Altneuland
Theodor Herzl
Roman Von Theodor Herzl
Wenn Ihr wollt, Ist es kein Märchen
Siebente Auflage
BERLIN UND LEIPZIG HERMANN SEEMANN NACHFOLGER, VERLAGSGESELLSCHAFT M. B. H. BERLINER ADRESSE: BERLIN NW 87, WULLENWEBERSTRAßE 8
Dem Andenken
meines Vaters Jacob Herzl geb. 14. April 1835, gest. 9. Juni 1902
und
meiner Schwester Pauline Herzl geb. 10. März 1859, gest. 7 Februar 1878
gewidmet
1. Buch.
Ein Gebildeter Und Verzweifelter Junger Mann.
1. Kapitel.
Dr. Friedrich Löwenberg saß in tiefer Melancholie an dem runden Marmortische seines Kaffeehauses. Es war eines der alten gemütlichen Wiener Cafés auf dem Alsergrunde. Er kam seit Jahren dahin, schon als Student. Mit der Regelmäßigkeit eines Bureaukraten pflegte er um die fünfte Nachmittagsstunde einzutreten. Der blasse, kranke Kellner begrüßte ihn ergebenst. Löwenberg machte eine höfliche Verbeugung vor der ebenfalls blassen Kassiererin, mit der er nie sprach. Dann setzte er sich an den runden Lesetisch, trank seinen Kaffee, las alle Zeitungen durch, die ihm der Kellner beflissen brachte. Und wenn er mit den Tages- und Wochenzeitungen, Witzblättern und Fachjournalen fertig war, was nie weniger als anderthalb Stunden in Anspruch nahm, kamen die Gespräche mit Freunden oder die einsamen Träume.
Das heißt: ehemals waren es Plaudereien gewesen, jetzt waren es nur noch Träumereien, denn die zwei guten Gesellen, die jahrelang mit ihm diese eigentümlich leeren und charmanten Abendstunden im Café Birkenreis verbracht hatten, sie waren beide in den letzten Monaten verstorben. Beide waren älter gewesen, als er, und es war, wie der eine, Heinrich, in seinem Abschiedsbrief an Löwenberg schrieb, bevor er sich eine Revolverkugel in die Schläfe schoß: „es war sozusagen chronologisch begreiflich, daß sie früher verzweifelten, als er.“ Der andere, Oswald, war nach Brasilien gezogen, um für eine Ansiedelung jüdischer Proletarier thätig zu sein, und dort war er unlängst dem gelben Fieber erlegen.
So kam es, daß Friedrich Löwenberg seit einigen Monaten einsam an dem alten Tische saß und, wenn er sich durch den Zeitungshaufen durchgeschlagen hatte, vor sich hinträumte, ohne eine Ansprache zu suchen. Er war zu müde, neue Bekanntschaften zu schließen, als wäre er nicht dreiundzwanzig Jahre alt, sondern ein Greis gewesen, der schon zu oft hatte von lieben Leuten Abschied nehmen müssen. Da saß er und starrte in den leichten Dunst hinein, der die ferneren Winkel des Saales verschleierte. Um den Billardtisch standen mit langen Stöcken und kühnen Stoßgeberden einige junge Leute. Die waren nicht unvergnügt, obwohl sie sich in ähnlicher Lage befanden, wie er: es waren angehende Aerzte, neugebackene Doktoren der Rechte, absolvierte Techniker. Die höheren Studien hatten sie vollendet, und zu thun gab es nichts. Die meisten waren Juden und pflegten zu klagen, wenn sie nicht gerade Billard oder Karten spielten, wie schwer es „in dieser Zeit“ sei, das Fortkommen zu finden. Einstweilen vertrieben sie sich „diese Zeit“ mit endlosen Spielpartien. Löwenberg bedauerte und beneidete zugleich diese Gedankenlosen. Sie waren eigentlich nur bessere Proletarierer, Opfer einer Anschauungsweise, die vor zwanzig oder dreißig Jahren in den mittleren Schichten der Judenschaft geherrscht hatte. Die Söhne sollten etwas anderes werden, als die Väter gewesen. Los vom Handel, von den Geschäften. Da hatte ein Massenauszug des Nachwuchses nach den „gebildeten“ Berufen stattgefunden. Das Ende war ein jammervoller Ueberfluß an studierten Leuten, die keine Beschäftigung fanden, zu bescheidener Lebensführung nicht mehr taugten, in Aemtern nicht unterschlüpfen konnten, wie ihre christlichen Kollegen, und sozusagen auf dem Markte lagen. Dabei hatten sie Standespflichten, ein kümmerlich hochmütiges Standesbewußtsein und recht mittellose Titel. Die einiges Vermögen besaßen, konnten es langsam aufzehren, oder sie lebten aus der väterlichen Tasche weiter. Andere lauerten auf die „gute Partie“, mit der hübschen Aussicht, Eheknecht im Solde eines Schwiegervaters zu werden. Die dritten unternahmen eine rücksichtslose und nicht immer reinliche Konkurrenz in Berufen, welche eine vornehmere Lebenshaltung erforderten. So daß man das wunderliche und traurige Schauspiel hatte, sie, die nicht einfache Kaufleute sein wollten, als „Akademiker“ Geschäfte machen zu sehen: Geschäfte mit geheimen Krankheiten oder unerlaubten Prozessen. Manche wurden aus Not Journalisten und handelten mit öffentlicher Meinung. Noch andere tummelten sich in Volksversammlungen herum, hausierten mit wertlosen Schlagworten, um bekannt zu werden und parteiliche Beziehungen zu ergattern, die später Nutzen bringen mochten.
Keinen dieser Wege wollte Löwenberg gehen. „Du taugst nicht fürs Leben,“ hatte der arme Oswald ihm vor der Abreise nach Brasilien in grimmiger Laune gesagt; „denn du ekelst dich vor zu vielen Dingen. Man muß was hinunterschlucken können, zum Beispiel Ungeziefer, Unrat. Davon wird man dick und kräftig, und man bringt es zu etwas. Aber du, du bist nichts als ein feiner Esel. Geh’ in ein Kloster, Ophelia! ... Daß du ein anständiger Mensch bist, wird dir niemand glauben, weil du ein Jud’ bist ... also was? Du wirst mit den paar Groschen Erbteil früher als mit deiner Rechtspraxis fertig werden. Dann wirst du doch etwas anfangen müssen, wovor du dich ekelst — oder dich aufhängen. Ich bitte dich, kauf’ dir einen Strick, solange du noch einen Gulden hast. Auf mich kannst du nicht rechnen. Erstens werde ich nicht hier sein, zweitens bin ich dein Freund.“
Oswald hatte ihn bereden wollen, mit nach Brasilien zu gehen. Friedrich Löwenberg aber konnte sich dazu nicht entschließen. Den heimlichsten Grund seiner Weigerung nannte er freilich dem Freunde nicht, der damals hinauszog, um auf fremder Erde früh den Tod zu finden. Es war ein blonder, schwärmerischer Grund, ein äußerst süßes Geschöpf. Nicht einmal den beiden vertrauten Freunden wagte er von Ernestinen zu sprechen. Er fürchtete die Scherze über sein zartestes Gefühl. Und nun waren die beiden Guten nicht mehr da. Er konnte sie nicht mehr, auch wenn er wollte, um ihren Rat und ihre Teilnahme bitten. Denn es war eine schwere, schwere Sache. Er wollte sich vorstellen, was wohl die beiden dazu gesagt hätten, wenn sie nicht von ihm gegangen wären, sondern noch dasäßen auf ihren alten Plätzen an dem runden Lesetische. Er schloß die Augen ein wenig und träumte das Gespräch.
„Meine Freunde, ich bin verliebt — nein, ich liebe ...“
„Armer Kerl!“ würde Heinrich sagen.
Oswald aber: „Eine solche Dummheit sieht dir ganz ähnlich, lieber Friedrich.“
„Es ist mehr als eine Dummheit, meine lieben Freunde, es ist schon ausgewachsener Wahnsinn. Denn Herr Löffler, ihr Vater, wird mich wahrscheinlich auslachen, wenn ich ihn um die Hand Ernestinens bitte. Ich bin nichts als ein Advokaturskandidat mit vierzig Gulden Monatsgehalt. Ich habe nichts, gar nichts mehr. Die letzten Monate waren mein Ruin. Die wenigen hundert Gulden, die noch von meinem Erbe übrig waren, sind aufgezehrt. Ich weiß ja, daß es Unsinn war, mich so von allem zu entblößen. Aber ich wollte in ihrer Nähe sein, ihre Anmut sehen, ihre holde Stimme hören. Da mußte ich im Sommer den Kurort besuchen, wo sie war, und nun Theater, Konzerte. Ich mußte mich auch gut kleiden, um in ihre Gesellschaften zu kommen. Und jetzt habe ich nichts mehr und liebe sie noch immer so, nein, mehr als je.“
„Und was willst du thun?“ würde Heinrich fragen.
„Ich will ihr sagen, daß ich sie liebe, und will sie bitten, ein paar Jahre auf mich zu warten, bis ich mir eine Existenz geschaffen habe.“
Da hörte er im Traume Oswalds höhnisches Lachen: „Jawohl, warten! so unvernünftig ist Ernestine Löffler nicht, daß sie auf einen Hungerleider warten wird, bis sie verblüht ist. Hahaha!“
Aber das Lachen erscholl wirklich neben Friedrich Löwenberg, und er öffnete bestürzt die Augen. Herr Schiffmann, ein junger Bankbeamter, den Friedrich im Löfflerschen Hause kennen gelernt hatte, stand vor ihm und lachte herzlich:
„Scheinen gestern spät ins Bett gegangen zu sein, Herr Doktor, daß Sie jetzt schon schläfrig sind.“
„Ich habe nicht geschlafen,“ sagte Friedrich verlegen.
„Na, heute wird es auch lange dauern. Sie gehen doch zu Löfflers?“ Herr Schiffmann setzte sich ungezwungen an den Lesetisch.
Friedrich konnte den Burschen nicht sonderlich leiden. Dennoch ließ er sich seine Gesellschaft gefallen, weil er mit ihm von Ernestinen reden durfte und öfters durch ihn erfuhr, in welches Theater Ernestine gehen werde. Herr Schiffmann hatte nämlich feine Beziehungen zu Theaterkassierern und verschaffte Sperrsitze selbst zu den unzugänglichsten Vorstellungen.
Friedrich sagte: „Ja, ich bin heute auch zu Löfflers eingeladen.“
Herr Schiffmann hatte eine Zeitung in die Hand genommen und rief aus: „Das ist doch sonderbar!“
„Was denn?“
„Diese Annonce!“
„Ah, Sie lesen auch die Annoncen?“ sagte Friedrich ironisch lächelnd.
„Wie heißt: auch?“ erwiderte Schiffmann. „Ich lese hauptsächlich die Annoncen. Die sind das Interessanteste in der Zeitung — vom Börsenbericht abgesehen.“
„So? Ich habe den Börsenbericht noch nie gelesen.“
„Nun ja, Sie! ... Aber ich! Ich brauche nur einen Blick auf den Kurszettel, so sag’ ich Ihnen die ganze europäische Lage ... Dann kommen aber gleich die Annoncen. Sie haben keine Ahnung, was da alles drin steht. Das ist, wie wenn ich auf einen Markt geh’. Da giebt es eine Menge Sachen und Menschen zu verkaufen. Das heißt: zu verkaufen ist ja eigentlich alles in der Welt — nur der Preis ist nicht immer zu erschwingen ... Wenn ich da hereinschau’ in den Inseratenteil, erfahr’ ich immer, was es für Gelegenheiten giebt. Alles soll man wissen, nichts soll man brauchen ... Aber da seh’ ich schon seit ein paar Tagen eine Annonce, die ich nicht versteh’.“
„Ist sie in einer fremden Sprache?“
„Da sehen Sie her, Doktor!“ Schiffmann hielt ihm das Blatt hin und deutete auf eine kleine Anzeige, die so lautete:
„Gesucht wird ein gebildeter und verzweifelter junger Mann, der bereit ist, mit seinem Leben ein letztes Experiment zu machen. Anträge unter N. O. Body an die Expedition.“
„Ja, Sie haben recht,“ sagte Friedrich, „das ist ein merkwürdiges Inserat. Ein gebildeter und verzweifelter junger Mann! Solche sind vielleicht zu finden. Aber der Nachsatz macht die Sache schwerer. Wie verzweifelt muß einer sein, wenn er mit seinem Leben ein letztes Experiment wagen soll.“
„Er scheint ihn auch nicht gefunden zu haben, der Herr Body. Ich seh’ die Annonce immer wieder. Wissen möcht’ ich aber doch, wer dieser Body mit dem sonderbaren Geschmack ist.“
„Das ist niemand.“
„Wie heißt niemand?“
„N. O. Body — nobody. Niemand auf Englisch.“
„Ah, so ... Ans Englische hab’ ich nicht gedacht. Alles soll man wissen, nichts soll man brauchen ... Aber es wird Zeit, wenn wir nicht zu spät zu Löfflers kommen wollen. G’rad’ heute muß man pünktlich sein.“
„Warum gerade heute?“ fragte Löwenberg.
„Bedaure! Kann ich nicht sagen. Bei mir ist Diskretion Ehrensache ... Aber Sie können sich auf eine Ueberraschung gefaßt machen ... Kellner! Zahlen!“
Eine Ueberraschung? Friedrich empfand plötzlich eine unbestimmte Angst.
Als er mit Schiffmann das Kaffeehaus verließ, bemerkte er einen Knaben von etwa zehn Jahren außen in der Thürnische. Der Junge hatte in seinem dünnen Röckchen die Schultern hoch hinaufgezogen, die Arme verschränkt an den Leib geklemmt, und er stampfte mit den Füßen den leicht herangewehten Schnee dieses geschützten Winkels. Das Hüpfen nahm sich beinahe possierlich aus. Aber Friedrich sah, daß das arme Kind in den zerrissenen Schuhen bitterlich fror. Er griff in die Tasche, suchte beim Scheine der nächsten Laterne drei Kupferkreuzer aus dem Kleingelde hervor und gab sie dem Knaben. Dieser nahm sie, sagte leise mit fröstelnder Stimme „Dank!“ und lief schnell davon.
„Was? Sie unterstützen den Straßenbettel?“ sagte Schiffmann indigniert.
„Ich glaube nicht, daß dieser Kleine sich zum Vergnügen im Dezemberschnee herumtreibt ... Mir scheint auch, es war ein Judenjunge.“
„Dann soll er sich an die Kultusgemeinde wenden oder an die israelitische Allianz und nicht am Abend bei Kaffeehäusern herumstehen!“
„Regen Sie sich nicht auf, Herr Schiffmann, Sie haben ihm doch nichts gegeben.“
„Mein lieber Doktor,“ sagte Schiffmann bestimmt, „ich bin Mitglied des Vereins gegen Verarmung und Bettelei. Jahresbeitrag ein Gulden.“
2. Kapitel.
Die Familie Löffler wohnte im zweiten Stock eines großen Zinshauses in der Gonzagagasse. Im Erdgeschosse befand sich die Tuchniederlage der Firma „Moriz Löffler und Komp.“
Als Friedrich und Schiffmann in das Vorzimmer traten, bemerkten sie an der Menge der schon dahängenden Winterröcke und Mäntel, daß die Gesellschaft heute zahlreicher sein mußte, als gewöhnlich.
„Ein ganzes Kleidergeschäft,“ meinte Schiffmann.
Im Salon waren einige Leute, die Friedrich schon kannte. Fremd war ihm aber der kahlköpfige Herr, der neben Ernestinen am Klavier stand und ihr ganz vertraulich zulächelte.
Das junge Mädchen streckte dem Ankömmling liebenswürdig die Hand entgegen:
„Herr Doktor Löwenberg, lassen Sie sich vorstellen! Das ist Herr Leopold Weinberger.“
„Mitchef der Firma Samuel Weinberger und Söhne in Brünn“, ergänzte Papa Löffler nicht ohne Feierlichkeit und Wohlwollen.
Die beiden Herren reichten einander erfreut die Hände, und Friedrich nahm bei dieser Gelegenheit wahr, daß Herr Weinberger, der Mitchef der Brünner Firma, beträchtlich schielte und eine sehr feuchte Handfläche hatte. Das mißfiel Friedrich nicht, weil es den ersten, blitzartigen Gedanken verscheuchte, von dem er bei seinem Eintritte befallen worden war. Ernestine mit einem solchen Menschen — das war einfach unmöglich. Wie sie jetzt dastand, schlank, anmutreich, das holde Haupt lieblich geneigt, entzückte sie seine Augen. Er mußte sich aber ein wenig zurückziehen, denn andere Gäste kamen und wurden begrüßt. Nur Herr Leopold Weinberger aus Brünn behauptete sich einigermaßen zudringlich an Ernestinens Seite.
Friedrich erkundigte sich bei Schiffmann:
„Dieser Herr Weinberger ist wohl ein alter Bekannter des Hauses?“
„Nein,“ sagte Schiffmann, „sie kennen ihn erst seit vierzehn Tagen, aber es ist eine feine Tuchfirma.“
„Was ist fein, Herr Schiffmann? das Tuch oder die Firma?“ fragte Friedrich belustigt und getröstet. Denn ein Mensch, den man erst seit vierzehn Tagen kannte, war doch sicherlich kein Bräutigam.
„Beides,“ erwiderte Schiffmann. „Samuel Weinberger und Söhne kriegen so viel Geld sie wollen für vier Percent. Hochprima ... Ueberhaupt geht es heute hier nobel zu. Sehen Sie: der Magere dort mit den Glotzaugen, das ist Schlesinger, der Prokurist von Baron Goldstein. Er ist ein zuwiderer Mensch, aber sehr beliebt.“
„Warum?“
„Wie heißt, warum? Weil er der Prokurist von Baron Goldstein ist ... Kennen Sie den mit dem grauen Backenbart? Auch nicht? Ja, von wo kommen Sie denn? Das ist der Großspekulant Laschner, einer der bedeutendsten Börsianer. Der spielt Ihnen mit ein paar tausend Effekten wie gar nichts. Jetzt ist er gerade sehr reich. Mir gesagt! Ob er nächstes Jahr noch etwas haben wird, weiß ich nicht. Heute hat seine Gemahlin die größten Brillanten-Boutons ... die anderen sind ihr auch alle darauf neidig.“
Frau Laschner saß in einer Ecke des Salons mit mehreren ebenfalls stark geputzten Damen, und sie sprachen leidenschaftlich von Hüten. Die übrigen Gruppen waren noch in der kühlen Stimmung vor dem Nachtmahl. Auch schienen einige von der bevorstehenden Ueberraschung unterrichtet zu sein, die Schiffmann im Kaffeehaus angedeutet hatte. Sie machten diskrete Mienen und flüsterten miteinander. Friedrich fühlte sich unbehaglich, ohne recht zu wissen warum. In dieser Gesellschaft spielte er nächst Schiffmann die unbedeutendste Rolle. Sonst hatte er das nie bemerkt, weil Ernestine mit ihm zu bleiben pflegte, wenn er kam. Aber heute wandte sie keinen Blick und kein Wort an ihn. Herr Weinberger aus Brünn mußte ein sehr anregender Plauderer sein. Noch etwas empfand Friedrich als Demütigung des Schicksals. Er und Schiffmann waren die Einzigen, die nicht im Frack oder Smoking erschienen waren, sondern im Salonrock. Dadurch waren sie auch äußerlich als die Parias des Abends gekennzeichnet. Am liebsten wäre er weggegangen, aber dazu fand er nicht den Mut.
Der große Salon war schon überfüllt. Man schien aber noch jemanden zu erwarten. Friedrich wandte sich mit einer Frage an seinen Elendgenossen. Schiffmann wußte es auch wirklich, denn er hatte soeben eine Bemerkung der Hausfrau erlauscht.
„Man wartet nur noch auf Grün und Blau.“
„Wer ist das?“ fragte Friedrich.
„Was? Sie kennen Grün und Blau nicht? Die zwei geistreichsten Menschen von Wien? Es giebt doch keine Gesellschaft, keine Hochzeit, keinen Polterabend, oder was immer, ohne Grün und Blau. Manche sagen, Grün ist der Geistreichere; manche sagen, Blau. Grün ist mehr auf Wortspiele eingerichtet, Blau macht sich mehr über die Leute lustig. Blau hat darum auch schon mehr Pätsch’ bekommen, aber das geniert ihn nicht. Er hat das richtige Gesicht dafür. Seine Wangen werden nicht rot, wenn man sie ohrfeigt ... In den besseren jüdischen Kreisen sind die zwei Herren sehr beliebt. Nur kann einer den anderen nicht ausstehen — natürlich, sie sind ja Konkurrenten.“
Eine kleine Bewegung im Salon. Herr Grün war eingetreten, ein langer hagerer Mensch mit rötlichem Bart und auffallend weit vom Kopf abstehenden Ohren, die Herr Blau die „uneingesäumten Ohren“ nannte, weil ihr oberer Rand nicht der Muschel zu gefaltet war, sondern flach auslag.
Ernestinens Mutter ging dem berühmten Witzbold mit einem liebenswürdigen Vorwurf entgegen:
„Warum kommen Sie erst jetzt, Herr Grün?“
„Ich hab’ nicht später kommen können,“ antwortete er humoristisch. Die es hörten, lächelten dankbar. Doch über die Züge des Humoristen flog ein Schatten: Blau war erschienen.
Herr Blau, ein mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren, hatte ein glattrasiertes Gesicht, und auf der stark gebogenen Nase saß ihm ein Kneifer.
„Ich war im Wiedener Theater“, sagte er, „bei der Première. Nach dem ersten Akt bin ich weggegangen.“
Die Mitteilung erregte Interesse. Damen und Herren scharten sich um Blau, der weiter berichtete:
„Der erste Akt ist zum allgemeinen Erstaunen nicht durchgefallen.“
Frau Laschner rief ihrem Gatten herrisch zu: „Moriz, ich will morgen dazu gehen.“
Blau fuhr fort: „Die Freunde der Librettisten haben sich ausgezeichnet unterhalten.“
„So gut ist die Operette?“ fragte Schlesinger, der Prokurist des Baron Goldstein.
