(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Johannes Robert Becher and John [Illustrator] Heartfield
Johannes R. Becher
(CHCl=CH)3As (Levisite) oder Der einzig gerechte Krieg
Roman
Wien-Berlin 1926. Agis-Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Agis-Verlag, Wien. Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
„Ich kann nicht schweigen, denn ich will nicht mitschuldig werden.“
Zola
„Ich sage mich los: von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des Zufalls; von der dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein stumpfer Sinn nicht erkennen will ...“
Clausewitz
_De te fabula narratur._
Deine Sache, Leser, ist es, die hier verhandelt wird!
Einleitung
Hände weg!
Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, übersättigt und bis zum tödlichen Erbrechen gelangweilt, nur wieder einige Euerer müßigen Stunden totschlagen wollt!
Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine Kränze.
Das spannungslose Gesabber unserer offiziellen Poeten befriedigt schon übergenug solche Bedürfnisse.
Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühnheit, Todesverachtung der Einzelnen, Nüchternheit, Zielsicherheit und Klarheit. Zusammenschluß, eine untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres Angesichts Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren Sprenggänge die Fundamente dieser verrotteten Gesellschaft eines Tags völlig unterwühlt haben werden ...
Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen, phantastische Konstruktionen oder um Wahnbildungen. Es handelt sich hier um Tatsachen, um Taten, um Ereignisse.
Es geht um das, was ist.
Es geht hart auf hart.
Es geht um das, was gewesen ist.
Es geht um das, was sein wird. –
* * * * *
Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der über den Wassern schwebt“, es ist aus der Wirklichkeit geboren, und es trägt, unverschminkt allen sichtbar, noch deutlich das Zeichen dieser Marter-Hölle an sich. Auch der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig: die Gelenke im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brecheisen. Ein blutiges Muskelspiel zuckt ... Das ist nicht der klassische wohlgepflegte Leib, nicht die parfümierte Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wundenlöchern über und über ausgefüllte Dulderleib des werktätigen Volks am Pfahl der Kreuzigung: mitten im Qualm von Gasschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen – das ist der Dulderleib des werktätigen Volks in jenem geschichtlichen Zeitabschnitt, da er sich vom Kreuzstamm losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger vor sich in die Knie zwingt ... Ein millionenstimmiger Schrei, ein Aufruhr- und Klagelied, gesungen von Millionen metallischen Feuerzungen. –
Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig wieder selbst Anteil haben an den Kämpfen, deren Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer stehen, und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote Fahne, unter der es als ein Soldat der Revolution dient. –
* * * * *
Es wird nur wenig von „Liebe“ die Rede sein.
Dieses Buch ist ein Heldengedicht.
Wo Millionen „Hunger“ schreiend – zuerst eine formlose Masse noch, dann aber immer deutlicher Gestalt gewinnend – sich herauf auf das Plateau der Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik solcher Tage tönt auch die Stimme des Bluts als Metall. Stirnen wölben sich gegeneinander, wie gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt Kampftempo und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen Menschen stößt vor in die Zukunft als Stichflamme. Und ein anderer, als der, der einst du gewesen bist, findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu geboren aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. –
* * * * *
Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen in die Zukunft hat längst begonnen. Kampfplatz ist die Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr nach Nationen oder Erdteilen abgesteckt. Alle Grenzpfähle der Welt schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogelscheuchen ... Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß untereinander verbunden sind, überall auf der ganzen Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien, gewittert es ...
* * * * *
Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am Rande des Abgrunds! –
Gewidmet der kommenden deutschen sozialen Revolution! –
_Berlin_, zum 4. August 1925.
Johannes R. Becher
1. Kapitel.
„Deutschland über alles ...!“
Episode aus den Novembertagen 1918. – „Deutschland über alles ...!“ – „Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. – Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – „Geh deinen Weg!“ –
I
Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens.
Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein.
Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden Rheinufern, die Wassermassen unter der Brücke flüchten unterirdisch-rauschend und unruhig dahin, ein schwer beladener Schleppkahn treibt darauf, schweigend, als ob er, eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen uferlosen Traum wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner Doms ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines gewaltigen Gebirgsmassivs.
Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam und zögernd auf die Erde nieder, ein schwerer metallischer Tropfen ...
Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, der Rest eines einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne Schritt, dahintrottete: bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige Gestalten, mit zerfetzten und ausgeblichenen Uniformen schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der eine oder der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten und zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung nach unten, über die Schulter geworfen, und die zu Skeletten abgemagerten Gäule vor der einzigen Feldküche stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit in die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, die Kolonne stockte eine Weile, einige drückten sich links und rechts vorbei am Wegrand, dann ein müder Peitschenknall, die Gäule standen wieder wackelnd aufgerichtet, und das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in Marsch.
Kein Kommando erscholl mehr.
Kein Wort wurde gesprochen ...
Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich mit einem jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen Handbewegung nach dem Gewehrschaft griff, den Kopf sonderbar lächelnd schüttelte und wieder den einen Fuß vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre und als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ...
Vor zwei Tagen noch ...
Einer rechnete nach:
„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“
Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter ...
Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie der Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der Eisenorkane; forte, fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar geheimnisvoll heran; und nun gewitterte auch schon über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte labyrinthische Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe Knall platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und Felsunterständen, Menschenschreie, gurgelnd und wie „Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des Bajonetts ...
Traum? Wirklichkeit?
Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war das Bewußtsein geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter Trieb drängte in allen ihren Gliedern sie mit vorwärts; links, rechts, links, rechts; das Gesicht nach unten auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder zwei Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns, der fest in den Straßendreck hackte.
Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand.
Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als wichen ihnen die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch zeigte sich, alle Türen und Fenster waren fest verschlossen, auch jetzt noch, da sie sich schon seit einem Tag bald auf deutschem Boden befanden.
Es wurde Morgen.
Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig aus den zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte, auch keine Flammenwerfer, die, flüssigen Phosphor spritzend, ganze Ballen von verbranntem Menschenfleisch durch die Luft wickelten; kein leichtes Infanteriegeschütz, kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend ...
Nichts, nichts mehr von alledem ...
Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, Treppen und gut angelegte Pfade durch Weingelände hindurch, Kirchturmspitzen blinkten. Mit ihren Stöcken stocherten die Soldaten in den dahinkollernden Laubhaufen; es war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ...
Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten von neuem den Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen sich und tasteten; man hatte sich schon daran gewöhnt, es fehlte einem was; keine Leichname, keine abgequetschten Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten; auch nichts von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder aufgewühlten Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig war die Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ... Einer pfiff schon vor sich hin, ein anderer summte leise im Takt, allmählich bildeten sich wieder Reihen, fester und immer fester hämmerte der Schritt und, ohne daß sie sich dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste Dorf im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen standen freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und da, als sie eben die letzten Häuser hinter sich hatten, brach voll die Sonne durch.
Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die Wipfel der Bäume schüttelten sich, daß der letzte Laubrest an ihnen auseinanderstieb; riesige Feuerfarren blühten im Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein Mann, ein Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit tränenerstickter Stimme ruft:
„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“
Ein Trompetensignal bläst.
Eine Trommel trommelt.
Hundert Köpfe rucken hoch.
Hundert Herztakte schlagen wieder.
Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack ausgedorrten Kehlen schluchzt der Gesang:
„Deutschland über alles ...!“
II
Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig Jahre alt, befand sich unter den Heimkehrern.
Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ...
Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn des Kriegs das Freiwilligenregiment List gestürmt, mit dem Gesang „Deutschland über alles“ auf den Lippen wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu einem Leichenbrei zusammengestampft.
Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für „Deutschland über alles“ verwundet worden.
Und nun!?
Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er hätte deutlich beobachten können, wie das acht Millionen starke deutsche Feldheer, einer riesigen Schlammflut gleich, in die Heimat zurücktrieb, wie die Massen der Armeen von den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze gegen das Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort schon wieder Zug auf Zug straff, in vollkommener Ordnung, dahinrollte ...
Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte, drei Kilometer vor der Bahnstation an, wo sie nach München verladen werden sollte.
Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil mit einer knolligen Schnapsnase und einer in einer feldgrauen Uniform, alle rote Binden um den Arm, kamen ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die Waffen abzulegen.
„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte Kamerad Friedjung fest.
„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“
Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an.
Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen.
Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die Kolonne wurde ohne weiteres entwaffnet.
Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle in der Heimat.
„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der Kaiser geflohen. Neue Regierung. Die Sozialisten ...“
In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, bedeutet das: äußerlich hat die Entente gesiegt und damit also offenbar innerlich: der Unglaube, die Vaterlandslosigkeit, die Pöbelherrschaft, die Anarchie.
Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere Truppenteile versammelt, alle ohne Offiziere, von denen es hieß, sie hätten sich schleunigst in Zivil aus dem Staub gemacht.
Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen Arm in Arm, alle hatten sich die Kokarden und die Achselstücke abgerissen ... Von Zeit zu Zeit hielt einer, auf den Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede, dann schrieen sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“
Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, waren nicht mehr aufzufinden.
Er stand mitten in dem Tumult allein.
Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen.
Er wiederholte sich noch einmal, was er während des Kriegs alles von der revolutionären Bewegung gelesen und gehört hatte.
Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, diesen hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer die Offiziere bei ihren Sektgelagen im Kasino tituliert hatten, von dem man erzählte, daß er steinreich sei, eine Unmenge Häuser besitze und von der Entente bestochen sei, um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ... „Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten unserer Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks, Kreaturen, die nur im Augenblick der vollkommenen Verwirrung, Ohnmacht und Wehrlosigkeit eines Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der Dummheit, Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des Deutschen, Gehör verschaffen können.“
Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten tauchte in Peters Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn eines der gewaltigsten Großkampftage, den die Westfront je gesehen.
* * * * *
Der Massenfeuerüberfall war beendet.
Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor.
Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war nurmehr das feindliche Gräbensystem, schon hatten die Infanteriewellen ein großes Loch in die feindliche Front hineingefressen, und „nun mit den Engländern ins Meer“ jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die verschiedenen Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich zu, schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ... da setzte unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier zum Gegenstoß an, und – das Sperrfeuer der eigenen Artillerie blieb aus, alle Gewehr-, Handgranaten- und Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe weit und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule um Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher Bajonett-, Messer-, Spaten- und Würgkampf begann, Mann gegen Mann, bis am Abend die deutschen Truppen gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, und die Lücke in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen war.
Noch in derselben Nacht wurde bekannt:
Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. Die Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu Ende. Das Messer zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und mit den blanken Leibern die Front, wenn sie wo einreißen sollte, gestopft ... Auf keinen Artillerieschuß sei für die nächsten Tage zu rechnen ...
Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer hoch; die Finger reichten keinem, die Zahl der ihm lieben Kameraden, die er heute verloren hatte, abzuzählen; wutentbrannt zerstampften manche die Pakete mit Liebesgaben und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern:
„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen! Da werden wir gründlich mit diesem schmierigen sozialistischen Gesindel aufräumen ...“
Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie es Peter wenigstens damals schien, selbst bald Handlanger dieses sozialistischen Gesindels, machten schlapp, knurrten, und die Erschießung von mißliebigen Offizieren von hinten kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges Baumanbinden gegen Insubordination und einzelne Füsilladen nützten nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen Front begann ...
* * * * *
Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen blickte Peter auf seine Umgebung.
