Major Graf Ghöll schickte mich indigniert zurück.
„Häär Leutnaant,“ sprach er, „aaajn Häär laaauft niiicht.“
Bilanz
Als der Hofrat Rossipal auf dem Sterbebett lag, sprach er:
„Kinder, ich fühle, daß meine letzte Stund geschlagen hat, es geht zu Ende. Aber ich scheide in dem Bewußtsein, nicht umsonst gelebt zu haben: Nackt bin ich auf die Welt gekommen -- in Hofratsuniform und mit der Zivilverdienstmedaille zweiter Klasse am Band des Hubert-Salvatorordens verlaß ich sie.“
Die Rechner
Vor ein paar Jahren war nahe bei Valona in Albanien wieder einmal ein fremder Wandrer erschossen worden. Der italienische Pfarrer fuhr hinaus und machte den Bösewichten Vorwürfe.
„Wehe,“ rief er, „abermals habt ihr eure Seelen mit einer Blutschuld beladen! Habt einen harmlosen, friedfertigen Mann getötet. Warum? -- Aus Rache? Er hatte euch nicht beleidigt. -- Aus Habsucht? Ihr habt nicht mehr als vierzig Centesimi bei ihm gefunden. Lohnt es, den Zorn Gottes herauszufordern -- um vierzig Centesimi?“
„Herr,“ sagten die Albaner, „du vergißt, daß eine Patrone nur zwanzig Centesimi kostet.“
Fragment
Nachgelassene Werke sind Werke, bei denen die Schaffenskraft des Autors schon sehr nachgelassen hat.
Der Mäzen
Der Großherzog von Knarre-Springinsfeld ist ein wahrhaft fanatischer Kunstfreund. Sooft er von einem Dichter hört, der am Verhungern ist, schickt er seinen Ersten Adjutanten hin und läßt sich nach des Dichters Befinden erkundigen.
Kabel
Ich war junger Mann in der Redaktion der Wiener Universalkorrespondenz. Der Chef lehrte mich, Nachrichten erfinden.
„Sie schreiben also,“ sagte er, „zum Beispiel: Valparaiso, 18. August. Kabeltelegramm unsres Sonderberichterstatters. Folgenschweres Ozeanunglück. Auf der Höhe von La Vuelpa ist der Londoner Dampfer ‚Iris‘, Kapitän O’Connor, zusammengestoßen ...“
„... mit dem Torpedoboot ‚Argentinia‘,“ schlug ich vor.
„Nein,“ rief der Chef, „nur nicht übertreiben! Wir wollen nicht gleich zwei Schiffe zusammenstoßen lassen.“
Die Zeugen
„Heut sieht man ja hier Offiziere aller Waffen. Wohl ein Appell?“
„Nein, eine Scheidungsklage.“
Der Lebemann
„Alkoholabstinenz ist heilbar. Man nehme morgens, mittags und abends einen Kognak.“
Der Gesandte
Eines Tags -- vor Jahren -- erhielt der österreichische Gesandte in Kopenhagen die Nachricht von einer gefährlichen Erkrankung seiner Mutter. Er mußte sofort abreisen.
Noch auf dem Bahnhof beauftragte er seinen Diener, den Sachverhalt sofort dem Kanzleioffizial zu melden; und der Herr Offizial möchte den Herrn Ersten Legationssekretär verständigen.
Der Offizial aber war nachlässig genug, diese Verständigung zu unterlassen.
Der Erste Legationssekretär lebte genau wie immer weiter: verkehrte beim englischen Konsul, spielte Polo mit Rumänien und Frau und aß am Abend mit Frankreich im Tivoli.
Er hatte nicht die leiseste Ahnung von der Abreise des Chefs.
Erst viele Monate später, als er plötzlich den Franz-Josefs-Orden bekam, wurde er gewahr, daß er „in höchst zufriedenstellender Weise ~ad interim~ die Dienstgeschäfte der k. und k. Gesandtschaft geführt hatte.“
Zeitrechnung
„Wie lang sind Sie verheiratet, Gnädigste?“
„Drei Jahre. Aber eigentlich schon sechs.“
Die Enkel
Die Pastorskinder sind bei Großmama zu Besuch gewesen und ungewöhnlich früh zurückgekommen.
„Sicher wart ihr unartig,“ vermutet der Herr Pastor, „da hat Großmutter euch weggeschickt.“
„Oh, wir waren durchaus nicht unartig, wir haben ganz brav gespielt.“
„So? Was denn?“
„Wir haben gespielt: Großmamas Beerdigung.“
Die vier Buchstaben
Die Zeiten ändern sich. Auf den Inschriften der alten Römer begegnen uns immer wieder die Lettern: ~S. P. Q. R.~
Im neuen Deutschland heißt es: G. m. b. H.
Der Rücksichtslose
„Sie verkehren nicht mehr mit Bumcke?“
„Nein. Der Kerl hat mich in die peinlichste Geldverlegenheit gebracht. Hat mir gepumpt und gepumpt -- und plötzlich verlangt er alles wieder.“
Regierungskunst
Der Pfarrer von Asch hatte einen Vortrag angekündigt:
„Die Wunder der heiligen Elisabeth.“
Alsbald kündigte auch der Bildungsverein von Asch einen Vortrag an:
„Die Wunder der heiligen Elisabeth.“
Sofort verbot die k. k. Bezirkshauptmannschaft den Vortrag des Bildungsvereins:
„da zu befürchten ist, daß der Vortragende den Gegenstand, im Gegensatz zu Seiner Hochwürden, vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus betrachten werde.“
Fragment
Denken, um zu leben, ist schwer. Wer Grundsätze hat, lebt nach Grundsätzen -- das ist leichter.
Die Gründung
In Berlin war wieder einmal ein Theater gebaut worden.
Wermes, der kundige Thebaner, verschaffte sich und mir Eintritt zur Eröffnungsvorstellung.
„Amice,“ sagte Wermes nach dem zweiten Akt, „ich schlage vor: wir gehen. Sonst kommen unsre Überzieher in die Konkursmasse.“
Administration
Ich fabriziere jetzt mein patentiertes Busol oriental -- Mittel zur Erzeugung voller Körperformen.
Der Österreichische Diözesankurier schreibt mir:
„Wir bedauern, mit Rücksicht auf unsre seit jeher festgehaltenen Grundsätze, welche absolut unumstößlich sind, Ihr Inserat nicht bringen zu können, außer Sie würden selbes im doppelten Umfang und mindestens sechsmal bei Vorausbezahlung aufgeben. Doch können wir mit Rücksicht auf den unsittlichen Charakter des Inserats einen Rabatt nicht eintreten lassen.“
Schmuck
„Gnädigste haben wunderschöne Ringe.“
„Lauter Erbstücke. Nur der Ehering wird von Zeit zu Zeit erneuert.“
Psychiatrie
„Der Baron, der die Wechsel gefälscht hat, wird jetzt auf seinen Geisteszustand beobachtet. Glauben Sie, daß er für verrückt erklärt wird?“
„Dazu ist die Familie doch nicht vornehm genug.“
Die Uniform
Der Fachreferent ‚zur Festsetzung der Normen für die neue Feldadjustierung‘ beantragte eines Tages:
die Militärgeistlichkeit wäre, ebenso wie die Truppe, mit einer Uniform zu versehen, die sich vom Gelände möglichst wenig abhebt -- um die Herren Superiore und Kuraten nicht unnötigerweis dem feindlichen Feuer auszusetzen.
Der Vorstand der 13. Abteilung des k. u. k. Kriegsministeriums trat den Akt an das Apostolische Feldvikariat ‚zur Äußerung‘ ab.
Der Feldvikar antwortete:
„Die Geistlichkeit steht unter dem besondern Schutz Gottes. Man stimmt gleichwohl dem Vorschlag des Fachreferenten zu -- da bei der übergroßen Portée und Durchschlagskraft der modernen Feuerwaffen erhöhte Schutzmaßregeln rätlich erscheinen.“
Heringsdorf
„Seh, Moritz, de Abendröte! Wie ä rosa Seidenkleid, was sich der Himmel hat angezogen -- unten ä Spitzenvolant von Brandung.“
„Nu, Jetty -- un der Posten Möven is Schund?“
Riedmann
Eines schönen Abends, gegen fünf Uhr früh, als kein Café mehr offen war, hielt Oskar Riedmann endlich Einkehr in sich selbst.
„Ich weiß,“ sprach er, „ich falle manchen Menschen zur Last -- man sagt mir nach, ich drängte mich den Leuten der Gesellschaft auf. Aber warum dränge ich mich auf? Weil das die einzige Möglichkeit ist, anständigen Umgang zu haben. Denn wenn ich mich an die Leute halten wollte, die gern mit mir verkehren -- sag selbst: in was für Kreise geriete ich da?“
Die Berufskrankheit
In Venedig lernten wir ein nettes Ehepaar aus Deutschland kennen -- doch die Frau war vom Reisen keineswegs entzückt. Sie wollte wieder heimkehren.
„Et is so peinlich,“ sagte sie, „mit meinem Mann. Er war doch ehemals ~maître d’hôtel~ -- un wenn nu jemand an ’t Jlas kloppt, springt er unwillkürlich uff un rennt hin.“
Ein schwerer Fall
„Moritz, ich höre, du hast dich taufen lassen?“
„Noch nich -- gestern haben se erst angefangen.“
Grenze
Als ich noch bei der detaschierten Division in Petrinja diente, da kam uns einmal der Korpskommandant besichtigen.
Ein gütiger Herr, ein gescheiter Herr -- doch voller Schrullen. Er wollte, zum Beispiel, daß die Leutnante in den Familien der ältern Offiziere verkehren.
„Herr Major,“ fragte er, „besuchen die Herren Offiziere auch Häuser?“
„Jawohl, Exzellenz,“ sprach der Major, „die jüngern Herrän schon. Ich als Stabsoffizier lasse die Mädchän zu mir kommän.“
Budapest
„Du bist lustig, Janosch?“
„Jaj, Zigeuner hot gespielt so schöne Lied -- hab ich ihm gleich hundert Gulden geben; aber nicht bei mir gehabt.“
Die naive Mutter
„Is ’s wahr, Frau Huberin, Ihnere Tochter hat sich a Klaans aus der Stadt bracht?“
„Ja. Sie sagt, in der Säuglingslotterie hat sies gewonnen.“
Begeisterung
Wir sahen uns die großen Kavallerieübungen an. Doch als Laie versteht man nichts davon.
Zum Glück fanden wir einen fachkundigen Interpreten im Obersten Kutschera, einem Soldaten mit Leib und Seele.
Er erklärte uns:
„Der Zweck dieser grandiosen Übungen ist die Entscheidung der Frage: ob unsre Reiterei Anschnall- oder Anschlagsporen tragen soll. Beide Arten Sporen haben ihre Vorteile und Nachteile. Wie nun die Entscheidung auch immer lauten mag: wenn der Befehl des Allerhöchsten Kriegsherrn uns einst aufs Feld der Ehre ruft, wird Seiner Majestät altberühmte Kavallerie freudig ihr Leben opfern -- ob mit Anschlag- oder mit Anschnallsporen, oberhalb oder unterhalb des Absatzleders -- für Kaiser und Vaterland.“
Die Dichter
„Was bist du denn so verstimmt?“
„Ah -- schreib ich da ein Drama über den Einfall des Cortez in Mexiko -- mit dem Kämmerer Montezumas als Hauptperson -- und weiß nun keinen Titel für das Stück.“
„Nenn es doch einfach nach diesem Kämmerer.“
„Ha -- der Mann heißt: Axtixcazintacatecatl.“
Der Süden
Wir in Österreich hatten endlich ein Arbeitsministerium.
Seine Exzellenz der Arbeitsminister war von seiner Reise nach Dalmatien eben hochbefriedigt nach Triest zurückgekehrt.
Hochbefriedigt. Denn was er gesehen, ist herrlich gewesen: Orient und Okzident, Strand und See, alte Städte und Paläste, Fels und Schroffen, Zypressen, Olivenhaine.
„Warum,“ rief er, „sollte man dieses Dorado nicht dem Weltverkehr eröffnen können? Warum sollte sich der goldführende Fremdenstrom nicht nach Dalmatien lenken lassen? Warum die erlesene Pracht ...“
Da sah er nach der Uhr -- er wollte ja den Zug erreichen.
Die Uhr stand still.
In das Räderwerk war eine Wanze geraten und lag zerquetscht darin.
Turf
„Johnny, ist es wahr? Sie starten morgen nicht?“
„Ich hab Urlaub genommen. In Familienangelegenheiten. Mein Bruder wird gehenkt.“
Mädi
In Wien lernte ich ein wunderniedliches Mädel kennen. Wir verstanden uns im Augenblick -- und solang ich in Wien blieb -- von Mittwoch früh bis Freitag abend, 9 Uhr 30 -- waren wir Ein Herz und Eine Seele.
Als ich abreiste, nahm sie weinend Abschied.
Und sprach:
„Adieu, Herzischatz, adieu! Behalt mich in gutem Angedenken! Nie hab ich vorher geliebt, nie werde ich nachher lieben.“
Ich streichelte ihr bewegt das Haar.
„Und, Herzischatz, sei nicht bös, wenn ich dir ein kleines Andenken anbiete.“
Sie reichte mir drei silberbeschlagene Spazierstöcke.
„Mädi! Pfui! Wie darfst du dir Auslagen für mich machen? Und gleich drei Stöcke!“
„Oh, die kosten mich nichts -- die hat man in der letzten Woche bei mir vergessen.“
Degeneration
„Fräulein -- nicht wahr -- Sie haben doch ein Kind von dem Marquis? Wo ist es denn geblieben?“
„Z’Haus hab ichs in einer Zigarrenschachtel.“
Der Schüchterne
Ein Gymnasiallehrer aus Leipzig war bei uns zu Besuch.
Wir gingen in den See baden und forderten ihn auf, mitzuhalten.
Er zierte sich.
„Das hätte ich vorher wissen müssen,“ sagte er.
„Aber warum denn, Herr Oberlehrer?“
„... Das erstemal im Jahr bade ich gern allein.“
Fragment
Wenn ein Stück Erfolg hat, freut sich nur Ein Dichter.
Wenn es durchfällt, freuen sich alle.
Satisfaktion
Auf der letzten Redoute kriegte Doktor Groß Händel mit einem Studenten; tags darauf waren die Sekundanten da und drohten mit Pistolen.
„Meine Herren,“ sagte Doktor Groß, „vor vierzehn Tagen hätte ichs noch getan. Denn ich bin im Punkt der Ehre sehr empfindlich. Aber seither ist meine Tante gestorben. Und von einem so schönen Vermögen weg? -- Nein.“
Die Vorstellung
Seine Königliche Hoheit geruhten, sich den Leutnant Grafen Saiblingen vorstellen zu lassen.
Der Prinz:
„Ha ... ha ... ha ...“
Der Leutnant -- schmetternd:
„Zu Befehl, Kö’liche Hoheit!“
„Aber ... ich habe ... doch noch nichts gesagt. ...?“
„Dachte, Kö’liche Hoheit beabsichtigten zu fragen, ob ich schon mal nen Hamster geschossen habe.“
Die Dame
Unlängst ging ich von einer längern Vereinssitzung nach Haus und bemerkte eine einsame schlanke Dame knapp vor mir.
Natürlich hängte ich mich in sie ein.
Da fiel ein Schein Gaslicht auf sie, und ich ließ sie erschreckt wieder los.
„Ja,“ sagte sie wehmütig, „mir tuts auch sehr leid, daß ich schon so alt bin.“
Fragment
Denkmal? Die einen brauchens nicht, die andern verdienens nicht.
Abendkunst
Im Kabarett zu vorgerückter Stunde. Ich kriegte Händel mit einem Studenten, der da zehn Flaschen Wein getrunken hatte und sich danach benahm.
Der Herr Kabarettdirektor ergriff Partei für meinen Gegner. Und ich hätte angefangen. Und man verbäte sich das. Dieses wäre ein Kunstlokal mit Andacht.
Ich bestellte drei Pullen Sekt.
Sofort schmiß man den Studenten hinaus.
Kunst
Pfisterer, der Marinemaler, hatte Beziehungen zum Ministerium. Die gedachte er auszunutzen, um seine Kriegsflotte loszuwerden. Er bat Seine Exzellenz, den ‚Iltis‘ anzukaufen und als Staatspreis für die Yachtregatta zu stiften.