„Nein — so schlecht!“ erklärte Blau. „Die Freunde der Verfasser unterhalten sich doch nur, wenn das Stück schlecht ist.“
Man ging zu Tische. Der große Speisesaal war noch zu klein für die heutige Gesellschaft. Man saß dicht gedrängt. Ernestine neben Herrn Weinberger. Friedrich und Schiffmann hatten am untersten Ende der Tafel Platz nehmen müssen.
Anfänglich gab es mehr Tellergeklapper und Klirren von Eßzeug, als Gespräche. Herr Blau rief seinem Konkurrenten über den Tisch zu:
„Grün — essen Sie nicht so laut! Man hört seinen eigenen Fisch nicht.“
„Sie sollten keinen Fisch essen, sondern Neidhammelkeule.“
Die Anhänger des Herrn Grün lachten über diesen Witz. Die Anhänger des Herrn Blau fanden ihn matt.
Aber die Aufmerksamkeit der Tafelrunde wurde von den beiden Witzbolden abgelenkt, als ein älterer Herr, der neben Frau Löffler saß, mit etwas lauterer Stimme sagte:
„Bei uns in Mähren wird die Lage auch schlecht. In den kleineren Landstädten sind unsere Leute wirklich in Gefahr. Sind die Deutschen schlecht aufgelegt, schlagen sie den Juden die Fenster ein. Sind die Czechen schief gewickelt, brechen sie bei den Juden ein. Die armen Leute fangen an, auszuwandern. Aber sie wissen nicht, wohin sie sollen.“
„Moriz!“ schrie in diesem Augenblick Frau Laschner, „ich will übermorgen ins Burgtheater.“
„Gieb jetzt Ruh!“ antwortete der Börsenmann. „Doktor Weiß erzählt uns, wie es bei ihnen in Mähren aussieht. Auf Ehre nicht schön.“
Samuel Weinberger, der Vater des Herrn Leopold Weinberger mischte sich ein:
„Herr Doktor, Sie als Rabbiner sehen etwas zu schwarz.“
„Weiß sieht immer schwarz!“ sagte einer der Spaßmacher; aber der Witz fiel ins Leere.
Samuel Weinberger fuhr fort:
„Ich fühl’ mich in meiner Fabrik ganz sicher. Wenn man bei mir Spektakel macht, ruf’ ich die Polizei oder geh’ zum Platz-Kommando. Wenn das Gesindel nur die Bajonette sieht, hat es schon Respekt.“
„Das ist doch aber ein trauriger Zustand,“ meinte Rabbiner Weiß mit Sanftmut.
Der Advokat Doktor Walter, der ursprünglich Veiglstock geheißen hatte, bemerkte: „Ich weiß nicht mehr, wer gesagt hat: Mit Bajonetten kann man alles machen; nur sich darauf setzen kann man nicht.“
„Ich seh’ schon,“ rief Laschner, „wir werden alle wieder den gelben Fleck tragen müssen.“
„Oder auswandern,“ sagte der Rabbiner.
„Ich bitte Sie, wohin?“ fragte Walter. „Ist es vielleicht anderswo besser? Sogar im freien Frankreich haben die Antisemiten die Oberhand.“
Doktor Weiß aber, der arme Rabbiner einer mährischen Kleinstadt, der entschieden nicht wußte, in welchen Kreis er da geraten war, wagte eine schüchterne Einwendung: „Es giebt seit einigen Jahren eine Bewegung, man nennt sie die zionistische. Die will die Judenfrage durch eine großartige Kolonisation lösen. Es sollen alle, die es nicht mehr aushalten können, in unsere alte Heimat, nach Palästina gehen.“
Er hatte ganz ruhig gesprochen und nicht wahrgenommen, wie die Gesichter um ihn her sich allmählich zum Lächeln verzogen, und er war daher ordentlich verdutzt, als das Gelächter beim Worte Palästina plötzlich losbrach. Es war ein Lachen in allen Tonarten. Die Damen kicherten, die Herren brüllten und wieherten. Nur Friedrich Löwenberg fand diesen Heiterkeitsausbruch brutal und ungeziemend gegen den alten Mann.
Blau benützte die erste Pause im allgemeinen Gelächter, um zu erklären: „Wenn es in der neuen Operette einen einzigen solchen Witz gegeben hätte, wär’ uns wohl gewesen.“
Grün schrie: „Ich werde Botschafter in Wien.“
Erneutes Gelächter. Einige riefen dazwischen: „Ich auch, ich auch.“
Da sagte Blau ernst: „Meine Herren, alle können es nicht werden. Ich glaube, die österreichische Regierung wird so viele jüdische Botschafter nicht annehmen. Sie müssen sich um andere Posten umsehen.“
Der alte Rabbiner war aber sehr verlegen und sah nicht mehr von seinem Teller auf, indessen die Humoristen Grün und Blau sich mit einer wahren Lust auf den spaßigen Stoff warfen. Sie teilten das neue Reich ein, schilderten die Zustände. Am Schabbes wird die Börse geschlossen sein. Der König wird den Männern, die sich um das Vaterland oder um die Börse herum Verdienste erworben haben, den Davidsorden oder den Orden vom „fleischigen Schwert“ verleihen. Wer aber soll König sein?
„Jedenfalls Baron Goldstein,“ sagte der Witzbold Blau.
Herr Schlesinger, der Prokurist dieses berühmten Bankiers, bemerkte unwillig: „Ich bitte die Person des Herrn Baron von Goldstein nicht in die Debatte zu ziehen, wenigstens nicht in meiner Gegenwart.“
Fast alle Anwesenden gaben ihm durch Kopfnicken ihre Zustimmung zu erkennen. Der witzige Herr Blau beging wirklich manchmal Taktlosigkeiten. Die Person des Herrn Baron Goldstein in die Debatte zu ziehen, das ging denn doch ein bißchen zu weit. Herr Blau aber fuhr fort:
„Justizminister wird Herr Doktor Walter. Er bekommt den Adelsstand mit dem Prädikate „von Veiglstock“. Walter Edler von Veiglstock.“
Man lachte. Der Advokat errötete über seinen Vatersnamen und rief dem Witzling zu:
„Sie haben schon lang keine fremde Hand in Ihrem Gesicht gespürt.“
Grün, der Wortwitzige, aber Vorsichtigere, flüsterte seiner Nachbarin eine Silbenkombination zu, in der das Wort Ohrfeiglstock vorkam.
Frau Laschner erkundigte sich: „Wird es Theater auch geben in Palästina? Sonst geh’ ich nicht hin.“
„Gewiß, gnädige Frau,“ sagte Grün. „Bei den Festvorstellungen im Hoftheater von Jerusalem wird die ganze Israelite versammelt sein.“
Der Rabbiner Weiß meinte nun schüchtern: „Ueber wen machen Sie sich lustig, meine Herren? Ueber sich selbst?“
„Nein, ernst werden wir uns nehmen!“ sagte Blau.
„Ich bin stolz, daß ich ein Jud’ bin,“ erklärte Laschner; „denn wenn ich nicht wär’ stolz, wär’ ich doch auch ein Jud’. Also, bin ich lieber gleich stolz.“
In diesem Augenblick gingen die beiden Stubenmädchen hinaus, um eine andere Schüssel zu holen. Die Hausfrau bemerkte:
„Wenn die Dienstboten dabei sind, sollte man lieber nicht über jüdische Sachen reden.“
Blau erwiderte sofort: „Entschuldigen gnädige Frau, ich hab’ nicht gewußt, daß Ihre Dienstboten nicht wissen, daß Sie Juden sind.“
Einige lachten.
„Nun ja,“ sagte Schlesinger mit Autorität; „aber man muß es doch nicht an die große Glocke hängen.“
Champagner wurde hereingebracht. Schiffmann stieß seinen Nachbar Friedrich Löwenberg mit dem Ellbogen:
„Jetzt wird’s losgehen!“
„Was wird losgehen?“ fragte Friedrich.
„Haben Sie’s denn noch immer nicht heraus?“
Nein, Friedrich hatte es noch immer nicht erraten. Aber im nächsten Augenblicke wurde ihm die Gewißheit.
Herr Löffler klopfte mit dem Messer an sein Glas und erhob sich. Stille trat ein. Die Damen lehnten sich zurück. Der Humorist Blau schob noch schnell einen Bissen in den Mund, er kaute, während Papa Löffler sprach:
„Meine hochverehrten Freunde! Ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen eine freudige Mitteilung zu machen. Meine Tochter Ernestine hat sich mit Herrn Leopold Weinberger aus Brünn, Mitchef der Firma Samuel Weinberger und Söhne, verlobt. Das Brautpaar soll leben. Hoch!“
Hoch! Hoch! Hoch! Alle hatten sich erhoben. Die Gläser klangen. Dann ging man um den Tisch herum, zu den Eltern, zum Brautpaare, Glück wünschend. Auch Friedrich Löwenberg machte diesen Weg mit, obwohl er eine Wolke vor den Augen hatte. Eine Sekunde lang war er vor Ernestine gestanden und hatte mit zitternder Hand sein Glas dem ihrigen genähert. Sie sah flüchtig über ihn hinweg.
Dann war die Stimmung an der Tafel fröhlich geworden. Ein Trinkspruch folgte dem andern. Schlesinger hielt eine würdevolle Rede. Grün und Blau zeigten sich auf der Höhe ihrer humoristischen Aufgabe. Grün verrenkte in seinem Toast noch mehr Silben als gewöhnlich, und Blau machte allerlei taktlose Anspielungen. Die Gesellschaft geriet in die beste Laune.
Friedrich hörte das alles nur undeutlich, wie aus der Ferne, und es war ihm zu Mute, als befände er sich in einem dichten Nebel, in dem man nichts sieht und schwer Atem holen kann.
Das Mahl ging zu Ende. Friedrich hatte den einzigen Gedanken, fortzukommen, weit weg von all diesen Leuten. Er kam sich überflüssig vor in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in der Welt überhaupt. Aber als er sich in dem kleinen Gedränge nach der Tafel unauffällig hinausdrücken wollte, kam ihm Ernestine in den Weg. Lieblich war ihre Stimme, als sie ihn anhielt:
„Sie haben mir noch nichts gesagt, Herr Doktor!“
„Was soll ich Ihnen sagen, Fräulein Ernestine? ... Ich wünsche Ihnen Glück. Ja, ja — ich wünsche Ihnen viel Glück zu dieser Verlobung.“
Aber da war schon der Bräutigam wieder neben ihr, legte den Arm mit der Sicherheit des Besitzers um ihre Taille und zog sie fort. Sie lächelte.
3. Kapitel.
Als Friedrich Löwenberg in die Winternachtluft hinaustrat, legte er sich die Frage vor, was das Widerlichere gewesen sei: die Besitzergeberde des Herrn Weinberger aus Brünn, oder das Lächeln des jungen Mädchens, das er bisher so bezaubernd gefunden hatte. Wie? Seit vierzehn Tagen erst kannte der „Mitchef“ die Holde, und er durfte seine schwitzende Hand auf ihren Leib legen. Welch ein ekelhafter Handel. Es war der Zusammenbruch einer feinen Illusion. Der Mitchef hatte offenbar Geld, und Friedrich hatte keines. In diesem Kreise, wo man nur für Vergnügen und Vorteil Sinn hatte, war Geld alles. Und doch war er auf diesen Kreis der jüdischen Bourgeoisie angewiesen. Mit diesen Leuten und leider auch von diesen Leuten mußte er leben, denn sie stellten die Klientel einer zukünftigen Advokatenpraxis vor. Wenn es hoch kam, wurde man Rechtsbeistand eines Mannes wie Laschner — von dem phantastischen Glücksfalle, daß man einen Kunden wie Baron Goldstein bekam, gar nicht zu träumen. Die christliche Gesellschaft und eine christliche Klientel gehörten zum Unzugänglichsten in der Welt. Also was? Entweder sich dem Löfflerschen Kreise einfügen, dessen niederes Lebensideal teilen, die Interessen zweifelhafter Geldmenschen vertreten und zum Lohne für solche brave Aufführung nach so und so viel Jahren auch eine Kanzlei besitzen, mit dem Anspruch auf die Hand und Mitgift eines Mädchens, das nach vierzehntägiger Bekanntschaft den erstbesten heiratet. Oder, wenn einem das alles zu ekelhaft war, die Einsamkeit und Armut.
Er war in solchen Gedanken wieder vor dem Café Birkenreis angelangt. Was sollte er auch jetzt schon zu Hause in seinem engen Stübchen anfangen? Es war zehn Uhr. Schlafen gehen? Ja, wenn es kein Erwachen mehr gäbe ...
Vor der Thüre des Kaffeehauses wäre er beinahe über einen kleinen Körper gestolpert. Auf der Stufe des Einganges hockte ein Knabe. Friedrich erkannte ihn: es war derselbe Junge, den er vor wenigen Stunden beschenkt hatte.
Barsch ließ er ihn an: „Was? Du bettelst da schon wieder?“
Der Knabe erwiderte mit fröstelnder Stimme: „Ich wart’ auf mein’ Taten.“ Dann stand er auf und hüpfte wieder und schlug die Arme übereinander, um sich zu erwärmen. Friedrich war so unglücklich, daß er für das frierende Kind kein Mitleid empfand.
Er trat in den qualmigen Raum ein und setzte sich auf seinen gewohnten Platz am Lesetisch. Um diese Stunde war das Kaffeehaus schwach besucht. Nur in den Winkeln einige verspätete Spieler, die sich voneinander nicht trennen konnten und immer wieder die letzten Runden ankündigten, an die sich die allerletzten und unwiderruflich letzten sowie die „Schuft mein Name“ letzten anschlossen.
Eine Weile saß Friedrich und starrte vor sich hin, dann kam ein schwatzhafter Bekannter an den Tisch heran. Friedrich flüchtete sich hinter eine Zeitung und that als ob er läse. Aber wie er in das Blatt hineinsah, fiel sein Blick zufällig wieder auf die Anzeige, von der Schiffmann vor einigen Stunden gesprochen hatte:
„Gesucht wird ein gebildeter und verzweifelter junger Mann, der bereit ist, mit seinem Leben ein letztes Experiment zu machen. Anträge unter N. O. Body an die Expedition.“
Wie sonderbar. Jetzt paßte die Anrufung auf ihn. Ein letztes Experiment! Das Leben war ihm ohnehin verleidet. Bevor er es wegwarf wie sein armer Freund Heinrich, konnte er immerhin noch etwas damit unternehmen. Er ließ sich vom Kellner einen Kartenbrief geben und schrieb an N. O. Body diese wenigen Worte:
„Ich bin Ihr Mann. Doktor Friedrich Löwenberg IX. Hahngasse 67.“
Während er den Brief zuklebte, kam von hinten jemand an ihn heran:
„Zahnbürsteln, Hosenträger, Hemdknöpf’ gefällig?“
Friedrich scheuchte den zudringlichen Hausierer mit einem barschen Worte weg. Der zog sich seufzend zurück, mit einem ängstlichen Blick nach dem Kellner, der ihn vielleicht hinausweisen würde. Da bereute Friedrich, daß er den armen Menschen eingeschüchtert hatte, rief ihn zurück und warf ihm ein Zwanzighellerstück in das Hausiererkästchen. Der Mann hielt ihm seinen Trödel hin:
„Ich bin kein Bettler ... Sie müssen etwas kaufen, sonst kann ich das Geld nicht behalten.“
Um ihn loszuwerden, nahm Friedrich einen Hemdknopf aus dem Kästchen. Jetzt erst dankte der Mann und ging weg. Friedrich sah ihm gleichgültig nach, wie er zu dem Kellner trat und diesem das eben erhaltene Geldstück gab. Der Kellner holte aus einem Korb altgebackene Brote hervor und lieferte sie dem Hausierer aus, der sie hastig in seine Rocktaschen stopfte.
Friedrich erhob sich, um wegzugehen. Als er vor der Thüre des Kaffeehauses stand, sah er den frierenden Jungen wieder, diesmal mit dem Hausierer, der ihm die harten Brötchen übergab. Das war also der Vater des Knaben.
„Was macht Ihr da?“ fragte Friedrich.
„Ich geb ihm die Kipfeln, gnädiger Herr,“ sagte der Hausierer; „daß er sie soll zu Haus tragen zu mein’ Weib. Es ist heut’ mei’ erste Losung.“
„Ist das wahr?“ forschte Friedrich.
„So soll es nicht wahr sein, wie es wahr ist,“ sagte der Mann stöhnend. „Ueberall werfen sie mich heraus, wenn ich handeln will. Wenn man ein Jud is, soll man lieber gleich in die Donau gehen.“
Friedrich, der noch kurz vorher mit dem Leben abgeschlossen hatte, sah plötzlich eine Gelegenheit, sich zu bethätigen, jemandem nützlich zu sein. Eine Ablenkung seiner Gedanken. Er steckte den Kartenbrief in einen Postkasten. Dann ging er mit den beiden weiter und ließ sich vom Hausierer erzählen.
„Wir sind von Galizien hergekommen. In Krakau hab’ ich gewohnt in ein’ Zimmer mit noch drei Familien. Wir haben gelebt von der Luft. Hab’ ich mir gedacht, schlechter kann es nit mehr werden, und bin mit mei’ Weib und meine Kinder hergekommen. Hier is es nit schlechter, aber auch nit besser.“
„Wieviel Kinder haben Sie?“
Der Hausierer begann im Gehen zu schluchzen: „Fünfe hab’ ich gehabt, drei sind mir gestorben, seit wir hier sind. Jetzt hab’ ich nur den da und das kleine Mädel, was noch an der Brust is ... David, lauf’ nit so schnell.“
Der Knabe drehte sich um: „Die Mutter war so hungrig, wie ich ihr die drei Kreuzer von dem Herrn da gebracht hab’.“
„So? Sie waren der gute Herr?“ sagte der Hausierer und haschte nach Friedrichs Hand, um sie zu küssen.
Friedrich zog die Hand rasch zurück: „Was fällt Ihnen denn ein? ... Sag’ mein Junge, was hat deine Mutter mit den paar Kreuzern angefangen?“
„Milch hat sie geholt für Mirjam,“ sagte der kleine David.
„Mirjam ist unser anderes Kind,“ bemerkte der Hausierer erklärend.
„Und die Mutter hungerte weiter?“ fragte Friedrich erschüttert.
„Ja, Herr,“ erwiderte David.
Friedrich hatte noch einige Gulden bei sich. Ob er die besaß oder nicht, war ziemlich gleichgültig, da er ohnehin mit dem Leben fertig war. Diesen Leuten konnte er die bitterste Not erleichtern, wenn auch nur für kurze Zeit.
„Wo wohnt Ihr?“ fragte er den Hausierer.
„Auf der Brigittenauer Lände. Wir hab’n a Kabinett — aber es is uns schon gekündigt.“
„Gut, ich will mich überzeugen, ob das alles wahr ist. Ich gehe mit Ihnen nach Hause.“
„Bitte!“ sagte der Hausierer. „Sie wer’n ka Vergnüg’n hab’n, gnädiger Herr. Wir lieg’n am Stroh ... Ich hab’ noch in andere Kaffeehäuser gehen wollen. Aber wenn Sie wünschen, geh’ ich zu Haus.“
Sie gingen über die Augartenbrücke der Brigittenauer Lände zu. David, der jetzt neben seinem Vater einherschlich, fragte mit leiser Stimme:
„Tate, darf ich ein Stückl Brot essen?“
„Eß nur,“ entgegnete der Alte. „Ich werd’ auch ein Stückl essen. Für die Mutter bleibt noch.“
Und nun kauten Vater und Sohn hörbar an dem harten Gebäck, das sie aus ihren Taschen hervorgeholt hatten.
Vor einem hohen, neugebauten Hause an der Lände blieben sie stehen. Das Haus atmete noch den feuchten frischen Baugeruch aus. Der Hausierer zog die Klingel. Alles blieb still. Nach einer Weile zog er wieder den Messingknopf und sagte:
„Der Hausmeister weiß schon, wer da is. Da laßt er sich Zeit. Oft steh’ ich da a Stund! Er ist ein grober Mensch. Manchesmal trau’ ich mich gar nit her, wenn ich ihm keine fünf Kreuzer Sperrgeld geben kann.“
„Was thun Sie dann?“ fragte Friedrich.
„Dann geh’ ich herum bis in der Früh, bis das Hausthor offen is.“
Friedrich ergriff nun selbst den Knopf und riß ein paarmal heftig die Klingel. Jetzt wurde Geräusch hinter dem Thore vernehmbar. Schlurfende Schritte, Klirren von Schlüsseln, und durch die Ritzen drang ein Lichtschein. Das Thor ging auf. Der Hausmeister hielt ihnen die Laterne entgegen und schrie:
„Wer reißt denn so an der Glocken? Was? Die Judenbagasch?“
Der Hausierer entschuldigte sich furchtsam:
„Nit ich war es — der Herr da!“
Der Hausmeister schimpfte: „So a Frechheit! ...“
„Augenblicklich schweigen Sie, Kerl!“ herrschte ihn Friedrich an und warf ihm eine Silbermünze vor die Füße.
Als der Hausmeister den Silberklang auf den Fließen hörte, wurde er kleinlaut und unterwürfig:
„Euer Gnaden hab’ i net g’meint. Dö Juden da!“
„Schweigen Sie!“ wiederholte Friedrich, „und leuchten Sie mir über die Stiege.“
Der Hausmeister hatte sich gebückt und das Geld aufgehoben. Eine ganze Krone. Das mußte ein vornehmer Herr sein.
„Es is im fünften Stock, gnädiger Herr,“ sagte der Hausierer. „Vielleicht borgt uns der Herr Hausbesorger e Stückl Kerzen.“
„Dem Littwak burg’ i nix,“ rief dieser; „aber wenn Euer Gnaden a Kirzen wolln ...“
Er nahm auch gleich das Stümpfchen aus der Laterne und gab es Friedrich. Dann verschwand er brummend. Friedrich stieg mit Littwak und David die fünf Treppen hinan.
Es war gut, daß sie die Kerze mithatten, denn es umgab sie tiefe Nacht. Auch in dem einfenstrigen Stübchen Littwaks brannte kein Licht, obwohl die Frau, die auf einer Streu ihr Lager hatte, wach und aufrecht dasaß. Friedrich sah im Halbdunkel des Kerzenstümpfchens, daß der schmale Raum keinerlei Möbel enthielt. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Schrank. Auf dem Fensterbrett befanden sich einige Fläschchen und zerbrochene Töpfe. Ein Anblick des tiefsten Elends. Die Frau hatte ein kleines, wimmerndes Kind an der schlaffen Brust. Sie starrte ihnen hohläugig und angstvoll entgegen:
„Wer ist das, Chajim?“ stöhnte sie erschreckt.