„Pack schlägt sich, Pack –“
„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“
Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich bereits in die Mauselöcher verkrochen.
Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen roten Fahnen ...
Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf Peter zu, riß ihm die Kokarde ab: „Aas!“
Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas.
Der andere war schon fort.
Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor:
„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich erbärmlichen Schufte ...“
* * * * *
Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern klapperten. Zu einem Skelett kahl gefressen war rings die Welt ...
„Eine feste Burg ist unser Gott!“
Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden von Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen, und hoch die Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich in raumlosen unbegrenzten Schleifen und Kurven, und sprühte ... War das nicht der Abglanz von Gottes Angesicht, jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, des allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, der den Abgrund, der die Welt hieß, mit einer schimmernden firnisartigen Schicht überzog, mit dem Glanz der Verklärung, der dieses diesseitige Jammertal überhaupt erst für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen Atem gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein Tausend Menschenjahre in sich faßte und in dessen Allmacht es stand, die allerhöchsten Bergmassive, die es auf der Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie ein Sandkorn!? Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, wären nicht mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in der Schale der göttlichen Hand. Und war nicht die ganze Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend des Ewigen Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, darauf der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen Ordnung aller Wesen und Dinge, spielte, er, das Urbild aller Geschaffenheit, große, kühne, erhabene Akkorde, auch schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da, um am Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich aufzulösen ...!
* * * * *
Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und völlig verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, Kaiser und Vaterland fluchten, rollt Peter der Heimat zu.
III
Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter Stimmung.
Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen“ und schwarzweißroter Schleife über der Tür, aber die ausgeweinten Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie schon viele Tage und Nächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne gezweifelt hatte.
„Da ist er ja!“ umarmte ihn der Vater. „Nun also doch! Als ein tapferer deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt. Du hast dich auch rein gehalten, das seh ich dir an. Flecken- und makellos hast du dir das Schild deiner Ehre erhalten. Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich beruhigt sterben legen ... Welch eine Freude!“
„So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!“ begrüßte ihn die Mutter, die indeß weißhaarig geworden war und eine gebückte Haltung hatte.
„Nun ruh’ dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende.“
Dies sagte sie in einer merkwürdig singenden Sprache, in einem Tonfall, den Peter bisher noch nie an ihr wahrgenommen hatte.
Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den Stahlhelm noch immer unterm Arm. Er hatte Tränen in den Augen.
Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so, als ob der Krieg garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende sein könnte, als ob er weitergehe, und nur ein Schlachtfeld mit dem anderen sich vertauscht habe, vielleicht sogar: Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den letzten Ereignissen zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in Deutschland: der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das Mark eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen das Herzinnere ...
Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob man überhaupt nie zu Ende kommen könne damit, als ob dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein harmloses sogar, gewesen sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus für Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf wieder ...
Als ob der Krieg sei wie ein Strom ... Nun, da Frieden ist, fließt unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von irrnisblendendem Gestein, um auf einmal aber, denen nur unerwartet, die das Bewegungsgesetz des Stromverlaufs nicht kennen: stäubend, gurgelnd, strudelnd auf die Erde wieder hervorzubrechen.
„Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!“ schrie es in Peter innerlich auf, als er seiner Mutter in die Augen sah, in die angstverzerrten, kümmernisstumpfen Augen. „Der Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer Betrug, eine Art Betäubungsmittel, Beruhigungspulver ... Der Krieg hat begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken, Lazarette, ja so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt habe: weiterbauen werden die sich durch den ganzen Weltraum hindurch ... Jetzt schläft er; der Krieg hat sich ein wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr es, schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus ... Dann steht er wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, unersättlich, wie er ist, schwingt sich in die Lüfte, fliegt! fliegt! fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal und einen giftigen Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas ... Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür in jeder Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aussatz über der ganzen Hautfläche, als eine Wucherung, die wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn zeugt ... Welch eine Tiefen-Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und Fülle ...
„Wer aber ist der Krieg!?“
„Die Menschen!?“
„Und welcher Art Menschen sind es!?“ –
* * * * *
Nach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte Peter:
„Kommst du mit zum Trio!?“
Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd ja ...
Auf dem Hinweg begann der Vater:
„Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat Dr. Reuchlin nach seinem Sohn fragen kannst. Das ist ein wunder Punkt. Nicht daran rühren! Der alte Mann ist zu bedauern. Man muß sehr taktvoll und zurückhaltend sein. Schrecklich, so ein Schicksal.“
Peter nickte nachdenklich.
„Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der junge Reuchlin, ich verstehe das nicht ...“
„Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung unter Umständen, Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist das nicht zu erklären ... Und welche Sorgfalt in der Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen ... Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen kann ...!“
* * * * *
Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der prächtig ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverheirateten Dekan Lampert stattfand, nahmen teil die Herren Fabrikbesitzer Joachim Hellmer, Oberstudienrat Dr. Reuchlin und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung.
Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant Hugenberg, Emil Freywolf, Redakteur einer größeren liberalen Tageszeitung, Kriegsberichterstatter, und ein gewisser Paul Bratz, der in der Gesellschaft als eine ausgesprochene Abenteurernatur galt, früher Leutnant der Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem Heer wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte in dieser Zeit in allen Sanatorien Deutschlands herum und interessierte sich für Frauenjagd.
Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung und sein Sohn eintraten.
Die meisten Herren kannte Peter schon.
„Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männlicher, ganz zu seinem Vorteil.“
Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte sich der Dekan vor Peter auf.
„Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen Sie mal wieder! Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat gewollt, daß gerade wir dieses Gericht vollziehen sollen, und die Reinheit des sittlichen Gewissens ist auf unserer Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung mit dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist unerforschlich. Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutschlands, vor allem die unteren Schichten, an die Arbeiterbevölkerung der Industriebezirke denke ich da vor allem, noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche Aufgabe erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die Jugend gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die ganze Jugend Deutschlands aus lauter Friedjungs bestünde: dann, dann kann Deutschland nicht untergehen ... Nun, mein Sohn, nimm Platz ...“
Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem Augenaufschlag.
„Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen Leutnant macht uns so leicht niemand nach ...“
Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und klemmte es fest.
Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen Seiten hin für die Gratulationen.
Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm die Hand.
„Wird schon wieder werden ... Nur Kopf hoch! Mut ...“
„Ein Junge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr Landgerichtsdirektor ... ich schlage vor: Bankfach. Das ist heute noch am aussichtsreichsten ...“
Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung.
„Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzubringen ... Ich brauche absolut zuverlässige, gegen jedes Streikgelüste immune Leute, heutzutage mehr denn je ...“
Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant, Herr Bratz, eine Gruppe gebildet.
„Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist nicht nur ein notwendiges Element im Völkerleben, sondern auch ein unentbehrlicher Faktor der Kultur, ja die höchste Kraft und Lebensäußerung wahrer Kulturvölker.“
Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur:
„Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch eine sittliche Forderung und als solche ein unentbehrlicher Faktor der Kultur ...“
„Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivilisation in den Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolonien, das ist eine Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Kolonialarbeit ist aber notwendigerweise Blutarbeit und durchaus durch die Verdrängung des Heidentums durch das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal wieder gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwarzen zu machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt ihren Stammsiedelungen sind dabei leider Gottes nicht zu vermeiden ... Kultur! Kultur! ... Und überdies zum vorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des österreichischen Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein Blutopfer eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt hat, so war es dieses ...“
Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der allgemeinen Diskussion an.
„Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemokraten, mag man gegen sie haben was man will, die müssen jetzt die Sache schmeißen. Wir müssen uns auf eine Politik auf lange Sicht einrichten ... Unsere Zeit kommt! Abwarten ...“
Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten.
„Nein, nun ganz und gar nicht.“ Er sprach von illegalen Organisationen, Attentaten, Verschwörerklubs, Kampftrupps, die sofort aus den aktivsten, zuverlässigsten vaterländischen Elementen gebildet werden müssen, um den Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken ... „Wie Sie sehen: die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager geteilt. Die Sozialisten werden nicht umhin können, im Kampf gegen die Spartakisten sich unserer Hilfe zu bedienen, wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer wie nur möglich bezahlen lassen ... Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen ... So wird man uns nicht abfinden. Nie und nimmermehr ...“
„Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei Eisen im Feuer!“ vermittelte der Dekan. „Auf legale Art und auch die Vorschläge des Herrn Bratz dürfen wir nicht ganz und gar außer acht lassen ... Dem Volk muß die Religion auf jeden Fall erhalten bleiben. Denn nicht auf Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an, sondern auf die Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für das Ganze. Einkehr, innere Wandlung, das ists, was vor allem not tut.“
Nun sprach auch Peters Vater:
„Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten bleibt. Ich meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit Kriegsbeginn nichts gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit des Staates zuwiderliefe. Im Gegenteil, ihre Partei hat sich während des Krieges ihre nationale Vergangenheit geschaffen! ... Und meine Herren, die Staatsform kann uns doch schon wirklich ganz egal sein, auf den Inhalt kommt es an.“
Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort:
„Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie nur möglich, unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemokraten regieren lassen, heimlich ihre Regierung infamieren und sie so in den weitesten Volkskreisen unmöglich machen, und zwar ein für allemal, um dann, wenn so der Staatsapparat relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages, wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff überzugehen ... Meine Herren! Man kann die Erfahrungen des Krieges auch auf den Frieden anwenden ... Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche Preisgabe unserer Entschlüsse könnte uns teuer zu stehen kommen. In diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste taktische Fehler, meine Herren, mit Blut bezahlt ...!“
„Es ist schon so!“ bestätigte auch der Oberstudienrat Dr. Reuchlin, „man muß mit den Wölfen heulen. In unserem Herzen sind und bleiben wir Monarchisten, jawohl. Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer will prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir die treuesten Stützen der Republik sind ... Spotten Sie nicht, schütteln Sie nicht ungläubig die Köpfe ...“
„Oh!“ rief pathetisch Bratz dagegen ... „wenn der Schicksalstag naht, und wäre über uns Ragnarök, die Götterdämmerung verhängt, dann lieber in tobender Schlacht als in schleichendem Siechtum ...“
„Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach Kant,“ philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie wäre demnach die einzige rationelle Staatsform, aber sozusagen nur als ein Postulat der praktischen Vernunft, deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren Erreichung aber stets als Ziel angestrebt wird und in der Gesinnung festgehalten werden muß ... Auch christlich terminologisch ließe sich das ausdrücken ...“
„Meine Herren,“ knurrte jetzt der Oberstleutnant dazwischen, „ich finde, das Gespräch führt uns jetzt zu weit ab ... Besser ist: wenig davon sprechen. Immer daran denken ...“
„Jawohl, auf die Tat kommt es an,“ schloß Bratz ...
* * * * *
Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel.
Der Fabrikant stimmte die Violine.
Oberstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello.
„Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen sehen, was davon hängen geblieben ist.“
Das Trio begann.
Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit ...
Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, der Dekan, Bratz und Peter im Zimmer herum.
Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte vorsichtig sein und alles in Gleichnissen ausdrücken; auch machte ihm die Möglichkeit einer Abtrennung von Kirche und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am kommenden Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute weinten ... Da fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein: „Und hättet der Liebe nicht ...!“ In der Tat vortrefflich. Er zog ein Notizbuch und skizzierte die Disposition. Natürlich Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei verschiedene Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Versöhnend wirken! Und zu was Besserem könnte man auch in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe, innerer Einkehr, Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren sozialen Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des Menschen kommt es an ... Und die Klänge des Trios beschwangen ihn: er notierte fieberhaft, und als die Herren mit einem wunderbaren _piano pianissimo_ geschlossen hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung kam, sprang er freudigst erregt auf:
„Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt! Vortrefflich gelungen ...“
* * * * *
Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Einfälle.