„Lieber Meister,“ sprach Seine Exzellenz, „als Staatspreis werden grundsätzlich nur Wertgegenstände gegeben -- niemals Bilder.“
Irrenhaus
„Junger Mann -- Sie sagen also, Sie sind vernünftig? Nun, die erste Aufgabe des Seelenarztes ist, Sie von diesem Wahn zu heilen.“
Die Huldigung
Klagenfurt in Kärnten ist die Heimatstadt eines großen, großen Staatsmanns.
Als sein sechzigster Geburtstag herannaht, tauchen mannigfache Vorschläge auf, wie das Stadtkind zu ehren wäre; doch da eine starke Minderheit im Gemeinderat der Politik Seiner Exzellenz abhold ist, wird man über eine ehrende Depesche schwer hinausgehen können.
Selbst an dieser Depesche nörgelt die Opposition -- bis endlich, nach langwierigen Verhandlungen, folgende Kompromißfassung zustande kommt:
„Genehmigen Eure Exzellenz die tiefergebensten Glückwünsche Ihrer in Liebe und Verehrung zugetanen Heimatstadt. Die hervorragenden Verdienste Eurer Exzellenz, die Ihren Namen weit über unsre Grenzen berühmt gemacht haben, erfüllen uns alle mit Stolz und Ergebenheit. Wir erwarteten aber bestimmt, daß Eure Exzellenz Ihre vaterlandsverräterische Tätigkeit nunmehr einstellen werden.“
Fragment
Bei der Unsterblichkeit ist es wie auf der Straßenbahn: die wenigsten Passagiere fahren bis zur Endstation mit.
Die Großstadt
In Berlin ~W.~, Ulmenstraße, spielte sich jüngst ein Unfall ab, der schreckliche Folgen hätte haben können, wenn die Beteiligten ihre Geistesgegenwart verloren hätten.
Ein Droschkengaul war scheu geworden und rannte quer durch das neugebaute Haus Nr. 60 in die benachbarte Maaßenstraße.
Infolge der heftigen Erschütterung fiel im vierten Stockwerk des beschädigten Hauses der Rentier Kuleicke vom Stuhl und störte die Leute zwei Treppen tiefer beim Mittagessen, indem er sich auf die Suppenterrine setzte.
Zum Glück war der Hauswirt besonnen genug, sofort auf den Dachboden zu eilen und helfend einzugreifen.
Denn -- wär auch noch die schwere Hypothek eingestürzt, die auf Nr. 60 steht -- die Hausbewohner hätten ihr Leben unter den Trümmern lassen müssen.
Leidenschaft
Der Bezirkskommissär Wyhlidal hat eine Braut. Täglich schreibt er ihr -- täglich versichert er ihr, daß er sie wahnsinnig liebe.
Und unterstreicht das Wort ‚wahnsinnig‘ immer zweimal mit dem Lineal.
Revidiert
Friedrich der Große wollte den Park von Sanssouci vergrößern, doch der Nachbar, ein Müller, gab seinen Grund und Boden für den vom König gebotenen Preis nicht her.
Erstaunt und empört rief der Große Fritz:
„Narr, der du bist! Wer wird dir mehr für deine elende Windmühle zahlen als ich, dein Herr, der König von Preußen?“
Und der Müller fest und bescheiden:
„~Il y a des juifs à Berlin.~“
Gussy Holl
kennt einen Satz, worin vierzehnmal ‚Mühsam‘ vorkommt:
„Mir is vor Mühsam mieß am Montag, mir is vor Mühsam mieß am Dienstag ...“
Szene
„Weib! Ich weiß, du bist mir untreu. Eines Tages werde ich dich ertappen, werde rasen, werde dich und ihn töten -- und das Ende wird der Kerker sein ...“
Sie -- lächelnd:
„Sei ruhig, Männchen -- du wirst mich nie ertappen.“
Amerika
In manchen Staaten der Union ist das Verfahren der Ehescheidung ungemein ausgebildet.
Nach Dakota, zum Beispiel, braucht man nur zu depeschieren:
„Ankomme 7 Uhr 30 morgens. Mister and Mistreß Smith.“
Pünktlich um 7 Uhr 30 erscheint ein Standesbeamter auf dem Bahnsteig und übergibt Herrn und Frau Smith je eine Heiratsurkunde. Bei Herrn Smith ist der Name der zweiten Frau, bei Mistreß Smith der Name des zweiten Mannes offengelassen. Man kann ihn sofort hineinschreiben -- der Beamte hat einen Tintenstift mit.
Die Freundinnen
„Rätst du mir zu getrennten Schlafzimmern?“
„Gewiß -- wenigstens, solang du noch Braut bist.“
Rätsel
Ein Satz mit ‚Furie‘:
Vurjen Freitag waren wir im Theater.
Ein Satz mit ‚Bestie‘:
Gestern hat mich meine Frau ~in flagranti~ ertappt.
Die Folgen
Meine Base, die Gertrud, war von Kind auf die eiternde Wunde am Körper unsrer Familie.
Mit vierzehn Jahren wußte sie durch schamloses Gebahren die Aufmerksamkeit eines Majors auf sich zu lenken, der gegenüber wohnte, und ließ sich von ihm zum Kaffee einladen.
Mit fünfzehn Jahren hatte sie ihr erstes Verhältnis, mit siebzehn ein Kind.
Dann sank sie immer tiefer in den Pfuhl der Sünde.
Jetzt ist sie dreißig Jahre alt und besitzt zwei Villen in Baden und ein dreistöckiges Haus in Wien.
Schüttelreim
Herr Kohn hat mit der Mame Streit. Und wer ist schuld? Die stramme Maid.
Der Meister
Ein Verleger in Wien plante einen sensationell illustrierten Faust. Er wandte sich an Meister Pfisterer von der Sezession.
„Ja, hm,“ sagte Pfisterer, „kann i auswendi wissen, ob i ’n Faust illustrieren kann? Da müßt i eahm zerscht gelesen ham.“
Der verlorne Sohn
Fritz Megedow machte seiner Mutter, Exzellenz von Megedow, viel, viel Sorge.
Er verließ das Vaterhaus und trieb sich jahrelang, Gott weiß wo, umher.
Sogar in Argentinien soll er gewesen sein -- direkt als Arbeiter.
In Paris war er jahrelang Koofmich und in London Agent.
Kurz: scheußlich.
Nun ist er endlich zurück und hat ein Fräulein Veilchenstein geheiratet.
Man kann, Jott sei Dank, wieder mit ihm verkehren -- er lebt vom Gelde seiner Frau.
Der Kummer
Wir waren auf Ankow zur Hochzeit geladen:
Kielows, Kerbows, die Malchensberger Pollnows ... kurz: halb Pommern.
Meine Frau teilte ein Zimmer mit der Braut.
Das Mädel wälzte sich schlaflos im Bett.
„Was ist dir denn, Trude?“ fragte meine Frau.
„Ach, ich soll doch nu morgen heiraten. Wie viel Schinken hat denn ’n Schwein?“
Der Sprachlehrer
Vor dem Strafgericht von Cadiz sollte ein deutscher Gymnasiallehrer Zeugenschaft ablegen.
Ein Dolmetsch für Deutsch war nicht aufzutreiben -- man fragte den Zeugen, ob er sonst noch eine Sprache beherrsche.
Er sagte:
„Ich bin Lehrer für Französisch.“
Also holte man einen Franzosen.
Der Gymnasiallehrer schilderte nun den Hergang, dessen Zeuge er gewesen war -- redete und redete ... Der Dolmetsch hörte zu und begann zu schwitzen und schwitzte endlich Bäche.
„Herr Richter,“ preßte er hervor, „ich fühle, der Herr spricht eine Art Französisch -- aber -- ich weiß nicht, was es ist -- ich verstehe kein Wort.“
Da holte man eine Gouvernante herbei.
Die verstand das Französisch des deutschen Kollegen herrlich -- sie hatte es auch aus dem Plötz gelernt.
Sommeraufenthalt
„Ekelhaft dieses Leben auf dem Land! Keine Zeitung, überall frischer Luftzug. Sogar gute Betten gibts -- nicht einmal ärgern kann man sich.“
Der Laureat
In Wien beriet jüngst ein Komitee über die Verleihung eines literarischen Preises.
„Wissen S’, meine Herren,“ sagte der Vorsitzende, „kan jungen Düchter geben mir den Preis nöt -- denn wer waaß, was ’r no amal gegen d’ Regürung schreiben wird -- daß er uns am End blamürt. Sondern dem Hofrat Hasenmichel geben mir den Preis, für seine ‚Vaterländischen Gedichte‘. Der is halb blöd, der wird sei Überzeugung sicher nimmer ändern.“
Medizin
Wir sind auf dem besten Weg zur Bekämpfung des Krebses -- eine Freudenkunde, die nur darum nicht überrascht, weil wir von unsern Ärzten nichts Geringeres erwartet haben.
Professor Tilow-Berlin hat hundert Patienten den Krebs künstlich eingeimpft, und es ist ihm nach jahrelangen Bemühungen gelungen, mit dem aus den hundert Patienten gewonnenen Serum ein Kaninchen zu heilen.
Luther auf dem Reichstag zu Worms
„In der Woche zwier -- ich kann nicht anders -- Gott helfe mir -- Amen!“
Der landeskundige Beamte
Als mein Oheim noch Bezirksadjunkt in Neutra war, stürzte eines Tages der Handelsmann Moische Affenhaut in die Kanzlei und schrie:
„Helfen Se, helfen Se, um Gottes willen, Herr Adjunktleben -- draußen hat mä zwaa Jüden derschlogen.“
Mein Oheim winkte, und der Heiduck führte den armen Moische in den Kotter.
Nach einer Stunde ward Moische Affenhaut wieder vorgeführt.
„Nu, Moische,“ fragte mein Oheim, „wo sennen deine zwaa toiten Jüden?“
„Herr Adjunktleben -- der aane bin iach, ün der andre ward jeden Augenblick kümmen.“
Literatencafé
„August Junkermann hatte einen Schlaganfall.“
„Was ’ne Reklame für ihn!“
Der Lebemann
„Bei uns in der Familie hat jeder einen Sport: der Otto spielt Polo -- der Ferdi sammelt Pfeifenköpf -- un i bin Diplomat.“
Wissenschaft
Solang sich Professor Kandeldorfer darauf beschränkte, sein philosophisches System mit Hilfe des alten Wortschatzes vorzutragen, kümmerte sich keine Katze um ihn.
Er fühlte das und änderte eines Tages seine Taktik.
Er nannte nun, was bisher Materie geheißen hatte, „die Quantitative“; Bewegung -- „Ferment“; Absicht -- „Logos“; Wille -- „Exaltation“; Verstand und Vernunft zusammengenommen -- „die psychische Vitalität“.
Heut ist Professor Kandeldorfer Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Universitäten Oxford, Lissabon und Tiflis und wird demnächst gegen einen gleichwertigen amerikanischen Gelehrten ausgetauscht werden.
Das Museum
Eines Tages erhob sich der alte Rubens aus dem Grab und ging den Rubenssaal des Hofmuseums besehen.
„Ganz hübsch,“ sagte er. „Aber sagen Sie, Herr Musealdirektor: wer hat all das Zeug gemalt?“
Der Segen des Alkohols
„Pasting,“ seggt John Tollin, „Se hebben dor sihr schön gegen den Alkoholgenuß spraken -- äwer dat lett sick nich bestriden, dat de Alkoholgenuß ock sin goden Folgen hett.
Ick harr dor enen Matrosen up mine ‚Florida‘, Bob Janson, en utpicht Luder, weeten Se, de drünk sin Pint up enen Tog -- dree morgens, twee an’n Middag un dree abends. En verfluchte Listung, weeten Se, een Imperial gallon Rum an eenen Dag.
Da förd nu mine ‚Florida‘ in ene Balje up -- Ünnerwaterleck -- un hurra, alle Mann int Boot. Bloot min leewe Bob Janson nich, dee wär to besapen, dat hee nich kunn.
Un wat meenen Se, wat dor geschüht, Pasting?
De Bargungsdamper kümmt un freut sick all up een Drüttel von de Ladung, wil de Besatzung, weeten Se, all weg is.
Un as nu allens schön verstäut is, da fallt min leewe Bob Janson ut sin Koje int koole Waater un waackt up un will mit sine Retters gahn.
Un dat Strandamt, weeten Se, hett seggt: Dat is keen Bergung na Artikel twintig -- dat is en ganz gewöhnliche Hülplistung na Paragraf sößunddörtig, denn de Kahn weer doch vun de Besatzung nich verlaaten -- un ick bün, dör Bob Jansons Pinten, mit dörtig Pund Hülpslohn davunkamen.“
Redoute
„Da schminkt sie sich und donnert sich auf -- daweil is s’ a Preißin.“
Der freundliche alte Herr
Unlängst wurde ich in Kissingen einem freundlichen alten Herrn vorgestellt und mußte ihm notgedrungen ein paar Worte sagen.
„Sind Sie ... schon lange hier?“ fragte ich.
„Das möcht sich mir wollen. Ich bin von Hälfte Mai.“
„Und ... bleiben Sie den ganzen Sommer über?“
„Da möchten wir uns gut haben -- ich fahr morgen furt.“
„... Nach Rußland, nicht wahr?“
„Warum denn nach Rußland?“ rief er. „Ich bin doch Professor von daitscher Sprache af Prage Obrrgymnasium.“
Literatencafé
„Es gibt zwei Brüder Skowronnek. Der andre hat Talent.“
Der Arzt
Ob Sanzeno war vom Monte Roen ein Tourist abgestürzt und wurde, arg zerschlagen, von barmherzigen Leuten nach Amblar gebracht. Nun hieß es, rasch einen Arzt beischaffen.
Aber woher?
Zum Glück erinnerte sich jemand, daß gestern abend im Hotel von Cavareno ein Arzt aus Dresden abgestiegen war. Und den holte man.
Er besichtigte den Verunglückten und sprach:
„Tja ...,“ sagte er, ... „wissen Se, ein Gutachten über Ihren Unfall gann ich Ihnen gern erstatten. Aber helfen gann ich Ihnen nich. Ich bin nämlich Gerichtsarzt.“
Glosse
„Vorsicht ist die Mutter der Weisheit.“
Wenn sie aber wirklich die Vorsicht selbst wäre, wäre sie überhaupt nicht Mutter geworden.
Der Neugierige
„Sie leben in München? Kennen Sie da viele Dichter?“
„O -- zum Beispiel Ludwig Thoma.“
„Kennen Sie auch Thomas Frau und Thomas Mann?“
Der gute Ruf
Auf dem Weg nach Rügen kamen wir in Berlin an, da gedachten wir eine Nacht zu bleiben.
Ich wollt unser Gepäck beheben, da zeigte sich, daß meine Frau den Aufgabschein verloren hatte. Wir hielten uns nicht weiter auf und fuhren ohne Gepäck ins Hotel.
„Nee,“ sagte der Portier, „Paare ohne Jepäck dürfen wa nich uffnehmen.“
Ich schlug Lärm und verlangte nach dem Wirt.
Er kam, ließ sich den Fall vortragen und zuckte die Achseln.
„Ick muß den juten Ruf von meenem Etablissemang wahren,“ sprach er. „So spät am Abend könn wa keen Zimmer jeben -- an Paare, die wo nich wenichstens nen Hutkarton mithaben.“
Maniküre
Wir saßen auf der Terrasse des Kurhotels.
Die Salome aus Frankfurt betrachtete ihre Hände und sprach:
„Mä verwildert af ’n Land. Ich wer müssen zu ener Manikür nach München.“
Und der Professor aus Münster:
„Sachen Se, cheehrte Frau: chlauben Se denn wirklich an das Wahrsaachen aus der Hand?“
Die Brautnacht
Wir soupierten bei Pupp in Karlsbad, da erblickte ich im andern Saal ein Pärchen, das mir bekannt schien.
„Weißt du denn nicht --,“ sagte meine Frau, „-- das ist doch Doktor Teimer aus Dresden -- die hatten heute morgen Hochzeit.“
„Ah -- richtig!“
Und wir gingen schlafen.
In der Nacht polterte jemand an unsre Tür.