„E guter Herr,“ beruhigte sie ihr Mann.
David ging zu ihr hin. „Mutter, da is Brot,“ und gab es ihr.
Sie brach es mit Mühe und schob sich langsam einen Bissen in den Mund. Sie war recht schwach und abgemagert, aber das verhärmte Gesicht wies doch noch Spuren einer vergangenen Schönheit auf.
„Da wohnen wir,“ sagte Chajim Littwak mit bitterem Lachen. „Aber ich weiß nicht emal, ob wir übermorgen noch das haben werd’n. Sie hab’n uns scho’ gekündigt.“
Die Frau seufzte laut auf. David hatte sich neben sie hin auf das Stroh gekauert und schmiegte sich an sie.
„Wieviel brauchen Sie, um hier bleiben zu können?“ fragte Friedrich.
„Drei Gulden!“ erklärte Littwak. „E Gulden zwanzig auf Zins und das Uebrige bin ich der Hausfrau schuldig. Wo soll ich bis übermorgen drei Gulden hernehmen? Dann lieg’n wir mit die Kinder auf der Gass’n.“
„Drei Guld’n!“ jammerte die Frau leise und hoffnungslos.
Friedrich griff in die Tasche. Er hatte acht Gulden bei sich. Die gab er dem Hausierer.
„Gerechter Gott! Is es möglich?“ rief Chajim, und es liefen ihm Thränen über die Wangen. „Acht Gulden! Rebekka! David! Gott hat uns geholfen. Gelobt sei sein Namen!“
Frau Rebekka war auch fassungslos. Sie hatte sich auf die Kniee erhoben und schleppte sich zu dem Retter hin. Im rechten Arm hielt sie ihr schlummerndes Wickelkind, mit der Linken haschte sie nach Friedrichs Hand, um sie zu küssen.
Er entzog sich ihrem Danke rasch:
„Macht doch keine solchen Geschichten! Für mich sind die paar Gulden gar nichts — ob ich sie habe oder nicht ... David kann mir hinunterleuchten.“
Die Frau war auf ihr Lager zurückgesunken und schluchzte bitterlich vor Freude. Chajim Littwak begann ein hebräisches Gebet zu murmeln. Friedrich ging, von David begleitet, hinaus und die Treppe hinunter. Als sie im zweiten Stock waren, hielt David, der die Kerze hoch trug, an, und sagte:
„Gott wird aus mir e starken Mann machen. Dann werd’ ich Ihnen zahlen.“
Friedrich war von dem Ton und den Worten des Kleinen überrascht. Es war etwas eigentümlich Festes, Reifes in seiner Art.
„Wie alt bist du?“ fragte er ihn.
„Mir scheint zehn Jahr’,“ antwortete David.
„Was willst du werden?“
„Lernen will ich. Viel lernen!“
Friedrich seufzte unwillkürlich: „Und glaubst du, daß das genügt?“
„Ja!“ sagte David. „Ich hab’ gehört, wenn man gelernt hat, is man stark und frei. Gott wird mir helfen, daß ich lernen kann. Dann werd’ ich mit meine Eltern und Mirjam nach Erez Israel gehn.“
„Nach Palästina?“ fragte Friedrich erstaunt. „Was willst du dort?“
„Das is unser Land. Dort können wir glücklich werden!“
Der arme Judenjunge sah gar nicht lächerlich aus, als er sein Zukunftsprogramm energisch in zwei Worten angab. Friedrich mußte an die läppischen Humoristen Grün und Blau denken, die über den Zionismus ihre schalen Witze rissen. David fügte noch hinzu:
„Und wenn ich etwas hab’, werd’ ich Ihnen zahlen.“
„Ich habe ja das Geld nicht dir gegeben, sondern deinem Vater,“ meinte Friedrich lächelnd.
„Was man mei’ Taten giebt, hat man mir gegeben. Ich werd’ es zahlen — Gutes und Schlechtes.“ David sagte es energisch und ballte seine kleine Faust gegen die Hausmeisterwohnung, vor der sie jetzt angelangt waren.
Friedrich legte seine Hand auf das Haupt des Jungen:
„Möge dir der Gott unserer Väter beistehen!“
Und er wunderte sich selbst über seine Worte, nachdem er sie gesprochen. Seit den Tagen der Kindheit, da er mit seinem Vater zum Tempel gegangen war, hatte Friedrich vom „Gott unserer Väter“ nichts mehr gewußt. Diese merkwürdige Begegnung aber weckte das Alte, Vergessene in ihm auf, und sekundenlang überflog ihn ein Heimweh nach dem starken Glauben der Jugendzeit, in der er mit dem Gotte der Väter noch in Gebeten verkehrte.
Der Hausmeister schlurrte heran. Friedrich sagte ihm:
„Von jetzt ab werden Sie diese armen Leute in Ruhe lassen — sonst haben Sie es mit mir zu thun! Verstanden?“
Da diese Worte von einem neuerlichen Trinkgelde begleitet waren, begnügte sich der Grobe, ein „Küss’ d’ Hand, Euer Gnaden!“ zu murmeln. Friedrich gab dem kleinen David die Hand und trat auf die einsame Lände hinaus.
4. Kapitel.
In dem Briefe, den Friedrich von dem N. O. Body der Zeitungsannonce erhalten hatte, war ein vornehmes Hotel auf der Ringstraße als Ort der Zusammenkunft angegeben. Um die bezeichnete Stunde fand er sich ein und fragte nach Mister Kingscourt. Man wies ihn nach einem Salon des ersten Stockes. Als er eintrat, kam ihm ein hoher, breitschultriger Mann entgegen:
„Sind Sie Doktor Löwenberg?“
„Der bin ich.“
„Nehmen Sie einen Stuhl, Doktor!“
Sie setzten sich. Friedrich betrachtete den Fremden aufmerksam und wartete auf dessen Erklärungen. Mr. Kingscourt war ein Mann in den Fünfzigern, mit ergrauendem Vollbart und dichtem braunen Haupthaar, das von Silberfäden durchzogen war und an den Schläfen schon weiß schimmerte. Er rauchte in langsamen Zügen eine große Zigarre.
„Rauchen Sie, Doktor?“
„Jetzt nicht,“ gab Friedrich zur Antwort.
Mr. Kingscourt hauchte mit Sorgfalt einen Rauchring in die Luft, folgte der Auflösung der wolkigen Linien mit Spannung, und erst nachdem sie ganz verschwebt waren, sagte er, ohne seinen Gast anzusehen:
„Warum sind Sie lebensüberdrüssig?“
„Darüber gebe ich keine Auskunft,“ erwiderte Friedrich ruhig.
Mr. Kingscourt sah ihn jetzt voll an, nickte zustimmend, streifte die Asche seiner Zigarre ab und sprach: „Hol’s der Deibel, Sie haben Recht. Das geht mich ja auch nichts an ... Wenn wir handelseins werden, wird schon die Zeit kommen, wo Sie es mir erzählen. Einstweilen will ich Ihnen sagen, wer ich bin. Mein eigentlicher Name ist Königshoff. Ich bin ein deutscher Edelmann. Ich war in meiner Jugend Offizier, aber der Waffenrock wurde mir zu eng. Ich kann’s nicht leiden, daß ein fremder Wille über mir ist, und wär’s der beste. Das Gehorchen war gut für ein paar Jahre. Aber dann mußt’ ich fort. Ich wär’ sonst explodiert und hätte Schaden angerichtet ... Ich ging nach Amerika, nannte mich Kingscourt, erwarb mir in zwanzig Jahren blutschwitzender Arbeit ein Vermögen — und als ich so weit war, nahm ich ein Weib ... Was sagen Sie, Doktor?“
„Nichts, Mr. Kingscourt!“
„Gut. Sie sind unverheiratet?“
„Jawohl, Mr. Kingscourt ... aber ich dachte, Sie würden mir sagen, worin das letzte Experiment besteht, das Sie mir vorzuschlagen haben.“
„Ich bin schon dabei, Doktor ... Wenn wir beisammen bleiben sollten, werde ich Ihnen ausführlich erzählen, wie ich es anfing, mich hinaufzuarbeiten, bis ich meine Millionen hatte. Denn ich habe Millionen ... Was sagen Sie?“
„Nichts, Mr. Kingscourt.“
„Energie ist alles, Doktor! Darauf kommt’s an. Was man recht stark will, das erreicht man unbedingt totsicher. Ich sah erst drüben in Amerika ein, was wir Europäer für ein faules, willenloses Gesindel sind. Hol’ mich der Dezibel! ... Kurz, ich hatte Erfolg. Aber als ich so weit war, da begann ich meine Einsamkeit zu fühlen. Der Zufall wollte es, daß ein Königshoff Dummheiten gemacht hatte, der bei der Garde stand, ein Sohn meines Bruders. Ich nahm den Burschen zu mir, gerade um die Zeit, da ich auf Freiersfüßen ging. Ja, ich wollte mir einen Hausstand gründen, einen Herd, eine Frau suchen, die ich mit Juwelen behängen konnte wie jeder andere Parvenu. Ich sehnte mich nach Kindern, damit ich doch wisse, warum ich stets so furchtbar geschuftet hatte. Ich meinte es verdammt schlau anzufangen, indem ich ein armes Mädchen zur Frau nahm. Sie war die Tochter eines meiner Angestellten. Hatte ihr und ihrem Vater viel Gutes erwiesen. Natürlich sagte sie ja. Das hielt ich für Liebe, aber sie war nur dankbar oder vielleicht feig. Sie wagte nicht, mich abzuweisen. So richteten wir ein Haus ein, und mein Neffe wohnte bei uns. Sie werden sagen, daß es eine Dummheit war — ein alter Mann zwischen zwei jungen Leuten, die sich finden mußten. Ich habe mich auch in der ersten Zeit nach der Entdeckung einen Esel gescholten. Aber wenn nicht er, wäre es ein anderer gewesen. Kurz, die Beiden haben mich betrogen — ich glaube, vom ersten Augenblick an. Als ich es herausfand, war mein erster Griff nach dem Revolver. Dann sagte ich mir, daß eigentlich nur ich der Schuldige war. Da ließ ich sie laufen. Gemeinheit ist menschlich, und jede Gelegenheit ist eine Kupplerin. Man muß den Menschen ausweichen, wenn man an ihnen nicht zu Grunde gehen will. Sehen Sie, das war mein Zusammenbruch. Da schlich der Gedanke heran, mit einer Kugel der schäbigen Komödie des Lebens ein Ende zu machen. Aber es fiel mir ein, daß man zum Erschießen ja noch immer Zeit hat. Freilich das Anhäufen von Geld war jetzt für mich sinnlos geworden. Zum Erwerben hatte ich keine Lust mehr, vom Traum der Familie hatte ich genug. Blieb noch die Einsamkeit als letztes Experiment. Aber eine große, unerhörte Einsamkeit mußte es sein. Nichts mehr wissen von den Menschen, ihren elenden Kämpfen, Unsauberkeiten, Treulosigkeiten. Die wirkliche, echte, tiefe Einsamkeit ohne Wunsch und Ringen. Die volle wahre Rückkehr zur Natur! Diese Einsamkeit ist das Paradies, das die Menschen durch ihre Schuld verloren haben. Und diese Einsamkeit habe ich gefunden.“
„So? Sie haben sie gefunden?“ sagte Friedrich, der noch nicht erriet, wo der Amerikaner hinauswollte.
„Ja, Doktor, ich habe meine Geschäfte aufgelöst und bin meinen Bekannten wieder einmal entronnen. Niemand weiß, wo ich hingekommen bin. Habe mir eine gute Jacht gebaut und bin auf ihr, wie man sagt, verschollen. Viele Monate bin ich auf den Meeren umhergetrieben. Das ist ein herrliches Leben, müssen Sie wissen. Möchten Sie das nicht kennen lernen — oder kennen Sie es schon?“
„Ich kenne es nicht,“ entgegnete Friedrich; „aber ich möchte wohl!“
„Gut, Doktor! ... Das Leben auf der Jacht ist schon die Freiheit, aber noch nicht die Einsamkeit. Man muß doch Schiffsleute um sich haben, man muß ab und zu in einen Hafen, um Kohlen einzunehmen. Man kommt wieder mit Menschen in Berührung, und das ist schmutzig. Aber ich kenne eine Insel in der Südsee, wo man ganz allein ist. Da will ich leben. Es ist ein kleines Felsennestchen im Cooks-Archipel. Die habe ich mir gekauft und mir dort von Leuten aus Rarotonga ein komfortables Haus erbauen lassen. Das Gebäude liegt so versteckt hinter den Felsen, daß man es von keiner Seite bemerkt, wenn man auf dem Meere vorbei fährt. Es sind übrigens auch die Schiffe dort selten. Meine Insel sieht nach wie vor unbewohnt aus ... Ich lebe dort mit zwei Dienern, einem stummen Neger, den ich schon in Amerika hatte, und einem Tahitier, den ich im Hafen von Avarua aus dem Wasser zog, als er sich aus Liebesgram ersäufen wollte. Jetzt bin ich auf meiner letzten Reise in Europa, um mir noch einzukaufen, was ich für mein ferneres Leben dort brauche. Namentlich Bücher, physikalische Instrumente und Waffen. Die Lebensmittel versorgt mein Tahitier von der nächsten bewohnten Insel. Er fährt jeden Morgen mit meinem Neger im elektrischen Boote hinüber. Braucht man sonst noch etwas, auf Rarotonga ist für Geld alles zu haben, so wie in der übrigen Welt ... Verstehen Sie?“
„Ja, Mr. Kingscourt. Nur weiß ich nicht, warum Sie es mir erzählen.“
„Warum, Doktor? Weil ich mir einen Gesellschafter mitnehmen will, um das Sprechen nicht zu verlernen, und um jemand zu haben, der mir die Augen zudrückt, wenn ich sterbe. Wollen Sie der sein?“
Friedrich schwieg und überlegte eine halbe Minute lang. Dann sagte er in festem Tone: „Ja!“
Kingscourt nickte zufrieden und fügte hinzu:
„Ich muß Sie aber aufmerksam machen, daß Sie eine lebenslängliche Verpflichtung eingehen. Wenigstens so lange ich lebe, muß es gelten. Wenn Sie mit mir gehen, dürfen Sie nicht mehr zurück. Sie müssen alle Fäden abschneiden.“
Friedrich entgegnete:
„Mich bindet nichts. Ich stehe ganz allein in der Welt und habe das Leben vollkommen satt.“
„Einen solchen Mann brauche ich, Doktor! Thatsächlich verlassen Sie das Leben, wenn Sie mit mir gehen. Sie werden nichts mehr vom Guten und Bösen dieser Welt erfahren. Sie sind tot für die Welt und die Welt ist untergegangen für Sie. Paßt Ihnen das?“
„Es paßt mir.“
„Dann werden wir gut zusammenleben. Ihre Art gefällt mir.“
„Eines muß ich Ihnen noch sagen, Mr. Kingscourt: ich bin Jude. Stört Sie das nicht?“
Kingscourt lachte:
„Hören Sie? Die Frage ist komisch. Ein Mensch sind Sie, das sehe ich. Ein gebildeter Mann scheinen Sie auch zu sein. Des Lebens sind Sie überdrüssig, das spricht für Ihren guten Geschmack. Alles übrige ist dort, wohin wir gehen, furchtbar gleichgültig ... Also schlagen Sie ein!“
Friedrich nahm die dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig.
„Wann sind Sie reisefertig, Doktor?“
„Jede Stunde.“
„Gut. Sagen wir morgen. Wir fahren nach Triest. Dort ankert meine Jacht ... Sie werden sich hier vielleicht noch einiges besorgen wollen?“
„Ich wüßte nicht, was,“ sagte Friedrich. „Das ist ja keine Lustreise, sondern ein Abschied vom Leben.“
„Immerhin, Doktor! Sie brauchen vielleicht Geld für Anschaffungen. Verfügen Sie über mich.“
„Danke, ich brauche nichts, Mr. Kingscourt.“
„Haben Sie keine Schulden, Doktor?“
„Ich besitze nichts und schulde nichts. Meine Rechnung ist glatt.“
„Haben Sie keine Verwandten oder Freunde, denen Sie etwas hinterlassen wollen?“
„Niemand!“
„Umso besser! Wir reisen also morgen! ... Aber wir könnten schon heute miteinander speisen.“
Kingscourt klingelte. Die Kellner deckten auf seinen kurzen Befehl den Tisch im Salon und brachten ein reichliches Mahl. Die beiden Männer näherten sich einander sehr rasch in ihren Gesprächen. Friedrich fühlte nach all dem Vertrauen, das ihm Kingscourt so schnell geschenkt hatte, das Bedürfnis, auch seine eigene Geschichte zu erzählen. Er that es in kurzer und deutlicher Weise. Als er damit zu Ende war, sagte der Amerikaner:
„Ich glaube jetzt, daß Sie mir nicht durchgehen werden, wenn ich Sie auf meiner Insel habe. Liebeskummer, Weltschmerz und Judengram — das ist zusammen genug, um auch einen jungen Mann für immer Abschied nehmen zu lassen vom Leben.
Nämlich vom Leben mit den Menschen. Selbst wenn man ihnen Gutes thut, wird man von ihnen betrogen und gequält. Die größten Narren sind die Wohlthäter. Glauben Sie nicht?“
„Ich glaube, Mr. Kingscourt, daß man beim Wohlthun ein angenehmes Gefühl hat ... Und da fällt mir etwas ein. Sie haben mir Geld angeboten, falls ich vor meinem Abschied vom Leben etwas hinterlassen wollte. Ich weiß eine Familie in tiefster Not. Der möchte ich helfen, wenn Sie es mir erlauben.“
„Es ist ein Unsinn, Doktor. Aber ich kann es Ihnen nicht verweigern. Ohnehin es war überhaupt meine Absicht, Ihnen einen Betrag zur Ordnung Ihrer Angelegenheiten zu geben. Machen Sie damit, was Sie wollen. Sind fünftausend Gulden genug?“
„Oh, reichlich!“ sagte Friedrich. „Und es ist doch auch für mich ein schöner Gedanke, daß mein Abschied vom Leben nicht ganz ohne Zweck ist.“
5. Kapitel.
Die Stube der Familie Littwak sah bei Tage nach elender aus, als bei Nacht. Und doch fand Friedrich Löwenberg diese armen Leute in beinahe rosiger Stimmung, als er bei ihnen eintrat. David Littwak stand vor dem Fensterbrett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag, und er las darin, während er an seinem mächtigen Butterbrot kaute. Der Vater und die Mutter saßen auf der Streu. Die kleine Mirjam spielte mit Halmen.
Chajim Littwak erhob sich rasch, um den Wohlthäter zu begrüßen. Auch die Frau wollte aufstehen, aber Friedrich ließ es nicht zu. Er kniete schnell neben ihr nieder und streichelte das Brustkind, das ihn aus den armseligen Fetzen heraus mit lieblichen Augen anlachte.
„Nun, wie geht es heute, Frau Littwak?“ fragte Friedrich.
Die Arme haschte vergeblich nach seiner Hand, um sie zu küssen:
„Besser, gnädiger Herr!“ sagte sie. „Wir haben Milch für Mirjam und Brot für uns.“
„Zins hab’ ich auch schon gezahlt!“ ergänzte Chajim stolz.
David hatte sein Butterbrot hingelegt, stand mit verschränkten Armen da und betrachtete Friedrich festen Auges.
„Warum siehst du mich so durchbohrend an, kleiner David?“
„Damit ich Sie nie vergess’, Herr! Ich hab’ einmal gelesen eine Geschichte von einem Manne, der einem kranken Löwen geholfen hat.“
„Androklus!“ lächelte Friedrich.
„Er hat schon viel gelesen, mein David,“ sagte die Mutter mit schwacher und zärtlicher Stimme.
Friedrich stand auf, legte die Hand auf den runden Kopf des Knaben und scherzte:
„Bist du am Ende der Löwe? Juda hatte einst einen Löwen ....“
David entgegnete beinahe trotzig:
„Was Juda gehabt hat, kann es wieder haben. Unser alter Gott lebt noch.“
Frau Littwak rief klagend: „Nit amal ein’ Sessel können wir Ihnen anbieten, gnädiger Herr!“
„Nicht nötig, liebe Frau. Ich wollte nur nachsehen, wie es Ihnen geht, und — etwas bringen. Sie sollen diesen Brief erst öffnen, nachdem ich fortgegangen bin. Er enthält eine gute Empfehlung, die Euch im Leben nützen wird. Sie müssen sich gut nähren, Frau Littwak, damit Sie dieses schöne, kleine Mädel zu einer braven Frau erziehen, wie Sie selbst sind.“
„Mehr Glück soll sie haben!“ seufzte die Frau.
„Und diesen guten Jungen lassen Sie etwas Tüchtiges lernen. Gieb mir deine Hand, Bürschchen! Versprich mir, daß du ein ordentlicher Mensch wirst.“
„Ja, das verspreche ich Ihnen.“
Was der Bub für merkwürdige Augen hat! dachte sich Friedrich, als er die kleine Hand schüttelte. Dann legte er den umfangreichen Brief auf das Fensterbrett und wollte gehen.
„Entschuldigen Sie, gnädiger Herr,“ sprach ihn Chajim Littwak bei der Thüre an; „is in den Brief vielleicht eine Empfehlung an der Kultusgemeinde?“
„Ganz richtig,“ entgegnete Friedrich. „Das wird Sie auch der Kultusgemeinde empfehlen.“
Und rasch ging er hinaus, die Treppen lief er hinunter, als fühlte er sich verfolgt. Vor dem Thore hielt sein Fiaker, eilig stieg er ein und rief dem Kutscher zu: „Schnell fahren!“
Die Pferde zogen an. Es war die höchste Zeit. Eine Minute später keuchte David atemlos aus dem Thore hervor, spähte nach allen Richtungen, und als er keine Spur mehr von dem Helfer entdecken konnte, fing er bitterlich zu weinen an. Friedrich sah es durch das Guckloch in der Rückwand seines Wagens, und er freute sich, daß es ihm gelungen war, den Dankesergüssen zu entgehen. Mit den fünftausend Gulden war diese Familie hoffentlich gerettet.