„Das Frontschwein badet im Konzert!“ Oder, „Ohrenschmarrenschmaus“ und „Sonntagspredigtbraten“, „Ragout aus sanftlebigem Oberkonsistorialrat-Fleisch“ usw. Auch betrachtete er geradezu mit einem wollüstigen Ingrimm den Herrn Bratz neben sich, diese beständig nervös grimmassierende Monokel-Fratze ...
Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben.
In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen Zeitgeist“ fix und fertig. Hier waren die Sünden und vielen Fehlerhaftigkeiten des alten vergangenen Regimes scharf und präzis kritisiert, dann aber auch das Gute, Edle und Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll dargestellt, das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und am Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen den Bolschewismus und gegen die alle geistigen und sittlichen Kulturwerke bedrohende Anarchie angebracht. Einige Berichte Reisender aus Rußland, Greuelszenen voll phantastischer Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt eingeflochten und vor allem volltönend und warnend zugleich war die Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums erhob.
Bratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier-Klavilux“, „Sonnenmaschine“ und der „Wirkung des Grammophons auf Neger“ dahin und dachte dann konzentriert an Lucie, ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie man Geld auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vaterländische Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörte, war noch nicht recht in Schwung, die Geldgeber zogen noch nicht, doch was nicht ist, kann immerhin allemal noch werden ...
Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin.
Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen Blasinstrumente nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst ist es, erhaben und großartig. Nur die Künstler, das ist eine andere Sache ... Gegenüber dem undisziplinierten Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl ... Und dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne alte Uniform. Vielleicht werde ich es noch einmal erleben: Sonnenglanz, die Brust voll Orden, die Straßen zur Parade abgesperrt ... schon dröhnt der Stechschritt ...
Da eben schloß das Trio mit pianissimo. –
* * * * *
Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, auf besonderen Wunsch des Oberstleutnants, und der Trio-Abend war beendet.
Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zusammen.
„Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigentums zusammentun, für Ruhe und Ordnung, gegen Bürgerkrieg und Anarchie.“
„Ist schon erwogen bezw. beschlossen.“
„Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom Schlage solcher Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund so voll nehmen, so dürften die uns nicht besonders gefährlich werden. Sie sind eitel bis zum Ueberlaufen, man muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen nicht fertig zu werden, das wäre zum Lachen ... Man muß sie nur ein wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität, wovon sie natürlich keine Spur besitzen, kitzeln, man muß ihnen geschickt durch die Presse einreden, sie hätten eine weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie, von sich selbst fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie sind, gleich alle Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit ihnen anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere Kerle, aus einem Guß, die wenigstens wissen was sie wollen. Mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Russische Glut, amerikanische Gründlichkeit: das sind ihre Hauptqualitäten, das muß ihnen auch ihr ärgster Feind lassen ...“
„Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unterrichtsstunde darauf hin, welche Gefahren dem deutschen Vaterlande drohen. Na, unsere Jungens sind alle Gott Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort wieder zur Verfügung stellen wenn es losgeht ...“
„Sicher auch Ihr Herr Sohn“, zwinkerte der Dekan zu Peter hinüber, der wie versteinert dasaß.
„Aber das ist ja selbstverständlich!“ antwortete für ihn der Vater. „Er ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes gefeit. Im Trommelfeuer zu einer undurchdringlichen Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und Bolschewist: das scheidet sich wie Feuer und Wasser.“
„Das meine ich auch!“ lächelte der Dekan befriedigt.
Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte den Rest aus dem Bierglas und stand auf.
„Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!“
Man stand schon an der Tür.
„Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem Abend, es ist ja immerhin in gewisser Weise das Willkommfest des jungen Herrn Friedjung gewesen. So unverbindlich auseinandergehn, ohne ...“
Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu.
Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel.
„Aber pst! Leise bitte!“ mahnte der Dekan, „sonst habe ich Unannehmlichkeiten.“
Und sie sangen mit gedämpften Stimmen:
„Deutschland über alles.“
Peter sang nicht.
Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den Text nach. Wie ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei beobachtete er scharf die Sänger. Und beim letzten Vers sprach er halblaut mit:
„I–h–r ... e–l–e–n–d–e–n– ... S–c–h–u–r–k–e–n.“ –
* * * * *
Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren.
Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen, stand stramm.
Peter verbeugte sich kaum.
Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er hatte das Monokel wieder eingesteckt.
„Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so teuer wie nur möglich zu verkaufen ...“
Und zu Peter gewandt fragte er:
„Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? In Berlin vielleicht. Ich kann Ihnen für einige Korps Empfehlungen geben ...“
„Ich danke“, erwiderte Peter kalt.
Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff.
„Hören Sie, das ist der preußische Pfiff ... Bald kommt der große, der heilige, der entscheidende Tag ...“ Dazu summte er schmalzig eine Melodie. „Wissen Sie woraus das ist. Nein?! Aber ... Wagner „Tannhäuser“, dritter Akt ...“
„Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudienrat. Wie Söhne zu Fallstricken für ihre Väter werden! Armer alter gebrochener Mann ...“ Sinnierte der Landgerichtsdirektor. –
Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn war wegen Meuterei und Hochverrat im Felde vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und erschossen worden.
IV
Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom Trio nach Hause kamen.
Peter saß nun mit seiner Mutter allein.
„Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht. Ich will dir nun sagen: wenn du wieder von zu Hause fortgehst, dann ist auch meine Zeit gekommen. Du weißt vielleicht, ich lebe mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen bin ich geblieben. Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich nicht mehr nötig ...“
„Doch, doch!“ wollte Peter stammeln, aber er konnte kein Wort hervorbringen.
„Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir Abschied: du bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch gesinnten jungen Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit hindurchschlagen wirst! Auf welche Art und Weise du mit ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch werden wird ... Fast ist’s mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so etwas. Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die Leute reden, Peter, und geh deinen Weg ... Das soll unser Abschied gewesen sein. Leb wohl! Gute Nacht!“
Wieder schwieg Peter.
„Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun ...“
* * * * *
Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf.
Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon als Kind geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch die Eichenkränze, die ersten Preise aus Wettschwimmen und Fußballspielen, und dort obenauf im ersten Schubfach des Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und Hefte.
Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment eingetreten, in der Zeit seiner militärischen Ausbildung kam er nur selten nach Haus. „Und jetzt, jetzt, was soll aus mir werden.“
Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in höherer Staatsstellung, dessen schönster Tag in seinem Leben war, wie er nie müde wurde zu betonen: damals, als Peter auszog mit dem Freiwilligenregiment, Blumensträuße am Helm und einen vorne im Gewehrlauf: das war ein großartiger erschütternder Marsch lauter prächtiger junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im Walde ...“ auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem Trottoir, schritten damals Vater und Mutter, beide schluchzten, Peter schluchzte und lachte freudig auf dazwischen, die ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war ein großes Freudenweinen ...
* * * * *
Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer Peter eines Nachts ein Gespräch zwischen Vater und Mutter.
Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklagevertreter in dem bekannten Prozeß gegen den berüchtigten vielfachen Raubmörder Alois Kneisel. Kneisel wurde zuerst in der chirurgischen Klinik zurechtgeflickt, da er bei seiner Verhaftung von den Gendarmen verwundet worden war, und danach dem Scharfrichter überantwortet.
Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein, denn der Vater hatte dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken. Der Wecker wurde sorgfältig gestellt.
Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacéhandschuhe herausgerichtet worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes Hemd und die Manschetten mit den rubinroten Knöpfen.
Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten aufgeregten Worte der Mutter vernahm.
„Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen nicht mehr zusammenleben“, weinte die Mutter, „du bist ein Mörder, mitschuldig an einem ganz gemeinen barbarischen, infamen Mord ... Ich flehe dich an, laß mich fort von dir ...“
Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom Staat, von der Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität, von der modernen Straftheorie, wonach Strafe erstens: Sühne im religiösen Sinne sei, dann auch ein prophylaktisch wirkendes Abschreckungsmittel und drittens: Befreiung der Gesellschaft von der Gemeingefährlichkeit gewisser menschlich minderwertiger Subjekte.
Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der Mutter nichts.
Immerfort schluchzte die Mutter noch:
„Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit ... Ich kann es nicht so in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl, mein Instinkt sagt es mir ... Ach Gott, o Gott, o Gott, daß du das nicht einsiehst. So verstockt, wer hätte das gedacht ...“
Und die Mutter weinte die ganze Nacht still vor sich hin.
Einmal schrie sie:
„Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten Nacht: groß, ungeheuer und der Hals ist da, warm der Rumpf darunter ... dieser in die Länge gezogene Blick ... Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es wirklich nicht mehr länger mit dir aushalten ...“
Wieder kam ein Weinanfall.
„Du haßt mich also“, fragte der Vater.
„Läßt du mir das Kind!?“
„Auf keinen Fall ...“
„Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur gemeinsten und tierischsten Art Verbrecher, die es auf der Welt gibt, erziehen kannst!?“
Ein schwerer Schlag.
Ein Schrei, der hoch und schrill war ...
Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er sofort:
„Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen.“
Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten hätte, fiel ins Bett zurück und versank tief in einen ohnmachtähnlichen Schlaf.
Wie ein Goldregenschwarm sangen Scharen von Engeln darin, wie Bienen sahen sie aus und die Erde darunter war wie eine klotzige, schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und die Mutter war da, eine überlebensgroße Gestalt, streichelte ihm zärtlich die blutende Kopfwunde, und Peter strengte sich sogar an, ordentlich viel zu bluten, das blutende Blut tat ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen Knospen und Beeren im Himmelsgarten ...
* * * * *
Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon gelaufen.
Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf.
Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß und fragend an. „Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!“ Aber die Kleidung des Vaters, der jetzt ein bequemes Hausjöppchen trug, war tadelfrei, schwarz; wie anlackiert sah er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so wie im Schlachthaus?“ Peter wollte erfahren, ob er das eigenhändig gemacht hat, mit dem Beil oder mit einem scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute Peter groß und fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach Peters Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken.
* * * * *
Nach acht Tagen kam die Mutter zurück.
Des Kindes wegen.
„Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es auch gewesen sein mag, Heinrich, das was zwischen uns beiden ist, ist Nebensache. Mein Entschluß ist: ich bleibe ... Ich kann nicht anders ... Und dabei bleibe ich auch: die Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem dieses Greuel zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten wollen ...“
* * * * *
Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere geworden.
Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß ihr etwas auf die Nerven gegangen sein ... Vielleicht auch eine Gemütskrankheit ... Sie achtete nicht mehr auf die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts, sie entließ das Mädchen, machte jede Arbeit selbst.
Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte, das entspreche doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen Anfall. Die Befürchtung entstand, sie werde über kurz oder lang irrsinnig.
Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß: sparen.
Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen bewegten sich, sie nickte mit dem Kopfe, seufzte ...
Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab seinen Weg allein.
Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Begabung, Beruf, Zukunft, dann kreuzten sich für einen Augenblick die beiden Wege, um sich gleich darauf wieder in entgegengesetzter Richtung zu entfernen. –
V
Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg wie ein dumpfes, dunstig-tropisches Gewitter:
Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse, von Giftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphorfeuerregen, wie unter einer kreidig-weißen Branddusche. In einer der Taucherkleidung ähnlichen Uniform gekleidet, die alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk machte, einen Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend: ein kurzer dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Manometer rings an den Hüften; ein Schläuche-Durcheinander und Drahtgeflechte umspannten den Leib ... Und nun, wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster umschloß ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt, juckende Blasen auf der Haut; schon beginnen jauchige gangränartige Wucherungen in Luftröhre und Kehlkopf; blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken unter Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der eigenen Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie ein mit Wasser vollgesogener Schwamm, um das vielfache ihres ursprünglichen Volumens; Haut und Uniform werden dabei eins, eine gallertartige nässende, mit Geschwüren durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform schält sich ab ... und da stand nackt und bloß der Mensch, ein unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausgenommen wie ein geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib, geschunden nach allen Regeln der modernen Wissenschaft und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom Himmel als ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mit flüssigem Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die geronnenen Augen aus den schon kohlig vermorschten Stirnhöhlen, zwei weißliche Kugeln, wie bei einem Fisch, den man siedet ...
Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch nennt, bewegt sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele, es ist ein ganzes Menschenvolk, ein ganzes Volk roher blutiger Fleischstücke, mit und ohne Arm, mit und ohne Bein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen Köpfen: sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu werden; und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgelieferten beginnen zu leben, lebendig zu werden, gewinnen das Bewußtsein über sich selbst, schließen sich zusammen, Blutendes an Blutendes, und marschieren eines Tages aus Mietskasernen, Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, die weite, die sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und promeniert: ein Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen und Herren: stinkendes, rohes, blutiges Menschenfleisch kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein fauliger Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt ... Die Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht schmutzig werden; die Herren blicken betrübt auf ihre blutbesudelten Lackspitzen und Gamaschen ... Nein, die hitzigste Sonne brennt so heiß nicht wie diese Wundenflecken, so rot wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne ... und aus den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen noch wie an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe, dreiviertel Unterkiefer herumhängen, pfeift, trillert und zirpt ein Gesang: „In der Heimat da gibts ein Wiedersehen ...“
„Bitte zurücktreten!“ schnauzt der Offizier das blutende Stück Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon durchbrechen will, der um den großen Platz, auf dem soeben die Heldengedenkfeier stattfindet, gezogen ist.
„Ich hatt einen Kameraden!“ spielte eben die Militärkapelle.
Blutige Fackeln leuchten.
„Ich bin der unbekannte tote Soldat!“ Spricht das blutende Stück Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu diesem Thema. Auch ich habe einiges dazu zu sagen. Ich möchte sprechen.“
„Treten Sie bitte nicht näher ...“ „So eine Gemütsroheit! So eine Taktlosigkeit!“ zetern schon einige Kleinbürgerseelen drauf los und ballen wutentbrannt die Fäuste. „Was fällt Ihnen denn eigentlich ein! Schämen Sie sich denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am hellichten Tag! Splitternackt! ... Sie erregen öffentliches Aergernis! Das ist ja ein Skandal sondergleichen! Unsere Ruhe wollen wir haben! Leichenpack! Das ist einfach schofel ...“ „Zurück! Sonst muß ich von meiner Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen, rücksichtslos vorzugehen ... Verhalten Sie sich ruhig und stören Sie den Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der Herr Generalfeldmarschall spricht ...“
„Wer ...!?“
„Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben hier nichts zu suchen ...“
Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette stellen sich wagrecht, die berittene Hundertschaft zur besonderen Verwendung galoppiert heran, ein Panzerwagen knattert ...
„Sie haben, scheint’s, an einem Tod nicht genug ... Gebt Euch endlich zufrieden ... Hinunter ins Massengrab oder hinauf wieder ans Kreuz mit Euch! Als aufbauende Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr seid, heute nicht mehr in Betracht ...“
In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die Polizeikette, eine rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der Gesang:
„Einst kommt der Tag, da wir uns rächen, Dann werden wir die Richter sein ...“
„Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer unseres ungeheueren kostbaren Schmerzensguts ...“ sprechen die zusammengehauenen blutenden Fleischstücke ... „in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbegriffen.“ –
* * * * *
Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie „Jonny“ und beinahe in greifbarer Nähe stand vor ihm jener arme Teufel vom amerikanischen Gasregiment, den er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte.
Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich zur Wehr gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Ausdruck in den Augen sah er den Deutschen an und drückte ihm einfach herzlich die Hand, als der die bereit gehaltene Handgranate nicht abzog.
Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen Farmers, arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik und war dann zum Gasregiment eingezogen und gleich darauf nach Edgewood, dem großen amerikanischen Kriegsarsenal abkommandiert worden.
Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die Front.
Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen Dolmetsch mit ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Menschen die Gasschutzmasken und die bei einer Gaserkrankung anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden. Zuerst das Tierexperiment, dann der Mensch ...
„Das ist ja Vivisektion!“ entfuhr es Peter und der Amerikaner nickte.
Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne Ration bei sich, ein Mittel, das im Fall einer Gasvergiftung bei bestimmten Symptomen gebraucht werden sollte. Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes Gift, das dem über alle Maßen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases von Flugzeugen herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung aller bedrohten Städte verteilen zu lassen ...
„Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu leben“, bemerkte der Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter darüber wunderte. „Ist bei uns genau so ... Keine Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der Menschenerde leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst die größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt sich nur durch Maßnahmen schaffen, die praktisch undurchführbar sind ... Wie viele von uns verunglückten täglich beim Ausprobieren der Gasschutzmaske im Gasraum! Aber auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade noch für das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße Mensch ist das billigste Material. Das ganze „Drum und Dran“ verteuert zu sehr die Sache. Aber der Spaß muß sich rentieren ... Und nicht genug damit: ist einer einmal gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern. Doch Schwamm darüber ... Wer es nicht miterlebt hat, glaubt es ja doch nicht ...“
* * * * *
Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner aber sollte nicht lange andauern, ein dicker, untersetzter, schwammbackiger Feldwebelleutnant kam dazwischen, und kaum, daß er des Amerikaners ansichtig geworden war, holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte ein paarmal wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den Worten: „So ein Luder!“ nieder ...
„Du Vieh!“ schrie damals Peter auf und löste die Handgranate von der Koppel.
Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall, der ohne weitere Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein Ende ...
Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonettstich in den Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtransportiert.
VI
Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- und Kokainhölle.
Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte und das ganze Pflegepersonal waren verseucht.
Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken krepierte.
In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt drei Monate – kamen noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu.
* * * * *
Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und war hauptsächlich mit Gaskranken belegt.
Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch unterschieden sich die Kranken nicht wesentlich von einander.
Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung ihres Nervensystems durch den Krieg den paralytischen Anfall ausgelöst. Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr mäßigen Behandlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem Grabe zu. –
Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt.
Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann, wenn, was wenig häufig genug vorkam, die akute Gefahr vorüber war, griff der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren war nur wenig dagegen auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt hatte das Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form, nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche Pigmentierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes Aussehen erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, namentlich in Leber und Milz wurden beobachtet.
Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme Hoffnung auf einen sogenannten „Spättod“, der oft genug überraschenderweise erst nach Jahren eintrat ...
Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der Saal, in dem die „Eiterigen“ untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme.
Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten, mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Gummidrain zwischen den geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal, die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema. Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft“ gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde.
Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem Fußboden herumschmierte ... War wieder einer „an der Reihe“, wurde er auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute Besserung!“ nachriefen ...
Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, wo sich trotz sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten, der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern auch von unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden Eisenplatte briete.
Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten Narkotika.
Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und Schmerzkrämpfen auszukommen.
Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich Tag und Nacht Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden geschmiedet, das Modell eines gegen jede Gasart undurchdringlichen Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall ...
Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine ausreichend große Giftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst machte.
Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem entgegenspritzte.
Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde.
Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode.
Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu verleiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen Granattrichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde ... Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen.
Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen Mittel gebremst.
Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur mit Alkohol und Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin, vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen zur Folge hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh ... und er lag weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar abgründigen Abgrund ...
Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. –
* * * * *
Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung aufgedrängt.
„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen lassen. Einfach: Nirwana ...“
So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die Drogen angepriesen.
„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine Seuche, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden muß,“ dachte damals Peter zuerst. Weiter dachte er noch nicht ...
Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm lau-warme Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper erstreckte, alle Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und verzweigend ...
Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel nicht mehr lassen.
Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich zusammen wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert war er, zitterig, bis in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, und nur immer mit dem einen Gedanken, der zur Zwangsvorstellung wurde: „Die Spritze ...“
Die Schwester kam wieder:
„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich kein Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“
Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner Kindheit, die sich ihm plötzlich als die festeste Ankerkette seines Lebens erwies.
Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, Wiesenflächen, flaumig und flockig; Wälder am Horizont, wie zu fleischigem Oelgrün geronnene Wellen; enzianübersäte, mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche, die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes Bündel von Hirschzähnen und Silbertalern an seiner Riesenuhrkette; Sonnenaufgang war: Gletscherebenen und Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten wieder im Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das war noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten sich mit Händen und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden Fremden ... Und Gewitter zogen auf und platzten mitten am Himmel auseinander über dem Bergdorf: alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag: jeden Augenblick flammte vom Blitz entzündet eine andere Tanne auf, und das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und knallte von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm surrte: da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften sich: ja das Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes hatte noch etwas von der Sprache des Welten-Anfangs, der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war Peter einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall lag noch Schnee und der Schnee begann zu fließen ... Da stellte sich Peter breitbeinig gegen den Wind, wie ein Torwächter gegen den Ball beim Fußballspiel: und der Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag von der Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der Sturm ...
An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich Peter in seiner tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte eisklare Kraft sog er aus ihr und er lachte eines Tages überlegen:
„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“
Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder Heißhunger überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, trotzdem es schon mit Speichel versabbert war, aus den Näpfen weg, es war zwar ein entsetzlicher Fraß, aber er wurde gerade doch noch kräftig und gesund damit. –
* * * * *
Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion folgte wieder auf die andere, draußen stand Sanitätsautomobil an Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen der soeben begonnenen Riesenmassenschlacht.
„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, an dem die Kinder gut gestellter Leute unendlich lang zu zehren haben ... Und die anderen?! ... Was der Mensch in solchen vier Jahren durchmachen muß, das geht schon auf keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten kann ... Und wofür und warum dies alles?!“
Peters Antwort war:
„Deutschland.“
* * * * *
Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter mit seiner Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. –
VII
Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus.
Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts studieren zu lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige Kameraden waren dort, für die erste Zeit war es gut, nicht ganz allein zu sein. –
* * * * *
Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch. Alle Monate einmal fanden sich immer noch einige frühere Schulkameraden in einer Bräustube zusammen. Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der Klasse war gefallen.
Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, der prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte Kriegserlebnisse, schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte voll Entzücken, daß ihm der Mund troff, in der Schilderung, wie er eines Nachts ganz allein von der Flanke aus einen feindlichen Graben aufgerollt habe.