Das war Doktor Teimer, ungeheuer erregt, und verlangte, meine Frau zu sprechen.
„Um Himmels willen, Gnädigste,“ rief er, „klären Sie meine Frau auf -- sie heult und will zu ihren Eltern.“
Diplomaten
„Ich blicke mit großer Besorgnis nach Berlin. Täglich kann von dort der ~lapsus belli~ kommen.“
Kaffeeklatsch
„Ihr Dienstmädchen, Frau Rätin, kommt Sonntags immer erst so spät heim? Meins schon um neun Uhr abends.“
„Ah -- eine Perle!“
„Nein. Aber meine Stiefel sind ihr so eng.“
Die Beschwerde
Prinz Theobald von Makedonien hat seine Umgebung schon so manchesmal in Schrecken versetzt: er stottert nämlich, und dadurch ergeben sich die unangenehmsten Mißverständnisse.
Unlängst war der Prinz unterwegs nach Paris. In Amstetten hielt der Zug, der Stationschef stand in Gala da.
Der Prinz ging auf ihn zu und sagte:
„I... i...ch be... be...schw..., i... i...ch be...schwere ...“
Der Beamte erbleichte.
Doch Seine Hoheit setzte leutselig fort:
„Ich beschwöre Sie, wo ist das Klosett?“
Anzeige
+Junge hübsche Dame+,
freidenkend und unabhängig, wünscht Briefwechsel mit älterm, reichen Herrn
-- behufs Ehe. --
Zuschriften unter „Liebesglück 100“. Karte genügt. Komme sofort.
Margarethe
„Nicht jedes Mädchen fällt so rein.“
Der Kurarzt
Als ich nach Karlsbad kam, befragte ich Doktor Turner wegen meines Darmleidens.
Er verordnete mir sieben Mühlbrunnen.
Ich klagte ihm auch über meine Nieren.
„Sieben Mühlbrunnen,“ sagte er wieder.
Ich wollte weggehen und fand meinen Regenschirm nicht.
„Fehlt Ihnen noch etwas?“ fragte Dr. Turner ein wenig ungeduldig.
„Der Schi...“
„Trinken Sie noch sieben Mühlbrunnen!“
Der Weltregisseur
„Herr Direktor,“ sprach ich eines Tags zu Reinhardt, „bei all Ihrer Agilität verstehe ich nicht, wie Sie es fertigbringen, am 12. Mai in Helsingfors zu spielen und am 14. in Lissabon.“
„Sehr einfach,“ sagte Reinhardt -- „ich habe im Kursbuch einige überflüssige Längen gestrichen.“
Fragment
Der innerste Kern des Hasses ist die Furcht. Der Kater haßt die Maus nicht -- mit ihr spielt er am liebsten.
Industrie
In Ischl lernte ich einen Herrn Wernicke aus Berlin kennen, einen feinen Beobachter und offenen Kopf.
„De janzen Alpen,“ sagte er mir eines Tages, „is der reene Mumpitz. Eene jrandiose Fremdenneppanstalt. Sehn Se, zum Bleistift, det Mächen da mit det Edelweiß! -- Na, überhaupt det Edelweiß. Haben +Sie+ so wat schon mal wachsen sehn? Ick nich. Un ick kann Ihn bloß sagen -- ick, Wernicke aus Berlin: ene Blume Edelweiß jibt et jar nich un hat et ooch nie jejeben. En jeder intelljente Mensch muß et uff’n ersten Blick raushaben, det det Zeuch jar keene Möchlichkeit von ne Blume is. Edelweiß is de jesetzlich injetrajene Wortmarke for enen Industrieartikel -- et wird in ene Fabrik in Plauen mit Maschinen aus dinnen Filz jestanzt un den Touristen in de Alpen als Blume anjedreht.“
Die Skeptiker
In einem Vorort Wiens.
Ein Auto fuhr durch.
Zwei Bürger standen am Weg und blickten ihm sinnend nach.
Da sagte der eine:
„Wer aa wieder abkummen.“
Ein Vorzug des Berufes
Ich schritt mit Dr. Leindl, dem Redakteur der Täglichen Nachrichten, über die Karlsbader Alte Wiese.
Da sagte Dr. Leindl plötzlich:
„Verzeihung, einen Augenblick ...“
„O -- bitte, ich schließe mich an.“
Und wir bogen ab.
Als wir fertig waren, zahlte ich meinen Obolus.
Dr. Leindl aber zückte seine Brieftasche und legitimierte sich als Herr von der Presse.
Der Reisebrief
Eine Dame aus Bonn war in Ägypten gewesen -- nun schreibt sie ihre Eindrücke nieder.
Unglaublich interessant, zum Beispiel, eine arabische Schule:
„Nirgends ist wie bei uns eine Bank zu erblicken -- mit gekreuzten Beinen hängen die Kinder an den Lippen des geliebten Lehrers.“
Der Millionär
„Darf ich mich vorstellen, Herr Kommerzienrat?“
„Bitte -- gern -- wenn Sie kein Verwandter sind.“
~Noblesse oblige~
Der Großherzog von Weihburg-Dillingen ist ein ebenso hochherziger wie sparsamer Souverän.
Als unlängst der pensionierte Oberhofsilberbeschließer Gerstel seinen hundertsten Geburtstag feierte, schlug der Minister vor: das Ruhegehalt Gerstels um hundert Mark zu erhöhen.
„Nein,“ sprach Seine Hoheit. „Hundert Mark wäre wenig vornehm. Wir erhöhen das Ruhegehalt um tausend Mark -- dann trifft den alten Mann vor Freude der Schlag, und wir brauchen überhaupt nichts zu zahlen.“
Population
Glückliches Habsburg! Als Karl VI. starb, gab es eine einzige Habsburgerin -- Maria Theresia. Jetzt gibt es hundert. Nach aber 180 Jahren wird es 10000 geben.
Die deutsche Sprache
„Sie, was is denn das für eine Maschine?“
„Das? Eine gewöhnliche Strampftatzensalve -- eh, Stratzwampenfalze -- nein, eine Wandstrafensalze, Paßstrampfenschwalbe -- eine Staatstrampfenbalze -- eine Straftanzenfalbe, Strampfpatzensalbe -- Donnerwetter noch einmal -- eine Dampfstraßenwalze.“
Der Wagen
In Esseg war einmal feudaler Ball -- Kirchenbau mit entblößten Rückenwirbeln und einer angenehm parfümierten Gräfin im Komitee.
Zwei Jünglinge hatten sich den Rummel einige Zeit betrachtet, langweilten sich und sprachen zueinander:
„Weißt du was? Gehen wir lieber zur Lustigen Kreatur!“
Und holten die Überzieher.
Er regnete in Strömen. Zum Glück war ein Wagen da, ein halbgedeckter.
„He, Kutscher!“
Der Mann rührte sich nicht.
Die Jünglinge ehrten seinen Schlaf, setzten sich unters Dach, ergriffen die Zügel und kutschierten los.
Nun stand der Wagen vor der Lustigen Kreatur, und alle, die das Lokal verließen, fanden den Regen infernalisch und weckten den Kutscher.
Er antwortete regelmäßig:
„I kann nöt. I wart auf’n Herrn Kanonikus Krauthappel.“
Die Affäre war dem Herrn Kanonikus, als er davon erfuhr, sehr unangenehm.
Musik
So oft ich ein Konzert besuchte, fiel mir ein alter Herr mit schönem, eisgrauem Haar auf. Er saß regelmäßig in einer der vordern Reihen, und vom ersten Bogenstrich an, vom ersten Tastenschlag hielt er, bis der Schlußakkord verklang, mit gesenkten Blicken still.
Unlängst lernte ich ihn zufällig kennen.
„Sie lieben wohl die Musik über alles?“ fragte ich ihn.
„Nöh. Nicht im geringsten. Ich bin überhaupt nicht musikalisch.“
„Aber Sie fehlen doch in keinem Konzert --?“
„Tjah -- weil ich Musikreferent der Wiener Nachrichten bin.“
Diagnose
Im Hirne hat der Vata Kalk, Bald liegt er auf dem Katafalk.
Ungarn
„Wir haben jetzt zwei große Parteien im Land: eine Regierungspartei und eine Opposition. Die Regierungspartei besteht aus Seiner Durchlaucht, unserm erhabenen Reichsverweser -- die Opposition aus den Untertanen Seiner Durchlaucht.“
Frau Lewi
Georg David Schulz und ich veranstalteten einmal in Berlin einen Wohltätigkeitsabend. Da brauchten wir vor allem Leute, die uns Billetts abnehmen.
„Keine Sorge,“ sagte Schulz. „Wir wenden uns an die alte Lewi, Kommerzienwitwe -- die kauft sicher zwanzig Karten zu zwölf Mark.“
„Gut. Aber man muß den Leuten für ihr Geld doch auch was bieten?“
„Keine Sorge! Schreib einfach der Carmencitta. Nenn sie eine südliche Zaubergestalt und bitt sie, einen ihrer berückenden Fandangos zu tanzen.“
Ich schrieb.
Carmencitta antwortete eisig kühl: sie könne unmöglich kommen und sende anbei zehn Mark für unsre Kasse.
Der andre Brief, von Frau Lewi, lautete:
„Meine Herren! Ich bin einundsiebzig Jahre alt. Deklamieren will ich in Gottes Namen -- weil es zugunsten der Armen ist. Aber einen Fandango -- das können Sie nicht von mir verlangen.“
Schüttelreim
Wer möchte statt des Weines Kakes? Ich keineswegs.
Die Tante
Wir Kinder liebten unter allen Verwandten am meisten unsern Onkel Balthasar. Er war ein wunderschöner alter Herr, weiß wie ein Lamm, und hatte kobaltblaue Augen.
Mit Tante Berta war er immerzu im Krieg. Sie sparte gern mit Licht -- und er wollte vier Lampen brennen haben -- eine im Flur, zwei im Schreibzimmer und eine im Salon. Darüber grämte sie sich jeden Abend, vierzig Jahre.
Eines Abends, Tante Berta war vor Zorn weggegangen, saßen wir bei Onkel Balthasar und seinen Lampen.
„Eh,“ hatte er eben gesagt, „bei euerm Vater hab ich einmal einen Gansbraten ge...“
Und blieb mit offenen Augen still.
Da kam eine Fliege, setzte sich ihm auf die Pupille und spazierte unverfroren im Kreis umher.
Wir rüttelten ihn -- er war mausetot.
Husch -- liefen wir um die Tante.
Wir fanden sie am andern Ende der Stadt und sagten ihrs.
„Kinder,“ rief sie, „ich kann nicht, mir ists in die Glieder gefahren. Aber rennt ihr geschwind nach Haus und löscht die Lampen aus!“
Die staatlichen Gewalten
In Gumbinnen wollten sie einmal den Biberpelz aufführen.
„Nee,“ sagte der Polizeigewaltige, „en Stück, wo drin en Amtsrichter lächerlich jemacht wird, könn wa nich erlooben. Sie haben die Wahl, Herr Theaterdirektor: entweder Se machen aus Wehrhahn ’n bürgerlichen Refrendar: denn können Se det Stück vor jeladene Jäste jeben. Wollen Se aber ne öffentliche, richtiche Aufführung haben, denn müssen Se Wehrhahn schon als jüdischen Rechtspraktikanten spielen lassen.“
Die Kaiserin
Die Kaiserin ist in Tränen aufgelöst.
„Was fehlt Ihnen, Majestät? Die Heere Ihres Gemahls haben gesiegt -- treu und liebeglühend ist er in Ihre Arme zurückgekehrt -- Zehntausende haben Ihnen gehuldigt ...“
„Ja, aber hinten stand ein halbblinder Bettler, der hat nicht einmal nach mir geguckt.“
Milliardäre
„Sie reisen diesen Sommer nach Europa, Miß Ellis?“
„Nein. Papa verträgt nicht den Armeleutgeruch der europäischen Finanzwelt.“
Der sorgende Erzeuger
Die Fürstin Möllstorff läßt die Tochter ihres Portiers erziehen -- das Mädel soll dereinst mal Kammerjungfer werden.
Eines Tages kommt der Portier mit einer Bitte.
„Eure Durchlaucht,“ sagt er, „wann S’ halt die Gnad hätten und taten mei Tini aa franzöisch lerna lassen.“
„Aber, lieber Johann, Französisch braucht sie doch nicht?“
„O ja, Durchlaucht. Segen S’, Durchlaucht, ewig kann s’ net Kammerjungfer bleiben -- aamal muß s’ zu was besserm kummen. Un wann s’ a Maitresse werden will, braucht s’ französisch.“
Heraldik
„Du, Papa, was ist das?“
„Das ist das preußische Wappen.“
„Und warum tragen die beiden Männer Bruchbänder von Eichenlaub?“
Maler
„Der Kerl bestiehlt mich offensichtlich -- er plagiiert auch Beardsley.“
Die Pistolen
Vor sieben Wochen schrieb mir Herr von Zakrzewski: er bitte dringend um meine Pistolen -- es handle sich um eine Ehrenangelegenheit.
Ich wollte nicht -- aber: konnt ich Nein sagen? Ich schickte ihm die Pistolen.
Heute bin ich dem Kerl endlich begegnet.
„Na, Herr v. Zakrzewski? Wie steht die gewisse Angelegenheit?“
„Panje -- ausgetrjaggen. Ljääängst ausgetrjaggen. Unjsr Geggnr tott.“
„Um Himmels willen --!?“
„Er chatt sichj geknjiffen. Morrallisch tott.“
„Und meine Pistolen?“
„Behalte ichj zu Anjdenken an verehrten Totten.“
Der Praktiker
„Wenn man an der Riviera billig leben will, muß man sich die Weiblichkeit von zu Haus mitbringen.“
Agrarierhochzeit
„Herr Paster, die Traurede war sehr schön. Sie dürfen dafür zwei Stuten zu meinem Hengst schicken.“
Die Bekehrung
Als ich in Bosnien diente, wollt mich der Hodja Hadji Hafis Selim zum Islam bekehren.
„Anders,“ sagte er, „wirst du nicht in den Himmel kommen, Effendim. Es führt eine Brücke dahin, schmal wie eine Messerschneide und bogenförmig. Fünfhundert Jahre gehst du hinan -- fünfhundert darüber -- fünfhundert hinab -- dann erst bist du im Paradies bei Muhammed.“
„Hodja, wann ist Muhammed gestorben?“
„Nach eurer Zeitrechnung: 632.“
„Hör mal -- dann ist er ja selbst noch gar nicht drüben?“
Die Visitenkarte
Demeter Jopatz ist um drei Zoll gewachsen, seit er Trambahndirektor ist. Mit den meisten Menschen redet er überhaupt nicht mehr, und die wenigen, die er noch einer Anrede würdigt, schnauzt er französisch an.
Er hat sich auch neue Visitenkarten drucken lassen:
„~Démétrius Yopâse, Directeur des chemins de fer de Topchidère à Belgrade et retour.~“
Die Aufklärung
Wenn im Mai der Schnee auf den Bergen schmilzt, setzt sich der Fremdenstrom in Bewegung, und die jungen Damen aus Hannover erscheinen in den Alpen.
Erstaunt sehen sie das Lenztreiben auf dem Bauernhof mit an -- besonders gewisse Vorgänge in der Tierwelt erwecken die Neugier.
Und die Bäuerin, von naiven Fragerinnen bestürmt, errötet schämig.
Bäuerin, du mußt nicht verlegen sein! Es gibt ein Buch, das dir aus der Klemme hilft. Der Lizentiat Bohn hat es verfaßt unter dem Titel:
„Wie sage ichs meinen Sommergästen?“
Das schwere Leben
„Ja -- ja, en Abenteuer macht den Abend teuer -- un bei een Vahältnis stehn de Kosten in jar keen Vahältnis.“
Orient
„Unsre Herrscher verdanken ihren Thron immer einer verdienstlichen Tat: sie haben der Regierung des erlauchten Vorgängers ein Ende bereitet.“
Justiz
Nuttinger war von Kindheit auf verrückt -- später, als die Familie zu Geld kam, nannte mans eine Nervenkrise und steckte ihn ins Sanatorium.
Darin stak er lange.
Eines Tages brach er aus, ging Unter den Linden spazieren und schrie, er wäre der Dalai-Lama.