Im Hotel erwartete ihn Kingscourt mit breitem Lachen:
„Haben Sie also Ihr gutes Werk gethan, Doktor?“
„Sie könnten mit mehr Recht sagen, daß es das Ihrige sei. Es war Ihr Geld, Mr. Kingscourt!“
„Oho! dagegen verwahre ich mich aber schon ganz entschieden. Ich hätte nicht einen Heller hergegeben, um Menschen Gutes zu erweisen. Ich habe nichts dagegen, daß Sie ein Narr der Nächstenliebe sind — ich bin keiner mehr. Das war Ihr Handgeld, damit konnten Sie machen, was Sie wollten.“
„Auch recht, Mr. Kingscourt.“
„Ja, wenn Sie mir gesagt hätten, daß Sie für Hunde oder Pferde oder sonst ein anständiges Vieh was Mildes vorkehren möchten, da hätten Sie mich dazu haben können. Aber Menschen? Nee, kommen Sie mir mit der Sorte nicht! Die ist oberfaul. Die ganze Vernunft besteht darin, daß sie niederträchtig sind ... Da war neulich in den Blättern zu lesen, daß eine alte Dame ihr Vermögen ihren Katzen hinterlassen hat. Sie befahl in ihrem letzten Willen, daß ihr Haus in so und so viele feine Appartements für das Katzenvolk eingeteilt werde, mit Pflegepersonal und so weiter. So’n Kerl von Zeitungsschreiber hat dazu die blödsinnige Bemerkung gemacht, die Alte sei wahrscheinlich verrückt gewesen. Solch ein Hornochse! Nicht verrückt war sie, sondern riesig gescheit. Eine Demonstration gegen das menschliche Geschlecht, und insbesondere gegen ihre lumpige, erbgierige Verwandtschaft wollte sie machen. Den Tieren, ja — den Menschen, nein! Sehen Sie, das kann ich der alten Dame innigst nachfühlen, Gott habe sie selig!“
Das war Kingscourts Lieblingsthema, und darin entwickelte er eine unerschöpfliche Verve.
Friedrich Löwenberg ordnete seine geringen Angelegenheiten. Er war damit am anderen Tage fertig. Seiner Quartierfrau sagte er, daß er einen Ausflug auf den Großglockner unternehme. Sie entsetzte sich darüber: Mitten im Winter! Man höre so viel von Bergunfällen.
„Schön,“ meinte Friedrich mit melancholischem Lächeln, „wenn ich in acht Tagen nicht wiederkomme, so können Sie mich als vermißt bei der Polizei melden. Dann bin ich wohl in einer Felsenspalte besorgt und aufgehoben. Meine Habseligkeiten, die da sind, vermache ich Ihnen.“
„Reden Sie nicht so sündhaft, Herr Doktor!“
„Ich mache ja Spaß!“ rief er.
Mit dem Abendzuge verließ er in Kingscourts Gesellschaft Wien. Er war nicht wieder in das Café Birkenreis gegangen und wußte nicht, daß der kleine David Littwak Nacht für Nacht vor der Thüre stundenlang auf ihn wartete.
Im Hafen von Triest schaukelte sich die schmucke Jacht Mr. Kingscourts auf den Wassern. Die beiden machten noch ihre letzten Einkäufe für die lange Reise, und eines hellen Dezembertages lichteten sie die Anker und steuerten südwärts, ostwärts. Friedrich wäre wohl unter anderen Umständen von der Meeresfreiheit tief beglückt gewesen; so aber verdankte er der sonnigen Fahrt nur eine geringe Erleichterung seines Grames.
Kingscourt war freilich ein prächtiger Mensch, gutmütig bei aller seiner Prahlerei mit Menschenhaß, und liebenswürdig und zartfühlend. Wenn er Friedrich in trüben Stimmungen sah, bemühte er sich mit allen möglichen Scherzen, ihn aufzumuntern. Er ging mit ihm um, wie mit einem kranken Kinde. Da pflegte Friedrich wohl zu sagen:
„Wenn unsere Schiffsleute uns beobachten, müssen sie eigentlich eine ganz falsche Vorstellung bekommen. Sie werden mich für den Herrn und Sie für den Gast halten, den ich mir eingeladen habe, um mir die Zeit zu vertreiben. Ach, Mr. Kingscourt, Sie hätten sich auch einen lustigeren Gesellen aussuchen können, als mich!“
„Mein Lieber, ich hatte keine Wahl!“ antwortete Mr. Kingscourt mit grimmigem Ernst. „Einen Lebensüberdrüssigen mußte ich haben, und die sind in der Regel keine guten Gesellschafter. Aber Sie werd’ ich schon noch heilen. Sie werden mir doch noch ganz anders dreinschauen, bis wir erst das Menschengesindel ganz hinter uns haben. Da werden Sie auch noch so ein vergnügter Kerl werden, wie ich. Bis wir auf unserer seligen Insel sind! Hol’ mich der Deibel, wenn’s nicht wahr ist!“
Die Jacht war sehr behaglich, mit allem amerikanischen Komfort eingerichtet. Friedrich hatte einen ebenso schönen Schlafsalon, wie Kingscourt selbst. Der gemeinschaftliche Speiseraum war mit einer wahren Pracht ausgestattet, und wenn sie abends nach dem Essen unter dem freundlich stetigen Lichte der elektrischen Deckenlampe beisammen saßen, verflogen die Stunden unter den besten Gesprächen. Es war auch eine gewählte kleine Bibliothek an Bord, aber zum Lesen kam man gar nicht, so abwechslungsreich vergingen die Meerestage. Kingscourt war immer beflissen, seinen Gefährten zu zerstreuen. Man hatte bei lebhafterem Wogengange die Insel Kreta passiert, da rückte er plötzlich mit einem Vorschlag heraus:
„Sagen Sie ’mal, Doktor, hätten Sie denn keine Lust, noch ihr Vaterland zu sehen, bevor wir von der Welt Abschied nehmen?“
„Mein Vaterland?“ staunte Friedrich. „Sie wollten noch einmal nach Triest zurückkehren?“
„I bewahre!“ schrie Kingscourt. „Ihr Vaterland liegt ja vor uns, Palästina!“
„Ach, so ist das gemeint? Sie irren sich. Zu Palästina habe ich keinerlei Beziehung. Ich war nie dort. Es interessiert mich nicht. Meine Vorväter sind seit achtzehnhundert Jahren weg. Was habe ich da zu suchen? Ich glaube, nur die Antisemiten können behaupten, daß Palästina unser Vaterland sei ...“
Aber während er dies sagte, fiel ihm David Littwak ein. Da fügte er hinzu: „Außer von Antisemiten habe ich es nur noch von einem kleinen Judenjungen sagen hören, daß Palästina unser Land wäre. Wollten Sie mich damit necken, Mr. Kingscourt?“
„Da soll doch gleich ein Donnerwetter reinschlagen, wenn ich Sie geuzt habe. Das hab’ ich ganz ernst gemeint. Wahrhaftig ich verstehe Euch Juden nicht. Ich wär’ auf so was furchtbar stolz, wenn ich ein Jude wäre. Und Ihr schämt Euch wohl gar dessen. Da könnt Ihr Euch nicht wundern, wenn man Euch verachtet — die Anwesenden natürlich ausgeschlossen.“
„Herr von Königshoff, sind Sie vielleicht ein Antisemit?“ sagte Friedrich empört. Zum erstenmal redete er ihn mit seinem deutschen Namen an, er wußte selbst nicht warum.
Kingscourt lächelte:
„Nu regen Sie sich auf, mein Sohn! Daß ich n’allgemeiner Menschenfeind bin, das war Ihnen sozusagen schnuppe. Daß ich aber unter andern auch die Jüdschen nicht mag, das nehmen Sie mir geschwind übel. Trösten Sie sich, Doktorchen, ich hasse die Juden nicht mehr und nicht weniger als die Christen, Mohammedaner und Feueranbeter. Alle zusammen kein Schuß Pulver wert. Ich verstehe den guten ollen Nero: ein einziger Hals, und dann mitten durch mit einem Hieb. Oder nein: noch schöner ist es, daß die Lumpenbande leben bleibt, und daß sie sich langsam gegenseitig zu Tode ärgern.“
Friedrich war schon versöhnt: „Ich war dumm. Daß Sie mich mitnahmen, war doch der beste Beweis.“
Kingscourt sagte:
„Da fällt mir ’ne Sache ein, die ich einmal mit einem Ihrer Landsleute oder Glaubensbrüder oder — hol’ mich der Deibel — kurz, mit einem Juden hatte. Es war im Re’ment. Wir hatten da so ’nen Freiwilligen — Cohn hieß die Kreete, ein jemein ... Entschuldigen Sie! Dieser Cohn war ’n ganz verflucht krummbeiniges Subjekt — wie für die Kavallerie geschaffen. Es war einmal in der Reitstunde. Ich ließ die Schweinehunde Barrière springen. Das heißt, ich wollte; sie wollten nicht, oder konnten nicht. War auch ’n bißchen hoch. Na, ich habe sie traktiert, wie’s sich für solche gottverlassene Schweinebande geziemt. Damals konnte ich noch fluchen, hol’ mich der Deibel! Seitdem hab’ ich’s verlernt ... Ich gab ihnen zu verstehen, so durch die Kavall’rieblume, daß ich sie für das zitterlichste Lumpenpack hielte. Und den Cohn holte ich mir besonders. ‚Sie sind wohl ein besserer Wechselreiter?‘ höhnte ich ihn. Da schoß dem Juden das Blut ins Gesicht, und er ritt an. Stürzte aber und brach sich den Arm. Das hat mich dann eine Weile gewurmt. Wozu hat so ’n Aas auch Ehrgefühl?“
„Sie meinen, ein Jude sollte kein Ehrgefühl haben?“
„Nee, so was! Sie verdrehen mir ja das Wort im Mutterleibe ... Uebrigens, wenn die Juden Ehrgefühl haben, warum lassen sie sich alle die Bübereien gefallen?“
„Was sollten die Juden thun, Mr. Kingscourt?“
„Was? Ja, das weiß ich nicht. Irgendwas, wie mein Cohn in der Reitschule, ich habe doch mehr Respekt vor ihm bekommen.“
„Weil er sich den Arm gebrochen hat?“
„Nein, weil er mir seinen Willen gezeigt hat ... Ich, wenn ich an Eurer Stelle wäre, ich würde irgendwas Mutiges, Großes unternehmen, daß auch die Feinde vor Staunen die Mäuler aufreißen müßten. Vorurteile, mein Lieber, wird’s immer geben. Das Menschenpack nährt sich von Vorurteilen, von der Wiege bis zum Grabe. Also, da man die Vorurteile nicht abschaffen kann, muß man sie für sich erobern ... Je mehr ich darüber nachdenke: es müßte ganz interessant sein, heutzutage ein Jude zu sein. Gerade weil man alle Welt gegen sich hat.“
„Ach, Sie wissen nicht, wie das schmeckt.“
„Nicht süß, das kann ich mir schon denken ... Na, und wie ist’s mit dem ollen Palästina? Wollen wir uns das noch begucken, bevor wir aus der Menschheit verschwinden?“
„Mir ist alles recht, Mr. Kingscourt.“
Und so bekam die Jacht den Kurs nach Jaffa.
6. Kapitel.
Sie verbrachten einige Tage im alten Lande der Juden.
Von Jaffa hatten sie einen unangenehmen Eindruck. Die Lage am blauen Meere wohl herrlich, aber alles zum Erbarmen vernachlässigt. Die Landung in dem elenden Hafen mühselig. Die Gäßchen von den übelsten Gerüchen erfüllt, unsauber, verwahrlost, überall buntes orientalisches Elend. Arme Türken, schmutzige Araber, scheue Juden lungerten herum, alle träg, bettelhaft und hoffnungslos. Ein sonderbarer Moderduft, wie von Gräbern, beengte einem das Atmen.
Kingscourt und Friedrich beeilten sich auch, fortzukommen. Sie fuhren auf der schlechten Eisenbahn nach Jerusalem. Auch auf diesem Wege Bilder tiefster Verkommenheit. Das flache Land fast nur Sand und Sumpf. Die mageren Aecker wie verbrannt. Schwärzliche Dörfer von Arabern. Die Bewohner hatten ein räuberhaftes Aussehen. Die Kinder spielten nackt im Straßenstaube. Und in der Ferne des Horizontes sah man die entwaldeten Berge von Judäa. Der Zug fuhr dann durch öde Felsenthäler. Die Abhänge verkarstet, wenig Spuren einer einstigen oder gegenwärtigen Kultur.
„Wenn das unser Land ist,“ sagte Friedrich melancholisch, „so ist es ebenso heruntergekommen, wie unser Volk.“
„Ja, es ist einfach scheußlich, geradezu polizeiwidrig —,“ erklärte Kingscourt. „Und doch ließe sich da viel machen. Aufforsten müßte man. So eine halbe Million junge Riesentannen — — Die schießen hoch wie Spargel. Das Land braucht nur Wasser und Schatten, dann hätte es noch eine Zukunft, wer weiß wie groß!“
„Wer soll da Wasser und Schatten herbringen?“
„Die Juden, Kreuzschockschwerenot!“
Es war Nacht, als sie in Jerusalem ankamen, eine wundersame Mondnacht.
„Donnerwetter, ist das schön!“ schrie Kingscourt. Der Wagen, in dem sie vom Bahnhof nach dem Hotel fuhren, mußte auf seinen Befehl halten. Er herrschte den Lohndiener an:
„Sie können auf dem Bock bleiben und dem Kameel von einem Kutscher sagen, daß er langsam hinter uns nachfahren soll. Wir gehen ein Stück zu Fuß, Doktor, wollen Sie? ... Wie heißt diese Gegend?“
Der Lohndiener antwortete demütig:
„Das Thal von Josaphat, gnädiger Herr.“
„Hol’ mich der Deibel, das giebt es also wirklich? Das Thal von Josaphat! Ich glaubte, das sei nur so ’ne Sache, in der Bibel. Hier ist nu unser Herr und Heiland herumgegangen. Was sagen Sie dazu, Doktor? ... Ach so! Na ja, aber Ihnen muß das doch auch etwas sagen? Diese alten Mauern, dieses Thal ...“
„Jerusalem!“ sagte Friedrich mit leise bebender Stimme halb vor sich hin. Er wußte sich gar nicht zu erklären, warum ihn der Anblick dieser unbekannten Stadtumrisse derart ergriff. Erinnerungen vielleicht an Worte der frühen Kindheit? Gebetstellen, die des Vaters Stimme gemurmelt hatte? Die abendliche Weihe des verschollenen Passahfestes zog ihm durch die Seele. Einer der wenigen hebräischen Sätze, die er noch wußte, klang in ihm auf: Leschonoh haboh Beruscholajim. — Uebers Jahr in Jerusalem! ... Und er sah sich plötzlich als kleinen Knaben an der Seite seines Vaters zum Tempel gehen. Ach, der Glaube war tot, die Jugend war tot, der Vater war tot — und vor ihm ragten die Mauern von Jerusalem in märchenhaftem Mondesglanz. Heiß strömte es ihm in die Augen. Es überwältigte ihn. Er blieb stehen, und die Thränen flossen ihm langsam über die Wangen.
Kingscourt erstickte mehrere Deibel in seiner Kehle, winkte dem nachfahrenden Kutscher gewaltig zu, stillzuhalten, und er selbst trat lautlos einen Schritt hinter Friedrich zurück, um dessen wehmütige Andacht nicht zu stören.
Mit einem Seufzer erwachte Friedrich aus der Bezauberung.
„Verzeihen Sie, Mr. Kingscourt,“ sagte er ein wenig beschämt. „Ich habe Sie da warten lassen. Es war — es ist mir jetzt so eigen zu Mute. Ich weiß gar nicht, was das ist.“
Kingscourt aber schob seinen Arm unter den des jungen Mannes und sagte mit ungewöhnlich weicher Stimme:
„Sie, Friedrich Löwenberg, ich habe Sie gern!“
Und so ging in großer Mondnacht ein Christ mit einem Juden Arm in Arm der alten heiligen Stadt Jerusalem zu ...
Weniger entzückend war der Anblick Jerusalems bei Tage.
Geschrei, Gestank, ein Geflirr unreiner Farben, ein Durcheinander zerlumpter Menschen in den engen dumpfen Gassen, Bettler, Kranke, hungernde Kinder, kreischende Weiber, heulende Händler. Tiefer konnte das einst so königliche Jerusalem nicht sinken.
Kingscourt und Friedrich besichtigten die berühmten Plätze, Bauten und Ruinen. Sie kamen auch in das traurige Gäßchen der Klagemauer. Der widerliche Anblick der geschäftsmäßig betenden Bettler belästigte sie.
„Sie sehen, Mr. Kingscourt,“ sagte Friedrich, „wir haben uns wirklich zu Tode gestorben. Vom jüdischen Reiche ist nichts mehr übrig, als ein Stückchen Tempelmauer. Und ich kann in meinem Gemüte bohren so viel ich will, mit diesen kleinen verkommenen Industriellen der Nationaltrauer habe ich nichts gemein.“
Er hatte das laut gesagt, ohne zu bemerken, daß ihn auch andere hören konnten. Außer den Bettelbetern und Fremdenführern befand sich in dem Augenblicke noch ein dritter Herr in europäischer Kleidung vor der Klagemauer. Dieser sagte in fremdartig betontem, aber gebildetem Deutsch:
„Mein Herr, nach Ihren Worten scheinen Sie ein Jude oder doch jüdischer Abstammung zu sein.“
„Ja,“ antwortete Friedrich ein wenig verwundert.
„Dann gestatten Sie mir vielleicht,“ fuhr der Fremde fort, „daß ich Ihren Irrtum berichtige. Von der jüdischen Nation ist mehr übrig geblieben, als die alten Quadern dieses Mauerstückes und als die armen Schlucker hier, die freilich kein schönes Handwerk betreiben. Sie dürfen die jüdische Nation in heutiger Zeit weder nach ihren Bettlern noch nach ihren Reichen beurteilen.“
„Ich bin kein Reicher,“ meinte Friedrich.
„Ich sehe, was sie sind: ein Fremder Ihrem Volke. Wenn Sie einmal zu uns nach Rußland kämen, würden Sie erkennen, daß es noch eine jüdische Nation giebt. Wir haben noch eine lebende Ueberlieferung, eine Liebe zur Vergangenheit und einen Glauben an die Zukunft. Bei uns sind die Besten und Gebildetsten dem Judentume als einer Nation treu geblieben. Wir wollen zu keiner anderen gehören. Wir sind was unsere Väter waren.“
„Das ist recht,“ rief Kingscourt.
Friedrich zuckte leicht die Achseln, sprach aber noch einige höfliche Worte mit dem Unbekannten, dann gingen sie. Als sie am anderen Ende der Gasse waren und um die Ecke bogen, blickten sie zurück. Der russische Jude stand noch dort. Er war in ein stummes Gebet vor der Klagemauer versunken.
Abends, in dem englischen Hotel, in dem sie wohnten, sahen sie ihn wieder. Er saß bei Tische neben einer jungen Dame, offenbar seiner Tochter. Nach dem Essen traf man sich in der großen Halle. Das Gespräch vom Vormittag wurde zwanglos wieder aufgenommen. Der Russe nannte seinen Namen: Dr. Eichenstamm.
„Ich bin meines Zeichens Augenarzt. Meine Tochter auch.“
„Wie? Das Fräulein ist ’n Doktor?“ fragte Kingscourt.
„Ja, sie hat bei mir und nachher in Paris studiert. Sie ist jetzt meine Assistentin. Ein ganz gelehrtes Haus, meine Sascha!“
Das Fräulein Doktor errötete bei dem Lobe.
„Aber Papa!“ sagte sie abwehrend.
Dr. Eichenstamm fuhr sich mit der Linken über den langen grauen Kinnbart:
„Was wahr ist, kann man sagen. Wir sind auch nicht nur zum Vergnügen hier, meine Herren. Wir beschäftigen uns mit den Augenkrankheiten. Leider giebt es deren genug. Der Schmutz und die Verwahrlosung rächen sich. Alles liegt im Argen. Und wie schön könnte es sein. Das Land ist ja ein goldenes Land.“
„Dieses Land?“ sagte Friedrich ungläubig. „Die Geschichte von Milch und Honig ist doch nicht mehr wahr!“
„Sie ist immer wahr!“ schrie Eichenstamm begeistert. „Nur die Menschen müssen da sein, dann ist alles da.“
„Nee! Von Menschen ist gar nichts zu erwarten,“ erklärte Kingscourt mit Entschiedenheit.
Doktor Sascha wandte sich an ihren Vater:
„Du solltest den Herren raten, die Kolonien zu besichtigen.“
„Was für Kolonien?“ erkundigte sich Friedrich.
„Unsere jüdischen Ansiedelungen,“ antwortete der alte Herr. „Auch davon wissen Sie nichts, Herr Doktor? Es ist doch eine der merkwürdigsten Thatsachen im modernen Leben der Juden. In verschiedenen Städten Europas und Amerikas haben sich Gesellschaften gebildet, die sogenannten ’Liebhaber von Zion’, mit dem Zweck, hier in unserem alten Lande die Juden zu Ackerbauern zu machen. Es giebt schon eine Anzahl solcher jüdischer Dörfer. Auch einige reiche Wohlthäter haben der Sache Geld zugewendet. Unser alter Boden trägt wieder Früchte. Besuchen Sie diese Niederlassungen, bevor Sie Palästina verlassen.“
Kingscourt brummte:
„Können wir ja machen, wenn Sie Lust haben, Löwenberg.“
Friedrich bejahte schnell.
Am andern Tag unternahmen sie in Gesellschaft Eichenstamms und Saschas einen Ausflug nach dem Oelberge. Vor der Höhe kamen sie an dem eleganten Hause einer englischen Dame vorbei.
„Sie sehen,“ sagte der Russe, „daß man auf der alten Erde auch neue Paläste errichten kann. Das ist ein vornehmer Gedanke, hier zu wohnen. Wäre auch mein Traum.“
„Oder wenigstens eine Augenklinik,“ meinte Doktor Sascha mit feinem Lächeln.
Vom Oelberge aus bewunderten sie die hügelreiche Stadt, die steinernen Wellen der Berge im weiten Umkreise bis an das tote Meer.
Friedrich wurde nachdenklich.