„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“
Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges Kerlchen mit einem großen Kneifer auf der kleinen käsig glänzenden Stupsnase, riß Witze und Zoten, mitten daraus hervor wurde angestoßen, ein vaterländisches Lied gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen gegröhlt:
„Deutschland über alles!“
„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin kommst es den Sausozialisten ordentlich einbrocken wirst ... Hast Du gehört von der widerlichen Hure, der Rosa Luxemburg ... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt uns gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des großen Sozialistentöters Peter Friedjung begießen! Heil! Prost!“
„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck die Hand Peters packte und sie kräftig schüttelte.
„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag kommt! Blutige Rache! ... Der scheißige Volksstaat Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff, wenn Ebert ...“
„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte Kunz wieder ...
Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter Matrosen ins Lokal trat.
Alle hatten angstgeschwollene Köpfe.
Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane schämte.
Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den drei Matrosen empor, die ruhig und sachlich die Ausweise der Anwesenden kontrollierten, ironisch lächelten, als ein dicker Spießer vor Angst zusammenzuckte.
Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich noch eine Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich „Guten Abend“ wünschend.
Das ganze Lokal brodelte auf.
„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die sich alles herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. Die ganze Welt ist ja auf den Kopf gestellt! Bevor die nicht an der Laterne ...“
„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man denen auf den Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, die Massen, wenn sie hungern, zu Plünderungen provozieren, Bomben und Waffen in Versammlungslokale einschmuggeln, einen Führer, wenn er sich allzu aufsässig erweist, unauffällig um die Ecke bringen ... kurzum die Leute aus ihrer Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von uns haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft, eine Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert täglich Uebung, Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so jemand darf keine Gefahr kennen. So einer bekommt bestimmte Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter Kontrolle ... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift einspritzen und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich bezahlt. Seine Wohnung hat man, sein Essen hat man, auch Weiber in Hülle und Fülle: und da fällt auch hie und da so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien, Extraprovisionen in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür sorgt man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ... Was meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht gescheiter statt irgendein windiges Kolleg dieses Fach belegen!?“
„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel ist für dieses Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen Kanaillenpack gegenüber kann man schon frei seine bestialischen Instinkte schießen lassen. Der Zweck heiligt die Mittel.“
„Na, Peter!?“
„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht mehr. Ich kenn diese Sprache nicht ...“
Alle lachten.
„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde geworden, nanu, Du Affenschwanz! Hämorrhoiden im Hirn?! ...“
Man brach auf.
„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ... Müssen doch Peters Wiederkehr feiern ...!?“
An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ...
„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. –
* * * * *
Und Peters Gott zertrümmerte.
Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der Holzknechte gefällt, im Waldgrund niederrauscht, so lag, durch Ereignisse und Erlebnisse zerspalten, eines Tages im Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der Wipfel, der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, der Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens Wurzel schlug und erschütternd inbrünstige Gebete wie Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren die goldenen Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis schlug Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er staunte noch und wunderte sich: „das war doch Gott ...“ Und zu gleicher Zeit drang, von einem Haufen wesenloser Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über alles“ zu ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu blutrünstigen Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn sangen, hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus den Schluchten und Dickicht-Labyrinthen einer kommenden Zeit herauf, begleitet von dem sausenden Takt der Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen:
„Wacht auf ...“
Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs, des „Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch die Nebelpest durchbrach ...
„Deutschland über alles ...“
„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine nicht ...“
* * * * *
Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer Toreinfahrt und Peter hörte gerade noch:
„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher Ereignisse zur Zündmasse ... Großes geht in der Welt vor ... Blick nur nach dem Osten ... Revolutionsjahrzehnte ... Bis alles Alte und Faule und Morsche gestürzt ist ...!“
* * * * *
Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, sagte ihm der Vater zum Abschied:
„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter rein! Nichts ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an dir. Werde ein kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, daß du ein Deutscher bist ...“
Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter an:
„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst: ich wünsche mir keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“
„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und siegesgewiss, „Peter wird schon ganz allein den rechten Weg machen!“ –
2. Kapitel.
Die Erde platzt!
Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche „Königin Luise“. – Die „Majestät des Todes“. – Was tut not!? – „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als ...“
I
Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten.
Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst einzeln, ein jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte ballten sich an: in einer Masse von Tausenden schon schwemmte es die Straße hinunter.
Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. Manche halbnackt, nur mit einem Lumpen um.
Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden niedergetreten. Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen der Stadt.
Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte mehr.
Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner Menschenhand mehr bedient, in einem unregelmäßigen Rhythmus weiter.
Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt.
Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die verlassenen Wagen. –
* * * * *
Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener Donner unter der Erde hinrollte. Ueber der Erde war es wie ein elektrischer Stoß, der in alle Winkel, auch in die kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte. Die Telephone schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu Mund: eine unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv zu Nerv über, jedes Menschenherz krampfte sich zusammen, dann stieß es wieder um so gewaltiger einen Strom von Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen der Menschen kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten Münder auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit offen ... Der Boden schien plötzlich unter den Füßen weggezogen. Man tappte wie im Finstern, trotzdem es noch hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares Fragezeichen stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze Leben, das Menschendasein selbst war in einem Sekundenaugenblick, mit einem jähen Ruck zu einer Frage geworden.
* * * * *
Die Läden waren im Nu geschlossen.
Niemand zeigte sich an den Fenstern.
In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos schleunigst in die Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen Villenvierteln, war der Druck spürbar. Man sprach halblaut: „Was wird wohl daraus wieder werden?!“
Die Fabriksirenen heulten.
Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke der Mütter fest, die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten.
Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend, vermochten diesem Menschensturm keinen Einhalt zu tun. Dazwischen klingelten die Löschfahrzeuge der städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten vorüber.
Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut fliegender Menschenhäupter hinweg.
Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. Andere packten sie wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen Beine bewegen mußten, trug der über die holperigen Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom unwiderstehlich sie mit vorwärts. –
* * * * *
Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag.
Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der Luft lagerte, waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die Sonne dampfte, und spärliche Reste schmutzigen Grases fingen an den Böschungen, die die Schlackenhalden dort von der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu grünen an.
Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver.
Es roch nach verbranntem Fleisch. –
II
Von einem großen freien Platz aus, der mit rußerstickten verkrüppelten Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine gewaltige Stimme herüber:
„So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen vorhanden waren, die weder berieselt noch mit Gesteinsstaub unschädlich gemacht wurden ... Die Koksablagerung nach der Explosion ist der sicherste Beweis ... Auch die Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin Luise“ keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom Betriebsausschuß bei unseren Befahrungen Wetter festgestellt. Aber gerade darum, weil wir sehr oft die Verwaltung belästigten und dem Betriebsführer und Steiger meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der Befahrung gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen Jahres hat man uns vom Betriebsausschuß am ordentlichen Befahren gehindert ... Ihr alle spürt es ja am eigenen Leib – und an der Hand der Förderzahlen können wir es auch leicht nachweisen – bei uns hier herrscht das schlimmste Antreibersystem ... Ja so sieht in Wahrheit der Geist des Unternehmertums aus ... Was dem Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter schließlich auch ein Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine Nöte hat: das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz und gar vergessen zu haben. Wir, wir hausen hier unten in unseren Gruben wie in einer unterirdischen Leichenfabrik ...“
Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner gedrückt. Mit stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein. Tausende Fäuste waren wie zu einem Klumpen aus Stein geballt.
Es war ein großes Schluchzen. –
* * * * *
Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung gegeben worden, keinerlei Nachrichten über den Umfang des Unglücks sowie auch über die Zahl und die Namen der Toten den Draußenstehenden bekanntzugeben.
Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu einer Mauer.
Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte sich wieder elastisch vor der Polizeikette zurück.
Wie Brandung und Ebbe war das.
Wie Atemzüge. –
III
Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche „Königin Luise“, Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt.
Zuerst: ein Riß. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch die Luft ... Das Trommelfell platzt, den Brustkasten quetscht es wie einen Schwamm aus ... als zöge es einem die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf ... Der Explosionsstoß: und die Bergarbeiter klatschten an die Wände. Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütterungen, mit Schädelbrüchen kleben sie da, bereits unkenntlich entstellt ... Zwanzig, oft dreißig Meter weit fliegen sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack fallen sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosionsflamme daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen Seiten zugleich auf dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer dir die Augen aus ... Die wenigen noch Ueberlebenden fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie Feuerschlangen winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst sitzt wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen Vieren flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen. Stürzt über sich selbst im Dunkeln, das ununterbrochen giftigen Kohlenstaub regnet.
Gesteinhagel prasseln.
Ein schlagartiger Wind schlägt.
Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter Riesenknebel ...
Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. –
Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die fliegenden Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitterwirkung.
Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen, Stahlhäute zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konservenblech. Ganze Förderzüge schleudert es spielend vor sich hin und her. Hier wird ein frisch gebohrter Tunnel durch ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen verstopft. Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen herum wie Spinnenweben ... Und einem passiert vielleicht mitten im Todeskampf noch der Witz: „Das ist ja beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese, Herr Breitbart, gehaust ...“
* * * * *
Hier war ein Ausweg ... Aber da ist der Stollen schon längst wieder zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel. Dort prallt man mit anderen zusammen. Aus allen vier Richtungen nun toben sie kaminähnliche Steingänge hinauf, schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder hinab ... Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg ...
Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerklich, wie der heilige Geist, wie auf Taubenfüßen. Schwebt heran. Schmilzt heran ... Ein Schluck: und alle Glieder sind behängt wie mit Blei. Ein inneres, unheimliches Gewicht. Sinken nach unten ...
Es war ein Geräusch wie xs ... xs ... xsss ...
Xs ... xss ... und immer xs ... xsss ...
Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es ...
Es zirpte, wisperte ...
Und immer wieder das: xs ... xsss ...
Gäule: ein Beinpaar gespreizt, das andere steif angezogen: unwirklich, wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug. Der Bauch wie ein Ballon aufgetrieben ...
Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich polternd noch abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im Dunkeln. Ein dumpfer Knall in der Ferne. Irgendwo stoßen sie jetzt auf.
Und nichts mehr. Kein Laut.
Nur immer wieder das xs ... xsss ...
* * * * *
Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn auch die letzten Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte Kaffeeflaschen, Kreidezeichen an den Wänden: „Um 11 Uhr nachts habe ich noch gelebt.“ „Grüßt mir schön die Jule.“
Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird ordentlich durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut der gespenstische Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen Opfern. –
IV
Dick aber kleben jetzt die Gasschwaden noch unten.
Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben immer wieder betäubt nach oben. Eingekleidet wie Taucher. Die Gaskonzentration ist zu stark. Immer wieder versagen die Sauerstoffapparate.
Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschenmauer durch die Gitter des Zechentores hindurch, wie einer auf der Treppe zum Verwaltungsgebäude mit der Schulter zuckt, den Kopf schüttelt ...
Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen tausend Mündern einen einzigen Schrei, Namen, hunderte von Namen schreit sie, jede Frau schreit den Namen ihres Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines Kameraden:
„Lutz, Fritz, Adolf ... wo bist du ... habt ihr den Anton, den Karl gesehen ... ist der Stiebert noch unten ... August, Josef, Zarewski ...“
Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen, als schaufelten sie; krümmen die Finger, als ob sie ihre Männer gewaltsam aus der Grube herauskratzen wollten.
Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch –
Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter des Zechentores hinein. –
* * * * *
Bälge.
Hautfetzen.
Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe.
Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen:
So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen herum.
Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei auf diese Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem gehörte dieses Haarbüschel?! Dieser Arm mit den Tätowierungen!? Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer ist das mit dieser Narbe am Hals da?! ...