Daraus erwuchsen der Familie zahlreiche Unannehmlichkeiten. Denn das Amtsgericht III zu Berlin verurteilte den Nuttinger wegen unrechtmäßiger Beilegung eines Amtscharakters.
Die Glocke
Kellers kleiner Richard ist ein wahres Wunderkind. Er kann schon ein ganzes Stück vom ‚Lied von der Glocke‘ auswendig. Und deklamiert:
„Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß, Soll das Werk den Meister loben; Tochtersegen kommt von oben.“
Fragment
Der gesellschaftliche Verkehr ist ein Austausch von Vorurteilen und Halskrankheiten.
Naturheilkunde
Als mir die Ärzte allesamt nicht zu helfen wußten, ging ich mit meinem Beinleiden zu Kuhne nach Leipzig.
Kuhne in Leipzig ist ein wahrhafter Heilkünstler, Naturheilkünstler, und diagnostiziert aus den Augen.
Er sah mir in die Augen und sprach:
„Entzündung des linken Kniegelenks.“
Und gab mir Kräuter. Und sagte, ich solle nach einer Woche wiederkommen.
Ich kam wieder, zeigte ihm mein Bein, da meinte Kuhne:
„Kurzsichtig rechts -- vier Dioptrien.“
Und gab mir wieder Kräuter.
Ein wahrer Künstler, ein Naturheilkünstler. Schade, daß ich die beiden Kräuter verwechselte. Ich wurde kurzbeinig rechts und bekam eine Entzündung des linken Auges.
Das Provisorium
„Fräulein Rose, ich biete Ihnen Herz und Hand fürs Leben.“
„Aber Sie sind doch verheiratet?“
„Ich werde mich scheiden lassen -- Sie können solang auf dem Diwan schlafen.“
Mein Freund Nuber
pflegte nicht viel Federlesens mit Weibern zu machen.
Eines Tages lernte er Frau Katz kennen, die ihren Namen vollauf verdiente. Und unterbreitete ihr einen Vorschlag.
„Was??“ schrie sie pantherwild -- „Sie frecher Mensch! Wie können Sie sich das mir gegenüber erlauben? Meinen Sie, ich bin die Frau Schöller?“
„Ich danke,“ antwortete Nuber leise.
Und ging.
Nämlich: zu Frau Schöller.
Die war noch viel empörter.
„Unverschämter Kerl! Wer sind Sie denn? Wie dürfen Sie so was wagen?“
„Entschuldigen Sie,“ sprach Nuber, „Frau Katz hat mir ausdrücklich gesagt: bei Ihnen darf ichs.“
Fragment
Wenn einer uns nichts zu sagen hat, tut ers in Versen. Hat er aber gar nichts zu sagen, schreibt ers im Dialekt.
-- -- -- Schade, daß Beaumarchais das schon vor mir entdeckt hat.
Das Schuhbesteck
Eine Freundin meiner Frau ist in Paris gewesen und hat uns was mitgebracht. Es steckt in einem Juchtenetui, die Firma eines Juweliers darauf -- was mag es sein?
Ein Schuhlöffel und ein Stiefelknöpfer mit phänomenalen Silbergriffen.
Als sich meine Frau drei Fingernägel damit gebrochen hat, beschließen wir, das Ding weiterzuschenken. Am besten Hutterers -- denen sind wir ohnehin was schuldig.
Hutterers laden uns dafür zum Mittagessen. Das Schuhbesteck prangt in der Salatschüssel.
Vor dem Familienbad
„Schatz, wenn wir einander im Gedränge verlieren sollten: ich heiße Gertrud.“
Landleben
„Segen S’, mir brauchen ka Barometer nöt; wann der Luftdruck sinkt, stinkt unser Abort.“
Meteorologie der Liebe
„Ihr Decolleté ist vielleicht zu tief, Lydia.“
„Bei mir richtet sich das je nach dem wärmern oder kühlern Vetter.“
Mein Freund Hollinger
war Witwer und hatte eine Bonne für sein Kind.
Die Bonne war kokett wie ein Stieglitz, ausgelassen und auffallend.
Hollinger ist ein guter Kerl -- er tat nichts dagegen.
Da kam seine Tante und sagte ihm:
„Mein Lieber, das geht nicht -- du mußt die Bonne entlassen. Jeder Mensch meint, du hättest ein Verhältnis mit ihr.“
Hollinger ist sehr schwer von Entschlüssen. Er sagte, er wolle sichs überlegen.
Überlegte sichs drei Tage -- und am dritten fing er das Verhältnis an.
Das Restaurant
„Die größten Portionen, sag ich Ihnen, kriegt man beim alten Postwirt. Wenn man da einen Rehrücken bestellt, tischen sie einem eine ganze Ziege auf.“
Der Maler
„Sö wollen a Modell sein, Fräulein? Stellen S’ Ihnen net a so prärafaelitisch her -- sonst komm ich Ihnen gleich mit der Radfahrpumpe.“
Der Direktor
„Herr Direktor,“ sagte des Fräulein, „ich bitte um ein Engagement in Ihrem Theater. Ich habe noch nie gespielt, doch ich verfüge über wundervolle Toiletten. Ich beanspruche auch keine Gage, denn ich habe -- im Vertrauen gesagt -- einen millionenschweren Verehrer.“
„Fräulein,“ erwiderte der Direktor, „ich kann Sie nicht engagieren, denn ich bin komplett. Aber ...“ -- er schritt auf und ab und überlegte -- „wissen Sie was? Ich bitte um Ihre Hand.“
Das Wirtshaus
„Was können Sie uns zu essen geben, Frau Wirtin?“
„Oh, mir haben alles, Sö brauchen nur anzuschaffen. Da haben mir Rindsbraten -- aber der ist noch net braten. Dann haben mir sauern Aal -- der is noch net sauer. Un frischen Aal -- der is net mehr ganz frisch ... Möchten S’ vielleicht a Butterbrod, wann mir a Butter haben taten?“
Fragment
Zehn Helden entstehen, indem sich immer einer vor den neun andern seiner Feigheit schämt.
Der gerettete Abend
Der Herr Redakteur plauderte:
„Mit der dichterischen Inspiration is das so ne Sache. Man muß ein wenig nachzuhelfen wissen. Ich, zum Beispiel, arbeite nur bei Nacht. Aber wenn mir um neun nicht gleich was einfällt -- ich gebe den Abend noch lange nicht verloren. Nehmen wir den Fall mit gestern: Ich setze mich um neun hin -- nichts. Da nehme ich den ersten Kognak. -- Nichts. -- Ich nehme den zweiten Kognak. -- Nichts. -- Ich nehme den dritten, den vierten Kognak. Endlich um Mitternacht -- der Abend war gerettet.“
„Da ist Ihnen eine Dichtung geglückt?“
„Nö. Aber fünfzehn prachtvolle Kognaks hatte ich getrunken.“
Der Kellner
Jüngst frühstückte ich mit meiner Frau auf der Halenseer Terrasse.
Wir schrieben auch eine Ansichtskarte -- ich ging, sie zur Post bestellen.
Da, als ich wiederkam, fand ich meine Frau nicht vor. Sie hatte den Platz gewechselt.
Der Kellner sagte mir leise:
„Das gnädige Verhältnis befindet sich weiter vorn.“
Egon
Frau Bamberger -- fünfunddreißig Jahre alt, geschieden, israelitisch -- stand uns beim Tennis so im Weg, daß wir beschlossen, ihr einen Kavalier zu suchen.
Ich nahm meinen Neffen vor und sprach zu ihm:
„Egon, du bist nahezu akademischer Bürger. Ich werde dich mit einer scharmanten Dame bekannt machen.“
Er ist eine verschlossene Natur und durch den Verkehr mit sich selbst etwas scheu.
„Was soll ich mit ihr?“ fragte er unmutig.
„Du sollst ihr den Hof machen, sie wird dir sehr dankbar sein.“
Frau Bamberger nahm den jungen Mann mit sichtlichem Behagen in Empfang und schwenkte mit ihm in die Kirchholzanlagen ab.
Ich war neugierig. Brennend neugierig. Die Bekanntschaft mit der Frau -- das mußte doch ein historisches Erlebnis für Egon werden.
„Na,“ fragte ich ihn am Abend, „was sagst du zu Frau Bamberger?“
„Deutsch gut. Französisch befriedigend. Englisch minus kaum genügend.“
Die Bank
Die Unionbank in Petersburg hat eine eigene Polizei eingerichtet, um sich vor räuberischen Überfällen zu schützen.
In einer schlaflosen Nacht fiel dem Direktor ein: ob denn die Bankpolizei auch etwas tauge?
Und er beschloß, sie auf die Probe zu stellen.
Er verkleidete sich und stürzte, mit einer Pistole in der Hand, in den Hauptkassenraum.
Die Polizei taugte nichts. Sie sah müßig zu, wie der verkleidete Direktor zwei Milliarden Rubel davontrug.
Seither fehlt jede Spur von ihm.
Malheur
Leutnant Nikolaj Serafimowitsch erhält die Einberufung auf den östlichen Kriegsschauplatz.
„Verdammt,“ ruft er -- „und ich Esel hab gestern alle meine Schulden gezahlt!“
Der Züchter
„Denken Sie sich -- dieses Glück! Meine Wachtelhündin wirft mir gestern vier Welpen -- einen echten Leonberger, einen prachtvollen Mops und zwei reinrassige Dackel.“
Rußland
Der Gouverneur von Moskau sollte eine Fahrt auf der Wolga machen.
Große Verlegenheit: wo einen zuverlässigen Kapitän hernehmen?
Man mietete einen Engländer.
Der Engländer ließ die Kessel heizen -- die Siederohre platzten, der Dampfer geriet in Brand.
Man wollte löschen -- die Feuerspritze funktionierte nicht.
Man setzte das Rettungsboot aus -- es lief voll Wasser.
Man packte den Gouverneur in einen Rettungsring -- der Ring versank.
Man warf ihm ein Tau vom Ufer zu -- das Tau riß.
Der Gouverneur ging unter.
Zum Glück war er kein echter Gouverneur gewesen, sondern ein Hochstapler.
Die Herrenmode
Für sechs Uhr abend hatten sich die beiden Gärbers angesagt. Ich sah sie auch schon über die Straße kommen -- beide höchst elegant, im Frack.
„Papa, Papa,“ schreit mein Kleiner draußen, „zwei Oberkellner sind da in Uniform.“
Die Verwandten
Der alte Strakosch war mit einem wunderhübschen Mädchen, seiner Tochter, nach Berlin gekommen und stieg im Hotel Seidenberg ab, erster Stock.
Tags darauf kam der junge Strakosch mit seiner Schwester an und mietete sich ahnungslos im Hotel Seidenberg ein. Belleetage.
Am nächsten Mittag begegneten die vier einander.
Vater und Sohn erkannten sich sofort.
Die beiden Damen mußte man gegenseitig vorstellen.
Schüttelreim
Die Hausfrau sitzt perplex im Moos -- Es fehlen nämlich sechs Plumeaux.
Porto
Salomon Trompetenschleim bringt einen Brief an seine Braut zur Post.
„Da gehören noch fünfzig Pfennig drauf,“ sagt der Beamte, „das sind keine Geschäftspapiere.“
„Wie heißt -- ä Brief an meine Braut keine Geschäftspapiere? Bin iach ä romantische Natur?“
Handel
Ich besuchte meinen Onkel in seinem Parfümerieladen.
Da trat eine elegante Dame ein, kaufte einen Flakon zu hundert Mark und stahl -- ich sah es deutlich -- noch fünf andre Fläschchen.
„Onkel ...“ begann ich erregt, als sie gegangen war.
Er winkte ab.
„Laß man,“ sagte er. „250 Prozent sinn ooch en janz en scheener Reinjewinn.“
Die Heilsarmee
Die Heilsarmee hält Gottesdienst auf freiem Feld, mitten im Bergwerk.
Miß Young ist verzückt.
„Andächtige,“ ruft sie -- „gestern noch schlief ich in den Armen des Satans. Heute ruhe ich am Busen des Engels ...“
Paddy, der besoffene Ire:
„Und für morgen, Jungfer -- seid ihr da noch frei?“
Der Vater
„An meinen Kindern freut mich nur eins: die Gouvernante.“
Der Dichter
Unlängst lernte ich im Eisenbahnwagen ein Ehepaar Kunze aus Berlin kennen -- er soll ein sehr berühmter Romanschriftsteller sein.
Wir sprachen von allerlei. Die Frau langweilte sich und zog ein Buch hervor, darauf stand groß und breit der Titel: ‚Die bleiche Gräfin.‘ Von Schmöcksdorf.
Da sagte Herr Kunze indigniert:
„Laura,“ sagte er, „Laura, ich verstehe dich nicht. Wie kannst du Reklame für andre Autoren machen?“
Gefahr
„Gestern -- das muß ich dir erzählen -- gestern hätte ich um ein Haar ein Duell gehabt.“
„Ah!“
„Ja. Kommt da auf einmal sporenklirrend ein kolossaler Dragonerleutnant grade auf mich zu ..“
„Und du?“
„Ich ... bin im letzten Moment weggesprungen.“
Der Reiter
„Ich schwöre, mein Gaul kostet 250000 Em. -- Auf 180000 Em geb ich fast Ehrenwort.“
Der Fidibus
Der alte Moritz Vorderfuß ist ein sehr bequemer Mann. Wenn er sich seine lange Pfeife gestopft hat, muß immer eins von seinen Kindern bereitstehen und sie ihm anzünden. Heut ist die Reihe an Rosa, der Ältesten.
„Rosa,“ mahnt der Alte, „wo bleibt der Fidibus?“
„Laß mich doch, Papa! Siehst du nicht, daß ich studiere?“
„Rosa, mach mir e Fidibus und werd um fünf Minuten später Dokter!“
Der Hilfsbereite
„Es war der schrecklichste Moment meines Lebens, Otto, als ich deinen Absagebrief bekam. Ich wollte mich erschießen -- doch ich hatte kein Geld, mir einen Revolver zu kaufen.“
„Liebste, hättest du mir nur ein Wort gesagt ..“
Marienbad
„Die Korpulenz hat auch ihre Annehmlichkeiten. Meine Frau, zum Beispiel, setzt sich in die Wanne -- dann gießt das Dienstmädchen einen Teekessel Wasser über sie -- und das Vollbad ist fertig.“
General Lindemann
Festvorstellung in der Wiener Hofoper.
General Lindemann hat einen schlechten Parterresitz bekommen und ärgert sich darüber sehr. Wie immer, denn er ist ein grober General.
Er setzt sich kurzweg, eigenmächtig auf einen bessern Platz -- in die erste Reihe.
Dieser Platz gehört einer Hofmätresse.
Sie kommt, tippt dem General mit dem Fächer auf die Schulter und flötet:
„Lieber Lindemann -- Kavaliere pflegen Damen den Vortritt zu lassen.“
„Liebe Jenny,“ erwidert General Lindemann, „das hat mit unserm Fall nix zu tun. Sie sein kein Dame, und i bin ka Kavalier.“
Das Merkmal
„Maanst dü, daß der feine Herr, was is mit üns gefahren, war ä Jüd?“
„Natürlich -- sonst hätt ers doch nix äso lebhaft abgeleugnet.“
Psychiatrie
„Als geistig normal haben wir jene Individuen zu bezeichnen, welche alle geistige Anomalien in richtiger Mischung vereinigen.“
Christentum
Pastor Wuckereit von Klein-Nustago hat eine Filiale in Ellistfer -- da muß er jeden zweiten Sonntag predigen.
Einst war er wieder dahin unterwegs. Die Ellistferschen erwarteten ihn an der Straßenkreuzung und schlossen sich ihm an.
Ein heißer Tag -- bis zur Kirche zwei Berge, und der Weg ohne Schatten.
„Err Baster,“ sprach Jürri Koiw, „zu fas weit gehen? Alten Sie Bredig ier an Stelle.“
Warum auch nicht? -- Pastor Wuckereit erstieg ein Hügelchen und redete. Ergriffen hörtens die Ellistferschen und die andächtige Landschaft.
Minder erbaut aber war das Konsistorium, dem man die Sache hinterbrachte. Es zog den Pastor zur Verantwortung.