„Schön muß Jerusalem einst gewesen sein! Vielleicht haben unsere Väter diese Stadt darum nicht vergessen können. Vielleicht wollten sie darum immer zurückkehren?“
Eichenstamm schwärmte:
„Mich erinnert es an Rom. Auf Hügeln könnte man abermals eine Weltstadt erbauen, etwas Herrliches. Denken Sie sich den Blick, den man dann von hier aus hätte. Prächtiger als vom Gianiculo! Ach, wenn meine alten Augen das noch sehen könnten!“ ...
„Das werden wir nicht erleben,“ sagte Sascha traurig.
Kingscourt wunderte sich im Stillen über diese Phantastereien. Als er wieder mit Friedrich allein war, sprach er:
„Das ist ein merkwürdiges Paar, der Doktorsvater mit der Doktorstochter. So praktisch und dabei so närrisch. Ich habe mir die Juden auch anders vorgestellt.“
Am folgenden Morgen nahmen sie Abschied von den Beiden und fuhren richtig deren Rat befolgend nach den Kolonien. Sie sahen die Ortschaften Rischon-le-Zion, Rechoboth und andere, die als Oasen in der verdorrten Umgebung lagen. Viele fleißige Hände hatten sich da regen müssen, bis die Scholle wieder zum Leben erwacht war. Sie sahen wohlbebaute Felder, eine stattliche Weinkultur und üppige Orangengärten.
„Das ist alles in den letzten zehn — fünfzehn Jahren entstanden,“ erklärte ihnen der Vorsteher der Judenkolonie Rechoboth, an den sie von Eichenstamm empfohlen worden waren. „Nach den Verfolgungen in Rußland zu Anfang der Achtziger Jahre hat diese Bewegung begonnen. Es giebt aber noch verdienstlichere Kolonien als unsere. Zum Beispiel die von Katrah. Die ist von studierten Leuten angelegt worden. Sie haben die Bücher verlassen und sind auf den Acker hinausgezogen. Solche Bauern giebt es wohl nirgends auf der Welt. Gelehrte Männer, die auf dem Felde arbeiten.“
„Das ist ’ne starke Nummer!“ rief Kingscourt. Aber noch größer wurde sein Erstaunen, als der Vorsteher die jungen Burschen von Rechoboth zu Pferde steigen ließ. Eine Art arabischer Fantasia wurde vor den Gästen aufgeführt. Die Bursche stürmten weit weg ins Feld hinaus, warfen die Rosse herum, kehrten jauchzend zurück, warfen im vollsten Lauf ihre Mützen oder ihre Gewehre in die Luft, fingen sie wieder auf. Schließlich ritten sie in einer Reihe und sangen ein hebräisches Lied.
Kingscourt war hingerissen.
„Da soll doch ein mehrfach gesalzenes Donnerwetter dreinschlagen. Die Kerls reiten ja wie der Deibel!“
Mit so ’was hätte mein Ur-Ur auch die Attake bei Roßbach — — —
Aber Friedrich hatte wenig Interesse für die Bethätigungen einer gesunden Lebenslust, und er war froh, als sie die Ansiedelungen verließen, um nach Jaffa zurückzukehren.
Die Jacht war zur Abfahrt bereit. Sie schieden in den letzten Dezembertagen vom besonnten Strande Palästinas und steuerten nach Port Said. In diesem Hafen blieben sie zwei Tage, dann ging es durch den Suezkanal weiter. Am Abende des 31. Dezember 1902 kamen sie ins rote Meer. Friedrich hatte wieder eine Zeit völliger Niedergeschlagenheit. In dieser Stimmung war ihm alles gleichgültig.
Nach Sonnenuntergang rief ihn Kingscourt auf’s Verdeck:
„Heute, Doktor, wollen wir uns was besonders anthun! Da, sehen Sie unsere Tischkarte. Habe auch eine genügende Anzahl Silberhälse in Eis kühlen lassen.“
„Was ist denn heute für ein besonderer Tag, Mr. Kingscourt?“
„Das wissen Sie nicht, Mensch? Der letzte Tag des Jahres! Das ist kein banales Datum — wenn Daten überhaupt einen Sinn haben.“
„Für uns ist das ohne jede Bedeutung,“ sagte Friedrich müde. „Für uns beginnt nun die Zeitlosigkeit, ist es nicht wahr?“
„Jawohl, jawohl. Aber es ist doch ’n verdammt kurioser Tag. Um Mitternacht wollen wir die Zeit ins Meer senken, in Euer rotes Meer, und wenn das blödsinnige Zeitalter um ist, in dem wir zu leben verurteilt waren, da wollen wir an etwas Großes denken! ... ’nen gediegenen Punsch lasse ich uns auch brauen. Das ist verhältnismäßig noch das Reellste, in der allgemeinen Niedertracht des Daseins.“
Und so thaten sie. Der Schiffskoch hatte sein Bestes geleistet. Auch die Weine waren vorzüglich. Kingscourt, ein gewaltiger Zecher vor dem Herrn, trank dreimal so viel wie Friedrich, und blieb dabei ziemlich klar und frisch, indessen sein junger Gefährte einen Nebel in sich aufsteigen fühlte und nur noch wie im Traum diese Worte vernahm, als es zwölf Uhr schlug:
„Mitternacht!“ rief Kingscourt mit dröhnender Stimme. „Verrecke, Zeit! Ich leere mein Glas auf deinen Tod. Was warst du? Schande, Blut, Gemeinheit und Fortschritt. Stoßen Sie an, Mensch, Mann, isolierter Zeitgenosse!“
„Ich kann nicht mehr,“ lallte Friedrich.
„Kleines Geschlecht! ... Hier sollten Sie sich doch auf die Fußspitzen stellen. Klassische Gegend! Hier hat Euer oller Moses eines seiner größten Kunststücke gemacht ... Sie gingen trockenen Fußes hindurch, offenbar grade Ebbe gewesen. Und das Vieh von einem Pharao hinterdrein mitten rin in die Flut. Keine Zauberei! Aber gerade das Natürliche daran imponiert mir! Die einfachsten Mittel! Aber sehen muß man sie, und gebrauchen können. Denken Sie mal, was war das für ’ne arme Zeit, und was hat Euer oller Moses vollbracht. Wenn der heute wiederkäme und sähe die Wunder alle — die Eisenbahnen, die Telegraphen, die Telephone, die Maschinen, die Jacht mit der Schraube, mit dem elektrischen Scheinwerfer. Er würde nichts davon verstehen. Man müßte ihm vielleicht drei Tage lang immerzu erklären. Aber nach drei Tagen hätte er alles raus. Und wissen Sie, was er dann thäte? Lachen würde er, furchtbar, grimmig lachen! Weil die Menschen mit all dem fabelhaften Fortschritt nichts anzufangen wissen. Im einzelnen Schicksal kommt man zur Ueberzeugung, daß die Menschen schlecht sind. Aber beim Gesamtüberblick entdeckt man, daß sie nur dumm sind. Namenlos dumm, dumm, dumm! Nie war die Welt so reich, und nie hat es so viel Arme gegeben, wie jetzt. Leute verhungern, während ungebrauchtes Korn verschimmelt. Mir kann’s recht sein. Je mehr zu Grunde gehen, umso weniger Undankbare, Lügner und Treulose giebt es in der Welt.“
Friedrich sprach mit schwerer Zunge:
„Glauben Sie nicht, Mr. Kingscourt, daß die Menschen viel besser wären, wenn es ihnen besser ginge?“
„Nee, wenn ich das glaubte, würde ich nicht nach meiner einsamen Insel ziehen, sondern mitten unter die Menschen. Ich würde ihnen sagen, wie sie’s anfangen müßten, um besser dran zu sein. Nicht tausend, nicht hundert, nicht fünfzig Jahre brauchte man zu warten. Heute! Mit den Ideen, Kenntnissen, Mitteln, die heute am 31. Dezember 1902 im Besitze der Menschheit sind, könnte sie sich helfen. Man braucht keinen Stein der Weisen, kein lenkbares Luftschiff. Alles Nötige ist schon vorhanden, um eine bessere Welt zu machen. Und wissen Sie, Mann, wer den Weg zeigen könnte? Ihr! Ihr Juden! Gerade weil’s Euch schlecht geht. Ihr habt nichts zu verlieren. Ihr könntet das Versuchsland für die Menschheit machen — dort drüben, wo wir waren, auf dem alten Boden ein neues Land schaffen. Altneuland!“
Das hörte Friedrich Löwenberg nur noch im Traum. Er war eingeschlafen. Und träumend fuhr er durch das rote Meer der Zukunft entgegen.
2. Buch.
Haifa, 1923.
1. Kapitel.
Die Jacht Kingscourt fuhr wieder durch das rote Meer, aber in umgekehrter Richtung.
Kingscourts Bart und Haare waren schneeweiß geworden. Auch Friedrich konnte, vor dem Spiegel seiner Kajüte stehend, an seinen Schläfen die ersten Silberfäden entdecken.
Der Alte rief ihn aufs Verdeck:
„Holla, Fritz! Kommen Sie ’n bißchen rauf!“
„Was wollen Sie, Kingscourt?“ sagte er, indem er hinaustrat.
„Hol mich der Deibel, wenn ich das verstehe. Seit wir da im roten Meere fahren, hab’ ich noch sehr wenige Personendampfer gesehen. Frachtschiffe, ja, viele. Erinnern Sie sich denn nicht, wie das vor zwanzig Jahren war, anno Neunzehnhundertundzwei? Da war doch Verkehr hier. Ostindienfahrer, Chinaschiffe! Die lumpigen Dampfer, die wir jetzt treffen, gehen nur nach den afrikanischen Häfen und Madagaskar. Ich habe mich bei dem Vieh von einem Lotsen nach jedem passierenden Schiff erkundigt. Es giebt keine Ostindier, Japaner und Chinesen mehr in diesen Gewässern; wie gesagt, nur Frachten. Am Ende hat England, seit wir weg waren, seinen indischen Besitz verloren? Kreuzmillionenschockschwerenot — an wen?“
„Fragen Sie doch den Lotsen, wenn es Sie interessiert!“
„Nischt wird jefragt! Das heb’ ich mir alles auf, bis wir in Europa sind. Ich bin nicht neugierig — sind Sie’s vielleicht, Fritzken?“
„Nein, Kingscourt. Mir ist alles gleichgültig. In den zwanzig Jahren hab’ ich jedes Interesse an den Vorgängen außerhalb unserer lieben Insel verloren. Mir lebt kein Freund mehr, kein Blutsverwandter. Wonach sollte ich mich erkundigen?“
Kingscourt hatte sich es auf einem ruhebettartigen Lehnstuhl bequem gemacht und schmauchte eine große Havanna:
„Na, übel ist Ihnen unsere Insel nicht bekommen, Fritz! Wenn ich denke, was Sie für’n grüner Judenjunge mit eingesunkenem Brustkasten waren, als ich Sie mitnahm. Heute sind Sie ’n Baum von einem Menschen. Mir scheint, Sie könnten jetzt den Weibern gefährlich werden.“
„Sie sind komplett verrückt, Kingscourt!“ lachte Friedrich. „Zu Ihrer Ehre will ich annehmen, daß Sie mich nicht nach Europa schleifen, um mich zu verheiraten.“
Kingscourt wälzte sich vor Lachen: „So’n Rabenvieh! Verheiraten! Für’n solchen Hornochsen halten Sie mich doch nicht? Was fing’ ich dann mit Ihnen an?“
„Na, vielleicht ist es eine feine Art, mich loszuwerden. Sie haben meine Gesellschaft wohl satt gekriegt?“
„Nu fischt das Rabenvieh noch nach Komplimenten!“ schrie der Alte, dessen Gemütlichkeit sich gern in Schimpfworten austobte. „Sie wissen doch sehr gut, Fritzchen, daß ich ohne Sie nicht mehr leben könnte. Die ganze Reise hab’ ich doch nur Ihretwegen unternommen. Damit Sie dann wieder ein paar Jahre mit mir Geduld haben.“
„Hören Sie, Kingscourt, Sie wissen, ich kann nicht grob sein — wenigstens nicht so grob, wie Sie. Aber das ist gelinde gesagt, eine ...“
„Eselei?“
„Etwas dergleichen!... Wann habe ich eine Ungeduld gezeigt? Ich war glücklich auf unserer Insel, vollkommen glücklich. Diese zwanzig Jahre sind mir vergangen, wie ein Traum. War es gestern, daß Sie hier Ihre Abschiedsrede an die Zeit hielten? Ich wäre auch nie mehr weg von unserer seligen Insel, ich nicht! Und nun wollen Sie mir weiß machen, daß Sie meinetwegen nach Europa fahren. Schämen Sie sich, alter Mann, daß Sie solche faule Ausreden gebrauchen. Sie sind neugierig, wie’s drüben aussieht, Sie wollen hin — nicht ich! Der beste Beweis, daß ich mir nichts mehr aus der bewohnten Welt mache, ist der, daß ich alle die Jahre hindurch keine Zeitung in die Hand genommen habe.“
„Kunststück, wir hatten keine auf unserer Insel. Das war meine oberste Gesundheitsmaßregel: keine Zeitung!“
„So? Vor einigen Jahren kam eine Sendung von Rarotonga. Da waren alle Gegenstände der Kiste in englische und französische Tagesblätter eingewickelt. Einen Augenblick war ich in Versuchung, sie zu lesen. Wenn sie auch Monate oder Jahre alt waren, für mich enthielten sie jedenfalls neues. Wir schrieben damals 1917, und ich hatte seit fünfzehn Jahren nichts mehr von der Welt gehört. Aber ich raffte die Blätter alle zusammen und verbrannte sie ungelesen. Und jetzt sagen Sie noch, daß ich mich zurücksehne.“
Der Alte schmunzelte behaglich:
„Na, wenn Sie mir auf meine Lügen kommen, dann will ich’s gestehen. Ja, ich möchte wissen, was aus der niederträchtigen Welt geworden ist. Ob die Menschen noch immer so schlecht und dumm sind, wie dazumal.“
„Mein guter Kingscourt, ich wette, wir werden froh sein, wenn wir nach unserer stillen Insel zurückkehren können.“
„Bei der Wette finden Sie keine Kontrepartie. Ich wette dasselbe.“
Die Jacht durchlief die Wasserstraße von Suez. In Port Said stiegen sie wieder ans Land. Im Hafen war ein lebhafter Güterverkehr, aber zwischen den verfallenden Bazaren der Stadt war der bunte, vielsprachige Spaziergang nicht mehr zu sehen, der einst die Originalität des Ortes war. Hier kreuzten sich ehemals die Wege der Menschen, die vom Westen nach dem Osten und von Osten nach Westen zogen. Man war hier ehemals den elegantesten Globetrottern begegnet, und jetzt lungerten vor den schmutzigen Kaffeehäusern außer den Eingeborenen nur einige halbbetrunkene Matrosen.
Kingscourt und Friedrich waren in einen Laden eingetreten, um Zigarren zu kaufen. Sie verlangten bessere Sorten. Da sagte der griechische Händler klagend:
„Führen wir nicht. Kommen ja keine Käufer mehr. Kommt niemand mehr, der feine Zigarren will. Nur Matrosen um Kautabak, schlechte Zigaretten.“
„Wie ist das möglich?“ fragte Kingscourt. „Wo sind denn die Reisenden, die nach Indien, Australien, China gehen?“
„Oh die sind schon lange fort. Die fahren jetzt auf dem anderen Weg.“
„Auf einem anderen Weg?“ rief Friedrich. „Was giebt es denn für einen anderen? Doch nicht um das Kap der guten Hoffnung?“
Der Händler sagte ärgerlich:
„Der Herr will über mich lachen. Das weiß doch jedes Kind, daß man nach Asien nicht mehr durch den Suezkanal fährt.“
Die Rückkehrenden sahen einander betroffen an. Dann brummte Kingscourt:
„Natürlich weiß das jedes Kind. Sie werden uns doch nicht für so unwissend halten, daß wir nichts von dem verdammten neuen Kanal gehört haben.“
Da schlug der Grieche wütend auf den Ladentisch:
„Machen Sie, daß Sie hinauskommen! Zuerst foppen Sie mich mit teuren Zigarren, dann machen Sie solche dumme Witze. Hinaus!“
Kingscourt wollte über den Tisch langen und dem Griechen eins über den Schädel geben, aber Friedrich zog den alten Hitzkopf fort:
„Es scheint, in unserer Abwesenheit ist etwas Großes vorgegangen, was wir nicht wissen, Kingscourt.“
„Hol’ mich der Deibel, das glaub’ ich auch. Das müssen wir also zuerst ’rauskriegen.“
Im Hafen erfuhren sie es vom Kapitän eines deutschen Kauffahrers. Der Verkehr zwischen Europa und Asien hatte einen neuen Weg genommen: über Palästina.
„Da, giebt es denn dort Häfen, Eisenbahnen?“ fragte Friedrich.
Der Kapitän lachte herzlich:
„Ob es in Palästina Häfen und Bahnen giebt? Herr, von wo kommen Sie denn? Haben Sie denn nie eine Zeitung oder einen Fahrplan gesehen?“
„Nie, will ich nicht sagen. Aber einige Jahre ist es doch schon her ... Palästina kennen wir übrigens als ein wüstes Land.“
„Ein wüstes Land! ... Gut, wenn Sie das ein wüstes Land nennen wollen, ich bin es zufrieden. Nur sind Sie dann sehr verwöhnt.“
„Hören Sie, Kapitän,“ rief Kingscourt, „wir wollen Ihnen reinen Wein einschenken. Wir sind ein paar verdammt unwissende Bengels. Wir haben uns zwanzig Jahre um nichts als um unser Vergnügen gekümmert. Also was ist das mit dem ollen Palästina?“
„Wenn ich Ihnen das erzählen wollte, brauchte ich mehr Zeit als Sie, um von hier hinzufahren. Kommt es Ihnen auf ein paar Tage nicht an, so machen Sie doch den kleinen Umweg. Sie finden übrigens in Haifa und Jaffa die schnellsten Schiffe nach allen europäischen und amerikanischen Häfen, falls Sie Ihre Jacht verlassen wollen.“
„Nee, unsere Jacht verlassen wir nicht. Aber den Umweg können wir ja machen, Fritze? Was meinen Sie? Woll’n wir nochmals das Land Ihrer p. t. Vorfahren besichtigen?“
„Mich zieht es dahin ebensowenig, wie nach Europa. Ganz egal!“
Und sie steuerten nach Haifa.
Es war eines Frühlingsmorgens nach einer der in diesen Meeren so weichen Nächte, als die Küste Palästinas in Sicht kam. Die beiden standen auf der Kommandobrücke und lugten seit zehn Minuten unverwandt durch ihre Ferngläser, nach derselben Himmelsgegend aus.
„Man möchte schwören, daß dort die Bucht von Akka ist,“ sagte Friedrich.
„Man könnte auch das Gegenteil schwören,“ meinte Kingscourt. „Ich habe noch das Bild dieser Bucht in der Erinnerung. Vor zwanzig Jahren war sie leer und öde. Aber da rechts, das ist doch der Karmel, und da drüben links ist Akka.“
„Wie verändert!“ rief Friedrich. „Da ist ein Wunder geschehen.“
Sie kamen näher. Nun konnten sie schon durch ihre guten Gläser die Einzelheiten etwas besser sehen. Auf der Rhede zwischen Akka und dem Fuße des Karmel ankerten riesige Schiffe, wie man deren schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu bauen pflegte. Hinter dieser Flotte sah man die anmutige Linie der Bucht. An der Nordspitze Akka in alter orientalischer Bauschönheit, graue Festungsmauern, dicke Kuppeln und schlanke Minarets, die sich vom Morgenhimmel reizend abhoben. An diesen Umrissen war nicht viel anders geworden. Aber südwärts unterhalb der ruhmreich schwergeprüften Stadt, am Bogen des Uferbandes, war eine Pracht entstanden. Tausende weißer Villen tauchten, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus. Von Akka bis an den Karmel schien da ein großer Garten angelegt zu sein, und der Berg selbst war auch gekrönt mit schimmernden Bauten.
Da sie vom Süden kamen, verdeckte ihnen der Bergvorsprung zuerst den Anblick des Hafens und der Stadt Haifa. Nun aber lag auch diese vor ihnen, und da waren die Deibel Kingscourts überhaupt nicht mehr zu zählen.
Eine herrliche Stadt war an das tiefblaue Meer gelagert. Großartige Steindämme ruhten im Wasser und ließen den weiten Hafen dem Blicke der Fremden sogleich als das erscheinen, was er wirklich war: der bequemste und sicherste Hafen des mittelländischen Meeres. Schiffe aller Größen, aller Arten, aller Nationen hielten sich in dieser Geborgenheit auf.
Kingscourt und Friedrich waren wie betäubt. Auf ihrer zwanzig Jahre alten Seekarte fand sich nichts von dieser Hafenstadt, und nun war sie wie hergezaubert. Die Welt war also während ihrer Abwesenheit nicht stillgestanden.
Die Jacht ging vor Anker. Dann fuhren sie im Landungsboote durch das verblüffende Gewühl der Schiffe hindurch nach dem Qai. Sie tauschten in kurzen abgerissenen Sätzen ihre Eindrücke aus.
An den steinernen Stufen des Uferdammes legte ihr Boot an. Sie stiegen aus. Einige Schritte von ihnen entfernt wollte eben ein Herr die Stufen hinabgehen, zu der elektrischen Barke, die offenbar seiner harrte. Als dieser die beiden erblickte, blieb er betroffen stehen. Er starrte Friedrich mit weitaufgerissenen Augen an.
Der Alte bemerkte es und brummte:
„Was hat denn der Kerl? Sollte er noch nie zwei zivilisierte Menschen gesehen haben?“
Friedrich lächelte:
„Das ist nicht anzunehmen. Die Leute da auf dem Quai schauen zivilisierter aus als wir. Es könnte eher sein, daß wir ihm veraltet vorkommen. Sehen Sie doch da hinauf! Dieses weltstädtische Treiben auf der Straße. Die vielen gutgekleideten Menschen. Ich glaube, unsere Anzüge sind ein bißchen aus der Mode.“
Sie hatten dem Bootsmanne aufgetragen, sie an derselben Stelle zu erwarten und schritten über andere Steintreppen der erhöhten Straße zu, von deren Treiben sie am Wasserrande schon etwas gesehen hatten. Um den Unbekannten, der sie so auffallend anstarrte, kümmerten sie sich nicht weiter. Doch er folgte ihnen. Er bemühte sich, die Sprache zu erlauschen, in der sie redeten. Jetzt war er dicht hinter ihnen, jetzt streifte er vorbei und blieb mit einem Ruck vor ihnen stehen.