Fackeln waren jetzt angebrannt.
Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete man der Reihe nach so einen Menschenbrocken.
Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: neue Weinkrämpfe, neue Herzschmerzen, neue unermeßliche Leiden, neue unselige Gewißheiten, immer neue Tote, Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der Tiefe herauf. –
* * * * *
Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der Unglücksstätte entfernt, in der Hauptstadt.
„Wie kam es zur Entzündung!?“
„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“
„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch wirklich ganz sicher!?“
„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? Und wie steht es mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“
„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, was ist die tiefere Ursache?!“
„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft über 700 Verletzte monatlich ... Muß das so sein!?“
„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht, Herr, um was es sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich handelt ... Das ist Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes unerforschlichem Rat ... Wie der Weltkrieg ein Gericht Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen, so ist ein Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus zu vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien den Ernährer, damit der Kapitalist Frauen und Kinder unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den Kapitalisten, daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“
V
Es war gegen zwölf Uhr nachts.
Die Arbeiterviertel horchten auf.
Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte auch dort in jeder Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen hinein floß die Nachricht als eiskalte Blutwelle. Lähmend.
Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch und zog sich an, als der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner, der eben vom Dienst heimkam, bei ihm anklopfte.
„Du, Max, hast schon gehört!?“
„?“
„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“
„?“
„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich, sicher genau wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall fehlt’s, zu nichts ist Geld da, die Schachtanlagen waren sicherlich mangelhaft ... Ist doch heutzutag die Arbeitskraft eines Proleten billiger, als neue technische Anlagen kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und das, das muß man sich merken, das sind doch noch obendrein die Herrschaften, die höchst ehrenwerten Herrschaften, sage ich, die Millionen, viele Millionen Ruhrkredite verschlungen haben. Unersättlich sind die. Der Krieg, die Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn wir Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“
Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der Faust auf den Tisch.
„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden wir endlich soweit sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur darauf kommt’s noch an ... Wir, wir, wir Proleten, verfluchte Proleten, die wir sind ...“
Max Herse mußte dem zustimmen.
Dann sprachen die Beiden noch lange.
Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!? Daß die einzelnen Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig zusammenarbeiten, ja oft sogar gegeneinander arbeiten. Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht oft hart aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher auch die verschiedenen Interessen, die unterschiedliche Denkart ... die Konflikte. Daß die meisten unter ihnen eben leider immer noch nicht weiter zu sehen vermögen als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos korrumpiert ... Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien usw. ... Wegen der kleinsten Differenzen oft gleich übereinander herfallen, wie Kampfhähne, zum Gaudium der „Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die Gesamtinteressen der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie endlich auch kampfmüde geworden sind und immer noch natürlich viel, viel zu wenig opferbereit ... Wie der Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht Stunden und mehr noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die Kraft hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend aufnahmefähig ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu nichts mehr brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber auch schon gar kein Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im Gegenteil, jeder Tag bringt an Menschenkraft ein Defizit. Man muß sich schon verteufelt ernst ranhalten, um sich auch nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß das alles eben daran liegt, daß –
Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts mehr zu sagen hat –
Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt hat, sich hat entwinden lassen –
Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist –
Führern anvertraut ist, die –
Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß, zusammenschließen muß, wieder kämpfen muß –
Kämpfen um das, was nur recht und billig ist –
Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der Tatsache seines Menschendaseins allein, auch schon von Natur wegen, zusteht –
Was die „Anderen“ aber freiwillig nie und nimmer gewähren werden –
Daß man also kämpfen muß – um die Macht! ...
Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein wie vordem. Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest im Aug. Und alle _die_ rücksichtslos aus den Reihen des kämpfenden Proletariats stoßend, die durch ihre stete Geneigtheit zu Verhandlungen und Konzessionen die Kampfkraft, die revolutionären Energien schwächen. –
* * * * *
So drückte die Katastrophe den Proleten nieder.
So richtete sie ihn aber auch wieder auf.
Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder Klassenbewußtsein ein, das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Solidarität, die Kampfverbundenheit.
Die Klassenehre, die Klassenpflicht.
„Daß wir Arbeiter endlich allesamt werden: _ein_ Wille, _ein_ Herzschlag, _ein_ Blut, _ein_ Leib, _ein_ Geist ...“
* * * * *
Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten voneinander.
„Diese Welt muß unser sein!“ sagte der eine.
Der andere:
„Dann werden wir die Rächer sein ... Der endliche Sieg ist unser!“ –
VI
Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet.
Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt wie eine gierige Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis.
Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt jeden Tag ein anderer Skandal serviert.
Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung in dem öden Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von Skandalaffären.
Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein Kolonialkriegchen, nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel ziehen zwar immer noch ... Auch Waffenlager, Bombenfunde, geplante Dynamitattentate, Tscheka-Abenteuer ... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen Mokka ...
Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft zubereitet werden. Flink wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen Sensation. „Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ „Gewiß, Schatz, auch in der Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen ziemlich erfolgreich behandelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der Tat. Auch Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“ Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud sich. Die Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in Menge zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer Zeit“ mit Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der Natur“ oder „Die Rache der Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen Reich der aufgespeicherten Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so: Professoren, Historiker, technische Sachverständige, Dichter: sie alle waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein schuldigen Industriemagnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich ihre Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation.
Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet.
Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die Spitze. –
* * * * *
Der Reichstag trat zusammen.
Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen.
Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen zu lassen, um gründlich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage nachprüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident.
Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander.
Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln.
„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten schweigen ... Burgfrieden ...!“
Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten außerdem noch gebührend gebrandmarkt.
In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes“ geschäftig hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch: man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten Maß von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen zu sein.
„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten Dank ... Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau Gemahlin ...“
„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr Levi ... Nur im entscheidenden Augenblick zur Stange halten ... Darauf kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen ...“
Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich den Herren Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von Gegendienstleistung ... „Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie sich darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem noch jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz selbstverständlich.“
Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel hinauf, und die „Majestät des Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen Organisationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem Muster von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen zusammenzubetteln. Die „Majestät des Todes“ ging dabei recht geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. –
* * * * *
An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern; der Reichskanzler und die Abordnungen der Behörden, die Herren der Industrie, die Abgesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. Ein Bürgermeister. Noch einer. Und ein Oberbürgermeister.
„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da, wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche Prolet muß das so empfinden ...“
Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. –
„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück umgekommen ist ... Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um uns schon überhaupt nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden ... In einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon tödlich ...“
VII
Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich.
Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt, aber auch schon beobachtend und lauernd. Und schon einen Tag vor dem gemeinsamen Begräbnis der Opfer hatten sie sich wieder gefaßt, um einige Grade härter und kampfentschlossener waren die meisten unter ihnen geworden, und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh am Morgen des Begräbnistages Gruppen von Kumpels, Witwen und Waisen die rußverschlammten Straßen der Bergarbeiterstadt, und sangen die „Internationale“.
Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so.
Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt noch voll Stolz daran. Schade nur, daß nicht ... Aber aus unseren Fehlern muß gelernt werden ... Es geht eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem geschenkt, das ist nun einmal so ...
* * * * *
Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt.
Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab.
Das Rote Banner flog –
Höhen und Täler leuchteten ...
Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten Pontons über die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich immer hinter dem weißen Feind her ...
Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo noch eine Lücke war, in die Rote Front ...
Das ganze Bergwerksrevier marschiert.
Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten Aufstand.
So war es.
So wird es wieder sein ...
Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, erstickt, zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs, gedüngt mit proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer Boden.
Das Land ist hier wie erdiges Geschwür.
Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution.
Die Bergwerke wie erloschene Krater ...
Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem Leib in den Ruinen dieser modernen Katakomben.
Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not noch an in den Schnapsschenken mit giftigem Fusel ...
Aber täuscht euch nicht!
Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben, Wunden, Schmerzen brechen wieder auf, und Millionen Kumpels stürzen sich wieder herauf aus der Erdtiefe, wie lebendige Lavamassen.
Die Erde platzt!
Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen Menschenleichen angefüllten Erddärmen fördert es Haufen an Haufen, wandelnde, leibhaft gewordene Kohlenstrunke ... Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die Menschenkohle über euch kommt, wenn die aus Bitternis über jahrhundertelang geduldig ertragenes Leid glühend gewordene Menschenkohle über euch kommt! ...
Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung sein ganzer Geschlechter lebendig Begrabener ...
Glück auf! –
VIII
Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen werden.
Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen.
So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem stillen Kämmerlein sitzen lassen.
Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die Seinen auf ihn.
Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich die Augen aus –
Nein, der Alte kam nicht.
Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war ...
* * * * *
Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, der Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, der Oberkörper war entblößt, schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen waren fest aufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum überkrustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. Um die Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln.
Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. Ueber fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne: einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half nichts, da mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine mitverdienen.
Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich.
„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade! ...“
* * * * *
Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt, schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines Trauermarsches durch die Frühlingsluft.
Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her.
Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen.
Schwarze Fahnen. Rote Fahnen.
... Kohle und Blut ...
* * * * *
Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock.
Der Alte fiel weit hintenüber.
Nun lag er ausgestreckt.
Oben meinte die Mutter:
„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag ...“
Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche Zahnstummeln.
Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen.
Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in dem unterirdischen System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: es sickerte darin, die Wände flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte man, um diese Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren. Undurchdringlich schwarz.
Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. –
IX
Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeaufstellung.
Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade.
Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten.
Ein Filmoperateur kurbelte.
Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren. Viel Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten not. Viel künstliche Tränen mußten vertropft werden. Denn das Ganze schmeckte wieder mal bedenklich nach Massenmord ... Mit einem breiten Trauerflor waren die Zylinder umflochten ...
Die Regie klappte.
* * * * *
Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung.
Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf.
Wie: Gewehr bei Fuß.
Blutrote Wimpel. Blutrote Banner.
Es war ein blutrotes Meeting.
Flammende Kampfaufrufe schossen empor.
Und stießen sich frei in dem Schwur:
„Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend verrecken auf dem Misthaufen dieser Republik ...“
* * * * *
Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den ganzen Raum erfüllend, ein gespenstischer Lichtkreisel. –
3. Kapitel.
„Friede auf Erden“ –
Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine sozialdemokratische Wahlversammlung. – Die Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden scheint gesichert. Deutschland: die Industriewerkstatt der Welt! – Zeitungsleser im Café. Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom Studenten Peter Friedjung. Max Herse und seine Kollegen auf dem Heimweg. – Klebekolonnen bei der Arbeit. – Schlafende Menschen. – „Friede auf Erden.“
I
Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende Lichtpunkte flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze ...
Ein Lichtband fließt oben vorüber ...
Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die hintere Plattform einer Elektrischen.
Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften.
Der lautete:
„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. Wo wird das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, die Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird die Verteilung der Lasten gesetzlich geregelt, die der Dawesplan uns gebracht hat!? Im Reichstag ...“
„Also doch!“ dachte Max.
„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder rechnen ... Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich gewaltig viel Geld ... Sich zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann wenigstens doch ein stabiler Hundelohn ...“
Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern.
„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen ...“
Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie kamen von einem Truppenübungsplatz.
Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier:
„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. Tadellos. Ein jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“
Gesprächsfetzen schwirrten:
„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen haben! ... Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die Grippe in den Gliedern.“
„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und was die vielen Parteien anbetrifft – eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt vollauf, dann hat jeder was ...“
„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit den Regierungen! Lassen Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder wird sie abgeholt ... Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns fehlt ... So ein Bismarck ...“
„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift ...“
Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine duftige Zigarre rauchte:
„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das deutsche Volk muß eben erst wieder arbeiten lernen! ...“
„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen ... außerdem vier Jahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie unsereins ... Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ... Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und wie das alles heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die Sicherungsanlagen ... aber dazu ist ja eben kein Geld nicht da ...“
* * * * *
Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen an die Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren, stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... Rufe splitterten, Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die Kurven ... Jeder wehrte sich gegen den andern ... Wie das Meer kennt auch die Großstadt Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen ...
* * * * *
Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig.
„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. Er trug die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit patriotischen Ansichtspostkarten.
Er stolperte mit einem Prothesenbein.
Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm.
„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein Leierkasten.
Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers.
Schon zwitscherte es aus den Anlagen. –
II
Arbeiterviertel:
Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor. Gaslicht gespensterte.
Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße. Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in den Hosentaschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den Futtersack vor.
Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten waren sie dürftig ausgeflickt.
Menschenwerk sind diese Häuser.
Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen um.
Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen Leidenskern gestülpt.
Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene, bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen sich selbst. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...?
Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden!
Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von Not, das übermenschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich noch auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind längst unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, Kartoffeln, Brennsuppen, Heringe. Immer ist es derselbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem Skelett ...
Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heißt vielleicht heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen Heringsdorf. Aber die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde Häuserrevier ist immer noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. –
Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch in der Wand. Es müßte vermörtelt werden. Man muß die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin: denn die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt man vergebens Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. Hier wächst der Schmutz von selbst. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf ... Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, Hunger, Skrophulose da ... Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der Generalangriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen, Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ...
Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den Knöcheln in einem fauligen Tümpel ...
Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel – erbarmungslos vollzieht sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ...
Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses Massenelend gespannt. –
III
Ein Kino vorn:
Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, ein Auto, das vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße in den Abgrund saust, eine Großaufnahme von einem blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die „Gefesselte Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten Lichtern –
Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal.
„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich.
Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein.
Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, eine Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende Bergspitzen, ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm weideten braunlackierte Kühe, auch die schöne Sennerin fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem Mieder, die Lippen wie ein Kügelchen so rund.
Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt.
* * * * *
Als Max eintrat, sprach der Redner schon.
Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen informierten Max gleich darüber, aber der Saalschutz funktionierte diesmal gut, und man hatte die Störenfriede gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft befördert.
Auch Max nickte mit dem Kopf:
„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu stören ... Radaubrüder ...“
Und er war stolz auf seinen Saalschutz.
„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben ...“
Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der Saalschutz. Gut ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, Windjacke. Bewaffnet mit stählernen federnden Totschlägern und Gummiknüppeln. –
* * * * *
Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen mit sich ins Klare kommen.
Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, worunter er vor allem die Deutschnationalen verstand, einiges ordentlich auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen Lage zur außenpolitischen über und erörterte sachlich und wirkungsvoll die wichtigsten Probleme. Es gelang ihm dabei, überzeugend darzutun, daß unter den nun einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts anderes übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten anzunehmen, das – im Vergleich zu den Verpflichtungen, die vor dem Deutschland aus dem Versailler Vertrag erwuchsen, – wesentliche Erleichterungen biete, die Räumung des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der Industrie die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite vermittle, der zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe – man denke nur an die passive Handelsbilanz! – und damit auch zugleich dem Proletariat Verdienstmöglichkeiten und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung aber entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, möglichst stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung der Lasten zugunsten der werktätigen Bevölkerung auf die Schultern der besitzenden Klasse abzuwälzen.
„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus, als sich aus einer Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte – „wir leben eben nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht, so gern ich auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt es also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden und sich so häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft einzurichten ... Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit ...“
Dies alles schien sonnenklar.
„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich selbst einig ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen Betrieb als Beweis dafür hernehmen ...“
Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, daß man es sich schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern außer Land zu halten: „wir werden uns schon in dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“
Auch das war Maxens Standpunkt.
„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente einsehen gelernt, daß man auf dem Weltmarkt ohne den deutschen Arbeiter, ohne den begabten, gründlichen, gewissenhaften deutschen Arbeiter nicht auskommt. Deutschland: Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das wahre Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! Stellt euch vor, Arbeiter, wie nun langsam aber sicher von Monat zu Monat euere Lage sich bessert, euer Lebensniveau sich heben wird ... In einem solchen Moment sollen den Mut wir sinken lassen ...! Nach all den Jahren, in denen ein schlimmer Unstern über Deutschland, über euch Proleten im besonderen, waltete!? Nein, dreimal nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute wir wieder ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des deutschen Arbeiters im besonderen wird wieder die Welt genesen ... Schaut frohen Mutes drum in die Zukunft!“
„Ja, ja. So, so ist es.“
Viele nickten mit den Köpfen.
„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder schwarzrotgold!? Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!? Gebt euere Stimmen, Proleten, der Republik, schafft mit an dem Erlösungswerk der werktätigen Massen. Die Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats marschiert, wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt die Reihen dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären Kampfpositionen! Hinein in die Wahlschlacht ... Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, sie lebe –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Der Saal schmetterte.
Die Internationale sang. –
IV
Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster sind weit offen. Menschenstimmen hört man aus den Höfen. Diese Jahreszeit ist ein Heldengedicht. Gewaltig und grau ziehen den Horizont herauf Wolkenquadern um Wolkenquadern: formlos, unbehauen, roh: rebellische Figuren ...
Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im Café. Glatzköpfig, vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich getupften Bäcklein. Tranken Mokka, schlürften Limonaden aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch was ...
Draußen prasselten Hagelschauer nieder.
Ein kurzer Zwischenfall.
Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- ...“
„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt. Mein Herr, ich bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“
Und die Drehtüre schob beide ins Freie.
Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm; die Bewegungen der Caféhausbesucher waren, als sei die Luft eine zähe, kleberige Flüssigkeit.
Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift.
Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in dem Papierwinkel, den sie an einem Holzgriff steif vor sich herhielten, festgesogen.
Gehirne fraßen. Gehirne verdauten.
„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“ „Raubmord.“ „Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren die Rifkabylen mit Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“ „Parade der Stahlhelmer ...“
Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es knistert. Ein geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack mit Ereignissen. Mit einem Blick hüpft da ein Auge über eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil, mit Schicksalen, Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft ...
Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt wie Tatzen.
„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß sie ausnahmlos up to date und im besten englischen Stil waren; nicht ein Millimeter der weißen Weste war unterhalb des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten der Damen im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man seiner großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa Benedict aber hatte ihren prachtvollen Rubens in dunkellila Chadourne gehüllt, benäht mit marokkanischen Pailetten aus vielfarbiger Mica ... Ein zart aquarelliertes Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou, besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ... Es war einem ganz indianisch zumute ...“
„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der zwischen den Tischen herumstrich. Von dem Geschäftsführer und einem Kellner arretiert, verläßt er wieder das Lokal.
Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch die Zeitungsleser.
Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt. Kolonialvölker rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen, Hungersnöte. Lächelnd thront dabei das Büfettfräulein über dieser Flut rauchverwolkter Häupter, aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre abessinische Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern, Bohrtürme durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen Epauletten die Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle vor dem amerikanischen Präsidenten paradieren ...
Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl.
Ein fleischerner Riesenpudding ...
Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes über den großen Ozean gemeldet. Was davon wohl auf Wahrheit beruht!?
„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der Chemical Society am 27. März 1919: Die englische Methode zur Herstellung giftiger Gase sei dreißigmal so wirksam, wie die von Deutschland, während die Kosten in Deutschland dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen können wie die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der Redaktion: Was man besonders dem bekannten Führer der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann verdanke, dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf ententistischer Seite.“
Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser sehr verehrter Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es wieder in gewohntem Tempo. Die Sprünge, die schließlich diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht, zwingen auch den unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ... Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder von jenseits des Ozeans, aus dem Wunderland!
„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei Tropfen auf der menschlichen Haut genügen, um den Tod herbeizuführen, ist die neueste Erfindung des chemischen Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man führt Fachleute an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße, sie alles, was sich im Wege dieser Maschine befindet, töten würde. Ein Flugzeug, fügt man hinzu, könne zwei Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben Meilen lange und hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die Flüssigkeit kann leicht hergestellt werden und eine Ausbeute von einigen tausend Tonnen täglich könnte angeblich schnell erreicht werden ...“
Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt einem da nicht die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich der Spießer oftmals selbst vor und richtet energisch und stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles ist möglich ... Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu ...“
So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische Feuer im vierten Jahrhundert vor Christi, aus Harz, Petroleum, Schwefel und ungelöschtem Kalk bestehend, und das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den Sarazenen gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht wurde ...? Und dann erst das Mittelalter! Eine reiche Ausbeute für unsere geschichtliche Exkursion! Lesen wir da nicht in dem berühmten „Kompendium der Sekrete“ des Arztes und Naturforschers Leonhard Floravanti von Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin, Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das dermaßen stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die es geworfen wird, mittels Schleudermaschinen, versteht sich, es darin aushalten kann ...
Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war.
„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem kleinen Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, das kann ja noch recht gemütlich werden ... Heiter, immer heiterer, in der Tat! Aber man muß schon mit den Wölfen heulen ...“
Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit dem Studenten anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß.
Der wehrte aber energisch ab.
„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch an den Abrüstungsschwindel!? ...“
„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so ernst gemeint ...“
Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren.
Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im Gang aufeinander.
„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie lange schon ...? Und immer wohlauf ... Und das Geschäft ...“ Und schon zogen sie sich gegenseitig an einem Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die ganze Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert.
Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei rötliche Stichflammen.
Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf und ab, wie in einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann flitzte geschäftig.
Der Nachtbetrieb begann. –
V
Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden arbeitete er täglich bei einem Patentanwalt in der Alten Jakobstraße am Setzkasten. Die Patentanmeldungen wurden hier auf einer kleinen Handdruckmaschine abgezogen. Ein seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen liefen täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf fahrbare Rucksäcke, auf Hosenträger, die mit einer Hand bedient werden konnten, Klosetts, mit selbsttätigem Wischapparat, zwanzig Modelle des Perpetuum mobile täglich, Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders selbstverständlich, Patente auf in der Dunkelheit leuchtende Füllfederhalter usw. usw. Gegen Einsendung eines nicht unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche exakt der Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ... Damit war aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte von kleinen Erfindern erledigt ... Eine Ausnutzung des Patentes kam natürlich nicht in Frage ...
Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. Deutschnational bis auf die Knochen. Er glaubte an Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er selbst hatte ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands Herrlichkeit. Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen sein ... Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran konnte er nicht glauben. Das hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz zusammen. Daß Krieg: das Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet; daß das Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges sozusagen: der Beutel, die Interessen der Kapitalisten sind; daß in Wirklichkeit aber alles kämpft für die Interessen eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, für ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument der Schiedsgerichte nur dazu dient, den Ausbruch _ungewollter_ Kriege zu verhindern ... Das alles mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich stimmen, für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? War nicht für Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie eine Naturgewalt, Aufbruch der Jugend, Blutrausch!? ... Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter, habe ihn geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg mitgemacht. Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit „Deutschland, Deutschland über alles“ hatte er gestürmt, dieses Lied auf den Lippen waren bis auf ihn alle seine Kameraden gefallen ... Und das soll nicht das Wunderbarste, das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die Fahne, die Fahne unseres Blutes, die Fahne der Ehre der gesamten Nation gewesen sein ...? Die Fahne, die damals bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands gesamte idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht der rote Sturmgeier zerfetzt ...
Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen Sturmabteilung, plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer Sache. Und daß die nationalen Phraseure sich im Grunde ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten, Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte, ausgebrühte Burschen, die das Blut und das Lebensmark des Volkes aussaugen; die nationale Phrase aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem sozialdemokratischen Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber; und daß sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, Hochverräter, Landesverräter sind und die ... ja, die Kommunisten, die revolutionären Proletarier, die eigentliche Lebens- und Schaffenskraft des deutschen Volkes: keineswegs! keineswegs! –
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Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen Bewegung.
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Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige chaotische Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen. Peters Gehirn wurde mit hineingerissen in einen ungeheuren Weltwirbel.
„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der Grundton unserer Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über die Bewegung äußerte sich immer mehr in persönlichen Verunglimpfungen, Anschuldigungen, Verleumdungen übelster Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien verschont: auch Schlageter begann man bereits nach Strich und Faden herunterzureißen, viele wollten wissen, daß ... Ein abstraktes, von patriotischen Phrasen triefendes Gefasel: genüge es, wem es wolle ... Keiner wollte das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, daß von einer Mission der völkischen Bewegung bereits nicht mehr gesprochen werden konnte ... Und blieben gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren Quelle immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war es schon gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: Abzeichen, Hakenkreuze, Totenkopffahnen, Armbinden, Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man sich darüber hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. Ja, gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier redete man, aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, aus hohlem Bauch ... Ein jeder mißtraute dem andern. Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen waren an der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art, Effeminierte, pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer, Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, Masochisten, kurzum, ein Klub von Deklassierten tat sich in prächtigen Salons auf, die Politik war nur meist für geschäftliche und erotische Beziehungen die Maske, und dieser hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. Lumpenproletarier waren es, die man zuerst durch Versprechungen auf Unterstützung und Anstellung in die Stahlhelmverbände lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt zu gehorchen wie dem Hund die Schafherden. Die hatten während der Novembertage geradezu Angst vor ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert nur auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis schwarzweißroter Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon hatte man sie wieder bei der Stange. Sie waren von den hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der sich irgendwie mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die Fuchtel zu nehmen, und das besorgten auch ausreichend die jeden Tag sich noch „nationaler“ gebärdenden kleinen Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der Kunst. Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte künstlich die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, auch gab die Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: bei all diesen Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber über 60 Prozent die betreffenden Organisationen. Richtige Parasitennester entstanden, die ungeheuerlichsten und schamlosesten Forderungen wurden für die geringsten Dienstleistungen gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden Tag neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann gab es eine Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. Man sprach überhaupt nur noch in Zitaten ... Dann kam _eine_ Zeit, da tauchten Gestalten auf, die nicht nur für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ... Mit den widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten sich dazwischen breit, zeterten „Heil“ und schrieen Mordio und Feurio, kolportierten bis zum Brechreiz die beinahe nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom rassenreinen Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult und verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen Traum-Walhall, indessen fütterten sie sich beträchtlich und rafften mit gierigen Händen, alles was ihnen unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine Zeit, Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht froh seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten Morde, die eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden bedeutend ruhiger, und man begeisterte sich plötzlich wieder für eine vernünftige deutschnationale Realpolitik ... Nur konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu auf die Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes kriselte es schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig vorbereitet und umso schlechter organisiert, wurde plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das wäre also in Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen Zeitabschnitt als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein Instrument der Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man noch nicht an die Möglichkeit einer legalen Restauration glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs Lumpenbourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, Angestellte, Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, Kleinbürger. Mag sein, daß sich auch mancher persönlich lautere Charakter und idealistisch Gesinnte dorthin verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel abgewandt ... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: die ganze Bewegung erstickte vollends im Schlamm der Korruption, verschmorte in ihrem eigenen Fett. Nur hie und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte noch wo herum als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, andere zogen sich schmollend aus dem politischen Leben zurück ... Drei Monate in solch einer Bewegung verbracht: da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das Fazit ziehen und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren und Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen sich selbst künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind eben unempfindlich gegen jede Art von kalter Dusche. Daß Deutschlands Aufstieg allerdings gleichbedeutend ist mit der restlosen Ausrottung dieser Banditen und ihrer Geldgeber, daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands ist: das wurde mir im Verlauf jener drei Monate, die ich in dieser Gesellschaft verlebt hatte, eindringlich klar. Die Antisemiten pumpten wacker beim Juden und ein Jude wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das antisemitische Exerzierreglement!“
VI
Weiter jagten sich Peters Gedanken.
„Da gleiten hin die Industriemagnaten durch die Stadt auf ihren schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb der Stadt, den schmutzig gelben Strom entlang, ragen die Fabrikschlote. Fronten von Mietskasernen, scharf ausgerichtet, starren leblos, unbewegt. Fünfzig Stock hoch türmen sich in den Stadtzentren die Bankhäuser ...
„Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt, rasen 50000 Menschen vor Begeisterung. Der Riesenraum der Arena ist ein vieltausendfaseriges zuckendes Nervenbündel.
„Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab. Der rote Reitergeneral Budjonny spricht. Seine Worte sind Trompetensignale, sind Hammerschläge ...
„Und die Straßen Jokohamas sind voll von demonstrierenden Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft Sturm gegen das amerikanische Einwanderungsgesetz. Im Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht: ein Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vornehmen Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen, Knochenteile von dem verkohlten Gerippe ... Sie sollen wohl Gesundheit und Glück bringen ...
„Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Soziologe seinen Vortrag über nationalökonomische Probleme mit den Worten beschließt: „Zurück zu Gott!“
„O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie versammelt, Herr Gröpler: so heißt er, der der ordnungsgemäßen Handhabung des Richtbeils nur Allzukundige, im Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden Dampfwäscherei; da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das Jubiläum seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines trauten Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther) und mit Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode Verurteilten aber hat man über Weihnachten drei Tage Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der Strafvollziehungsanstalt, dessen eifrige Mitglieder die fünf Armensünder bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenigstens intakt bleibt.
„Halleluja!
„Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende trollen wieder arbeitslos herum auf der Straße, schwarz, hungernd, knieschlotternd, frierend: so staut es sich vor dem Arbeitsnachweis ...
„Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man inzwischen herum an einem neuen Giftgas. In den illustrierten Zeitschriften findet man, neckisch von Blümchengirlanden umrahmt, die Photographie des genialen Konstrukteurs der neuesten Flugzeugbombe.
„Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von der Kanzel herab: „Friede auf Erden.“
„Friede auf Erden!“ „Amen! Amen“ schallt vielstimmig zurück der Chor der Gläubigen. Die Kathedrale ist wie ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz, geflüsterte Gebete mischen sich ineinander ...
„Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier europäischer Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt, stößt in die von den flüchtigen Eingeborenen angezündeten Urwälder vor. Riesige Giftmücken flattern um die von der Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der Himmel glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert ...
„Tausende sterben jetzt.
„Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch.
„Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Weltsekunde.
„Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten ...
„Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit wirklich köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay beträgt die Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche Höllen sind überall in der Welt die Proletarierviertel. Eine grausige Blutsprache sprechen die Statistiken ...
„Aufgeteilt ist die Welt ...
„Nach blutigen Gemetzeln ... Vor noch schlimmeren Morden ...
„Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins in einer Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin wie lebendige Feuerlinien aufrührerische Sätze ... „Hetzer“ ist ihnen ein Ehrenname ...
„In welchem Zeitabschnitt leben wir!? ... Das Tempo der Geschichte hämmert mit gewaltigen Schlägen ...
„Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit ... Doch wer sind ihre eigentlichen Träger ...? Namenloses Heldentum. Blutzeugentum. Kämpfertum. Märtyrertum ... Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden noch für Jahrtausende ...
„Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleichgültiger Name, fand nicht mehr heraus aus diesem Labyrinth, was er auch tun mochte, wie sehr er sich auch anstrengte. Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem, wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus mit „Kollege“ und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Als er abdrückte, schrie er überselig: „Es ist vollbracht!“ Warum auch nicht. Ein anderer, Freund meines Vaters, Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus gleichgültiger Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf seine alten Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages platzen ... Andere gehn vorüber. Gehn sie vorüber!? Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird eines Tages die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden eines Tages Farbe bekennen müssen ...
„Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heimkehren, scheinen mir muskelbepackt, straff, trotz der Ueberarbeit. Ihre Beine federn elastisch, wenn sie ausschreiten: die zeigen, daß sie noch marschieren können, trotz alledem. Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz alledem. Und in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es drauf ankommt. Werdet ihr es schmeißen!? ...
„Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in diesem Augenblick die Gefangenen, die in den zwingkäfigähnlichen Zellen der staatlichen Zuchthausanstalten hocken. In allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie Weiße. Alt und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos. Noch-Gesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich in die Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein Tobsuchtsanfall. Schreie, wie ein blutiger Erguß. Sind es versteinerte Menschenreste!?
„Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Umarmung, Empfängnis, Vergewaltigung, Streik, Niedertracht, Straßendemonstrationen, Ausbeutung, Prassereien: das alles geschieht jetzt in der Welt, zur selben Stunde, zur gleichen Zeit ... Aber die ganze Welt ist aufgeteilt in zwei große Heerlager ...“
VII
Automatisch schwang die Drehtüre des Caféhauses wieder um ihre eigene Achse.
„Ach da bin ich ja noch ...“
Die Mäntel am Garderobenständer kletterten übereinander.
Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter ihren Zeitungen.
Ein Telephon klingelte.
Peter ging.
„Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatürlichste, das Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller-Einfachste? Mit Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammenraffung unseres ganzen Menschendaseins!? Das, das müßte man doch versuchen ... Oder ob das Einfachste nicht doch nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht gar das Allerschwerste!? ...“
* * * * *
Die Theater waren jetzt aus.
Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein.
Ein Autohupen-Konzert.
Kokottenrudel trieben straßauf, straßab.
Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu.
Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem Platzwinkel: „Jesus, süßer Bräutigam ...“
Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben. Und das drückte auch auf die Tränendrüse manch einer vornehmen Herrschaft, die gnädiglich aus krokodilsledernen Handtaschen heraus ein Almosen für die Armenspeisung spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen.
„Menschendreck ...“
* * * * *
Der Himmel war wie ein Eismeer.
Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen sich türmend, absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf gezeichnet hoben sich weit hinten am Horizont in der blauen Flut die unermeßlich lang gestreckten Eiswände ab. Und der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein ziellos treibendes Leucht-Wrack.
„Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei erscheint wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst erzeugt und ihr angehörig ...“
Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu heben schien und steil und immer steiler ward, wie im Sturmschritt.
VIII
Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann.
„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, als der Versammlungsleiter bekanntgab:
„Herr Schnetter hat das Wort.“
Einige Zwischenrufe knallten.
Der Referent schmunzelte.
„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher Parteien unsere Bundesgenossen sind – wozu dann der Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt, sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, bis es kein Tiefer mehr gibt ... Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die Sozialdemokratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“
Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen.
„Reden Sie nicht in Zitate
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