„Ich habe getan wie unser Herr Jesus Christ -- auch er hat auf den Bergen und im Tal gepredigt.“
„Herr Amtsbruder,“ sprach der Oberkonsistorialrat, „wir sollen aber unsern Herrn Heiland nur in seinen guten Werken nachahmen.“
Die Badehütte
Wagner aus Chemnitz hat eine Badehütte ergattert -- die einzige in Maderno. Er ist sehr stolz darauf.
„Aber --,“ sagt er dem Padrone am nächsten Tag, „-- in der Badehütte riechts so schlecht ...“
Der Padrone erklärt:
„Es riecht so schlecht, weil unter meiner Badehütte alle Kloaken von Maderno zusammenlaufen. Und bei dem lebhaften Fremdenverkehr ... Sie verstehen? Trösten Sie sich, Signor Wagner: in vierzehn Tagen sind die Fremden weg, dann riecht die Badehütte viel weniger.“
Die Frau
„Wer ist die schöne große Frau?“
„Lyrikerin aus München. Der Herr, der mit sie geht, wird von ihr zum Mann gehabt.“
Die Dichter
„Komische Stimmung bei so’ner Uraufführung: lauter Leute vom Bau im Zuschauerraum, das Theater verdunkelt ...“
„Das geschieht mit Rücksicht auf den Verfasser -- damit er nicht die schadenfrohen Mienen der Konkurrenten sehen muß.“
Das Denkmal
Die Drosedower, treue Pommern, wollten einst dem Kaiser Friedrich ein Denkmal errichten und bezogen auch eins -- von Moritz Köpenicker & Sohn in Leipzig-Plagwitz -- zwei Meter hoch, edelste Bronze und garantiert unverwüstlich.
Leider kriegten sie nicht die Bewilligung zur Aufstellung.
Da sprach Willem Strehlow, der Kirchenälteste:
„Wißt ’r wat?“ sprach er -- „wenn wa ’n Kaiser Friedrich nich ufstellen dürfen -- nu, denn lassen wa ihm vom Klempner ’n Hut machen -- denn is et der Turnvater Jahn.“
Familienverhältnis
„Erlauben Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen die Herrschaften vorstelle: meine Braut, die Frau Konsul -- ihr Gemahl, der Herr Konsul -- und ihr Freund, der Herr Vizekonsul.“
Eile
Der selige Baron Mundy hatte es immer sehr eilig. Wenn er ins Wirtshaus kam, rief er schon an der Tür:
„Kellner! Suppe, Fleisch, Gemüse, Mehlspeis, zahlen!“
Das Teleauto
Eine Empfindlichkeit, die mit Hilfe unsrer physikalischen Gesetze nicht mehr erklärt werden kann, zeigt das Auto des Doktors Schachinger zu Neusiedel am Inn.
An jedem Ersten eines Monats versagt der Wagen ohne ersichtlichen Grund den Dienst, und kein Mechaniker vermag zu helfen.
Erst wenn der Gerichtsvollzieher dagewesen ist oder Doktor Schachinger die fällige Autorate durch gütliche Übereinkunft prolongiert hat, stöhnt der Motor befriedigt auf und funktioniert plötzlich wieder.
Regimentsrapport
Der Oberst:
„Ich habe Ihnen schon viele -- sagen wir: lose Streiche verzeihen müssen, Herr Leutnant -- was Sie aber jetzt wieder angestellt haben, übersteigt alle Grenzen. Wie kommen Sie dazu, Anzeigen über Ihr Ableben zu verbreiten?“
„Habe meine Gläubiger ein wenig schrecken wollen, Herr Oberst.“
Der Lebemann
„Ich habe die sanften Frauen satt. Ich suche mir jetzt eine strenge, aber gerechte Masseuse.“
Die Stiftungskneipe
Die Landsmannschaft Hercynia feiert ihr Stiftungsfest.
Beim Kommers hat der älteste Alte Herr den Vorsitz übernommen und gebietet Silentium.
Alles schweigt ehrfürchtig und gespannt.
Doch der Alte Herr rührt sich nicht.
Minuten vergehen in peinlicher Stille -- man sieht einander befremdet an.
Endlich wagt einer der Festteilnehmer, dem Präsidenten zuzuraunen:
„Bitte, wenn Sie nichts zu sagen haben: heben Sie doch wenigstens das Silentium auf.“
„Ich möchte ja,“ sagt der Alte Herr verzweifelt. „Aber ich habe vergessen, wie das Gegenteil von Silentium heißt.“
Die Großstadt
Angermeyers haben eine sonderbare Köchin, die Leni. Sie ist links zwölf Jahre jünger als rechts und hinten größer als vorn.
Eines Sonntags bittet sie um Urlaub -- sie wolle, sagt sie, tanzen gehen.
„Sie ...? ... tanzen?“ fragt Frau Angermeyer verblüfft.
„Oh, gnä Frau, in der Stadt trifft sich auf a jeds Madel,“ ruft Leni mit glühenden Wangen.
Erziehung
Kandidat Schwämmlein, der Erzieher des jungen Grafen, erteilt auch dem Komteßchen Unterricht.
Einstens sucht er die stillste Klause des Schlosses auf.
Er findet sie unverschlossen.
Als er aber öffnet, sitzt Komteßchen drin und haucht errötend: „Pardon!“
„Komtesse,“ lehrt der Herr Kandidat, „in diesem Fall habe ich Pardon zu sagen. Sie antworten nur: ‚Ich bitte, Herr Kandidat‘!“
Die Kennerin
„Er hat sich für einen polnischen Grafen ausgegeben -- und Sie haben ihm das ohne weitres geglaubt, Amelie?“
„Gott, ich hab mir gedacht: wann er wirklich ein Hochstapler wär, hätt er sich doch nicht für einen polnischen Grafen ausgegeben.“
Am Scheideweg
„Sie wollen mich nicht erhören, Fräulein?“
„Lassen Sie mir doch Zeit, zu überlegen! Eine Verlobung ist ja keine Kleinigkeit -- sie entscheidet oft über das Schicksal von Monaten.“
Unsre Tante
Unsre Tante hat unglaubliche Taschen. Wenn sie ihr Geldbörschen vorholen will, muß sie ihre ganze Hinterfront durchstöbern.
Eines Tages verlangte das Söhnchen fünf Mark von ihr für Schokolade -- Tantchen aber mochte vor der großen Gesellschaft nicht auf die Suche nach ihrer Tasche gehen.
„Später, Kind!“ sagte sie. „Ich habe jetzt kein Geld bei mir.“
Darauf der Kleine:
„Du hast schon, Mama -- greif nur in ’n Popo.“
Die Ehrung
Ich weiß nicht mehr, wo es war -- da wollten sie eine Hohenzollerneiche pflanzen.
„Nein,“ sagte einer von den Vaterlandslosen, „das Andenken an die glorreiche Regierung unsres erhabenen Herrschers wird besser durch einen Trompetenbaum versinnlicht werden.“
Industrie
„Sind eure Möbel auch solid?“
„Ich glaube schon. Allerdings -- heute habe ich eine Postkarte auf den Bücherschrank gelegt -- da hat er etwas gekracht.“
Der Gasthof
In Salzburg machte sich jüngst ein Mann verdächtig, weil er mit einer jungen Dame reiste. Man dachte, er wäre ein Mädchenhändler.
Er hatte keine Legitimation bei sich, behauptete aber, einen Gasthof in Berlin zu besitzen.
Die Salzburger Polizei erkundigte sich telegraphisch nach der Natur dieses Gasthofs.
Nachmittag traf aus Berlin die Auskunft ein:
„Angefragtes Restaurant hochanständig, in selbem verkehren Israeliten und Offiziere.“
Fragment
Es gibt kein schlechtes Wetter -- es gibt nur gute Kleider.
Die Aufgabe
Harro, unser Söhnchen, hat seine erste Hausaufgabe zu machen: einen einfachen Satz zu bilden und ins Heft zu schreiben.
Harro fleht uns um Hilfe an, doch wir, die hartherzigen Eltern, verweigern sie; er solle sich helfen, wie er kann.
Als er schlafen gegangen ist, schlagen wir sein Heft auf und finden darin den „einfachen Satz“. Er lautet: „Meine Frau ist wasserreich“.
Der Pudel
Die alte Baronin Mohrenfeld ist verrückt eifersüchtig.
Sie schläft, da der Baron endgültig auf ihre Gesellschaft verzichtet hat, im Vorzimmer seines Schlafgemachs -- natürlich mit ihrem geliebten Pudel Bruno.
Da hört sie eines Nachts leise Schritte.
„Bruno, bist +du+ dä?“ fragt sie schlaftrunken.
„Jä, Mämä,“ antwortet eine Stimme.
Und die Baronin legt sich beruhigt aufs andre Ohr.
Ankündigung
„Elegante Ottomane zu verkaufen -- von feiner Dame wegen vorgerückten Alters.“
Der Verwöhnte
In Gmunden war mir eine Waschfrau dienstbar, die tat ungemein vornehm.
„O mei,“ sagte sie, „ma hat dös Ghörtsich scho so in der Natur, wann ma mit dö feinen Herrschaften aufgwachsn is. Mei Mann war zwanzig Jahr Kammerdiener beim hochseligen Herzog von Cumberland. Maanen S’, er möcht, mit Respekt, a Zeitung nehmen? Naa -- grad Klosettpapier muß er haben.“
Der Diener
„Küß die Hand, Euer Gnaden, an schön gun Morgen wünsch ich,“ rief der Diener des seligen Barons Mundy und schnitt ein ungemein freundliches Gesicht dazu.
Das fiel dem Baron Mundy auf.
„Was hast denn, Johann?“ fragte er -- noch halb verschlafen.
„Euer Gnaden -- heut saans grad fünfundzwanzig Jahr, daß ich die Ehre hab, bei Euer Gnaden zu dienen ...“ -- Johann erwartete ein größeres Geldgeschenk.
Baron Mundy aber wurde vor Zorn blaß. Und langte nach dem Stiefelzieher.
„Seit du bei mir bist, Schurke, siehst du mich alle Tag nach rechts aus dem Bett steigen, und alle Tag stellst du mir die Pantoffel nach links. Ich hab bis heut noch kein Wort gesagt -- ich hab sehen wollen, ob du endlich doch von selber draufkommst. Und das geht jetzt schon, sagst du, fünfundzwanzig Jahre so?“
Sprachs und krachte dem getreuen Johann den Stiefelzieher an den Kopf.
Hof
„Unser Prinz braucht keinen Sabberlatz -- er hat die große Familienunterlippe.“
Am Ziel
In Preßburg sollt ein Mann hingerichtet werden, und nach der Verkündigung des Urteils bekam er das Henkermahl aufgetischt: Kalbsbraten mit Salat, Bier und Schweinshaxen mit Sauerkraut.
Freundlich lud er den Seelsorger ein, am Mahl teilzunehmen.
„Die Regeln meines Ordens verbieten mir ein so üppiges Essen,“ sprach der Franziskaner.
Da schlug der arme Sünder mit der Faust auf den Tisch und rief:
„Hab i’s endlich doch noch derzu gebracht, daß mich die Pfaffen ums Essen beneiden.“
Der Kropf
„Ein kräftiges Volk, diese Oberbayern.“
„Ja. Aber merkwürdig, wo sie den Bizeps sitzen haben.“
Der Ausweg
„Herr Amtsrichter -- der angeklagte Pöpelmann, dessen Fall so kompliziert ist, ist irrsinnig geworden.“
„Das Vernünftigste, was er tun konnte.“
Ostpreußen
Jüngst war ich bei Herrn v. Mollnow zu Besuch.
Ein herrliches Gut, dieses Mollnow, seit Urzeiten im Besitz der Familie.
Als es Abend war, tranken wir noch zwei, drei Pullen -- dann hieß es schlafen gehen.
Ich bin gewohnt, im Bett zu lesen.
„Können Sie mir was Gescheites geben?“ fragte ich.
Herr v. Mollnow, der Gastfreundliche, stand’ auf und rief, daß es weithin durchs Haus scholl:
„Das Buch! Das Buch! He, Minne, Trine, Line -- wo is das Buch?“
Man suchte stundenlang.
Doch man fand kein Buch, trotzdem sich Herr v. Mollnow bestimmt erinnerte, eins gehabt zu haben.
Der Sprachfehler
Im Berliner Herrenfeldtheater hatten sie einen sehr tüchtigen Schauspieler, Schulze geheißen. Und entließen ihn.
„Denn,“ erklärte mir der Direktor, „von einem Schauspieler wird man doch verlangen dürfen, daß er Deutsch kann. Und bei unserm Repertoire ... -- Sie verstehen? Dieser Schulze christelt.“
Die Operette
Der Theaterkapellmeister hatte eine Operette komponiert -- die Partitur war fertig und lag hochaufgeschichtet auf dem Schreibtisch.
Da geschah es, daß Mimi, das Äffchen der Frau Kapellmeisterin, auskam, auf den Tisch kletterte und die Partitur in Atome zerriß.
Kapellmeisters kamen heim und sahen die Bescherung.
Er wollte Mimi erdrosseln.
Die Kapellmeisterin aber legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter und sprach:
„Geh, Franzl! Sei net gach! Es wiiird dir schon wieder was einfallen.“
Der Maler
„Herrgott, wann mich der Herrgott als künstlerischen Beirat ghabt hätt, wie er die Welt derschaffen hat! Da wäret des Abendrot net a so kitschig ausgfallen.“
Die Warnung
„Gnädige Frau, hüten Sie sich vor Leutnant Andorff -- er ist indiskret.“
„Um Himmels willen! Und das sagen Sie mir erst jetzt?“
Reigen
Eine Geschichte aus Galizien in Leitartikelüberschriften:
1921. Anregungen zu einer Regulierung der Weichsel.
1922. Das Volk wills.
1923. Kostenvoranschlag der Weichselregulierung.
1924. Die Weichselregulierung.
1925. Kostenüberschreitungen.
1926. Unterschleife bei der Weichselregulierung.
1927. Die Herren Regulierer auf der Flucht.
1928. Die Potemkinsche Regulierung.
1929. Im Überschwemmungsgebiet.
1930. Anregungen zu einer neuen Weichselregulierung.
Malersleute
„Hat er denn Erfolg?“
„Das will ich meinen -- seine Bilder werden schon gefälscht.“
Definition
„Was heißt denn das: ~entre deux âges~?“
„Wann man net waaß: möcht man schon die Tochter oder noch die Mutter.“
Die Besprechung
Seine Exzellenz, der Divisionär hatte die beiden Brigaden gegeneinander kämpfen lassen. Nordpartei: Erzherzog Albrecht Ferdinand; Südpartei: Oberst Huber von Siegschwert.
Dann Besprechung der Übung.
Seine Exzellenz sagte im Ton wärmster Anerkennung:
„Über die Führung der Brigade Eurer kaiserlichen Hoheit verliere ich kein Wort. So und nicht anders hatte ichs erwartet. Jedermann hatte es so erwartet. Die Feldherrntalente Eurer kaiserlichen Hoheit sind ja bekannt. Aber wenigstens vom Herrn Obersten von Huber wird man doch, zum Teufel, ein Atom taktischen Verständnisses verlangen dürfen.“
Ein verfehltes Leben
„Zweimal hatte ich schon das Geld beisammen für eine Alkoholentziehungskur. Beidemal hab ichs versoffen.“
Erfahrung
„Wenn Wein sich gut halten soll, muß der Keller gleichmäßig kühl sein, luftig, trocken und vor allem: fest versperrt.“
Anknüpfung
Ich fuhr von München um 8 Uhr 17 ab -- nach Augsburg. Im Abteil saß schon ein Herr.
Er hatte im ‚Berliner Kaufmann‘ gelesen, faltete das Blatt zusammen und wollt ein Gespräch mit mir anknüpfen.
„Ich glaube bereits das Vergnügen zu haben...,“ begann er.
„Ganz ihrerseits.“
Pause.
„Ich glaube, wir sind Landsleute.“
„Möglich. Ich bin Eskimo.“
Pause.
„Sie reisen wohl viel?“
„Ja. Aber immer stumm.“
„Ach so.“
Pause.
Ich hole mein Notizbuch vor und schreibe was ein.
Er sieht mir zu. Und ruft freudig:
„Ah, Gabelsberger! Da sind wir ja Kunstgenossen.“
Turf
„Beim Rennsport ist das so: die nix wissen, schreins aus -- und die Wissenden därfens net sagen, sonst sperrt man sie wegen Betrugs ein.“
Hilfe!