„Herr!“ brauste Kingscourt auf, „was wollen Sie eigentlich von uns?“
Der Fremde gab ihm keine Antwort, sondern wandte sich an Friedrich, mit einer männlich warmen, aber vor Erregung zitternden Stimme:
„Sind Sie der Doktor Friedrich Löwenberg?“
Aufs Tiefste überrascht, an so fremdem Ort plötzlich seinen Namen zu hören, entgegnete dieser:
„So heiße ich.“
Da riß ihn der Unbekannte stürmisch an seine Brust und küßte ihn auf beide Wangen. Dann ließ er ihn los und wischte sich die Thränen aus den Augen.
Es war ein junger, kräftiger, hochgewachsener Mann von dreißig Jahren mit sonnegebräuntem Gesichte, das ein kurzer, schwarzer Bart umrahmte.
„Und wer sind Sie?“ fragte Friedrich, nachdem er sich von der stürmischen Begrüßung erholt hatte.
„Ich! Sie werden sich wohl meiner nicht mehr erinnern. Ich heiße David Littwak.“
„Der kleine Junge vom Café Birkenreis?“
„Ja, Herr Doktor! ... Derselbe, den Sie vom Hungertode gerettet haben, samt seinen Eltern und seiner Schwester.“
„Ach, sprechen wir nicht davon!“ wehrte Friedrich ab.
„Im Gegenteil! Wir werden noch viel davon sprechen. Was ich bin und habe, verdanke ich Ihnen. Zunächst sind Sie mein Gast — und wenn dieser Herr Ihr Freund ist, so ist auch er bei mir zu Hause.“
„Das ist mein bester, einziger Freund in der Welt, Mr. Kingscourt.“
2. Kapitel.
Noch ehe sie recht wußten, wie ihnen geschah, hatten Friedrich und Kingscourt sich von David Littwak die Dammtreppe hinaufführen lassen.
Erst als sie oben, auf dem Straßenniveau angelangt waren, begann ihnen der volle Eindruck dieser wundervollen Stadt und ihres Verkehres aufzugehen.
Vor ihnen weitete sich ein großer Platz, den die hochgeschwungenen Arkaden stattlicher Gebäude umgaben. In der Mitte war ein mit Gittern eingehegter Palmengarten. Palmen, hier ein gewöbnlicher Baum, standen auch überall rechts und links an den Rändern aller Straßen, die auf den Platz mündeten. Man sah gleich, daß diese Palmen doppelten Dienst hatten. Bei Tage spendeten sie Schatten, und nachts Licht, denn die elektrischen Straßenlampen hingen an ihnen wie große gläserne Früchte. Das war die erste Einzelheit, auf die Kingscourt ergötzt hinwies. Dann erkundigte er sich nach dem Charakter der Paläste, welche den großen Platz umgaben. David Littwak antwortete, es seien die Bureauhäuser verschiedener europäischer Seehandelsgesellschaften und Kolonialbanken. Der Platz führe darum den Namen Völkerplatz. Das war er in der That, nicht nur wegen der Gebäude, sondern auch wegen der Menschen, die ihn belebten.
Die Ankömmlinge staunten und starrten in das Gewühl. Es fand hier offenbar ein Verkehr aller Völker statt, denn man sah die buntesten Trachten des Morgenlandes zwischen Gewändern des Occidents. Chinesen, Perser, Araber wandelten durch die geschäftige Menge. Vorherrschend war freilich die Kleidung des Abendlandes, wie diese Stadt ja überhaupt einen durchaus europäischen Eindruck machte. Man hätte glauben können, daß man sich in einem großen Hafen Italiens befinde. Die Bläue des Himmels und des Meeres und das Leuchten der Farben gemahnten an die glückliche Riviera. Nur waren die Gebäude viel moderner und reinlicher, und der Straßenverkehr enthielt bei aller Lebhaftigkeit weniger Lärm. Das kam von der gemessen ernsten Art der vielen Orientalen, aber auch daher, daß keine Zugtiere in diesen Straßen waren. Man hörte weder den Hufschlag von Pferden, noch auch Peitschenknallen oder Rädergerassel. Die Fahrdämme waren so glatt, wie die Fußsteige, und die Automobile hasteten auf ihren Gummirädern ziemlich geräuschlos vorüber, nur mit einigem Getute der warnenden Signalhörner. Ein Rollen über ihren Köpfen machte die Fremden aufschauen.
„Alle Deibel, was ist das?“ schrie Kingscourt, indem er nach einem über den Palmenwipfeln vorbeisausenden großen Eisenwagen wies, aus dessen Fenstern Fahrgäste herunterblickten. Der Wagen hatte die Räder nicht unten, sondern oben, über dem Dach. Er hing und schwebte an einem mächtigen, eisernen Brückengeleise.
David Littwak erklärte:
„Das ist die elektrische Schwebebahn. Die müssen Sie doch auch in Europa gesehen haben.“
„Wir waren zwanzig Jahre nicht in Europa.“
„Die Schwebebahn ist ja nichts neues. Sie war schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zwischen Barmen und Elberfeld im Betriebe. Wir haben sie in unseren Städten gleich von vornherein eingerichtet, weil der Massenverkehr so leichter und gefahrloser bewältigt werden kann. Der Bau war auch billiger, als der von Straßen- oder Hochbahnen.“
„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ rief Kingscourt. „Sie sprechen von Städten! Es giebt demnach in Palästina noch mehr solcher Städte?“
„Das wissen Sie nicht, meine Herren?“
„Nein,“ sagte Friedrich; „wir wissen weder das noch etwas anderes. Wir wissen gar nichts. Wir waren zwanzig Jahre tot.“
„Für tot hielt ich Sie freilich, lieber Herr Doktor!“ sprach David Littwak, indem er Friedrichs Hand nahm und noch einmal drückte.
„Haben Sie sich denn nach mir erkundigt? Ja, woher wissen Sie überhaupt meinen Namen? Ich glaube doch, ihn damals nicht genannt zu haben.“
„Als Sie sich unserem Danke entzogen, waren wir ganz trostlos. Ich dachte mir, Sie seien vielleicht ein Stammgast des Café Birkenreis. Dort habe ich viele Nächte vor der Thüre auf Sie gewartet. Mein Vater auch.“
„Lebt Ihr Vater noch?“
„Ja, Gott sei Dank, und meine Mutter auch, und Mirjam, die Sie als Wickelkind sahen ... Ich kam endlich auf den Einfall, Sie dem Kellner des Kaffeehauses zu beschreiben. Er erkannte Sie nach meiner Schilderung sofort und nannte mir Ihren Namen. Aber wie groß war mein Schmerz, als der Mann hinzufügte, Sie seien bei einer Bergbesteigung verunglückt, und die Blätter hätten Ihren Tod gemeldet ... Ich kann Ihnen sagen, Herr Doktor, wir haben um Sie viel geweint. Wir haben auch immer pünktlich die Jahrzeit für Sie angezündet an dem Tage, den ich aus den Zeitungen herausgefunden hatte.“
„Jahrzeit? Was ist das?“ fragte Kingscourt.
Friedrich gab Auskunft:
„Ein Brauch der Juden. Am Sterbetage des Hingeschiedenen zünden seine Angehörigen zum Gedächtnis ein Licht an.“
„Oh, ich habe Ihnen viel, viel zu erzählen, lieber Herr Doktor!“ sagte David Littwak. „Aber hier werden wir nicht stehen bleiben. Vor allem bringe ich Sie in mein Haus, daß Sie von jetzt ab als Ihr eigenes betrachten werden ... Kommen Sie, meine Herren!“
„Und unser Boot, unsere Jacht?“
David Littwak wandte sich zu einem livrierten Neger, der ihm in kurzer Entfernung nachgefolgt war, und gab leise einige Befehle, worauf der Diener verschwand. Jetzt sprach David zu seinen Gästen:
„Alles ist besorgt. Das Boot wird nach der Jacht zurückkehren, und in Friedrichsheim wird man Ihre Aufträge abholen.“
„Wo?“
„In Friedrichsheim. So heißt mein Haus. Sie ahnen schon, wem zu Ehren? Gehen wir, meine Herren! Das heißt, wir werden fahren.“
Er hatte bei aller Liebenswürdigkeit etwas Bestimmtes in seinem Ton. Kingscourt murmelte aber nicht unzufrieden:
„Fritze, der übernimmt das Kommando! Wollen mal sehen!“
David Littwak hatte ein Automobil herangewinkt. Er bat die Herren einzusteigen. Doch als er ihnen folgen wollte, wurde er von jemandem angerufen:
„Herr Littwak, Herr Littwak.“
Er drehte sich um:
„Ah, Sie sind’s? Was wünschen Sie?“
„In den Morgenblättern steht, daß Sie heute in Akka eine Versammlung abhalten. Ist es nicht wahr?“
„Ich wollte eben hinüberfahren. Aber ich muß die Versammlung absagen. Ich habe heute Wichtigeres vor. Richtig, ich will noch rasch hinübertelephonieren.“
„Darf ich es vielleicht für Sie thun, Herr Littwak?“
„Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
„Wahrscheinlich einen besonderen Besuch erhalten, Herr Littwak?“ forschte der Eifrige, indem er mit dem linken Daumen über die Schulter hinweg nach dem Wagen deutete.
David lächelte, antwortete aber nicht und nickte nur mit dem Kopfe. Dann rief er dem hintenauf sitzenden Heizer zu: „Nach Friedrichsheim!“
„Dieses Gesicht kommt mir bekannt vor,“ sagte Friedrich, als der Wagen davonrollte. „Ich muß es in einer anderen Form gesehen haben, ohne grauen Backenbart, ohne den Kneifer auf der Nase.“
„Ja, er ist auch aus Wien, er hat mir oft von Ihnen erzählen müssen. Ich wollte ihn nur jetzt nicht herankommen lassen. Heute gehören Sie mir allein ... Er war auch ein Gast des Café Birkenreis. Nun raten Sie!“
Eine Erinnerung blitzte auf.
„Schiffmann!“ sagte Friedrich lachend. „Wie? Der ist auch hier?“
„Der und viele, viele andere Juden aus allen Städten und Ländern.“
Kingscourt, der neugierig nach allen Seiten hin ausblickte, warf jetzt die Frage ein:
„Wollen Sie vielleicht sagen, daß die Rückkehr der Juden nach Palästina stattgefunden hat?“
„Freilich will ich das sagen.“
„Donner und Gloria!“ schrie der Alte. „Sie sind aus Europa ausgetrieben worden?“
David erklärte freundlich lächelnd:
„Nun, Sie dürfen sich das nicht so wie im Mittelalter vorstellen. Wenigstens in den Kulturländern hatte es nicht diesen Charakter. Die Operation war zumeist unblutig. Den Juden wurde am Ende des neunzehnten und zu Anfang dieses Jahrhunderts das Verbleiben an ihren Wohnorten unleidlich gemacht.“
„Aha! Rausgeekelt?“
„Die Verfolgungen waren sozialer und ökonomischer Art. Boykott im Geschäftsleben, Aushungerung der Arbeiter, Aechtung in den freien Berufen, von den feineren, moralischen Leiden gar nicht zu sprechen, die ein höher organisierter Jude um die Jahrhundertwende zu erdulden hatte. Die Judenfeindschaft war mit den neuesten, wie mit den ältesten Mitteln thätig. Das Blutmärchen wurde aufgefrischt, aber gleichzeitig hieß es auch, daß die Juden die Presse — wie einst im Mittelalter die Brunnen — vergifteten. Die Juden wurden von den Arbeitern gehaßt, als Lohnverderber, wenn sie ihre Genossen waren; als Ausbeuter, wenn sie die Unternehmer waren. Sie wurden gehaßt, ob sie arm oder reich oder mittelständig waren. Man nahm ihnen das Erwerben, aber auch das Geldausgeben übel. Sie sollten weder produzieren noch konsumieren. Von den Staatsämtern wurden sie zurückgestoßen, vor den Gerichten hatten sie das Vorurteil gegen sich, überall im bürgerlichen Leben fanden sie Kränkungen. Unter diesen Umständen war es klar, daß sie entweder die Todfeinde einer von Ungerechtigkeiten strotzenden Gesellschaft werden oder nach einem Zufluchtsorte ausblicken mußten. Das letztere ist geschehen, und hier sind wir. Wir haben uns gerettet.“
„Altneuland!“ murmelte Friedrich.
„Jawohl, das ist es,“ sagte David Littwak ernst und bewegt. „Auf unserem alten teuren Boden haben wir uns eine neue Gesellschaft eingerichtet. Sie werden sie kennen lernen, meine Herren.“
„Der Deibel, das ist furchtbar interessant. Da giebt es riesig viel zu sehen. Ich wollte Sie nicht stören in Ihrer geschätzten Anklageschrift gegen das olle Europa, sonst hätte ich Sie nach einigen Bauten gefragt, an denen wir vorbeigefahren sind.“
„Ich werde Ihnen alles zeigen.“
„Hören Sie ’mal, geschätzter Mann und Jude, ich will Ihnen zuerst ein Geständnis ablegen, sonst bereuen Sie nachher Ihre Aufmerksamkeiten. Ich bin nämlich kein Jude. He? Nu werden Sie mich wohl ’rausschmeißen oder gelinde rausekeln, was?“
„Aber Kingscourt!“ wehrte Friedrich ab.
Ruhig sprach David Littwak:
„Daß Sie kein Jude sind, erkannte ich schon an einer Ihrer früheren Fragen. Lassen Sie sich sagen, daß meine Genossen und ich keinen Unterschied zwischen den Menschen machen. Wir fragen nicht, welchen Glaubens und welcher Rasse einer ist. Ein Mensch soll er sein, das genügt uns.“
„Millionen Bomben und Haubitzen! Und alle Bewohner dieser Gegend denken wie Sie?“
„Nein,“ bekannte David offen; „das sage ich nicht. Es giebt noch andere Strömungen.“
„Aha! Das dachte ich mir auch gleich, verehrter Menschenfreund!“
„Ich will Sie jetzt nicht mit unseren politischen Kämpfen langweilen. Die sind so wie überall in der Welt. Aber das kann ich Ihnen sagen: die Grundsätze der Menschlichkeit werden bei uns allgemein in Ehren gehalten. Und was die Religionen betrifft, Sie finden bei uns neben unseren Tempeln die Gotteshäuser von Christen, Mohammedanern, Buddhisten und Brahmanen. Die beiden letzteren Glaubensgesellschaften sind allerdings nur in den Seestädten vertreten, zum Beispiel hier in Haifa, in Tyrus, Sidon und in den größeren Orten längs der Bahn, die nach dem Euphrat führt, etwa in Damaskus und Tadmor.“
Friedrich staunte:
„Tadmor! Die Stadt Palmyra lebt wieder?“
David nickte bestätigend:
„Das große Schauspiel des allgemeinen Gottesfriedens werden Sie aber in Jerusalem genießen.“
„Mein Kopf, mein Kopf!“ stöhnte Kingscourt. „Wie soll man denn das alles auf einmal behalten?“
Sie waren an einer Straßenkreuzung angelangt, wo der größere Wagenverkehr eine augenblickliche Stauung verursachte. Das Automobil mußte halten. Da erkannten sie, wie praktisch die Schwebebahn war. Unter den dicken eisernen Doppelgeleisen sausten die großen Kasten hoch in der Straßenmitte dahin, ohne die Fußgänger zu stören oder von ihnen gestört zu werden.
Von diesem Punkte ihres erzwungenen Aufenthaltes blickten sie in mehrere Straßen. Die Mannigfaltigkeit der Baustile erfreute ihre Augen. Dann ging die Fahrt weiter durch lebhafte Stadtteile. Die Wohnhäuser waren zumeist klein und zierlich, offenbar nur für den Gebrauch der einzelnen Familie berechnet, wie man sie in belgischen Städten sieht. Umso stattlicher ragten die Kaufhäuser und die öffentlichen Gebäude, die als solche leicht erkennbar waren. David Littwak nannte ihnen einige im Vorüberfahren: das Seeamt, das Handelsamt, die Arbeitsvermittelung, die Unterrichtsverwaltung, das Amt für Elektrizität. Ein großer heiterer Palast, dessen Vorderseite eine freskengeschmückte Loggia hatte, fesselte ihre Aufmerksamkeit.
„Das ist das Bauamt,“ sagte David. „Hier haust Steineck, unser erster Architekt. Von ihm ist der Stadtplan entworfen worden.“
„Der Mann hatte eine große Aufgabe,“ sprach Friedrich.
„Groß, jawohl, aber auch freudig. Er durfte aus dem Vollen schaffen, wie übrigens wir alle. Nie in der Geschichte sind Städte so rasch und herrlich erbaut worden, wie bei uns, weil man nie vorher solche technische Mittel zur Verfügung hatte. Die Leistungsfähigkeit der Kulturmenschheit war ja in dieser Beziehung schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts kolossal. Wir brauchten nur die bekannten Dinge zu uns herüberzuverpflanzen. Wie das geschehen ist, werde ich Ihnen später noch erzählen.“
Sie waren jetzt in eine Villengegend der Stadt geraten. Der Fahrweg stieg an. Sie befanden sich auf dem Karmel. Hier standen schmucke Schlößchen inmitten duftender Gärten. An einzelnen Häusern maurischer Bauart bemerkten sie Holzgitter von engem Geflechte vor den Fenstern.
David kam der Frage zuvor:
„Hier wohnen einige vornehme Mohammedaner. Da sehen Sie gerade meinen Freund Reschid Bey.“
Vor dem schmiedeisernen Thore eines Gartens, an dem sie vorbeifuhren, stand ein schöner Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Zur dunklen europäischen Kleidung trug er das rote Fez. Er grüßte nach orientalischer Art, indem er mit der Rechten den Luftschnörkel machte, der das Aufheben und Küssen des Staubes bedeutet. David rief ihm einige Worte in türkischer Sprache zu, worauf Reschid mit leicht norddeutscher Betonung zurückgab:
„Wünsche eine recht anjenehme Unterhaltung!“
Kingscourt riß die Augen auf:
„Was ist denn das für’n Muselmännchen?“
David lachte:
„Er hat in Berlin studiert. Sein Vater war einer derjenigen, die den Vorteil der Judeneinwanderung sofort begriffen. Er machte unseren ökonomischen Aufstieg mit und wurde reich. Reschid ist übrigens auch Mitglied unserer neuen Gesellschaft.“
„Der neuen Gesellschaft?“ wiederholte Friedrich. „Was ist das für eine?“
Kingscourt setzte hinzu:
„Hochgeliebter Mann, uns müssen Sie wie neugeborene Kälber in allem Wissenswerten unterweisen! Wir kennen weder die alte noch die neue Gesellschaft.“
„Doch!“ sagte David. „Die alte kennen oder kannten Sie. Unsere neue werde ich Ihnen vorstellen, wenn wir mehr Muße haben. Jetzt ist dazu nicht mehr Zeit. Wir sind gleich dort, wo Sie sich fortab zu Hause fühlen sollen.“
Immer freier öffnete sich der Ausblick auf dem geschlängelten Wege. Nun lagen Stadt und Hafen von Haifa, die weite Bucht mit dem Gartenkranze und am anderen Ende Akka mit seinem Berghintergrunde vor den entzückten Augen der Fahrenden. Und nun waren sie ganz oben auf der Nordspitze des Karmel. Rechts und links, nach Norden und Süden dehnte sich das herrliche Gestade von Palästina, und vor ihnen weitete sich blau und goldig die endlose Fläche des Meeres. Weiße Schaumkämme flatterten wie Möven darüber hin, dem hellbraunen Strande zu.
David hatte den Wagen halten lassen, damit sie den einzigen Anblick genössen. Er stieg aus, und die Beiden folgten ihm. Er wandte sich zu Friedrich:
„Sehen Sie, Herr Doktor, das ist das Land unserer Väter!“
Und Friedrich wußte nicht, warum ihm bei diesen einfachen Worten des jungen Mannes die Augen von Thränen warm wurden. Doch war es eine andere Stimmung, als in jener Nacht von Jerusalem, zwanzig Jahre früher. Damals hatte er den mondbeglänzten Tod vor sich, und jetzt ein sonnenfreudiges Leben. Er blickte David an. Was war aus dem bettelhaften Judenjungen geworden! Ein frei und ernst schauender, gesunder, gebildeter Mann, der fest in seinen eigenen Schuhen zu stehen schien. Noch hatte David kaum eine Andeutung über seine eigenen Verhältnisse gemacht, aber es mochte ihm nicht schlecht ergehen, da er in dieser eleganten Gegend wohnte, wo es nur Villen und Schlösser gab. Er mußte aber auch ein angesehener Bürger sein, denn sie hatten unterwegs bemerkt, wie viele Leute ihn grüßten. Selbst ältere Personen kamen ihm mit dem Gruße zuvor. Jetzt stand er mit einem Ausdrucke tiefen Glückes in den Mienen auf der Karmelhöhe und sah hin über Land und Meer. Und jetzt erst glaubte Friedrich in dem freien Manne den merkwürdigen Knaben von der Brigittenauer Lände zu erkennen, der einst gesagt hatte, er wolle zurück nach dem Lande Israels!
3. Kapitel.
Friedrichsheim war ein helles, hohes Schloß maurischen Stils, umgeben von Gärten. Vor der weißen Freitreppe lag in Stein gehauen ein Löwe. Wieder mußte Friedrich an die Worte des kleinen Hausierersohnes denken, da vom Löwen Judas die Rede gewesen. „Was Juda gehabt hat, kann es wieder haben. Unser alter Gott lebt ja noch!“ hatte der Junge damals gerufen. Der Traum war erfüllt ...
Der Pförtner hatte ein Glockenzeichen gegeben, als David Littwak mit seinen Gästen durch das Gitterthor kam. Sie wurden an der Freitreppe von zwei Dienern erwartet.
„Ich lasse meine Frau und meine Schwester in den unteren Salon bitten,“ sagte David dem einen, der hierauf über die teppichbelegte Treppe der großen Eingangshalle in den ersten Stock hinaufeilte. Der andere Diener öffnete den Herren die Salonthüre. Sie traten in einen hochgewölbten Raum, der mit herrlichen Kunstwerken geschmückt war. Die Wände mit rosiger Seide verkleidet, die Möbel von der zarten englischen Bauart, an der Decke ein elektrischer Kronleuchter, schimmernd von Gold und Krystall. Eine Thüre und vier Fenster ließen durch hohe Spiegelscheiben das volle Tageslicht hereindringen. Man sah hinaus auf ein weiches Rasenparterre mit Blumenbeeten bis zur marmornen Brüstung, hinter welcher das Meer blaute. Im Salon standen zu beiden Seiten der Hauptthüre siebenarmige Leuchter von Mannshöhe aus Silber. An der einen Schmalwand ein großes Gemälde, das einen alten Mann mit einer alten Frau in einfacher dunkler Kleidung darstellte.
„Meine Eltern!“ bemerkte David, als er Friedrichs Augen darauf gerichtet sah.
„Ich hätte sie gewiß nicht erkannt,“ lächelte Friedrich. „Und wer ist das?“ Er deutete nach einem Oelbilde, das über dem mächtigen Kamin hing. Es war das Porträt einer schlanken, schwarzlockigen, jungen Dame von großer Schönheit.
„Das ist meine Schwester Mirjam. Sie werden sich gleich selbst überzeugen können, ob es ähnlich ist.“
Im nächsten Augenblicke traten die Damen ein: Mirjam und eine blühende junge Frau, die Gattin Davids.
„Sarah, Mirjam!“ rief der Hausherr mit leicht bebender Stimme. „Wir haben den teuersten, unerwartetsten Besuch erhalten. Dieser Tag hat mir die größte Freude meines Lebens gebracht. Ihr könnt nicht erraten, nicht einmal ahnen, wen wir zu beherbergen das Glück haben. Denjenigen, den wir für tot hielten, der unser Wohlthäter, unser Retter war!“
Die Damen blickten verwundert drein.
„Doch nicht — Friedrich Löwenberg?“ fragte das junge Mädchen.
„Er selbst, Mirjam! Er selbst! Da steht er.“
Da eilte sie auf den Gast zu, streckte ihm beide Hände entgegen, begrüßte ihn freudestrahlend wie einen alten Freund.
Es war ihm wunderlich und selig zu Mute, als er von dieser lieblichen Stimme seinen Namen aussprechen hörte. Er kam sich wie verzaubert vor an dem herrlichen Orte, unter den prächtigen Menschen.
„Und das ist Mr. Kingscourt, der Freund des Doktors, also auch unser Freund und werter Gast.“ Er berichtete kurz, wie er die Herren im Hafen erblickt und Friedrich sogleich erkannt hatte. Denn er hatte sich als kleiner Knabe die Züge des Nothelfers tief eingeprägt, und Friedrich war eigentlich wenig verändert. Selbstverständlich dürften die Herren in kein Hotel gehen, sondern müßten hier wohnen.
Frau Sarah wollte die Gäste gleich nach ihren Zimmern geleiten lassen. David übernahm dies aber selbst. Er bat die Herren, ihm zu folgen.
„Gehen wir hinauf! Ich möchte Ihnen oben auch einen jungen Mann vorstellen, der den hier nicht mehr ungewöhnlichen Namen Friedrich führt.“
So schritten alle fünf die Halltreppe hinauf in den ersten Stock. David führte und blieb vor der letzten Thüre des Korridors stehen.
„Hier hält sich dieses Individuum auf,“ sagte er glücklich lachend und öffnete.
Es war ein weißes Zimmer. In der Mitte thronte auf seinem hohen Kinderstuhl ein pausbackiges Baby. Es hatte sich die Schuhchen von den Füßen gestreift und war eben bemüht, auch die kleinen Strümpfe durch beharrliches Reiben der Zehen an den drallen Wädchen loszuwerden. Vor ihm stand seine ältliche Pflegerin mit einem Teller Milchspeise. Das Kind schlug lustig seinen Löffel auf den Brei, daß es nur so patschte, und schien diese Unterhaltung für wichtiger zu halten, als das Essen.
„Dieser Dummkopf ist mein Sohn Friedrich,“ rief David und es klang zum erstenmal etwas wie Stolz aus seinen Worten.
Aber Jung-Friedrich ließ den Löffel fahren. Kingscourts weißer Bart hatte es ihm angethan. Er jauchzte hoch auf und reckte dem Alten beide Aermchen entgegen. Kingscourt reichte ihm seinen Zeigefinger, und das Bübchen klammerte sich fest an.
Die Anderen wollten dann hinausgehen, Kingscourt blieb wie angewurzelt stehen.
Friedrich wandte sich in der Thüre um:
„Kommen Sie denn nicht mit, Kingscourt?“
„Der Kerl läßt mich nicht los!“ erwiderte er geschmeichelt. Und er blieb dann auch richtig noch eine ganze Stunde beim kleinen Friedrich.
Mit diesem Augenblicke begannen die Beziehungen zwischen dem alten Menschenfeinde Kingscourt und dem jüngsten Littwak. Man konnte nie Genaueres über den Inhalt ihrer Unterredungen erfahren, weil der kleine Fritz noch nicht sprechen konnte, und Kingscourt unter den furchtbarsten Flüchen leugnete, daß er das Kind lieb habe. Indessen wurde später durch Aussagen der Dienstleute festgestellt, daß Kingscourt oft in die Kinderstube geschlichen kam, wenn er wußte, daß kein anderer da war, und daß er sich zu den unvernünftigsten Streichen hergab. Er ließ das Kind auf seinen Schultern reiten oder legte sich platt auf den Boden, damit das Bürschchen gefahrlos an ihm herumklettern könne. Wenn das Fritzchen aber weinte, führte er, um es zu trösten, sehr erstaunliche Tänze auf und sang ihm uralte deutsche Lieder vor, wobei er seine rauhe Stimme recht wohlklingend zu machen versuchte.
Am ersten Tage seiner Bekanntschaft mit dem Kleinen fand sich Kingscourt ein wenig verlegen beim Mittagstische ein. Doch gab es so vielerlei zu fragen und zu erzählen, daß seine plötzliche Schwäche für das Bübchen unbemerkt und unerörtert blieb.
Sie saßen in dem holzgetäfelten Speisesaale und hielten eine gute Mahlzeit. Die Weine erregten besonders die Zufriedenheit Kingscourts. Er bekam die Auskunft, daß es durchwegs Palästinensische Weine seien, zum Teile sogar Eigenbau Davids. Mit der Weinkultur hatte ja die Kolonisation des Landes schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen. Die besten Rebensorten waren gepflanzt worden und gediehen vortrefflich.
Mirjam erhob sich vor Ende des Mahles. Sie mußte fort, zur Schule. Nachdem sie hinausgegangen war, beantwortete David eine Frage Löwenbergs:
„Ja, Mirjam ist Lehrerin. Sie unterrichtet im Mädchengymnasium. Ihre Fächer sind Französisch und Englisch.“
Kingscourt brummte:
„So? Das arme Mädel muß sich mit Stundengeben schinden?“
Es lag ein geheimer Vorwurf darin, den David lächelnd aufgriff:
„Sie thut es nicht um den Lebensunterhalt. So weit bin ich, Gott sei Dank, daß ich meine Schwester nicht darben lasse. Aber sie hat Pflichten und erfüllt sie, weil sie auch Rechte besitzt. In unserer Neuen Gesellschaft sind die Frauen gleichberechtigt mit den Männern.“
„Alle Deibel!“
„Daß sie das aktive und passive Wahlrecht haben, ist selbstverständlich. Sie haben treu mit uns gearbeitet am Aufbau unserer Einrichtungen, ihre Begeisterung für unseren Hochgedanken hat den Mut der Männer beflügelt. Es wäre die häßlichste Undankbarkeit gewesen, wenn wir sie an den Gesindetisch unseres Hauses oder in ein verschämtes Serail verwiesen hätten.“
„Sie sagten uns unterwegs,“ warf Löwenberg ein, „daß Reschid Bey auch ein Mitglied Ihrer Gesellschaft sei. Ihr Wort vom Serail bringt mich auf eine Frage.“
„Die ich errate, Herr Doktor. Niemand ist gezwungen, unserer Neuen Gesellschaft beizutreten. Wer in ihr aufgenommen wird, ist wieder nicht gezwungen, seine Rechte auszuüben. Das steht in seinem Belieben. Kannten Sie im alten Europa nicht auch Männer, die kein Interesse an den Wahlen hatten, nie zur Urne gingen und um keinen Preis eine Wahl angenommen hätten? So ist es mit dem Wählen und Gewähltwerden der Frauen in unserer Neuen Gesellschaft. Glauben Sie nur ja nicht, daß die Hausmütterlichkeit bei uns darunter gelitten habe. Meine Frau zum Beispiel geht nie in eine Versammlung.“
Frau Sarah lächelte:
„Daran ist aber nur Fritzchen schuld.“
Kingscourt träumte einen Augenblick von der Kinderstube und murmelte wie verloren:
„Das begreife ich.“
„Ja,“ fuhr David fort, „sie hat unseren Buben gesäugt und bei dieser Gelegenheit ihre unveräußerlichen Rechte ein bißchen vergessen. Früher gehörte sie der radikalen Opposition an. So habe ich sie auch kennen gelernt, als Gegnerin. Jetzt macht sie mir nur noch zu Hause Opposition — freilich die allergetreueste, die man sich denken kann.“
Dröhnend lachte Kingscourt:
„Das ist ’n verdammt gescheites Mittel, einer Opposition beizukommen. Das vereinfacht die politischen Zustände außerordentlich.“
Und David erklärte weiter:
„Ich muß Ihnen aber sagen, meine Herren, daß die Frauen bei uns vernünftig genug sind, sich nicht auf Kosten ihres Privatwohles mit den allgemeinen Angelegenheiten abzugeben. Es ist nicht nur ein weiblicher, es ist ein menschlicher Zug, daß man sich um das Erreichte nicht mehr viel kümmert. Der Zustand, den wir haben, wurde auch schon im vorigen Jahrhundert vorbereitet. Es gab in einzelnen Ländern Vertretungskörper von lokalem oder professionellem Wirkungskreise, in denen die Frauen als Wähler und Gewählte zugelassen wurden. Sie haben sich da als klug und tüchtig bewährt. Sie haben nicht mehr Zeit vertrödelt, kein dümmeres Zeug geschwätzt, als die Männer. Es lag wirklich kein Grund vor, diese günstige Erfahrung unbenützt zu lassen. Im übrigen ist die Politik bei uns kein Geschäft oder Beruf, weder für Männer noch für Frauen. Diese Seuche haben wir uns fernzuhalten gewußt. Leute, die von ihrer deklamierten Ueberzeugung zu leben versuchen, statt von ihrer Arbeit, werden rasch erkannt, verachtet und unschädlich gemacht. Die Gerichte haben wiederholt in Ehrenbeleidigungsfällen entschieden, daß ’Berufspolitiker’ ein Schimpfwort ist. Diese Thatsache sagt Ihnen wohl genug.“
„Wie besetzen Sie aber die öffentlichen Aemter?“ fragte Friedrich Löwenberg. „Gebäude, die Sie uns im Vorbeifahren zeigten, lassen doch die Annahme zu, daß es auch bei Ihnen Aemter giebt.“
„Gewiß. Wir haben besoldete und Ehrenämter. Die besoldeten werden aber nur nach der fachlichen Tüchtigkeit der Bewerber vergeben. Die Parteigänger, welcher Art sie auch seien, haben von vorneherein das gesunde Vorurteil aller gegen sich. Aktive Beamte dürfen sich überhaupt in keiner Weise an öffentlichen Diskussionen beteiligen. Anders ist es um die Ehrenämter bestellt. Für die Besetzung dieser haben wir einen einfachen Grundsatz. Die sich hervordrängen, schieben wir sachte beiseite. Wir bemühen uns, das echte Verdienst in seinen bescheidensten Schlupfwinkeln aufzustöbern. Darin sehen wir die Bürgschaft, daß unser teures Gemeinwesen nicht Strebern zum Raub werde. So ist der jetzige Präsident unserer Gesellschaft ein greiser, russischer Augenarzt. Der übernahm das Amt höchst ungern, weil er seine Praxis aufgeben mußte.“
„War die so einträglich?“ fragte Kingscourt.
„O nein, hauptsächlich eine Armenpraxis. Er hat sie seiner Tochter übergeben. Sie ist auch eine bedeutende Heilkünstlerin. Jetzt ist sie Vorsteherin der großen Augenklinik. Ein braves Frauenzimmer, hat nicht geheiratet, und widmete ihr Leben, ihre geschickte Hand den armen Leidenden. Sie ist so recht ein Beispiel, welcher Nutzen die alten Mädchen, die einsamen Frauen in einer vernünftigen Gesellschaft werden können. Ehemals wurden sie verspottet oder als Last empfunden. Bei uns wirken sie sich und anderen zum Heile. Das ganze Departement der öffentlichen Wohlthätigkeit ist in den Händen solcher Damen. Auch darin haben wir nichts Neues geschaffen, sondern nur das längst Vorhandene in ein System gebracht, ordentlich zentralisiert. Spitäler, Siechenhäuser, Kindergärten, Ferienkolonien, Volksküchen, kurz, alle milden Einrichtungen, die Sie schon in Europa kannten, sind bei uns zusammengefaßt und werden einheitlich verwaltet. Durch diese Organisation ist es möglich geworden, jedem Hilfsbedürftigen oder Kranken beizustehen. Es werden zwar bei uns an die öffentliche Wohlthätigkeit geringere Anforderungen gestellt, als es in den früheren Verhältnissen der Fall war, weil bei uns die Zustände — ich darf es wohl sagen — im allgemeinen gesünder sind. Aber Hilfsbedürftige giebt es auch hier, weil wir ja die Natur der Menschen nicht zu ändern vermochten. Schwäche, Sorglosigkeit, verschuldetes und unverschuldetes Unglück richten auch bei uns manchen zu Grunde. Wir helfen den Kranken durch Pflege, den Gesunden durch Arbeit. Das alles haben wir nicht erfunden, sondern nur angewendet und ausgebildet. Sie kannten sicherlich schon in der alten Zeit die Einrichtungen der Arbeitshilfe und Arbeitsvermittelung. Bei uns hat jeder ein Recht auf Arbeit, und somit auf Brot; dafür aber auch die Pflicht zur Arbeit. Den Bettel dulden wir nicht. Ein Gesunder, welcher Almosen nimmt, wird zu den schwersten Arbeiten gezwungen. Der mittellose Kranke braucht sich nur im Wohlthätigkeitsamte zu melden. Keiner wird abgewiesen. Die einzelnen Spitäler sind selbstverständlich mit der Zentrale telephonisch verbunden, und es wird durch rechtzeitige Vorkehrungen dem gelegentlichen Platzmangel vorgebeugt. Wir müßten uns ja schämen, wenn ein Leidender von Spittel zu Spittel wankte, wie es ehemals vorkam. Ist ein Krankenhaus voll, so stehen im Hofe Wagen, um den neuankommenden Patienten in die nächste aufnahmsbereite Anstalt zu bringen.“
„Das muß doch ungeheure Kosten verursachen,“ sagte Friedrich.
„Nein. Bedenken Sie, daß durch die planvolle Einteilung alles ökonomischer wird. Die alte Gesellschaft war schon an der Jahrhundertwende reich genug, nur litt sie an ihrer namenlosen Verworrenheit. Sie war eine überfüllte Schatzkammer, in der man keinen Suppenlöffel fand, wenn man ihn brauchte. Die Leute waren keineswegs dümmer oder schlechter, als wir — oder, wenn Sie wollen, wir sind nicht klüger oder besser, als jene waren. Der Grund des Gelingens unserer sozialen Versuche ist ein anderer. Wir haben unsere Gesellschaft gleichsam ohne erbliche Belastung eingerichtet. Zwar haben auch wir an die Vergangenheit angeknüpft, und wir mußten es — der alte Boden, das alte Volk — nur haben wir die Einrichtungen verjüngt. Die Völker mit ununterbrochener Geschichte mußten Lasten tragen, die ihre Väter auf sich genommen hatten. Wir nicht. Am deutlichsten sehen Sie das am Beispiel irgend eines der Staatshaushalte, die Sie ehemals kannten. Da bildeten die Zinsen und Amortisationen längstvergangener Schulden einen riesigen Rechnungsposten. Es gab nur zweierlei: entweder den schimpflichen Bankerott, oder das seufzende Fortschleppen der schweren alten Lasten. Die Neue Gesellschaft war von vorneherein in einer günstigeren Lage. Ich werde Ihnen das noch im einzelnen zeigen. Jetzt will ich nur Ihre Frage nach den Kosten der Wohlthätigkeitsanstalten beantworten. Obwohl diese Anstalten bei uns für alle Notfälle ausreichen, allen Schwachen und Kranken zweckmäßig helfen, sind sie doch weit billiger. Die Bauten und Einrichtungen wurden und werden, wie es schon früher in jeder zivilisierten Gesellschaft geschah, aus öffentlichen Mitteln bestritten, insoweit die bei uns Juden von jeher üblichen Tempelspenden und letztwilligen Verfügungen nicht ausreichen. Für das pflegende Personal aber haben wir durch ein System von Mitgliedspflichten vorgesorgt. Alle Mitglieder der Neuen Gesellschaft, die männlichen wie die weiblichen, müssen zwei Jahre ihres Lebens dem öffentlichen Dienste widmen. In der Regel ist es die Zeit vom achtzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahre, nach Vollendung der Studien. Dabei will ich schon jetzt bemerken, daß der Unterricht auf allen Stufen, mit Einschluß der Universität, für die Kinder unserer Mitglieder unentgeltlich ist. In der zweijährigen öffentlichen Dienstpflicht haben wir also ein unerschöpfliches Reservoir von Hilfskräften für alle diejenigen Anstalten und Arbeiten, deren allgemeine Nützlichkeit von der Gesellschaft anerkannt ist. Geleitet werden die Anstalten und Arbeiten von besoldeten Beamten.“
„Ich verstehe,“ sagte Friedrich. „Ihre Armee besteht aus Berufsoffizieren und Freiwilligen.“
„Ich acceptiere das Gleichnis,“ erwiderte David. „Aber mehr als ein Gleichnis ist es nicht. Ein Kriegsheer giebt es nämlich in der Neuen Gesellschaft nicht.“
„Au weh!“ spottete Kingscourt.
David lächelte:
„Was wollen Sie, Mr. Kingscourt? Nichts ist vollkommen auf Erden, also auch unsere Neue Gesellschaft nicht. Wir haben ja keinen Staat, wie die Europäer Ihrer Zeit. Wir sind eine Gesellschaft von bürgerlichen Leuten, die nur durch Arbeit und Bildung ihres Lebens froh werden wollen. Wir begnügen uns damit, unsere Jugend auch körperlich tüchtig zu machen. Wir bilden wie den Geist so den Leib unserer Jugend. Turn- und Schützenvereine genügen uns für diesen Zweck, wie sie in der Schweiz genügten. Auch haben wir Wettspiele nach englischem Muster: Cricket, Fußball, Rudern. Auch diese bewährten Dinge haben wir übernommen, und sie bewähren sich nun bei uns. Einst waren die Judenkinder bleich, schwach und scheu. Sehen Sie sie heute an! Die Erklärung dieser wunderbar scheinenden Verwandlung ist die einfachste von der Welt. Wir haben sie aus dumpfen Kellerlöchern, Elendhütten, Proletarierstuben an das Licht gebracht. Pflanzen gehen ohne Sonne zu Grunde, Menschen auch. Pflanzen kann man retten, wenn man sie in den von ihrer eigenen Art geforderten Boden setzt, Menschen auch. So ist es geschehen!“
Friedrich Löwenberg sprach sinnend:
„Wenn man Ihnen zuhört — und all das, was Sie uns schon gezeigt haben und noch zu zeigen versprechen, will es ja bestätigen — so möchte man glauben, daß es eine wirkliche Begebenheit und keine Utopie sei. Und doch fehlt mir etwas. Den Umfang und die Bedeutung Ihrer Neuen Gesellschaft beginne ich zu ahnen. Sie werden sie uns gewiß noch näher erklären. Das bringt mich auch gar nicht in Verwirrung. Etwas anderes ist es. Ich gebe ja zu, daß Sie uns lauter Dinge vorführten, die uns nicht befremden dürfen, weil wir sie sämtlich schon in Europa, obwohl nur zerstreut und ohne Harmonie geschaut haben. Aber wenn ich auch sehe, höre, greife — begreifen kann ich nicht, wie das entstehen konnte. Wie soll ich mich nur ausdrücken? Ich verstehe den neuen Zustand, soviel ich bisher von ihm weiß, vollkommen — nur sein Werden verstehe ich nicht. Der Uebergang von dem alten Zustande, den ich kannte, in den neuen ist mir unerklärlich. Käme ich heute auf die Welt, so würde ich das alles hinnehmen, wie ich das Gewordene meiner Zeit als vernünftig hinnahm. Gewiß hätte ich auch damals vieles als wunderbar und unwahrscheinlich empfunden, wenn ich es plötzlich mit dem entfremdeten Blick eines zwanzig Jahre Abwesenden erschaut hätte. Wären wir beispielsweise von 1880 bis 1900 weg gewesen, so hätten uns im elektrischen Licht, im Telephon, in der Kraftübertragung durch den Draht viel größere Ueberraschungen erwartet. Sie setzen uns hingegen nichts technisch Neues vor, und ich glaube doch zu träumen. Der Uebergang fehlt mir.“
„Den will ich Ihnen auch zeigen,“ sagte David. „Ich werde Ihnen meine eigene Geschichte erzählen, in der Sie selbst eine so große Rolle gespielt haben. Nur nicht hier, nicht jetzt. Sie werden von der Reise müde sein. Ruhen Sie vor allem! Abends wollen wir, wenn Sie Lust haben, in ein Theater gehen, in die Oper oder in das deutsche, englische, französische, italienische, spanische Theater.“
„Schwere Not!“ schrie Kingscourt, „das alles giebt es hier? Also wie in Amerika zu meiner Zeit? Da gab es ja auch Schauspieler aus aller Herren Ländern. Aber daß Sie das hier haben ...“
„Ist doch gewiß nicht erstaunlich. Von Europa ist es hierher viel näher, als nach Amerika. Auch haben es die Leute, denen vor der Seekrankheit bangt, bequemer, nach Palästina zu kommen. Das im vorigen Jahrhundert begonnene Netz der kleinasiatischen Bahnen ist längst ausgebaut. Man fährt im Eisenbahnwagen nach Damaskus, Jerusalem oder Bagdad. Seit die Eisenbahnbrücke über den Bosporus fertig ist, kann man ja überhaupt ohne den Wagen zu wechseln von Petersburg oder Odessa, von Berlin oder Wien, von Amsterdam, Calais, Paris, Madrid und Lissabon nach Jerusalem fahren. Die großen europäischen Expreßlinien haben sämtlich Anschluß an die Linie nach Jerusalem, sowie die palästinensischen Bahnen wieder Anschluß nach Egypten und Nordafrika haben. Die nord-südafrikanische Linie, für die sich der deutsche Kaiser schon in den neunziger Jahren interessierte, und die sibirische Bahn nach den Grenzen Chinas ergänzen dieses Eisenbahnnetz der alten Welt. Wir befinden uns an einer vorzüglichen Stelle dieses Netzes.“
„Hol’s der Deibel, das ist ’ne dolle Nummer!“
„Sie werden sich doch nicht über Eisenbahnen wundern, die Sie selbst gesehen haben, Mr. Kingscourt? Das ist nichts Uebernatürliches. Die russisch-chinesische Bahn war vor zwanzig Jahren schon fertig, die Bagdadbahn im Bau, die Nil-Kap-Bahn geplant. Unerklärlich müßte man es nur finden, wenn Palästina, genau im geographischen Mittelpunkte der Verkehrskreuzung zwischen Europa, Asien und Afrika liegend, noch länger ausgeschaltet geblieben wäre.“
„Nee, lieber Hausherr, darüber wundere ich mich nicht. Sondern — darf ich es sagen? — daß Ihr Juden das gemacht habt. Sie nehmen mir’s nicht krumm?“
Friedrich bemerkte:
„Offen gesagt, das ist auch mein Erstaunen. Uns Juden hätte ich das nicht zugetraut.“
David sagte gelassen:
„Nur wir Juden konnten es. Nur wir allein. Nur wir waren im Stande, diese Neue Gesellschaft und diesen Verkehrsmittelpunkt zu schaffen. Eins griff ins andere, und es konnte nur durch uns, durch unsere Schicksale hindurchgehen. Unsere moralischen Leiden waren dazu notwendig wie unsere wirtschaftlichen Erfahrungen und unser Kosmopolitismus. Doch genug davon für heute. Ruhen Sie jetzt, unterhalten Sie sich dann. Morgen in Tiberias erzähle ich Ihnen weiter.“
4. Kapitel.
An eine Fortsetzung der Reise nach Europa war vorläufig nicht zu denken. Friedrich Löwenberg meinte zwar aus Diskretion, er müsse seinem Freunde diesen Vorschlag machen, weil Kingscourt sich wohl kaum für die Schicksale des jüdischen Volkes interessieren mochte. Aber der Alte erklärte mit Entschiedenheit, daß er da bleiben wolle, so lange man sie dulde. Das sei doch eine ganz verdammt kuriose Geschichte, die sich da mit den Juden abgespielt habe. Und wenn der Herr Dr. Friedrich Löwenberg für seine eigene Nation keine Teilnahme mehr habe, er, Kingscourt, sei kein solcher Unmensch.