Seit Tantchen Martha Witwe ist, fürchtet sie sich entsetzlich. ’s ist auch kein Wunder: so allein im dritten Stockwerk -- unten die Bureaus, da ist bei Nacht kein Mensch -- oben die Magazine, wo die Mäuse tollen.
Als ich unlängst zu Tantchen kam, sah ich eine Papptafel auf ihrem Nachtkasten. Die Tafel hing an einem langen, langen Bindfaden.
„Ja,“ sagte Tantchen, „das hab ich mir ausgedacht: wenn die bösen Menschen mich überfallen sollten, lasse ich das Täfelchen zum Fenster hinaushängen.“
Auf dem Täfelchen stand:
„Leider haben wir Diebe im Hause.“
Die Gründung
Freund Zlamal klagt mir über sein verflossenes Berliner Theaterunternehmen.
„Ich war doch,“ erzählt er, „in Kompagnie mit einem gewissen Reiner. Unser Theater stand in voller Blüte. Mein Kompagnon aber war ein einsichtsloser Schurke -- er nahm täglich zehn Mark aus der Kasse. Eine solche Schwächung des Betriebskapitals konnte unser Theater natürlich nicht überdauern.“
Tapferkeit
Unser Harro hat Besuch bekommen: den kleinen Uli Plötz aus der dritten Klasse.
„Heute morgen,“ erzählt Uli, „war ich in einer furchtbaren Gefahr. Ich hatte einen großen Jungen angespuckt -- der ist mir nachgelaufen und wollt mich prügeln. Da bin ich rasch in ein Haustor und hab mich versteckt.“
Harro großartig:
„Pfui -- verstecken! Das ist ja feig. Da läuft man doch davon.“
Wien
Zum Kardinal von Wien kam eine sehr hohe Dame und regte an: Seine Eminenz möchte doch etwas gegen die gottlose Wiener Literatur tun.
„Ja,“ sagte der Kardinal, „da werden Eure Hoheit sich schon an meinen Kollegen wenden müssen, den Herrn Oberrabbiner.“
Promenade
„Sind +Sie+ der Busenfreund von Madame Scheu?“
„Madame Scheu kenn ich nicht; aber Busenfreund bin ich schon.“
Der Irre
Professor Preyer, der berühmte Physiognomiker, besichtigte die Irrenanstalt von Egelfing. Es galt, die Schädelbildung der Kranken auf ihre Übereinstimmung mit der Preyerschen Theorie zu untersuchen.
Da fiel dem Gelehrten ein Mann auf, dessen Typus keine, aber auch nicht die geringsten Preyerschen Degenerationsmerkmale aufwies.
„Was fehlt dem Mann?“ fragte der Gelehrte. „Warum ist er interniert?“
„Oh, Herr Professor,“ antwortete der Assistent, „das ist ein ganz Verrückter; der betreibt Physiognomik.“
Folklore
„Haben Sie hier in der Gegend auch schöne Sagen?“
„Halt nur, was die Kinder so in der Schul lernen.“
Nutzen der Großmama
„Die arme alte Frau! Lassen Sie ihr doch den Bandwurm abtreiben!“
„Was fällt Ihnen ein? Ich bin leidenschaftlicher Angler.“
Studienreife
Man kann über die Japaner verschiedener Meinung sein -- eins wird man ihnen lassen müssen: sie sind ungemein kühl und vorsichtig im Urteil.
Anfangs des vorigen Monats kam Hauptmann Osaka mit der kaiserlich japanischen Sondergesandtschaft in Wien an. Heute lernte ich ihn kennen.
„Welchen Eindruck haben Sie von den Wiener Frauen?“ fragte ich ihn.
„Kann noch nifts sagen. Kenne elst im ganzen neunhundeltzwörf.“
Ehe
Frau Gusti hatte mir immer wieder über ihren Mann geklagt -- wie herrschsüchtig er sei, einsichtslos und knickrig.
Seit acht Tagen strahlt sie von Glück.
„Er ist total verändert,“ erzählt sie. „Ich habe ihn mit einer jungen Person erwischt.“
Schleis
„Da ist auch das Ehepaar Schlei. Ekelhafte Menschen.“
„An ihr ist immerhin noch ein sympathischer Zug: sie pflegt ihren Mann zu prügeln.“
Der Kaltblütige
In Venedig lebt ein Komponist, Sandro Mezzadri, ein ungemein begabter Kerl. Und sehr populär. Alle Welt grüßt ihn.
Unlängst geht er die Riva entlang -- da hält Signor Parea ihn an und schreit:
„Sandro, Sie sind der gemeinste Hund und Schuft Europas. Sie haben mir dreißigmal versprochen, mir die Schuld abzutragen -- dreißigmal haben Sie Ihr Wort gebrochen.“
Sandro Mezzadri steht still und hört aufmerksam zu. Die Leute sammeln sich an. Immer mehr und mehr. Ein ganzer Haufe.
„Sie sind kein Künstler, Sie sind ein Gauner und Hochstapler. Sie sind der Ruin meiner Familie. Ein nichtswürdiger Schwindler, ein Lump, ein Tunichtgut, ein ehrloser, niedriger Betrüger.“
Die Zuhörer füllen die Riva der ganzen Breite nach. Einige besonders Neugierige erklettern das Denkmal von Vittore Emanuele.
„Ein Schurk, der sich nicht scheut, das sauer erworbene Vermögen seiner Nebenmenschen zu verprassen -- ein meineidiger Schuldenmacher, ein Dieb, den ich anspucke und verachte.“
Signor Parea schöpft Atem.
Sandro Mezzadri mit unverschämter Ruhe:
„Ganz recht hatten Sie. Und was hat der andre darauf erwidert?“
Der Auswanderer
„Sie wollen Rußland verlassen, Pjotr Mihajlowitsch?“
„Gewiß. Ich habe unsre Zustände satt. Ich sehne mich nach Ruhe, nach einem Lande, wo die Autorität der Behörden noch durch kein Gesetz erschüttert wird. Ich gehe nach München.“
Die Behörde
Mord im Ostrauer Kohlenrevier. Auf die Ergreifung des Täters ist ein Preis von tausend Kronen ausgesetzt, der ‚unter allen Umständen‘ zur Auszahlung gelangt. Sollten mehrere gleich Verdächtige angemeldet werden, so entscheidet das Los.
Die Sentimentale
„Treue ist was Erhabenes. Aber doch nicht immer ein und demselben?“
Der Künstler
Rottmann ist Charakterspieler am Hoftheater zu München. Er stammt aus einem Dörfchen bei Hollabrunn in Österreich.
Einst, als ihm eben der Titel eines königlichen Hofschauspielers verliehen worden war, beschloß er, sein Heimatdörfchen aufzusuchen. Fuhr hin und schwelgte in Sentimentalität und plauderte mit den Nachbarsleuten.
„Ah, also z’ München bist?“ rief der alte Mistelbauer. „Schauspieler bist? Geh, mach amal an Purzelbaum!“
Das Gewissen
Bankett des ungarischen Bankierstages.
Der zweite Vorsitzende ist in lebhaftem Flüstern mit seinem Nachbarn.
Man fordert ihn plötzlich auf, einen Trinkspruch auszubringen.
Er ruft verwirrt:
„Pardon -- ich verweigere die Aussage.“
Schüttelreim
Er hat ’ne Gabel beim Lunch gemaust Und dann damit sein Mensch gelaust.
Der Vetter vom Land
Ich habe eine Tante in Steierisch-Mutzenbach.
Unlängst höre ich, sie wäre krank.
Ich setze mich sofort hin -- in München -- und schreibe an meinen Mutzenbacher Vetter: was denn die gute Tante treibe, und ich wünschte, Gott möge usw.
Gestern kommt plötzlich mein Vetter aus Steiermark daher.
„Weißt,“ sagt er, „ich hab mir gedacht: was soll ich da erst lang herumschreiben? Bin ich gleich lieber selber kummen. Alsdann: meiner Mutter gehts schon etwas besser.“
Der Lebemann
„Ich habe mich in Ostende zum Beispiel sechsmal verlobt.“
„Und das soll man Ihnen glauben?“
„‚Zum Beispiel‘ im Munde eines Kavaliers ist schon ein Ehrenwort.“
Das Korps
Mensur in Prag -- Gunther (~Bar-Kochbae~) ~contra~ ~Cand. jur.~ Robitschek aus Trebitsch.
Plötzlich schreit einer der Sekundanten:
„Gott, der Gerechte, die Herren Paukanten fechten ja mit milchige Schläger!“
Der Sittenstrenge
Unlängst komme ich mit meiner Frau in Berlin an.
Ich will dem Träger meinen Gepäckschein geben -- der Schein ist nicht zu finden.
Nun noch lang reklamieren und parlamentieren? Um drei Uhr nachts? Ich fahre ins nächste Hotel -- und die Geschichte mit dem Gepäck werde ich bei Tage erledigen.
Das nächste Hotel war das Hotel Alemannia.
Am Morgen verlange ich meine Rechnung. Zweitausenddreißig Mark.
Donnerwetter! Zweitausenddreißig Mark für ein Zimmer, für eine Nacht!
„Ja,“ sagt der Wirt, „wa sin en anständiget Etablissemang. Paare, die wo keen Jepäck nich haben, entweda jar nich -- oda wenn, denn nich for ne Butterstulle.“
Der Schirm
„Gestern,“ erzählte Herr Bumcke, „lasse ich meinen schönen seidnen Schirm irgendwo stehen -- Gott allein weiß, wo. Ich renne alle Läden ab, die ich gestern besucht habe -- lauter erste Firmen -- vergebens. Endlich im Gemüsekeller an der Ecke kriege ich meinen Schirm wieder. Ja, die armen Leute sind halt doch die ehrlichsten.“
Der Bericht
Im dreizehnten Regiment hatten wir einmal einen Major v. Drexler.
Ein guter Herr, ein untadeliger Offizier, nur etwas alt: dem Grundbuchsblatt nach 52 Jahre, dem Aussehen nach 104. Er hatte immer den Mund offen und schloß ihn nur, wenn er gefragt wurde.
Alles war einig darüber: der Herr Major ist ein irrtümliches Plusquamperfektum, ein Armeeskandal.
Die Kunde von der hoffnungslosen Verkalkung Drexlers drang bis zum Korpskommando. Prinz Albrecht Ferdinand, Chef des Korps, verlangte ‚die sofortige Vorlage eines Berichtes über die Fähigkeiten des Herrn Majors v. Drexler‘ -- mit dem festen Vorsatz, den Greis augenblicklich zu vertilgen.
„Ha,“ rief unser Oberst, „Seine Kaiserliche Hoheit interessiert sich für den Major.“ Setzte sich auf die Hosen und schrieb -- von Mittag bis Abend -- einen Bericht.
Der Bericht muß glänzend ausgefallen sein. Denn Drexler ist dieser Tage Oberstleutnant worden.
Das Betriebsreglement
Ich habe eine Dogge, die heißt Millimixchen und ist immer mit mir.
Unlängst steige ich in Kufstein in den Eilzug, finde ein leeres Halbabteil und setze mich ans Fenster. Millimixchen macht sich ungefähr drei Meter lang und belegt die beiden übrigen Sitze.
Millimixchen hat etwas in ihrem Blick, was Fremde abhält, sie zum Verlassen eines Platzes aufzufordern.
Der Schaffner überwand seine unmännliche Scheu und trat ein.
„Ich bitte, der Hund därf net hier bleiben.“
„Warum?“
„Warum, weil Hunde laut Betriebsreglamaa därfen nur mitgenommen wern, wanns Hunderln saan un wann niemand von die Paschascheer was dagegen hat.“
„Es ist niemand da, also kann niemand was dagegen haben.“ Ich gab ihm zwei Zigarren.
„Gnä Herr,“ sagte er, „es is haaß -- dö Hitz macht Durscht -- i wer auf der näxten Station Ihnerm Hunderl a wengerl Wasser bringen.“
Vorstellung
„Mein Name ist v. Uebel.“
„O, das ist noch gar nichts. Ich heiße v. Kotze.“
Der Hirt
Debretzin ist eine sehr hübsche, moderne Stadt und hat eigentlich nur einen Fehler: daß man dort jeden Morgen um vier Uhr die Schweine auf die Weide treibt.
Dies Austreiben der Schweine geschieht ziemlich geräuschvoll; der Hirt bläst dazu nämlich eine Trompete.
Als ich nach Debretzin in Garnison kam, blies der Hirt am dröhnendsten und längsten immer vor dem Haus Kossuthgasse Nr. 4. -- Ich wohnte Kossuthgasse 4~a~.
Schon am dritten Morgen ließ ich mir den Hirt rufen.
„Onkelchen,“ sagte ich ihm, „ihr seht, ich bin Soldat. Ich muß jeden Morgen um vier Uhr aufstehen. Wollt ihr so freundlich sein, an meinem Fenster besonders laut zu blasen? Ich zahl euch gern was dafür. Ihr werdts jeden Morgen auf dem Fensterbrett zehn Kreuzer finden.“
Zweimal legte ich das Geld hin.
Und dann nicht mehr.
„So?“ sagte der Hirt zu meinem Burschen -- „so ist die Sache? Umsonst soll ichs tun? Dann soll sich der Herr Leutnant nur hübsch selber blasen.“
Sprachs und tat nie, nie mehr einen Ton.
Eheirrung
Mein Freund Krottinger kam Mittwoch spät nacht aus Dresden heim nach München. Er fand die Wohnung finster, versperrt und verlassen.
Mittwoch nacht -- er diagnostizierte ganz richtig: ~bal paré~.
Er zog einen Frack an und ging ins Deutsche Theater. -- Die Frau war nicht da.
Von bösen Ahnungen getrieben, suchte Krottinger sie im Hotel Westminster und erhielt durch Bestechung der Dienerschaft Zutritt in ihr Zimmer.
Frau Krottinger war nicht allein, sondern lag zu Bett.
„Gott, Männchen,“ sagte sie, „ich hatte sonne Kopfschmerzen ...“
Technik
Ich zeigte dem jungen Grafen Mollnow das neue Automobil.
Er fragte:
„Welches System?“
„Darraque.“
Da sprach er nachdenklich:
„Mein Bruder hat einen Benzwagen. Ich habe übrigens gar nicht gewußt, daß man das Zeug auch mit Arrak treiben kann.“
Taxe
Sofia ist eine ungemein interessante Stadt. Ich durfte dort auch einer gruseligen Geheimsitzung der makedonischen Komitadschi beiwohnen. Ich war Zeuge, wie vierzehn Todesurteile gegen Verräter und politische Gegner gefällt wurden.
Nach der Sitzung kreiste ein Teller -- man sollte Beiträge stiften für die Komiteekasse.
Ich stiftete zehn Franken.
„Verzeihung,“ sagte der Präsident, „Sie müssen noch vier Franken zulegen; der Eintrittspreis beträgt einen Frank per Todesurteil.“
Das vornehme Regiment
„Lieber Fähnrich, ich habe dich gestern mit einem Neunerulanen sprechen sehen. Bitte, sei etwas wählerischer! Für einen Siebzehnerhusaren ist ein Neunerulan kein standesgemäßer Verkehr.“
Ein Irrtum
Herr Kommerzienrat Löwinger führte mich auf seinem Besitz um. Wunder-, wunderschön -- die Villa und der Park.
Im Park zeigte er mir seine neueste Erwerbung, „was er in Rom gekauft hat: de Wölfin, wie se grad säugt ’n Romeo un de Julia.“
Soldatenleben
Ich stand einst, im Manöver wars, auf der Dorfstraße und blickte in die Ferne.
Da sah ich -- weit unten irgendwo -- aus einem Tor einen Infanteristen rausfliegen. Offenbar durch einen Fußtritt befördert. -- Na, so was kommt ja vor.
Nach einer Weile -- was fliegt aus demselben Tor? Ein Infanterist.
Und eine Minute darauf ein dritter.
Ich fragte einen Unteroffizier:
„Um Himmels willen, was geht denn da unten vor?“
„Nichts besondres,“ sagte er. „Da hält unser Herr Regimentsarzt Krankenuntersuchung.“
Der Skeptiker
Ein Hauptmann in Berlin schenkte seinem Offizierburschen ein Billett für den Zoologischen Garten.