Kurz und gut, als der Steuermann von der Jacht heraufkam, wurde ihm bedeutet, daß man in Haifa bleibe. Kleider und Wäsche sollten nach Friedrichsheim geschickt werden, und die Mannschaft könne sich ein paar gute Tage machen.
Die Fremdenzimmer, in denen sie untergebracht waren, grenzten aneinander. Kingscourt stand in Hemdärmeln auf der Schwelle der Verbindungsthüre und machte heftig gestikulierend seine Randbemerkungen zu allem, was sie bisher gesehen und gehört hatten. Friedrich ruhte in einem Lehnstuhl und blickte träumend zur offenen Terassenthüre hinaus aufs Meer. Ein herrlicherer Aufenthaltsort ließ sich nicht denken. Und was waren das für prächtige Menschen, die sich in diesem hohen und freien Wohlstand so gelassen bewegten. David heiter und energisch, selbstbewußt und doch nicht unbescheiden. Seine Frau neben ihm ein glückliches Bild der jungen und frohen Mütterlichkeit. Und dieses anmutige, edle Mädchen Mirjam, ernsteren Pflichten ergeben, als es vormals der Brauch gewesen in reichen, jüdischen Häusern. Nach langen Jahren zum erstenmal mußte er wieder an Ernestine Löffler denken, die er so thöricht geliebt, und die ihm den Abschied vom Leben so leicht gemacht hatte. Ob wohl Mirjam auch fähig wäre, eine solche Ehe einzugehen, wie einst Ernestine? Er wußte selbst nicht, wie er auf diese komische Frage kam. Nein, das war ein anderes Mädchen, und das waren andere Menschen als die im widerwärtigen Löfflerschen Kreise. Wer weiß, ob es damals nicht besser gewesen wäre, männlicher, menschenwürdiger, zu streben und zu kämpfen, statt sich vor dem Leben zu flüchten.
„Kingscourt!“ seufzte er aus diesem Gedankenzuge heraus, „ich frage mich, ob unser Schiff keinen falschen Kurs hatte, als wir die selige Insel dort drüben suchten. Womit habe ich nun zwanzig schöne Jahre verbracht? Mit Jagen, Fischen, Essen, Trinken, Schlafen, Schachspielen ...“
„Und mit einem alten Esel, was?“ brummte Kingscourt verletzt.
„Den alten Esel schieben Sie mir unter,“ lachte Friedrich, „ohne Sie könnte und möchte ich ja nicht mehr existieren. Aber es ist doch schade, daß man nicht nützlicher war. Da ist nun die Welt um solch ein Stück weiter gekommen, und man hatte kein Teil daran, kein Verdienst.“
„Nee, so was. Nu war der Mensch zwanzig Jahre in meiner Schule und hat noch solche Gedanken. Sagen Sie gleich, daß Sie Mitglied der Neuen Gesellschaft sein möchten.“
„Ich sage es nicht, weil ich sie noch nicht genügend kenne. Aber minder abstoßend, als die frühere, kommt sie mir doch vor.“
„Minder abstoßend? Minder abstoßend!“ schäumte der Alte. „Bitte, treten Sie nur in die saubere Gesellschaft ein. Ich kann ja allein weiterdampfen und sehen wie ich mit mir fertig werde.“
„Regen Sie sich nicht auf, Kingscourt! Ich werde nicht länger hier bleiben, als Sie selbst.“
„Das ist ein Wort?“
„Mein Ehrenwort ... Und ich werde auch nicht in Davids Neue Gesellschaft eintreten. Es wäre denn ...“
„Was?“
Friedrich lächelte bei diesem Gedanken:
„Es wäre denn — daß Sie auch eintreten.“
So gelacht hatte Kingscourt schon lange nicht.
„Fritze, hahaha, was haben Sie doch für pudelnärrische Einfälle. Oh hoh hahaha. Sehen Sie mich als Mitglied einer jüdischen Gesellschaft! Mich, Adalbert von Königshoff, einen königlich preußischen Offizier und christlichen germanischen Edelmann. Nee, Fritze, das ist zu jut, zu jut.“
„Der Junker spricht.“
„Da is er nu gleich pikiert. In meinen Augen sind Sie ja ’ne Ausnahme. Einer is Keiner.“
„Und was haben Sie gegen David Littwak einzuwenden?“
„Vorläufig nischt. Scheint ’n ganz strammer Kerl zu sein ...“
Ihr Gespräch wurde durch den Hausherrn unterbrochen, der kam, sich nach ihren Wünschen zu erkundigen. Ob sie sich schon für ein Theater oder Konzert entschieden hätten. Er legte ihnen den Vergnügungsanzeiger einer Zeitung vor.
Kingscourt deutete auf das Blatt, ohne zu lesen:
„Wachsen noch immer so viele Lügen in der Welt?“
„Nur so viele, als die Leser wollen,“ entgegnete David.
„Also enorm viel,“ schmunzelte Kingscourt.
„Das ist ganz verschieden. Im allgemeinen sind die genossenschaftlichen Blätter wahrheitsliebend und anständig.“
„Was für Blätter?“
„Die genossenschaftlichen. In unserer mutualistischen Wirtschaftsordnung mußten auch die Tageszeitungen natürlich diesen Charakter annehmen.“
Kingscourt unterbrach ihn:
„Halt, halt! Nicht zu schnell! In welcher Wirtschaftsordnung leben Sie?“
„In der mutualistischen. Stellen Sie sich aber darunter keine eisernen Regeln, keine unbeugsamen Grundgesetze, überhaupt nichts Hartes, Steifes, Doktrinäres vor — sondern einen harmlos und natürlich fließenden Gebrauch. Auch das hat schon zu Ihrer Zeit existiert, wie alles andere, was Sie bei uns sehen. Es gab Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften aller Art. Alle Arten werden Sie auch bei uns wirksam finden. Das ganze Verdienst unserer Neuen Gesellschaft besteht nur darin, daß sie das Aufkommen und Gedeihen der Genossenschaften durch Kredit und — was wichtiger war — durch die Unterweisung der Massen gefördert hat. In der Wissenschaft des vorigen Jahrhunderts war die Bedeutung der Genossenschaften längst klar gestellt worden. Im praktischen Leben rangen sie sich nur schwer und zufällig durch. Die Genossen waren in vielen Fällen zu schwach, um bis an den Erfolg, der kommen mußte, durchzuhalten. Sie hatten auch mit der dumpfen oder offenen Gegnerschaft bedrohter Interessen zu kämpfen. Die Lebensmittelhändler waren selbstverständlich über die Konsumvereine nicht sehr froh. Die Möbelfabrikanten waren von den Tischlergenossenschaften nicht entzückt. Alle Trägheit, alle Reibungswiderstände, alle Hemmungen eingealterter Zustände wirkten gegen die Entstehung der Genossenschaften. Und doch ist das die mittlere Form zwischen Individualismus und Kollektivismus. Der Einzelne wird nicht der Anregungen und Freuden des Privateigentums beraubt, und dennoch kann er sich im Zusammenstehen mit Genossen der kapitalistischen Uebermacht erwehren. Der Jammer, der Fluch ist von unseren Armen genommen, daß sie am Erzeugnisse weniger verdienen und den Verbrauch teurer bezahlen, als die Reichen. Bei uns ist das Brot des Armen ebenso billig, wie das des Reichen. Es giebt keinen Lebensmittelwucher. In der alten Gesellschaft wären hunderttausende von Händlern dabei zu Grunde gegangen. Wir ließen die Händler alten Stils gar nicht erst entstehen, sondern richteten von Anfang an die Konsumvereine ein. Da haben Sie wieder den Vorzug unserer Lastenfreiheit. Wir mußten niemanden zu Grunde richten, um unseren armen Massen zu helfen.“
„Aber die Zeitung?“ fragte Friedrich. „Wir sprachen von Zeitungen. Wie können die genossenschaftlich eingerichtet werden? Gehören sie sämtlichen Redakteuren, oder wie ist das?“
„Sehr einfach. Die genossenschaftliche Zeitung gehört den Abonnenten. Der Abonnementsbetrag ist die Einlage der Mitglieder, die darüber hinaus nicht haften. Je größer der Leserkreis, umso bedeutender sind die Einnahmen aus Inseraten und Ankündigungen verschiedener Art. Dieser Gewinn gebührt eigentlich den Lesern oder wenigstens den Abonnenten, und er wird zum Jahresschluß den Mitgliedern rückvergütet. So daß in besonders günstigen Fällen die Abonnenten schließlich ihre Einlage ganz wiedererhalten. Es ist auch schon vorgekommen, daß sie mehr als die Einlage erhielten.“
„Fabelhaft! Unglaublich fabelhaft,“ schrie Kingscourt. „Da kriegt man also eine Prämie für fleißiges Zeitungslesen?“
„Ja, haben Sie denn in Europa und Amerika nie davon gehört, welche Einkünfte die großen Zeitungen hatten? Sie wurden auch immer billiger, obwohl die Ausgaben für Depeschen und Mitarbeiterhonorare sich riesig steigerten. Die größten Blätter wurden unter den Entstehungskosten hingegeben, und dabei wuchs der Gewinn der Unternehmer doch immer mehr. Darin war also schon das Prinzip der Gewinnvergütung an die Abonnenten enthalten. Dasselbe finden Sie hier bei uns, nur gelangt auch der Löwenanteil des Unternehmers zur Verteilung an die Mitglieder der Zeitungsgenossenschaft. Die Redaktion ist der geschäftsführende Ausschuß, und Sie können versichert sein, daß diese hochstehenden Arbeiter, deren Geist ja das bedruckte Papier erst lesenswert macht, besser daran sind, als früher. Sie sind es, die das Geld für die Abonnenten verdienen, und dafür hat auch der gewöhnliche Mann das Einsehen. Es kommt die Dankbarkeit für die guten, schönen und gerechten Aufsätze hinzu, durch die Tag um Tag die allgemeine Bildung gepflegt und erweitert wird. Unsere Zeitungen ergänzen den Volksunterricht unermüdlich, sie belehren, aber sie unterhalten auch; sie dienen den praktischen Bedürfnissen des Verkehrs, des Handels und der Industrie nicht minder eifrig, als der Kunst und Wissenschaft. Und wie anders freudig arbeiten diese Journalisten im Bewußtsein ihrer öffentlichen Wichtigkeit und des zu erwartenden rückhaltlosen Dankes. Um wieviel ernster nehmen sie ihre Aufgabe, für die es nunmehr auch eine Verantwortung giebt.“
„Das klingt verführerisch,“ warf da Friedrich ein. „Nur scheint mir, daß solche genossenschaftliche Zeitungen den Launen der Menge sklavisch unterworfen sein müssen. Die Redaktion, in ihrer ganzen Existenz von den Lesern abhängig, wird augendienern, dem Publikum schmeicheln, den Leidenschaften der Abonnenten zu fröhnen suchen.“
„Wenn dem so wäre,“ entgegnete David, „wäre das vielleicht etwas neues? Hat es nicht auch früher solche Erscheinungen gegeben? Es gab Redakteure, die ängstlich nach den Stimmungen des Publikums aushorchten und auslugten, die das Eine verschwiegen und das Andere übertrieben, je nachdem sie glaubten, es ihren Lesern recht zu machen. Und dabei waren sie erst noch im ungewissen, ob sie es auch trafen. Anders jetzt. In den jährlichen Versammlungen wird Rechenschaft gegeben, aber auch vom organisierten Publikum der Zeitung für die Zukunft eine Richtschnur erteilt.“
„Gräßlich!“ rief Kingscourt. „Versammlungen von hunderttausend Abonnenten!“
„Wo denken Sie hin? Die Abonnenten wählen hundert oder zweihundert Vertrauensmänner, die das besorgen. Der Vorgang ist einfach. In der Zeitung selbst kandidieren Leute für dieses kurze Amt. Der Abonnementsschein hat einen Koupon, der als Wahlzettel dient. Fünfhundert oder tausend übergeben ihre Wahlzettel einem Vertrauensmann für die Generalversammlung. Ein solcher pflegt in der Zeitung selbst zu inserieren: Ich gedenke in der Generalversammlung diesen und diesen Standpunkt einzunehmen. Wer mit mir einverstanden ist, möge mir seinen Zettel einschicken.“
„Schön,“ sagte Friedrich; „dem Publikum wird reichlich Rechnung getragen. Aber darin sehe ich noch keinen Vorteil für das Volk. Die neuen Gedanken und Bewegungen werden selten gleich verstanden. Sie könnten es ebensogut Kindern anheimstellen, ob sie etwas lernen wollen, wie dem Publikum, ob es seine Anschauungen verbessern, erneuern oder vertiefen will. Ihre öffentliche Meinungsgenossenschaft muß notwendig zur Volksverdummung in den extremsten Formen, nämlich zu Reaktion und Revolution führen. Die Leute werden entweder taub gegen den Wert des Neuen oder blind gegen den Wert des Alten sein. Der Nutzen einer geistigen Führung, die nur vom begabten Individuum kommen kann, geht Ihnen verloren.“
„Sie haben mich nicht ausreden lassen, Herr Doktor. Ich sagte nicht, daß die genossenschaftliche Zeitung die einzige Form sei. Diese ist nur an Stelle derjenigen Publizitätsunternehmungen getreten, welche durch den Umfang der Anlage, die Kosten der technischen Herstellung und den teuren Nachrichtendienst einen großindustriellen Charakter hatten. Wir haben aber auch Zeitungen, die von einzelnen gemacht und geführt sind. Ich selbst besitze eine solche. Ich brauche sie in dem Kampfe, den ich gegenwärtig in unserer Neuen Gesellschaft auszufechten habe. Mein Hauptgegner, der Rabbiner Dr. Geyer hat auch sein eigenes Blatt. Ich werde meine Zeitung nicht länger herausgeben, als der Streit dauert. Geyer wird es wahrscheinlich anders halten, denn er lebt von diesem Hader. Und so giebt es noch vielerlei im Eigentum einzelner befindliche und als solche kenntliche Zeitungen, die verschiedenen Zwecken dienen. Kommt eine neue Richtung, tritt ein schöpferischer Geist auf, so können sie sich in der öffentlichen Meinung bethätigen. Gewiß werden sie auch recht bitter zu kämpfen haben, gleichwie in der vorigen Zeit. Sie werden den Ernst ihrer Ueberzeugungen, ihren Mut, ihre Ausdauer erhärten müssen, und das ist nicht schlecht. Glauben Sie mir, wir sind durch unseren Mutualismus nicht ärmer geworden an kräftigen Individualitäten, sondern reicher. Der Einzelne wird bei uns weder zwischen den Mühlsteinen des Kapitalismus zermalmt, noch von sozialistischer Gleichmacherei geköpft. Wir kennen und schätzen die Entwickelung des Individuums, so wie wir seine wirtschaftliche Basis, das Privateigentum, respektieren und schützen.“
„Na, Gott sei Dank!“ sagte Kingscourt, „ich dachte schon, Ihr hättet den Unterschied von Mein und Dein aufgehoben.“
„Dann wäre wohl das alles, was Sie schon gesehen haben und noch sehen werden, nicht entstanden,“ erklärte David. „Nein, so verrückt waren wir nicht. Den Ansporn zur Arbeit, Bemühung, Entdeckung und Erfindung haben wir nicht aus der Welt geschafft. Die größere Begabung muß ihre größere Talentrente, die größere Anstrengung ihren größeren Lohn haben. Den Reichtum brauchen wir, als Lockung für die Strebsamen und als Nahrung für die seltene Kunst. Ich selbst gehöre zu den besser Bemittelten. Ich bin Schiffsrheder. Meine Unternehmung ist von der Art derjenigen, die nach wie vor nur von einzelnen oder von Aktiengesellschaften mit Erfolg betrieben werden können. Das ist ja ein Hauptvorzug des Mutualismus, daß er das Fortbestehen und Neubegründen anderer wirtschaftlicher Formen nicht ausschließt. In meinem Hause werden Sie zum Beispiel eine interessante Mischform finden. Ich bin der Eigentümer der Firma. Meine Arbeiter bilden untereinander eine Genossenschaft, die mir gegenüber immer selbständiger wird, und zwar mit meinem Willen, meiner Unterstützung. In den Anfängen meiner Unternehmung und ihrer Genossenschaft hatten sie nur einen Konsumverein, der sich zur Sparkasse erweiterte. Sie müssen bedenken, daß unsere Arbeiter als Mitglieder der Neuen Gesellschaft ohnehin für Unfälle, Krankheit, Alter und Tod versichert sind. Ihre Sparkraft wird somit nicht zersplittert. Ich habe freiwillig ihre Spargenossenschaft durch Zuweisung eines Gewinnanteiles gestärkt. Ich that es nicht aus Edelmut, sondern aus Egoismus, weil ich mir dadurch außer ihrer Arbeitshingebung auch noch den günstigen Verkauf meines Unternehmens sicherte für den Zeitpunkt, in dem ich mich vom Geschäfte zurückziehen werde. Dann verwandle ich meine Rhederei in eine Aktiengesellschaft und habe für diesen Fall der Spargenossenschaft meiner Arbeiter das Vorkaufsrecht auf Grundlage einer mäßigen Verzinsung schon im Vorhinein eingeräumt. Darum sind meine Arbeiter auch meine besten Freunde. Es giebt zwischen uns weder Lohnstreitigkeiten, noch andere. Es ist, wenn Sie wollen, das patriarchalische Verhältnis, aber in den modernsten Verkehrsformen ausgedrückt. Wenn ein Aufwiegler zu meinen Arbeitern käme, brauchte ich ihn nicht gewaltsam entfernen zu lassen — sie würden ihn einfach hinauslachen. Sie wissen, woran sie sind, und damit hat aller unklare Sozialismus ein Ende.“
Kingscourt brummte gemütlich:
„Sie sind noch ein junger Mensch und halten schon so verdammt weit.“
„Ich habe eben früh angefangen. Wir waren unter den ersten Einwanderern. Persönliches Verdienst war es nicht, oder nur zum geringeren Teile. Der allgemeine Aufschwung hat mich mit hinaufgetragen. Aber das will ich Ihnen erst in Tiberias erzählen.“
„Warum in Tiberias?“ fragte Friedrich.
„Sie werden dort den Grund erfahren, da Sie wahrscheinlich keine Ahnung haben, welches Fest wir begehen ... Jetzt aber wählen Sie endlich Ihre Abendunterhaltung, meine Herren. Wollen Sie lieber das Programm aus der gesprochenen Zeitung hören?“ Er nahm zwei Hörmuscheln von der Wand, an der sie hingen, und reichte sie seinen Gästen.
Kingscourt lachte:
„Euer Hochwohlgeboren, damit imponieren Sie mir nicht. Den Zauber kenn’ ich. Eine solche Telephonzeitung war schon vor fünfundzwanzig Jahren in Budapest im Betrieb.“
„Ich wollte Ihnen durchaus nichts neues zeigen. Uebrigens ist auch diese gesprochene Zeitung eine genossenschaftliche.“
„Die wird aber kein Erträgnis abwerfen, da es keine Inserate giebt?“
„Im Gegenteil. Diese Ankündigungen werden am höchsten bezahlt. Den Inseratenteil der gedruckten Zeitungen muß der Leser nicht anschauen, er kann darüber hinwegblättern. Hingegen ist er gegen die Reklame wehrlos, die aus diesen Muscheln kommt. Horchen Sie, vielleicht wird gerade eine verlesen.“
S
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