„Na, Krischpinski,“ fragte der Hauptmann am Abend, „wie hat’s dir denn da gefallen?“
Krischpinski lächelte überlegen.
„Schwiendel, Cherr Chauptmann. Alljes Schwiendel. Ssolche Tiere in Wirkljichkeit gibts garr njicht.“
Die Patrioten
Am 27. Oktober 1866 -- Österreich hatte kurz vorher Venedig an Napoleon III. abgetreten -- kam es zu einer Volksabstimmung über die Frage: ob Venedig an Italien fallen sollte oder nicht.
Es entschieden sich
für Italien 681758 Stimmen, für Österreich 69 Stimmen.
Es ist einwandfrei festgestellt, daß jene 69 Freunde Österreichs Uniformschneider waren, die noch große Vorräte von dunkelblauem Tuch liegen hatten.
Dichtkunst
Der Herr Präsident würdigte mich einiger leutseliger Worte.
„Sie sind wohl ’n Künstler?“
„Jawohl, Herr Präsident; Schriftsteller.“
„So. Na -- und was schreiben Sie denn?“
„Für die ‚Jugend‘ ...“
„Ach -- ene männliche Thekla v. Jumpert?“
Der Käufer
„Bitte, zeigen Sie mir mal Armbänder! Aber ganz was billiges -- es ist für meine Frau.“
~A. E. I. O. U.~
Dereinst verbot die Wiener Zensur ein Stück von mir und Väterchen Rößler.
Ortskundige rieten uns: wir sollten uns beschweren gehen.
Wir gingen auf die Statthalterei.
Ein wilder Regierungsrat empfing uns.
Und schrie:
„Beschwerde?? Schön. Aber das sag’ ich Ihnen: Ihr Stück wird nicht aufgeführt werden, solang Österreich steht.“
Da sagte Väterchen Rößler:
„Gut, dann warten wir halt noch die paar Wochen.“
Der Ausweg
Als Kulicke (~Vandaliae~) das ~Delirium tremens~ kriegte, hatten wir im Sanatorium unsre liebe Not mit ihm. Er wollte durchaus kein Veronal nehmen.
Zum Glück war unter den Assistenzärzten ein alter Korpsier. Er brummte dem Patienten einen Bierjungen, und die Sache war gemacht.
Scharfes Manöver
„Herrgott, heut muß a hohes Tier hier sein. Heut riechen sogar die Exzellenzen nach Schweiß.“
‚~Lerne Zu Leiden Ohne Zu Klagen~‘
-- so lautet die goldne Inschrift an der Gedächtniskirche.
Eines Tages löste sich einer der goldnen Buchstaben, das ~K~, irgendwie ab. Der Pastor ließ einen Maurer holen und gab ihm den Auftrag: die Inschrift in Ordnung zu bringen.
Am nächsten Tag las man:
‚~Lerne Zu Kleiden Ohne Zulagen~‘.
Der Fremde
Der selige Schönaich saß einst in Karlsbad auf einer Bank am Ufer der Tepel.
Da kam ein Fremder und setzte sich dazu.
Lange blieb der Fremde stumm.
Endlich sprach er:
„De Brück is ä Glück über dem Wasser.“
Und ging.
Der selige Schönaich hat bis an sein Ende der Bedeutung jenes Ausspruchs nachgesonnen.
Fragment
Gebildete Menschen sprechen leise -- -- weil man das nicht laut erzählen kann.
Das Reiseabenteuer
Major Wandel fuhr von Krakau nach Wien.
Unterwegs stieg ein Mann mit Ringellöckchen ein.
Der Mann breitete zahlreiche Zeitschriften vor sich aus: Berliner, Wiener Journale, illustrierte Blätter und ein Fachblatt für Aviatik.
Und der Mann las.
Der Herr Major langweilte sich, gähnte, streckte sich, rauchte und dachte:
„Dieser Mann ist ein Jud. Aber offenbar ein besserer: er fährt erster Klasse und interessiert sich für das Flugwesen. Ich werde ihn anreden.“
„Na,“ sagte der Herr Major leutselig, „jetzt kommt ja bald die Zeit, wo wir beide fliegen werden.“
Darauf der Mann erstaunt:
„Beide fliegen? Haben denn Sie auch nur ä Billett dritter Klasse?“
Der Dolmetsch
Instruktionsstunde bei Molinariinfanterie in Budapest.
Der Herr Hauptmann:
„Soldaten! Disziplin ist die schwellende Knospe, aus der die köstliche Rose Subordination sprießt. Feldwebel, übersetzen Sie das ins Ungarische!“
Geschäft
Als ich noch in Essegg diente, mußt ich einmal ein Pferd verkaufen und verkaufte es einem Mann mit Namen Kuhner.
„Was?“ riefen die Thebaner, „Kuhner haben Sie ein Pferd verkauft? Von dem kriegen Sie niemals Geld.“
Nachmittag kam Kuhner und zahlte den Kaufpreis bei Heller und Pfennig.
Er machte runde, gerührte Augen dazu und sagte:
„Wissen S’ -- es is nur wegen ein andresmal.“
Liebeserklärung
„Fräulein, ich bete Sie an. Verraten Sie mir, wo und wann Sie wohnen.“
Der Grenzer
Ich sah bei Leutnant Wukowitsch -- der doch, bei Gott, kein Multimillionär ist -- eine prachtvolle Uhr.
„Ja,“ sagte er, „die Uhr ist schön. Mein Großvater, Korporal Wukowitsch, hat sie im Jahr 48 beim Sturm auf Mailand zum Geschenk bekommen.“
Nachruf
Kurz vor dem Weltkrieg ist in Skutari Monsieur Ibrahim Popowitsch gestorben.
Nach einem bewegten Lebenslauf (er war von Geburt Serbe und hatte sich aus einem frommen Moslem zum glaubenseifrigen Katholiken entwickelt) -- nach schrecklichen Anfeindungen seiner Mitbürger (die sieben Völkern angehören) endete Popowitsch als einer der mutigsten Vorkämpfer Österreichs auf dem Balkan.
Monsieur Ibrahim Popowitsch war die österreichische Partei in Albanien; er war jene ungeheure Volksmenge, die an habsburgischen Festtagen jubelnd und huldigend vor dem österreichisch-ungarischen Konsulat wogte; er trug jene vielberufene Sehnsucht der Balkanvölker nach dem österreichischen Befreier im Herzen.
Und all das für einen Ehrensold von 2 ~K~ 30 ~h~ täglich. Möge die Erde seiner vielgeprüften Asche leicht werden!
Einquartierung
„So’n Manöver ist wohl sehr anstrengend, Herr Leutnant?“
„Im Dienst nich mal -- da jiebt es Rasttage. Aber täglich ne andre Familie amüsieren.“
Ein Mißverständnis -- nichts weiter
Vor vielen Jahren einmal forderte der Regierungspräsident in Breslau von einem seiner Landräte Bericht ein über Herrn v. Wozinski.
Der Landrat schrieb:
Wozinski sei ein untadeliger Ehrenmann, doch eine Poloniusnatur.
Hierauf ließ der Regierungspräsident Herrn v. Wozinski rufen; und sagte:
„Mein lieber Herr, ich muß Sie dringend ersuchen, Ihre politischen Quertreibereien einzustellen. Ich dulde in meinem Amtsbereich keine Poloniusnaturen. ~Finis Poloniae~, mein lieber Herr!“
Bewunderung
Mein Freund Fedor Dawidowitsch ist Maler.
Einst saß er -- auf dem Land, in der Nähe von Kiew -- vor seiner Staffelei und pinselte einen Sommermorgen.
Da kamen die Bauern und guckten ihm zu und staunten.
„Väterchen,“ riefen sie, „was mußt du Prügel bekommen haben, eh du dies Handwerk erlernt hast!“
Entgegenkommen
Gestern kam Kornauer zu mir (der Schwankdichter Kornauer, nicht der Fahrradhändler) -- legte mir den Stoff zu einem neuen Lustspiel vor und fragte mich: ob ich mit ihm in Kompagnie gehen wolle?
Ich las das Ding und sprach:
„Herr Kornauer, Ihr Stück wird Aufsehen erregen. Eine verteufelt wirkungsvolle, köstlich originelle Fabel. Reizend, packend, interessant. Aber -- mit Ihnen daran arbeiten kann ich nicht. Denn die Art, wie Sie Probleme stellen und lösen, widerspricht meiner Lebensanschauung.“
„Ach, wenn Ihnen sonst alles paßt,“ sprach Kornauer mild und höflich, „-- meine Lebensanschauung kann ich gern in dem von Ihnen gewünschten Sinn ändern.“
Handel
Unlängst bekam ich eine Preisliste aus Galizien:
Schöne hübsche Suppenkrebse Dtzd. 12.10 Feinste beste Tafelkrebse „ 13.50 Soloware, prima springlebig „ 15.00 Hochsolo primissima staunenswerte Wundertiere „ 16.00 -- dieselben mit zwei Scheren „ 16.60 -- dieselben wirklich lebend „ 17.20
Das Kunstwerk
Der Sekretär der Alten Galerie in Palermo, mein lieber Freund, kam eines Morgens merkwürdig aufgeräumt daher.
„Denk dir,“ rief er, „einer unsrer Tintorettos hat sich als echt entpuppt.“
„Und?“
„Und nun verkaufen wir ihn nach London.“
Am nächsten Tag kam er wieder und seufzte:
„Ach, es war nur Täuschung.“
„Und?“
„Und nun geht er nach Berlin.“
Fragment
Religion ist die Aktie eines riesenhaften Syndikats. In Zeiten der Not schneiden die Gläubigen Coupons ab.
Hoffnung
Ich besuchte in Berlin meinen Verleger.
Wie denn meine Bücher gingen?
„Gott,“ sagte er, „soso lala. Aber ich verliere den Mut nicht. Sehen Sie, Bierbaum wird erst gekauft, seit er tot ist. Auch Ihre Zeit wird kommen, lieber Roda!“
Und er sah mich mit zuversichtlichen Augen an.
Junggesellenleben
Die nervösen Anfälle meiner Tante haben mich eines Tages in eine ziemlich peinliche Lage gebracht.
Tantchen besuchte mich -- ich lebte damals in Graz -- und bekam ihren nervösen Anfall. Ich räumte ihr sofort mein Schlafzimmer ein, verdunkelte es und bat Tantchen, ein wenig zu ruhen. Ich würde unterdessen arbeiten -- meine Maschinschreiberin kommt um zehn Uhr.
Um zehn Uhr kam meine Maschinschreiberin. Huschte auf leisen Zehen gradenwegs in das verdunkelte Zimmer und drückte einen warmen Kuß auf Tantchens zitternden Mund.
Der Richter
„Heute war bei uns ein Mann angeklagt wegen Beleidigung des Herrn Ministers. Wir mußten ihn verurteilen. Wir haben ihm aber unwiderstehlichen Zwang zugebilligt.“
Frühling
Das Fräulein:
„Sie sind ja ein so gewandter Mensch, Herr Pfleiderer: raten Sie mir, wie ich mich Ihrer erwehren könnt.“
Die Methode
Eines Tages wollte der Herr Primararzt auf Urlaub fahren. Ließ den Assistenten kommen und sagte ihm:
„Sie, Doktor Grünfeld -- der Mann da im dritten Bett wird morgen sterben. Er hat eine ungemein interessante Leber -- bitte, präparieren Sie mir sie heraus und härten Sie sie in Formalin -- ich brauche die Leber nächste Woche zu einer Vorlesung.“
Und dann fuhr der Herr Primararzt.
Als er nach acht Tagen wiederkam, war seine erste Frage:
„Grünfeld! Wo ist meine Leber?“
„Entschuldigen, Herr Professor -- der Mann lebt.“
Da wurde der Primararzt aber wild.
„Natürlich,“ schrie er. „Den haben Sie wieder nach eigenem Kopf behandeln müssen.“
Fragment
Es gibt nur einen wirklich guten Detektiv: die Dummheit der Verbrecher.
Kriegsrecht
„Der Mann weiß etwas über uns. Hängen wir ihn auf!“
Bildungsdrang
Mein Vetter kam als Einjähriger zu Sardiniendragonern. Da fragte ihn der Schwadronschef:
„Sie sind Archäolog, Einjähriger? Wo haben Sie denn studiert?“
„In Berlin, Herr Rittmeister, in Paris, Wien, London und Rom.“
„Na, hören Sie, Einjähriger -- dieses Herumvagabundieren wirft aber nicht grade das günstigste Licht auf Ihren Charakter.“
Beleuchtung
Ich trat um elf Uhr abend ins Restaurant. Kein Mensch mehr da.
„Kellner, eine Pulle Sekt!“
Er knipste die Beleuchtung an, verbeugte sich und sagte:
„Eine Pulle Sekt -- jawohl -- bitte sehr.“
„Halt, Kellner! Kann ich nicht eine halbe Flasche haben?“
Er drehte stumm die Hälfte der Lampen ab.
Der Damenschneider
„Einer schönen Frau kreditiere ich gern. Sie trägt die Sicherstellung in sich.“
Der Menschenfeind
Als ich noch in Essegg diente, hatten wir einen Hauptmann, der war ein überzeugter Junggeselle.
Einmal, beim Batterierapport, sagte er einem Ersatzreservisten:
„Sie sind Familienvater -- nicht wahr? Möchten heute bis zwölf Uhr nacht ausbleiben -- nicht wahr? Ein kleines Liebesabenteuer während der Waffenübung -- was? Krank werden, heimkommen, Frau und Kinder unglücklich machen -- he? Ja, mein Lieber, ja, gern. Ich gebe Ihnen die Erlaubnis bis zwölf Uhr, Sie Schwein!“
Fragment
An Deutschlands politischem Verfall ist Ein Mann schuld: du.
Süd und Nord
Wir erörterten im Café ein beliebtes Thema: die künstlerische Kultur von Wien und Berlin.
„Segen S’,“ sagte Mitterhuber, „ein ungeheurer Unterschied is scho: wann in Berlin a Künstler verhungert, kümmert sich ka Mensch um eahm; in Wien, wanns passiert, stengen Hunderte um eahm herum und bedauern eahm, mit die Händ in die Taschen.“
Der Ehrliche
„Herr Graf, Sie schulden mir seit Monaten zwanzigtausend Mark. Da wärs doch endlich an der Zeit, daß Sie mir wenigstens einen Wechsel über die Summe ausstellen. Das Formular hab ich gleich mitgebracht.“ --
„Mit Vergnügen, Herr Silberstein. Aber ich mache Sie aufmerksam: solch ein Formular kostet fünf Mark. In dem Augenblick aber, wo ich meine Unterschrift darauf gesetzt habe, ist es völlig entwertet.“
Gesellschaft
„Heute geben wir ein Souper. Zwanzig Menschen kommen. Achtzehn davon sind mir verhaßt.“
Die Zelebritäten
Als Maxim Gorki die Nachricht von Tolstois Tod empfing, fiel er in Ohnmacht -- und als man ihn laben wollte, weigerte er sich, Nahrung zu sich zu nehmen.
Man erzählte diesen Vorgang dem großen Gabriele d’Annunzio.
Er rief:
„Himmelherrgottsakra -- diese Komödie habe doch grade ich aufführen wollen.“
Willi
Wir jagen unserm Willi nach -- er soll doch heute den Glückwunsch an Onkel Ulrich schreiben.
„Fällt mir nicht ein,“ sagt er frech.
„Aber, Willi! Wo Onkel Ulrich immer so freundlich gegen dich ist? Erst gestern hat er dir das schöne Schiff geschenkt. Da müßtest du dich wohl sehr schämen, ihm nicht gratuliert zu haben.“
„Ach was,“ sagt Willi, „eh ich mich hinsetz und zwei Stunden schreib -- lieber schäm ich mich.“
Christentum
Auf der Villa meines Freundes steht ein hübscher Hausspruch:
„Tritt in Jesu Namen ein, Und du wirst willkommen sein. Bist du arm und bist du reich -- Uns gilt es gleich.“
Und darunter:
„Betteln und hausieren verboten.“
Literatencafé
„Was halten Sie von unserm jüngsten Dichter?“
„Eine schwache Begabung -- alles nur halb, nichts ganz. Nicht einmal ganz talentlos ist er.“
Das Geschenk
Wir berieten, was wir Tante Laura zum Geburtstag schenken sollten, und konnten nicht übereinkommen.
„Wißt ihr -- was?“ schlug ich vor. „Tante Laura soll sich einfach selber was wünschen.“
Sie zierte sich lang.
Endlich sprach sie:
„Ihr lieben Kinder -- wenn es wirklich sein muß -- und wenn ihr durchaus wollt -- und wenns nicht zu teuer ist -- so möchte ich gern einen kompletten Beethoven.“
„Aber Tantchen,“ rief ich, „was fängst du mit einem kompletten Beethoven an? Du bist ja gar nicht musikalisch.“
„So?“ sagte Tantchen ganz verdutzt. „Ist das Musik? Ich dachte, es wäre ein heizbares Betpult.“
Fragment
„Feurig von Ideen brennen Ist Dalles. Ihren praktischen Wert erkennen Ist alles.“
Einer nach dem andern
Mein Freund Pick war auf der Jagd in Ödenburg.
Plötzlich, beim ersten Trieb, kriegt Pick ein paar Schrote an die Beine.
Pick lacht und sagt seinem Nachbarn, einem Husaren:
„Herr Rittmeister, wann S’ mi umbringen wollen, müssen S’ scho a wengerl höher halten.“
Beim zweiten Trieb prescht der Rittmeister dem Pick eine in den Lodenrock.
Krawall: Pick verbittet sich das -- der Husar wird unartig. Andre Herren suchen zu vermitteln.
„Nein,“ sagt Pick, „i will mich mit ihm schießen. Aber jetzt komm i dran -- er hat schon zweimal geschossen.“
Die Juristen
„Herr Kandidat, legen Sie mir den Unterschied dar zwischen Privatehrenbeleidigung und Majestätsbeleidigung.“
„Bei Majestätsbeleidigung darf man nicht den Wahrheitsbeweis führen.“
Die Sprache des Berufes
„Ist Ihre Braut brünett, Herr Rittmeister?“
„Nee -- Schweißfuchs, stark stichelhaarig.“
Die Kur
Mein Freund Peter trinkt ein wenig. Da quälten die Tanten ihn so lange, bis er sich zu einer Entziehungskur bequemte.
„Wieviel Wein konsumieren Sie täglich?“ fragte der Anstaltsarzt.
Freund Peter pflegt fünf Flaschen zu trinken, sagte aber vorsichtshalber: zehn.
Hierauf gab man ihm eine Woche lang acht Flaschen, dann sieben und sechs.
Als er wieder bei fünf angelangt war, seiner alten Tagesgebühr, wurde er gebessert entlassen.
Die babylonische Witwe
„Edgar,“ sprach sie, „du hast mich vor meinem Personal kompromittiert -- wenn du ein Ehrenmann bist, wirst du mich heiraten.“
„Kind, genügt es nicht, daß du das Stubenmädchen wechselst?“
Der Vater
„Siegfried, mein Kind, deklamier ämal das scheene Gedicht, was anfangt mit: Wie? Wos? Wo?“
„Vater, meinst du: ~Vivos voco, fulgura frango~ ...?“
„Ja, mein Kind.“
Die Königin
Einmal gabs in Wien ein ‚Rosenfest unter dem Protektorat Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Durchlauchtigsten Erzherzogin X...‘ (der Name ist mir entfallen). Man wählte eine Rosenkönigin und umgab sie mit einem Hofstaat von vierundzwanzig jungen Damen der Gesellschaft.
Bald aber stellte sich heraus, daß die Rosenkönigin von Wien niemand anders war als die bekannte angestrichene Anna von der Kärntnerstraße.
Wieder ein Beweis, wie sehr die Professionals den Amateuren überlegen sind.
Erpressung
„Frau Rummel, um Himmels willen, Sie kriegen a Kind? An ehrsame Wittib -- in Ihrem Alter?“
„Von meinem Zimmerherrn, dem Gauner. Wann i net mag, sagt er, ziegt er aus.“
Versorgung
„Sie in Ihren Greisenjahren reisen noch ins Bad?“
„Ich bin ja hier als ältester treuer Kurgast engagiert.“
Fremdenverkehr
Ich fuhr mit Mr. Smith nach dem Hofbräuhaus.
Mr. Smith ließ sichs nicht nehmen, die Droschke zu bezahlen.
„Uiviel?“ fragte er.
Der Kutscher sagte:
„92 M. 50.“
„Aber der Taxameter beueist 71 M. 80.“
Gut, 71 M. 80.
Eh er wegfuhr, fragte mich der Kutscher:
„Jetz wieso kann der Engländer dö deutschen Ziffern lesen?“
Literatur
„Hüten Sie sich vor geistiger Arbeit.“
„Oh, da feit si nix, Herr Dokter -- i bin Dialektlyriker.“
Die Presse
Redaktionssitzung der ‚Wiener Tagespost‘. Sie galt einem wichtigen Tagesereignis, dem Hirtenbrief des Kardinals.
Der Herr Chef befahl dem Volontär:
„Isidor, rufen Sie erein den Portier! Denn warum? Mir kennen uns in Kirchenangelegenheiten doch nix aus.“
Balkan
Mein Freund Kromar und ich durchquerten einmal Montenegro.
Da kamen wir zu einem Wojwoden und blieben bei ihm.
Wir fühlten uns wohl. Schnaps, Brot, sogar Fleisch -- nichts fehlte zu unserm Glück.
Nur störte mich, daß der Wojwode meinen Freund auffallend bevorzugte. Er redete ihn ehrfurchtsvoll an, mich aber duzte er.
Warum?
„Ja,“ sagte der Wojwode, „dein Freund Kromar ist ein vornehmer Herr, er kann nur deutsch. Du aber? Dich verstehe ich. Und ich weiß, was ich von Leuten zu halten habe, die meine Sprache reden.“
Der Lebemann
„Herr Silberstein, warum heiraten Sie nicht -- ein so strammer, junger, reicher Mann?“
„Stramm, jung und reich -- das sind doch drei Gründe, ledig zu bleiben.“
Das Rassemerkmal
„Sie sind Schwedin, Gnädigste? Wann waren Sie mit Strindberg verheiratet?“
Die Gnädige
Herr Willibald Dräsicke, Fabrikant aus Hannover, kam in sein Berliner Stammhotel und sprach:
„’n Zimmer!“
„Ein oder zwei Betten, Herr Dräsicke?“
„Zwei. Meine Frau kommt mit dem Nachtzug aus Hannover nach.“
„Können wir der Gnädigen vielleicht nach ihrer Ankunft gleich das Zimmer anweisen? Wie sieht die Gnädige aus? Blond? Schwarz? Klein? Groß?“
„Donnerwetter,“ sagte Dräsicke, „das kann ich doch jetzt noch nich wissen.“
Sport
„Polo spielen muß net a jeder Gebildete; aber Reschpekt vor an Polospieler muß a jeder Gebildete haben.“
Anthropologie
„Herr Professor haben den Winter in Borneo verbracht?“
„Ja -- wir haben Grabungen veranstaltet, um das Zwischenglied zu finden zwischen Menschen und Affen.“
„+Unter+ der Erde?“
Regierungskunst
Der Bezirkshauptmann von Lopatow in Ostgalizien erhielt von der Statthalterei den Auftrag: ‚die ruthenische Propaganda im Bezirk zu unterbinden, insbesondere auch dahingehende Volksversammlungen nach Tunlichkeit zu verhindern‘.
Er erschien ein paar Tage darauf persönlich auf der Statthalterei.
„Nun, Herr Bezirkshauptmann?“
„Exzellenz, alljes georjdnet. Versammljungen schonj verbottjen.“
„Aus gesetzlichen Gründen?“
„Weggen Scharlach, Exzellenz.“
Der Statthalter atmete auf.
„Richtig, wir haben ja, Gott sei Dank, Scharlach. Für diesmal ists also gegangen. Was werden wir aber nächstens tun, Herr Bezirkshauptmann?“
Da warf sich der Bezirkshauptmann in die Brust.
„Exzellenz,“ rief er, „so weitj verdinne ichj Ihren Vertrauen, daß so lang ichj die Erre chabbe, zu sein Bezirkschauptmann von Lopatow, wirr werrden immer chabben den nötigen Scharlach.“
Zensur
Man hatte mir in Wien ein Stück verboten.
Ich ging aufs Polizeipräsidium und sagte:
„Ich werde natürlich Einspruch gegen das Verbot erheben.“
Der Herr Polizeipräsident lächelte. Und fragte mich:
„Wie wollen Sie denn das machen?“
„Nun,“ sagte ich, „ich werde die Gründe des Verbots widerlegen.“
„Wissen Sie denn die Gründe?“
„Sie stehen doch in der amtlichen Entscheidung.“
Da lachte der Herr Polizeipräsident aber, daß er fast geborsten wäre.
„Mensch,“ rief er, „die amtliche Entscheidung enthält doch nur Ausreden. Die Gründe behalten wir immer für uns.“
Der Rittmeister
„Kerl, Sie sind doch nicht der Schwadronskoch, daß Sie dreckig wie eine Sau herumlaufen dürfen.“
1913
„In Berlin ham wa vier Genies: Scherl, Aschinger un Sudermann.“
Psychiatrie
Unlängst erhielt ich die Erlaubnis, die Landesirrenanstalt zu besichtigen. Ich durfte durch alle Säle gehen und mit allen Kranken sprechen.
Im siebenten Saal begegnete mir ein Mann in langem, grauem Kittel, mit entsetzlich stierem Blick.
„Sie Armer,“ fragte ich ihn erschüttert, „wie lang sind Sie denn schon hier?“
Er lächelte und sagte:
„Verzeihen Sie, ich bin der Anstaltsarzt.“
Ich war bodenlos verlegen und erschöpfte mich in Entschuldigungen.
„Oh, bitte, bitte,“ sagte der Vorstand, „eine solche Verwechslung kann einem Fremden bei uns schon passieren. Die Ärzte in den Irrenanstalten unterscheiden sich ja von den Patienten nur durch die Vorbildung.“
Diplomatie
Die Frau Legationsrätin erzählte mir:
„Der französische Botschafter hat uns zweimal nacheinander zum Frühstück geladen. Wir müssen uns revanchieren.“
„Sie geben nun auch ein Frühstück, Gräfin?“
„Es macht zu viel Umstände. Wir werden Konzessionen in Persien machen.“
Die Flucht
Drei Insassinnen der Troppauer Irrenanstalt hatten beschlossen, auszurücken. Sie schnürten ihre Bündelchen, legten sie gegen Abend an die Gartenmauer -- und wenns dunkel wird, gehts los.
Eh es aber losging, flüsterte die gute alte Heubauerin:
„Warts noch ein bißl!“
Lief hinauf in die Direktion und sagte:
„Entschuldigen schon, Herr Primararzt -- ich küss die Hand. Un ich dank auch scheen für alles Gute, was Sie mir erwiesen haben. Nämlich: mir fliehen jetzt.“
Orientierung
„Herr Leutnant,“ rief der General, „Herr Leutnant, wo haben Sie Ihren Kompaß?“
Ich erbleichte. Ich hatte keinen.
„Herr General, ich dachte ... bei dem klaren Wetter ... die Sonne stets sichtbar ...“
„So,“ höhnte der Herr General, „die Sonne! Mensch, an der Sonne können Sie höchstens erkennen, wo Süden ist -- aber niemals, wo Norden ist.“
Der Seßhafte
Das Personal des Hoftheaters war zu einer intimen Festvorstellung ins herzogliche Schloß befohlen. Nach der Vorstellung: Tee und Cercle Ihrer Hoheit, der Herzogin.
„Ah, mein lieber Knipping!“ rief die Herzogin, „Wir freuen Uns, Sie wiederzusehen, Unsern beliebten Heldendarsteller. Irren wir Uns? Wollte man Sie Uns nicht im letzten Winter nach Berlin entführen?“
Da sagte Knipping:
„Hoheit, wo mir die Gnade der höchsten Herrschaften gewiß ist, bleibe ich lieber da -- auf dem Lokus, wo ich schon seit zwanzig Jahren sitze.“
Unterricht
Kadettenschule in Prag. Eines Tages kam Herr Oberst Nastupil, um dem Unterricht in der tschechischen Sprache beizuwohnen.
„Zögling Heinzl, schreiben S’ auf: ‚Pferd hat sich gut in ärarische Stall, wird sich gepflegt von die Kopf bis Füß.‘ -- Haben S’ geschrieben? -- So übersetzen S’!“
„Ins Deutsche oder ins Tschechische, Herr Oberst?“
Der Husar
Rittmeister v. Pakosdy -- zum Tee bei Mänzels.
Frau Mänzel zwitschert wieder einmal aufs lieblichste -- ein Dutzend Geschichten, die sie alle heute früh erlebt hat.
„Ich gehe die Kärntnerstraße entlang -- plötzlich rutsche ich aus und sitze da auf meinen vier Buchstaben ...“
Pakosdy voller Interesse, aber ganz und gar verständnislos:
„Sitzen auf Ihre vier Buchstaben, Gnädigste? Wie is dos gemeint, ich bitte?“
Man erklärt es ihm pantomimisch.
„Ach so!“ ruft Pakosky.
Und nach einer Pause des Nachdenkens:
„Entschuldigen -- das sein aber fünf Buchstaben.“
Die Eidgenossen
Ein Gespräch auf der Schweizerischen Bundesbahn, in der Nähe von Basel.
„Wenn ma halt e Zit lang im Usland gsi isch, gwöhnt me sich daheime so schwer wieder i.“
„Sin Sie lang im Usland gsi?“
„Jo -- drei Wuche im Appezäll.“
Revanche
Als Edelsheim Korpskommandant in Pest war, traf er einmal auf der Promenade einen Leutnant mit Rasselgeräuschen.
„Sie,“ sagte Seine Exzellenz, „Sie habe sich Ihren Sporn abgetrete -- richte Sie sich ihm emol!“
Worauf der Leutnant in einen Hausflur trat und auf alle Art versuchte, den Sporn einzurenken.
Doch es ging nicht.
Ach was -- der Korpskommandant ist sicher schon weit weg -- los auf die Promenade!
Der erste Mensch, dem er begegnete, war der Korpskommandant.
„Herr Leutnant,“ sagte Seine Exzellenz, „Ihr Sporn ischt noch immer abgetrete. Sie müsse sich Zeit nehme. Bleibe Sie emol drei Tag zu Haus un richte Sie ihm ordentlich!“
Der Leutnant meldete den Vorfall pflichtgemäß dem Regiment und trat seinen Zimmerarrest an.
Als er ihn verbüßt hatte, ging er auf die Promenade.
Und wer kam ihm entgegen?
Seine Exzellenz, der General der Kavallerie Freiherr v. Edelsheim.
Und was schleifte Seiner Exzellenz nach?
Die Hosenstrupfe.
„Exzellenz, ich erlaube mir, gehorsamst aufmerksam zu machen ...“
„Ah, da schau her! Mei Strupfe ischt abgetrete? Und grad Sie habe es gemerkt? Mein Spornleutnat? Ich danke Ihnen.“
Nächste Begegnung.
„Exzellenz, ich erlaube mir, gehorsamst aufmerksam zu machen ...“
„Was? Mei Strupfe wieder abgetrete? Da verdien ich ja ... Wieviel Arrest habe Sie damals für Ihren Sporn kriegt, Herr Leutnant?“
„Drei Tage, Exzellenz.“
„Drei? Na, da verdien ich wenigschtens acht. Aber ich als Korpskommandant hab ja nit Zeit. ... Wissen Sie was, Herr Leutnant? Sitze Sie emol die acht Tag für mich ab!“
Das zweite Gesicht
Ich besuchte einst in Pest den Major Ischbary von Forgatschhusaren. Er las eben in einem Buch.
„Störe ich Sie am Ende, Herr Major? Studieren Sie Taktik?“
„Oberr liieberr Fraind! Ich?? Taktik studieren?? Wo sich die Taktik doch in unserm nächsten Krieg als grundverfehlt erweisen wird?“
Wahl
Ich saß mit Nuttinger im Volkskeller.
Die Damenkapelle spielte.
Wir brüteten.
„Freunderl,“ sagte Nutti
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